0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschic...
Saunatreffen im Touristikcenter nach getaner Arbeit und anschließend noch Mädels Abend …! Juhuu! Jorunn hatte letzteres nur Lotta vorgeschlagen, der das ganz recht schien. Oleg hat gerade nochmal ordentlich aufgegossen, so dass es schön dampft. Für Publikum ist der Bereich jetzt schon geschlossen.
Ansgars Tante möchte vor der Urlaubsreise nach Henford die junge Frau noch etwas näher kennenlernen und vielleicht auch von ihr mehr über Miyus früheres Leben erfahren … Irgendwann will auch sie sich auf den Weg nach Japan machen … Konkret hat sie darüber weder mit ihrem Neffen noch mit Chef Oleg gesprochen. Aber seitdem Jorunn klar ist, dass Ansgar plant, mit Lotta nach Henford überzusiedeln, macht sie sich auch über eigene Zukunftswünsche Gedanken.
‚Ansgar … braucht mich nun nicht mehr.‘ Seinetwegen hatte Jorunn überhaupt diesen langen Marsch zurück nach Schweden auf sich genommen - für den Schwestersohn. Doch Ansgar hat ihrem Eindruck nach seinem Leben wieder Sinn gegeben und sein Glück gefunden. Jorunn kennt nicht die genauen Umstände eines Unfalls, von dem er nur ihr kürzlich verhalten auf Nachfrage berichtete. Aber sie hatte immer befürchtet, dass ihn insbesondere auch noch ihr Verschwinden nach dem frühen Tod seiner Mutter zu sehr aus der Bahn geworfen haben könnte. ‚Jedoch wirkt er heute recht souverän und … zuversichtlich! Das einige Ereignisse ihn natürlich auch gezeichnet haben und nicht spurlos an ihm vorübergingen … Verständlich! Diese Narben im Gesicht hatte er damals noch nicht, bevor ich verschwand! Natürlich fragte ich nach …‘
Ein paar Facetten an ihrem Neffen waren Jorunn neu gewesen, nachdem sie sich nach vier Jahren wiedertrafen. ‚Er ist natürlich weiter gereift, ist ernster geworden, manchmal etwas sehr bestimmend und beobachtend, … auch … kontrollierend! Ich hoffe, das wird trotzdem eine glückliche Verbindung mit Lotta.‘
Die junge Frau erscheint ihr eine sehr gute Partie für den Neffen zu sein. ‚Freundlich, entgegenkommend. Kein Hasenfuß. Die kann Ansgar auch mal kontern.‘ Jorunn schätzt keine Frauen als Mäuschen. An Miyu hatte sie auch deren Durchsetzungswillen und Forschheit bewundert …neben den lieblichen Kurven und vollen Lippen. Jorunn seufzt einmal tief durch. Die Luft ist wirklich recht dick in der Sauna, nachdem Oleg nochmal Wasser nachgeschüttet hat. Wie gerne hätte Jorunn jetzt die süße Miyu neben sich mit ihrem locker gewellten dunklen kurzen Haar, durch das sie gerne ihre Finger fahren ließ, die sanfte Linie des Halses entlang hinunter zu den satten …
„Kannst du Montag meinen Kletterkurs übernehmen, Jorunn? Ich will noch ein paar Sachen unten in der Stadt vor unserer Reise nach Henford besorgen.“ Ansgar lehnt sich entspannt in der Sauna zurück.
In der dichten Nebelsuppe ist kaum die Mimik der anderen zu erkennen. Welch ein Glück für Jorunn, die gerade etwas aus sinnlichen Tagträumen hochschreckte … „Ähm, äh, ja natürlich, gerne, Ansgar! Wann geht’s denn bei euch los?“
Lotta antwortet an seiner statt: „Übermorgen ganz früh! … … Ich vermisse Takatuka jetzt schon!“ Wehmütig blickt sie zu Ansgar rüber. ‚Warum hatte er nochmal so drauf bestanden ...? Ach ja, mehr Raum … zu zweit und zu anstrengend für Kind … und Einfuhrbestimmungen … für Wölfe. Er hat … bestimmt recht damit!‘
Beruhigend wirft Oleg ein, dass Lotta sich keine Sorgen machen muss: „Hier ist sie bei Danny unter Kindern und Adeline und ich freuen uns riesig, sie mal ein bisschen mehr für uns zu haben. Hei, gönn‘ mir und Adeline doch auch mal mehr Zeit mir ihr. Ohne den Wolf würde der Kleinen was fehlen und wie gesagt … Ich habe einen Trumpf in der Hand, ja sogar zwei, dass ihr auch schön brav zurückkommt!“ Lotta muss ein bisschen schief bei Olegs Aufmunterungsversuchen grinsen. Denn gleichzeitig spürt sie auch sein Bedauern, sollten sie tatsächlich nach Henford übersiedeln. ‚Noch … ist nichts festgemacht. Nur ein Urlaub!‘ Wiederholt Lotta innerlich für sich diese beschwörende Litanei, dass noch nichts in trockenen Tüchern sei.
„Könnte hier sehr einsam werden, wenn alle gehen!“, wirft Oleg etwas untröstlich wirkend nun doch in die Runde. Er hatte ja nie damit gerechnet, hier alte Bekanntschaften zu treffen wie auch ihm sehr wertvolle neue zu schließen. Ansgar und dessen Tante Jorunn schätzt er ausgesprochen, Lotta und Kind sind ihm mittlerweile sehr ans Herz gewachsen. Dass Ex-Schulkollege Brett nur für die Saison mit Freundin hier sein würde, war ihm von Anfang an bekannt
Über Jorunn von Miyu zu erfahren hatte Oleg zudem eine immense Last von den Schultern genommen. Irgendwie hatte er sich immer schuldig an ihrem scheinbaren Tod gefühlt. Weil er ungeahnt vollgedröhnt war in der Nacht, weil er ihre Bemühungen nicht wirklich wertgeschätzt hatte, weil er ihr zuweilen in den Rücken gefallen war … für das eigene Fortkommen.
Manchmal hatte er sich eingebildet, dass es seine Aufgabe gewesen wäre, sie heil nach Hause zu begleiten in der desaströsen Nacht. Natürlich hatte Adeline Recht, als sie ihm immer wieder versicherte, dass Miyu solch ein Angebot wohl lachend abgelehnt hätte und er sich unnötig selbst belaste, ja geradezu irrational denke. Das Schuldgefühl resultierte letztendlich aus einem empfundenen Konkurrenzverhalten, das ihn damals als Konrektor mit der Schulrektorin und ihren so anders gearteten Ideen auf unglückliche Art und Weise verband.
„Hast du schon … Pläne, Jorunn? Wegen … Japan?“ Vorsichtig tastet sich Oleg an das Thema heran. Er würde Jorunn gerne hierbehalten, aber es stand auch von Anfang an im Raum, dass sie irgendwann im Frühjahr nach Miyu suchen wollte. Sie hatte nur nie wieder darüber gesprochen. Gerne würde ihr Oleg ein paar Zeilen, ein paar Grüße für Miyu mit auf den Weg geben, ein Zeichen für Anerkennung und Entschuldigung zugleich.
Alle Augen sind auf einmal auf Jorunn gerichtet. „Ich … also … so ganz genau … Ich bin auf jeden Fall nach eurem Urlaub noch hier!“, richtet sich ihr Blick vor allem auf Lotta und Ansgar. Sie muss ja auch noch ein paar Kröten zusammenkratzen, um sich überhaupt ein Flugticket nach Japan leisten zu können. Garantiert macht sie sich nicht wieder auf einen langen Fußmarsch.
„Das will ich doch hoffen!“, entfährt Lotta ein kleiner erstickter Aufschrei und Ansgar nickt sehr ernst dazu. „Hau uns ja nicht einfach so ab, Jorunn. Das verkrafte ich nicht nochmal.“ Lottas Kopf wippt bejahend auf und ab: „Ich-ich … muss … Du … Also, ich muss dir auf jeden Fall einen Brief für Miyu mitgeben. Ich will sie auch wiedersehen. Am liebsten … würd‘ ich mit dir gehen! Du-du musst anrufen, sobald du sie angetroffen hast. Oh bitte, lass sie mit ihrer Tochter die Hütte erreicht haben. Das würde ich nicht verwinden können, wenn die beiden es nicht geschafft hätten.“
Fast allen Saunenden treten gleichzeitig die Tränen in die Augen, als Lotta die schlimmsten Befürchtungen in den Nebel verhüllten Raum stellt. So manchen ist der Dunst jetzt gerade sehr recht. Ansgar ist noch am wenigsten betroffen, da er Miyu nicht persönlich kennt.
Jorunn hingegen trifft es gerade mitten in die Magengrube. Diese Option hatte sie immer weit von sich schieben wollen, auch wenn ihr damals bewusst war, als sie Miyu verließ und nach ihrem Neffen suchte, dass sie die Geliebte vielleicht zum letzten Mal lebend sah. Sie hatte dem Wohlergehen des Sohnes ihrer zu früh verstorbenen Schwester Priorität eingeräumt und Miyu hatte das als Mutter verstanden.
Jetzt aber rückt für Jorunn die Geliebte an erste Stelle, denn dem Neffen … geht es … hinreichend gut. Und der hebt dankenswerter Weise wieder das Prinzip Hoffnung hervor. „Wenn diese Miyu auch nur eine halbwegs so starke Frau ist wie du, Jorunn oder auch meine liebe Lotta hier, dann ist sie schon längst auf den letzten Meilen zu ihrer japanischen Skihütte unterwegs. Warum sollte sie nicht schaffen, was ihr beiden zähen Gestalten bereits hinter euch gebracht habt? Und wie ich euch kenne … kennt ihr nur ganz ordentlich taffe Mädels!“ Gerade hat sich Lotta in diesen wortgewandten Schurken regelrecht neu verliebt. Ansgar lässt sich gerne für seine eloquente Mut Mach Arie von ihr herzen und knuddeln. ‚Er hält mich für taff und stark – trotz meiner mangelnden Schulbildung und oftmals dummen Fragen!‘ Weitere Küsse regnen auf ihn herab.
Auch Oleg atmet wieder etwas leichter durch. „Ich würde dir auch gerne was für Miyu mit auf den Weg geben, Jorunn. Das wäre mir sehr wichtig. Und ich kann Ansgar nur bestätigen. Miyu hat schon, bevor ich sie kannte, Unglaubliches geschultert. Sie schafft es! Garantiert!“ Heute kann Oleg nur noch über seine kleinkarierte Verblendung schmunzeln, als er glaubte, Miyu mit ihrer sozialpolitischen Vorgeschichte und unorthodoxen Ausrichtung sei ein unmoralisches Angebot an den Schuldienst gewesen.
„Sie ist übrigens auch eine hervorragende Skiläuferin und sportlich, was Klettertouren angeht. Auf ihre Kochkünste würde ich hingegen verzichten und Kaffee kochen war schon gar nicht ihre Stärke!“‚Nein das hatte Adeline besser drauf gehabt …‘ Manchmal fällt Oleg noch immer in seinen Chauvinismus zurück. Wer außer Adeline könnte es an seiner Seite aushalten? Die französische Kunstpädagogin pflegt selbst noch überkommene Vorstellungen von der Aufteilung der Geschlechterrollen. „Denkt mal über ein Jobangebot hier nach!“, fordert Oleg ganz herzig Jorunn auf, seine ehemalige Chefin Miyu für seinen Betrieb anzuwerben.
‚Dann wäre ich tatsächlich am Ende doch noch i h r Boss, he he!‘ Oleg kann’s nicht ganz lassen …
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Später sind Jorunn und Lotta nur noch unter sich im Salon. Lotta ölt sich gerade die Hände ein, Jorunn macht es sich auf der Liege bequem. „Deine Massagen sind so wunderbar belebend, Lotta! Was ist eigentlich dein Geheimnis?“ Die Kundschaft steht bei ihr Schlange und Lotta bekommt das meiste Trinkgeld. „Kräftige Hände!“, grinst Lotta nur und legt schon los. Oh ja, die Griffe gehen in Mark und Bein, wie Krebse zwirbeln sie Hautschichten, durchbluten die Muskulatur und dann wieder diese entgegengesetzten Schmetterlingsflügelgleichen perlenden wie prickelnden Streicheleinheiten ... Jorunn kann sich gut vorstellen, wie Ansgar unter ihren Berührungen und Zärtlichkeiten zerfloss - wobei hier keinerlei Anzüglichkeiten mit Lottas Handgriffen verbunden sind. Es ist … eine abwechselnd erfrischend zupackende wie liebevoll sanftmütige Art, die sie einfach allgemein angedeihen lässt.
Ein bisschen fragt Jorunn Lotta nebenbei nach ihrem früheren Leben aus, nicht zuletzt auch, um ein bisschen mehr über Miyu zu erfahren. Sie war schockiert gewesen, als sie nach ihrer Ankunft hier erfuhr, wovor Miyu und Yuna flohen und dass sie für tot galten. Nichts davon hatten Mutter und Tochter damals ihrer kleinen Fluchtgemeinschaft aus dem Serail offenbart. Miyu hatte das alles für sich allein getragen. ‚Wäre ich auch gegangen, wenn ich das damals gewusst hätte?‘ Jorunn kann es heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. ‚Hätte, hätte, Fahrradkette …‘
Noch erstaunter ist sie, als sie erfährt, dass Miyu ein Samurai Schwert zu führen weiß. „Ja, wir hatten mal ein bisschen miteinander trainiert, Miyu, ich und noch zwei andere Frauen. Elani hatte sie sehr gemocht, aber …“ Augenblicklich stockt Lotta. Ihre Hände verharren in der Luft. ‚Was erzähle ich denn Jorunn hier gerade, in wen Miyu mal verknallt war …? Bin ich blöd?‘ „Ähm, also ich meine, Elani war auch eine unserer lieben gemeinsamen Freundinnen, die sich leider nach den ganzen schrecklichen Ereignissen mit ihrer Familie nach Kenia zurückzog.“
Lotta setzt wieder ihre kunstvolle Massage an Jorunns Rücken fort. Die ältere Frau hat schon verstanden, was der Rotschopf gerade andeutete. Aber sie schweigt dazu. Natürlich hat jede von ihnen auch ihre Vergangenheit und Elani schien ja auch nur eine unerfüllte Sehnsucht von Miyu gewesen zu sein. Es ist nicht leicht … Gleichgesinnte zu finden, weiß auch Jorunn. ‚Dennoch scheint die drei Frauen eine gute Freundschaft verbunden zu haben.‘
Jorunn lässt sich das Gehörte noch ein wenig durch den Kopf gehen: „Du sagtest … ‚Familie‘? Hatte diese Elani auch Kinder … und … Mann?“ Lottas Hände kreisen gedankenverloren auf der Stelle. ‚Wie soll man das erklären? Den Unhold der Unholde! Der, dem ich die Stichwunde verdanke, der Yuna entführte und Elani wie Keito das Leben zur Hölle machte. Der, der Miyu nach dem Leben trachtete …‘
Eine Weile ist es still im Raum und Jorunn wartet einfach nur ab. Lottas Gedanken wandern durch Zeit und Raum … Plötzlich muss sie kurz kichern: „Miyu hatte mich auch nicht ganz kalt gelassen. Ich verstehe dich schon, Jorunn. Aber sie hat mir schnell klar gemacht, dass ich ihr viel zu jung bin.“ Wirbelndes Stakkato auf Jorunns Rücken …
„Ayyy!“, schreit die Durchgehackte kurz auf, aber mehr aus einem Erstaunen heraus, denn aufgrund eines Schmerzes. „Oh, entschuldige, Jorunn!“ Wehklagen kennt Lotta bei der Arbeit im Salon sonst eigentlich nicht, außer das eine Mal, als sie den frechen Ansgar etwas durchtrieben ‚verarztete‘. „Alles, … alles gut!“, winkt Jorunn schnell ab und denkt gleichzeitig: ‚Oder auch nicht! Lotta steht also … auch auf Frauen! Oh, Ansgar. Die Konkurrenz, die du fürchtest, könnte also weitaus größer sein als von dir geahnt. Allein die Erwähnung des Namens Merlin hatte dich ja neulich schon ein bisschen aus dem Häuschen gebracht.‘
Das war Jorunn erst später nach der Teerunde aufgegangen, dass es Ansgar bei seinem Katz-und- Maus-Fragespiel gar nicht um die Immobilie ging, sondern einen möglichen Bewohner darin. Nach einer Bewohnerin … hatte er nicht gefragt. ‚Ansgar muss sehr viel an Lotta liegen. Ich kenne meinen Neffen eigentlich nicht eifersüchtig … Oder haben ihn die Lebensereignisse auch hierin noch nachgeprägt? Verrenn‘ dich bloß nicht … Lotta scheint umgekehrt keine Eifersucht zu kennen oder es ergab sich umgekehrt noch keine Gelegenheit dazu.‘ Bislang hatte Jorunn an Lotta nicht beobachten können, dass diese etwas über mögliche Vorgängerinnen bei Ansgar wissen will. ‚Auch jetzt macht sie keinerlei Anstalten ... Sie könnte mich ja auch ausquetschen …‘
„Wie es wohl Elani geht? Sie hatte übrigens einen Sohn in Yunas Alter. Ich hatte ja deine Frage noch gar nicht beantwortet, Jorunn.“, knüpft Lotta an Jorunns Erkundigung an. „Ihr ‚Mann‘?“ Dieses Wort spukt Lotta schon fast verächtlich aus. „Er war der Unheils Bringer über alles!“ Jorunns Rücken überzieht eine Gänsehaut. Nie zuvor hatte Lottas Stimme in solcher Weise geklungen. Jorunn spürt direkt am Leib, wie sich Lottas Hände verkrampfen …
Die ältere Frau setzt sich schnell auf, als sich Lotta mit schmerzverzerrtem Gesicht plötzlich abwendet. Jorunn eilt um den Massagetisch herum und nimmt die Jüngere einfach in die Arme. Eine Weile halten sich beide still fest. Jorunn ist an diesen alten feisten Sack von Sultan im Serail erinnert. ‚Ja, uns beide verbindet wohl mehr gemeinsame Lebenserfahrung als gedacht … ‚
Die beiden Frauen lassen sich zusammen auf der Polsterecke im Raum nieder. Lotta schnieft noch einmal ordentlich durch, wischt wütend eine Träne weg. „Elani war das genaue Gegenteil von Terence und sie hatte ihn zuletzt auch rausgeworfen. Sie war viel zu gutmütig … Hat viel zu lange ausgehalten. Hätte mich jemand so behandelt, dem hätte ich aber rechts und links mit meinen Rapieren Breitseite gegeben. Kiel geholt hätte ich den. Lotta schlägt sich mit der Faust in die offene Handfläche. Wir haben sie nicht für ihr zu langes Ausharren bei ihm verurteilt. Aber ich glaube, sie selbst sich oft genug. Auch wegen ihrem Sohn …“
Besänftigend streicht Jorunn Lotta über den Rücken. „Hast du noch Kontakt zu ihr?“ Betrübt schüttelt Lotta verneinend den Kopf. Damals - das heißt, eigentlich nur vor Monaten - war sie Hals über Kopf aufgebrochen. Ihr war alles zu viel gewesen. Sie hatte nur das kaputte Handy eingesteckt, an dessen Daten man nicht mehr rankommt, und noch ein paar Sachen und war dann losgezogen - nach Schweden. Sie hatte sich kaum richtig verabschiedet noch irgendwelche weiteren Kontaktdaten erfragt. Sie weiß nicht genau, wo in Kenia die Familie Ogbanda unterkam. Sie weiß nur, dass dies der Name von Elanis Herkunftsland war. „Ihr Cousin Asante hatte sie in ihr Heimatland begleitet. Eigentlich hatte er in Britechester studieren wollen. Alle Zukunftspläne zerstört!“
„Studieren?“ Jorunn kalkuliert kurz durch. Elani müsste älter sein bei einem Sohn in Yunas Alter und der Student mehr in Lottas …, außer er wäre ein Spätberufener gewesen. „Oh ja, er hatte ein Stipendium für den Sportbereich. Wir spielten öfter mal auf dem Platz vor meinem Haus Basketball mit Merlin zusammen.“ Arglos wie Lotta daher plappert … ‚Noch mehr Namen! Dreh bitte nicht durch, lieber Neffe und sieh nicht in allem Konkurrenten!‘, fleht Jorunn innerlich. „Da bin ich auch Miyu das erste Mal begegnet …!“ ‚Uff, Lotta!‘ Jorunn windet sich innerlich. Muss ja ein belebter Platz vor ihrem Haus damals gewesen sein.
„Was denkst du … wie Ansgar das fände, wenn er wüsste …?“, fragend blickt Lotta Jorunn nun direkt an. „Ich meine … bei dir … stört es ihn doch nicht, dass du Frauen magst, oder?“ Jetzt beißt sich der Rotfuchs doch etwas verzagt auf die Lippen.
‚Tja, bei mir stört ihn das nicht, bei dir … weiß ich es nicht!‘ Etwas hilflos zuckt Jorunn mit den Schultern und weiß nicht, was sie am besten antworten soll. ‚Das wird ja doch noch ordentlich kompliziert werden …‘ „Ich … Weißt du, ich war vier Jahre fort. Da verändert sich … ein Mensch auch manchmal.“ Einen kurzen Moment schaut Jorunn die jüngere Frau nur schweigend an, bevor sie sich konkreter vorwagt: „Hast du irgendwie … eine Priorität, ob Mann oder Frau, Lotta?“ Der Blick, den Jorunn erntet, ist reinstes Erstaunen und die Antwort ein klares: „Nein!“ Als wäre das eine völlig überflüssige Frage. Lotta liebt einfach … Menschen.
‚Nun, lieber Neffen, das heißt fifty-fifty sind deine Chancen, wem sie sich vor oder nach dir zuwendet.‘ Sei am besten froh, dass jetzt gerade deine Zeit ist.‘ Ein wenig ist Jorunn amüsiert. Ein anderer Umstand war Jorunn nämlich auch noch an Lotta aufgefallen. Sie scheint so gar kein Interesse an dem vorgeblich wichtigsten Tag im Leben einer Frau zu haben. Nun gut, dass trifft auf Jorunn selber gleichermaßen zu, die die Ehe sowieso nur für ein kapitalistisch-ökonomisches Zweckbündnis hält. Doch Lotta scheint weder dieser staatlich geförderten Institution zugetan noch ihr abgeneigt zu sein. Vielmehr scheint sie kaum etwas über diese Art zeremoniellen Gelöbnis mit anschließendem steuererleichterndem Trauschein zu wissen.
Olegs und Adelines Hochzeitsvorbereitungen für den Sommer quittierte sie mit artigen Höflichkeiten, als gehe es um die nächste Geburtstagsfeier oder ‘ne einfache Gartenparty. ‚Hei, Hauptsache Spaß!‘ „Gibt’s Kuchen?“, war noch ihre wichtigste Frage. „Soll ich einen backen?“ Auch Adeline hatte wohl erfasst, dass Lotta glatt eine ihrer Torten vom Teenachmittag servieren würde und hatte schnell abgewunken, so lecker sie auch sein mögen. Aber der Französin hatte doch so eine echte mehrstöckige Hochzeitstorte vorgeschwebt.
‚Wie Lotta wohl reagiert, sollte Ansgar je auf die Idee kommen, ihr mal einen Heiratsantrag zu machen?‘ Jorunn hat jetzt direkt etwas Mitleid mit ihrem Neffen. ‚Oh je, er vertieft sich da schon ziemlich mit Haus, Hof und so weiter. Vielleicht ja deswegen manchmal so dieses Nachhaken von wegen Vorgänger …, wobei er bisher nicht auf die Idee kam… auch nach Vorgängerinnen zu forschen.‘
Lotta brennt jetzt wohl noch etwas auf der Seele, was sie mal loswerden muss. Jorunn macht sich bereit für die nächste Offenbarung … „Tja also, weißt du … ich hatte wohl nicht nur eine offene Neigung bezüglich … des Geschlechts!“‚Nein, Lotta, was denn noch?‘ Jorunn ist ja offen, sich alles anzuhören und alles hinzunehmen. Wie Ansgar das hält? Nun das ist eine andere Frage …
„Die Zeit … wann, wer, wie, wo … war wohl auch nicht so eindimensional!“ ‚Komische Formulierung, als sei sie sich nicht sicher, mit wem sie wann, wie, wo … Aber das liegt wohl an der etwas schambehafteten Beichte, gleich mehrere Eisen im Feuer gehabt zu haben. Wieviel waren das auf dem Basketballfeld: Merlin, Asante, Miyu …? Besser, Ansgar hört keine weiteren Namen …‘. „Ich weiß, das macht man hier so nicht …“‚Mhm, was meint Lotta mit ‚hier‘? Ist das anderswo … anders?‘ Jorunn schlägt sich dann aber fast vor den Kopf. ‚Woraus bin ich denn geflohen … und sahen wir es nachher nicht alle etwas lockerer - nach den Erfahrungen …?‘
Die ältere Schwedin reißt sich jetzt mal etwas zusammen und versucht ein bisschen Schützenhilfe für die junge Frau zu geben. Scheinbar sucht sie einen Rat oder versucht sich selber zu verstehen: „Lotta, was vorher war oder später mal sein wird … Wir alle können doch nicht in die Zukunft sehen und die Vergangenheit darf auch ruhig mal etwas ruhen. Wie denkst du denn jetzt im Augenblick oder für eine näher überschaubare Zeit? Liegt dir was an meinem Neffen?“ ‚Oh, was für ein verliebter Augenaufschlag!‘ Ja, d a s hatte Jorunn sehen wollen. „Und schlägt dein Herz für noch jemand anderen? Kannst du dich nicht entscheiden?“, hakt die Ältere freundlich nach. Heftiges verneinendes Kopfschütteln. ‚Na, umso besser!‘
„Lotta, das kann passieren, das man jemanden liebt und sich wieder verliert und in jemand anderes verguckt, während die alte Beziehung noch nicht ganz abgeschlossen ist. Aber mach‘ dir das nicht ewig zum Vorwurf und lass dich deswegen nicht von einer neuen Beziehung abhalten.“‚Ja, so muss es gewesen sein, eine Übergangssituation …‘
Lotta ist zwar jetzt nicht ganz so überzeugt von dieser Variante wie Jorunn, aber andererseits … ‚Weiß ich das Gegenteil? Ich kann mich ja gar nicht mehr selber richtig erinnern, kenne es nur aus zweiter Hand, nur als Wiedergabe meiner früheren Worte wie es sich mit Takatukas Vater lebte – und Mae. Ach was soll’s …Jorunn hat recht!‘ Beglückt lächelnd zuckt Lotta beide Schultern: „Du hast das so schön erklärt, Jorunn … Ich bin froh, mit dir gesprochen zu haben!“
Jorunn ist gerührt: „Habe ich dir damit ein wenig die Hemmung nehmen können, Lotta, dich ganz und gar auf Ansgar einlassen zu können?“ ‚Na, da habe ich einem jungen Glück wohl gerade etwas auf die Sprünge geholfen …‘
„Schon, aber …“‚Mhmmmm?!‘ Jorunns Blick wird jetzt doch ein wenig streng, fast wie bei Ansgar, wenn er etwas ungehalten wird. ‚Was brauch‘ die junge Dame denn noch alles als Gewährleistung? Das mit dem Haus, Einkommen, Haushalt und Kind macht er doch schon alles mit …!‘
Lotta erkennt die etwas veränderte Mine an Jorunn und deutet falsch: „Nichts wegen irgendwelchen anderen … Nein, nein. Nur … Also, hatte Ansgar dieses … besondere Leuchten schon immer in den Augen?“ Diese Frage musste jetzt noch raus. Sie hat sich so viel bei Jorunn jetzt getraut. Ein bisschen wie bei Elani damals. Irritiert schaut Jorunn an die Decke und grübelt: „Leuchten?“ ‚Was meint sie damit?‘
„Na ja so … leuchten halt. Sehr … intensiv!“, druckst Lotta herum, die diese sekundenschnellen Momentaufnahmen bei Ansgar nicht ganz konkret im Gedächtnis abrufen kann. Da war diese eine mondhelle Nacht vor meinem Fenster … und … neulich in der Werkstatt …
Jorunn lächelt auf einmal wieder, scheinbar verstehend. ‚Ja, Ansgar ist schon sehr angetan von der jungen Frau hier. Das fällt doch allen auf …‘: „Seine Augen leuchten jedes Mal, wenn er dich nur ansieht, Lotta, Schatz!“
„Ahhh!“, macht Lotta große Augen. ‚S o hatte ich das noch gar nicht gesehen!‘
Die ältere Schwedin wird auf einmal sehr ernst. „Schwöre mir, dass du gut auf meinen Neffen achtgibst, Lotta und … tue ihm nicht weh. Er hat wie du schon sehr viel erlitten!“ Bestürzt wendet sich der Rotschopf zu Jorunn um. „Das habe ich doch nicht vor!“ ‚Es wäre nie meine Absicht …‘ Lotta wird immer klarer, dass nicht nur sie Schutzmauern und Vorsichtsmaßnahmen um sich errichtete … und nicht nur sie verletzt werden kann.
„Bei meinem Leben!“, versichert sie nachdrücklich mit Fingerschwur und hofft, dieses Versprechen auch halten zu können.
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Ansgar hatte ihr die Abreise, die sie mit Anspannung erwartet, am Vorabend noch schmackhafter gemacht, indem er Lotta Ideen an die Hand für ein kleines Gewächshaus gab, das sie nach ihrer Rückkehr zusammen in ihrer kleinen Kate errichten würden: „Und die notwendigen Setzlinge bekommen wir auf jeden Fall in Henford wie auch das ein oder andere Zubehör für die Hängevorrichtungen …“
Das vermittelt Lotta ein Gefühl von Gewissheit, dass ihre kleine Hütte, ihre kleine Fluchtburg, nicht in Vergessenheit geraten und auch weiterhin gehegt und gepflegt werden würde. Der Abschied von Takatuka für die Urlaubswochen fällt trotzdem schwer, wenn auch tägliche Videotelefonie oder zumindest das Schicken von Fotos vereinbart sind. Das Kind ist mit dem Wolf schon den gestrigen Abend bei Oleg und Adeline geblieben. Die Verabschiedung war hart für Lotta gewesen, aber sie vergoss keine Träne vor ihrem Kind. Nur später … in der Nacht.
Alles ist gepackt. Ansgar trägt den letzten Koffer in seinen Rover. Bis zum nächsten Flughafen brauchen sie eine Stunde. Lotta wirft einen letzten Blick in den Spiegel.
Sie hatte noch schnell ihre glänzend knöcherne Kette mit eingepackt, die sie bei ihrer Ankunft in Nordschweden in dieser kleinen Höhle fand und die ihr irgendwie … ein kraftvolleres Gefühl vermittelt. ‚Schwerter kann ich ja schlecht einpacken. Ansgar meinte, alle spitzen Gegenstände wären beim Fliegen verboten. Ins Handgepäck dürfe nicht mal eine Nagelfeile. Was hätten die wohl zu meinen Rapieren gesagt?‘
„Setz dich schon mal in den Wagen!“, fordert Ansgar sie auf, als er in die schmale Küche zurückkehrt. „Hab‘ noch ’ne Kleinigkeit vergessen. Komme gleich nach!“ Er wartet tatsächlich, bis sie den Raum verlässt, bevor er sich auf die Suche nach der vorgeblichen Kleinigkeit macht. Seine Hand stockt vor der Schublade, aus der sie am Morgen noch die Kette fischte. Jetzt liegt nur noch das kaputte Handy darin. ‚Mist, dass es ausgerechnet dieser Idiot sein muss, der sich darauf versteht …!‘ Ein übler Grund mehr, Moonwood Mill nebenbei aufzusuchen, was Ansgar sehr aufstößt! Und dennoch …
Mit einem Ruck öffnet der Norweger entschlossen die Lade, greift nach dem Handy und schiebt das Schubfach mit Schwung wieder zu. Er tritt einen Schritt zurück, nun doch wieder mit zweifelndem Blick auf das kleine flache Gerät in seiner Hand. ‚Das ist Mist, was du hier tust. Das kann alles Vertrauen, das du so mühsam zu ihr aufzubauen versuchst, mit einem Schlag wieder kaputt machen. Tu das nicht!‘ Minutenlang steht er wie erstarrt da, wägt im innerlichen Kampf das Für und Wider ab …
Ein Geräusch an der Küchentür lässt ihn rumfahren. Das Handy verschwindet augenblicklich in seiner Jackentasche. „Gefunden oder kann ich suchen helfen?“ Lotta wurden im Wagen die Füße etwas klamm.
„Nee, alles klar, fahren wir!“, schiebt Ansgar sie nach draußen – mit schweißnassen Händen.