Die Wehen hatten eingesetzt. Aber etwas stimmte nicht. Beatrice lag auf dem Bett und fühlte den Bauch. Schon früh hatte sie rausgefunden, dass Atropos sie betrogen hatte. Es war nicht ihr Kind. Sie konnte das fremde Flüstern der kleinen Fee wahrnehmen, aber dieses Mädchen war nicht ihrs. Es spielte keine Rolle, sie tat es ursprünglich ja eh nur, um ihren Gatten zufrieden zu stellen. Aber irgendetwas ging grad gewaltig schief. Sie konzentrierte sich und lauschte. Nichts. Das Kind war tot. Bittere Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie hatte diesen kleinen Wurm neun Monate versorgt, gestreichelt, mit ihr gesprochen, Mutter oder nicht, sie liebte das Kind. Sie schickte die Amme fort, die protestierte und begann dann den nun doppelt schmerzhaften Prozess der Geburt.
Plötzlich öffnete sich die Tür. Schon wollte sie die eintretende Person rausjagen, als sie in die emotionslose Maske eines Hüters blickte. Die Augen leuchteten wie zwei Spiegel und im Arm hielt er ein Bündel. Sie hatte ihren Bruder seit über 1000 Jahren nicht mehr gesehen und sofort kamen Bilder vom bunten Reigen im Feenreich in ihr hoch, wo sie einst alle ausgelassen getanzt hatte. Ewig schien das her zu sein. Wortlos beugte er sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann legte er ihr das Bündel in den Arm und wickelte die Totgeburt in Tücher und verstaute sie. Beatrice kannte ihren Bruder, er würde das kleine Ding nach alter Sitte aufsteigen lassen.
„Dein Sohn?“, fragte sie, nachdem sie kurz das Tuch beiseitegeschoben und sich den blonden kleinen Kerl angeschaut hatte. Heimdall legte seine Maske ab und ein erschöpfter Mann mittleren Alters mit grauen Strähnen und tiefen Schlafringen unter den Augen kam zum Vorschein. Dicke Tränen liefen sein Gesicht entlang und er fasste die Hand seiner Schwester und sagte. „Ich habe versagt! Ich konnte euch nicht schützen. Jeder Tag, der vergeht brennt wie Säure diese Wunde tiefer in meine Seele. Vergib mir!“ Sie küsste ihn, und seit langem zum ersten Mal fiel ihre eitle Maske ab und sie schluchzte und barg ihr Gesicht an der Brust, die so lange sie denken konnte, so edel und stark gewesen war, für sie alle. „Wie heißt er?“ „Orpheus, wie der Sänger.“, sagte Heimdall. „Auch er wird seine Liebe aus der Unterwelt retten müssen und hoffentlich kann sein Gesang Kerberos besänftigen!“ Sie verstand nicht was er sagte, aber sie drückte den Jungen, dem sein Vater bald schon einen Menschennamen geben würde, an ihre Brust.
„Wer ist seine Mutter?“ fragte Beatrice. Er seufzte, „seine Mutter war ein Mensch. Ich habe meine Kräfte missbraucht und der Natur meinen Willen aufgezwungen, das Gleichgewicht, dass ich wahren sollte, habe ich verschoben. Es hat mich viel gekostet, ich hoffe er war es wert. Zu lange haben wir abseitsgestanden, aber wir sind Teil dieser Welt, so wie es die Menschen sind. Nur gemeinsam haben wir eine Zukunft!“
Sie nickte, verstand. Dann nahm er die Maske und legte sie dem Baby aufs Gesicht. Sofort sank sie ein, verschmolz mit Mensch und Fee, verband nun beide Welten, behütete beide Reiche gleichermaßen.
„Sag ihm nichts. Er muss seinen Weg allein gehen und sie werden ihn töten, wenn sie die Wahrheit erfahren. Leb wohl, Schwester. Ich liebe dich!“ Sie umarmten sich und dann war er fort. Vorsichtig wiegte sie das Kind im Arm. Sie würde auf den Kleinen aufpassen, das war sie ihm schuldig. Sobald sie bei Kräften war, wollte sie Ishtar und Orpheus‘ Halbbruder Amarok Bescheid geben. Sie rief die Amme und schlief erschöpft ein.