Langsam schlenderte er durch das Anwesen. Er mochte die Galerie im ersten Stock, man konnte durch die Streben der Balustrade das Gesinde unten sehen. Seine kleinen Hände glitten über das Gitter, das einerseits Schutz vor dem Fall bot und anderseits wie ein Gefängnis seine Welt von der dort unten trennte. Er sah die Kinder der Köchin und des Stallburschen zusammen Dragoner spielen. Einfache Stecken dienten ihnen als vorzügliche Pferde und mit Elan und Fantasie war schnell ein lohnendes Ziel, das zur Eroberung einlud, ausgemacht. Die Vorratskammer wurde zu einem Bollwerk aus Zinnen und sicher barg sie kostbare Schätze, welche es unter den mutigen Eroberern aufzuteilen galt. Antoine hätte all seine feinen Kleider und Spielfiguren gegeben, bereitwillig die niederste Aufgabe in diesem Tross mutiger Recken erfüllt, wenn er nur einer ihresgleichen hätte sein dürfen. Doch diese Welt blieb ihm verschlossen, gleichsam in den fernen Amerikas hätte der Kampf toben können, die Unerreichbarkeit bliebe dieselbe. Selbst wenn das Gängelband, das ihm begrenzte Bewegungsfreiheit erlaubte bis zur Treppe gereicht hätte, so wäre er sicher sofort von aufgeregten Bediensteten wieder in seinen hohen Käfig geschickt worden. Seinem Käfig aus Glas und Reflektionen. Über die gesamte Länge der Galerie erstreckten sich Spiegel, wie um ihn jede Sekunde an sein trostloses Schicksal zu erinnern. Überhaupt fand sich kaum ein Raum, der nicht begierig war den jungen Mann im Kinderrock und mit langer Schnur die aus seinem Rücken trat zu persiflieren, die Ungeschicklichkeit der Bewegungen, das Zaudern und unbeholfene Stolpern durch die jungen Lebensjahre seiner Existenz ins vielfache zu reflektieren.
Ein Rucken der Schnur forderte ihn unmissverständlich auf in den Ankleidesalon seiner Mutter zurück zu kehren. Sie saß vor dem Großen Schminktisch, der nach allem was Antoine wusste, Angelpunkt und zentraler Gipfel ihrer scheinbar ins Maßlose übersteigerten Vanitas darstellte. Gleich einem Schrein, nur einer einzigen Göttin zur Verehrung errichtet, diente er ihren religiösen Kulthandlungen nach dem Erwachen und vor dem zu Bett gehen. Normalerweise waren mindestens zwei ihrer Akolythinnen damit beschäftigt den Putz und Zierrat des Tempels, den ihr Körper darstellte, zu erhalten, aber im Moment war niemand weiter zugegen. Ihre freie Hand, zweifelsohne nur kurzzeitig vom Gottesdienst entbunden, deutete auf das Spinett im Alkoven. „Spiel für uns!“
Er klappte die Lade nach oben und strich mit seinen Fingern über das Elfenbein. Musik war eine der wenigen Freuden, die seine Existenz bereithielt. Sorgsam zupfte er die lästigen Rüschen seines Ärmels nach oben und dann glitten seine Finger über die Tasten. Sein Po hing mehr auf der Kante des Schemels, da er sonst nicht an die oberen Lagen gelangt wäre, und seine Beine baumelten in der Luft. Für Antoine war musizieren wie Magie. Die Abfolge der Töne und das -nicht immer- stimmige weiche Wellenmuster der Melodien trugen ihn fort. Schloss er die Augen, so trugen ihn die Harmonien an fremde Orte, befreiten ihn von der Last des Lebens in dieser Voliere aus Spiegeln und Etikette.
Ein Schrei ließ ihn zusammenzucken und das Spiel jäh unterbrechen. Er rutschte vom Stuhl und drehte sich um. Ein Fremder in schmutzigem Mantel, eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen war unbemerkt ins Zimmer getreten. Der Kleidung und den schwieligen Händen nach zu urteilen war diese Person sicher keine von Mutters Boten, die täglich ein- und ausgingen und irgendwelche Depeschen brachten oder forttrugen. Seit Vater im Krieg war führte ein Verwalter das Gut, aber die Vicomtesse ließ sich nur ungern beiseite Drängen. In der Hand hielt er eine Schlinge, wohl aus einem weichen Garn geflochten und eben legte er sie Antoines Mutter um den Hals.
„Das ich Mutter und Sohn zusammen erwische macht mir die Aufgabe leichter.“ Sprach er in gebrochenem Französisch, in dem ein Hauch orientaler Exotik mitschwang. „Ihr habt ja geradezu gebettelt gefunden zu werden, so laut wie die Echos der Magie des Jungen durch den Äther halten. Gib gut acht Junge, dann lehrt dich der feine Herr noch etwas Nützliches bevor du ihr folgst, freilich fürchte ich, wird sich die Lektion auf eine kurze Demonstration mit abschließendem finalen Selbsttest beschränken.“ Wie er das so gewandt sprach zogen seine Hände sie Schlinge fester. Seine Mutter ruckte nach hinten, ihre Hände kratzen an ihrem Hals, begierig Griff zu fassen an der Schnur, die nun schon unter einer sich bildenden weißen Wulst ihres Halses verschwand. Ihre Augen traten aufs unnatürlichste aufgerissen hervor, so als wollten sie dem Kopf entfliehen und im Spiegel vor ihr tanzte ein Crescendo sich wechselnder Bilder.
Antoine stand wie ein stilles Opferlamm neben dem Spieltisch. Er begriff trotz seines Alters die Situation, wohl aber nicht die Hintergründe und Ursachen. Angst zog wie ein feuchtes Tuch über seinen Körper, nässte Haut und Kleidung mit kaltem Schweiß und schon ritt im lockeren Kanter die Panik herbei, trocknete seinen Gaumen, um alsdann den Weg in die Eingeweide fortzusetzen. Da war aber noch ein anderer, ein unerwarteter Gesell, der in Antoines trüben, von Gehorsam geprägten Leben nur selten seine Aufwartung machte. Beflügelt von der Angst um sein Leben und das seiner Mutter preschte die Entschlossenheit mit einer gehörigen Portion Zorn im Tornister aufs Schlachtfeld seiner Emotionen und ergriff das Kommando.
Das Flackern der Bilder im Spiegel war zu einem verschwommenen Strahlen stroboskopischen Lichtes geworden. Antoine brauchte nicht lang die einzelnen Bilder zu entschlüsseln, sie stellten Reminiszenzen der Orte dar, die seine Mutter erblickt hatte und an denen spiegelnde Oberflächen diese Erinnerungen reflektieren konnten. Mit einem kurzen harten Gedanken brach er gewaltsam in das Leuchten ein; sei es, weil seine Mutter ihm keinen Widerstand entgegensetze, sei es, weil ihm die Furcht Macht verlieh. Er drängte sie mit einem Wisch zur Seite und blätterte gleichsam in einem Album teils schöner, teils fürchterlicher Geheimnisse, frohe und erhabene, genauso wie obszöne und grausame Momente fielen wie Herbstblätter vom Baum ihres Lebens. Dann schien er gefunden zu haben was er suchte.
In einem Gartenhaus fiel durch ein sich vom Wind öffnendes Fenster eine zu sorglos brennende Kerze auf einem Sekretär in einen Stapel geöffneter Briefe. Schon suchten die Flammen Nahrung und ein Vorhang bot vorzüglichen Brennstoff. Alsbald stand das ganze Zimmer in hellen Flammen und leckten an die Innenseite des Spiegels, der einst dort hing, Dantes Inferno kulminiert auf engsten Raum, ohne Zuflucht oder Aussicht auf Rettung. Fast meinte man das Knacken und Brechen der Dielen zu vernehmen, doch blieb im Salon alles still, und nur das schwächer werdende Röcheln der Mutter zeigten ihre nahende Niederlage in diesem schaurigen Bühnenstück an.
Der Fremde hatte derweil mit fasziniertem Interesse die teils pikanten, teils trivialen Bilder aufgenommen und sein Blick war ganz und gar dem Spiegel zugewandt; die Hände wussten über die Jahre ihren blutigen Beruf ohne Anleitung zu meistern. Dann änderte sich sein Blick. Nicht mehr nur sah ein brennendes Zimmer, vielmehr gewahrte er sich selbst darinnen, die Hände einen unsichtbaren Hals abschnürend, erst interessiert, dann erschrocken aus dem Spiegel herausblickend.
Schon griffen die Flammen den Mann an, leckten den grauen Mantel empor und sengten die Haare, die unter der Kapuze verborgen waren. Im Salon stand eben dieser Mann und sein Mantel zeigte erste Spuren der Verbrennung. Eiligst löste er die tödliche Umfassung des Halses, um die Hände zum Ausschlagen unsichtbarer Flammen zu nutzen. Auch sein Kompagnon im Drüben schlug wild um sich, aber wer wollte ein brennendes Inferno mit den Händen zum Erlöschen bringen? Schmerzensschreie und Flüche, nun vorgetragen in seiner melodischen Heimatsprache, die Antone nicht kannte, erfüllten den Raum, schon sank er in die Knie, riss den vermeintlich brennenden Mantel vom Leib und äußerte das darunterliegende einfache Gewand, das alsbald auch ein Opfer der Flammen wurde. Brandblasen verformten die vormals nussbraune Haut und endlich sank er im Rauche erstickend in gnädiger Ohnmacht zu Boden. Zurück blieb nur ein gekrümmter verbrannter Körper.
All das nahm Antoine mit offenem Mund und entsetzen Augen auf, nicht fähig den Blick zu wenden, dem Grauen zu entkommen. Die Mutter nachdem sie mehrfach nach Luft gerungen, musterte ihn erst ungläubig, dann stolz. „Vergiss!“ brachte mühsam sie hervor und zeichnete eine Rune in die Luft. Sie war entschlossen den Jungen und sich fort zu bringen.