0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
7.3.1 - Dschingis Khans Erben ... Doppelt und dreifach …
„Keito!“ Eng schmiegt sich Yuna in der Nacht an Khulan, die kurz erwacht, schmunzelnd blinzelt und die treue Fluchtgefährtin weiterschlafen lässt. Schön, sie hat später auch jemanden! War jetzt schon das zweite Mal, dass der Name des Nachts fiel … soweit Khulan es mitbekam.
Die Mongolin hatte eine paar Gäule ‚organisiert‘. Na ja, sie hatten versuchten, Persien schnell hinter sich zu lassen, waren wie die Teufelinnen geritten … Ein paar Jagdwaffen sind dem versierten Teen auch noch ‚in die Hände gefallen‘. Miyu fragt nicht weiter nach. Yuna nimmts hin, versucht sich auch schon mit Pfeil und Bogen, saugt stolz jedes Lob über ihre Fortschritte von dem geliebten Mädchen auf.
„Uuuuaaaaaaa!“, reckt Yuna sich Stunden später, dehnt sich nochmal ausgiebig. Gar nicht so leicht auf harter Erde zu nächtigen. Khulan schielt sie grinsend von der Seite an: „Na, schön geträumt!“ „Nur von dir!“, lächelt Yuna kokett zurück. Und denkt innerlich etwas verlegen: Kann mich an nichts erinnern. Wie jede Nacht … traumlos. „Na klar!“, grinst Khulan breit und rappelt sich auch langsam hoch, streift sich ihre Klamotten und wieder ein Kopftuch über. Ob sie die Grenze bereits überschritten haben wissen sie nicht genau …
„Müssen wir das hier immer noch tragen!“, mault Yuna etwas rum, während sie nach ihren Sachen greift. Unangenehm diese Tücher, wenn es noch recht warm ist, aber bald wird es wohl eisig kalt, sagt Mum. Etwas unbeholfen bedeckt auch sie wieder ihr Haupt. Lächelnd rückt Khulan den Schleier um Yunas Gesicht zurecht: „So, jetzt sitzt es anständig! Da schaute noch eine Haarsträhne heraus. Ich bin mir nicht ganz sicher, was hier genau gilt. Auf jeden Fall sollten wir vorsichtig sein, wenn wir in die Nähe von Menschen kommen. Uns nicht … so berühren, dass sie denken …“ Yunas Augen weiten sich leicht erschreckt: „Ist … das hier verboten?“ Sie hatte davon gehört, auch dass es drastische Strafen geben könnte. Khulan zuckt nur mit den Schultern. „Weiß nicht so genau!“
Die letzten Sätze hat Miyu noch mitbekommen, die sich auch schon am Herrichten ist. Sorgsam schiebt sie die letzten herausblitzenden Haarspitzen unter ihr Kopftuch. Bloß kleinen Ärger heraufbeschwören. Drei ‚unbegleitete‘ Frauen erregen hier womöglich schon Aufsehend genug. Nicht geziemend gekleidet riefe vielleicht hiesige Sittenpolizeiauf den Plan und dann noch … zwei Mädchen, die sich lieben … keine Jungfräulichkeit mehr vorweisen könnten. Damit könnten wir doppelt und dreifach, ja vollends geliefert sein. Örtliche Regeln und Gepflogenheiten nicht zu kennen oder zu befolgen kann uns sehr gefährlich werden.
„Khulan hat recht, Yuna! Wir dürfen nichts riskieren!“ Umsichtiges Mädchen! Bestätigend lächelt Miyu der jungen Mongolin zu. Zu dieser Region, die sie gerade durchreisen hat Miyu keine spezifischen Informationen – unbekanntes Terrain für sie, reines Neuland. Die Länder auf der südlichen Route hätte Miyu besser einschätzen können. Sie werden noch diverse Grenzen passieren ….
Eilig prüft Yuna nochmal ihre Kopfbedeckung. Ihr wird ganz mulmig zumute. „Was … gilt eigentlich in deinem Land … für zwei Mädchen …, Khulan?“, fragt sie zaghaft an, wägt zum ersten Mal ab, was es bedeuten würde, dort mit der jungen Mongolin zusammenzuleben. Khulan will auf jeden Fall wieder in ihre Heimat zurück. Yuna liebäugelt immer mehr damit, dass Japan vielleicht als Ziel nicht mehr so erstrebenswert ist.
Miyu ist gespannt wie Khulan die Lage in ihrem Land einschätzt. Zumindest gesetzlich verboten ist gleichgeschlechtliche Liebe in der Mongolei nicht, weiß sie, aber wie der Alltag tatsächlich wäre … „Erlaubt, aber … nicht sehr geduldet! Weißt du, eigentlich hatte ich dort nie zuvor sich zwei Mädchen oder zwei Jungen oder so küssen sehen.“ Khulan zuckt gelassen mit den Schultern. Wahrscheinlich gibt’s nur welche in der Hauptstadt. Sie schnappt sich Pfeil und Köcher, schwingt sich auf den Rücken eines der Pferde und fordert die Freundin lachend heraus: „Los geht’s Yuna, wer zuerst was erlegt hat!“
Größtenteils hatten sich Yuna und Miyu in ihrem bisherigen Leben vegetarisch ernährt, aber eben nur überwiegend. Auf Forschungsreisen mit Jack war das selten möglich. Yuna hat ein bisschen Erfahrung, sich aus der Natur zu versorgen, aber mit Khulans Fertigkeiten kann sie natürlich keinesfalls mithalten. Pfeil und Bogen hatte sie höchstens zwei, dreimal im Leben in Händen gehabt, aber … sie ist sportlich und kann den Arm ruhig halten beim Spannen der Sehne.
Yuna hat auch eine gute Auge-Hand-Koordination und den sicheren Blick, etwas anzupeilen wie ihre Mum. Kletterkünste, Skiabfahrten und bei Miyu auch noch ein wenig das Schwertraining machen sich auf dieser recht anstrengenden Wanderung durch viel freie Natur gerade gut bezahlt. Ebenso Jacks Kenntnisse, die er ihnen immer wieder über die Jahre an seinen Forschungsstätten vermittelte. Sorge macht Miyu hauptsächlich der strenge Winter, der in Bälde auf sie zukommen wird und … die jeweiligen Landesgepflogenheiten für Frauen. Hier zumindest sollten sie wohl Städte soweit wie möglich umrunden. Ganz vermeiden lässt es sich wohl nicht, wenn sie etwas brauchen ...
Miyu bereitet schon mal das Lagerfeuer für ein Frühstück vor. Hauptsächlich steht jetzt Fleisch auf dem Speiseplan und Fisch, wenn sie an Flüssen und Seen vorbeikommen. Ein paar Beeren bietet die Landschaft auch und Kräuter für Tee. Ein paar davon hat Miyu schon gestern unterwegs gesammelt. Sie haben die Nacht in der Nähe einer kleinen Quelle kampiert, die ihnen jetzt Trinkwasser liefert. Drei Becher hatte Khukan auch noch für sie ‚mitgehen‘ lassen bzw. ihnen kurzerhand Füße verliehen. Ein Blechnapf ist das Mindestgeschirr aus ihrer Sicht, in das man alles einfüllen und eintunken kann, was man unterwegs so findet.
„Na, erfolgreich?“ Nur eine Stunde später sendet Miyu den beiden Teens einen warmen Blick zur Begrüßung entgegen und reicht schon mal heißen Tee als erstes an. Vergnügt hält Khulan ihre Jagdbeute in die Höhe: „Was gegen Fasan? Wer hat hier noch ein Hühnchen zu rupfen?“ Yuna hält etwas verzagter ihrer Mutter ein Kaninchen entgegen: „Es war … so süß!“ Ihr Blick drückt Betretenheit aus. Ganz so im Einklang ist Yuna gerade nicht mit der Natur. Aber … sie müssen etwas Essen. Miyu versteht. Auf eine Zielscheibe zu zielen ist etwas anderes als auf ein lebendes Wesen, nicht wahr, meine Tochter?
Wortlos übernimmt Miyu es, das kleine Pelztier auszunehmen und zu zerlegen, während Yuna etwas zwiegespalten dabei zusieht. Khulan nimmt sich gelassen des Federtieres an. Die Nahrung reicht für alle drei bis Morgen Mittag. Einen Fisch hätte Yuna durchaus ausgenommen und fragt sich noch, woran das liegt. Schuppen? Fell? Es hatte sich angefühlt wie ein kleines Kaschmir Häschen, als ihre Hand über das Fell kurz nach dem Erlegen strich, während die Augen brachen. So weich, so flauschig … Doch selbst ein Fisch hat Gefühl! Der Hunger treibt es dann aber rein … Bon Appetit!
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Einige hundert Meilen später ahnt Miyu ein wenig, wie der Hase hier läuft … Die Polizei ist absolut kein Schutz für sie … „Keine Papiere … Drei Frauen allein unterwegs? Wo … sind eure Männer?“ Sie waren geradewegs in eine Kontrolle geraten, konnten ihren Pferden nur die Sporen hoch ins Gebirge geben. Ein andermal war sich Miyu ziemlich sicher, beinahe erneut Menschenhandel in die Fänge zu geraten ... Am Rande mancher Ortschaften war unverkennbar einschlägiges Gewerbe in einem Ausmaß zu sehen, das man in einer Region mit recht hohem Sittenkodex erstmal nicht vermutet hätte und das sicher … kaum freiwillig ergriffen wurde.
Miyu versucht ihr Möglichstes, die beiden Mädchen aus allem rauszuhalten. Teilt ihre Beobachtungen nicht im Detail mit, versucht nur zu warnen, worauf sie achten sollten. Eine Gratwanderung, die sie innerlich oft verzagen lässt.
Nach Miyus Weisung hielten sie sich fortan nur noch weit abseits der Straßen, suchten ihren Weg nach Sonnenstand und Gestirnen bis Khulan eines Abends einen Freudenruf ausstößt … „Das erkenne ich wieder. Nur noch einen Tagesritt und wir haben die Grenze zur Mongolei überschritten.“ Der Gebirgszug in der Ferne kann ihnen jetzt zur Orientierung dienen. „Auf die Anhöhe etwa müssen wir zuhalten!“, weist Khulan in etwa die Richtung des nächsten Tages aus. „Danach dann noch über eine weite Hochebene …“
Sie machen an Ort und Stelle in dem unbewohnten Gebiet Rast, schlagen ihr Lager auf, da es Zeit für eine Mahlzeit ist, bald dunkel wird und alle sehr durchfroren sind vom stundenlangen Ritt. Khulan hat ihnen mittlerweile dringend benötigte warme gepolsterte Kleidung von einem einsamen Gehöft ‚borgen‘ können. Wie Diebinnen bewegen sie sich durch das Land. Aber der Winter schlägt hier jetzt unbarmherzig zu. Miyu hofft, dass die ‚beliehene‘ Bauernfamilie genug anderweitige wärmende Kleidung übrighat.
Den letzten Reiseabschnitt hatten sie ums tägliche Überleben kämpfen müssen, kaum Zeit für müßige Erwägungen über die Zukunft gehabt. Abends hatten sie sich nur noch übermüdet in dick gesteppte Schlafsäcke gerollt.
Khulan entpuppte sich als außerordentliches ‚Beschaffungs‘-Genie. Alles dringend Notwendige, was nicht niet- und nagelfest und ausreichend bewacht war, fand neue ‚Besitzerinnen‘! Selbst … ein witterungsbeständiges Militärzelt.
Miyu stochert versonnen im endlich hell auflodernden Feuer ihres Ratsplatzes herum. Yuna war gestern mit auf ‚Beutezug‘ gewesen und hatte glatt in einem anderen abgelegenen Gehöft ein paar Würstchen mitgehen lassen, die unter der Decke zum Räuchern hingen. Mit diebischem Grinsen spießt sie gerade eines auf und hält es in die züngelnden Flammen, bis es fein braun gebrutzelt ist und das triefende Fett sich zischend ins Feuer ergießt. „Köstlich!“ Begierig lässt Yuna es sich munden. Die Geschmacksknospen lechzen jetzt nach Kalorienreicher fettiger Nahrung, weil sie täglich viel verbrennen.
Miyu und Yuna sind drahtiger geworden. Die Knochen treten stärker hervor. „Mum, probier doch mal!“, bekommt Miyu ein aufgespießtes Würstchen gereicht. Khulan vertilgt schon ihr zweites.
„Danke, Liebes!“ Lächelnd nimmt Miyu die Gabe an. Sie ist hungrig, aber innerlich auch sehr aufgekratzt von dem, was sie die letzten Wochen gesehen und erlebt haben. Nirgendwo hatte es auf dieser Reise bisher in den Ortschaften Sicherheit für uns gegeben. Die Regelwerke waren … brachial in ihren Beschränkungen. Vereinzelt hatten wir Strafaktionen aus der Ferne beobachtet, einmal wie eine der Hatz einer ganzen Gruppe ausgesetzt war. Ich hatte die beiden Mädchen immer schnell weitergetrieben, damit sie nicht zu viel davon sahen oder wir selber noch unter Bedrängnis gerieten. Es war hart gewesen, nicht helfen und einschreiten zu können …
„Und wie schmeckt es, Mum?“, Yuna spießt sich mit fettigen Fingern freudig schon ein weiteres Würstchen auf, beglückt von so einfachen Dingen wie … gerade einen vollen Magen zu bekommen.
Unbewegt schaut Miyu einen Moment auf die Wurst in ihrer Hand. Sie hat zwar davon abgebissen, aber schmeckt kaum etwas. So viel hat sie mental zu verdauen ... von dem Erlebtem. „Wunderbar, Liebes!“, lächelt Miyu ihrem Kind warm zu. Ich wünsche dir eine bessere Zukunft, meine Tochter! Vorsichtig beißt Miyu noch ein Stück von ihrer heißen Wurst mit den Zähnen ab, um sich nicht die Lippen am erhitzten Fett zu verbrennen, während die Gedanken weiter fließen ...
Elani drängt sich Miyu in den Sinn: Auch sie war mehr oder minder geflohen beziehungsweise in eine ‚bessere Zukunft‘ geschickt worden und … war in der Fremde … in der Hölle gelandet. Deswegen heißt es wohl … ‚die Fremde‘ …, weil alles fremdartig ist! Neuland! Elani kannte die Gepflogenheiten, die Warnsignale nicht. Und dann hatte ich ihr - weiblich, schwarz - auch noch einen dritten ‚Makel‘ anhaften wollen … mich zu lieben! Sie wäre doppelt und dreifach von Abwertung betroffen gewesen. Was hatte ich mir nur gedacht? Und Jorunn? Hat sie den Weg gen Norden überstanden? Sie fehlen mir beide - wie auch Lotta! Was wohl aus ihr geworden ist?