Wie lange ritten sie nun schon? Zwei, drei Stunden. Dem Gaul stand Schaum vor'm Maul, aber es war ihm egal. Sollte es zusammenbrechen trüge er Phillipe und wenn auch seine Kräfte schwänden, eh bien, stürbe er eben hier, im Nirgendwo zusammen mit ihm. Im Auwald hinter Vaucluse sollte eine Engelsmacherin leben, verstünde sich auf schwarze Kunst und könne die Pocken anhexen. Er wusste darum, weil er als Friedensrichter zweimal den Pöbel fortpeitschen ließ weil eine Kuh starb oder als Coraline, die Tochter des Küfers bei der Niederkunft starb. Gabriele hatte ihm damals gesteckt, das Mama auch das eine oder andere Mal bei ihr war, meist kam sie wohl nur deshalb aus Paris zurück.
...Es regnet im Garten und wie das scheppern seiner Trommel, prasseln die Tropfen auf das Bleiglas. Gabriele, seine Nounou, kam ins Zimmer und ging neben ihm in die Hocke. "Antoine, mon lapin, die Frau Mama ist angereist. Magst du nicht zu ihr gehen und ihr deine Aufwartung machen?" Kritische Augen und ein fortwährendes Zupfen an seinem Rock waren alle Erinnerungen an Mama. Einmal nahm sie ihn auf den Schoss und zeigte auf ihr Spiegelbild, welches, dessen war er gewiss, das immer gleiche weiße Lächeln zeigte, nur der braune Schönheitsfleck schien täglich zu wandern; einem unbekannten Ziel entgegen. "Nein, Gabriele! Ich mag nicht." "Und ich mag nicht den Rock für seine Gnaden heben, aber wir haben wohl beide keine Wahl! Na komm."...
Schon bei schönem Wetter und tags waren die Auwälder nicht leicht zu durchqueren. Jean, der Vogt, hatte zwar Bohlen ausbringen lassen, aber die waren nun eher eine glitschige Fußangel als eine Hilfe. Vater war oft im Wald reiten, er aber machte sich nichts aus der Jagd, was er nun bereute. Angelehnt an einen Findling stand, besser hing den Gesetzen Gottes spottend, eine Kate. Dünner Rauch stieg aus einem Loch im fauligen Reisig und der Geruch von Blut und Schweiß hingen wie träger Dunst in der Luft. Hügelwärts war ein umzäuntes Stück Dreck, der als Kräutergarten diente und eine Ziege starrte unbeirrt kauend die beiden Männer an.
Mit fester Faust schlug Antoine an die erstaunlich stabile Tür. "Ouvre la porte!" Es dauerte nicht lang, und mit schartigem Knarren gab ein Riegel nach. "Monseigneur, tretet nur ein!" Die Stimme wollte so gar nicht zu dem kleinen faltigen Gesicht passen. Es schien als würden dutzende Warzen um den besten Platz auf der schiefen Nase wetteifern und ein Auge war milchig und schien unablässig zu zucken, wie eine weiße Fliege, die sich aus einen Netz zu befreien sucht. Legt ihn dort drüben nieder. Sie deutete auf eine Pritsche, dessen Stroh durch das beständige Rutschen eines knochigen Körpers zu einer breiigen Massen verkommen war. "Könnt ihr was tun?" "Nun lasst sehen," ihre knotigen Finger glitten mit unerwarteter Gewandheit unter das blutige Hemd, "ist er Euer.." Was sollte er schon sagen? Im Übrigen war er sicher, dass diese abscheuliche Vettel in ihrem Dasein Dinge gesehen hatte, die ein Christenmensch wohl nur bei schwerem Alpdruck im Traum erblickt. "Ja! Könnt ihr?"
Vorsichtig schnitt die Alte mit einem Messer das Hemd fort und fingerte in einem schwarzrandigen Loch in Phillips Brust. Der heiligen Anna sei Dank, war er ohnmächtig, aber Antoine kam nicht umhin ein Tuch vor den Mund zu nehmen, so als würde dieses Stück Seide alles Übel der Welt fernhalten können. "Er geht schon hinüber!" raunte sie, "Ich kann nichts mehr für ihn tun." Hätte sie ihm ein glühendes Eisen in sein Herz gestoßen, der Schock und der Schmerz wären nicht größer gewesen. Jetzt; zum erstem Mal seid wieviel Jahren?; rann eine Träne über den weißen Puder seiner Wange. In seinem Kopf toste das Blut, es schien ihm als könne sein Herzschlag das Tal zum Beben bringen."Ich verstehe!" war alles was er gebrochen von sich gab.
Die Alte, derweil sie zu einem Hocker, welcher zusammen mit einem Topf und der Pritsche die gesamte Einrichtung beschrieb, humpelte, ließ sich schwer atmend fallen und raunte: "Nun, wie gesagt, Ich kann nichts für ihn tun, aber ihr könntet wohl. Aber was red ich alte Irre, der feine Herr wird sicher nicht sein eigenes Wohl für das eines Bauernjungen geben..." "Sprich! Eil dich und achte auf deinen Ton, Weib!"
"Verzeiht, nun ihr könntet einen Teil eurer Lebenskraft, eurer Seele auf ihn übertragen..ich weiß um einen Zauber, der solches vermag!" "Ihr sprecht von schwarzer Magie, Hexe!"
In Antoine machte sich ein Gefühl der Anspannung und der Übelkeit breit. Er war nicht blöd, alles würde einen Preis kosten. Hölle nochmal, nicht ein Tag wo nicht ein Pfaff drohend die Finger hob und vor dem Teufel warnte, der wollt man's glauben, hinter jedem Busche zu hocken schien und zwischen jedem Weiberbusen auf Lauer lag.
"Wie soll der Zauber vonstatt gehen?" Wie eines irres Flackern breitete sich der Funken der Hoffnung in Antoines Geist aus. "Ich werde einen Trank brauen, den sollt ihr beide trinken und dann soll er Leben!" "Und was wird es mich kosten?" "Oh, ich nehm kein Geld von Euch...ich wünsche ein Versprechen! Und überlegt schnell, der Sand rinnt aus, Monseigneur."