Es war schon spät. Die Besprechung hatte lange gedauert und Nancy hatte danach noch zu einem kleinen Umtrunk eingeladen. Ria hatte sich, entgegen ihrer Gewohnheiten, ein oder zwei Gläser zu viel genehmigt. Sie war nicht betrunken, aber in ihrem Kopf breitete sich ein dumpfes Gefühl aus. Sie hasste es, nicht vollständige Kontrolle über sich ausüben zu können. Statt eines Taxis hatte sie den letzten Bus genommen und lief nun, die klare aber noch warme Herbstluft einatmend, die paar Straßen zu ihrem Haus. Die Dinge entwickelten sich gut. Sie hatte sich eingelebt, wohnte in einem schönen Haus mit zwei Menschen, die sie als ihre Freunde betrachtete, die aber unterschiedlicher nicht sein konnten. Antoine war warmherzig und schrill, nur zuweilen von einer argen Düsternis umfangen, was aber in den letzten Tagen merklich nachgelassen hatte. Er hatte stets ein Lächeln für sie übrig und war auch von einem seltsamen Ehrgeiz getrieben. Wenn er nicht an seinen Büchern schrieb oder Geige spielte, fand man ihn entweder tief in Gedanken versunken beim Yoga oder bei seinem Zaubertranktopf. Sie wusste nur von Andeutungen, dass er wohl viel erlebt hatte in seinem jungen Leben, aber dennoch oder grade deswegen war er bemüht, das Haus in eine Oase des Glücks zu verwandeln. Amarok war still. Er sprach nur selten und wenn, dann als Antwort auf eine direkte Frage. Seine Arbeit und die Reparaturen rund ums Haus schienen ihn auszufüllen. Auch strahlte er eine kühle Distanz aus, aber keine, die Ria abschreckte, sondern eher neugierig machte. Welche Geheimnisse barg dieser Mann?
Die Häuser, an denen sie vorbeikam, waren schon alle festlich geschmückt. Morgen war ein Feiertag, Erntedank, und auch Antoine hatte stundenlang in der Dekobox gewühlt, nie ganz zufrieden aber mit einem Ernst, den sie nicht begriff. Sie wusste das er ein sensibles Kunstgespür hatte, das zuweilen, so man ihn nicht bremste, in schon kindliche Liebe für Kitsch hinüberglitt, so als müsse er eine verlorene Kindheit nachholen.
Hinter einem Kleinlaster traten plötzlich drei Kerle hervor, fächerten etwas aus und kamen auf sie zu. Sie hatten das typische Aussehen von Schlägern, die überall auf der Welt, unabhängig von Ethnien oder Weltanschauungen, einen gemeinsamen schlechten Geschmack für Kleidung, Haarstyle und Körperschmuck zu teilen schienen, wie ein geheimer Kodex, der bei Mitgliedschaft in einer Gang ganz natürlich alle Empfindung für Schönheit und Eleganz auslöschte. Nackte Angst stieg in Ria hoch und sie ging schnell alle Optionen durch, die ihr blieben, dieser Situation zu entkommen. Wer als Mädchen in Indien groß geworden war, wusste, dass diese Kerle nicht nach der Uhrzeit fragen wollten.
Hastig griff sie in die Handtasche und suchte ihr Phone. Der mittlere, zweifelsohne der selbsternannte Anführer und ungekrönte König im Plastersteinspucken, ließ eine kleine Klinge aus seiner Faust schnellen und fragte: „Na wen haben wir denn da? Die kleine Hure, die für die olle Landgraab arbeitet!“ Dann drehte er grinsend den Kopf zu den Flügelmännern dieses grotesken Triptychons, um die wohlverdiente Belohnung für diese so elaborierte Bemerkung in Empfang zu nehmen. Mit zitternder Hand holte sie das Handy hervor und presste den Daumen auf den Sensor. Bevor ihr gegenüber es ihr aus der Hand schlagen konnte, hatte sie die acht gewählt und abgehoben. Sie machte sich nichts vor. In den Schuhen entkam sie den Typen nicht und was ihnen an Bildung fehlte, machten sie mit Muskeln wett. Schon wurde sie links und rechts gehalten und der Geruch nach Zigarette, altem Schweiß und einem Pfefferminzkaugummi umwehte sie, als der Mittlere ihr das Messer an die Kehle hielt und mit seinem Gesicht ganz nah an ihre Wangen kam.
Instinktiv trat sie zu.