In der Nacht hatte starker Regen eingesetzt. Die Wege waren zu schlammigen Suhlen verkommen und in so manchem Haus würden grad Eimer und Töpfe das Wasser, dass die undichten Strohdächer nicht abhielten einsammeln. Wenn die Leute denn noch nüchtern genug waren daran zu denken. Amarok konnte nicht schlafen. Gedanken wirbelten durch seinen Verstand und das monotone Geräusch des Platschens von tausenden Tropfen auf das Schindeldach seines Herrenhauses, trommelte gegen seinen angetrunkenen Schädel. Er schrieb grad Zahlen in das Verwaltungsbuch, als ein Geräusch ihn aufmerken lies. Ganz langsam erst, dann schneller werdend, hörte er das Tönen der großen Bronzeglocke von St. Blasius. Die Gemeinde hatte vor vier Jahren unter erheblichen Aufwand eine Glocke erworben, die nun im, neben seinem Haus, einzigen Gebäude aus Stein im Ort die Gläubigen zur Messe rief …oder vor Gefahr warnte. Schnell warf er seinen Mantel über und ging auf die Galerie, die den ersten Stock ringsum einmal umsäumte. Durch das Unwetter sah er auf dem Bergkamm tausende kleine Lichter tanzen, die sich langsam den Bergpfad hinunterschlängelten. Sein Herz stand still.
Hastig raffte er wichtige Dokumente zusammen und vergaß auch eine kleine Schatulle, die in einem geheimen Nebenfach der großen beschlagenen Truhe versteckt war, nicht. Dann eilte er nach nebenan, um seine Frau zu wecken. Eloise war sogleich hellwach. Jeder wusste, was einem drohte, sollte man lebend in die Hände dieser Barbaren fallen. Auch Béatrice kam herein und nickte wissend. Er übergab ihr den Sack mit den Habseligkeiten und Eloise schnappte sich Badeaux. Angst lähmte die gesamte Familie und er erklärte seiner Tante kurz, wie sie zu den Höhlen gelangen könnten, die, folgte man einem steinigen Bachlauf mehrere hundert Meter bergan, bei einem Wegkreuz einem schmalen Waldpfad folgend, hinter einer großen Hecke zu finden waren. Vorsichtig streichelte er seinem Sohn durchs Haar und murmelte einen uralten Segen in der Sprache der Feen.
„Ich liebe Euch!“ Er gab Eloise einen letzten Kuss und einen Dolch. Sie wusste, dass er nicht zur Verteidigung gedacht war und tapfer steckte sie ihn unter Tränen ein. Dann umarmte er seine Tante und hieß die drei zu gehen.
Wie ein Orkan, direkt aus der Hölle, brachen die Ungarn in den Ort ein. Mit ihren Säbeln zerhackten sie die wenigen mutigen Narren, die sich ihnen in den Weg stellten. Auch Amarok kämpfte. Seine Ehre und sein Stand verlangten es, aber wichtiger war seiner Familie Zeit zu erkaufen. Immer wieder blickte er den Bachlauf hinauf, aber sie hatten natürlich abgedunkelte Laternen, die nur nach vorn ein schwaches Licht gaben und so hüllte sich der Berg in Finsternis. Überall waren Schreie von Menschen zu hören, die den Ungarn zum Opfer fielen; wer schnell starb hatte Glück in dieser Nacht. Amarok war ein guter Kämpfer. Jahrtausende der Übung und angetrieben von verzweifelter Sorge bahnte er sich seinen Weg durch die Angreifer. Neben ihm lagen tote Einwohner, aufgespießt oder mit offenem Bauch, aus denen die blutigen Därme in den Matsch sanken. Hier und da gab er einem grade noch Lebenden einen sauberen schnellen Tod, verringerte ihr Leiden. Schon brannten erste Häuser, und die Angstschreie verrieten ihm, dass sie nicht leer waren.
Seine Kräfte ließen nach.