Es war das Jahr des Herrn 913. Der Frühling hatte zeitig begonnen und einen ohnehin milden Winter abgelöst. Die Aussaat konnte daher frühzeitig ausgebracht werden, ohne Angst vor späten Frost haben zu müssen, der stetig eine Gefahr darstellte. Allerdings würde es in diesem Jahr auch viele Insekten und Schädlinge geben, die das Korn angriffen. Darauf musste man sich vorbereiten. Herr Amarok, Lehensdiener des Erzbischofs von Vienne und zweitgrößter Landbesitzer in Cisjuranien, wenn nicht im gesamten Königreich Burgund, hatte aber andere Sorgen. Aus Lothringen kam schlimme Kunde. Das heidnische Reitervolk der Ungarn hatten auf ihren Plünderungen nur Tod und Verwüstung zurückgelassen und Gerüchte besagten, dass sie auf den Weg zurück nach Pannonien waren und zweifelsohne durch Burgund reiten würden, um über Lombardien, Venetien und Carinthia in ihre vor wenigen Jahren eroberte Karpatenebene zurück zu kehren. Der Erzbischof sammelte Truppen und hatte auch schon Hilfegesuche an König Rudolph von Hochburgund gesandt, aber dieser war selbst in Eroberungen in Alemannien, allen voran der Stadt Basel und der Aargau, eingebunden. Es half alles nichts, man war auf sich allein gestellt.
Schweigsam blickte er über den kleinen Ort, an dem er seit nunmehr 98 Jahren lebte. Vor sieben Jahren hatte er Eloise geheiratet, erst aus sentimentalen Erwägungen, aber auch weil sie gefällig aussah. Mit der Zeit hatte er sie lieben gelernt. Sie war klug und verständig, hatte stets Geduld mit ihm und es verging kein Tag, wo ihr helles Lachen ihn nicht zum Lächeln brachte. Sie war noch jung, und musste ihre Kräfte erst noch entwickeln. Ihre Eltern waren eingeschlossen worden, als sie noch ein kleines Mädchen war und er nahm sie auf, um sie vor dem Zugriff der kosmischen Ordnungshüter zu schützen. Als junge Dschinn hätte ihr dasselbe Schicksal gedroht, wenn nicht schlimmer. So viele waren hingemetzelt oder gefangen worden, dass es kaum noch seinesgleichen gab. Ihr gemeinsamer Sohn Badeaux war nun fast zwei Jahre alt und für Amarok war die schönste Zeit in seinem langen Leben angebrochen. Beide verzichteten weitestgehend auf ihre Kräfte, man lockte zu schnell Spiegelgeister an und gerade Kinder waren leichte Beute für sie. Lediglich die konstante Illusion, um ihrem Umfeld die Verwunderung über ihre scheinbare Alterslosigkeit zu nehmen, erhielt er aufrecht.
Vor zwei Tagen war Ta-senet-nofret, oder Béatrice, wie sie sich nun nannte, eingetroffen. Sie war auf dem Weg zu ihrer Schwester in Venedig und wollte hier zwei Monate verbringen. Amarok war nicht wohl bei der Sache. Zu viele Dschinn auf einem kleinen Gebiet war immer gefährlich. Aber andererseits genoss er das Wiedersehen und sie konnte auch Eloise etwas anleiten. Die beiden Frauen freundeten sich schnell an und Amarok war dankbar dafür, weil seine Liebe sonst oft niemanden hatte, mit dem sie offen und auf Augenhöhe sprechen konnte. Sobald der Kleine größer war, nahm er sich auch vor mit ihnen Ištar in Venedig zu besuchen, es würde allen gut tun. Für heute Abend war ein kleines Fest vorbereitet worden, man hatte in Ferkel geschlachtet und wollte etwas feiern. Seinen Leibeigenen hatte er Brot, Wurst und Starkbier auf den Festplatz bringen lassen und eine Musikantengruppe, die durchzog, hatte er in Lohn genommen, sie alle zu unterhalten. Er wollte sich und die Einwohner etwas ablenken, von der drohenden Gefahr.