Forum Discussion
3 years ago
Ort: Sportcenter Windenburg
Charaktere: Jadyn, Ellie
Titel: Hoch hinaus, tief herab
Jadyn steigt vom Rad, schließt es am Ständer vorm Haus an und schaut auf die Uhr. Er ist einige Minuten zu früh - wie meistens, wenn er verabredet ist. Die Wartezeit nutzt er, um ein paar Dehnübungen zu machen. Es dauert nicht lange, bis er Ellie um den Block biegen sieht. Mit ihren leuchtend blauen Haaren ist sie meterweit gut zu erkennen. "Hey,", grüßt er fröhlich, als sie bei ihm ankommt, "pünktlich auf die Minute."
"Klar!", lacht die Angesprochene. "Es gibt ja was zu tun!" Es ist kein Klettern in freier Natur, so wie damals mit Nouki. Aber es gibt ein Sportcenter in Windenburg, vor dem die beiden gerade stehen. "Ah, Windenburg. Da war ich zuletzt im Sommer auf dem Musikfestival.", erinnert sich die Blauhaarige.
"Ist ja schon ein paar Tage her.", lacht Jadyn. Er ist mindestens einmal die Woche hier, um die Wände zu erklimmen. "War's denn gut?", fragt er, während er seine Sporttasche vom Rad nimmt und mit der Mitschülerin hinein geht.
"Klar.", sagt Ellie, "Bis auf das Ende. Da wurde Vero nämlich das Handgelenk gebrochen. Sie ist eine Freundin von mir."
"Oh man, auf sowas kann man gut verzichten. Grade die Gelenke."
"Oh ja." Ellie seufzt. "Vero kann ihre Hand immer noch nicht richtig benutzen." Sie überlegt, ob sie die Details verraten soll. Allerdings hat Jadyn auch nicht danach gefragt.
Die Wege der Teenager trennen sich für einen kurzen Moment, als sie die Umkleidekabinen betreten. Während der Brunette sich die Schuhe zubindet, schweifen seine Gedanken in eine andere Richtung ab. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er heute mit Ellie hergekommen ist, statt mit seinem Bruder. Er weiß, wie gern er ihn einmal begleiten würde. Und obwohl Jadyn ihn gern bei diversen Unternehmungen mitzieht, ist er sich nicht sicher, ob eine Kletterwand das Richtige für ihn ist.
Jadyn setzt den Fuß auf den Boden, wirft sich ein Handtuch über die Schulter und verlässt die Kabine. Die Kletterwand läuft nicht weg. Früher oder später wird er zusammen mit Jordyn hier aufschlagen. Aber heute will er Ellie etwas besser kennen lernen.
In Sportsachen kommt Ellie zurück in die Halle. Sie war hier noch nie. Sie wusste nicht einmal, dass es ein Sportzentrum in Windenburg gibt. Ihr kam die Stadt eigentlich immer wie eine alte Stadt mit vielen Fachwerkhäusern vor. Anders als die Großstadt San Myshuno, mit etwas modernerer Architektur. Aber warum sollte es auch hier kein Sportcenter geben? Die Zeit ist ja auch für die Windenburger nicht stehen geblieben.
Jadyn steht schon bereit, als Ellie schließlich ankommt. "Bin mal gespannt, ob ich das noch hinkriege so wie damals in Selvadorada.", sagt sie.
"Draußen klettern ist natürlich viel cooler.", grinst der Teenager. "Aber ist jetzt doch etwas kalt dafür. Da wird die Halle ausreichen müssen."
Jadyn überlässt seiner Begleitung die Wahl der Wand. Verschiedene Höhen und Schwierigkeitsstufen werden angeboten. Er schnallt sich den Gurt um und schaut zu der Blauhaarigen herüber, um zu sehen, ob sie Hilfe braucht. Schließlich kann man bei all den Schnallen und Verschlüssen schnell den Überblick verlieren, wenn man das Anlegen nicht gewohnt ist.
Ellie braucht tatsächlich Hilfe. Hier im Sportcenter ist es dann doch etwas anderes als mit Nouki und außerdem ist ihr letztes Klettern nun auch schon eine Weile her. Doch Jadyn hilft ihr, bis auch sie bereit ist.
Für den Anfang hat Ellie eine leichte Kletterroute gewählt. Nicht die allerleichteste, die angeboten wird, aber im leichteren Drittel.
"Dann mal los.", nickt er ihr auffordernd zu. Er selbst bleibt vorerst am Boden, um sie mit dem Seil zu stabilisieren.
Ellie erinnert sich an die Lektionen in Selvadorada. Sie versucht nicht, sich abzuhetzen. Sie geht langsam voran - Schritt für Schritt. Erfahrene Kletterer wären sicherlich sehr viel schneller oben als sie selbst, aber das kümmert Ellie nicht.
Obwohl die Kletterroute so einfach ist, verliert Ellie gegen Ende das Gleichgewicht und fällt fast runter - zumindest wäre sie das, wenn sie nicht gesichert wäre. Aber Jadyn hat sie sicher und lässt sie nicht los. Ellie lächelt ihm zu. Schließlich schafft sie dann auch noch den Rest des Weges.
"Das war gut.", klopft ihr der Begleiter auf die Schulter, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Ellie grinst. "Naja, bis auf das Gleichgewicht verlieren. Aber ich bin auch ein wenig aus der Übung, schätze ich." Sie grinst. "Aber zeig doch mal, was du drauf hast!"
"Dafür bist du ja gesichert. Wie oft ich anfangs in der Luft hing,", er winkt augenrollend ab, "das konnte ich gar nicht mehr mitzählen."
Der Teenager sichert sich am Haken des schweren Aufstiegs. Bevor er startet, schaut er nach oben. Die Wand reicht bis einen knappen Meter unter der Decke. Bisher hat er es nur ein einziges Mal bis zum Ende geschafft.
Ellie staunt. "Da willst du rauf?" Sie selbst hätte das nie gewagt.
"Ich habe das leichte Gefühl, dass du mir Glück bringst.", grinst er spitzbübisch. Er will schon den ersten Griff setzen, als er sich zu Ellie herum dreht und fortfährt: "Wie wäre es damit - Wenn ich es bis nach oben schaffe, dann lädst du mich ins Kino ein. Wenn ich vorher abstürze, zahle ich."
"Ist gebongt!", grinst Ellie. "Das ist ein Deal!"
Jadyn grinst breit und nickt. Voller Elan packt er den ersten Griff und zieht sich mühelos hoch. Der linke Fuß setzt nach und schnell hat er den ersten Meter unter sich gelassen. Konzentriert arbeitet er sich Stück für Stück voran. Seine sonst so unauffälligen Arme pumpen sich unter der Anstrengung auf und einige kräftige Adern zeichnen sich ab. Auch seine Hände wirken beim Aufstieg viel muskulöser als gewöhnlich.
Nachdem er fast die Hälfte der Strecke geschafft hat, verharrt er und schnauft einen Moment. Langsam beginnt sein Körper schwerer zu werden.
Als er den Fuß nachsetzen will, rutscht er einmal ab, kann sich aber halten. Ein kurzes Grinsen zieht über sein Gesicht und weicht sogleich der Konzentration. Beim zweiten Versuch findet der Fuß den benötigten Halt und der Teenager schafft einen kräftigen Satz weiter nach oben.
Sein Blick folgt der Wand Richtung Decke. Er hat noch ein gutes Drittel zu überwinden, doch sein linker Arm beginnt schwer zu ziehen. Jadyn verlagert das Gewicht, lässt den Arm sinken und schüttelt ihn in der Luft aus. Ein paar mal spreizt er die Finger und bildet dann eine Faust. Als das unangenehme Gefühl nachlässt greift er ein weitere Stück nach oben. Seine Finger finden Halt, doch der Arm schwächelt weiterhin. Nur unter größter Anstrengung schafft er es, sein eigenes Körpergewicht einige Zentimeter weiter zu ziehen. Schnaufend krallt er sich an die Griffe.
Ellie sieht ihm von unten staunend zu. Selbst wenn er es nicht ganz bis nach oben kommt, ist sie jetzt schon beeindruckt. Sie merkt, wie sie sich die Zähne zusammenbeißt. Sie will ihm nichts zurufen, um seine Konzentration nicht zu stören.
Sein Blick sucht eine günstige Möglichkeit, den Weg fortzusetzen, doch die Abstände zwischen den Haltegriffen werden immer größer. Ohne einen Ausfallschritt wird er hier nicht weiter kommen.
Angestrengt atmet er tief ein, hält die Luft an und macht einen Satz mit dem rechten Arm. Nur knapp erwischt er den nächsten Griff, kann sich hoch ziehen und will den Fuß aufsetzen, als der linke Arm der Erschöpfung erliegt und abrutscht. Überrascht versucht Jadyn sich zu halten, verliert das Gleichgewicht und sein Körper dreht an der Wand halb herum. Die rechte Hand umklammert noch immer den Griff, das linke Bein versucht auszuballancieren, während der freie Arm geschwächt in der Luft hängt. Das gesamte Gewicht lastet nun auf dem rechten Arm. Mit zusammengepresstem Kiefer versucht Jadyn die Kontrolle über seinen Körper zurück zu gewinnen. Und er schafft es tatsächlich das Gewicht noch einmal zu verlagern und zurück zur Wand zu drehen.
Ellie ist begeistert. Der Junge ist wirklich sportlich. Die Muskeln sind ihr vorher gar nicht so aufgefallen. Auch Sven war schon sportlich, als Fußballer. Ist es das, was ihr an Männern gefällt? Sportlichkeit? Nicht nur, jedenfalls. Auch der Respekt und die Chemie müssen stimmen, bevor...
Sie verwirft den Gedanken. Was denkt sie da? Sie mag Jadyn wirklich. Aber es ist doch keine romantische Beziehung! Auch mit Sven wurde ja nie eine romantische Beziehung draus, auch wenn sich Ellie das durchaus auch gut hätte vorstellen können.
Jadyns Fuß findet endlich wieder Halt und kann dem Körper etwas Gewicht nehmen. Es kostet den Teenager viel Kraft, den linken Arm wieder zu heben und am Griff zu halten. Der Muskel zittert hektisch unter der Haut und Jadyn weiß, dass dieser Arm ihm ab jetzt nicht mehr helfen wird. Die letzte Chance ist jetzt, das Gewicht auf die Füße zu bringen, um mit der rechten Hand weiter zu kommen. Noch einmal Konzentration und mit Schwung zum nächsten Griff ....
Noch bevor die Finger das bunte Stück Kunststoff erreichen, versagt der linke Arm erneut. Jadyn kippt nach hinten, rudert mit den Armen - seine Finger streifen den begehrten Griff ...
Doch er ist zu weit weg. Sein Körper fällt nach hinten und landet in den Seilen.
Ausgelaugt und mit hängenden Gliedmaßen schaukelt Jadyn in der Luft. Sein Blick trifft die obere Kannte der Kletterwand. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte es geschafft.
Leise in sich hineinlachend lässt er sich am Seil herab und landet neben Ellie auf dem Boden. Schweißgebadet lächelt er sie an und schnauft: "Such dir einen Film aus... Ich zahle."
Schade. Ellie hätte es ihm wirklich gegönnt, dass er es schafft, selbst wenn das bedeutet, ihm einen Kinobesuch auszugeben. Es hat ja wirklich nicht mehr viel gefehlt. "Das war wirklich knapp. Fast hättest du es." Sie sieht ihn an. "Das nächste Mal klappt es, und dann gebe ich dir was aus." Doch zuerst ist wohl Jadyn dran mit ausgeben. Sie überlegt eine Weile. "Da läuft momentan so ein Abenteuerfilm. 'Der verfluchte Rubin.' Der klang recht interessant."
"So soll es sein.", keucht der Junge, greift nach seinem Wasser und trinkt die halbe Flasche. Er setzt sich auf eine Bank und wischt mit dem Handtuch über Gesicht, Kopf und Nacken.
Ellie setzt sich neben ihn auf die Bank. "Ist schon anstrengend, das Klettern.", sagt sie, "Das habe ich schon bei der leichten Route bemerkt, und die war nicht halb so hoch wie deine!"
"Das ist das Schöne daran.", lächelt er. "Wenn du deinen Körper spürst. Und diese Erschöpftheit danach. Das Gefühl, was geleistet zu haben. Das gefällt mir." Er spricht leise und wirkt vollkommen entspannt und ausgeglichen. "Möchtest du nochmal? Oder hast du genug für heute?"
Ellie sieht auf ihre Hände. "Ich glaube nicht, dass ich heute noch viel schaffe sportlich gesehen. Dazu fehlt mir die Übung. Vielleicht habe ich dann beim nächsten Mal mehr Ausdauer, aber für heute hat mir die eine Wand gereicht. Wie ist es denn bei dir?"
Jadyn lacht leise auf und schüttelt den Kopf. "Ich bin platt. Aber ich könnte noch was trinken. Wenn du magst."
"Klar, gerne.", freut sich Ellie.
"Cool. Ich krieche unter die Dusche und bin in guten vier Stunden wieder bei dir.", zwinkert er selbstironisch.
Ellie muss lachen. "Treffen wir uns dann bei der Bar hier?", fragt sie. Es gibt auch eine, die zum Sportcenter gehört. Man kann sie auch unabhängig davon besuchen, doch sie befindet sich im Center und gehört somit dazu.
"Guter Plan." Er steht auf und geht zu den Kabinen. "Bis gleich.", dreht er sich noch einmal herum, bevor er hinter der Tür verschwindet.
Ellie sitzt nach dem Duschen und Umziehen nun auf einem der Barhocker. Jadyn ist noch nicht da. Sie bestellt sich aber schon einen Orangensaft. Was alkoholisches möchte sie nach dem Sport nun lieber nicht. Amüsiert fällt ihr dabei ein, dass es auch ein Saft war, der die beiden überhaupt erst miteinander bekannt gemacht hat.
Mit dem Getränk in der Hand setzt sie sich quer auf den Hocker, lehnt einen Arm auf die Theke und lässt ihre Gedanken schweifen. Jadyn wird ihr immer sympathischer... Und sie fragt sich, ob man es schon als Liebe bezeichnen könnte, und wie er das so sieht.
Der Teenager tritt frisch geduscht und gestylt in die Bar. Sofort sieht er Ellie am Tresen sitzen und wundert sich - er hätte sie für eine Tisch-Sitzerin gehalten.
"Wie neu.", begrüßt er sie lächelnd und stellt seine Tasche unter dem Tresen ab. Der Orangensaft fällt ihm ins Auge und er nickt: "Gute Wahl. Da habe ich jetzt auch Lust drauf." Der Barkeeper schaut ihn fragend an.
"Ich nehme das Gleiche, wie die hübsche Dame neben mir.", bestellt Jadyn. Ellie zugewandt fragt er: "Und weißt du schon, wann wir den Rubin ansehen können?"
"Wie wäre es mit heute!", schlägt Ellie vor. Sie freut sich, dass Jadyn nicht nur das Kino ausgeben will sondern auch gleich mitkommt. Immerhin hat er von 'Wir' gesprochen. "Die Abendvorstellung läuft in ner halben Stunde an. Das schaffen wir noch mit der Bahn." Die Zeiten für den Film kennt sie ausewendig, da sie auch vorher schon mit dem Gedanken gespielt hat, diesen zu sehen. Selbst wenn er ihr es nicht ausgegeben hätte.
"Du bist ja spontan.", lacht er. "Ich kann dich auch auf dem Rad mitnehmen. Das wird nicht länger dauern."
Genüsslich trinkt er einen kräftigen Schluck von dem frisch gepressten Saft.
"Oh, du bist mit dem Rad da? Super, wenn du da Platz hast, dann geht das natürlich auch!" Sie trinkt ihren Saft ebenfalls leer.
"Kannst entweder hinten auf dem Gepäckträger oder vorn auf der Stange sitzen. Oder du fährst und ich sitz auf deinem Schoß." Sein Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen.
Ellie grinst ebenfalls. "Der Gepäckträger sollte passen."
"Sehr schön." Jadyn nimmt das Glas und trinkt den Rest, bevor er sich beim Barkeeper bedankt und sich freundlich verabschiedet.
Vor dem Eingang angekommen, schließt er das Rad los, lässt Ellie aufsitzen und schnallt sich die Tasche quer um den Oberkörper.
"Bereit?", fragt er über die Schulter nach hinten.
"Aber sicher.", antwortet die Blauhaarige. Erstaunlich, wie viel Energie der Junge jetzt noch hat. Klar, er hat ein bisschen Pause gehabt. Aber auch Rad fahren geht ja in die Beine, erst Recht mit einem weiteren Passagier auf dem Gepäckträger.
Jadyn stemmt sich auf die Pedale und radelt los. Als er ein gutes Tempo erreicht hat, lässt er sich auf den Sitz sinken und legt den Rest der Strecke geschmeidig und entspannt zurück. Ellies Hände liegen zaghaft auf seinem Becken. Er mag das Gefühl, das von ihr ausgeht. Er spürt die Wärme ihrer Handflächen und hätte kein Problem damit, so bis ans Ende der Welt zu fahren.
Nach nur sechzehn Minuten erreichen sie das Kino. Langsam bremst der Teenager, damit Ellie zuerst absteigen kann.
"Voila, wir sind da. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mit dem Lamont Express gereist sind. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt und ich darf Sie bald wieder begrüßen. Vorsicht beim Absteigen, empfehlen Sie mich weiter."
"Ne, wenn ich dich weiter empfehle, wollen ja alle von dir durch die Gegend gefahren werden.", erwidert Ellie grinsend. "Dann haben wir keine Zeit mehr, mal ins Kino zu gehen. Da bleibe ich dann lieber deine einzige Kundin." Sie zwinkert ihm zu.
"Würde mir auch gefallen.", entgegnet er leise schmunzelnd.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )
Charaktere: Jadyn, Ellie
Titel: Hoch hinaus, tief herab
Jadyn steigt vom Rad, schließt es am Ständer vorm Haus an und schaut auf die Uhr. Er ist einige Minuten zu früh - wie meistens, wenn er verabredet ist. Die Wartezeit nutzt er, um ein paar Dehnübungen zu machen. Es dauert nicht lange, bis er Ellie um den Block biegen sieht. Mit ihren leuchtend blauen Haaren ist sie meterweit gut zu erkennen. "Hey,", grüßt er fröhlich, als sie bei ihm ankommt, "pünktlich auf die Minute."
"Klar!", lacht die Angesprochene. "Es gibt ja was zu tun!" Es ist kein Klettern in freier Natur, so wie damals mit Nouki. Aber es gibt ein Sportcenter in Windenburg, vor dem die beiden gerade stehen. "Ah, Windenburg. Da war ich zuletzt im Sommer auf dem Musikfestival.", erinnert sich die Blauhaarige.
"Ist ja schon ein paar Tage her.", lacht Jadyn. Er ist mindestens einmal die Woche hier, um die Wände zu erklimmen. "War's denn gut?", fragt er, während er seine Sporttasche vom Rad nimmt und mit der Mitschülerin hinein geht.
"Klar.", sagt Ellie, "Bis auf das Ende. Da wurde Vero nämlich das Handgelenk gebrochen. Sie ist eine Freundin von mir."
"Oh man, auf sowas kann man gut verzichten. Grade die Gelenke."
"Oh ja." Ellie seufzt. "Vero kann ihre Hand immer noch nicht richtig benutzen." Sie überlegt, ob sie die Details verraten soll. Allerdings hat Jadyn auch nicht danach gefragt.
Die Wege der Teenager trennen sich für einen kurzen Moment, als sie die Umkleidekabinen betreten. Während der Brunette sich die Schuhe zubindet, schweifen seine Gedanken in eine andere Richtung ab. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er heute mit Ellie hergekommen ist, statt mit seinem Bruder. Er weiß, wie gern er ihn einmal begleiten würde. Und obwohl Jadyn ihn gern bei diversen Unternehmungen mitzieht, ist er sich nicht sicher, ob eine Kletterwand das Richtige für ihn ist.
Jadyn setzt den Fuß auf den Boden, wirft sich ein Handtuch über die Schulter und verlässt die Kabine. Die Kletterwand läuft nicht weg. Früher oder später wird er zusammen mit Jordyn hier aufschlagen. Aber heute will er Ellie etwas besser kennen lernen.
In Sportsachen kommt Ellie zurück in die Halle. Sie war hier noch nie. Sie wusste nicht einmal, dass es ein Sportzentrum in Windenburg gibt. Ihr kam die Stadt eigentlich immer wie eine alte Stadt mit vielen Fachwerkhäusern vor. Anders als die Großstadt San Myshuno, mit etwas modernerer Architektur. Aber warum sollte es auch hier kein Sportcenter geben? Die Zeit ist ja auch für die Windenburger nicht stehen geblieben.
Jadyn steht schon bereit, als Ellie schließlich ankommt. "Bin mal gespannt, ob ich das noch hinkriege so wie damals in Selvadorada.", sagt sie.
"Draußen klettern ist natürlich viel cooler.", grinst der Teenager. "Aber ist jetzt doch etwas kalt dafür. Da wird die Halle ausreichen müssen."
Jadyn überlässt seiner Begleitung die Wahl der Wand. Verschiedene Höhen und Schwierigkeitsstufen werden angeboten. Er schnallt sich den Gurt um und schaut zu der Blauhaarigen herüber, um zu sehen, ob sie Hilfe braucht. Schließlich kann man bei all den Schnallen und Verschlüssen schnell den Überblick verlieren, wenn man das Anlegen nicht gewohnt ist.
Ellie braucht tatsächlich Hilfe. Hier im Sportcenter ist es dann doch etwas anderes als mit Nouki und außerdem ist ihr letztes Klettern nun auch schon eine Weile her. Doch Jadyn hilft ihr, bis auch sie bereit ist.
Für den Anfang hat Ellie eine leichte Kletterroute gewählt. Nicht die allerleichteste, die angeboten wird, aber im leichteren Drittel.
"Dann mal los.", nickt er ihr auffordernd zu. Er selbst bleibt vorerst am Boden, um sie mit dem Seil zu stabilisieren.
Ellie erinnert sich an die Lektionen in Selvadorada. Sie versucht nicht, sich abzuhetzen. Sie geht langsam voran - Schritt für Schritt. Erfahrene Kletterer wären sicherlich sehr viel schneller oben als sie selbst, aber das kümmert Ellie nicht.
Obwohl die Kletterroute so einfach ist, verliert Ellie gegen Ende das Gleichgewicht und fällt fast runter - zumindest wäre sie das, wenn sie nicht gesichert wäre. Aber Jadyn hat sie sicher und lässt sie nicht los. Ellie lächelt ihm zu. Schließlich schafft sie dann auch noch den Rest des Weges.
"Das war gut.", klopft ihr der Begleiter auf die Schulter, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Ellie grinst. "Naja, bis auf das Gleichgewicht verlieren. Aber ich bin auch ein wenig aus der Übung, schätze ich." Sie grinst. "Aber zeig doch mal, was du drauf hast!"
"Dafür bist du ja gesichert. Wie oft ich anfangs in der Luft hing,", er winkt augenrollend ab, "das konnte ich gar nicht mehr mitzählen."
Der Teenager sichert sich am Haken des schweren Aufstiegs. Bevor er startet, schaut er nach oben. Die Wand reicht bis einen knappen Meter unter der Decke. Bisher hat er es nur ein einziges Mal bis zum Ende geschafft.
Ellie staunt. "Da willst du rauf?" Sie selbst hätte das nie gewagt.
"Ich habe das leichte Gefühl, dass du mir Glück bringst.", grinst er spitzbübisch. Er will schon den ersten Griff setzen, als er sich zu Ellie herum dreht und fortfährt: "Wie wäre es damit - Wenn ich es bis nach oben schaffe, dann lädst du mich ins Kino ein. Wenn ich vorher abstürze, zahle ich."
"Ist gebongt!", grinst Ellie. "Das ist ein Deal!"
Jadyn grinst breit und nickt. Voller Elan packt er den ersten Griff und zieht sich mühelos hoch. Der linke Fuß setzt nach und schnell hat er den ersten Meter unter sich gelassen. Konzentriert arbeitet er sich Stück für Stück voran. Seine sonst so unauffälligen Arme pumpen sich unter der Anstrengung auf und einige kräftige Adern zeichnen sich ab. Auch seine Hände wirken beim Aufstieg viel muskulöser als gewöhnlich.
Nachdem er fast die Hälfte der Strecke geschafft hat, verharrt er und schnauft einen Moment. Langsam beginnt sein Körper schwerer zu werden.
Als er den Fuß nachsetzen will, rutscht er einmal ab, kann sich aber halten. Ein kurzes Grinsen zieht über sein Gesicht und weicht sogleich der Konzentration. Beim zweiten Versuch findet der Fuß den benötigten Halt und der Teenager schafft einen kräftigen Satz weiter nach oben.
Sein Blick folgt der Wand Richtung Decke. Er hat noch ein gutes Drittel zu überwinden, doch sein linker Arm beginnt schwer zu ziehen. Jadyn verlagert das Gewicht, lässt den Arm sinken und schüttelt ihn in der Luft aus. Ein paar mal spreizt er die Finger und bildet dann eine Faust. Als das unangenehme Gefühl nachlässt greift er ein weitere Stück nach oben. Seine Finger finden Halt, doch der Arm schwächelt weiterhin. Nur unter größter Anstrengung schafft er es, sein eigenes Körpergewicht einige Zentimeter weiter zu ziehen. Schnaufend krallt er sich an die Griffe.
Ellie sieht ihm von unten staunend zu. Selbst wenn er es nicht ganz bis nach oben kommt, ist sie jetzt schon beeindruckt. Sie merkt, wie sie sich die Zähne zusammenbeißt. Sie will ihm nichts zurufen, um seine Konzentration nicht zu stören.
Sein Blick sucht eine günstige Möglichkeit, den Weg fortzusetzen, doch die Abstände zwischen den Haltegriffen werden immer größer. Ohne einen Ausfallschritt wird er hier nicht weiter kommen.
Angestrengt atmet er tief ein, hält die Luft an und macht einen Satz mit dem rechten Arm. Nur knapp erwischt er den nächsten Griff, kann sich hoch ziehen und will den Fuß aufsetzen, als der linke Arm der Erschöpfung erliegt und abrutscht. Überrascht versucht Jadyn sich zu halten, verliert das Gleichgewicht und sein Körper dreht an der Wand halb herum. Die rechte Hand umklammert noch immer den Griff, das linke Bein versucht auszuballancieren, während der freie Arm geschwächt in der Luft hängt. Das gesamte Gewicht lastet nun auf dem rechten Arm. Mit zusammengepresstem Kiefer versucht Jadyn die Kontrolle über seinen Körper zurück zu gewinnen. Und er schafft es tatsächlich das Gewicht noch einmal zu verlagern und zurück zur Wand zu drehen.
Ellie ist begeistert. Der Junge ist wirklich sportlich. Die Muskeln sind ihr vorher gar nicht so aufgefallen. Auch Sven war schon sportlich, als Fußballer. Ist es das, was ihr an Männern gefällt? Sportlichkeit? Nicht nur, jedenfalls. Auch der Respekt und die Chemie müssen stimmen, bevor...
Sie verwirft den Gedanken. Was denkt sie da? Sie mag Jadyn wirklich. Aber es ist doch keine romantische Beziehung! Auch mit Sven wurde ja nie eine romantische Beziehung draus, auch wenn sich Ellie das durchaus auch gut hätte vorstellen können.
Jadyns Fuß findet endlich wieder Halt und kann dem Körper etwas Gewicht nehmen. Es kostet den Teenager viel Kraft, den linken Arm wieder zu heben und am Griff zu halten. Der Muskel zittert hektisch unter der Haut und Jadyn weiß, dass dieser Arm ihm ab jetzt nicht mehr helfen wird. Die letzte Chance ist jetzt, das Gewicht auf die Füße zu bringen, um mit der rechten Hand weiter zu kommen. Noch einmal Konzentration und mit Schwung zum nächsten Griff ....
Noch bevor die Finger das bunte Stück Kunststoff erreichen, versagt der linke Arm erneut. Jadyn kippt nach hinten, rudert mit den Armen - seine Finger streifen den begehrten Griff ...
Doch er ist zu weit weg. Sein Körper fällt nach hinten und landet in den Seilen.
Ausgelaugt und mit hängenden Gliedmaßen schaukelt Jadyn in der Luft. Sein Blick trifft die obere Kannte der Kletterwand. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte es geschafft.
Leise in sich hineinlachend lässt er sich am Seil herab und landet neben Ellie auf dem Boden. Schweißgebadet lächelt er sie an und schnauft: "Such dir einen Film aus... Ich zahle."
Schade. Ellie hätte es ihm wirklich gegönnt, dass er es schafft, selbst wenn das bedeutet, ihm einen Kinobesuch auszugeben. Es hat ja wirklich nicht mehr viel gefehlt. "Das war wirklich knapp. Fast hättest du es." Sie sieht ihn an. "Das nächste Mal klappt es, und dann gebe ich dir was aus." Doch zuerst ist wohl Jadyn dran mit ausgeben. Sie überlegt eine Weile. "Da läuft momentan so ein Abenteuerfilm. 'Der verfluchte Rubin.' Der klang recht interessant."
"So soll es sein.", keucht der Junge, greift nach seinem Wasser und trinkt die halbe Flasche. Er setzt sich auf eine Bank und wischt mit dem Handtuch über Gesicht, Kopf und Nacken.
Ellie setzt sich neben ihn auf die Bank. "Ist schon anstrengend, das Klettern.", sagt sie, "Das habe ich schon bei der leichten Route bemerkt, und die war nicht halb so hoch wie deine!"
"Das ist das Schöne daran.", lächelt er. "Wenn du deinen Körper spürst. Und diese Erschöpftheit danach. Das Gefühl, was geleistet zu haben. Das gefällt mir." Er spricht leise und wirkt vollkommen entspannt und ausgeglichen. "Möchtest du nochmal? Oder hast du genug für heute?"
Ellie sieht auf ihre Hände. "Ich glaube nicht, dass ich heute noch viel schaffe sportlich gesehen. Dazu fehlt mir die Übung. Vielleicht habe ich dann beim nächsten Mal mehr Ausdauer, aber für heute hat mir die eine Wand gereicht. Wie ist es denn bei dir?"
Jadyn lacht leise auf und schüttelt den Kopf. "Ich bin platt. Aber ich könnte noch was trinken. Wenn du magst."
"Klar, gerne.", freut sich Ellie.
"Cool. Ich krieche unter die Dusche und bin in guten vier Stunden wieder bei dir.", zwinkert er selbstironisch.
Ellie muss lachen. "Treffen wir uns dann bei der Bar hier?", fragt sie. Es gibt auch eine, die zum Sportcenter gehört. Man kann sie auch unabhängig davon besuchen, doch sie befindet sich im Center und gehört somit dazu.
"Guter Plan." Er steht auf und geht zu den Kabinen. "Bis gleich.", dreht er sich noch einmal herum, bevor er hinter der Tür verschwindet.
Ellie sitzt nach dem Duschen und Umziehen nun auf einem der Barhocker. Jadyn ist noch nicht da. Sie bestellt sich aber schon einen Orangensaft. Was alkoholisches möchte sie nach dem Sport nun lieber nicht. Amüsiert fällt ihr dabei ein, dass es auch ein Saft war, der die beiden überhaupt erst miteinander bekannt gemacht hat.
Mit dem Getränk in der Hand setzt sie sich quer auf den Hocker, lehnt einen Arm auf die Theke und lässt ihre Gedanken schweifen. Jadyn wird ihr immer sympathischer... Und sie fragt sich, ob man es schon als Liebe bezeichnen könnte, und wie er das so sieht.
Der Teenager tritt frisch geduscht und gestylt in die Bar. Sofort sieht er Ellie am Tresen sitzen und wundert sich - er hätte sie für eine Tisch-Sitzerin gehalten.
"Wie neu.", begrüßt er sie lächelnd und stellt seine Tasche unter dem Tresen ab. Der Orangensaft fällt ihm ins Auge und er nickt: "Gute Wahl. Da habe ich jetzt auch Lust drauf." Der Barkeeper schaut ihn fragend an.
"Ich nehme das Gleiche, wie die hübsche Dame neben mir.", bestellt Jadyn. Ellie zugewandt fragt er: "Und weißt du schon, wann wir den Rubin ansehen können?"
"Wie wäre es mit heute!", schlägt Ellie vor. Sie freut sich, dass Jadyn nicht nur das Kino ausgeben will sondern auch gleich mitkommt. Immerhin hat er von 'Wir' gesprochen. "Die Abendvorstellung läuft in ner halben Stunde an. Das schaffen wir noch mit der Bahn." Die Zeiten für den Film kennt sie ausewendig, da sie auch vorher schon mit dem Gedanken gespielt hat, diesen zu sehen. Selbst wenn er ihr es nicht ausgegeben hätte.
"Du bist ja spontan.", lacht er. "Ich kann dich auch auf dem Rad mitnehmen. Das wird nicht länger dauern."
Genüsslich trinkt er einen kräftigen Schluck von dem frisch gepressten Saft.
"Oh, du bist mit dem Rad da? Super, wenn du da Platz hast, dann geht das natürlich auch!" Sie trinkt ihren Saft ebenfalls leer.
"Kannst entweder hinten auf dem Gepäckträger oder vorn auf der Stange sitzen. Oder du fährst und ich sitz auf deinem Schoß." Sein Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen.
Ellie grinst ebenfalls. "Der Gepäckträger sollte passen."
"Sehr schön." Jadyn nimmt das Glas und trinkt den Rest, bevor er sich beim Barkeeper bedankt und sich freundlich verabschiedet.
Vor dem Eingang angekommen, schließt er das Rad los, lässt Ellie aufsitzen und schnallt sich die Tasche quer um den Oberkörper.
"Bereit?", fragt er über die Schulter nach hinten.
"Aber sicher.", antwortet die Blauhaarige. Erstaunlich, wie viel Energie der Junge jetzt noch hat. Klar, er hat ein bisschen Pause gehabt. Aber auch Rad fahren geht ja in die Beine, erst Recht mit einem weiteren Passagier auf dem Gepäckträger.
Jadyn stemmt sich auf die Pedale und radelt los. Als er ein gutes Tempo erreicht hat, lässt er sich auf den Sitz sinken und legt den Rest der Strecke geschmeidig und entspannt zurück. Ellies Hände liegen zaghaft auf seinem Becken. Er mag das Gefühl, das von ihr ausgeht. Er spürt die Wärme ihrer Handflächen und hätte kein Problem damit, so bis ans Ende der Welt zu fahren.
Nach nur sechzehn Minuten erreichen sie das Kino. Langsam bremst der Teenager, damit Ellie zuerst absteigen kann.
"Voila, wir sind da. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mit dem Lamont Express gereist sind. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt und ich darf Sie bald wieder begrüßen. Vorsicht beim Absteigen, empfehlen Sie mich weiter."
"Ne, wenn ich dich weiter empfehle, wollen ja alle von dir durch die Gegend gefahren werden.", erwidert Ellie grinsend. "Dann haben wir keine Zeit mehr, mal ins Kino zu gehen. Da bleibe ich dann lieber deine einzige Kundin." Sie zwinkert ihm zu.
"Würde mir auch gefallen.", entgegnet er leise schmunzelnd.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )