Forum Discussion
Ripzha
3 years agoSeasoned Ace
Ort: Willow Creek - Darkholme Praxis
Charaktere: Blaze / Raven
Geschichtsstrang: Blaze beim Psychologen
Genervt kickt Blaze einen Stein vor sich her während er zu Fuss nach Willow Creek geht. Wenigstens den Bus könnte sein alter Herr ihm spendieren, wenn er schon sein BMX verscherbelt. Einfach unfassbar. Eine Hand in der Tasche, den Blick auf die Strasse, in der anderen Hand eine Kippe, blickt er irgendwann bei einem Wohnhaus auf, zieht das Handy aus der Tasche und schaut auf das aktive Navi. Sie haben ihr Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der linken Seite. Er betrachtet das Wohnhaus bis er einen weiteren Eingang entdeckt der darauf hindeutet, dass dort der Eingang zur Praxis ist. Ein wenig nervös macht ihn das jetzt. Die Worte seines Vater hallen in seinem Kopf wie ein Echo in einer tiefen düsteren Höhle. ...wenn du mit 35 von einer Autobahnbrücke springst, weil du so ein Versager... Irgendwo leuchtet ihm das ein, dass wenn irgendwo auf seiner Bewerbung steht er sei von der Schule geflogen, es keinen besonders guten Eindruck hinterlässt. Ganz anders wäre es, wenn er selbst entscheidet zu gehen. Da ist er sich ziemlich sicher. Er zieht ein letztes mal an der Kippe und schnippt den Stummel auf die Strasse. Er legt die Hand an die Tür, stößt den letzten Rauch aus und drückt sie auf um einzutreten.
Es riecht steril. Nicht zuletzt weil alles recht neu wirkt. Die Wände wirken, als wären sie neu gestrichen und Blaze glaub die Farbe riechen zu können. Sofort vermisst er seine Spraydosen. Im Wartebereich nimmt er auf einem Stuhl platz. Die neusten Ausgaben von irgendwelchen Gesundheitsmagazinen und Broschüren für diverse Aktivitäten und Programme liegen bereit, die er aber nicht anrührt. Er legt den rechten Fuss aufs linke Knie, lehnt sich tief in den Sessel zurück und tippt auf dem Handy rum.
Die Uhr schlägt zur vollen Stunde, als sich eine Tür öffnet. Eine freundlich blickende, blauhäutige Frau lächelt dem Schüler auffordernd entgegen.
"Blaisdell, bitte." Sie tritt einen Schritt zur Seite, um den Weg ins Behandlungszimmer frei zu geben.
Blaze schaut auf und bleibt eine Sekunde sitzen. Die blaue Farbe irritiert ihn und gleich darauf die Gesichtsform und die Augen. Dabei ist das nicht das erste Alien was er sieht. Da gibts doch diesen neuen Schüler, Ko...K...Ku...irgendwas. Er geht mit einer Vampirin, also was wundert er sich eigentlich noch. Er steht auf steckt das Handy in die Tasche und tritt vor ihr durch die geöffnete Tür.
Sie bietet ihm mit einer Geste einen der zwei Sessel und setzt sich in den anderen. Einen Moment betrachtet sie ihren neuen Patienten, bevor sie die Sitzung einleitet:
"Ich bin Dr. Darkohlme und ich freue mich, dass Sie es her geschafft haben." Das Klemmbrett, das sie in ihrer Hand hält, legt sie auf dem Schoß ab. "Wir wissen beide, warum Sie hier sind. Aber ich würde gern erfahren, wie es dazu kam. Aus Ihrer ganz persönlichen Sicht. Was können Sie mir dazu erzählen?"
Der Teenager setzt sich aufrecht hin, beide Füsse auf den Boden, streift die Mütze ab und mustert die Psychologin zurück während sie ihn ansieht. Jetzt kommt es auf die guten alten Blaisdell-Manieren an und er wird sich ganz genau überlegen was er sagt. Er kennt Gespräche wie diese, aber diesmal ist er älter und er muss auf mehr Dinge achten.
Er ist hier weil die Schule, Unruhestiftern wie ihm kein Abschlusszeugnis aushändigen will. Er denkt nach, dann sagt er: "Es war Halloween und das ist die Nacht der Streiche." Er muss sich ein wenig zwingen nicht die Arme zu verschränken und in seine übliche abwehrende Haltung zu fallen. Also hebt er die Schultern. "Hat wohl nicht den Humor von allen getroffen...."
Die Rothaarige zuckt schmunzelnd mit einer Augenbraue und nickt langsam. "Ich hörte, Sie haben ein Blutbad angerichtet. Und einige Ihrer Mitschüler schwer verstört."
Ein Blutbad. Blaze rollte die Oberlippe ein und verkneift sich ein Grinsen. "Haben Sie nie den Film Carrie gesehen? Das ist ein Klassiker." Sein Gesichtsausdruck wird wieder neutral. Wen soll er denn mit Farbe verstört haben? "Mein Gedanke dahinter war ein... Kult-Akt." Oder so.
Natürlich kennt die Therapeutin den Film. Sie hat ihn in ihrer Jugend ein Dutzend mal gesehen. Doch als Profi darf sie sich nicht anmerken lassen, dass sie den Streich gelungen findet. Immerhin hat der Schüler für Chaos gesorgt und das Eigentum der Schule missachtet. Sie notiert sich etwas auf ihrem Papier und beobachtet die Körperhaltung ihres Gegenüber. Er wirkt durchaus beherrscht. Der Junge ist nicht dumm und natürlich verhält er sich so, wie es ihm vorteilhaft erscheint.
"Das ist nicht das erste Mal, dass Sie aufgefallen sind, wenn ich Ihrer Akte glauben darf. Was für Gedanken hatten Sie bei den anderen Aktionen?"
Welche von den Tausend? Blaze atmet ein. Wie viel kann er erzählen? Reicht es, wenn alles irgendwo einen nachvollziehbaren Grund hat? Gibt es überhaupt einen nachvollziehbaren Grund? Laut seinem Vater und den meisten Lehrern nicht. Mal sehen. Die Sprinkleranlage die Schaum gespuckt hat und die die ganze Veranstaltung zu einer Rutschpartie verwandelt hat.... "Die Schaumparty bei der Schulveranstaltung davor war auch nich' böse gemeint. Andere Leute bezahlen um auf solche Partys zu können." Betonung auf auch. Er sieht Frau Darkholme an und lächelt ein wenig. "Und das zerkratze Auto von Madame Fouchè war Rache." ergänzt er prompt und ehrlich. "Wir hatten die alte Karre mit abwaschbarer Farbe besprüht, es war ein Kunstwerk. Und der alte Konrektor hat uns gezwungen es zu waschen." In Blaze Akte steht bestimmt, dass das einzige Fach in dem er nicht komplett versagt, sondern im Gegenteil besonders herausragt, der Kunstunterricht ist. Alles mit Farben, Bleistiften, Pinseln und vor allem Spraydosen. Das Auto und die 'Kunst' auf dem Auto waren ihm total egal, es war einfach nur der Konrektor Proshinsky den er gehasst hat. "Das war nich' fair. Und wir waren sauer." Blaze glaubt nicht, das so alte Geschichten ihm noch was anhaben können.
Wieder notiert die Therapeutin etwas. Mit dem Blick auf dem Papier sagt sie fast beiläufig: "Sie interessieren sich für alte Filme - kennen Sie Michel aus Lönneberg?"
Das kam unerwarteter als Gedacht. Blaze steckt eine Hand in die Mütze die er vor sich auf dem Schoss hat und achtet kurz nur auf das Klemmbrett. "Sagt mir nichts." Blaze schaut Filme wenn er nicht auf Achse ist und das ist nur der Fall, wenn er Hausarrest hat. Kommt zwar oft genug vor, reicht aber nicht um jeden Klassiker zu kennen. Falls es denn einer ist..
Die Blauhäutige sieht auf. "Da geht es um einen Jungen in einem kleinen Dorf. Er hat stets die besten Absichten, doch alles, was er tut, endet in einer Katastroophe. Meist leiden andere darunter und er selbst wird bestraft. Seiner Meinung nach natürlich völlig ungerechtfertigt." Sie lässt den Stift auf das Paier sinken und lehnt sich im Sessel zurück. "Ich kann nicht abstreiten, dass ich hier Paralleen erkenne. Allerdings war der Junge ein Kind und wusste es nicht besser. Sie sind kein Kind mehr. Und ich habe nicht den Eindruck, dass Sie unbedacht handeln."
Er wusste das Alter wird Nachteile haben. Mist. Na schön, ruhigbleiben, nachdenken. "Geht mir nich' drum den Leuten zu helfen. Wenn meine Freunde drüber lachen ist das nur ein netter Nebeneffekt. Ich will im Gedächtnis bleiben." Das ist wahrer als er zugeben würde. Das klang in seinem Kopf viel kryptischer. Nach dem ers von sich laut gehört hat, bereut ers fast.
"Das ist ein ganz normaler Antrieb." Ein flüchtiges Lächeln umspielt das Gesicht der Rothaarigen. "Erzählen Sie mir von ihrem zu Hause."
Blaze hebt den Kopf und blickt ein wenig skeptisch auf das Verständnis was ihm entgegen gebracht wird ehe er sich auf die Frage konzentriert. Sie meint seinen Knast? Die Frage kennt er. "Ich, mein Vater, seine Alte und deren Tochter." Er zuckt die Schultern. "Ich hab mein eigenes Zimmer, mehr brauch ich nicht." Dass das Zimmer bis auf das Bett und eine Komode ausgeräumt wurde, verschweigt er vorerst. Blaze ist sich nicht sicher was die Frau daraus deuten wird.
"Wie ist Ihr Vater?" Ravens Mine bleibt unberührt, obwohl ihr bei der knappen Beschreibung der Familie sofort klar ist, dass es hier jede Menge Gesprächsstoff gibt.
Fast wären ihm entnervt die Gesichtszüge entglitten. Er stülpt gedankenlos die Mütze um, über seine andere Hand. "Beschäftigt." sagt er knapp und muss sich hüten noch mehr zu erzählen, um nicht in einen unkontrollierbaren Redefluss zu fallen, in dem er alles was ihn an diesem Sim so entsetzlich ankotzt runterrattert... Weil er dann ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber hätte.
"Verstehe,", nickt sein Gegenüber. "Und seine 'Alte'?"
Er zuckt die Schultern. "Hab nicht so viel mit ihr am Hut. Sie kocht halt und putzt." Beth ist mit abstand die angenehmste Freundin seines Vaters bisher. Und wenn sie sich einmischt, dann nicht auf die dominierende Art wie der ganze Rest.
"Wie lange ist sie denn schon mit Ihrem Vater liiert?"
Da muss Blaze erst sichtlich nachrechnen. Wann sind sie zu ihr gezogen? Er hatte sich ihr Auto 'geliehen' da haben sie bereits in Newcrest gewohnt. Und damit ist er mit seinen Freunden aufs Land gefahren um die letzten Tage der Sommerferien zu geniessen. Also... "Irgendwann im Sommer, oder so...? Glaub ich... Mein Vater wechselt seine Ollen öfter als die Unterhosen, da komm ich nich mehr mit." Verdammt! Er beisst sich auf die Zähne.
Wieder zeigt sich dieses kurze Schmunzeln im Gesicht der Therapeutin, bevor sie wieder ernst wird. "Was ist denn mit Ihrer Mutter?"
"Tot." antwortet Blaze und weicht dem Blick diesmal aus.
Der Blick der Rothaarigen haftet auf dem Schüler. "Wie alt waren Sie, als sie starb?"
Okay... das wird jetzt unangenehm. Die meisten belassen es dabei wenn er sagt sie sei gestorben. Weil die meisten es selbst nicht aushalten in Wunden zu bohren, vor allem nicht in solchen die sie nicht wirklich nachvollziehen können. Blaze schaut auf die Mütze in den Händen und dreht sie wieder auf rechts. "Sieben." antwortet er ohne aufzusehen.
"Das ist ein schlimmer Verlust.", nickt die Frau, ihn noch immer anschauend. "Es tut mir aufrichtig leid. Auch, dass Sie scheinbar niemanden hatten, der Ihnen bei der Verarbeitung geholfen hat. Können Sie sich noch gut an sie erinnern?"
In seinem Schreibtisch lag ein altes Foto. Das war alles was er von ihr hatte als er zu seinem Vater kam. Auch wenn er es so gut wie nie angesehen hat, weiss er genau wie sie darauf aussieht. Der Schreibtisch ist jetzt weg und sein ganzer Inhalt auch. Das wird im grade erst bewusst und Blaze knüllt die Mütze.
"Ja. Wir haben in einer Wohnung über einem Kino gewohnt. Eine Freundin von ihr war öfter zu besuch wenn sie Arbeiten musste." Die Erinnerungen sind da, aber manchmal hat er das Gefühl, dass sie sich verändert haben. "Sie hat sich bemüht..." Blaze stockt und schluckt, was ihm schwer fällt und fast schon schmerzhaft ist. Er räuspert sich und fährt kontrolliert fort, "Also sie war zwar oft weg aber hat immer Zeit mit mir verbracht wenn sie konnte."
Raven schenkt ihm ein tröstendes Lächeln und schweigt einen Moment. Sie lässt seine letzten Worte im Raum stehen und gibt dem Schüler eine Minute, sich zu fassen.
"Herr Blaisdell, Sie wissen, ich soll eine Beurteilung erstellen. Es geht dabei um nichts Geringeres als Ihre Zukunft. Ich möchte, dass Sie ganz ehrlich in sich hinein horchen - wenn Sie einen Schüler mit einer Akte hätten, die Ihrer eigenen gleicht, würden Sie ihm eine weitere Chance geben? Und bevor Sie antworten - überlegen Sie auch, warum Ihr Urteil für oder gegen ihn ausfallen würde."
Grade als er auf den Geschmack kam, über seine Mutter zu sprechen, holt ihn die Realität wieder ein. Die dämliche Schule. Die Mütze wird nicht mehr malträtiert sondern liegt flach auf seinem linken Bein. Während er darüber nachdenkt was er antwortet, knackt er mit den Gelenken in seinen Fingern. Käme ihm ein Typ unter, der seine Schule rot färbt, das Parkett mit Schaum aufweicht und die Autos seiner Kollegen zerkratzt... als spießiger Erwachsener, würde er sagen, sicher nicht. Ihm ist schon klar, dass sie nur das Resultat sehen und nicht das was sie eigentlich sehen sollten. Auch wenn er nicht weiss was genau dieses 'eigentlich' ist.
"Nein. Weil Typen wie er sind nicht gut genug und werden es auch nie sein. Was bedeutet das er weiter machen wird, egal wer was sagt. Weil keiner versteht..." Blaze sieht die Psychologin jetzt an und rutscht ein klein wenig auf dem Sessel vor. "Hören Sie, ich will nicht von der Schule fliegen, ich weiss dass das nicht gut aussieht. Ich hab's zu weit getrieben, Okay... Ich hab die Grenze gesehen, ich hab meine Neugier gestillt." Die vorher noch unruhig knetenden Hände sind jetzt gefaltet. "Ich mach die verdammte Strafarbeit den Winter über, versprochen. Aber wenn Sie denen sagen, sie sollen mich kicken, dann..." bin ich für meinen Vater gestorben. Urgh... Diese paradoxen Gefühle sind anstrengend. Blaze weiss nicht wie er weiterfahren soll. Das kann er nicht laut aussprechen, das geht nicht. Nicht so. Blaze schließt die Lippen und richtet sich wieder auf. Er wirkt als hätte er seine Sprache verloren und wäre nicht mal erstaunt darüber.
Aufmerksam lauscht die Therapeutin den Worten. Nachdem der Patient nicht weiter spricht, richtet auch sie sich in ihrem Sessel. "Jetzt sind wir auf Augenhöhe.", sagt sie zufrieden. "Ich wünsche mir - und Ihnen - dass es dabei bleibt."
Sie nimmt den Stift wieder zur Hand und schreibt einige Zeilen.
"Ich werde Ihnen Ihre Zukunft nicht verbauen.", sagt sie dann. "Aber ich werde eine Therapie als Maßnahme empfehlen. Ich glaube nicht an Bestrafungen. Meiner Meinung nach, kann sich jeder zum Besseren wandeln, wenn er die richtige Unterstützung bekommt. Wenn Sie dazu bereit sind, können wir gern weitere Termine machen oder ich gebe Ihnen Kontakte zu Kollegen, wenn Sie das wünschen. Es versteht sich von selbst, dass Sie diesen Schritt freiwillig tun müssen. Denken Sie darüber nach." Einen Moment sieht sie den Schüler ernst, aber freundlich an, bevor sie sich erhebt und ihm die Hand reicht.
Automatisch steht Blaze mit ihr auf und ergreift die Hand. Er sieht Frau Darkholme an und sein inneres ist aufgewühlt. Nach außen wirkt er auf den ersten Blick neutral auch wenn diverse Mikroexpressionen wahrscheinlich offenbaren, dass er alles andere als ruhig ist. "Ok." antwortet er, obwohl er sich sicher ist wie seine Antwort jetzt lauten würde. "Danke.." Dieses Verabschiedungsritual treibt seinen Fluchtinstinkt an und er geht zur Tür. Er greift die Klinke, hält bedeutungsvoll inne und verschwindet aus der Praxis ohne sich umzudrehen.
Mit einer erhobenen Augenbraue schaut sie dem Jungen hinterher. Es ist beinahe ermüdend, wie viele Sims in einem Klischee leben. Aber den jungen Blaisdell würde sie dennoch gern als Patienten aufnehmen. Er ist ihr sympatisch, trägt er doch einige Züge in sich, die sie an sich selbst erinnern. Mit einem kühlen Schmunzeln denkt sie an die Flucht von ihrem Heimatplaneten - nur weil sie gegen die Obrigkeit rebelliert hatte. Den Gedanken fortwischend setzt sie sich an ihren Schreibtisch und öffnt die Akte Blaisdell. Ja, der Junge wäre ein guter Patient. Er ist nicht besonders schwer zu knacken. Ein bisschen Lächeln hier, ein wenig Verständnis dort und schon knetet er aufgewühlt an seiner Mütze. Ganz nebenbei täte er ihrem Ruf sicherlich gut - beinahe von der Schule verwiesen, findet er durch ihre therapeutische Unterstüzung doch noch den Weg zu sich selbst. Sein Vater würde sich mit aller Wahrscheinlichkeit einen hohen Stundensatz leisten, damit ihm die Schande eines Versagers als Sohn erspart bliebe.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Bengel ihrem Rat folgt.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )
Charaktere: Blaze / Raven
Geschichtsstrang: Blaze beim Psychologen
Genervt kickt Blaze einen Stein vor sich her während er zu Fuss nach Willow Creek geht. Wenigstens den Bus könnte sein alter Herr ihm spendieren, wenn er schon sein BMX verscherbelt. Einfach unfassbar. Eine Hand in der Tasche, den Blick auf die Strasse, in der anderen Hand eine Kippe, blickt er irgendwann bei einem Wohnhaus auf, zieht das Handy aus der Tasche und schaut auf das aktive Navi. Sie haben ihr Ziel erreicht. Das Ziel befindet sich auf der linken Seite. Er betrachtet das Wohnhaus bis er einen weiteren Eingang entdeckt der darauf hindeutet, dass dort der Eingang zur Praxis ist. Ein wenig nervös macht ihn das jetzt. Die Worte seines Vater hallen in seinem Kopf wie ein Echo in einer tiefen düsteren Höhle. ...wenn du mit 35 von einer Autobahnbrücke springst, weil du so ein Versager... Irgendwo leuchtet ihm das ein, dass wenn irgendwo auf seiner Bewerbung steht er sei von der Schule geflogen, es keinen besonders guten Eindruck hinterlässt. Ganz anders wäre es, wenn er selbst entscheidet zu gehen. Da ist er sich ziemlich sicher. Er zieht ein letztes mal an der Kippe und schnippt den Stummel auf die Strasse. Er legt die Hand an die Tür, stößt den letzten Rauch aus und drückt sie auf um einzutreten.
Es riecht steril. Nicht zuletzt weil alles recht neu wirkt. Die Wände wirken, als wären sie neu gestrichen und Blaze glaub die Farbe riechen zu können. Sofort vermisst er seine Spraydosen. Im Wartebereich nimmt er auf einem Stuhl platz. Die neusten Ausgaben von irgendwelchen Gesundheitsmagazinen und Broschüren für diverse Aktivitäten und Programme liegen bereit, die er aber nicht anrührt. Er legt den rechten Fuss aufs linke Knie, lehnt sich tief in den Sessel zurück und tippt auf dem Handy rum.
Die Uhr schlägt zur vollen Stunde, als sich eine Tür öffnet. Eine freundlich blickende, blauhäutige Frau lächelt dem Schüler auffordernd entgegen.
"Blaisdell, bitte." Sie tritt einen Schritt zur Seite, um den Weg ins Behandlungszimmer frei zu geben.
Blaze schaut auf und bleibt eine Sekunde sitzen. Die blaue Farbe irritiert ihn und gleich darauf die Gesichtsform und die Augen. Dabei ist das nicht das erste Alien was er sieht. Da gibts doch diesen neuen Schüler, Ko...K...Ku...irgendwas. Er geht mit einer Vampirin, also was wundert er sich eigentlich noch. Er steht auf steckt das Handy in die Tasche und tritt vor ihr durch die geöffnete Tür.
Sie bietet ihm mit einer Geste einen der zwei Sessel und setzt sich in den anderen. Einen Moment betrachtet sie ihren neuen Patienten, bevor sie die Sitzung einleitet:
"Ich bin Dr. Darkohlme und ich freue mich, dass Sie es her geschafft haben." Das Klemmbrett, das sie in ihrer Hand hält, legt sie auf dem Schoß ab. "Wir wissen beide, warum Sie hier sind. Aber ich würde gern erfahren, wie es dazu kam. Aus Ihrer ganz persönlichen Sicht. Was können Sie mir dazu erzählen?"
Der Teenager setzt sich aufrecht hin, beide Füsse auf den Boden, streift die Mütze ab und mustert die Psychologin zurück während sie ihn ansieht. Jetzt kommt es auf die guten alten Blaisdell-Manieren an und er wird sich ganz genau überlegen was er sagt. Er kennt Gespräche wie diese, aber diesmal ist er älter und er muss auf mehr Dinge achten.
Er ist hier weil die Schule, Unruhestiftern wie ihm kein Abschlusszeugnis aushändigen will. Er denkt nach, dann sagt er: "Es war Halloween und das ist die Nacht der Streiche." Er muss sich ein wenig zwingen nicht die Arme zu verschränken und in seine übliche abwehrende Haltung zu fallen. Also hebt er die Schultern. "Hat wohl nicht den Humor von allen getroffen...."
Die Rothaarige zuckt schmunzelnd mit einer Augenbraue und nickt langsam. "Ich hörte, Sie haben ein Blutbad angerichtet. Und einige Ihrer Mitschüler schwer verstört."
Ein Blutbad. Blaze rollte die Oberlippe ein und verkneift sich ein Grinsen. "Haben Sie nie den Film Carrie gesehen? Das ist ein Klassiker." Sein Gesichtsausdruck wird wieder neutral. Wen soll er denn mit Farbe verstört haben? "Mein Gedanke dahinter war ein... Kult-Akt." Oder so.
Natürlich kennt die Therapeutin den Film. Sie hat ihn in ihrer Jugend ein Dutzend mal gesehen. Doch als Profi darf sie sich nicht anmerken lassen, dass sie den Streich gelungen findet. Immerhin hat der Schüler für Chaos gesorgt und das Eigentum der Schule missachtet. Sie notiert sich etwas auf ihrem Papier und beobachtet die Körperhaltung ihres Gegenüber. Er wirkt durchaus beherrscht. Der Junge ist nicht dumm und natürlich verhält er sich so, wie es ihm vorteilhaft erscheint.
"Das ist nicht das erste Mal, dass Sie aufgefallen sind, wenn ich Ihrer Akte glauben darf. Was für Gedanken hatten Sie bei den anderen Aktionen?"
Welche von den Tausend? Blaze atmet ein. Wie viel kann er erzählen? Reicht es, wenn alles irgendwo einen nachvollziehbaren Grund hat? Gibt es überhaupt einen nachvollziehbaren Grund? Laut seinem Vater und den meisten Lehrern nicht. Mal sehen. Die Sprinkleranlage die Schaum gespuckt hat und die die ganze Veranstaltung zu einer Rutschpartie verwandelt hat.... "Die Schaumparty bei der Schulveranstaltung davor war auch nich' böse gemeint. Andere Leute bezahlen um auf solche Partys zu können." Betonung auf auch. Er sieht Frau Darkholme an und lächelt ein wenig. "Und das zerkratze Auto von Madame Fouchè war Rache." ergänzt er prompt und ehrlich. "Wir hatten die alte Karre mit abwaschbarer Farbe besprüht, es war ein Kunstwerk. Und der alte Konrektor hat uns gezwungen es zu waschen." In Blaze Akte steht bestimmt, dass das einzige Fach in dem er nicht komplett versagt, sondern im Gegenteil besonders herausragt, der Kunstunterricht ist. Alles mit Farben, Bleistiften, Pinseln und vor allem Spraydosen. Das Auto und die 'Kunst' auf dem Auto waren ihm total egal, es war einfach nur der Konrektor Proshinsky den er gehasst hat. "Das war nich' fair. Und wir waren sauer." Blaze glaubt nicht, das so alte Geschichten ihm noch was anhaben können.
Wieder notiert die Therapeutin etwas. Mit dem Blick auf dem Papier sagt sie fast beiläufig: "Sie interessieren sich für alte Filme - kennen Sie Michel aus Lönneberg?"
Das kam unerwarteter als Gedacht. Blaze steckt eine Hand in die Mütze die er vor sich auf dem Schoss hat und achtet kurz nur auf das Klemmbrett. "Sagt mir nichts." Blaze schaut Filme wenn er nicht auf Achse ist und das ist nur der Fall, wenn er Hausarrest hat. Kommt zwar oft genug vor, reicht aber nicht um jeden Klassiker zu kennen. Falls es denn einer ist..
Die Blauhäutige sieht auf. "Da geht es um einen Jungen in einem kleinen Dorf. Er hat stets die besten Absichten, doch alles, was er tut, endet in einer Katastroophe. Meist leiden andere darunter und er selbst wird bestraft. Seiner Meinung nach natürlich völlig ungerechtfertigt." Sie lässt den Stift auf das Paier sinken und lehnt sich im Sessel zurück. "Ich kann nicht abstreiten, dass ich hier Paralleen erkenne. Allerdings war der Junge ein Kind und wusste es nicht besser. Sie sind kein Kind mehr. Und ich habe nicht den Eindruck, dass Sie unbedacht handeln."
Er wusste das Alter wird Nachteile haben. Mist. Na schön, ruhigbleiben, nachdenken. "Geht mir nich' drum den Leuten zu helfen. Wenn meine Freunde drüber lachen ist das nur ein netter Nebeneffekt. Ich will im Gedächtnis bleiben." Das ist wahrer als er zugeben würde. Das klang in seinem Kopf viel kryptischer. Nach dem ers von sich laut gehört hat, bereut ers fast.
"Das ist ein ganz normaler Antrieb." Ein flüchtiges Lächeln umspielt das Gesicht der Rothaarigen. "Erzählen Sie mir von ihrem zu Hause."
Blaze hebt den Kopf und blickt ein wenig skeptisch auf das Verständnis was ihm entgegen gebracht wird ehe er sich auf die Frage konzentriert. Sie meint seinen Knast? Die Frage kennt er. "Ich, mein Vater, seine Alte und deren Tochter." Er zuckt die Schultern. "Ich hab mein eigenes Zimmer, mehr brauch ich nicht." Dass das Zimmer bis auf das Bett und eine Komode ausgeräumt wurde, verschweigt er vorerst. Blaze ist sich nicht sicher was die Frau daraus deuten wird.
"Wie ist Ihr Vater?" Ravens Mine bleibt unberührt, obwohl ihr bei der knappen Beschreibung der Familie sofort klar ist, dass es hier jede Menge Gesprächsstoff gibt.
Fast wären ihm entnervt die Gesichtszüge entglitten. Er stülpt gedankenlos die Mütze um, über seine andere Hand. "Beschäftigt." sagt er knapp und muss sich hüten noch mehr zu erzählen, um nicht in einen unkontrollierbaren Redefluss zu fallen, in dem er alles was ihn an diesem Sim so entsetzlich ankotzt runterrattert... Weil er dann ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber hätte.
"Verstehe,", nickt sein Gegenüber. "Und seine 'Alte'?"
Er zuckt die Schultern. "Hab nicht so viel mit ihr am Hut. Sie kocht halt und putzt." Beth ist mit abstand die angenehmste Freundin seines Vaters bisher. Und wenn sie sich einmischt, dann nicht auf die dominierende Art wie der ganze Rest.
"Wie lange ist sie denn schon mit Ihrem Vater liiert?"
Da muss Blaze erst sichtlich nachrechnen. Wann sind sie zu ihr gezogen? Er hatte sich ihr Auto 'geliehen' da haben sie bereits in Newcrest gewohnt. Und damit ist er mit seinen Freunden aufs Land gefahren um die letzten Tage der Sommerferien zu geniessen. Also... "Irgendwann im Sommer, oder so...? Glaub ich... Mein Vater wechselt seine Ollen öfter als die Unterhosen, da komm ich nich mehr mit." Verdammt! Er beisst sich auf die Zähne.
Wieder zeigt sich dieses kurze Schmunzeln im Gesicht der Therapeutin, bevor sie wieder ernst wird. "Was ist denn mit Ihrer Mutter?"
"Tot." antwortet Blaze und weicht dem Blick diesmal aus.
Der Blick der Rothaarigen haftet auf dem Schüler. "Wie alt waren Sie, als sie starb?"
Okay... das wird jetzt unangenehm. Die meisten belassen es dabei wenn er sagt sie sei gestorben. Weil die meisten es selbst nicht aushalten in Wunden zu bohren, vor allem nicht in solchen die sie nicht wirklich nachvollziehen können. Blaze schaut auf die Mütze in den Händen und dreht sie wieder auf rechts. "Sieben." antwortet er ohne aufzusehen.
"Das ist ein schlimmer Verlust.", nickt die Frau, ihn noch immer anschauend. "Es tut mir aufrichtig leid. Auch, dass Sie scheinbar niemanden hatten, der Ihnen bei der Verarbeitung geholfen hat. Können Sie sich noch gut an sie erinnern?"
In seinem Schreibtisch lag ein altes Foto. Das war alles was er von ihr hatte als er zu seinem Vater kam. Auch wenn er es so gut wie nie angesehen hat, weiss er genau wie sie darauf aussieht. Der Schreibtisch ist jetzt weg und sein ganzer Inhalt auch. Das wird im grade erst bewusst und Blaze knüllt die Mütze.
"Ja. Wir haben in einer Wohnung über einem Kino gewohnt. Eine Freundin von ihr war öfter zu besuch wenn sie Arbeiten musste." Die Erinnerungen sind da, aber manchmal hat er das Gefühl, dass sie sich verändert haben. "Sie hat sich bemüht..." Blaze stockt und schluckt, was ihm schwer fällt und fast schon schmerzhaft ist. Er räuspert sich und fährt kontrolliert fort, "Also sie war zwar oft weg aber hat immer Zeit mit mir verbracht wenn sie konnte."
Raven schenkt ihm ein tröstendes Lächeln und schweigt einen Moment. Sie lässt seine letzten Worte im Raum stehen und gibt dem Schüler eine Minute, sich zu fassen.
"Herr Blaisdell, Sie wissen, ich soll eine Beurteilung erstellen. Es geht dabei um nichts Geringeres als Ihre Zukunft. Ich möchte, dass Sie ganz ehrlich in sich hinein horchen - wenn Sie einen Schüler mit einer Akte hätten, die Ihrer eigenen gleicht, würden Sie ihm eine weitere Chance geben? Und bevor Sie antworten - überlegen Sie auch, warum Ihr Urteil für oder gegen ihn ausfallen würde."
Grade als er auf den Geschmack kam, über seine Mutter zu sprechen, holt ihn die Realität wieder ein. Die dämliche Schule. Die Mütze wird nicht mehr malträtiert sondern liegt flach auf seinem linken Bein. Während er darüber nachdenkt was er antwortet, knackt er mit den Gelenken in seinen Fingern. Käme ihm ein Typ unter, der seine Schule rot färbt, das Parkett mit Schaum aufweicht und die Autos seiner Kollegen zerkratzt... als spießiger Erwachsener, würde er sagen, sicher nicht. Ihm ist schon klar, dass sie nur das Resultat sehen und nicht das was sie eigentlich sehen sollten. Auch wenn er nicht weiss was genau dieses 'eigentlich' ist.
"Nein. Weil Typen wie er sind nicht gut genug und werden es auch nie sein. Was bedeutet das er weiter machen wird, egal wer was sagt. Weil keiner versteht..." Blaze sieht die Psychologin jetzt an und rutscht ein klein wenig auf dem Sessel vor. "Hören Sie, ich will nicht von der Schule fliegen, ich weiss dass das nicht gut aussieht. Ich hab's zu weit getrieben, Okay... Ich hab die Grenze gesehen, ich hab meine Neugier gestillt." Die vorher noch unruhig knetenden Hände sind jetzt gefaltet. "Ich mach die verdammte Strafarbeit den Winter über, versprochen. Aber wenn Sie denen sagen, sie sollen mich kicken, dann..." bin ich für meinen Vater gestorben. Urgh... Diese paradoxen Gefühle sind anstrengend. Blaze weiss nicht wie er weiterfahren soll. Das kann er nicht laut aussprechen, das geht nicht. Nicht so. Blaze schließt die Lippen und richtet sich wieder auf. Er wirkt als hätte er seine Sprache verloren und wäre nicht mal erstaunt darüber.
Aufmerksam lauscht die Therapeutin den Worten. Nachdem der Patient nicht weiter spricht, richtet auch sie sich in ihrem Sessel. "Jetzt sind wir auf Augenhöhe.", sagt sie zufrieden. "Ich wünsche mir - und Ihnen - dass es dabei bleibt."
Sie nimmt den Stift wieder zur Hand und schreibt einige Zeilen.
"Ich werde Ihnen Ihre Zukunft nicht verbauen.", sagt sie dann. "Aber ich werde eine Therapie als Maßnahme empfehlen. Ich glaube nicht an Bestrafungen. Meiner Meinung nach, kann sich jeder zum Besseren wandeln, wenn er die richtige Unterstützung bekommt. Wenn Sie dazu bereit sind, können wir gern weitere Termine machen oder ich gebe Ihnen Kontakte zu Kollegen, wenn Sie das wünschen. Es versteht sich von selbst, dass Sie diesen Schritt freiwillig tun müssen. Denken Sie darüber nach." Einen Moment sieht sie den Schüler ernst, aber freundlich an, bevor sie sich erhebt und ihm die Hand reicht.
Automatisch steht Blaze mit ihr auf und ergreift die Hand. Er sieht Frau Darkholme an und sein inneres ist aufgewühlt. Nach außen wirkt er auf den ersten Blick neutral auch wenn diverse Mikroexpressionen wahrscheinlich offenbaren, dass er alles andere als ruhig ist. "Ok." antwortet er, obwohl er sich sicher ist wie seine Antwort jetzt lauten würde. "Danke.." Dieses Verabschiedungsritual treibt seinen Fluchtinstinkt an und er geht zur Tür. Er greift die Klinke, hält bedeutungsvoll inne und verschwindet aus der Praxis ohne sich umzudrehen.
Mit einer erhobenen Augenbraue schaut sie dem Jungen hinterher. Es ist beinahe ermüdend, wie viele Sims in einem Klischee leben. Aber den jungen Blaisdell würde sie dennoch gern als Patienten aufnehmen. Er ist ihr sympatisch, trägt er doch einige Züge in sich, die sie an sich selbst erinnern. Mit einem kühlen Schmunzeln denkt sie an die Flucht von ihrem Heimatplaneten - nur weil sie gegen die Obrigkeit rebelliert hatte. Den Gedanken fortwischend setzt sie sich an ihren Schreibtisch und öffnt die Akte Blaisdell. Ja, der Junge wäre ein guter Patient. Er ist nicht besonders schwer zu knacken. Ein bisschen Lächeln hier, ein wenig Verständnis dort und schon knetet er aufgewühlt an seiner Mütze. Ganz nebenbei täte er ihrem Ruf sicherlich gut - beinahe von der Schule verwiesen, findet er durch ihre therapeutische Unterstüzung doch noch den Weg zu sich selbst. Sein Vater würde sich mit aller Wahrscheinlichkeit einen hohen Stundensatz leisten, damit ihm die Schande eines Versagers als Sohn erspart bliebe.
Bleibt nur noch zu hoffen, dass der Bengel ihrem Rat folgt.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )