Paolo erhob sich. Die Oberfläche, auf der er stand, war glatt und kühl, bot aber seinen Schuhen festen Halt. Die Seiten des Ganges bestanden aus Myriaden spiegelnder Lichtpunkte. Wenn Paolo sich auf einen konzentrierte schien er größer zu werden und den Blick auf eine Szene freizugeben. Aber die Bilder verschwammen schnell und ihm war, als ob jemand hindurch, ihn anschaute, durch ihn hindurchblickte und dann wieder war nur ein leerer Raum oder emsiges Treiben im Hintergrund. Nach oben und nach vorn schien sich der Gang ins endlose zu erstrecken, gleich einem Band aus Spiegelscherben angefüllt mit Belanglosigkeiten eines ewigen pulsierenden Kosmos, in dem der Augenblick bedeutungslos wird.
„Wo bin ich?“ fragte Paolo mangels Gegenüber sich selbst laut.
„Wir sind in den Theatergassen der Welt, wandeln zwischen den Kulissen der Ewigkeit, schauen in Zeiten und Orte die waren und sind, aber obwohl keine Soffitte uns den Blick auf die Bühnentechnik verwehrt, sind wir unfähig das Gesamtarrangement dieser Weltaufführung zu durchschauen, denn wir sind ebenso Teil der Handlung, wie auch Zuschauer.“ Antoines Stimme klang betonungslos und schien von überall her zu kommen. „Mit jedem Lidschlag kommen abertausend Facetten hinzu, lassen Bilder zurück die zum Verweilen einladen und zum Nachdenken; hinter uns die zu Eis erstarrte Ordnung des Gewesenen unverrückbar und endlos ehern und vor uns die rasenden Wirbel des Chaos, ungeformt und ungreifbar. Dazwischen liegt das Jetzt, das uns Gegenwärtigen als das Maß aller Zeiten gilt, das wir zu Bewahren suchen, es festnageln wollen, weil uns der Gedanke nur ein Augenblick in der Zeit zu sein so schmerzt, so Bedeutungslos macht, dass wir immer wieder nach eigener Bedeutung ringen, im Guten wie im Schlechten.“
Paolo war benommen. Das war ein Traum, ein sehr realer und beängstigender, aber ein Traum. Sicher war der Entzug schuld an seinen Wahnvorstellungen, diesem seltsamen Alp spiegelnden Irrsinns. Hinter sich hörte er Stimmen, zischende Laute die näher kamen. Sie suchten ihn, riefen nach ihm. Kalter Angstschweiß bedeckte seine Haut und er fragte: „Was ist das?“
„Das sind die Spiegelgeister, sie haben uns gehört, dich gehört. Sie kommen sich zu nehmen, was sie glauben, dass es ihnen zustünde. Nicht nur den Preis für den Verrat mir gegenüber, fast dein ganzes Leben hast du ihnen gewidmet und stets waren sie dir wohlgesonnen. Deine Selbstverliebtheit wuchs mit jedem Blick in den Spiegel. Angemessenes und sinnvolles Kümmern um deinen Körper ist in Maßlosigkeit und Arroganz hinübergeglitten. Stunden hast du mit dem Training und der Verbesserung deines Körpers zugebracht, nie zufrieden dabei fortwährend in die Spiegel geschaut, die überall hingen und sie haben deinen falschen Ehrgeiz befeuert. Als Fleisch gewordener Gott bist du über die Tanzflächen stolziert, nicht, um anderen Liebe zu geben, sondern um deiner Selbstherrlichkeit wegen. Und während sie dir gaben was du begehrtest, haben sie so viel mehr genommen. Irgendwann war all das nicht genug. Die Spritzen erlaubten dir noch schneller Muskelmasse aufzubauen, zogen dich in psychische Abhängigkeit, Versagensängste und Verlust des Status flüsterten mit ihren dunklen Stimmen zu dir, nicht mehr Mittelpunkt der Bewunderung sein war qualvoller als gar nicht sein. Eitelkeit hat viele Gesichter und ich habe einige gesehen. Sie ist meine Mutter!“
„Wer bist du wirklich?“ brachte Paolo keuchend hervor.
Vor ihm tauchte riesenhaft das Gesicht Antoines auf, emotionslos und mit spiegelnden Augen. Darin erkannte er sich, ein kranker Junge saß da, kaputt und allein im Dreck. Die Angst und die Einsamkeit waren greifbar, aber da war niemand, zu groß war die Mauer, die er errichtet hatte aus Glanz und falschem Schein, dass niemand sie durchbrechen wagte, da er selbst doch sonst so bedeutungslos und klein wäre.
„Diesen Paolo hätte ich lieben können, mit seinen Fehlern, seiner Unvollkommenheit. Denn ich kann ihm auf Augenhöhe begegnen, ohne mich meiner selbst, meiner eigenen Unvollkommenheit schämen zu müssen. Die Lüge, die vor mir steht, liebt nur sich selbst! Kannst du diesen Paolo lieben?“
Das Auge, in das er blickte, wuchs und alsbald stand er neben seinem gebrochenen Selbst. Alles drehte sich und Abscheu mischte sich mit Wut und Verzweiflung. War es so einfach?
Er zog den Dreckigen Jungen hoch und nahm ihn fest in den Arm. Am Rand seines Bewusstseins hörte er das Zischen der Spiegelgeister und sah, wie sie in der Flammenwand die Antoine um ihn errichtet hatte vergingen. Heiße Tränen liefen dem dankbaren kleinen Jungen über die Wangen und Paolo weinte mit, hielt ihn fest umschlungen.
Als er die Augen aufschlug stand er im Bad des Nachtclubs und hielt Antoine im Arm. „Ich brauche Hilfe!“ „Natürlich!“ sagte Antoine sanft und schob unbemerkt mit dem Fuß die angesengten Reste einer Kutte unter das Waschbecken.