Forum Discussion
3 years ago
Ort: Oasis Springs
Charaktere: Marga, Chip, Bertl
Geschichtsstrang: Wie innen, so nicht außen
Bertl:
Es ist lang nicht mehr so heiß im Garten, wie noch vor zwei, drei Wochen. Trotzdem steht Bertl der Schweiß auf der Stirn, während er sich schwer atmend auf einen Spaten stützt. Vor ihm liegt ein aufgebrochenes Areal Boden, zum Teil umgegraben, teils Erdschollen, die noch auf Zerkleinerung warten.Eine offene Wunde in der Hülle von Mutter Erde, kommt es Bertl ungewohnt philosophisch in den Kopf, ähnlich der Wunde, die in seiner Seele schmerzt.
Wenn er schonungslos ehrlich zu sich ist, hatte er schon im Vorfeld gewusst, wie das Treffen mit Stephen laufen würde und ihm war gar nicht wohl in seiner Haut gewesen. Trotzdem war auch schon länger klar für ihn, dass er der Sache entweder ein Ende machen oder eben auf Offenheit und Akzeptanz setzen muss...Traumtänzerei.
Alles hatte damit begonnen, dass er selbst wieder einen ernst zunehmenden Schachpartner gesucht hatte. Sein Nachbar, der ihn gelegentlich heim- oder aufsucht geht ihm gewaltig auf den Keks, weil er dauernd Marga schöne Augen macht. Sie registriert das zwar nicht, aber Bertl regt es auf.
Im Internet war er über Werbung für eine Plattform gestolpert, auf der man ganz leicht wahlweise Freunde oder auch mehr finden kann, wenn man den Machern glauben darf. Dieses Gefühl von Einsamkeit, was ihn trotz Ehe immer wieder überfällt, hatte ihn bewogen sich dort anzumelden. Womöglich würde er einen Sim kennen lernen, der ihn aus diesem Tief herausholen kann...
Er hatte nicht gewollt, dass irgendjemand ihn erkennt und sich deshalb diesen absurden Nickname zugelegt...SweetxAngel_18.. idiotisch!
Hätte er mit offenen Karten gespielt, wäre es nie soweit gekommen. Zuerst hatten sie nur oberflächlich geredet, sich über Hobbies ausgetauscht - die er bis auf Schach frei erfunden hatte, da nicht vorhanden- eine Partie Schach gespielt, aber bald schon wurden die Gespräche privater, vielschichtiger und sie hatten eine Verbindung, die einfach unbeschreiblich war. Gedanken, Wertvorstellungen und Ansichten über die Bertl schon Jahre nicht mehr nachgedacht hatte, im täglichen Trott mit Marga und dem alkoholumnebelten Hirn, wurden wiederbelebt und sie führten stundenlange Gespräche über alles mögliche, wenn Marga vor dem Fernseher saß und ihn schlafend im Bett wähnte. Das hatte ihm neue Lebensenergie gegeben und auch Kraft, das Projekt mit dem Verkaufsstand durchzuziehen. Der Erfolg gibt ihm Recht.Viele Sims verstehen, dass man die Bedrohung durch Aliens nicht auf die leichte Schulter nehmen darf und sich entsprechend schützen muss. Ohne Stephen hätte er das so nicht geschafft.Er hatte das verstanden, ihn ermutigt seine Träume zu verwirklichen, mit ihm über Paralleluniversen und fremde Planeten fantasiert.
Von Bertl aus hätte das ewig so weiter laufen können, wenn nicht...ja, wenn nicht Stephen plötzlich die fixe Idee entwickelt hätte, dass man sich treffen müsse, füreinander bestimmt wäre, auch in anderer Hinsicht. Ab da wurde es dann richtig kompliziert. Er hatte versucht ihn zufrieden zu stellen indem er ein Profilbild von irgendeiner blonden Schönheit hochgeladen hatte, in der Hoffnung das würde ihm reichen. Leider hatte das den gegenteiligen Effekt und alle Beteuerungen warum sie sich nicht treffen können, waren nicht genug. Die Bedeutung von 'das bittere Ende' ist Bertl noch nie so klar vor Augen geführt worden, wie durch das Treffen im Bowling Center.
Energisch wischt er sich die Stirn mit dem Saum seines Unterhemdes ab und beginnt wieder mit Nachdruck den trockenen Boden zu bearbeiten.
Die Gespräche in der Stadt heute Vormittag, bei denen es um die Finanzierung des nächsten großen Projektes ging, waren äußerst erfolgreich verlaufen, so dass der Verwirklichung nichts mehr im Wege steht. Der Bau eines mittelgroßen Bunkers, für den Fall,dass die Invasion und Besetzung der Simswelt durch Außerirdische wahr wird, ist nach Bertls Empfinden schon längst überfällig.
Dafür wird ein Teil von Margas Areal im hinteren Garten weichen müssen und Adrians künstlerisches Werk, was auch immer es darstellen soll, kann auch endlich entfernt werden. Wenn Marga nicht so nachdrücklich darauf bestanden hätte, dass es eine Daseinsberechtigung hat, weil ihr Sohn sich darüber 'ausdrücken' würde, hätte er es am selben Tag des Entstehens schon weggeputzt, beziehungsweise vom Urheber wegmachen lassen. Über das Kapitel Adrian will Bertl lieber nicht nachdenken, allein dass er sich beharrlich weigert den wichtigen Hut zu tragen..besser auf erfolgversprechendere Projekte konzentrieren. Die Abrissarbeiten und die Vermessungen kann er selber erledigen, bevor dann demnächst die Bagger anrücken.
Jetzt, da seine virtuelle Stütze nicht mehr da ist, wird er sich noch mehr der Sicherheit und dem Wohlergehen seiner Familie widmen, auch wenn die das nicht zu würdigen weiß. Schmerzlich vermisst er die Unterstützung, aber er wird das auch allein durchziehen. Zu viele Jahre ohne Aufgabe und Ziel. Das hat ein Ende jetzt, trotz allem. Auch der Akohol wird nicht wieder Einzug in sein Gehirn halten, das haben sie sich versprochen und dabei bleibt es. Grimmig treibt Bertl die Schaufel wieder in den harten Boden, während die Schweißperlen von seiner Stirn im trockenen Staub kleine Tropfenmuster formen.
Marga:
„Mmmmh..pritti wuman, wokin daun se striiet, pritti wuman..“ Marga trällert während des Abwaschs vor sich hin und erinnert sich an die wunderbaren Szenen, die sie im Film gestern Abend gesehen hat. Gefühlt zum hundertsten Mal, aber sie kann einfach nicht genug davon bekommen. Ach, würde sie doch auch der Traumprinz in einem weißen Auto abholen, in eine goldene Zukunft voller aufregender Erlebnisse. Sie haben zwar keine Feuerleiter am Haus, aber dafür würde sie sogar an der Dachrinne hinunterklettern, wie Adrian, wenn er sich nachts aus dem Haus schleicht und denkt, sie höre das nicht. Ihr Prinz müsste sich nicht mal nach oben quälen.
Seufzend stellt sie das letzte Glas zur Seite, lässt das Wasser aus dem Spülbecken und trocknet die Hände an ihrer Schürze ab. Die Nachmittagssonne scheint durch die Fenster und lädt sie ein, auf die Veranda zu gehen und sich ein wenig hinzusetzen. Bertl hat heute den Verkaufsstand geschlossen und werkelt irgendetwas im hinteren Garten herum. Sie kann ihn hören, was beruhigend ist, da sie dann keine Gefahr läuft, dass er unverhofft hier am Haus auftaucht. Heute morgen hat er ihr angekündigt, dass sie abends noch über ein wichtiges Thema sprechen müssten. Marga ist gar nicht wohl bei solchen Aussagen von Bertl, weil man immer mit allem rechnen muss. Er ist sowieso wieder viel verschlossener geworden in den letzten Tagen, aber Alkohol trinkt er keinen, so viel sie gesehen hat. Jahrelang hat sie gehofft, dass es irgendwann so sein und der 'alte' Bertl wieder zum Vorschein kommen würde, aber das ist leider nicht eingetreten.Sie weiß wie sehr sich ihr Mann an manchen Tagen mit den Entzugserscheinungen quält, aber Bertl lässt sie nicht an sich heran, so dass sie ihm in Bezug auf dieses Thema nicht helfen kann. Wieder einmal wird ihr bewusst, wie allein man innerhalb einer Familie leben kann. Ihre Gedanken wandern zu Adrian. Er hat mittags noch Bass spielen geübt und ist dann irgendwohin verschwunden. Seit dieser Nacht, in der sie Stephen vor dem Haus gefunden hat, ist er ihr gegenüber etwas zugänglicher geworden, erzählt ihr manchmal in der Küche von der Musik, die er mit seinen Freunden macht und von der neuen Schule. Das ist derzeit das einzig Schöne, woran sich Marga klammert.
Sie geht zur Kaffeemaschine, brüht sich eine Tasse und setzt sich auf die Veranda.
Im Grunde sind es gerade beste Bedingungen, um ungestört ein wenig Tagebuch zu schreiben. Dieses Büchlein, das ihr das Leben oft etwas leichter macht. In dem sie träumen kann und reisen wohin sie will, mit wem sie will und so oft sie will.Sie nimmt den Siebhut ab, den sie Bertl zuliebe noch immer täglich trägt und zieht ihr Tagebuch aus der Schürzentasche. Nicht nur ihre geheimen Gedanken finden dort Platz, sondern auch etwas, was ihr Freude macht. Manchmal fragt sich Marga, ob es in Adrians Leben ein Mädchen gibt und ob er ihr nur nichts davon erzählt. Sie wünscht sich so sehr Enkel irgendwann, hat aber wenig Hoffnung, dass dieser Traum wirklich einmal in Erfüllung geht. Marga liebt die Unschuld, mit der Kinder die Welt sehen und ihre Gedanken aussprechen, unbelastet von Vorurteilen und Zweifeln, zumindest solange, bis irgendein Erwachsener sie ihnen einredet. Deshalb hat sie schon vor längerer Zeit begonnen, Ideen für Geschichten für Kinder zu sammeln und zu schreiben. Sie weiß dass sie keine Bestsellerautorin werden wird, aber es ist etwas Schönes, was ihr in der Seele gut tut. Wenn sie wieder einmal eine Geschichte beendet hat, stellt sie sich vor, wie sie diese einem ihrer Enkelkinder erzählt und das Kind mit glühenden Wangen, gebannt lauschend auf ihrem Schoß sitzt. Marga nimmt einen Schluck Kaffee und lächelt leise bei dieser wunderschönen Vorstellung, dann öffnet sie das Buch und beginnt zu schreiben.
Chip:
Gerade fertig mit den Mathehausaufgaben, brütet Chip wieder einmal über Nachholstoff vom letzten Schuljahr, mit dem ihn Denize eingedeckt hat. Er liegt an seinem Lieblingsplatz am Fluss, weil er dort gut denken und so das Angenehme mit der Pflicht verbinden kann. Mittlerweile braucht er nur noch selten ihre Hilfe, zumindest in Mathe. Fast alle Aufgaben knackt er alleine. Erstaunlicherweise macht das sogar Spaß. Der Moment, wenn ihm aufgeht was die Crux an der Aufgabenstellung ist und was von ihm verlangt wird, befriedigt ihn und die Lösung ist dann kein Problem mehr. Chip weiß dass er clever ist, verwendet aber trotzdem diese Ressourcen lieber auf andere Dinge als Schule. Denize und die Vorstellung einer möglichen Zukunft mit ihr sind allerdings eine enorme Motivation, so dass er gerne seine graue Zellen dafür zum qualmen bringt.
Warum hat sie sich eigentlich heute noch nicht gemeldet? Ob er sie anrufen soll? Er schiebt die Papiere zur Seite und dreht sich auf den Rücken.
Das leise Murmeln und Gurgeln des Flusses lullt ihn ein wenig ein und unwillkürlich trudeln seine Gedanken in alle möglichen Richtungen. Er geht im Geiste das neue Bass Solo durch und erinnert sich an Denize' stolzen und anerkennenden Blick, als er es ihr vorgespielt hat.
Sie hat bisher alles was er über die Band und seine damit verknüpften Pläne erzählt hat, interessiert aufgenommen und sich mit ihm gefreut, trotzdem hat er in letzter Zeit das Gefühl, wenn er von seinen Träumen auf Tour zu gehen erzählt, wird die Stimmung gedämpfter und sie lächelt mehr aus Pflichtgefühl, als aus wahrer Freude. Unruhig geworden setzt Chip sich auf und zündet eine Zigarette an.
Ob sie die Sprüche was Groupies betrifft womöglich ernst nimmt? Klar...wer wäre nicht gern als cooler Musiker von Mädels umschwärmt? Aber sie ist seine Nummer eins und das wird er auf keinen Fall für irgendeine ...er stoppt abrupt den Gedanken, weil sich Jessicas Bild auf Stephens Party vor sein inneres Auge schiebt. Sofort kommt das schlechte Gewissen. Es ist ihm in letzter Zeit gelungen dieses Erlebnis zu 90 Prozent zu verdrängen, aber in Momenten, in denen seine Wachsamkeit nachlässt, kann es passieren, dass die Erinnerung daran vehement an die Oberfläche drängt. Wie bei anderen Sachen auch...
Chip fällt der Besuch bei Denize' Oma ein und wie sie ihm die Karten gelegt hat. Wie perfekt alles zu seiner inneren Frage bezüglich Offenheit und Bekenntnis gepasst hatte und wie die Angst in sein Herz gekrochen war. Gott sei Dank hatte keiner der beiden Verdacht geschöpft..hofft er wenigstens.
Er schnipst den Zigarettenstummel weg und lässt sich wieder auf den Rücken fallen. Ist es wirklich der richtige Weg alles für sich zu behalten? Chip bekommt ein flaues Gefühl im Magen. Blaze und er wissen bis heute nicht, was tatsächlich passiert ist in der Nacht... was aber nichts an den nackten Tatsachen am Morgen danach ändert. Chip ist Realist genug, sich einzugestehen, dass er wohl keine Cellulitetipps mit Jessica ausgetauscht und ihr Hilfe bei möglichen Problemzonen angeboten hat. Die Tarotkarte mit der nackten Frau, die nur mit einem Tuch..Leintuch? bedeckt war fällt ihm wieder ein und ihm wird ganz schlecht. Kann er wirklich damit leben, das alles für sich zu behalten und Denize gegenüber immer so zu tun, als wäre nie etwas passiert? Er will sie auf keinen Fall verlieren und auch nicht verletzen...
Gequält seufzt Chip auf, greift nach einem leeren Blatt Papier und starrt darauf. Seine Mutter schreibt oft in ihrem braunen Notizbuch und Blaze verarbeitet auch vieles in Songtexten. Vielleicht hilft es ihm ja auch, seine Gefühle in Worte zu fassen.
Nach anfänglichem Zögern fliegt Chips Stift nur so über die weiße, jungfräuliche Seite. Die Worte kommen ohne dass er nachdenken muss und während er schreibt versteht er das erlösende an dieser Tätigkeit. Selbst wenn nie ein song der Band daraus werden wird, tut es gut alles aufzuschreiben. Der Fluß murmelt träge und beruhigend vor sich hin, als sich laut krächzend eine Krähe neben Chip auf dem Baum nieder lässt. Erschrocken blickt er auf. Ist ja wie im Film...und da ist 's immer ein schlechtes Omen, denkt er mit klopfendem Herzen, schüttelt dann schnell die Gedanken ab ehe er, fast fiebrig, wieder beginnt weiter zu schreiben.
Charaktere: Marga, Chip, Bertl
Geschichtsstrang: Wie innen, so nicht außen
Bertl:
Es ist lang nicht mehr so heiß im Garten, wie noch vor zwei, drei Wochen. Trotzdem steht Bertl der Schweiß auf der Stirn, während er sich schwer atmend auf einen Spaten stützt. Vor ihm liegt ein aufgebrochenes Areal Boden, zum Teil umgegraben, teils Erdschollen, die noch auf Zerkleinerung warten.Eine offene Wunde in der Hülle von Mutter Erde, kommt es Bertl ungewohnt philosophisch in den Kopf, ähnlich der Wunde, die in seiner Seele schmerzt.
Wenn er schonungslos ehrlich zu sich ist, hatte er schon im Vorfeld gewusst, wie das Treffen mit Stephen laufen würde und ihm war gar nicht wohl in seiner Haut gewesen. Trotzdem war auch schon länger klar für ihn, dass er der Sache entweder ein Ende machen oder eben auf Offenheit und Akzeptanz setzen muss...Traumtänzerei.
Alles hatte damit begonnen, dass er selbst wieder einen ernst zunehmenden Schachpartner gesucht hatte. Sein Nachbar, der ihn gelegentlich heim- oder aufsucht geht ihm gewaltig auf den Keks, weil er dauernd Marga schöne Augen macht. Sie registriert das zwar nicht, aber Bertl regt es auf.
Im Internet war er über Werbung für eine Plattform gestolpert, auf der man ganz leicht wahlweise Freunde oder auch mehr finden kann, wenn man den Machern glauben darf. Dieses Gefühl von Einsamkeit, was ihn trotz Ehe immer wieder überfällt, hatte ihn bewogen sich dort anzumelden. Womöglich würde er einen Sim kennen lernen, der ihn aus diesem Tief herausholen kann...
Er hatte nicht gewollt, dass irgendjemand ihn erkennt und sich deshalb diesen absurden Nickname zugelegt...SweetxAngel_18.. idiotisch!
Hätte er mit offenen Karten gespielt, wäre es nie soweit gekommen. Zuerst hatten sie nur oberflächlich geredet, sich über Hobbies ausgetauscht - die er bis auf Schach frei erfunden hatte, da nicht vorhanden- eine Partie Schach gespielt, aber bald schon wurden die Gespräche privater, vielschichtiger und sie hatten eine Verbindung, die einfach unbeschreiblich war. Gedanken, Wertvorstellungen und Ansichten über die Bertl schon Jahre nicht mehr nachgedacht hatte, im täglichen Trott mit Marga und dem alkoholumnebelten Hirn, wurden wiederbelebt und sie führten stundenlange Gespräche über alles mögliche, wenn Marga vor dem Fernseher saß und ihn schlafend im Bett wähnte. Das hatte ihm neue Lebensenergie gegeben und auch Kraft, das Projekt mit dem Verkaufsstand durchzuziehen. Der Erfolg gibt ihm Recht.Viele Sims verstehen, dass man die Bedrohung durch Aliens nicht auf die leichte Schulter nehmen darf und sich entsprechend schützen muss. Ohne Stephen hätte er das so nicht geschafft.Er hatte das verstanden, ihn ermutigt seine Träume zu verwirklichen, mit ihm über Paralleluniversen und fremde Planeten fantasiert.
Von Bertl aus hätte das ewig so weiter laufen können, wenn nicht...ja, wenn nicht Stephen plötzlich die fixe Idee entwickelt hätte, dass man sich treffen müsse, füreinander bestimmt wäre, auch in anderer Hinsicht. Ab da wurde es dann richtig kompliziert. Er hatte versucht ihn zufrieden zu stellen indem er ein Profilbild von irgendeiner blonden Schönheit hochgeladen hatte, in der Hoffnung das würde ihm reichen. Leider hatte das den gegenteiligen Effekt und alle Beteuerungen warum sie sich nicht treffen können, waren nicht genug. Die Bedeutung von 'das bittere Ende' ist Bertl noch nie so klar vor Augen geführt worden, wie durch das Treffen im Bowling Center.
Energisch wischt er sich die Stirn mit dem Saum seines Unterhemdes ab und beginnt wieder mit Nachdruck den trockenen Boden zu bearbeiten.
Die Gespräche in der Stadt heute Vormittag, bei denen es um die Finanzierung des nächsten großen Projektes ging, waren äußerst erfolgreich verlaufen, so dass der Verwirklichung nichts mehr im Wege steht. Der Bau eines mittelgroßen Bunkers, für den Fall,dass die Invasion und Besetzung der Simswelt durch Außerirdische wahr wird, ist nach Bertls Empfinden schon längst überfällig.
Dafür wird ein Teil von Margas Areal im hinteren Garten weichen müssen und Adrians künstlerisches Werk, was auch immer es darstellen soll, kann auch endlich entfernt werden. Wenn Marga nicht so nachdrücklich darauf bestanden hätte, dass es eine Daseinsberechtigung hat, weil ihr Sohn sich darüber 'ausdrücken' würde, hätte er es am selben Tag des Entstehens schon weggeputzt, beziehungsweise vom Urheber wegmachen lassen. Über das Kapitel Adrian will Bertl lieber nicht nachdenken, allein dass er sich beharrlich weigert den wichtigen Hut zu tragen..besser auf erfolgversprechendere Projekte konzentrieren. Die Abrissarbeiten und die Vermessungen kann er selber erledigen, bevor dann demnächst die Bagger anrücken.
Jetzt, da seine virtuelle Stütze nicht mehr da ist, wird er sich noch mehr der Sicherheit und dem Wohlergehen seiner Familie widmen, auch wenn die das nicht zu würdigen weiß. Schmerzlich vermisst er die Unterstützung, aber er wird das auch allein durchziehen. Zu viele Jahre ohne Aufgabe und Ziel. Das hat ein Ende jetzt, trotz allem. Auch der Akohol wird nicht wieder Einzug in sein Gehirn halten, das haben sie sich versprochen und dabei bleibt es. Grimmig treibt Bertl die Schaufel wieder in den harten Boden, während die Schweißperlen von seiner Stirn im trockenen Staub kleine Tropfenmuster formen.
Marga:
„Mmmmh..pritti wuman, wokin daun se striiet, pritti wuman..“ Marga trällert während des Abwaschs vor sich hin und erinnert sich an die wunderbaren Szenen, die sie im Film gestern Abend gesehen hat. Gefühlt zum hundertsten Mal, aber sie kann einfach nicht genug davon bekommen. Ach, würde sie doch auch der Traumprinz in einem weißen Auto abholen, in eine goldene Zukunft voller aufregender Erlebnisse. Sie haben zwar keine Feuerleiter am Haus, aber dafür würde sie sogar an der Dachrinne hinunterklettern, wie Adrian, wenn er sich nachts aus dem Haus schleicht und denkt, sie höre das nicht. Ihr Prinz müsste sich nicht mal nach oben quälen.
Seufzend stellt sie das letzte Glas zur Seite, lässt das Wasser aus dem Spülbecken und trocknet die Hände an ihrer Schürze ab. Die Nachmittagssonne scheint durch die Fenster und lädt sie ein, auf die Veranda zu gehen und sich ein wenig hinzusetzen. Bertl hat heute den Verkaufsstand geschlossen und werkelt irgendetwas im hinteren Garten herum. Sie kann ihn hören, was beruhigend ist, da sie dann keine Gefahr läuft, dass er unverhofft hier am Haus auftaucht. Heute morgen hat er ihr angekündigt, dass sie abends noch über ein wichtiges Thema sprechen müssten. Marga ist gar nicht wohl bei solchen Aussagen von Bertl, weil man immer mit allem rechnen muss. Er ist sowieso wieder viel verschlossener geworden in den letzten Tagen, aber Alkohol trinkt er keinen, so viel sie gesehen hat. Jahrelang hat sie gehofft, dass es irgendwann so sein und der 'alte' Bertl wieder zum Vorschein kommen würde, aber das ist leider nicht eingetreten.Sie weiß wie sehr sich ihr Mann an manchen Tagen mit den Entzugserscheinungen quält, aber Bertl lässt sie nicht an sich heran, so dass sie ihm in Bezug auf dieses Thema nicht helfen kann. Wieder einmal wird ihr bewusst, wie allein man innerhalb einer Familie leben kann. Ihre Gedanken wandern zu Adrian. Er hat mittags noch Bass spielen geübt und ist dann irgendwohin verschwunden. Seit dieser Nacht, in der sie Stephen vor dem Haus gefunden hat, ist er ihr gegenüber etwas zugänglicher geworden, erzählt ihr manchmal in der Küche von der Musik, die er mit seinen Freunden macht und von der neuen Schule. Das ist derzeit das einzig Schöne, woran sich Marga klammert.
Sie geht zur Kaffeemaschine, brüht sich eine Tasse und setzt sich auf die Veranda.
Im Grunde sind es gerade beste Bedingungen, um ungestört ein wenig Tagebuch zu schreiben. Dieses Büchlein, das ihr das Leben oft etwas leichter macht. In dem sie träumen kann und reisen wohin sie will, mit wem sie will und so oft sie will.Sie nimmt den Siebhut ab, den sie Bertl zuliebe noch immer täglich trägt und zieht ihr Tagebuch aus der Schürzentasche. Nicht nur ihre geheimen Gedanken finden dort Platz, sondern auch etwas, was ihr Freude macht. Manchmal fragt sich Marga, ob es in Adrians Leben ein Mädchen gibt und ob er ihr nur nichts davon erzählt. Sie wünscht sich so sehr Enkel irgendwann, hat aber wenig Hoffnung, dass dieser Traum wirklich einmal in Erfüllung geht. Marga liebt die Unschuld, mit der Kinder die Welt sehen und ihre Gedanken aussprechen, unbelastet von Vorurteilen und Zweifeln, zumindest solange, bis irgendein Erwachsener sie ihnen einredet. Deshalb hat sie schon vor längerer Zeit begonnen, Ideen für Geschichten für Kinder zu sammeln und zu schreiben. Sie weiß dass sie keine Bestsellerautorin werden wird, aber es ist etwas Schönes, was ihr in der Seele gut tut. Wenn sie wieder einmal eine Geschichte beendet hat, stellt sie sich vor, wie sie diese einem ihrer Enkelkinder erzählt und das Kind mit glühenden Wangen, gebannt lauschend auf ihrem Schoß sitzt. Marga nimmt einen Schluck Kaffee und lächelt leise bei dieser wunderschönen Vorstellung, dann öffnet sie das Buch und beginnt zu schreiben.
Chip:
Gerade fertig mit den Mathehausaufgaben, brütet Chip wieder einmal über Nachholstoff vom letzten Schuljahr, mit dem ihn Denize eingedeckt hat. Er liegt an seinem Lieblingsplatz am Fluss, weil er dort gut denken und so das Angenehme mit der Pflicht verbinden kann. Mittlerweile braucht er nur noch selten ihre Hilfe, zumindest in Mathe. Fast alle Aufgaben knackt er alleine. Erstaunlicherweise macht das sogar Spaß. Der Moment, wenn ihm aufgeht was die Crux an der Aufgabenstellung ist und was von ihm verlangt wird, befriedigt ihn und die Lösung ist dann kein Problem mehr. Chip weiß dass er clever ist, verwendet aber trotzdem diese Ressourcen lieber auf andere Dinge als Schule. Denize und die Vorstellung einer möglichen Zukunft mit ihr sind allerdings eine enorme Motivation, so dass er gerne seine graue Zellen dafür zum qualmen bringt.
Warum hat sie sich eigentlich heute noch nicht gemeldet? Ob er sie anrufen soll? Er schiebt die Papiere zur Seite und dreht sich auf den Rücken.
Das leise Murmeln und Gurgeln des Flusses lullt ihn ein wenig ein und unwillkürlich trudeln seine Gedanken in alle möglichen Richtungen. Er geht im Geiste das neue Bass Solo durch und erinnert sich an Denize' stolzen und anerkennenden Blick, als er es ihr vorgespielt hat.
Sie hat bisher alles was er über die Band und seine damit verknüpften Pläne erzählt hat, interessiert aufgenommen und sich mit ihm gefreut, trotzdem hat er in letzter Zeit das Gefühl, wenn er von seinen Träumen auf Tour zu gehen erzählt, wird die Stimmung gedämpfter und sie lächelt mehr aus Pflichtgefühl, als aus wahrer Freude. Unruhig geworden setzt Chip sich auf und zündet eine Zigarette an.
Ob sie die Sprüche was Groupies betrifft womöglich ernst nimmt? Klar...wer wäre nicht gern als cooler Musiker von Mädels umschwärmt? Aber sie ist seine Nummer eins und das wird er auf keinen Fall für irgendeine ...er stoppt abrupt den Gedanken, weil sich Jessicas Bild auf Stephens Party vor sein inneres Auge schiebt. Sofort kommt das schlechte Gewissen. Es ist ihm in letzter Zeit gelungen dieses Erlebnis zu 90 Prozent zu verdrängen, aber in Momenten, in denen seine Wachsamkeit nachlässt, kann es passieren, dass die Erinnerung daran vehement an die Oberfläche drängt. Wie bei anderen Sachen auch...
Chip fällt der Besuch bei Denize' Oma ein und wie sie ihm die Karten gelegt hat. Wie perfekt alles zu seiner inneren Frage bezüglich Offenheit und Bekenntnis gepasst hatte und wie die Angst in sein Herz gekrochen war. Gott sei Dank hatte keiner der beiden Verdacht geschöpft..hofft er wenigstens.
Er schnipst den Zigarettenstummel weg und lässt sich wieder auf den Rücken fallen. Ist es wirklich der richtige Weg alles für sich zu behalten? Chip bekommt ein flaues Gefühl im Magen. Blaze und er wissen bis heute nicht, was tatsächlich passiert ist in der Nacht... was aber nichts an den nackten Tatsachen am Morgen danach ändert. Chip ist Realist genug, sich einzugestehen, dass er wohl keine Cellulitetipps mit Jessica ausgetauscht und ihr Hilfe bei möglichen Problemzonen angeboten hat. Die Tarotkarte mit der nackten Frau, die nur mit einem Tuch..Leintuch? bedeckt war fällt ihm wieder ein und ihm wird ganz schlecht. Kann er wirklich damit leben, das alles für sich zu behalten und Denize gegenüber immer so zu tun, als wäre nie etwas passiert? Er will sie auf keinen Fall verlieren und auch nicht verletzen...
Gequält seufzt Chip auf, greift nach einem leeren Blatt Papier und starrt darauf. Seine Mutter schreibt oft in ihrem braunen Notizbuch und Blaze verarbeitet auch vieles in Songtexten. Vielleicht hilft es ihm ja auch, seine Gefühle in Worte zu fassen.
Nach anfänglichem Zögern fliegt Chips Stift nur so über die weiße, jungfräuliche Seite. Die Worte kommen ohne dass er nachdenken muss und während er schreibt versteht er das erlösende an dieser Tätigkeit. Selbst wenn nie ein song der Band daraus werden wird, tut es gut alles aufzuschreiben. Der Fluß murmelt träge und beruhigend vor sich hin, als sich laut krächzend eine Krähe neben Chip auf dem Baum nieder lässt. Erschrocken blickt er auf. Ist ja wie im Film...und da ist 's immer ein schlechtes Omen, denkt er mit klopfendem Herzen, schüttelt dann schnell die Gedanken ab ehe er, fast fiebrig, wieder beginnt weiter zu schreiben.