Mit 14 wurde er offiziell am Hofe eingeführt. Er war nun volljährig und es war ihm gestattet bei Empfängen stundenlang schweigend und reglos wie eine Ankleidepuppe dazustehen. Auch musste er diese abscheulichen Allongeperücken tragen, zumindest bis sein Haar länger gewachsen war. Seit die Syphilis wie ein Lauffeuer ganz Europa heimsuchte und zu Haarausfall und garstigen Hautveränderungen führte, schoren immer mehr Menschen ihren Kopf und trugen, so sie es sich leisten konnten, Perücken. Auch die hässlichen Löcher und Wunden des Gesichts deckten viele höher gestellten Persönlichkeiten mit weißer Zinkpaste ab, was Antoine allerdings weder nötig hatte noch in Erwägung zog. Anderseits gestatte ihm sein neuer Status sich zwischen den Unterrichtsstunden und Fechtübungen frei zu bewegen.
Seit mehreren Wochen schon ging er daher, so es ihm seine Zeit erlaubte, in den Pavillon am Rande der Tulpenbeete und warf, vorgebend ein Buch zu lesen, heimliche Blicke auf einen jungen Gärtner, der in der Hitze des Tages mit freiem Oberkörper seinem Handwerk nachging. Sein Herz schien schier zu zerspringen, wenn dieser sich aufrichtete um herüberzublicken und schnell senkte er den Blick und fuhr mit fahrigen Händen über die eine Stelle, die er wohl schon hundert Mal gelesen hatte. Das er zum ‚italienischen Laster‘ neigte, wie man es zu jener Zeit überall nannte, störte ihn wenig. Die Sittenlosigkeit seiner Zeit und die Ausschweifungen im Palast mussten dem Herrgott einen recht leeren Himmel bescheren und sein Stand und die Beziehung zum Prinzen bot ihm ausreichend Schutz vor den teils drakonischen Strafen, die jedoch selten zur Anwendung kamen und wenn, oft nur, weil sie als zusätzliche Beweisführung eines vermeintlich überführten Hexers ins Gericht geführt wurden. Der Prinz war es schlussendlich auch der ihn darauf ansprach. Mit hochrotem Kopf hörte Antoine ihn sagen, dass er, wenn ihm die Gewächse des Gartens so viel Freude bereiten würden, er vielleicht mal den Pavillon verlassen solle, um an der Tulpe, welcher sein Herz zugetan sei zu riechen, denn diese würde dem jungen Herren auf Grund der Höhe seines Standes dort, wohl kaum in den Schoß fallen.
Eine volle Woche lang ging er nicht mehr in den Garten und wenn seine Scham ihn schon nicht umbrachte, so doch nur um sein Leiden zu verlängern. Endlich fand er den Mut, oder seine Qual eine nicht mehr ertragbare Schwelle, und er ging bangen Herzens, sich einen Narren scheltend und wohlformulierte Sätze vorbereitend wieder in den Pavillon. Endlos saß er da und sprach sich Mut an; lieber hätte er einen Drachen erschlagen und sei es nur, weil es die gesellschaftlichen Regeln zuließen, dass er den traditionellen Preis für diese Heldentat, ohne ein Wort in Empfang nehmen durfte. Langsam ging er endlich, die Blicke vermeintlich interessiert auf einen Schuppen geheftet, zu dem jungen Mann hinüber und wie er also da so stand, verließ den Drachentöter jeder Mut und stotternd fragte er weltgewandt, ob er wohl der Gärtner sei und hier die Tulpen pflege. Hätte die Erde sich geöffnet, Antoine wäre hineingesprungen, sein Magen wirbelte und erst heiß dann kalt zuckten Schauer über seinen Körper. Der junge Mann indes sah auf und musterte Antoine von oben bis unten, um dann mit breitem Grinsen zu erwidern, das er dort im Schuppen eine ganz besonders schöne Blume hätte und wenn er nur mitkäme, sie Antoine gerne zeigen wolle. Wie so oft im Leben ist die Fantasie vorher oft viel einfallsreicher und schmückt die Bilder gern mit reichen Verzierungen und süßen Liebesbekundungen aus, doch der Realität sind ob der Kürze des Augenblicks enge Grenzen gesetzt. Diesmal blieb ihr nicht einmal Zeit dem Geschehenen einen würdigen Abschluss zu geben. Trotz dieses ersten Fehlschlags war Antoines Liebe zu den Tulpen ungebrochen und er ging noch oft in den Garten sich an ihnen zu erfreuen. Domenico war ein geduldiger Gärtner.
Die Zeit verstrich und da man übereingekommen war Antoine mit der Tochter eines reichen venezianischen Adligen zu vermählen, neigte sich die schöne Zeit in Mailand dem unausweichlichen Ende entgegen. Der Abschied war grausam. Unter Tränen trennte er sich von Domenico. Er war sicher nie mehr glücklich sein zu können und brach fast zusammen, als dieser ihm eine schwarze Locke zum Abschied schenkte. Amarok nickte Mutter und Sohn ein letztes Lebewohl zu und die Reise in eine für Antoine ungewisse Zukunft begann.