Endlich hielt die Kutsche. Fast sechs Stunden waren seit dem letzten Pferdewechsel vergangen und sowohl Antoine als auch seine Mutter waren dankbar diesem fahrenden Folterinstrument entsteigen zu können. Etwas zu enthusiastisch verließ der 16-jährige das Gefährt, sodass Spritzer einer Pfütze, welche gerade unter dem Trittbrett gelegen war, seine Seidenstrümpfe beschmutzten. Ärgerlich schritt er aus, bedeutete es doch, dass vor dem Empfang eine ausgiebige größere Toilette bevorstand, derer er gerne entflohen wäre. Während er sich an einem Pfosten des Kutschenhofes erleichterte, suchten seine Augen alle Wunder der Lagune aufzusaugen, die sich mit Pracht und Gewalt in die Landschaft schmiegte. Serenissima, die heiterste, aller durchlauchtigste Republik des heiligen Markus lag vor ihnen und sollte den Abschluss ihrer fast 10-jährigen Odyssey darstellen. Hier sollte er seine zukünftige Braut kennenlernen und seine Ernennung zum Chevalier entgegennehmen.
Er war dankbar für den Zwischenfall im Chateau, der seiner Mutter fast das Leben gekostet hatte. Die Veränderungen in seinem Leben hätten größer nicht sein können und die Angst der Mutter, solcherlei könne bei längerem Verweilen Wiederholung erfahren, trieb sie stetig vorwärts, immerfort sorgenvoll, wenn auch ohne Zeichen einer Herzenswärme, ihren einzigen Sohn beschützend. Der erste Aufenthalt war die Savoie, wenngleich nur von kurzer Dauer, da ein Konflikt um das italienische Savoyen, sicherlich zu einer baldigen Besetzung durch französische Truppen führen würde. Antoine erhielt Unterricht in italienischer Sprache, durfte aber das gemietet Haus nur selten und in Begleitung verlassen. Nach nur 7 Monaten reiste man weiter nach Genève.
Vier Jahre lang lebte er und seine Mutter bei Freunden der Familie. Genève war ein Schmelztiegel der Kulturen und eine der fortschrittlichsten Städte ihrer Zeit. Sowohl aus dem benachbarten Italien als auch aus Frankreich kam ein nicht enden wollender Strom religiöser Flüchtlinge in diesen äußersten Zipfel der Romandie, nachdem der französische Reformator Jehan Cauvin den republikanischen Stadtstaat mit seiner Lehre und Gründung der Akademie zu einer Zuflucht für in beiden katholischen Staaten Verfolgte geformt hatte. Zwar litt der junge Antoine unter den Zwängen dieser Religion, die Strebsam- und Schicksalsergebenheit auf ihr Banner geschrieben hatte und den Menschen in erlöste und verdammte einteilte, aber Gott war ihm nur ein notwendig anzuerkennender Herrscher in einem fernen Himmel, dem, dessen war er fast sicher, jedwedes Interesse an den Menschen abging oder aber der nicht geeignet war diese Spitzenposition auszuüben. Das behielt er natürlich für sich, wenn er allsonntäglich die langweiligen Predigten, die in Frankreich zumindest mit unterhaltsamem Pomp abgehalten wurden, an sich vorbeiziehen ließ. Auch das Studium der Naturwissenschaften langweilte ihn, der er fähig war, den Dingen oftmals viel schneller und ohne die Physik zu bemühen eine neue Dynamik zu verleihen. Gleichwohl genoss er die lockere Kleidung, den Verzicht auf Rüschen und anderen Bekleidungszwängen, was ihn in eine Kategorie mit all den anderen Buben herabsetzte – wofür er Dankbar war.
Seine Mutter war fast allgegenwärtig, aber sie forcierte nun das Studium der Magie mit ihm und lehrte ihn den Spiegel für seine Zwecke zu nutzen. Sie erklärte ihm, dass er der erste Spiegeldschinn sei, der aus einer leiblichen Beziehung zwischen geistiger und physischer Welt entstanden war. Sein Vater, damals offenbar verliebt, äußerte diesen Wunsch, den zu Erfüllen nicht in ihrer Macht lag. Mithilfe eines Zaubers einer alten Vettel unweit des Gutes gelang das Unerhörte, Verbotene. Seitdem hielt sie sich versteckt, glaubte aber, dass beide Seiten, das Chaos und die Ordnung einander diese Kuriosität abzujagen suchten. Solange dieses Patt bestünde seien sie relativ sicher. Der Mörder musste wohl einer dritten Partei angehören, zumal keine der beiden anderen einen Menschen geschickt hätten.
Sie lehrte ihn manches ihres Könnens und erklärte ihm das jeder Dschinn seine Macht aus einer anderen Quelle menschlicher Laster beziehe. Diese Quelle sei unerlässlich, um aus den Spiegeln wirken zu können, präge aber den Dschinn auf einzigartige Weise. Sie selbst bediene sich der Eitelkeit der Menschen, ein schier unerschöpflicher Brunnen magischer Macht, genährt durch jeden flüchtigen Blick eines unsicheren Auges, ein Laster so alt wie die ersten Blicke in einen Teich und so vortrefflich, das viele Generationen der Dschinn darauf zurückgriffen. Andere nutzten Zorn oder Wut, Stolz und überhöhte Selbstsicherheit, Wollust oder Gier. Früher sei das anders gewesen, aber seit ihr Volk in Ketten lag und der Gesang verboten war, hielte nur das die Dschinn am Leben. Er müsse seinen Weg finden und die Macht nutzen, ohne von ihr verzehrt zu werden. Oft schien sie ihn zu beobachten, suchte nach Hinweisen, aber so sie je welche fand, schwieg sie darüber.
Weiter ging die Reise nach Mailand. Einer der Prinzen der Stadt, Amarok, war ihr noch Gefallen schuldig. Er nahm sie auf und Antoine erlebte die besten Jahre seines jungen Lebens. Die Stadt war so ganz anders als das prüde calvinistische Genève, so voller buntem Leben, exotischen Gütern aus aller Welt, so freizügig und heiter. Es verging nicht eine Woche, ohne dass der Prinz nicht ein Fest oder einen Ball gab. Er selbst schien keinerlei Interesse an derlei Lustbarkeiten zu zeigen, aber Antoine vermutete schnell, dass diese kalte Zurückhaltung und die so offen zur Schau gestellte Unlust Teil des Preises war, den er, für die Bewunderung und den Neid anderer ob seiner Selbstsicherheit und seines Stolzes, zu zahlen hatte. Allerdings hatte er ein schon obsessives Interesse an Antoine gefunden und es ging nicht ein Tag ins Land, wo er ihn nichts lehrte oder auf seine Güter mitnahm, um stundenlang zu jagen oder gemeinsam zu musizieren. Stets schaute er ihn mit dem gleichen emotionslosen Blick an, aber Antoine spürte die Neugier hinter seinen Blicken, als sei er eine famose Spieluhr, dessen Funktionsweise es zu enträtseln galt.