0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
Miyu ist erleichtert, dass sie unbesehen und ohne weitere Vorkommnisse die Grenze zur Mongolei überschritten haben. Khulan und Yuna palavern vor ihr fröhlich schäkernd miteinander auf dem Rücken ihrer Pferde hin und her. Miyu trabt gemächlich hintendrein.
Yuna will noch ein bisschen mehr zu den Sitten des Landes wissen und ist heilfroh, hier nicht ständig zwangsweise ihre Haare bedecken zu müssen. Die weich gefütterte Mütze dagegen ist angenehm bei der klirrenden Kälte, die die Region gut im Griff hat.
Khulan ist Yuna nie so obersittsam erschienen wie die jungen Frauen in den anderen Ländern, durch die sie bisher gezogen sind. Die junge Mongolin kann reiten, mit dem Bogen schießen und ihre Heimatkluft lässt auch nicht auf überzogenes Reglement schließen, eher praktischen Nutzen. „Jungfräulichkeit? Pah, hier nicht so wichtig!“, hört Miyu Khulan gerade laut lachen. Was haben die gerade für ein Thema? Sie spitzt die Ohren …
„Viele haben schon vor der Heirat Kinder! Ich möchte auch bald welche … Mütter werden hier nämlich sehr verehrt!“ Yuna dreht Khulan etwas irritiert den Kopf zu: „Bald …?“ Was meint … Bald? „Na, wir warten nicht lange in meinem Volk. Je eher, desto besser!“ Für Khulan das Selbstverständlichste der Welt. „Aber … willst du nicht erst eine Ausbildung machen, eine Weile arbeiten?“ Yuna befremdet Khulans Zeitplanung gerade sehr. Woher sollen so schnell Kinder kommen? Und … sie ist doch noch gar nicht … volljährig!
„Ich hab‘ doch meine Arbeit! Das Vieh, Melken, Jagen, Kochen … und … Kinder versorgen! Oder meinst du so’n Job in der Stadt? Da gibt’s doch eh nicht viel. Also … nicht für Frauen. Außerdem ist Mutter werden doch das Wichtigste, oder? Ich meine … Nachkommen zu haben, die die Jurte übernehmen, das Vieh! Was soll denn sonst damit werden?“, fragend blickt Khulan kurz zu Yuna rüber, richtet dann wieder ihren Blick in die Weite der Landschaft. Die Freundin und Nishay hatten sich immer über ganz andere Sachen unterhalten, von denen die Mongolin teilweise nicht die Bohne verstand. Höhere Mathematik oder Programmieren ist nicht ihr Ding.
Yuna dreht sich im Sattel etwas ratlos zu ihrer Mum rum. Ihr Blick drückt gelindes Unverständnis aus. Ja, liebe Tochter … Fremde Länder, fremde Sitten.Solange Khulan damit im Einklang und nicht unter Zwang ist ... Yuna ist zwar viel mit dem Vater rumgereist, aber angesichts eigener Zukunftsplanung wird ihr manches in ihrem Alter jetzt erst klar wie unterschiedlich Vorstellungen und Lebensweisen sein können – und nicht nur interkulturell, mein liebes Kind! Ist ja zumindest beruhigend, dass hier keine Frau wegen Verlust von Jungfräulichkeit gepeinigt wird … Ja, das entlastet Miyu ungemein für Khulan!
„Wird dir … ein Mann ausgesucht!“, hakt Yuna vorsichtig nach, als sie sich wieder dem anderen Teen zuwendet. Oh je! „Wo denkst du hin! Mein Verlobter und ich haben uns ganz allein gefunden und erwählt. Du wirst sehen … Ein Prachtkerl!“, schwärmt Khulan. Abrupt zieht Yuna die Zügel ihres Pferdes an, das augenblicklich mit leichtem Schnauben zum Stehen kommt.
Miyu hat ihr Tier auch umgehend gezügelt, hält die Luft an …, blickt zu ihrer Tochter. Yuna! Da ist sie! Die Bombe, die die ganze Zeit im Untergrund tickte! Jorunns Warnung!
Minutenlang sitzt Miyus Kind stocksteif mit starren Augen im Sattel da, regt sich kein bisschen … Khulan schaut sie besorgt an: „Hab‘ ich was Falsches gesagt, Yuna? Sprich doch!“
„Wann hattest du mir das sagen wollen?“, schreit Miyus Kind fassungslos auf einmal auf, springt aus dem Sattel und versucht, irgendwohin wegzulaufen … in tiefem Schnee. Sinnlos. Sie kommt nur ein paar Meter weit, stürzt, bleibt liegen, heult wie ein Schlosshund. Gestern Nacht haben wir uns doch noch in den Armen gelegen! Und jetzt?
Khulan prescht gleich hinterher. Miyu ist sich gerade nicht sicher, ob sie die beiden das zuerst unter sich ausmachen lassen oder jetzt besser in Yunas Nähe sein sollte … „Aber … aber Yuna! Ich wollte dir doch nicht weh tun! Freundin! Liebste!“ Khulan drängt sich bereits an Yunas Seite. „Ich ... wir haben doch beide jemanden, der auf uns wartet. Ich war dir doch auch nicht bös‘ wegen … wegen … diesem Keito, Liebes!“
„Du hast mir doch auch nicht von ihm erzählt …!“, lächelt Khulan Yuna beschwichtigend an. Genau, habe ich nie! Woher …? Fieberhaft geht Yuna alle möglichen Situationen durch, der Tränenfluss ist gerade … etwas versiegt. Ich versuche die Gedanken an ihn stets wegzudrängen, weil … weil … es so furchtbar ist … „Hab … ich geredet? Im Schlaf?“ Das hat doch gar nichts zu sagen! Oder?
„Oh ja!“, lacht die junge Mongolin, als hätte sie einen erheiternden Scherz entdeckt, der die ganz Situation wohlmeinend auflösen würde. „Während du dich eng an mich kuscheltes! ‚Oh, Keito! Oh Keito …‘!“, imitiert Khulan schmunzelnd ein romantisches Seufzen. Yuna schießt augenblicklich Blut in die Wangen. „Ouuhhhh!“, versenkt sie ihr errötetes Gesicht beschämt in der nächsten Schneewehe!
Das darf doch alles nicht wahr sein! Jetzt ist auch Miyu aus dem Sattel gesprungen. Nähert sich den beiden langsam … Verdammt! Was war das nur für eine Beziehung mit Keito? Ich dachte … sie war … schnell wieder vorbei. Ich hätte wirklich mal mit ihr das Thema Verhütung anschneiden müssen! … … … Verflucht! Würde ich das … auch bei einem Sohn denken …? Ja schon, aber mich wohl weniger … über Schwangerschaften sorgen …
„Hei, Yuna!“ Sanft streichelt Khulan dem verlegenen Teen über den Rücken. „Für mich ist das alles ok. Ich hoffe, für dich auch. Ich möchte dich wirklich nicht als Freundin verlieren!“ Freundin? Freunde? Es ist alles so … verwirrend für Yuna! „Mum?!“ Miyu hört das klägliche Stimmchen ihrer Tochter und weiß, nun ist sie zum Trösten gefragt.
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Ja, Khulans Verlobter ist wirklich ein netter Bursche!, muss sich Yuna eingestehen. Die große Liebe? Mhm! Wer weiß!Aber sie wirken ganz zufrieden zusammen …
Sie selber versucht immer noch zu verwinden, dass es nur eine Liebelei war, wo sie mehr erhofft hatte. Yuna war richtig schwer verliebt in Khulan gewesen. Ist es noch ein bisschen, auch wenn sich das gerade sehr ernüchtert hat … Nicht wirklich wiedergeliebt zu werden … ist hart! Mein erster Liebeskummer? Gedanken an ihren ehemals besten Freund Keito mag sie nach wie vor kaum zulassen … Zu viel Schwere und Last … ist damit verbunden.
Khulan bleibt trotzdem eine super Freundin. Yuna wird nicht einfach plötzlich links liegen gelassen. Die Frauen der Jurte unternehmen viel gemeinsam - traditionell. Ein bisschen beobachten Miyu und Yuna dabei auch, dass kokettes Rumwitzeln miteinander dazu gehört … allein unter den Frauen. Darf man nur nicht falsch verstehen. Und wenn die Männer mit dabei sind, passiert es auch nicht.
Gleichgeschlechtliche Liebe wird besonders auf dem Lande von allen nicht gutgeheißen, hat Khulan auch nochmal verdeutlicht. Gesetzlich verboten ist es nicht. Das ist der härteste Teil für Yuna, neben ihr zu sitzen und plötzlich ist so vieles Tabu! Sie wagt noch nicht mal … an den noch als legitim eingestuften Späßchen der Frauen untereinander teilzuhaben. Auch Miyu hält sich zurück. Zu schnell könnte man … daneben liegen. Alles auch eine Frage von ausreichender Kenntnis hiesiger Sitten und Gepflogenheiten!
Am gelöstesten erscheint Miyu ihre Tochter noch, wenn sie allein mit Khulan zum Jagen oder Viehtreiben auf dem Rücken der Pferde unterwegs ist. Sie werden hier gut versorgt die letzten Tage, legen wieder Fettreserven zu und ihre Knochen treten nicht mehr so hervor. Miyu kümmert sich bereits um die Vorräte für die Weiterreise, denn klar ist …, dass sie nicht ewig bleiben können. Das … ist Yuna nicht mehr denkbar …
Oft sieht Miyu ihr Kind auch still in sich gekehrt vor sich hinstarren, bis Khulan sie mit sich reißt für irgendwelche neue Aktivitäten. Der jungen Mongolin sieht man an, dass sie schmerzt, der Freundin so weh getan zu haben. Vielleicht … versagt auch sie … sich eine Liebe und folgt nur Konventionen? Khulan versucht die Lage mit viel fröhlicher und forscher Ausstrahlung wett zu machen.
„Erzähl mir doch mal … von deinem Keito!“, versucht Khulan Yuna etwas aus der Reserve zu locken als sie wieder einmal allein zusammen ausreiten. Ein paar Ziegen sind entwischt und müssen wieder eingefangen werden. „Du kennst meinen Verlobten nun und … hast zu deinem … noch gar nichts erzählt!“ Ein schiefer Seitenblick trifft sie von der Freundin: „Keito und ich … sind nicht verlobt!“ Yuna hat bisher nichts zu ihren Fluchtgründen erzählt, oder warum sie mit ihrer Mutter auf so verzwickte Weise auf Reisen ist. Was … sollte sie jetzt also zu Keito sagen? Sie begreift es ja selber kaum … „Er war nur ein guter Freund!“, versucht Yuna eine Erklärung.
„Hat er dich nicht geliebt? Oh je, das tut mir leid!“ Khulan ist ganz betroffen. So eine Enttäuschung und ich dann auch noch … „Das … … … kann … man … jetzt nicht so … sagen!“ Klingt selbst in Yunas Ohren irgendwie hohl ... „Verstehe ich nicht!“ Versteht Khulan wirklich nicht! Jungen und Mädchen sind hier nicht einfach nur … ‚befreundet‘. „Iiiiich … … … auch … nicht!“ Nein, Yuna versteht sich selber nicht mehr. Noch immer schießt ihr leichte Röte in die Wangen, wenn sie an Khulans Uraufführung ihrer nächtlichen Seufzer erinnert wird. Klinge ich wirklich so?
„Ich hab‘ immer gedacht … … … ich wüsste …“Ja, was habe ich eigentlich immer gedacht? Resigniert zuckt Yuna die Schultern. Ist jetzt eh alles egal und vorbei. Keito und ich werden uns nie wieder über den Weg laufen! Erstaunt registriert Yuna, dass sich ihr Magen gerade schmerzhaft zusammenzieht, Tränen plötzlich aus ihren Augen hervorquellen, sie ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken kann: „Ich werde ihn nie wiedersehen. Er würde mich … hassen! Er war mal … mein bester Freund!“ Es war doch ein Unfall, nur … ein Unfall!
Sich diesem Gefühl von Verlust gerade zu stellen, was sie die ganze Zeit schon niederringen und zu verdrängen sucht, lässt Yuna fast zusammenklappen und vom Rücken des Pferdes rutschen. Geschwind schwingt Khulan sich hinter sie, hält sie fest in ihrem Armen, versucht zu trösten, auch wenn sie nur die Hälfte von dem begreift, was diese innere Schwere gerade auslöst.
Ganz wird ihr Yuna dies auch nie erklären können. Zu viel haben Keito und sie gemeinsam erlebt, und sie auch zusätzlich mit seinem Pa, was ihr Fassungsvermögen bei weitem übersteigt. Furcht und innere Flucht ließen kaum je wirkliche Gefühlsüberprüfungen zum ehemals Vertrauten zu. Neue Schluchzer lassen Yunas Schultern beben und Khulan … drückt sie noch fester an sich!
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„Wir schreiben uns wenigsten, ja Yuna?!“, Khulans flehentlicher Blick richtet sich abwechseln an die Freundin wie ihre Mutter. „Bitte Mum! Wenigstens Briefe. Die schicken wir Dad doch auch!“, bettelt jetzt auch Miyus Tochter. Der Tag der Abreise ist gekommen. Sie sind bestens ausgestattet worden. Die gesattelten Pferde fänden den Weg allein zurück an der Grenze zu China …, wenn sie sie dort laufen lassen. „Ja!“, lächelt Miyu beiden Mädchen zu. „Briefe sind in Ordnung!“ Khulan darf die Adresse in Japan erhalten.
Noch immer wehrt Miyu die Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln ab, falls irgendwann doch Ungereimtheiten zu ihrer vorgeblichen Bestattung aufgedeckt würden und es zu internationalen Suchbefehlen käme. Briefe in die Mongolei wären jedoch kaum zu entdecken. Auch zu Jack hin sieht Miyu kein Problem darin, außer, dass es immer über Postfach der Hauptstadt des jeweiligen Landes gehen muss, weil seine Forschungsstätte wandert und keine genaue postalische Adresse hat. Nach Miyus Kenntnisstand ist Jack mindestens bis zum Frühjahr noch in Kenia … Gestern haben sie einen Brief auf die Reise geschickt, dass sie wohl auf sind und über China und Südkorea weiterreisen würden. Hoffentlich kommt der Brief noch vor dem Frühjahr bei Jack an …
„Und …“, Khulan zögert etwas - immer noch aus schlechten Gewissen - aber sie hätte Yuna gerne dabei, „… kommst du … zu meiner Hochzeit … nächstes Jahr?“ Es ist Rührung, die Yunas Augen gerade leicht wässert. Sie werden Freudinnen bleiben können. Die Einzige, die sie in ihrem Leben vielleicht noch haben wird. „Ja!“, haucht Yuna. „Nicht wahr, Mum? Hierher geht doch ein Besuch, oder?“ Miyu zerreißt es fast das Herz. „Bestimmt, mein Kind!“ Was hätte Yuna sonst auch noch vom Leben? Die Mongolei werden sie schon packen und hier in diesen einfachen Jurten waren sie so sicher wie die ganze Zeit zuvor nicht mehr.
„Wir schicken euch auch Pferde bis an die Grenze für eure Wiederkehr“, beteuert Khulan vehement und wird vom allgemeinen zustimmenden Nicken ihrer Gemeinschaft noch bestätigt. Yuna und Khulan drücken sich noch einmal ganz fest, bevor Miyu und ihre Tochter aufsitzen.
Die ganze Sippe winkt ihnen freundlich hinterher und Khulan noch … bis Mutter und Tochter winzige Punkte am Horizont sind. Immer wieder hatte sich Yuna nach ihr umgedreht und zurück gewunken. Zuletzt ließ sie ihre Hand traurig sinken wie auch den Kopf. Ein sehr gastfreundliches Völkchen. Auch Miyu bedauert, weiterziehen zu müssen. Aber Yuna hätte nicht die ganze Zeit neben Khulan und ihrem Verlobten aushalten können … Das hatte sie selbst gesagt. Wir müssen uns nun auf den Weg konzentrieren, der noch vor uns liegt …