0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
7.2.1 – Djeannie in a Bottle ... Basar bizarr … (Teil 2)
https://www.youtube.com/watch?v=tzRFLMn4kpM
„Preity, du bist eine Schande für die ganze Familie! Dein schlechter Einfluss … nicht zuletzt auch auf die Tochter unseres Bruders …! Alles deinetwegen, dass sie fort ist!“ Die gescholtene junge Sportstudentin im Sari rollt mit den Augen. Diese Litanei ihrer älteren Schwester Rani kennt sie zuhauf. ‚Zuhause‘ verkleidet Preity sich zuweilen noch ein bisschen ihr zuliebe mit etwas Traditionellem. Ansonsten mag sie lieber salopp Jeans und T-Shirts.
Der noch wesentlich ältere Bruder Gopal hat mit eisigem Schweigen schon längst den Kontakt abgebrochen. Dort existiert Preity nicht mehr. Dessen Tochter, ihre Nichte, kennt sie kaum, wüsste also gar nicht, welchen bleibenden Eindruck sie hinterlassen haben sollte. Ja, sie haben mal länger geschwätzt auf einer der unsäglichen groß angelegten von unzähligen Verwandten überfüllten Familienfeiern. Irgendeine Hochzeit wohl wieder, gähn! Preity sieht sich gelangweilt auf dem Markt um. Was wollten wir hier?
„Es wird Zeit, dass du heiratest und ehrbar wirst! Du bist doch noch … unversehrt, Preity?“ Echt jetzt, glaubt sie das wirklich? Mit sechsundzwanzig? Seit zwei Jahren in der ‚Fremde‘ studierend? Im bösen, ausschweifenden Ausland? „Aber sicher doch!“, grinst die Studentin die Schwester an. Schein wahren, immer schön den Schein wahren.„Und? Suchen wir mir hier einen Heiratskandidaten? Guck mal da drüben, was hältst du von dem? Bietet Drei zum Preis für Zwei!“ Preity kann sich ein lachendes Glucksen nicht verkneifen. „Oder hier! Vielleicht zwischen den überreifen Tomaten!“, scherzt sie weiter. Prüft gleich einmal eine von den roten Früchten mit leichtem Druck zwischen ihren Fingern. „Bäh, sowas verkaufts du noch. Die sind doch kurz vorm Vergammeln. Letzte Woche schon geerntet oder was? Halber Preis!“, zeigt sie mit der anderen Hand feixend dem Fruchthändler an.
Schmunzelnd ersteht Preity am Ende eine große Tüte bester Tomaten zum Preis von zwei Dritteln. Ja, das kann sie noch, harte Verhandlungen am Markstand. Ansonsten entfernt sie sich doch sehr von traditionellen Gewohnheiten. „Na schau, Schwesterchen!“, schwenkt sie triumphierend die Tüte vor der Nase der anderen Frau herum. „Jetzt habe ich zwar noch keinen Bräutigam, aber schon mal ein paar wunderbare Grundzutaten zum Mittag!“ Die Monatelang unbenutzte Küche ist … leer! Preity frisch aus Britechester angekommen, war noch gar nicht in ihrer kleinen Wohnung gleich gegenüber vom Basar. Und eigentlich holt sie sich eher kleine günstige Imbisse von Märkten, als dass sie sonderlich kocht ... Aber heute, mit der Schwester … Die wird hoffentlich wissen, was man aus Tomaten machen kann …
„Ach du! Jetzt mach‘ nicht noch deine derben Späße darüber.“ Preitys Schwester wirkt ehrlich betrübt. Gerade erst am Flughafen abgeholt und sie macht sich schon wieder lustig … Der Sari ist aber auch die einzige Konzession an altehrwürdiger Kultur… Leicht verzweifeltes Kopfschütteln von Rani lässt Preity etwas einlenken. „Hei, Schwesterchen. Ich weiß, dass sie dir in der Familie alle wegen mir das Leben schwer machen …, aber … ich kann hier nicht mehr leben. Nicht … so! Ich find’s schön, dass wir uns noch treffen …“, was den letzten Rest an Durchsetzungsvermögen von Rani gegenüber ihrem Ehemann erfordert, der nicht gewillt ist, die ‚gefallene‘ Schwester der Gattin zu besuchen, noch dass die ‚sein‘ Haus betreten darf.
„Ich kann verstehen, wenn du mich eines Tages … nicht mehr sehen könntest, Rani!“ Nein, wirklich verstehen kann Preity es schon lange nicht mehr und es täte weh. Ihre ganze ‚Schande‘ besteht doch nur darin, ein selbstbestimmtes Menschenleben zu führen und tradierte Rollen nicht mehr als unumgängliche Festschreibung zu begreifen. Aber sie versteht den massiven Druck, dem ihre Schwester Rani ausgesetzt ist.
Wieder fast weinerliches Kopfschütteln der Schwester. Das Einzige, worin sie sich noch behauptet, ist Preity nicht ganz aufzugeben. Wir waren doch ein Herz und eine Seele in unserer Kindheit. Wie konnten wir uns nur so unterschiedlich entwickeln? Preity war ‚leider‘ schon immer etwas neugieriger auf die Welt gewesen, trieb gerne Sportarten, die nicht gerade als weibliche Disziplin angesehen und nur zähneknirschend toleriert wurden … Preity war einfach nicht aufzuhalten gewesen.
„Kommst du noch mit zu mir auf die Bude zu einem Mittagessen, suchen wir noch ein paar Zutaten, Schwester?“ Und wieder schüttelt der Kopf Ranis nur Verneinung. „Das möchte … er nicht!“ So weit geht ihre Durchsetzungskraft dann doch nicht. ‚Er‘ ist Ranis Gemahl und hat es verboten, Preitys kleines ‚unziemendes‘ Domizil aufzusuchen.
Preity lächelt nachsichtig. Was stellen die sich bloß vor, was da passiert …? Das kleine geerbte Appartement gleich neben dem Bazar verdankt sie einem Großonkel, der auch etwas aus der Art geschlagen war - für hiesige Verhältnisse - und seiner Lieblings-Großnichte mangels männlicher Erben ein Stück Unabhängigkeit vermachen konnte. Es zerriss sich aber alles das Maul, was dort in den vier Wänden wohl geschähe … Eine alleinstehende Frau … in eigener Wohnung … in Basarnähe …? Immer noch völlig unüblich bis undenkbar - selbst im modernen Indien … in der gebildeten aufstrebenden Mittelschicht.
Es war für Preity nicht zum Aushalten gewesen. Heute ist das Appartement nur noch Urlaubsdomizil für ihre Semesterferien. Nicht fein genug zur Ferienvermietung. Strom und Wasser sind abgestellt, solange Preity außer Landes in der Ferne in einem Studentenwohnheim lebt. Für ein paar Wochen im Jahr ist es ganz schön, die Düfte, Gerüche, Farben Indiens in sich aufzusaugen. Aber als alleinstehende Inderin selbstbestimmt in Indien leben?Das ist eher westlichen Reisenden für ein paar orientalische Schwärmereien vorbehalten, die diese Zwänge in ihren Ressorts gar nicht so mitbekommen.
Der Roséfarbene Anstrich von Preitys schlichten Refugium da drüben hat auch schon bessere Tage gesehen, wie ihr gerade auffällt. Fast ein Jahr war sie nicht mehr hier gewesen. Rani oder der Rest meiner Familie wird es wohl nie betreten …
„Ok Schwesterherz. Ist schon gut! Dann gibt’s die für mich … als Frühstückssalat!“, Preity versucht Rani wieder etwas aufzuheitern, als sie ihren Tomatenbeutel erneut in der Luft schwenkt. Bleibt also nur, weiter gemeinsam über den Markt zu schlendern … „Musst du ‚ihm‘ was vorweisen und noch irgendwas kaufen? So als Beweis, wo du warst, Rani?“ Preitys Schwester entfährt ein Seufzen. „Nun sei nicht so ungerecht. Er weiß, dass ich dich treffe. Ich durfte ja sogar den Wagen zum Flughafen nehmen, um dich abzuholen.“ Sie will es nicht, aber trotzdem entfährt der schnellzüngigen Preity daraufhin ein sarkastisches: „Wie gnädig!“ Um gleich schuldbewusst bei Ranis kurzem Zusammenzucken anzuschließen: „Tut mir leid! Ist … wirklich nett … von …ihm!“
Rani hätte es viel schlechter treffen können mit dem Ehegatten, weiß Preity. Selbst ausgesucht hat die Schwester ihren Mann nicht. Dass immer noch Ehen arrangiert werden … Für Preity undenkbar, sich darauf einzulassen. Wahrscheinlich ist meine Nicht vor so etwas abgehauen … Wer weiß, was mein Bruder plante. Preity bedauert nicht, dass ihre Sippe gute fünf Fahrtstunden von hier entfernt lebt, aber ja, sie weiß es zu schätzen, dass Rani den Wagen bekam, um sie vom Flughafen abzuholen.
‚Drei-zum-Preis-für-Zwei‘ – wie Preity diesen Blauhäutigen gerade für sich getauft hat, als sie sich seinem nicht gerade besonders gut bestückten Stand nähern – lupft gerade ein Tuch von einer Staffelei. Die Studentin tritt neugierig näher heran: „Das ist aber nicht von hier, oder?Die Umgebung, die beiden leicht bekleideten Mädchen …“ Der Stoff fällt wieder zurück und der andere Kunde, der mal schauen wollte, entfernt sich eilig. Preity hebt das Tuch einfach wieder an. Ganz gut, aber kein Monet! Das Bild wirkt völlig deplatziert hier und in Händen dieses Windeis, mhmmm …
„Was kostet es?“ Irgendwas berührt Preity an dem Bild. Zu teuer kanns nicht sein. Für meine kleine Wohnung hier doch ganz fein, … ein bisschen westlicher Touch. Vielleicht nehme ich es auch mit nach Britechester ins Studentenwohnheim. Rani blickt etwas beschämt zur Seite. Wie unanständig … Preity hat kein Benehmen!
„Also, das ist nicht allein verkäuflich … es gehört … zu dieser Flasche.“ Etwas verunsichert wägt der Meisterdieb die Geschäftslage ab. Der Gegenstand gehört zum Jungen … Wenn ich das separiere … Was könnte das … für die Bindung zur Flasche bedeuten? Nein, nein, nichts riskieren … „Nur zusammen verkäuflich!“, erklärt er Preity noch einmal strikt.
Etwas grinsend schaut die Studentin die Flasche an. „Da steht nur eine. Du bietest aber die ganze Zeit Drei für den Preis für Zwei an!“Was soll so eine Flasche schon kosten? Nehme ich sie halt zum Bild dazu. Etwas zweifelnd wägt der Meisterdieb ab, ob diese Kundin die Richtige ist, um den Inhalt des Gefäßes zu offenbaren. Scheinbar hat sie noch keine Ahnung …
„Was ist denn nun in der Flasche?“, fordert Preity vergnügt Auskunft. „Dschinns!“, raunt Rani ihr zu. Die Schwester hatte ein paar Wortfetzen vom Gespräch mit einem Kunden mitbekommen. „Komm‘ lass uns gehen!“ Preitys Schwester ist es etwas unbehaglich, aber die Studentin wird jetzt erst richtig interessiert. Sie ist Übersinnlichem nicht … ganz abgeneigt, wenn es nicht mit eingrenzenden Traditionen zu tun hat. Ein paar ‚experimentelle Studien‘ dazu … gab es bereits in Britechester, an die Preity gerne zurückdenkt, *seufz* …
„Drei für Zwei meint jetzt was …? Drei Flaschen oder … drei Geister in einer Flasche. Irgendwie stimmt dein Slogan wohl nicht! Und das Bild … gehört dazu? Wirklich?“Ein Bild, das auf eine Umgebung wie Britechester schließen lässt, aber gewiss nicht Indien? Preity ist sich nicht ganz sicher, aber ein wenig wirkt der Strandabschnitt wie die Gegend um das Festival vor ein paar Monaten … Wo war das gewesen? Die Insel von Windenburg?
Abschätzend blickt Preity den windigen Händler an … Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.„Was ist dein Preis?“, verlangt sie nun eindringlich Antwort. Am liebsten würde der Blauhäutige diese schamlose Nervensäge verscheuchen, aber vor ihm steht wohl eine recht harte Nuss. Die hat Haare auf den Zähnen! Die könnte am Ende noch … die Ordnungshüter rufen ...
Nach einer Viertelstunde zähem verbalen Gerangel muss sich der Meisterdieb geschlagen geben. Hier erzielt er heute keinen Umsatz. Die ganze Reise … umsonst! Dabei zweifelt sie … sogar am Inhalt. Dran wäre er auf jeden Fall gewesen bei Aufmarsch der Polizei. Weder darf man Flaschengeister handeln, noch unfreiwillig in Flaschen halten, aber auch keine leeren Flaschen mit vorgetäuschtem Inhalt veräußern. Wie man es dreht und wendet. Der Meisterdieb ist und bleibt ein eindeutiger Delinquent! Punkt. Drei Ausrufezeichen!!! Noch Fragen?
„Ha!“, schwenkt Preity die Flasche siegreich in die Höhe wie zuvor die Tomaten. 5000 Rupien, die sie hinblätterte, sind für sie nichts bei Umtausch der Währung und die hätte sie allein für das Bild gezahlt. „30.000 Rupien hatte er gewollt! Und nicht gekriegt …“ Preity amüsiert sich über den runtergehandelten Deal königlich.
Die Staffelei mit Bild wird auch gleich unter den Arm geklemmt … Etwas vollgepackt steht Preity lachend vor ihrer Schwester: „Und? Nehmen wir uns jetzt einen kleinen Imbiss?“ Sie ist ganz gespannt, ob sie nun reine Luft oder was wirklich Magisches erstanden hat. Aber das probiert sie erst später allein in ihrer Wohnung aus …
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Die ersten Tage hatte Nishay ganz gut gepackt, eigentlich besser als erwartet. Von dem Restgeld ihrer kleinen Fluchttruppe hatte sie sich erst einmal mit Lebensmittel auf dem nahestehenden Markt eindecken können. Der Schlüssel lag da, wo ihre eine Tante es mal einer anderen verraten hatte … auf einer der unzähligen Hochzeitsfeiern. Nishay hatte lauschend danebengestanden und es sich gut eingeprägt … Man weiß ja nie!, hatte sie damals noch gedacht.
Nun zahlte sich das Wissen aus, als sie sich nach der Zugreise vom Bahnhof hierher schlich und zu später Stunde im Halbdunklen endlich unbemerkt an das Versteck wagte.
Faszinierend, was diese Tante so alles in kleiner Runde vom Stapel gelassen hatte. Nishay gingen Ohren und Augen bei der Hochzeitsfeier damals über. Es gibt also anderes als vorherbestimmte Heirat, Kinder, Küche … und vielleicht noch ein bisschen arbeiten dürfen, solange der Ehegatte erlaubt.
Trotz guter Bildung ist eine eigenständige Erwerbsarbeit nicht einfach zugänglich für Frauen in Indien. Nishay war sehr gut in der Schule, wollte eigentlich mal studieren … Diese Tante damals auf der Hochzeit erweiterte schon irgendwie meinen Horizont … Aber ins Ausland zum Studieren gehen? Und Ehe mit Kindern hatte ich irgendwie doch schon auch gewollt …
Nishay hätte gerne beides. Hier! In Indien! Mit einem selbstgewählten Partner! Sie liebt Saris, den Tanz, die Musik, aber … nicht die Zwänge, also … nicht ganz so enge. Einige, naja, ok. Kann ja nicht alles auf den Kopf gestellt werden … Also ein bisschen Tradition ist doch gut, oder?
Aber dann kam Nishay unfreiwillig schneller ins ‚Ausland‘ … als ihr lieb war. Ins Serail! Und jetzt … fehlt mir ein Abschluss. Jetzt kann ich mich nicht mehr bei meiner Familie blicken lassen, dabei kann ich doch … nichts … für … für … diesen Schweinhund … Was mache ich jetzt bloß?
Der ehemals forsche Geist der jungen Frau, der sich im letzten Jahr trotz widriger Umstände nicht brechen lassen wollte, schrumpft nun doch in sich zusammen. Warum blieb ich nicht bei den anderen? Wieso nicht einfach … im Serail?Hier kann ich doch auch nichts mehr werden? Ich hab‘ doch keine Zukunft! Oder wenn ich doch mit Yuna und Khulan mitgegangen wäre … Nishay vermisst die beiden anderen Mädchen und hat noch keine Idee, wie sie weiter über die Runden kommen soll … als Minderjährige, als ‚Entehrte‘, ohne Papiere! Ohne Abschluss! Ohne Geld!
Seit zwei Tagen gibt es so gut wie nichts mehr zu essen in der Wohnung. Nur noch Wasser aus dem Hahn. Und sie hat das Gefühl, das Umfeld beobachtet sie. Eine junge Frau … allein … in diesem Land! Nishay versuchte mit durchgedrücktem Kreuz durch dieses Spalier an Nachbarn zu gehen, die merkwürdig guckten. Nur die Hausverwalterin steckte ihr heute Morgen heimlich was zu … Etwas Nan Brot, als ihr Magen plötzlich im Vorbeigehen knurrte. Das Wasser aus der Leitung kann Nishay auch nicht bezahlen. Sie hatte vernommen, dass zum Monatsende die Rechnung käme, weil es wieder angeschlossen worden sei. Irgendwie … hatte Nishay sich das alles leichter vorgestellt. Eine leere Wohnung, eine hilfsbereite Tante … Nishay hat kein Handy und … sie hätte auch keine Telefonnummer gehabt … So gut kennt sie ihre Tante nicht!
Die meiste Zeit liegt Nishay nur noch auf dem Bett, starrt den träge dahinschwingenden Deckenventilator an oder vergräbt schluchzend ihr Gesicht in den Kissen. Gerade heult sie wieder gedämpft in die Federn, hört nicht, wie sich die Haustür öffnet, die Zimmertür …
„Nishay?!!!!!“ Erschrocken fährt der Teen hoch … … … „Preity?!“
Tomaten rollen auf den Boden, Staffelei und Flasche krachen auch auf die Erde … als Preity auf ihre Nichte zustürmt.
„Verdammt!“ „Vorsicht!“ „Ahhhh!“
Mitten im Lauf hält Preity inne, blickt irritiert zu Nishay. Von da … kam dieses Stimmgewirr nicht her! Preitys Mine wird etwas streng. Ist Nishay nicht allein in der Wohnung? „Ist noch jemand hier? Wo … kommst du überhaupt her?“ Vorsichtig sieht sich Preity um, dann wieder auf die verzweifelt wirkende Nishay, die nun flehend die Arme nach ihr ausstreckt. „Tante, Tante, Tante …! Bitte hilf mir!“ Wieder bricht der Teen in Tränen aus. „Schscht, ist ja gut Nishay!“, streicht Preity der jungen Frau beruhigend über das Haar.
„Preeeeeeity!“ Wieder so eine kleine Stimme wie … von weiter weg … „Ist jemand im Nebenraum?“ Forschend schaut die Sportstudentin ihrer Nichte ins verweinte Gesicht. Leicht zitternd schüttelt Nishay den Kopf. Sie hat es auch gehört, aber … „Ich bin die ganze Zeit hier allein. Ganz allein!“, beteuert sie furchtsam, bettelt mit den Augen darum, dass Preity ihr glauben möge. „Preeeeeeeity!“ „Preeeeeettiiiii!“ „Priiiiiiitiiiiie!“ Das ist ja ein ganzer Chor mit …mindestens zwei Dissonanzen. Preity lokalisiert das Geräusch … am Boden! Die Flasche? ‚Drei für Zwei‘?
Die Tante bedeutet ihrer Nichte, ganz ruhig zu sein, hebt vorsichtig die Flasche an … Öffnen? Jetzt? „Hallo!“, versucht sie lieber erst einmal dicht am Flaschenhals. „Hallo! Hallo! Preity? Preity Shanty? Bist du es?“Oh ho! Preity staunt nicht schlecht. Was ist das für Zauberwerk?
„Wer da?“, antwortet sie lieber erstmal mit Gegenfrage. Wer weiß, was es bedeutet, seinen Namen in dieser Sache laut auszusprechen. Hab wohl wirklich ein ‚Schnäppchen‘ gemacht! Es bleibt ruhig in der Flasche. Die Gegenseite erwägt wohl das Gleiche, häh! Klein beigeben muss aber wohl, wer in der Flasche steckt, allen Regeln zufolge, oder? Dummerweise hat Preity aber auch so gar keine Ahnung von Regelwerken über Flaschengeister. Die studentischen Experimente waren doch recht anderer Natur und Kinkerlitzchen gegenüber dieser Angelegenheit.
„Sag mir deinen Namen!“, fordert Preity etwas beherzter heraus. Sie ist ja doch wohl jetzt Herrin dieses kleinen Geistleins, oder?
„Asante! Asante Ogbanda!“, entschließt es sich dann endlich von drinnen zu antworten. Preity fällt aus allen Wolken, aber die Flasche zum Glück nicht wieder aus ihren Händen. „Was für eine Teufelei …?“Erlaubt sich da jemand einen Scherz mit mir? Ist da ein Mikro drin oder so? Verdattert schaut sich Preity im Raum um. Versteckte Kamera oder was? Und mein irgendwie verschwundener Kommilitone biegt plötzlich lachend um die Ecke? Nishay erlebt bang die Verwirrung ihrer Tante mit. Die ganze Situation ist ihr alles andere als behaglich, wirkt einfach nur surreal.
„Preity, Hilfe! Bitte hol mich hier raus!“, drängt es wieder aus der Flasche hervor. Wer erfleht heute eigentlich nicht alles meine Hilfe? So langsam reicht es der Studentin! Mit Schwung reißt sie den Deckel auf, versucht, in die Flasche zu linsen. „Asante Ogbanda, zeig dich sofort, wo immer du auch stecken magst!“
„Dein Wunsch sei mir Befehl!“ Augenblicklicher Dunst steigt Preity ins Auge, Nishay weicht erschrocken zurück. Dichte Nebelschwaden ergießen sich über Preitys Hand. Immer mehr quellen hervor, fließen zu Boden und …. materialisieren sich!
„Asante!“ Mehr bringt Preity nicht mehr hervor, als der Sportstudent leibhaftig und in voller Größe grinsend vor ihr steht. Wie hat er das Kunststück fertiggebracht?
„Preity! Liebes!“ Was haben wir für ein Sauglück! Hatte er die Stimme doch richtig erkannt, aber erstmal abgewartet und nicht gewusst, wann es günstig erscheint … oder wie überhaupt sich bemerkbar machen … Spontan umarmt der Ex-Student die Ex-Kommilitonin und gibt ihr einen herzhaften Kuss. Macht alter Gewohnheit! Oh, wie hab‘ ich das vermisst! Asante genießt es sehr, Preity nach so langer Zeit wieder in den Armen halten zu können.
Es stimmt also! Hier geschehen unglaubliche Dinge in dem Appartement … Nishay, weiß nicht mehr, was sie noch glauben soll. Vishnu, Ganesha, ach alle Heiligen zusammen …
Asante lässt von einer etwas atemlosen Preity ab – Eindeutig! Asante! – als er sich der Gegenwart der anderen jungen Frau bewusst wird.
„Entschuldigung! Asante Ogbanda!“, verbeugt er sich leicht in Nishays Richtung und registriert, dass sie etwa in Keitos Alter sein könnte. Ein Teen! Der gerade keinen Ton mehr rausbringt! Also, ein bisschen Umsicht, ähäm!
„Asante! Erklär‘ mir das bitte! Was … was hat das zu bedeuten?“, fasst sich Preity langsam wieder und stellt sich ihrer leicht paralysiert wirkenden Nichte zur Seite, legt ihr schützend einen Arm um die Taille - auch um sich selbst zu beruhigen. Das ist doch alles recht unheimlich! L-lieber mal ein paar Meter … Abstand nehmen zum m-mysteriösen Geschehen …
„Können wir … erst noch … meinen Neffen und meine Cousine da rausholen?“, weist Asante auf die Flasche am Boden und beugt sich nieder, um auch Keitos umgekippte Staffelei mit Bild wieder aufzurichten. „Yuna!“ Ein Aufschrei entringt sich plötzlich Nishays Kehle. Bleich weicht die junge Frau zurück, kommt wie ein Plumpsack auf dem Bett zum Sitzen, als ihre Kniekehlen an die Bettkante stoßen. „Yuna …“ Diesmal etwas leiser.
Aufmerksam betrachtet Asante die Reaktion des Teens auf das Bild. „Du hast … dieses Mädchen schon mal gesehen? Wo?“, drängt er. Kamen sie hier entlang? Die südliche Seidenroute? Seine Muskeln spannen sich vor Aufregung an wie bei einem sprungbereiten schwarzen Panther, der gleich lossprinten will und nur noch auf das entscheidende Signal wartet … Sind wir vielleicht doch näher als wir dachten? Vielleicht sind sie sofort weitergezogen, als sie merkten, dass Farwanes Adresse überholt ist.„Sprich Mädchen!!!“, herrscht Asante den Teenager ungeduldig an.
„Lasst mich raus! Wo ist Yuna?“, donnert es jammernd aus der Flasche. „Keito ruhig!“ Eine weibliche Stimme versucht zu besänftigen…
„W-w-wie heißen sie? E-e-erst mal eins nach dem anderen! I-i-ich muss sie wohl … rufen. S-s-o als H-h-herrin der Flaschengeister!“ Preity ist sich gerade nicht mehr sicher wie sie ihre neue Rolle finden soll. Vorhin auf dem Bazar war das alles noch ein Heidenspaß gewesen, aber jetzt …