Es war der Abend vor der Hochzeit. Antoine verbrachte den Tag damit sich die Stadt anzuschauen. Der Glanz und die Pracht, die hier zur Schau gestellt wurden, übertrafen alles, was er bis dahin gesehen hatte. In der Kirche zündete er eine Kerze an, nicht aus religiösen Gründen, mehr um sich dieses Volkszaubers zu versichern, der eine glückliche Ehe verhieß. In einem Gartenlokal bestellte er sich Meeresfrüchte und genoss den Blick auf das bunte Treiben. Der Abend dämmerte schon, als plötzlich ungewöhnliche Bewegung in die Massen kam. Menschen schrien und Soldateska versuchte Ordnung in das Getümmel zu bringen. Er stand auf und schaute wie viele andere auch über die Dächer der Stadt. Eine dicke schwarze Rauchsäule verdeckte den Blick und was er anfangs für das Leuchten der Sonne, die ihre müden Glieder hinter das italienische Festland senkte, gehalten hatte, entpuppte sich als ein rasendes loderndes Feuer am Horizont. Schon füllte beißender Rauch seine Lungen und die Menschen trampelten in Panik jeden nieder der ihnen im Weg stand.
Erst schleppend, dann immer schneller werdend, setzte er sich in Bewegung. Die Stadt, die eben mit ihren Gassen und Kanälen noch bezauberte, wurde zu einer Todesfalle aus Irrgängen und von allen Seiten waren Schreie und Hilferufe zu vernehmen. Trauben von Menschen hingen in Todesangst an den Booten und so manch einer versank in den kalten Fluten, war zwischen die Boote geraten oder verlor den Halt. Mit Mühe kämpfte er sich zu einer Anlegestelle durch, aber alle Gondeln waren fort. Hustend und dumpf vom Rauch wanderte er durch unbekannte Gassen, als ihn jemand anrempelte und umwarf. Er fiel auf ein kleines Mädchen, die weinend neben ihrer Mutter hockte und sie immer wieder rüttelte und rief. Die junge Frau war im Gedränge mit dem Kopf vor eine Mauer gestoßen worden und ein Strom dicken Blutes umgab ihren Kopf. Antoine riss das Kind hoch und trug sie fort, sein Verstand sagte ihm, dass er sie nicht retten konnte, er konnte ja selbst nicht mehr als ein paar Meter schwimmen und die Luft machte das Atmen immer schwerer. Schon war rote Glut den Ascheflocken beigemengt und nicht lange und er würde die Besinnung verlieren.
Erschöpft sank er an einer Mauer zu Boden. Das Mädchen atmete nicht mehr und er presste mit aller Gewalt das bisschen Luft, das ihm verblieben war in ihre Lungen. „Lebe! Für uns!“ Tief in ihm formte sich ein dunkler Strom, zerbrach die mürben Mauern, die ihn so lange zurückgehalten hatten. All das Leid und der Tod um ihn rum, die Schreie aus Angst aber auch aus Schmerz, rissen seine Seele entzwei, zerstückelten den fragilen jungen Mann so endgültig, das nichts blieb außer endloses Leid. Der Strom an dunklen Empfindungen und unterdrückter Einsamkeit brach durch und der Dschinn in Antoine griff instinktiv danach, um dieser Hölle zu entfliehen. Mit aller Macht dieser geballten aufgestauten Energie, wollte er weg hier, raus aus dem brennenden Chaos, dem Schmerz und dem Ende dieser einst so glanzvollen Stadt. Der Mann aber, hielt immer noch den Leib eines kleinen Mädchens und mit sanfter Hand faste er den Dschinn, zog alle Dunklen Kräfte durch sich hindurch und wandelte sie. Die Augen erstarrten zu Spiegeln, die Gesichtszüge wurden zu einer elfenbeinernen Maske und aus seiner Hand floss alle Liebe und alle Kraft die er geben konnte in den kleinen sterbenden Körper.
Hustend erwachte sie. Vor ihr war eine Säule aus strahlendem Licht und es schien ihr, das kleine Geister darin wie Feen wirbelten. Antoine erhob sich über die Stadt und mit der Kraft eines Orkans wehte er dunkle Wolken aus allen Teilen der Region heran und ließ ihre geballten Wassermassen sintflutartig über Venedig abregnen. Er spürte den Tod jedes einzelnen, die Verbrennungen, die Wunden und die Angst. Wie in Trance lenkte er all das durch seine Seele und schleuderte einen hellen Lichtblitz gegen das Spiegelgewebe. Der ganze Kosmos schien den Atem anzuhalten. Vertreter des Chaos und der Ordnung betrachteten fassungslos das Aufbegehren dieses Dschinns, der es wagte die Maske eines Hüters anzulegen und mit einer Macht zu agieren, die nicht sein konnte, durfte.
Und dann sang er!
Vom Ufer aus sah Atropos all ihre Plane in einem einzigen Gefühlsausbruch vergehen. Alles vergeudet an diese Sterblichen. Diesen Fehler hatte sie sich selbst zu zuschreiben. Beim nächsten Mal würde sie die Energie besser verwahren, ableiten und speichern, so dass sie nicht jedes Mal, wenn ihn Trauer oder irgendeine Lust überkam, aus ihm heraussprudelte und für derartige Belanglosigkeiten wie sterbende Menschen vergeudet würde. Sie kannte seine Schwächen, seine Neigungen und mit einem Griff in die Endlosigkeit formte sie einen Körper. Er würde wachsen und reifen müssen, er musste den Belastungen, deren Antoine ihn aussetzen würde, standhalten können. Es würden einige Jahre vergehen, aber was war Zeit für das Schicksal?
Antoines Mutter und seine Tante standen zusammen in ihrem Gemach. Sie mussten das Feuer nicht fürchten, aber sie sorgten sich, jeder auf seine Weise, um ihn. Verzweifelt suchten sie alle Orte der Stadt ab, ihre Augen blickten kurz aus jedem Spiegel, jede reflektierende Oberfläche, bemüht in zu finden. Nur kurz verharrten sie beim Bild einer toten jungen Frau, die mit Kleidern und Schmuck im Arm in eine Ecke gekauert, ein Opfer der Flammen wurde.
Plötzlich spürten sie ihn, er hätte am anderen Ende der Welt sein können, so gewaltig war seine Macht. Ein Sturzbach ergoss sich über die Stadt und dann rammte etwas mit Urgewalt gegen die Mauern des Kosmos. Dann war Stille.
Als sie den Gesang vernahmen fassten sich die Schwestern an den Händen und stimmten ein in das uralte Lied. Die Erde schien zu vibrieren und der Runenspiegel neben ihnen zersprang und mit ihm nicht nur ein kleines Gefängnis, sondern auch eine längst für selbstverständlich gehaltene Agonie, die Vorstellung man könne sich nicht wehren, alle Hoffnung sei auf ewig verloren. Hier war sie, die Freiheit der Dschinn! Immer lauter klangen nun ihre Stimmen, immer hoffnungsvoller das Lied und aus dem fernen Mailand kam ein tiefer trauriger Ton hinzu. Aber ihre Kraft reichte nicht aus. Blitze zuckten aus dem Himmel und trafen Antoine, bis er aufgab und zu Boden sank. Er war leer und allein. Der Mensch in ihm war dem Wahnsinn nahe. Zuviel auf einmal, ohne eine freundliche Hand, ohne einen liebevollen Blick.
Mit letzter Kraft schloss er die Erinnerungen an alles tief in sich ein, bis der Tag käme, da er genügend der Seinen befreit hätte, um erneut die Stimme zu erheben und eine Melodie zu singen, die seinen Feinden so verhasst war.