0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
7.3.3 - Dschingis Khans Erben ... Bis das der Tod uns scheidet … (Teil 2)
Zwei Tage später ließen Miyu und Yuna wie mit Khulan vereinbart die Pferde an der Grenze zurück und wanderten über die Chinesische Mauer zu Fuß weiter. Manchmal nahm ein Ochsenkarren sie ein Stück des Weges mit, bis sie letztendlich in Richtung eines dichten Bambuswald abbogen, um weiter auf die Küste des Gelben Meeres zuzuhalten.
Miyu hofft auf Mitfahrt in einer der Handels-Dschunken nach Süd-Korea und von dort dann auf eine Fährüberfahrt nach Japan. Vor allem spekuliert sie auf koreanische Handelsreisende, die sowohl zu China wie Japan Warenaustausch unterhalten und Übersetzungshilfen für Miyus Muttersprache gut entlohnen würden. Trotzdem weder Miyu, noch Jack oder Yuna bisher groß auf Traditionen der Ahnen setzten, waren alle drei einem Spracherhalt wie -ausbau recht verbunden. Allein, weil man sich damit besser durch die Welt bewegt. Jack beherrscht deshalb auch hinreichend Suaheli. Yuna nur wenige Brocken, dafür ist ihr Spanisch recht gut von vielen Forschungsreisen ihres Vaters in Mesoamerika her ….
„Oh, schau!“ wispert Yuna plötzlich ganz aufgeregt, während sie noch durch den Bambuswald streifen und deutet zwischen den grasgrünen Stämmen auf etwas weiß Aufblitzendes hin. Beide Frauen ducken sich und verhalten sich ganz still, als sich eine Panda Bärin mit zwei Jungen langsam auf sie zu bewegt. Ohne Scheu betrachtet und schnüffelt sie in Richtung der beiden Sims, die das gar nicht fassen können und wie eingefroren kaum zu atmen wagen.
Sehen die so schlecht?, fragt sich Yuna und wagt sich langsam mit einem Finger vor, als das Muttertier dicht vor ihnen steht. *Schlapp* wird daran herum geleckt. „Ihhh, das kitzelt.“ Yuna kann ein Lachen nicht unterdrücken und Miyu atmet schmunzelnd langsam wieder aus, noch immer schnelle Bewegungen vermeidend. „Scheinbar … sind sie Menschen gewöhnt.“ Yunas Mum versucht auch ihr Glück und ist wundersam verzaubert, wie weich so ein Panda Fell ist, als sie sacht mit einer Hand an der Flanke des Tieres entlangstreicht. Fast wie eine Katze schmiegt sich der lustige schwarzweiße Bär mit dem Clownsgesicht an Miyu ran.
„Huhuthut!“, hören sie auf einmal leise Rufe und die Bärin dreht sofort den Kopf nach hinten. Ein älterer Herr taucht im Dickicht auf, fixiert Miyu und ihre Tochter einen Moment überrascht aus dunklen mandelförmigen Augen über den Rand seiner runden Brillengläser hinweg, um dann in ein feines Lächeln überzugleiten. „Entschuldigung, ich hatte niemanden erwartet! Seid ihr … Touristinnen?“ Für Chinesinnen werden sie offenkundig nicht gehalten. Der Blick des Herren gleitet über ihre mongolisch geprägte Kleidung, die jetzt nicht gerade nach Urlaubsreisen aussieht. Die Bärin schmiegt sich währenddessen vertraut an den älteren Chinesen und auch ihre Jungen lassen sich ohne weiteres von ihm hochnehmen.
„Wir gehen jeden Tag drei, vier Stunden spazieren!“, erklärt der Herr lächelnd, als er Yunas erstaunten Blick auf die kleinen Fellknäule in seinen Händen folgt. „Möchtest du mal?“, hält er ihr eines der Jungtiere entgegen und Yuna nickt hoch erfreut, stahlt wie ein Honigkuchenpferd. Auch Miyu ist ganz beeindruckt. Seit der Mongolei fühlen sie sich insgesamt sicherer als allein reisende Frauen. Niemand tritt ihnen ständig zu nahe oder erwartet ehrerbietigste Unterwerfung. Und dann kreuzen noch diese kleinen niedlichen kuscheligen Bärchen ihren Weg. Ach, bei allen Entbehrungen … Das Leben fühlt sich gerade mal richtig schön an für einen Moment.
„Wir … sind auf der Durchreise!“ Miyu hat nicht das Gefühl, ganz so verhalten sein zu müssen wie auf ihrem Reise-Abschnitt vor der Mongolei. Auch die Mitnahmen auf dem Ochsenkarren waren jetzt völlig unverfänglich verlaufen. Einfache Gastfreundlichkeit für ein paar müde Wanderinnen wurde gewährt ohne Erwartung irgendwelcher Gegenleistung, außer ein wenig Geplauder. Für Einheimische werden sie zwar nicht gehalten, aber doch äußerlich nicht als so exotisch abweichend eingestuft.
Merkwürdig wie es auf die Gemüter Einfluss nimmt … Das vertrauter Wirkende. Es spielt oft doch mehr eine Rolle als man sich selber eingestehen mag. Miyu fragt sich nicht zum ersten Mal wie es um ihre eigene Toleranz bestellt ist, als sie sich dem älteren Herrn schon ein bisschen vertrauensvoller zuwendet. Es ist immer wieder eine Gratwanderung und Selbstüberprüfung … interkulturell … intersektionell … interpersonell. … Und nicht immer ist es leicht zu erkennen oder einzuordnen, was einem begegnet – auch an eigenen blinden Flecken.
„Wir suchen einen netten Rastplatz für unser Picknick.“, klopft Miyu erklärend auf den umgehängten Vorratsbeutel, die tristen Gedankengänge mit einem Lächeln verdrängend. „Wissen Sie eine gute Stelle?“
Der Senior klatscht entzückt in seine Hände: „Oh, es wäre mir eine Ehre, euch in mein Haus einzuladen. Es ist nicht weit von hier. Meine Frau wäre auch ganz begeistert. Wir haben nicht oft Gäste in dieser Gegend und dann noch aus der Ferne … Gerne würden wir euren Worten und Berichten lauschen, was sich draußen in der Welt so alles tut! Und … wir sind hier nicht so … förmlich.“, bietet der Herr schmunzeln an, auch ihn zu duzen. „Hua!“, stellt er sich mit Vornamen vor. „Meine Frau Li bereitet um diese Zeit schon langsam den Tee zu. Kommt, kommt …“, winkt der freundliche Gastgeber sie hinter sich her und Yuna stiefelt leutselig mit einem der Pandajungen auf dem Arm gleich hintendrein. Lachend folgt auch Miyu.
Nach einem halben Kilometer durch tiefen Schnee sehen sie ein ganzes Dorf aus landestypischem rot gezimmertem Gehölz vor sich. Hua steuert auf eines der Häuser zu: „Bitte, bitte, tretet ein!“, und strebt dann weiter ins Innere. „Li, Li setzt mehr Tee auf, wir haben Gäste. Zwei weibliche … Gäste!“ Miyu muss etwas grinsen. Ob die Betonung wichtig ist, dass wir weiblich sind?
Sofort taucht aus einer der offenen Türrahmen ein silbergrauer Schopf auf. Eine ältere Dame schaut sie mit großen Augen an, in denen sich ein warmes Leuchten entzündet. „Oh Gäste! Wie wunderbar! Der Tee ist gleich fertig, nehmt doch bitte Platz.“ Hua hört man im Haus scheinbar eine ganze Familie zusammentrommeln. Kurze Zeit später kommt er eilfertig um die Ecke gelaufen. „Die Teezeremonie ist die wichtigste des Tages. Die Familie sitzt dann beisammen. Hach, ist das ein schöner Tag. Willkommen, willkommen. Setzt euch doch, bitte.“ Li kommt auch schon mit dem Teetablett recht rüstig für ihr Alter um die Ecke gefegt. Sie wirkt ein bisschen aufgeregt.
Gäste müssen ja hier wirklich etwas Seltenes und Besonderes sein!, denkt sich Miyu erheitert. Yuna grüßt die Dame des Hauses sehr höflich, scheint aber ansonsten ihr Herz und ihre Aufmerksamkeit gerade an das kleine Pandajunge verloren zu haben. Ja, irgendetwas muss man seine Liebe schenken dürfen. Hach mein Kind. Wenn der Shiba erstmal wieder bei uns ist. Vielleicht … sollten wir uns auch ein paar weitere Tiere halten … für Yuna. So mangels … anderer möglicher Gesellschaft.
„Mein Ältester Han!“, stellt Hua gerade einen Sohn mittleren Alters vor, der den Raum betritt. Miyu nickt dem Neuankömmling freundlich entgegen. „Liu …“ Noch ein Sohn. Miyu nickt einfach immer höflich weiter bei jeder Person, die sich noch dazugesellt. „Und unser Jüngster Ming!“ Der junge Mann scheint so um die Mitte zwanzig zu sein. Stolz präsentiert Hua wie eine Panflöte strammer Stammhalter seine drei Söhne, die leicht schüchtern zu Miyu und ihrer Tochter rüber blinzeln und sich mehrfach artig verbeugen, bevor sie sich um den Tisch gruppieren.
Höm! Leicht suchend blickt Miyu sich um. Kinder, Frauen? Keine sonst im Haus außer die ältere Li oder müssen sich die anderen Damen im Hintergrund halten? Oder …?„Ach, die Söhne gerade auf Heimatbesuch? Das ist aber schön!“, versucht sich Miyu im Plauderton. Familie wird in manchen Kulturen doch noch sehr in Ehren gehalten … „Oh nein, sie leben alle noch mit uns!“, wird Miyu von der warmherzigen Li aufgeklärt. „Und alle noch unverheiratet!“, ergänzt Hua ohne Scheu ungefragt, was die Söhne alle etwas verlegen auf ihre Teetassen starren lässt. Nur der ältere wagt noch einmal einen heimlichen Blick auf Miyu.
„Was bringt euch in diese Gegend?“ Die liebe Li zeigt sich bereit, erst mal einfach nur Konversation zur allgemeinen Auflockerung zu betreiben. Miyu steigt darauf ein, lobt den wirklich vorzüglichen Tee, berichtet von unverfänglichen Anekdoten am Wegesrand ihrer Reise. Einmal schaut Yuna leicht Brauen runzelnd wie schmunzeln zu ihrer Mutter rüber, weil die sich gerade eine leichte Räuberpistole mit Unterhaltungswert ausdenkt, um nichts von dem eigentlichen fluchtartigen Reisegrund zu offenbaren.
Ansonsten bespaßt Yuna die beiden Panda Bärchen weiter und hält sich in der Kommunikation zurück. Die ihr geltenden Blicke aus den Augenwinkeln des jüngsten Sohnes entgehen ihr dabei glatt. Miyu dagegen nicht.
„Oh, das war aber eine weite Fahrt bis hierher. Ans Gelbe Meer wollt ihr?“, hilfesuchend blickt die ältere Dame ihren Gemahl an. „Das ist noch ein wenig Weg zu Fuß. Die beiden können doch erstmal … hier bei uns noch … eine Weile ausruhen oder was meinst du, Hua?“ Der Kopf des Alten wackelt freudig auf und ab. „Aber natürlich, natürlich! Meine Söhne rücken zusammen und dann habt ihr ein Zimmer ganz für euch allein!“
Das Angebot ist wirklich … sehr verlockend, gerade auch wenn Miyu die Kräfte ihrer Tochter bedenkt. Es wäre schön, nach den letzten Tagen mal wieder in weich gepolsterten Betten zu schlafen und ein wenig zu verweilen … Das Haus ist angenehm, Hua und Li warm- wie großherzige Gastgeber, die … Söhne … nicht … unfreundlich. Doch Miyu entscheidet nach dem offenkundigen ‚Heiratsaufgebot‘ lieber anders …
„Ich denke, wir müssen leider weiter. Der Tee war wirklich … vorzüglich … Wir möchten eure Gastfreundschaft nicht über Gebühr beanspruchen.“, bedankt sich Miyu höflich. „Aber …“, fällt ihr Yuna überrascht ins Wort, sieht den warnenden Blick ihrer Mutter und verstummt, ohne zu verstehen, warum das Signal zur Vorsicht gerade hier ergeht. Enttäuscht schaut sie auf die Panda Bärchen runter, krault ihnen die kleinen Öhrchen.
„Nicht mal ein paar Tage wenigstens Mum?“, maunzt Yuna dann doch ein bisschen rum. Die Füße tun ihr von den langen Märschen zuletzt schon noch ein bisschen weh.
„Ihr bekommt das größte Zimmer mit dem schönsten Ausblick auf die Bambusberge und die Pandas schlafen da auch mit drin!“, springt Ming, der Jüngste, entgegenkommend auf und schnappt sich einfach Miyus und Yunas Gepäck. „Ich bringe eure Sachen schon mal hoch. Soll ich es dir zeigen, Yuna!“, bietet er gleich an. „Oh ja, Mum, bitte!“ Yunas Flehen mit diesem kleinen Plüschball auf dem Arm bringt Miyu wahrlich in eine Zwickmühle. Sie will diese überaus freundlichen Gastgeber auch nicht einfach vor den Kopf stoßen. „Ok, eine Nacht können wir bleiben! Aber Li und Hua, wirklich - wir … müssen morgen weiter.“, gibt Miyu bedauernd zu bedenken. In gewisser Weise ist sie wirklich untröstlich. Hier schwingen nur Hoffnungen im Raum, keine bösen Absichten, will es ihr scheinen.
Vermutlich gibt es … Frauenengpass in der Gegend und die beiden Alten hoffen für ihre Söhne auf jedes weibliche Wesen, das des Weges daherkommt. Miyu hatte davon schon gehört, dass ganze Dörfer in diesem Land eklatant betroffen seien. Indien sei noch stärker belastet ... Selbst in Osteuropa hat es scheinbar schon in einigen Ländern Einzug gehalten, wie einige auffällig verschobene Geburtenraten vermuten lassen: Pränatale Geschlechterselektion zugunsten erwünschter Stammhalter. Die Geburt eines Mädchens wird oft als Belastung angesehen … Und keine*r hat mal nachgerechnet, wohin das führt.
Li und Hua senken etwas betrübt das Haupt. „Natürlich, wenn ihr weiter müsst …“ zwei weitere Köpfe sinken frustriert herunter, nur der mittlere Sohn Liu seufzt erleichtert auf … Miyu empfindet Mitleid, trotzdem das Ungleichgewicht wohl aktiv herbeigeführt wurde … aus falsch verstandener Tradition oder Zwängen des Umfeldes. Yuna hingegen folgt Ming gespannt in den nächsten Stock … Den kleinen Panda schleppt sie gleich mit hoch.
~~~~~~~
„Die Aussicht ist ja wundervoll!“ Begeistert dreht sich Yuna zu Ming um. „Danke! Das ist echt nett von euch, für uns zusammenzurücken.“ Der kleine von ihr durchgekraulte Panda möchte nun endlich mal wieder festen Boden unter den Füßen und zappelt etwas rum. Er hat auch ein Spielzeug in der Ecke des Raumes entdeckt, dass er erkunden möchte. Lächelnd lässt Yuna das kleine Fellknäul runter. Irgendwie fühlt sie sich gerade ganz wohl hier.
„Vielleicht, können wir deine Ma ja doch noch etwas zum längeren Bleiben überreden, wenn sie erstmal auch einen Blick aus dem Fenster geworfen hat.“, grinst Ming Yuna verschmitzt an. Er ist weniger scheu als seine älteren Brüder. „Au ja, das versuchen wir!“, steigt Yuna gleich angetan auf den Vorschlag des jungen Mannes ein.
„Ich könnte dir sogar noch kleine rote Pandas zeigen, die im Bambuswald umherstreifen, Yuna. Ich kenne alle ihre Verstecke … Wir müssen ganz vorsichtig sein, um sie nicht zu erschrecken.“ Der junge Mann gefällt Yuna. Prima Kumpel ‚zum Pferde stehlen‘. Sehr nett … Ein bisschen abenteuerlustig wie Khulan …
Miyu tritt in Begleitung Lis ein. Die ältere Dame bemüht sich gerade sehr, ungezwungene Gastfreundschaft zu vermitteln. Zu unangenehm ist ihr nun die zu offenkundige ‚Brautschau‘ ihrer ersten höflichen Geste geworden. „Natürlich Miyu, könnt ihr länger verweilen und bitte mache dir keine Gedanken über irgendwelche … Erwartungen. Deine Tochter wirkt … etwas erschöpft und du auch. Ihr braucht Ruhe.“ Lis Stimme ist nur für Miyus Ohr hörbar gesenkt. Dankbar lächelt Miyu die ältere Dame an. Sie verstehen einander. Mutter und Tochter haben hier nichts zu befürchten.
„Ja, so zwei Tage ist wohl in Ordnung.“, äußert Miyu für alle laut vernehmlich und Yuna fliegt ihrer Mum in die Arme, herzt und küsst sie auf die Wange. „Bist die Beste, Mum. Schau doch nur mal. Ist der Ausblick nicht fantastisch …?“ Li beobachtet wehmütig die Szenerie und trauert um ihre drei nie ausgetragenen Töchter. Hua ist ein lieber Mann, aber Töchter versorgen nun mal nicht die eigenen alten Eltern, nur die des Mannes. Jede*r versucht die Töchter der anderen in das eigene Haus zu bekommen, will sie aber nicht selber aufziehen … Jetzt … gibt es kaum mehr welche in unserer Gegend.
Ming ist auch ganz begeistert. „Sollen wir gleichmal draußen suchen gehen, Yuna … Ist noch die beste Tageszeit für die kleinen roten jetzt.“ Den strengen Blick der Mutter übersieht er angelegentlich ein bisschen. Fröhlich schwätzend eilen die beiden jungen Leute hinaus.
„Du bist gesegnet, Miyu!“ Lis leicht melancholischer Blick folgt Yuna einen Moment. „Muss ich mir Gedanken machen, Li?“ Die ältere dreht sich wieder um. „Nein, nein. Sie sind anständig erzogen. Hua ist ihnen ein vorbildlicher und liebevoller Vater. Wirklich, Miyu!“ Einen Moment blicken beide Frauen schweigend zum Fenster auf die wirklich prachtvolle Landschaft hinaus, die sich da vor ihren Augen ausbreitet.
„Es war … lange … nur ein Kind erlaubt.“, setzt Li an, die glaubt, irgendwie eine Erklärung schuldig zu sein. „Zwei … haben sie uns dann zugestanden, weil hier draußen kaum jemand von der Altersvorsorge leben kann und Söhne die Existenz sichern.“ Eigentlich … hätte eines … ein Mädchen sein müssen. Und eigentlich … ist vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung gar nicht erlaubt. Aber die Realität sieht anders aus.„Heute dürfen alle zwei Kinder haben!“
Miyu legt der Älteren einen Arm um die Schulter, drückt sie ein wenig. Ja, sie versteht schon … Nicht nur Traditionen, sondern auch das ökonomische Interesse an Reproduktion und Fruchtbarkeit rückt bei staatlicher Bevölkerungsplanung Frauen in den Mittelpunkt des Interesses und bestimmt den Diskurs um das Recht am eigenen Körper. Die einen dürfen nicht, die anderen müssen … abbrechen! Wie oft Li das musste, bis es Jungen wurden … möchte sich Miyu gerade nicht ausmalen ...
„Für Ming mussten wir dann wirklich Strafe zahlen!“ Er war nicht geplant, aber ein weiterer Abbruch gesundheitlich für Lis überforderten Körper auch nicht mehr möglich. Hua hatte so gefleht, keinen weiteren Eingriff vorzunehmen - aus Angst, seine Frau zu verlieren.
Der ältere Herr tritt von hinten leise an die beiden Frauen heran, stellt sich auf Lis andere Seite. Miyu zieht ihren Arm zurück bei seinem liebevollen wie demütigen Blick. Sanft greift er nach der Hand seiner Gemahlin: „Ich hätte stärker und mutiger für uns beide sein sollen!“ Zärtlich drückt Li seine Hand, die ihn liebevoll anlächelt. Hua ist ein guter Mann. Die Umstände sind es nicht. Und ich war ihm eine gute Frau, die immer an seiner Seite bleibt - bis dass der Tod uns scheidet. Li hatte nie anderes in Betracht gezogen. Sie hat es nie anders kennengelernt … wie Hua.
Der Blick des älteren Herrn wandert zu Miyu, einen kurzen Moment schauen sie sich freundlich an. Der Ausdruck seiner gütigen Augen versichert ihr, dass sie nichts zu befürchten hat. „Liu kann euch die nächsten Tage mit seinem Laster mitnehmen, Miyu. Er bereist öfter die großen Städte an der Küste.“ Hua weiß schon lange, dass sein mittlerer Sohn sich auf diesen Fahrten nicht … nach Frauen umschaut. Und er begreift, dass er diese nette Frau und ihre Tochter nicht einfach als potenzielle Heiratskandidatinnen für seine ledigen Söhne betrachten kann. Vielleicht findet noch der Jüngste wenigstens eines Tages sein Glück …
~~~~~~~~~
Yuna ist ganz verzückt. „Der rote Panda hat ja zwei, drei, nein … vier Junge. Oh Gott wie süß.“ Ming steht dicht neben ihr, deutet immer wieder in verschiedene Richtungen, wo es etwas zu sehen gibt. „Wieviel möchtest du mal, Yuna!“, hört sie dich an ihrem Ohr. „Wie?“, dreht sie sich irritiert um und schreckt leicht zurück, so nah ist sein Gesicht. Plötzlich ist es Yuna etwas unbehaglich zumute und sie sucht etwas Abstand. Ming zieht sich auch höflich zurück.
„Ich bin … erst sechzehn!“, stellt Yuna nervös schnell mal klar. „Na, nicht doch jetzt schon!“, gibt Ming etwas entschuldigend von sich. Na, niemals!, denkt Yuna … für den Moment. Eben war doch noch alles so locker flockig fröhlich … „Du bist süß, Yuna!“ Nein, ich bin verlegen! „Natürlich jetzt noch zu jung …!“ Dafür ist man nie zu alt, zu jung zu sein … ewiglich. Oh Gott, hör bitte auf zu quatschen. Was hab‘ ich denn bloß falsch gemacht? Yuna fällt wieder der warnende Blick ihrer Mum ein.
„Hab‘ ich … dir … irgendwas … signalisiert? Dann … dann … tut mir das leid, weil …“ Yuna weiß gerade nicht weiter. „Hast du nicht. Nein! Mir sollte es leidtun, Yuna. Ich … hab dich einfach überfallen … damit! Nur, ihr seid … vielleicht nicht mehr so lange hier! Und mir bleibt nicht viel Zeit!“ Ein bisschen blöd kommt sich der wesentlich ältere Ming schon vor. Sie ist wirklich recht jung und eigentlich …
„Zeit wofür?“, entfährt Yuna etwas unwillig. Hat der Not oder was? „Eine Braut zu finden!“ Yuna bleibt der Mund offenstehen. „Ich bin schon Vierundzwanzig!“ Klingt als müsste Yuna jetzt irgendwas begreifen, tut sie aber nicht außer ‚nein, nein, nein. Ich will nicht!‘ „Ich … bin … immer noch … sechzehn!“ Hilfesuchend schaut Yuna sich um. Das Fenster, an dem Mum stehen könnte, ist zu weit entfernt.
Ming senkt den Kopf, packt sich ins Genick, schüttelt leicht den Kopf über sich selbst. Genau! Was mache ich hier gerade! Er hebt wieder leicht das Gesicht. „Entschuldige … es war nicht ok! Du … bist nicht von hier! Keine Sorge! Ich … Vergiss es bitte, ja?!“ Etwas Verzeihung heischend, schaut Ming sie reumütig an. „So … schlimm hier?“, Yuna wundert sich sehr. Ming kommt ihr eigentlich sonst recht freundlich vor, irgendwie bedauert sie ihn fast ein wenig. Müssen ja doofe Zwänge hier sein. Wo gibt es eigentlich mal keine? „Erklär’s mir!“ Wie Yuna halt so ist, wenn sie helfen kann … Aber nicht mit Heirat oder so etwas.
Ming umreißt Yuna kurz das Problem des Frauenmangels während sie weiter durch den Bambuswald schlendern. Sie hat keine Sorge mehr vor ihm, weil der junge Mann keine weiteren Avancen unternimmt und eigentlich so nett wie vorher ist. Nur die Gegebenheiten sind es für Yuna nicht… Viel weniger Mädchen? Dies wird eindeutig nicht mein Land! Ming - wieder ganz Kumpel - macht noch auf weitere rote Pandas aufmerksam und Yuna hatte einen interessanten wie Nachdenkens werten Nachmittag.
~~~~~~~~~~
„Es war wirklich eine nette Familie, Mum. Sie tun mir irgendwie leid!“ Ein paar Tage später sitzen Miyu und Yuna auf einer koreanischen Handelsdschunke. Liu entpuppte sich auf der Herfahrt als äußerts geselliger Unterhalter, der seine Späße darüber machte, dass sie alle drei der Hochzeitsfalle entkommen seien. Er hatte schnell gemerkt, dass er vor Miyu und Yuna seine Vorliebe für seine Geschlechtsgenossen nicht verstecken muss.
Miyu dreht sich um, als sie vom Kapitän gerufen wird. Ein weiterer Händler an Board braucht ihren Dolmetscherdienst. Der Schiffsführer zweigt sich was für die Vermittlung ab, aber für Miyu und Yuna bleibt trotzdem noch einiges übrig.
„Sie wollen weiter nach Japan? Ja, können Sie dann noch einen Auftrag annehmen?“ Geschwind setzt der chinesische Händler Miyu nach einer Verhandlung mit einigen japanischen Handelsreisenden noch die anderweitige Aufgabe auseinander, ein Paket zu einem Vertragspartner an der Westküste Koreas zu liefern. „Das müsste doch auf Ihrem Weg liegen. Ich übernehme dann sogar Ihre Busreise!“ Kommt den Händler bei den Spottpreisen günstiger als eine Sonderbeförderung über Paketdienst oder selber zu fahren und spart ihn Zeit. Zeit ist Geld …! Für Yuna muss Miyu natürlich selber zahlen, aber das deckt das Einkommen, was sie gerade erwirtschaftet hat, auch ab und reicht noch für Verpflegung unterwegs.
Miyu erscheint dem Händler recht kompetent und vertrauenswürdig. „Ich werde Sie gerne weiterempfehlen, wenn die Ware gut angekommen ist - ohne Schäden und vollständig.“ Selber nur Zwischenlieferant, weiß Miyus Auftraggeber gar nicht mal, was eigentlich transportiert wird. Solange das Geld stimmt … ihm auch egal. „Kommt aus ‘ner fernen Gegend, Forbidden Hollow oder so!“, erklärt der Händler Miyu gewichtig, damit sie sich der Bedeutung des Auftrages und seiner Gunst, ihr diese zu übertragen, auch ganz bewusst wird.
Irgendwie ist uns das Glück doch gerade hold, je näher wir an Japan heranrücken! Miyu hält es für ein gutes Omen. Sie können sich leichter vorwärtsbewegen, werden nicht ständig bedrängt oder müssen mit viel Kraftaufwand ihre nächste Nahrungsquelle auftun. Und es klappt mit Jobs unterwegs, so wie sie es sich von Anfang an erhofft hatte. Sie haben sich mit Lis und Huas Hilfe unauffälliger für die Umgebung eingekleidet. So hofft Miyu, im Fluss mit den Händler*innen im Hafen ohne Ausweise unbemerkt durch die nächste Passkontrolle in Südkorea zu flutschen.
~~~~~~~
Fuhhh, das war eindeutig eine spottbillige Busreise … Miyus und Yunas durchgerüttelte Knochen und Gelenke machen sich schmerzhaft bemerkbar. Von der Ost- zur Westküste waren es nur knapp dreihundert Kilometer, aber die … hatten es in sich. Mutter und Tochter dehnen sich ausgiebig, währen ihr weniges Gepäck entladen wird und schreiten dann auf das recht traditionelle Gebäude zu.
„Nun denn, dann klopfen wir doch mal an!“ Miyu und Yuna warten eine Weile in der schon heraufziehenden Dunkelheit, bis sich ein Geräusch hinter der Tür vernehmen lässt. Sie sollten erst abends ausliefern hieß es, weswegen sie den Vormittag nach der Ausschiffung noch in der östlichen Hafenstadt verbrachten und sich einen ausgedehnten Brunch aus der heimischen Küche leisteten.
„Guten Abend!“ Eine angenehme Stimme begrüßt sie. Ein landestypisch gekleideter Junge mit angenehmen Manieren in Yunas Alter öffnet ihnen. „Tretet ein – auf einen Tee! Hattet ihr … eine angenehme Reise?“ Dankend nimmt Miyu die Einladung zu einer Erfrischung an. Der jugendliche Kunde nimmt sich sofort des Paketes an und bedeutet ihnen freundlich, vor ihm den Gang entlang zu gehen. „Vorne rechts!“ Die Tonlage fast ein Schnurren …
Ein elegant gewandetes Paar ebenfalls in lokaler Tracht, begrüßt sie herzlich. „Oh wie wunderbar, unsere Postbotin mit dem ersehnten Paket. Nehmt doch bitte Platz!“, werden sie gleich eingeladen und sogleich der in diesem Teil der Welt unverzichtbare Tee gereicht. Das Paket wird nicht vor ihren Augen geöffnet, aber eilig in einem kleinen Nebenraum auf seinen Inhalt hin untersucht. Zufrieden kehrt der offenkundige Herr des Hauses zurück. „Wunderbar. Alles unbeschädigt und heil angekommen. Wir danken sehr! Wie war die Reise?“
Miyu ist erfrischt von dem vorzüglichen Tee, aber sie müssen noch eine günstige Pension für die Nacht finden und es ist schon spät … Längerer Smalltalk ist jetzt gerade nicht ihr Ding. „Entschuldigung, wir müssen weiter. Wir suchen noch eine Bleibe …“
„Dann bleibt doch hier!“, lächelt der Gastgeber nonchalant, begleitet von freundlichst zustimmenden Minen seiner Gattin und des Sohnes. „Dies ist ein Handelskontor. Hier übernachten viele Handelsreisende! Für d i e Lieferung ist das gratis mit drin!“
Huy! Miyu jubelt innerlich und ist echt überzeugt, den Jackpot gerade geknackt zu haben. Unsere Reise läuft ja mittlerweile wie am Schnürchen. Genug für die Fährfahrt haben wir Morgen auf jeden Fall beisammen. Japan, wir kommen! Nur noch ein Tag, dann sind wir im Land unserer Ahnen bei der kleinen Winterski-Hütte! Alles wird gut! Und so bleiben sie zum Essen und Rasten …
„Köstlich, vorzüglich!“, lobt Miyu eine Stunde später das hausgemachte Mahl. Weitaus würziger als die Speisen am Vormittag … Auch Yuna hat noch Nachschlag genommen, unterhält sich angeregt mit dem Jungen ihr schräg gegenüber. Es tut Miyu so gut zu sehen, dass Yuna ab und an nochmal am Wegesrand etwas gleichaltrige Geselligkeit erfährt. Wie einsam wird das nur in der Winterhütte für Yuna werden? Ein bisschen traurig macht Miyu der Gedanke an die Zukunft ihrer Tochter, die gar keine richtige mehr ist. Wir werden noch einen Tattoo Meister für den Tiger und den Drachen, die sie sich wünscht, aufsuchen und uns dann aus der Welt zurückziehen. Hauptsächlich Jack wird von Zeit zu Zeit noch nach uns schauen … Bis dass der Tod uns scheidet, meine Tochter.
Dass Yuna auch ihren Lebensabend eines Tages allein durchstehen muss – auch ohne sie, dauert Miyu jetzt schon. Wenn ich könnte, würde ich ewig für dich weiterleben, mein Kind … Plötzlich wird sie gewahr, dass der Herr des Hauses ebenso wie seine Frau und auch der Sohn sie eindringlich mustern … Habe ich gerade ganz in Gedanken eine Frage verpasst?Wird irgendeine Antwort erwartet? Ich hatte nichts gehört …
Ein bisschen merkwürdig ist es, dass Miyu und Yuna vor Augen der Hausbewohner*innen allein speisen. Man habe vorher schon gegessen, hieß es … Man nehme später vielleicht noch … ein kleines Nachtmahl …, wenn die Gäste schon … schlafen!
‚Schlaf, der kleine Bruder des Todes …‘ schleicht sich Miyu unbewusst ein geflügelter Satz in den Sinn …