0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
„Ich will gar nicht weg!“ Diese Erkenntnis dämmert Ansgar langsam, nachdem er bereits über eine Stunde lang bäuchlings in einer Schneewehe liegt, kaum fünfzig Meter von Lottas Hütte entfernt und zu verstehen versucht, was passiert ist.
Es gefällt ihm hier. Er mag Danny, Brett, Adeline und selbst den knorrigen Oleg. Takatuka und den Wolf hier zurückzulassen bräche ihm allein schon das Herz. Er liebt dieses Kind mittlerweile wie … ein eigenes. Es hat seinen ganz eigenen Charme, so … wie seine Mutter.
Ansgar dreht sich auf die Seite, die Augen vor innerlicher Qual verschlossen. Und ich muss begreifen … Nein! Ich habe jetzt endlich begriffen, dass sie nichts anderes … als Freundschaft suchte.
Irgendwas war da drinnen vorhin in ihm zerschellt. Diese Erkenntnis, dass einfach nicht mehr da ist … Sie hat sich immer nur vor meinen nächsten Avancen gefürchtet. Ich hab‘ alles missinterpretiert … Kann ich … damit leben und … bleiben?
Mühsam rappelt Ansgar sich hoch. Irgendwie fühlt er sich gerade fürchterlich alt mit seinen fünfundzwanzig Lenzen. Als wäre sein Leben schon abgeschlossen … Es ist mir nichts vergönnt, hab‘ alles an Glück verwirkt. Ich muss mit weniger zufrieden sein können … … … Wenn sie meine ehrliche Freundschaft will …, will ich sie ihr anbieten! Wenn sie sie annimmt, dann kann ich … bleiben! Schadlos halten als junger Mann muss er sich dann eben weiterhin in der großen Stadt … Wird genug unverbindliche Möglichkeiten geben. Nichtsagende Begegnungen … Zu mehr hätte ich gar nicht mehr den Mut! Ich hatte wirklich geglaubt … … … Ach lass es! Was … macht eigentlich … so eine Mutter mit Kind für …? Schnell verbietet sich Ansgar weitere Überlegungen zur letzten selbst gestellten Frage …
Er stiefelt zur Hütte zurück, tritt leise ein … „Lotta?“ Kein Laut! Er dringt weiter ins Haus vor …
Sie liegt noch fast genauso so da, wie er sie vor einer Stunde verlassen hat. Nur laufen Tränen sacht die Wangen runter, benetzen das schon zunehmend sehr feuchte Kopfkissen unter ihr. Und immer noch füllen sich die Augen neu. Wie kleine glitzernde Perlen hängen winzige Tropfen in ihren Wimpern …
Er zieht ein Tuch hervor, kniet wieder zu ihr nieder, betupft vorsichtig Wimpern, Lider, Wangen. „Es tut mir unendlich leid, was ich dir für Angst und Leid verursacht habe, Lotta! Das wollte ich nie!“ Sacht folgt er einer Tränenspur. „Ich bin gern mit dir zusammen und Takatuka und dem Wolf! Ich würde … euch alle sehr vermissen!“ Sie scheint ihm zuzuhören … der Tränenfluss wird weniger.
„Das … andere … ist nicht … so wichtig! Ich hatte gestern zu viel getrunken. Das ist keine Entschuldigung für … … … Nur … eine Erklärung! Und natürlich hatte ich … mehr erhofft, aber … eure Freundschaft … ist mir mehr wert! Kann ich …“, Ansgar muss tief Luft holen, „… einfach nur … dein Freund sein?“ Sekundenlanges banges Warten … Sagt sie gleich wieder ‚geh‘?
„Danke!“, lächelt Lotta sanft. Und Ansgar … fällt ein Stein vom Herzen. Liebevoll streift er noch ein letztes Mal ihre Wange mit leicht zittrigen Fingern … wischt die letzten Tränen fort, die er ihr bereitet hat.
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Ansgar fühlte sich am nächsten Tag beflissen, auch Brett und Danny näher aufzuklären, dass ihn lediglich Freundschaft zu Lotta verbände, um ihr weitere Peinlichkeiten wie in der Silvesternacht zu ersparen. Lotta war ihm auch dafür überaus dankbar!
So langsam fand Ansgar seinen inneren Frieden wieder und in der Großstadt ausreichend Ablenkung – nach den Strick- und Leseabenden bei Lotta. Danny und Brett befanden, dass man trotzdem noch zu viert einiges unternehmen könne und zu Lottas Erheiterung fand sie sich eines Tages in einem älteren Kinofilm wieder, in dem sie einige ihrer Doubleszenen als Stuntfrau wiederentdeckte. Ihr Gelächter an den wohl falschen Stellen irritierte, aber letztendlich freute sich Ansgar einfach, dass sie wieder zu alter Gelöstheit zurückfand, ja eigentlich … sogar noch lockerer wurde, nachdem sie nicht mehr seinem ständigen Werben ausgesetzt war.
Manches ließ Ansgar besser ruhen so wie die schlafenden Hunde. Auf weitere Darbietungen verzichtete er wohlweislich. Und auch sonst vermied Ansgar jegliche Versuchung. Nie mehr gab er sich als Modeberater aus und bei gemeinsamen Klettertouren erklomm er stets die Wand zuerst – vor ihr. So verging einige Zeit … bis Ansgar einen Anruf bekam, der ihn unvermittelt aus seiner vermeintlich beschaulichen Ruhe riss …
„Jorunn? Tante Jorunn? Wo steckst du? … …. … Nummer? Ja, natürlich habe ich noch die gleiche Nummer. Ein Glücksfall? Warte, jetzt sag mir sofort, wo du bist? Ich bin so schnell wie es geht dort! … … Jorunn. Ich bin so froh … … “
Völlig aus dem Häuschen prescht Ansgar die Treppen zu Lotta runter: „Ich muss sofort los, innerhalb einer Stunde. Kannst du Danny und Oleg Bescheid geben und das mit den Kursen regeln? In zwei Tagen bin ich zurück. Meine Tante … ist wieder aufgetaucht!“
Verwirrt blickt Lotta auf, ihre geölten Handflächen gerade über Kundschaft streichend. „Tante?!“ Er hatte noch nie von einer erzählt. Aufgetaucht? Was für eine Wortwahl!War sie verschwunden? Angesichts der Kundin unter ihren Händen geht Lotta aber nicht weiter darauf ein. „Äh, ja natürlich, klär ich alles ab! Zwei Tage sagts du?“ Ihre Hände verharren einen Moment auf dem Rücken der Frau auf der Liege. Oh, zwei Tage …
Sie hat sich so an ihr tägliches Beisammensein gewöhnt, die Abende, die Unternehmungen, die gemeinsamen Kletter- und Skikurse … immer noch neue Dinge, die sie lernt … Zwei Tage … *seufz* … Mir wird direkt was fehlen … Aber das muss ja sehr dringend sein mit der Tante … so schnell wie er wieder hinaushastete …
Lotta knetet weiter die Rückenpartie unter ihren Händen … in Gedanken ganz woanders … Ich war so geschockt im ersten Moment an dem Morgen … Sie hatte sich so schwach gefühlt, so wehrlos, so … ausgezogen – wie sie an sich irritiert feststellte! Und er lag da, in diesem Sessel. Ihr Hirn hatte noch nicht richtig funktionieren wollen … fragte sich die ganze Zeit, was die Nacht wohl geschehen war, während sie so halb ohnmächtig …
Erneute Panikwellen durchfluteten sie an den Tag, weil sie sich noch immer nicht vom Bett erheben konnte, Schamwellen durchkrochen sie von alten wieder aufglimmenden Erinnerungen, als sie … sich selber eine Zeitlang mit Alkohol allabendlich weggebeamt hatte und … für Takatuka nicht wirklich da war …, nach allem, was das Kind schon durchlebt hatte …
R a b e n m u t t e r! Wie ein Geier stürzte sich dieses Wort immer wieder auf sie hernieder! Auch andere Bilder und Gefühle von Verschleppung stiegen wieder auf, von Wehrlosigkeit, Ohnmacht … Die Bilder, die sie sich bis heute nicht auf dem Handy in der Küchenschublade anschauen könnte, selbst, wenn es funktionierte.
Und dann Ansgars wutentbrannte Tiraden, die auf sie hinabstießen, als sie sich noch immer kaum rühren, nur daliegen konnte und alles über sich ergehen lassen musste … Und die offenbarten, dass er wirklich die ganze Zeit plante, sich immer näher heranzumachen … sie quasi … aufzutauen!
Aber, hatte ich nicht auch … etwas mit dem Feuer gespielt? Signale gesendet oder … einfach … übersehen wollen, weil ich … „Autsch! Vorsicht! Ein bisschen mehr Konzentration bitte, ja?! Was machen Sie denn die ganze Zeit da?“ Oh, meine erste Kundenbeschwerde!!!!„Ich … Entschuldigung die Dame!“ Lotta bemüht sich um schnelle Wiedergutmachung. „Etwas Lavendelduft, Rosenöl? Heute im Preis mit inbegriffen!“ Ja, das nimmt die Kundin doch gerne mit.
Und wieder strömen die Erinnerungen ungehindert auf sie ein … Sie hatte so geweint, als er hinausrannte … und war so selig, als er zurückkehrte, sich entschuldigen konnte und … ihr seine Freundschaft anbot.
So hatte sie es sich doch gewünscht, oder? O d e r?