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Ripzha
3 years agoSeasoned Ace
Ort: Oasis Springs - Skateplatz
Charaktere: Shane / Jordyn
Geschichtsstrang: Der Schüler aus Copperdale
Irgendwann muss er auftauchen. Mit hochgeschlagener Kapuze, das Gesicht halb verborgen, die Hände in den Taschen des Pullovers, steht Shane neben dem kleinen Toilettenhäuschen im Schatten. Auf dem Skateplatz tummeln sich ein paar Kids die bald verschwinden werden weil es dunkel und kalt wird. Es liegt kein Schnee, was den Skateplatz in Oasis im Winter beliebt macht. Shane beobachtet ein paar Gestalten, die sich um den Holzhaufen begeben und das Feuer entfachen. Er hat einige schon öfter gesehen. Stammgäste so zu sagen.
Einer davon, gross, muskulös, meistens ruhig, aber autoritär. Er weiss nicht genau wer der Mann ist, aber der Rest der um ihn herum tanzt, scheint ihn zu respektieren. Außerdem tragen sie ähnliche Kleidung. Worum es bei den Gesprächen geht, weiss Shane nicht. Es interessiert ihn auch nicht. Er wartet auf Blaze, damit er bekommen kann was er verdient und Viola gleich dazu. Vielleicht. Er hat genug Zeit sich etwas auszudenken was effektiv und nachhaltig ist, aber so lang der Blödmann nicht auftaucht, wird das nichts. Sonst trifft man ihn auch immer hier an. Es nagt an Shanes Geduld, aber er kann warten.
Am anderen Ende des Parks nähert sich der Linienbus seiner Station. Einer von drei Fahrgästen erhebt sich und wankt zwischen den Sitzen in Richtung Tür - die Stäbe, die den schmalen Gang säumen, eine nach der anderen fest umklammernd. Der Teenager fühlt sich unwohl. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wartet er, bis der Bus hält und die Türen öffnet, um schließlich auszusteigen. Einen Moment bleibt er regungslos stehen. Als das laute Gefährt davon rauscht, horcht er in die noch junge Winternacht. Von der linken Seite dringt das Zirpen einer einzelnen Grille an sein Ohr.
Von vorn weht der seichte Wind Stimmen über die Landschaft. Der Teenager kann nicht genau ausmachen, wie viele es sind. Aber es reicht aus, ihn weiter zu verunsichern. Er ist sich inzwischen fast sicher, dass es ein Fehler war, herzukommen. Was hat er sich nur dabei gedacht, einfach los zu laufen? Und dann steigt er auch noch in irgendeinen Bus, ohne zu wissen, wo er landen wird.
'Für diese Idee verdienst du den Dümmlichkeitsorden.', mahnt er sich selbst. Vielleicht sollte er auf der anderen Straßenseite den nächsten Bus zurück nehmen. Mit etwas Glück ist er zu Hause, bevor irgendwer seine Abwesenheit bemerkt. Doch er weiß nicht einmal, ob um diese Zeit überhaupt noch ein weiterer Bus fährt.
Der schwere Geruch von brennendem Holz steigt dem Jungen in die Nase. Ein Lagerfeuer. Dort sind sicherlich auch die Sims zu den Stimmen zu finden. Noch einmal lauscht er in die Dunkelheit hinein. Das zarte Rieseln von winzigen Steinchen ist zu vernehmen. Sand, der hinter ihm von den leichten Brisen über den Boden getrieben wird. Zu seiner Linken ertönt moderne Musik. Sie ist dumpf und scheint aus einem geschlossenen Gebäude zu kommen. Da die Entfernung von eingesperrter Klangkulisse sich oft nur schwer einschätzen lässt, beschließt er, den Stimmen zu folgen. Mit beiden Händen schnippt er einige Male in die Luft. Unmittelbar vor ihm bricht sich der Schall in gleichmäßigen Wellen... Eine Mauer.
Er greift in die Innentasche der Jacke, zieht einen Stock heraus und macht damit eine schwungvolle Bewegung aus dem Handgelenk. Der kleine Stock klappt sich zu seiner vielfachen Länge aus und der Teenager tastet sich vorsichtig durch die fremde Umgebung.
Immer wieder schnippt er dabei mit der freien Hand und bewegt sich nach und nach voran.
Shane lehnt an der Wand und schaut mehr oder weniger Gedankenverloren zum Feuer. „…und dann sagte er: ‚Lieber vögelt er ungeschützt nen Bienenkorb.‘“ Gelächter von den vier Männern beim Feuer. Sie sind jetzt noch die einzigen vor Ort. Neben Shane der nicht auffällt in seinem Schatten. Neben dem grossen, fällt der kleine mit der Hyänenartigen Lache auf. Der mit den lautesten Geschichten. Manchmal fragt Shane sich ob Blaze plötzlich Geschmack zeigt und sich von Leuten wie denen fern hält. Unwahrscheinlich. Es nähert sich jemand der Shanes Aufmerksamkeit erregt und er hebt den Kopf. Mit einem Hauch Neugier beobachtet er die Szene.
'Was für ein merkwürdiger Ort.', denkt der Junge, der sich inzwischen ein gutes Stück vorangetastet hat. Der Boden unter ihm scheint aus festem Beton zu sein. Es ist ebenerdig und stabil. Doch die Schallwellen um ihn herum irritieren ihn. Immer wieder gibt es Luftlücken zwischen Steinwänden. Ist das hier ein Denkmal oder ein abstrakter Kunstbau? Es fällt dem Teenager schwer, seine Umgebung einzuschätzen. Alles wirkt zu willkürlich und ergibt wenig Sinn. Möglicherweise eine Art Freilichttribüne. Ratlos schüttelt er den Kopf. Wenn seine Mutter ihn so sehen würde, gäbe es ein Drama. Er will sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn er zu Hause anruft und von seiner Lage erzählt. Er könnte nicht einmal sagen, wo sie ihn finden. Er hat schlicht und ergreifend keine Ahnung, wo er ist. Also bleibt nur eine Lösung. Der Teenager folgt den lauter werdenden Stimmen. Bisher haben fremde Sims immer geholfen, wenn er sie freundlich gefragt hat. Wenn sie ihm zeigen, wo ein Bus fährt, wird er zurecht kommen.
Als der Junge aus den dunkler werdenden Schatten in den Lichtkegel tritt verstummen die Männer. Mit so einem Anblick haben sie scheinbar nicht gerechnet. Der Teenager hat durchaus Verständnis für die Reaktion. Freundlich grüßt er die Runde und will gerade seine Situation erläutern, als er jäh unterbrochen wird.
"Was das denn fürn Vogel?", krächzt einer.
"Keine Ahnung, aber 'nen Wurm hat der nich' dabei.", höhnt ein zweiter mit glatter Stimme.
"Wieso Wurm?"
"Na, 'n blinder Vogel findet doch auch mal -"
"Das war ein Huhn, du Spast." raunt ein Dritter.
"Ist doch egal."
"Piepegal, wa?!"
Die Männer lachen.
Der Teenager schluckt irritiert. "Verzeihung, ich bräuch-"
"Vielleicht hat der 'nen Wurm in der Hose.", lacht der Krächzende.
"Vorne oder hinten?", gröhlt Nummer drei.
Schritte kommen auf ihn zu. Die glatte Stimme umkreist ihn: "Meinste, der macht sich ein?"
Der Magen des Teenagers krampft sich zusammen und sein Mund wird trocken. Was sind das für Typen? Die würden doch nicht ...
"Was hast denn da, Kleiner?" Nummer drei atmet ihn unangenehm an und reißt ihm die Sonnenbrille vom Gesicht. "Die brauchst jetzt nicht mehr. Die einzige Sonne, die hier scheint, kommt aus deinem Arsch."
Gelächter.
"Und? Steht die mir?", fragt er in die Runde.
"Sieht geil aus, Alter."
"Porno."
"Aber dann krieg ich das Stöckchen.", stellt der Krächzende Ansprüche.
"Wozu brauchst du sowas?", fragt die glatte Stimme.
"Meine Fernbedienung ist kaputt."
Dreckiges Lachen umgibt den Teenager, der automatisch einen Schritt nach hinten macht. Wo ist er hier gelandet? Er muss schleunigst abhauen. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals und sogar in der Schläfe spürt er das hektische Pochen. Mit rasenden Gedanken überlegt er, was er tun soll. So schnell wird er nicht aus diesem Ort heraus finden. Ihm wird schlecht als er begreift, dass er diesen Kerlen schutzlos ausgeliefert ist.
Die einzige Chance bietet ihm sein Handy. Aber er muss schnell sein. Sehr schnell. Vorsichtig macht er einen weiteren Schritt nach hinten.
"Hey, Cinderella,", raunt Nummer drei. "Du willst uns doch nicht schon verlassen?" Ein kräftiger Arm legt sich um die Schultern des Jungen. Reflexartig zieht er den Kopf einige Zentimeter ein. Er ist geliefert. Wenn sie gnädig sind, rauben sie ihn nur aus. Sein Atem beginnt zu zittern. Noch nie hatte er so eine Angst vor anderen Sims.
Beinahe panisch drückt er auf einen Button an der Seite seines Handys. Mit der Kurzwahlnummer könnte er Jadyn anrufen. Doch dann fällt dem Teenager ein, dass sein Bruder den GPS-Tracker ausgeschaltet hat. Sie waren sich einig gewesen, dass ihre Mutter nicht alles wissen müsste. So ein Mist!
Er bemerkt nicht, dass eine Ecke des Handys aus der Tasche lugt. Jemand zerrt daran und er kann nicht so schnell reagieren. Das Handy ist weg.
"Geil!," ruft einer der Männer. "Guckt mal. Ich hab ein neues Handy.", lacht er.
"Kommt schon, bitte." Der Teenager ist verzweifelt. Ihm stehen die Tränen in den Augen. "Das könnt ihr doch nicht machen."
Eine Sekunde herrscht Schweigen. Das Knistern des Feuers ist zu hören.
"Oh nein, hört ihr?", fragt der Krächzende gespielt gerührt. "Das können wir nicht machen, sagt er." Dann fängt er an, grunzend durch die Nase zu prusten. Die anderen stimmen ein und wieder schallt dem Teenager das gehässige Gelächter um die Ohren.
Shanes Augen leuchten blau, wie immer in letzter Zeit wenn ihm Leute unter kommen die andere Ärgern. Es ist der Grund warum er hier ist und es macht ihn wütend in einem andere Kontext Zeuge davon werden zu müssen. Er schaut zu und beobachtet, wie der Zweitgrösste von ihnen, der bisher noch nichts gesagt hat, aus einem der Stühle aufsteht und es streift ihn ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass der Mann dem jetzt ein ende setzt. Er streckt sich, knackt mit den Knöcheln und verschränkt die Arme. „Du hast hier nichts zu suchen, Kleiner.“ sagt er, „Is‘ ne gefährliche Gegend.“ am ende des Satzes hört Shane ein kleines Lächeln heraus was im nächsten schon wieder verschwunden ist, „Also, wenn du nichts kaufen willst, verpiss dich.“
Der grosse Asiate, steht breit vor dem Jungen, während die anderen drei mit dessen Sachen spielen. Der eine, der sich cool fühlt mit der Brille auf der Nase, der zweite, mit dem Stock hinterm Nacken und die Hände rechts und links als Gewicht und der dritte der damit beschäftigt ist Tastenkombinationen für den Sperrbildschirm zu drücken.
„Hey!“
Hinter dem braunhaarigen Teenager ist jemand wie aus dem Nichts aufgetaucht.
Die gesamte Gang hebt die Köpfe. Shane starrt sie alle an und ruft sich in Erinnerung dass er stärker ist als diese vier Unruhestifter. Nagut, stärker als die drei, bei dem grossen Bodybuildertypen ist er sich nicht ganz sicher. „Lasst ihn in ruhe!“ In Shanes Stimme schwingt ein wenig Unsicherheit, auch wenn er das zu unterdrücken versucht. In seinem Gesicht kommt die dunkle Gestalt zum Vorschein, die grösstenteils von der Kapuze verdeckt bleibt. Aber die Augen leuchten und funkeln wütend, während seine Hände sich zu Fäusten ballen. Er spürt die Fangzähne wachsen und in seinem Mund sammelt sich der Speichel, wie wenn einen die Vorfreude auf sein Leibgericht packt. Shane schluckt. „Gebt die Sachen zurück!“
Der Brunette wagt nicht, sich zu bewegen. Nur sein Kopf dreht sich kaum merklich zu der neuen Stimme. Wer ist das? Er wirkt jung und nicht größer, als er selbst. Zudem ist seine Unsicherheit in der Stimme deutlich hörbar. Einerseits ist der Teenager erleichtert, dass er nun nicht das alleinige Opfer dieser Männer wird - so bekommt er vielleicht nur halb so viel Schläge. Andererseits fragt er sich, wie lebensmüde einer sein muss, der sich wissentlich in diese Situation begibt.
Der grosse sagt nichts. Er hat den kleinen Kapuzenträger schon mal gesehen aber noch nie gesprochen. Er weiss nicht wer er ist. „Sonst was?“ fragt Brille und nimmt sie ab, als würde sie ihn jetzt bei der Konversation behindern. Die Tonlage triggert Shane und sein Atem wird flacher und schneller. Er klingt wie Blaze. „Sonst hol ich sie mir.“ knurrt Shane mit jetzt tieferer, knurrenderer Stimme, was ihn ein wenig überrascht. Möglich dass es daran liegt, dass die Typen fremd sind, dass er sich das traut. Vielleicht ist das Fass jetzt auch einfach endgültig voll. Wenn er Vero beschützen will, ist das fast wie eine gute Übung. Die Typen lachen. Alle ausser der grosse dessen Blick klüger wirkt als der seiner Mitläufer. Shane macht demonstrativ einen Schritt näher. „Klappe!“ sagt der Anführer und streckt einen Arm gegen seine Leute aus. Das Gelächter verstummt. „Gebt ihm sein Zeug.“
„Aber…?“ der Hyänentyp wirkt sichtlich nicht begeistert.
„Na los!“
Shane entspannt sich unwillkürlich ein kleines bisschen. So einfach? Alles was er tun muss ist mit bestimmter Stimme etwas zu fordern?
Die Brille und der Stock werden dem Jungen in die Hände gedrückt und die zwei machen sich schon abflugbereit in dem sie bereits davon schlendern. Der letzte tritt vor mit dem Handy in der Hand. Er ist immer noch nicht glücklich darüber es zurückgeben zu müssen und zögert. Der Anführer dreht sich bereits um weil er sich wohl sicher ist, dass der Kleine das Telefon aushändigen wird und wird von Ex-Brille gefragt, „Wieso zum Fick..?“
„Das ist ein Vampir. Idiot. Lernst du denn gar nix?“
Und im selben Augenblick, das Gehörte ist noch nicht bei allen verarbeitet, entscheidet sich Handyman, mit dem Gerät abzuhauen, schubst den blinden Jungen vor sich hart von sich weg und rennt an Shane vorbei.
Dieser schaut erst ihn, dann den anderen Teenager an und wieder den Flüchtigen. Ein kurzer Blick zu den drei anderen die sich zu ihnen umsehen aber nicht wieder näher kommen, dann verpufft Shane zur Fledermaus und folgt dem Flüchtigen.
Der Geschubste ächzt überrascht auf und landet mit einer unkontrollierten Drehung auf dem Boden. Stock und Brille fallen ihm aus den Händen, als er mit dem Kopf hart auf dem Beton auftrifft. Für eine Sekunde stockt ihm der Atem, dann holt er tief Luft. Schwindel überkommt ihn und er verliert den letzten Rest Orientierung. Mit totem Blick in den Himmel stöhnt er leise, als das Schwindelgefühl in seinen Magen rutscht und dort rebellliert. Er versucht sich aufzusetzen, doch ein schrilles Stechen zieht durch seine Schläfen und er landet wider auf dem Boden. Konzentriert atmet er durch die Nase ein und durch den Mund aus. Drei Atemzüge lang bleibt er so liegen, bevor er einen neuen Versuch wagt - und es dieses Mal schafft, sich aufzusetzen. Sein Kopf schmerzt noch und auch der Schwindel will sich nicht legen, die Übelkeit lässt ihn aufstoßen. Weitere Sekunden vergehen, bis sein Körper sich an diese Position gewöhnt hat. Er reibt sich den Hinterkopf und stellt fest, dass seine Fingerkuppen feucht sind - blutet er etwa?
Der Teenager verharrt. Was hatte der Eine gesagt? Vampir? Schlagartig wird die Übelkeit zu einem ausgewachsenen Würgereiz. Panik steigt in ihm auf. Er muss weg. Vorgebeugt auf allen Vieren tastet er den Boden nach dem Stock ab. Er kann nicht weit geflogen sein. Die Brille ist jetzt egal aber ohne den Stock kommt er nicht weg.
Seine Gedanken rasen, die Schläfen pochen und sein Atem geht schnell. Seine Bewegungen werden fahrig und er hört sich selbst leise verzweifelt fluchen. Das ist das Ende. Er wird hier drauf gehen. Seine Mutter hatte Recht. Die Welt ist zu gefährlich für ihn. Er ist so hilflos wie ein Kleinkind und schafft es nicht einen Abend, allein zurecht zu kommen.
Shane flattert hinter dem Kerl her und ist deutlich schneller. Der blickt zurück, kann aber keine Verfolger ausmachen, da Shane über ihm ist und dann lässt er sich zurückverwandelt mit dem ganzen Gewicht auf den Dieb fallen. Sie stürzen zu Boden. In Shanes Knie bricht ein heulender Schmerz aus, was er ignoriert während der Typ sich schreiend und stöhnend zu befreien versucht. Das Telefon fällt ihm aus der Hand, rutscht über den Beton und landet in der angrenzenden Wiese. Shane schafft es die Hände des anderen los zu werden und beisst ihm in den Hals. Der Kerl schreit nochmal überrascht bis er still wird und die Arme schlaff. Shane trinkt, aber anders als sonst, aus Wut, bis der Mann sich gar nicht mehr rührt. Shane lässt ab und steht auf.
Über ihm stehend, schaut er auf den Typen herab und atmet schwer. Seine dunkle Form verschwindet, bis nur noch die Augen leuchten und ihm fällt wieder ein, was er vor hatte. Rasch schaut er sich suchend um und findet das schwarze Gerät im niedrigen Gras. Shane hebt es auf und eilt zurück.
Er findet den Jungen auf dem Boden tastend vor. Als er leicht hinkend näher kommt hört er auf sich zu bewegen. Shane ist sich nicht sicher wie er jetzt vorgehen soll. Er kann ihn offensichtlich nicht sehen also… langsamer macht er noch ein paar Schritte bleibt vor dem Stock stehen den der Junge fast erreicht hat und geht in die Hocke. Das stechen im Knie blinzelt er stumm weg. „Ähm… ich… ich hab dein Handy. Ich… helf dir hoch okay?“ er wartet auf eine Antwort bevor er ihn anfasst.
Die ausdruckslosen Augen des Jungen starren Shane an - direkt ins Gesicht. Der Brunette richtet sich halb auf und reißt die Hände schützend hoch, er verliert das Gleichgewicht und kippt ein Stück nach hinten. Eine dicke Träne rollt ihm über die Wange und sein Kinn zittert. Er atmet unregelmäßig, kann aber nichts sagen. Zu groß ist das Gefühl des Ausgeliefertsein. Er hört die Worte nicht, die der Vampir zu ihm sagt. Sein eigener Herzschlag, der schwere Atem und die grenzenlose Angst überschatten alle Geräusche.
Besorgnis steigt in Shanes Gesicht und das letzte Leuchten erlischt in seinen Augen. Sie sind wieder grau und er wieder ein Sim, bis auf die Ohren. „I-ich werd dir nichts tun.“ er schaut sich um, um sicher zu gegen das keiner von der Gang mehr da ist, dann fällt sein Blick auf die Brille weiter hinten. Shane steht auf, humpelt hin und hebt sie auf. Als er sie ansieht fragt er sich ob er Mist gebaut hat. Kann er gar nichts richtig machen? Haben die in der Schule recht? Ist er jetzt ein „Beisser“? Obwohl er helfen wollte? Der alte Zweifel keimt wieder auf. Seine Fähigkeiten sind schlecht und er wünschte er hätte sie nicht. Als er sich zum Jungen umdreht und sich wieder hinhockt, schaut er ihn dessen Gesicht. Er hat, ausser in Filmen, noch nie jemanden ohne Sehvermögen gesehen. Zögernd drückt er ihm die Brille in eine der abwehrend erhobenen Hände. „Deine Brille.“ Dann schiebt er den Stock in griffweite. Er traut sich noch nicht dem Schockierten näher zu treten. „Mein Name ist Shane. Ich will dir helfen… wenn ich kann.“
Der Junge blinzelt einige Male und lässt die Arme langsam sinken. Sein Kopf nickt in kurzen Bewegungen und er flüstert ein angestrengtes "Okay", bevor er sich die Brille aufsetzt. Er zwingt sich zur Ruhe. Sein Gegenüber wirkt aufrichtig. Und bedrückt. Langsam gewinnt er seine Fassung zurück. Noch immer auf dem Boden sitzend fragt er: "Stimmt es? Bist du ... ein Vampir?"
Shane schweigt kurz. „Ähm… ja. Aber ein unglücklicher.“ er lächelt verlegen bis er sich erinnert, dass der Junge das nicht sieht. „Ich meine, also… du musst keine Angst haben.“
"Okay.", atmet der Brunette klangvoll aus. "Du bist verletzt.", stellt er dann fest.
Shane schaut auf sein Knie und den Riss im Hosenbein. Aber wie… „Woher….?“
"Du humpelst beim Gehen. Das war nicht so, als du hinter mir standst. Wie ist das passiert?"
Verstehend hebt Shane den Kopf. „Ah, das… nicht so schlimm…“ es tut in der Bewegung etwas weh, wird aber bald heilen. Welche dunkle Magie dahinter steckt will er gar nicht wissen, obwohl das der einzige Grund ist warum er so lange allein überlebt hat. „Ich hab dein Handy zurückgeholt.“ er streckt es dem Jungen hin, als er nicht reagiert, schiebt er ihm auch dieses in die Hand. „Du bist vorhin gefallen. Gehts dir gut?“
Der Junge tastet das Display ab, um zu checken, ob es in Ordnung ist. "Danke.", murmelt er und ringt sich ein Lächeln ab. "Das hättest du nicht ... Danke. Mein Name ist Jordyn. Und ich bin wirklich froh, dass du aufgetaucht bist." Er steckt das Handy in die Innentasche der Jacke, greift nach dem Stock und versucht aufzustehen. Der Schwindel überkommt ihn wieder - wenn auch nicht so stark, wie anfangs.
"Mir ist etwas schwindelig.", erklärt er. "Aber das wird vergehen. Schätze ich."
Doch hätte er. „Mir wurde auch schonmal das Handy weggenommen.“ beim Festival... vor einer Ewigkeit... „Vielleicht solltest du jemanden anrufen?“ Shane kommt auf die Beine, steht Jordyn zur Seite und stützt ihn am Arm, damit er besser hoch kommt.
Der Brunette seufzt. "Meine Mutter wird mir die Hölle heiß machen. Gleich nachdem sie mein Aua geküsst hat. Und dann lässt sie mich nie wieder aus den Augen, so lange sie lebt." Es ist zum Verzweifeln. Er wollte doch nur ein einziges Mal das Gefühl haben, kein Kleinkind zu sein. Und wohin hat es ihn gebracht?
Shane hat niemanden der sich sorgt, das ist wohl das andere extrem. „Dann vielleicht nicht anrufen.“ er lächelt ein wenig. „Wo wohnst du? Ich kann dich begleiten, wenn du willst…“ er ist sich nicht sicher, was es mit Schwindel auf sich hat. So wie als er vom Stuhl gefallen war? Andererseits ist er ein Vampir und das Ausmass deutlich geringer als wäre jemand anders an seiner Stelle gefallen.
"Das würdest du machen?" Ein klein wenig Hoffnung kehrt in Jordyns Wesen zurück. "Damit bist du sowas wie mein edler Ritter.", schmunzelt er und bereut im selben Moment, das gesagt zu haben. Verlegen räuspert er sich und antwortet sachlich: "Willow Creek, da wohne ich."
Shane lächelt und fühlt sich ein wenig geschmeichelt. Helfen ist etwas, was ihm wirklich Freude bereitet und noch schöner wenn seine Hilfe angenommen wird was als Vampir bisher nicht sonderlich oft der Fall war. „Das kriegen wir hin.“ er schaut ihn an und will schon wieder in eine Richtung zeigen. Er nimmt die Hand runter und schaut auf den Bus der grade gehalten hat und abfährt. „Ähm… wir können nachsehen wann der nächste Bus fährt.“ Shane verstummt. ‚Nachsehen‘. Gut gemacht. Er schüttelt den Kopf über seine soziale Unbeholfenheit. Um davon abzulenken sagt er: „Wo gehst du zur Schule?“ er blickt den Jungen genauer an. Sein Gesichtsgedächtnis spielt ihm einen Streich. Es ist als hätte er ihn schon mal gesehen, aber ein Junge mit Blindenstock wäre sicher mehr aufgefallen auf der BBH.
"Das klingt nach einem guten Plan." Von Jordyns Angst ist nichts mehr zu merken. Nachdem er begriffen hat, dass der Vampir ihm nichts tun wird, ist er viel entspannter. Er spürt, dass Shane etwas unbeholfen ist, aber das stört ihn nicht. Die meisten Sims wissen nicht genau, wie sie mit einem Blinden agieren sollen. Daran ist er längst gewöhnt.
"Wenn ich mich an deinem Arm festhalten darf, kannst du ganz normal losgehen. Sag mir nur, wenn Stufen oder andere Hindernisse auftauchen."
So lässt Jordyn sich von Shane über den Platz führen. Den Stock hält er aufrecht dicht am Körper, jederzeit einsatzbereit.
"In Copperdale gibt's eine private Blindenschule.", erzählt er nebenbei. "Dorthin gehe ich, seit einigen Jahren. Wie ist es mit dir? Bist du noch Schüler?"
Shane fühlt sich unerwartet wohl, während Jordyn an seiner Seite geht. „Ich bin auf der - Vorsicht Bordstein nach unten - Brindleton High.“ sie überqueren die Strasse zur Bushaltestelle bei der der Bus Richtung Willow Creek fährt. „Aber mal sehn wie lange noch….“
Jordyn horcht auf und dreht den Kopf einige Zentimeter zu seinem Begleiter. Der bedrückte Tonfall in der Stimme entgeht ihm nicht.
"Wieso? Gibt's Probleme?"
Der Vampir weisst Jordyn auf die Stufe vor der Haltestelle hin und lässt ihn sich auf die Bank setzen. Er lässt sich neben ihm auf das Möbel fallen. „Naja… die Schüler da sind nicht besonders… nett. Also…“ korrigiert er sich schnell, „mit Ausnahmen aber die meisten….“ er stoppt, „ach egal.“ Er hebt die Mundwinkel und damit die Stimme, „Ich hab das Gefühl ich hab dich schon mal gesehen, aber… vielleicht spinn ich auch. Sagen eh alle.“ er lacht ein wenig gepresst am ende.
"Mein Bruder geht dort zur Schule. Du hast bestimmt ihn gesehen, nicht mich.", vermutet Jordyn. "Er hat keine Probleme mit den Sims. Allerdings ist er überall ziemlich beliebt. Für manche ist sowas wohl leichter, als für andere." Er nimmt die Brille ab und wischt sich vorsichtig mit den Fingern über die Augen und massiert sich die Nasenwurzel. Der Schwindel ist weniger geworden, aber etwas Kopfschmerzen sind geblieben.
„Oh ein Zwilling.“ stellt Shane fest. Das erklärt wenigstens, dass seine Beobachtungsgabe nicht komplett gestört ist. „Wie gehts dir denn auf deiner Schule?“
"Ganz okay. Manchmal etwas langweilig. Es werden ganz andere Maßstäbe gesetzt. Aber mit den Leuten komme ich gut zurecht. In der Regel. Es ist nur..." Der Teenager seufzt leise und überlegt, wie er seine Gedanken äußern soll. Er will nicht missverstanden werden. "Alle drängen mich, dort Freundschaften zu schließen. Und natürlich wäre das okay, aber... Ich will eben nicht nur mit Blinden herumhängen. Ich will nur ein normales Leben führen, verstehst du? Ich will nicht, dass meine Einschränkung mein Leben bestimmt. Das hat sie lange genug getan. Ich will auch Party machen und unvernünftig sein. Aber ... naja, ich sollte vermutlich dankbar sein, dass ich so reden kann, anstatt herumzujammern."
Er setzt die Brille wieder auf und horcht in die Nacht hinein. Es muss recht spät sein. Abgesehen von der Musik, die noch immer leise über die Landschaft weht, gibt es kaum Anhaltspunkte für simlisches Treiben.
Shane nickt und sagt dann, „Mh ja, ich denke das versteh ich.“ Sich normal fühlen. Das will der Vampir auch. „Vampire sind nicht so beliebt. Man fürchtet sie meistens. Ich kenn auch nicht besonders viele und weiss nicht wies wo anders ist… aber hier… hab ich nie das Gefühl normal zu sein, weil… keiner behandelt mich so, ausser…“ er lächelt, „also… eine Freundin… sie ist die einzige die ‚mich‘ sieht und nicht den … ‚Beisser‘“ er wendet Jordyn das Gesicht zu, „Also, ich denke ich weiss was du meinst. Vielleicht können wir mal was zusammen unternehmen? Was wolltest du schon immer mal machen?“ Shanes Stimme hebt sich in leichte Begeisterung und Vorfreude.
Jordyn überlegt einen Moment. Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten.
"Es gibt viel, was ich gern tun würde.", beginnt er zaghaft und noch immer nachdenklich. "Bevor ich den Unfall hatte, haben wir oft Paintball gespielt. Ich war im Karatekurs. Wir haben im Sommer jedes Wochenende gezeltet. Einmal sind Jadyn und ich von einem riesigen Felsen in einen Wasserfall gesprungen. Das war großartig... Das sind Sachen, die mir fehlen." Trotz der Sonnenbrille ist es nicht schwer zu erkennen, dass die Sehnsucht nach seinem früheren Leben den Teenager fest im Griff hat.
"Ich möchte mich mit Mädchen treffen,", fährt er fort, "aber wer will schon jemanden an seiner Seite, der nicht einmal auf sich selbst aufpassen kann?" Sein Kopf neigt sich ein Stück in Shanes Richtung. "Ich wollte immer mal eine Nacht in einer uralten Höhle verbringen. Gruselgeschichten austauschen und Fledermäuse beobachten." Für einen kurzen Moment legt sich ein glückliches Lächeln auf das Gesicht des Blinden. "Das fand meine Mom damals schon nicht gut. Heute wären solche Sachen undenkbar." Das Lächeln erlischt und der Junge seufzt. "Sie meint es gar nicht böse, ich weiß das. Sie hat nur Angst, noch ein Kind zu verlieren. Aber ich will dieses Leben so nicht führen. Ich bin blind. Nicht tot."
Gedanklich fasst er all die aufgezählten Dinge zusammen. "Ich will das alles, Shane. Aber wenn ich mich hier und jetzt für eins entscheiden müsste, ... dann will ich wieder springen. Ich will ins Meer eintauchen und nicht wissen, wie tief ich bin und wann ich wieder oben ankomme. Ich will mit Fischen schwimmen und Angst vor Haien haben, die mir gar nichts tun... Ein bisschen so wie bei dir.", lacht er schließlich auf.
"Du bist der erste Vampir, dem ich begegnet bin. Und ich hatte echt die Hosen voll. Aber jetzt fühlt es sich gut an." Sein Kopf dreht sich wieder nach vorn. "Entschuldige, ich plappere."
Shane fühlt mit seiner Erzählung mit und lächelt am Ende. Dabei sieht er ihn an, etwas was er sich sonst bei keinem Sim wirklich traut. Aber bei Jordyn muss er nicht beschämt wegsehen. Dann verschwindet das Lächeln. „Es war ein Unfall…?“
"Ich bin gestürzt und hatte Hirnblutungen.", erzählt der Teenager. "Die Augen sind in Ordnung, aber das Gehirn nimmt die Signale nicht mehr an."
"Das tut mir Leid.... Mir fehlt auch die Sonne. Ich erinner mich dass ich sie auf der Haut gespürt hab. Irgendwann..." sagt Shane und schweigt kurz um dann mit Optimismus in der Stimme zu sagen: "Dafür bin ich jetzt quasi Höhlenexperte!" er grinst beim folgenden Satz, "Und da du mit deinen Händen siehst, könnt ich dir das Fledermaus beobachten möglich machen." Shane denkt über das Schwimmen nach, was im Winter wohl nur ein Hallenbad erlaubt, für das er kein Geld hat. Er würde gern mehr sagen, doch er hat nicht sonderlich viel zu bieten und das dämpft ein wenig seine Laune bezüglich Vero. Er hat nichts.... zu bieten.
"Wirklich?" Aufgeregt ziehen Jordyns Augenbrauen in die Stirn und ein ungläubiges Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. "Wie? Ich meine, das wäre total cool!"
Shane hört den nächsten Bus heran nahen. Er freut sich dass er Jordyn begeistern konnte. "Lass dich überraschen." Er steht auf und bietet ihm wieder den Arm damit sie in den Bus einsteigen können der vorfährt, sich geräuschvoll absenkt und die Türen öffnet.
Der Vampir blickt nochmal aus dem Fenster, nach dem sie sich gesetzt haben und prüft ob jemand in der Zwischenzeit den Skateplatz besucht hat. Fehlanzeige. Irgendwann.... erwisch ich dich... denkt er, wendet den Blick wieder zu seiner neuen Bekanntschaft und lächelt.
Jordyn hält sich während der Fahrt mit einer Hand am Vordersitz fest. Die Öffentlichen sind nicht unbedingt seine liebsten Verkehrsmittel - je nachdem, wie gefühlvoll der Fahrer ist. Bei manchen Touren ist dem Blinden regelrecht übel geworden. Das ständige Anfahren und Bremsen kann sehr anstrengend sein, ebenso wie ausgedehnte Kurven, die auch nach Jahren noch dem Gleichgewichtssinn einen Streich spielen. Dementsprechend angespannt sitzt der Teenager aufrecht da. Seine gute Körperhaltung ist dennoch unverkennbar. Mit gemischten Gefühlen lässt er seine Gedanken schweifen. Dass bisher niemand angerufen hat, ist ein gutes Zeichen. Vielleicht hat er tatsächlich Glück und sein Verschwinden ist bisher nicht aufgefallen.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )
Charaktere: Shane / Jordyn
Geschichtsstrang: Der Schüler aus Copperdale
Irgendwann muss er auftauchen. Mit hochgeschlagener Kapuze, das Gesicht halb verborgen, die Hände in den Taschen des Pullovers, steht Shane neben dem kleinen Toilettenhäuschen im Schatten. Auf dem Skateplatz tummeln sich ein paar Kids die bald verschwinden werden weil es dunkel und kalt wird. Es liegt kein Schnee, was den Skateplatz in Oasis im Winter beliebt macht. Shane beobachtet ein paar Gestalten, die sich um den Holzhaufen begeben und das Feuer entfachen. Er hat einige schon öfter gesehen. Stammgäste so zu sagen.
Einer davon, gross, muskulös, meistens ruhig, aber autoritär. Er weiss nicht genau wer der Mann ist, aber der Rest der um ihn herum tanzt, scheint ihn zu respektieren. Außerdem tragen sie ähnliche Kleidung. Worum es bei den Gesprächen geht, weiss Shane nicht. Es interessiert ihn auch nicht. Er wartet auf Blaze, damit er bekommen kann was er verdient und Viola gleich dazu. Vielleicht. Er hat genug Zeit sich etwas auszudenken was effektiv und nachhaltig ist, aber so lang der Blödmann nicht auftaucht, wird das nichts. Sonst trifft man ihn auch immer hier an. Es nagt an Shanes Geduld, aber er kann warten.
Am anderen Ende des Parks nähert sich der Linienbus seiner Station. Einer von drei Fahrgästen erhebt sich und wankt zwischen den Sitzen in Richtung Tür - die Stäbe, die den schmalen Gang säumen, eine nach der anderen fest umklammernd. Der Teenager fühlt sich unwohl. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend wartet er, bis der Bus hält und die Türen öffnet, um schließlich auszusteigen. Einen Moment bleibt er regungslos stehen. Als das laute Gefährt davon rauscht, horcht er in die noch junge Winternacht. Von der linken Seite dringt das Zirpen einer einzelnen Grille an sein Ohr.
Von vorn weht der seichte Wind Stimmen über die Landschaft. Der Teenager kann nicht genau ausmachen, wie viele es sind. Aber es reicht aus, ihn weiter zu verunsichern. Er ist sich inzwischen fast sicher, dass es ein Fehler war, herzukommen. Was hat er sich nur dabei gedacht, einfach los zu laufen? Und dann steigt er auch noch in irgendeinen Bus, ohne zu wissen, wo er landen wird.
'Für diese Idee verdienst du den Dümmlichkeitsorden.', mahnt er sich selbst. Vielleicht sollte er auf der anderen Straßenseite den nächsten Bus zurück nehmen. Mit etwas Glück ist er zu Hause, bevor irgendwer seine Abwesenheit bemerkt. Doch er weiß nicht einmal, ob um diese Zeit überhaupt noch ein weiterer Bus fährt.
Der schwere Geruch von brennendem Holz steigt dem Jungen in die Nase. Ein Lagerfeuer. Dort sind sicherlich auch die Sims zu den Stimmen zu finden. Noch einmal lauscht er in die Dunkelheit hinein. Das zarte Rieseln von winzigen Steinchen ist zu vernehmen. Sand, der hinter ihm von den leichten Brisen über den Boden getrieben wird. Zu seiner Linken ertönt moderne Musik. Sie ist dumpf und scheint aus einem geschlossenen Gebäude zu kommen. Da die Entfernung von eingesperrter Klangkulisse sich oft nur schwer einschätzen lässt, beschließt er, den Stimmen zu folgen. Mit beiden Händen schnippt er einige Male in die Luft. Unmittelbar vor ihm bricht sich der Schall in gleichmäßigen Wellen... Eine Mauer.
Er greift in die Innentasche der Jacke, zieht einen Stock heraus und macht damit eine schwungvolle Bewegung aus dem Handgelenk. Der kleine Stock klappt sich zu seiner vielfachen Länge aus und der Teenager tastet sich vorsichtig durch die fremde Umgebung.
Immer wieder schnippt er dabei mit der freien Hand und bewegt sich nach und nach voran.
Shane lehnt an der Wand und schaut mehr oder weniger Gedankenverloren zum Feuer. „…und dann sagte er: ‚Lieber vögelt er ungeschützt nen Bienenkorb.‘“ Gelächter von den vier Männern beim Feuer. Sie sind jetzt noch die einzigen vor Ort. Neben Shane der nicht auffällt in seinem Schatten. Neben dem grossen, fällt der kleine mit der Hyänenartigen Lache auf. Der mit den lautesten Geschichten. Manchmal fragt Shane sich ob Blaze plötzlich Geschmack zeigt und sich von Leuten wie denen fern hält. Unwahrscheinlich. Es nähert sich jemand der Shanes Aufmerksamkeit erregt und er hebt den Kopf. Mit einem Hauch Neugier beobachtet er die Szene.
'Was für ein merkwürdiger Ort.', denkt der Junge, der sich inzwischen ein gutes Stück vorangetastet hat. Der Boden unter ihm scheint aus festem Beton zu sein. Es ist ebenerdig und stabil. Doch die Schallwellen um ihn herum irritieren ihn. Immer wieder gibt es Luftlücken zwischen Steinwänden. Ist das hier ein Denkmal oder ein abstrakter Kunstbau? Es fällt dem Teenager schwer, seine Umgebung einzuschätzen. Alles wirkt zu willkürlich und ergibt wenig Sinn. Möglicherweise eine Art Freilichttribüne. Ratlos schüttelt er den Kopf. Wenn seine Mutter ihn so sehen würde, gäbe es ein Drama. Er will sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn er zu Hause anruft und von seiner Lage erzählt. Er könnte nicht einmal sagen, wo sie ihn finden. Er hat schlicht und ergreifend keine Ahnung, wo er ist. Also bleibt nur eine Lösung. Der Teenager folgt den lauter werdenden Stimmen. Bisher haben fremde Sims immer geholfen, wenn er sie freundlich gefragt hat. Wenn sie ihm zeigen, wo ein Bus fährt, wird er zurecht kommen.
Als der Junge aus den dunkler werdenden Schatten in den Lichtkegel tritt verstummen die Männer. Mit so einem Anblick haben sie scheinbar nicht gerechnet. Der Teenager hat durchaus Verständnis für die Reaktion. Freundlich grüßt er die Runde und will gerade seine Situation erläutern, als er jäh unterbrochen wird.
"Was das denn fürn Vogel?", krächzt einer.
"Keine Ahnung, aber 'nen Wurm hat der nich' dabei.", höhnt ein zweiter mit glatter Stimme.
"Wieso Wurm?"
"Na, 'n blinder Vogel findet doch auch mal -"
"Das war ein Huhn, du Spast." raunt ein Dritter.
"Ist doch egal."
"Piepegal, wa?!"
Die Männer lachen.
Der Teenager schluckt irritiert. "Verzeihung, ich bräuch-"
"Vielleicht hat der 'nen Wurm in der Hose.", lacht der Krächzende.
"Vorne oder hinten?", gröhlt Nummer drei.
Schritte kommen auf ihn zu. Die glatte Stimme umkreist ihn: "Meinste, der macht sich ein?"
Der Magen des Teenagers krampft sich zusammen und sein Mund wird trocken. Was sind das für Typen? Die würden doch nicht ...
"Was hast denn da, Kleiner?" Nummer drei atmet ihn unangenehm an und reißt ihm die Sonnenbrille vom Gesicht. "Die brauchst jetzt nicht mehr. Die einzige Sonne, die hier scheint, kommt aus deinem Arsch."
Gelächter.
"Und? Steht die mir?", fragt er in die Runde.
"Sieht geil aus, Alter."
"Porno."
"Aber dann krieg ich das Stöckchen.", stellt der Krächzende Ansprüche.
"Wozu brauchst du sowas?", fragt die glatte Stimme.
"Meine Fernbedienung ist kaputt."
Dreckiges Lachen umgibt den Teenager, der automatisch einen Schritt nach hinten macht. Wo ist er hier gelandet? Er muss schleunigst abhauen. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals und sogar in der Schläfe spürt er das hektische Pochen. Mit rasenden Gedanken überlegt er, was er tun soll. So schnell wird er nicht aus diesem Ort heraus finden. Ihm wird schlecht als er begreift, dass er diesen Kerlen schutzlos ausgeliefert ist.
Die einzige Chance bietet ihm sein Handy. Aber er muss schnell sein. Sehr schnell. Vorsichtig macht er einen weiteren Schritt nach hinten.
"Hey, Cinderella,", raunt Nummer drei. "Du willst uns doch nicht schon verlassen?" Ein kräftiger Arm legt sich um die Schultern des Jungen. Reflexartig zieht er den Kopf einige Zentimeter ein. Er ist geliefert. Wenn sie gnädig sind, rauben sie ihn nur aus. Sein Atem beginnt zu zittern. Noch nie hatte er so eine Angst vor anderen Sims.
Beinahe panisch drückt er auf einen Button an der Seite seines Handys. Mit der Kurzwahlnummer könnte er Jadyn anrufen. Doch dann fällt dem Teenager ein, dass sein Bruder den GPS-Tracker ausgeschaltet hat. Sie waren sich einig gewesen, dass ihre Mutter nicht alles wissen müsste. So ein Mist!
Er bemerkt nicht, dass eine Ecke des Handys aus der Tasche lugt. Jemand zerrt daran und er kann nicht so schnell reagieren. Das Handy ist weg.
"Geil!," ruft einer der Männer. "Guckt mal. Ich hab ein neues Handy.", lacht er.
"Kommt schon, bitte." Der Teenager ist verzweifelt. Ihm stehen die Tränen in den Augen. "Das könnt ihr doch nicht machen."
Eine Sekunde herrscht Schweigen. Das Knistern des Feuers ist zu hören.
"Oh nein, hört ihr?", fragt der Krächzende gespielt gerührt. "Das können wir nicht machen, sagt er." Dann fängt er an, grunzend durch die Nase zu prusten. Die anderen stimmen ein und wieder schallt dem Teenager das gehässige Gelächter um die Ohren.
Shanes Augen leuchten blau, wie immer in letzter Zeit wenn ihm Leute unter kommen die andere Ärgern. Es ist der Grund warum er hier ist und es macht ihn wütend in einem andere Kontext Zeuge davon werden zu müssen. Er schaut zu und beobachtet, wie der Zweitgrösste von ihnen, der bisher noch nichts gesagt hat, aus einem der Stühle aufsteht und es streift ihn ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass der Mann dem jetzt ein ende setzt. Er streckt sich, knackt mit den Knöcheln und verschränkt die Arme. „Du hast hier nichts zu suchen, Kleiner.“ sagt er, „Is‘ ne gefährliche Gegend.“ am ende des Satzes hört Shane ein kleines Lächeln heraus was im nächsten schon wieder verschwunden ist, „Also, wenn du nichts kaufen willst, verpiss dich.“
Der grosse Asiate, steht breit vor dem Jungen, während die anderen drei mit dessen Sachen spielen. Der eine, der sich cool fühlt mit der Brille auf der Nase, der zweite, mit dem Stock hinterm Nacken und die Hände rechts und links als Gewicht und der dritte der damit beschäftigt ist Tastenkombinationen für den Sperrbildschirm zu drücken.
„Hey!“
Hinter dem braunhaarigen Teenager ist jemand wie aus dem Nichts aufgetaucht.
Die gesamte Gang hebt die Köpfe. Shane starrt sie alle an und ruft sich in Erinnerung dass er stärker ist als diese vier Unruhestifter. Nagut, stärker als die drei, bei dem grossen Bodybuildertypen ist er sich nicht ganz sicher. „Lasst ihn in ruhe!“ In Shanes Stimme schwingt ein wenig Unsicherheit, auch wenn er das zu unterdrücken versucht. In seinem Gesicht kommt die dunkle Gestalt zum Vorschein, die grösstenteils von der Kapuze verdeckt bleibt. Aber die Augen leuchten und funkeln wütend, während seine Hände sich zu Fäusten ballen. Er spürt die Fangzähne wachsen und in seinem Mund sammelt sich der Speichel, wie wenn einen die Vorfreude auf sein Leibgericht packt. Shane schluckt. „Gebt die Sachen zurück!“
Der Brunette wagt nicht, sich zu bewegen. Nur sein Kopf dreht sich kaum merklich zu der neuen Stimme. Wer ist das? Er wirkt jung und nicht größer, als er selbst. Zudem ist seine Unsicherheit in der Stimme deutlich hörbar. Einerseits ist der Teenager erleichtert, dass er nun nicht das alleinige Opfer dieser Männer wird - so bekommt er vielleicht nur halb so viel Schläge. Andererseits fragt er sich, wie lebensmüde einer sein muss, der sich wissentlich in diese Situation begibt.
Der grosse sagt nichts. Er hat den kleinen Kapuzenträger schon mal gesehen aber noch nie gesprochen. Er weiss nicht wer er ist. „Sonst was?“ fragt Brille und nimmt sie ab, als würde sie ihn jetzt bei der Konversation behindern. Die Tonlage triggert Shane und sein Atem wird flacher und schneller. Er klingt wie Blaze. „Sonst hol ich sie mir.“ knurrt Shane mit jetzt tieferer, knurrenderer Stimme, was ihn ein wenig überrascht. Möglich dass es daran liegt, dass die Typen fremd sind, dass er sich das traut. Vielleicht ist das Fass jetzt auch einfach endgültig voll. Wenn er Vero beschützen will, ist das fast wie eine gute Übung. Die Typen lachen. Alle ausser der grosse dessen Blick klüger wirkt als der seiner Mitläufer. Shane macht demonstrativ einen Schritt näher. „Klappe!“ sagt der Anführer und streckt einen Arm gegen seine Leute aus. Das Gelächter verstummt. „Gebt ihm sein Zeug.“
„Aber…?“ der Hyänentyp wirkt sichtlich nicht begeistert.
„Na los!“
Shane entspannt sich unwillkürlich ein kleines bisschen. So einfach? Alles was er tun muss ist mit bestimmter Stimme etwas zu fordern?
Die Brille und der Stock werden dem Jungen in die Hände gedrückt und die zwei machen sich schon abflugbereit in dem sie bereits davon schlendern. Der letzte tritt vor mit dem Handy in der Hand. Er ist immer noch nicht glücklich darüber es zurückgeben zu müssen und zögert. Der Anführer dreht sich bereits um weil er sich wohl sicher ist, dass der Kleine das Telefon aushändigen wird und wird von Ex-Brille gefragt, „Wieso zum Fick..?“
„Das ist ein Vampir. Idiot. Lernst du denn gar nix?“
Und im selben Augenblick, das Gehörte ist noch nicht bei allen verarbeitet, entscheidet sich Handyman, mit dem Gerät abzuhauen, schubst den blinden Jungen vor sich hart von sich weg und rennt an Shane vorbei.
Dieser schaut erst ihn, dann den anderen Teenager an und wieder den Flüchtigen. Ein kurzer Blick zu den drei anderen die sich zu ihnen umsehen aber nicht wieder näher kommen, dann verpufft Shane zur Fledermaus und folgt dem Flüchtigen.
Der Geschubste ächzt überrascht auf und landet mit einer unkontrollierten Drehung auf dem Boden. Stock und Brille fallen ihm aus den Händen, als er mit dem Kopf hart auf dem Beton auftrifft. Für eine Sekunde stockt ihm der Atem, dann holt er tief Luft. Schwindel überkommt ihn und er verliert den letzten Rest Orientierung. Mit totem Blick in den Himmel stöhnt er leise, als das Schwindelgefühl in seinen Magen rutscht und dort rebellliert. Er versucht sich aufzusetzen, doch ein schrilles Stechen zieht durch seine Schläfen und er landet wider auf dem Boden. Konzentriert atmet er durch die Nase ein und durch den Mund aus. Drei Atemzüge lang bleibt er so liegen, bevor er einen neuen Versuch wagt - und es dieses Mal schafft, sich aufzusetzen. Sein Kopf schmerzt noch und auch der Schwindel will sich nicht legen, die Übelkeit lässt ihn aufstoßen. Weitere Sekunden vergehen, bis sein Körper sich an diese Position gewöhnt hat. Er reibt sich den Hinterkopf und stellt fest, dass seine Fingerkuppen feucht sind - blutet er etwa?
Der Teenager verharrt. Was hatte der Eine gesagt? Vampir? Schlagartig wird die Übelkeit zu einem ausgewachsenen Würgereiz. Panik steigt in ihm auf. Er muss weg. Vorgebeugt auf allen Vieren tastet er den Boden nach dem Stock ab. Er kann nicht weit geflogen sein. Die Brille ist jetzt egal aber ohne den Stock kommt er nicht weg.
Seine Gedanken rasen, die Schläfen pochen und sein Atem geht schnell. Seine Bewegungen werden fahrig und er hört sich selbst leise verzweifelt fluchen. Das ist das Ende. Er wird hier drauf gehen. Seine Mutter hatte Recht. Die Welt ist zu gefährlich für ihn. Er ist so hilflos wie ein Kleinkind und schafft es nicht einen Abend, allein zurecht zu kommen.
Shane flattert hinter dem Kerl her und ist deutlich schneller. Der blickt zurück, kann aber keine Verfolger ausmachen, da Shane über ihm ist und dann lässt er sich zurückverwandelt mit dem ganzen Gewicht auf den Dieb fallen. Sie stürzen zu Boden. In Shanes Knie bricht ein heulender Schmerz aus, was er ignoriert während der Typ sich schreiend und stöhnend zu befreien versucht. Das Telefon fällt ihm aus der Hand, rutscht über den Beton und landet in der angrenzenden Wiese. Shane schafft es die Hände des anderen los zu werden und beisst ihm in den Hals. Der Kerl schreit nochmal überrascht bis er still wird und die Arme schlaff. Shane trinkt, aber anders als sonst, aus Wut, bis der Mann sich gar nicht mehr rührt. Shane lässt ab und steht auf.
Über ihm stehend, schaut er auf den Typen herab und atmet schwer. Seine dunkle Form verschwindet, bis nur noch die Augen leuchten und ihm fällt wieder ein, was er vor hatte. Rasch schaut er sich suchend um und findet das schwarze Gerät im niedrigen Gras. Shane hebt es auf und eilt zurück.
Er findet den Jungen auf dem Boden tastend vor. Als er leicht hinkend näher kommt hört er auf sich zu bewegen. Shane ist sich nicht sicher wie er jetzt vorgehen soll. Er kann ihn offensichtlich nicht sehen also… langsamer macht er noch ein paar Schritte bleibt vor dem Stock stehen den der Junge fast erreicht hat und geht in die Hocke. Das stechen im Knie blinzelt er stumm weg. „Ähm… ich… ich hab dein Handy. Ich… helf dir hoch okay?“ er wartet auf eine Antwort bevor er ihn anfasst.
Die ausdruckslosen Augen des Jungen starren Shane an - direkt ins Gesicht. Der Brunette richtet sich halb auf und reißt die Hände schützend hoch, er verliert das Gleichgewicht und kippt ein Stück nach hinten. Eine dicke Träne rollt ihm über die Wange und sein Kinn zittert. Er atmet unregelmäßig, kann aber nichts sagen. Zu groß ist das Gefühl des Ausgeliefertsein. Er hört die Worte nicht, die der Vampir zu ihm sagt. Sein eigener Herzschlag, der schwere Atem und die grenzenlose Angst überschatten alle Geräusche.
Besorgnis steigt in Shanes Gesicht und das letzte Leuchten erlischt in seinen Augen. Sie sind wieder grau und er wieder ein Sim, bis auf die Ohren. „I-ich werd dir nichts tun.“ er schaut sich um, um sicher zu gegen das keiner von der Gang mehr da ist, dann fällt sein Blick auf die Brille weiter hinten. Shane steht auf, humpelt hin und hebt sie auf. Als er sie ansieht fragt er sich ob er Mist gebaut hat. Kann er gar nichts richtig machen? Haben die in der Schule recht? Ist er jetzt ein „Beisser“? Obwohl er helfen wollte? Der alte Zweifel keimt wieder auf. Seine Fähigkeiten sind schlecht und er wünschte er hätte sie nicht. Als er sich zum Jungen umdreht und sich wieder hinhockt, schaut er ihn dessen Gesicht. Er hat, ausser in Filmen, noch nie jemanden ohne Sehvermögen gesehen. Zögernd drückt er ihm die Brille in eine der abwehrend erhobenen Hände. „Deine Brille.“ Dann schiebt er den Stock in griffweite. Er traut sich noch nicht dem Schockierten näher zu treten. „Mein Name ist Shane. Ich will dir helfen… wenn ich kann.“
Der Junge blinzelt einige Male und lässt die Arme langsam sinken. Sein Kopf nickt in kurzen Bewegungen und er flüstert ein angestrengtes "Okay", bevor er sich die Brille aufsetzt. Er zwingt sich zur Ruhe. Sein Gegenüber wirkt aufrichtig. Und bedrückt. Langsam gewinnt er seine Fassung zurück. Noch immer auf dem Boden sitzend fragt er: "Stimmt es? Bist du ... ein Vampir?"
Shane schweigt kurz. „Ähm… ja. Aber ein unglücklicher.“ er lächelt verlegen bis er sich erinnert, dass der Junge das nicht sieht. „Ich meine, also… du musst keine Angst haben.“
"Okay.", atmet der Brunette klangvoll aus. "Du bist verletzt.", stellt er dann fest.
Shane schaut auf sein Knie und den Riss im Hosenbein. Aber wie… „Woher….?“
"Du humpelst beim Gehen. Das war nicht so, als du hinter mir standst. Wie ist das passiert?"
Verstehend hebt Shane den Kopf. „Ah, das… nicht so schlimm…“ es tut in der Bewegung etwas weh, wird aber bald heilen. Welche dunkle Magie dahinter steckt will er gar nicht wissen, obwohl das der einzige Grund ist warum er so lange allein überlebt hat. „Ich hab dein Handy zurückgeholt.“ er streckt es dem Jungen hin, als er nicht reagiert, schiebt er ihm auch dieses in die Hand. „Du bist vorhin gefallen. Gehts dir gut?“
Der Junge tastet das Display ab, um zu checken, ob es in Ordnung ist. "Danke.", murmelt er und ringt sich ein Lächeln ab. "Das hättest du nicht ... Danke. Mein Name ist Jordyn. Und ich bin wirklich froh, dass du aufgetaucht bist." Er steckt das Handy in die Innentasche der Jacke, greift nach dem Stock und versucht aufzustehen. Der Schwindel überkommt ihn wieder - wenn auch nicht so stark, wie anfangs.
"Mir ist etwas schwindelig.", erklärt er. "Aber das wird vergehen. Schätze ich."
Doch hätte er. „Mir wurde auch schonmal das Handy weggenommen.“ beim Festival... vor einer Ewigkeit... „Vielleicht solltest du jemanden anrufen?“ Shane kommt auf die Beine, steht Jordyn zur Seite und stützt ihn am Arm, damit er besser hoch kommt.
Der Brunette seufzt. "Meine Mutter wird mir die Hölle heiß machen. Gleich nachdem sie mein Aua geküsst hat. Und dann lässt sie mich nie wieder aus den Augen, so lange sie lebt." Es ist zum Verzweifeln. Er wollte doch nur ein einziges Mal das Gefühl haben, kein Kleinkind zu sein. Und wohin hat es ihn gebracht?
Shane hat niemanden der sich sorgt, das ist wohl das andere extrem. „Dann vielleicht nicht anrufen.“ er lächelt ein wenig. „Wo wohnst du? Ich kann dich begleiten, wenn du willst…“ er ist sich nicht sicher, was es mit Schwindel auf sich hat. So wie als er vom Stuhl gefallen war? Andererseits ist er ein Vampir und das Ausmass deutlich geringer als wäre jemand anders an seiner Stelle gefallen.
"Das würdest du machen?" Ein klein wenig Hoffnung kehrt in Jordyns Wesen zurück. "Damit bist du sowas wie mein edler Ritter.", schmunzelt er und bereut im selben Moment, das gesagt zu haben. Verlegen räuspert er sich und antwortet sachlich: "Willow Creek, da wohne ich."
Shane lächelt und fühlt sich ein wenig geschmeichelt. Helfen ist etwas, was ihm wirklich Freude bereitet und noch schöner wenn seine Hilfe angenommen wird was als Vampir bisher nicht sonderlich oft der Fall war. „Das kriegen wir hin.“ er schaut ihn an und will schon wieder in eine Richtung zeigen. Er nimmt die Hand runter und schaut auf den Bus der grade gehalten hat und abfährt. „Ähm… wir können nachsehen wann der nächste Bus fährt.“ Shane verstummt. ‚Nachsehen‘. Gut gemacht. Er schüttelt den Kopf über seine soziale Unbeholfenheit. Um davon abzulenken sagt er: „Wo gehst du zur Schule?“ er blickt den Jungen genauer an. Sein Gesichtsgedächtnis spielt ihm einen Streich. Es ist als hätte er ihn schon mal gesehen, aber ein Junge mit Blindenstock wäre sicher mehr aufgefallen auf der BBH.
"Das klingt nach einem guten Plan." Von Jordyns Angst ist nichts mehr zu merken. Nachdem er begriffen hat, dass der Vampir ihm nichts tun wird, ist er viel entspannter. Er spürt, dass Shane etwas unbeholfen ist, aber das stört ihn nicht. Die meisten Sims wissen nicht genau, wie sie mit einem Blinden agieren sollen. Daran ist er längst gewöhnt.
"Wenn ich mich an deinem Arm festhalten darf, kannst du ganz normal losgehen. Sag mir nur, wenn Stufen oder andere Hindernisse auftauchen."
So lässt Jordyn sich von Shane über den Platz führen. Den Stock hält er aufrecht dicht am Körper, jederzeit einsatzbereit.
"In Copperdale gibt's eine private Blindenschule.", erzählt er nebenbei. "Dorthin gehe ich, seit einigen Jahren. Wie ist es mit dir? Bist du noch Schüler?"
Shane fühlt sich unerwartet wohl, während Jordyn an seiner Seite geht. „Ich bin auf der - Vorsicht Bordstein nach unten - Brindleton High.“ sie überqueren die Strasse zur Bushaltestelle bei der der Bus Richtung Willow Creek fährt. „Aber mal sehn wie lange noch….“
Jordyn horcht auf und dreht den Kopf einige Zentimeter zu seinem Begleiter. Der bedrückte Tonfall in der Stimme entgeht ihm nicht.
"Wieso? Gibt's Probleme?"
Der Vampir weisst Jordyn auf die Stufe vor der Haltestelle hin und lässt ihn sich auf die Bank setzen. Er lässt sich neben ihm auf das Möbel fallen. „Naja… die Schüler da sind nicht besonders… nett. Also…“ korrigiert er sich schnell, „mit Ausnahmen aber die meisten….“ er stoppt, „ach egal.“ Er hebt die Mundwinkel und damit die Stimme, „Ich hab das Gefühl ich hab dich schon mal gesehen, aber… vielleicht spinn ich auch. Sagen eh alle.“ er lacht ein wenig gepresst am ende.
"Mein Bruder geht dort zur Schule. Du hast bestimmt ihn gesehen, nicht mich.", vermutet Jordyn. "Er hat keine Probleme mit den Sims. Allerdings ist er überall ziemlich beliebt. Für manche ist sowas wohl leichter, als für andere." Er nimmt die Brille ab und wischt sich vorsichtig mit den Fingern über die Augen und massiert sich die Nasenwurzel. Der Schwindel ist weniger geworden, aber etwas Kopfschmerzen sind geblieben.
„Oh ein Zwilling.“ stellt Shane fest. Das erklärt wenigstens, dass seine Beobachtungsgabe nicht komplett gestört ist. „Wie gehts dir denn auf deiner Schule?“
"Ganz okay. Manchmal etwas langweilig. Es werden ganz andere Maßstäbe gesetzt. Aber mit den Leuten komme ich gut zurecht. In der Regel. Es ist nur..." Der Teenager seufzt leise und überlegt, wie er seine Gedanken äußern soll. Er will nicht missverstanden werden. "Alle drängen mich, dort Freundschaften zu schließen. Und natürlich wäre das okay, aber... Ich will eben nicht nur mit Blinden herumhängen. Ich will nur ein normales Leben führen, verstehst du? Ich will nicht, dass meine Einschränkung mein Leben bestimmt. Das hat sie lange genug getan. Ich will auch Party machen und unvernünftig sein. Aber ... naja, ich sollte vermutlich dankbar sein, dass ich so reden kann, anstatt herumzujammern."
Er setzt die Brille wieder auf und horcht in die Nacht hinein. Es muss recht spät sein. Abgesehen von der Musik, die noch immer leise über die Landschaft weht, gibt es kaum Anhaltspunkte für simlisches Treiben.
Shane nickt und sagt dann, „Mh ja, ich denke das versteh ich.“ Sich normal fühlen. Das will der Vampir auch. „Vampire sind nicht so beliebt. Man fürchtet sie meistens. Ich kenn auch nicht besonders viele und weiss nicht wies wo anders ist… aber hier… hab ich nie das Gefühl normal zu sein, weil… keiner behandelt mich so, ausser…“ er lächelt, „also… eine Freundin… sie ist die einzige die ‚mich‘ sieht und nicht den … ‚Beisser‘“ er wendet Jordyn das Gesicht zu, „Also, ich denke ich weiss was du meinst. Vielleicht können wir mal was zusammen unternehmen? Was wolltest du schon immer mal machen?“ Shanes Stimme hebt sich in leichte Begeisterung und Vorfreude.
Jordyn überlegt einen Moment. Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten.
"Es gibt viel, was ich gern tun würde.", beginnt er zaghaft und noch immer nachdenklich. "Bevor ich den Unfall hatte, haben wir oft Paintball gespielt. Ich war im Karatekurs. Wir haben im Sommer jedes Wochenende gezeltet. Einmal sind Jadyn und ich von einem riesigen Felsen in einen Wasserfall gesprungen. Das war großartig... Das sind Sachen, die mir fehlen." Trotz der Sonnenbrille ist es nicht schwer zu erkennen, dass die Sehnsucht nach seinem früheren Leben den Teenager fest im Griff hat.
"Ich möchte mich mit Mädchen treffen,", fährt er fort, "aber wer will schon jemanden an seiner Seite, der nicht einmal auf sich selbst aufpassen kann?" Sein Kopf neigt sich ein Stück in Shanes Richtung. "Ich wollte immer mal eine Nacht in einer uralten Höhle verbringen. Gruselgeschichten austauschen und Fledermäuse beobachten." Für einen kurzen Moment legt sich ein glückliches Lächeln auf das Gesicht des Blinden. "Das fand meine Mom damals schon nicht gut. Heute wären solche Sachen undenkbar." Das Lächeln erlischt und der Junge seufzt. "Sie meint es gar nicht böse, ich weiß das. Sie hat nur Angst, noch ein Kind zu verlieren. Aber ich will dieses Leben so nicht führen. Ich bin blind. Nicht tot."
Gedanklich fasst er all die aufgezählten Dinge zusammen. "Ich will das alles, Shane. Aber wenn ich mich hier und jetzt für eins entscheiden müsste, ... dann will ich wieder springen. Ich will ins Meer eintauchen und nicht wissen, wie tief ich bin und wann ich wieder oben ankomme. Ich will mit Fischen schwimmen und Angst vor Haien haben, die mir gar nichts tun... Ein bisschen so wie bei dir.", lacht er schließlich auf.
"Du bist der erste Vampir, dem ich begegnet bin. Und ich hatte echt die Hosen voll. Aber jetzt fühlt es sich gut an." Sein Kopf dreht sich wieder nach vorn. "Entschuldige, ich plappere."
Shane fühlt mit seiner Erzählung mit und lächelt am Ende. Dabei sieht er ihn an, etwas was er sich sonst bei keinem Sim wirklich traut. Aber bei Jordyn muss er nicht beschämt wegsehen. Dann verschwindet das Lächeln. „Es war ein Unfall…?“
"Ich bin gestürzt und hatte Hirnblutungen.", erzählt der Teenager. "Die Augen sind in Ordnung, aber das Gehirn nimmt die Signale nicht mehr an."
"Das tut mir Leid.... Mir fehlt auch die Sonne. Ich erinner mich dass ich sie auf der Haut gespürt hab. Irgendwann..." sagt Shane und schweigt kurz um dann mit Optimismus in der Stimme zu sagen: "Dafür bin ich jetzt quasi Höhlenexperte!" er grinst beim folgenden Satz, "Und da du mit deinen Händen siehst, könnt ich dir das Fledermaus beobachten möglich machen." Shane denkt über das Schwimmen nach, was im Winter wohl nur ein Hallenbad erlaubt, für das er kein Geld hat. Er würde gern mehr sagen, doch er hat nicht sonderlich viel zu bieten und das dämpft ein wenig seine Laune bezüglich Vero. Er hat nichts.... zu bieten.
"Wirklich?" Aufgeregt ziehen Jordyns Augenbrauen in die Stirn und ein ungläubiges Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. "Wie? Ich meine, das wäre total cool!"
Shane hört den nächsten Bus heran nahen. Er freut sich dass er Jordyn begeistern konnte. "Lass dich überraschen." Er steht auf und bietet ihm wieder den Arm damit sie in den Bus einsteigen können der vorfährt, sich geräuschvoll absenkt und die Türen öffnet.
Der Vampir blickt nochmal aus dem Fenster, nach dem sie sich gesetzt haben und prüft ob jemand in der Zwischenzeit den Skateplatz besucht hat. Fehlanzeige. Irgendwann.... erwisch ich dich... denkt er, wendet den Blick wieder zu seiner neuen Bekanntschaft und lächelt.
Jordyn hält sich während der Fahrt mit einer Hand am Vordersitz fest. Die Öffentlichen sind nicht unbedingt seine liebsten Verkehrsmittel - je nachdem, wie gefühlvoll der Fahrer ist. Bei manchen Touren ist dem Blinden regelrecht übel geworden. Das ständige Anfahren und Bremsen kann sehr anstrengend sein, ebenso wie ausgedehnte Kurven, die auch nach Jahren noch dem Gleichgewichtssinn einen Streich spielen. Dementsprechend angespannt sitzt der Teenager aufrecht da. Seine gute Körperhaltung ist dennoch unverkennbar. Mit gemischten Gefühlen lässt er seine Gedanken schweifen. Dass bisher niemand angerufen hat, ist ein gutes Zeichen. Vielleicht hat er tatsächlich Glück und sein Verschwinden ist bisher nicht aufgefallen.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )