Forum Discussion
2 years ago
Ort: Willow Creen - Haus Komarowy
Charaktere: Artjom / Anastasia
Geschichtsstrang: Es gibt nur eine richtige Meinung II
*Triggerwarnung*
Ein paar Stunden später...
Nach einem Spaziergang im Park, er mag die frische, kühle Winterluft am liebsten, kehrt Iwan zurück nach Hause. Manchmal braucht er diese kleinen Ausflüge ins Freie, einfach um wieder klar zu denken. Eine kleine Auszeit vom Lesen vor dem Computer und vom Schreiben.
Als er in den offenen Flur tritt, beobachten ihn die Hunde aufmerksam. Er wirft einen Blick ins Wohnzimmer, registriert,dass die Badezimmertür einen Spalt offen steht und niemand drin ist und auch in seinem Arbeitszimmer ist niemand. Wo sind alle? Hat er wieder Termine vergessen die seine Familie grade wahrnimmt? Iwan steigt die Treppe hinauf und ihm bietet sich ein Bild, was er so noch nicht gesehen hat. Sein Sohn sitzt vor der geschlossenen Tür des Elternschlafzimmers. Mit dem Rücken dagegen gelehnt und seine Lippen bewegen sich als würde er Selbstgespräche führen. Er kann von ihnen grade noch ein "...komm schon..." ablesen. Artjoms Haltung und der Blick sind nahe der Resignation. Der an die Tür gelehnte Kopf hebt sich als er Iwan herkommen sieht
Mit besorgter Miene gebärdet er seinem Sohn: "Was ist los?"
Artjom seufzt mit einer Mischung aus Genervtheit und Ratlosigkeit bevor er die Hände bewegt und stumm antwortet: "Sie hat sich eingeschlossen."
"Warum?"
Artjom schweigt.
Für Iwan ist eine der schwierigsten Situationen und leider ist sie ihm bereits bekannt. Doch die Tür die Anastasia von ihm trennt, schneidet auch jegliche Kommunikation mit ihr ab.
Das Herz tut ihr weh in der Brust. Anastasia liegt auf dem Rücken auf dem Bett und starrt an die Decke, die Arme vor der Brust über Kreuz, die lauten Worte und das Klopfen vor der Türe ignorierend. Ihr einziger Sohn begegnet ihren Bemühungen mit Widerwillen, Verachtung und Ignoranz. Nicht zu fassen. Ihre Gedanken schweifen in ihre eigene Kindheit und Jugend zurück. Sie musste zusammen mit ihren zwei Brüdern zuhause viel arbeiten. Die Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb und es gab immer genug zu tun. Sie war sich für keine Arbeit zu schade und tat was von ihr erwartet wurde. Im Gegenzug sparten die Eltern nach Kräften und ermöglichten ihren Kindern eine gute, solide Ausbildung. Sie sieht ihren Vater vor sich, streng aber ein Mann mit Herz, was man von ihrer Mutter nicht behaupten konnte. Anastasia war die jüngste und Papas Augenstern, das war wohl zu viel für ihre Mutter.
Das Bild eines Polstersessels mit hohen Lehnen und 'Ohren' steigt hinter ihren geschlossenen Augen auf. Kopfteil und Sitzfläche sind mit einem schönen Tuch abgedeckt, damit sich die Polster nicht abnutzen.
„Setz dich doch, Nelly.“ Ihre Mutter zeigt einladend auf das geheiligte Möbelstück, eine Tasse Kakao in der Hand haltend und lächelt ihre Freundin an.
Anastasias Gesicht ist versteinert und in ihrer Brust klopft das Herz schmerzerfüllt. Sie selbst durfte noch nie darin sitzen..NIE. Der Sessel ist Gästen vorbehalten..die mehr wert sind, als die eigene Tochter. Das ist jedenfalls das Gefühl was in ihrer Brust tobt, während sie beobachtet wie Nelly zurücklächelnd den Kakao entgegen nimmt.
Bequem angelehnt schlürft sie davon und fragt Anastasia:“Wollen wir danach raus gehen zum spielen?“ - Nein, weil ich dich hasse, und den beschissenen Sessel auch und meine Mutter..und DIE GANZE WELT!! „Klar.“ Sie ringt sich ein Lächeln ab und trinkt ebenfalls einen Schluck Kakao. Ihre Füße wickeln sich um die Beine des Holzstuhls auf dem sie sitzt.
„Natürlich geht ihr draußen spielen, die Sonne scheint.“
Sie schielt zu ihrer Mutter.Ihr Lieblingssatz, wenn sie Anastasia raus schickt, obwohl sie gerade mit irgend etwas Spannendem beschäftigt ist. Puzzel zum Beispiel, oder Bücher.
Seufzend öffnet sie die Lider.
NIEMALS wäre ihr in den Sinn gekommen, sich gegen die Pläne ihres Vaters aufzulehnen. Schließlich war es sein verdientes Geld, was ihr eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten ermöglichte. Studieren wollte sie danach, aber dann kam Iwan und ...die Schwangerschaft. Sie regt sich kurz, wickelt ihre Füße enger in die Decke, bleibt aber in der gleichen Stellung liegen.
Und Artjom? Ihm hat es nie an irgendetwas gemangelt. Sie hat ihn verwöhnt, ihm manchen Wunsch von den Augen abgelesen und immer gewusst, dass aus ihrem Sohn einmal etwas Besonderes werden wird. Er lernt genauso leicht wie sie selbst, ist intelligent und hat brillante Ideen, wie sie in diversen Gesprächen schon feststellen konnte. Trotz seiner Eskapaden hat sie ihm diese Chance aufgetan und er tritt sie mit Füßen und damit auch ihre Mutterliebe und sein Elternhaus. Ist ja nicht so, dass Iwan nicht seinen Beitrag dafür leistet, dass genug Geld für Artjoms Zukunft vorhanden ist. Sie selbst hat vor ein paar Jahren eine ansehnliche Summe von einer Tante geerbt, das aber für sich behalten und gewinnbringend angelegt. Zukunftsgeld für Artjom und die gehobenen Schulen, die er bisher besucht hat. Sie wird den Teufel tun und seinen pubertären Launen nachgeben. Wenn sie auch nicht verhindern kann, dass er mit irgendwelchen Mädchen schläft, seine Zukunft zu ruinieren, DAS wird sie zu verhindern wissen. Sie unterdrückt die aufkommenden Tränen, presst die Lippen aufeinander und rollt sich, die Decke über die Ohren ziehend, in Embryonalstellung auf die linke Seite.
Statt seinem Vater zu antworten, klopft Artjom wieder hinter sich an die Tür. Es ist mehr eine nebensächliche Geste, "Dad ist da. Mach die Tür auf.." sagt er lustlos. Iwan kommt näher. Er bewegt die Hände stumm; "Was ist passiert?" Artjom schaut ihn an, dann kocht er wieder, hektisch antwortet er. "Ich will kein verdammtes Jurastudium machen und jetzt ist sie sauer." Iwans Lippen werden bedauernd schmaler als er seinem Sohn weiter zusieht wie er gestikuliert; "Ich will selbst entscheiden was ich später mache. Ist das so unvorstellbar!?"
"Sie möchte dass du dein Potential nutzt." entgegnet Iwan. Artjom starrt ihn an, dann rollt er mit den Augen und sieht weg. Er weiss, das weg sehen unhöflich ist. Es ist als würde man einen Sprechenden ignorieren und Iwan kann nicht auf sich Aufmerksam machen außer wieder in das Blickfeld zu treten oder sein Gegenüber zu berühren. Aber Artjom hat keine Lust auf Anastasia 2.0, sein Vater muss ihm nicht nochmal alles vorkauen. Er weiss was seine Mutter will und warum, aber fair ist es trotzdem nicht.
Als Iwan sich vor ihm hinhockt und Artjoms Bein antippt, wendet er ihm wieder den Blick zu.
"Wie lange glaubst du bleibt sie da drin?" fragt der Vater und Artjom hebt die Schultern. Die Frage will nicht mit einer Zeitangabe beantwortet werden, sondern ihn daran erinnern was beim letzten Mal passiert ist.
----
"Sag ihr, dass alles gut ist und wir darüber reden können." gestikuliert Iwan zu seinem acht jährigen Sohn, weil er anders nicht zu seiner Frau sprechen kann. Die Tür ist verriegelt und er sieht wie das Kind die Lippen bewegt und dann das Ohr an die Tür hält. Iwan wartet, bis Artjom die Schultern hebt. Artjom ist traurig, er hat seine Mutter jetzt schon drei Tage nicht gesehen weil sie nicht aus dem Zimmer kommt. Sein Vater schläft auf der Couch und er muss für ihn sein Sprachrohr sein. Er musste ihr schon sagen, dass sein Vater sie liebt und alles gut wird. Das es für alles eine Lösung gibt. Dinge die Artjom sonst von seinen Eltern zu hören kriegt und nicht umgekehrt. Er musste ihr von Iwan ausrichten, dass sie etwas essen muss und vor allem trinken und das es schwierig ist mit ihr zu reden. Artjom hat nur ansatzweise verstanden, dass seine Mutter es darauf anlegt zu verdursten. Aber die Angst war da. Er konnte sie nicht erklären mit 8, aber sie war da und er sah sie in Iwans besorgtem Gesicht. Und das alles nur weil...
Mit unbeweglicher Miene sitzt Anastasia mit ihrem Mann am festlich gedeckten Kaffeetisch. Beide haben sich schick gemacht, das gute Familienporzellan glänzt neben einer prächtig verzierten Torte, die von einer 30 aus Marzipan gekrönt wird. Zwei kleine, liebevoll verpackte Geschenke zieren die Tafel, überragt von einem großen Strauß roter Rosen und flankiert von, mittlerweile schon ein gutes Stück heruntergebrannten, Kerzen. Es ist auf Grund von Iwans Gehörlosigkeit normal, dass Stille herrscht wenn sie allein sind, aber jetzt liegt eine Spannung in der Luft, die minütlich intensiver und auch körperlich spürbar wird. Iwan dreht nervös die Kuchengabel neben seinem Teller hin und her, während er Anastasia einen Blick zu wirft. Dann legt er sie mit einem Seufzen ab. "Er wird jeden Augenblick da sein." gestikuliert er und will nach der Hand seiner Frau greifen, die ihm sofort entzogen wird. Resigniert senkt er den Blick und fragt sich, wo Artjom nur bleibt.
"Tschüss!" winkt Artjom seinem gleichaltrigen Freund vor seinem Haus zu und betritt es. Der Ausflug in die Spielhalle hat Spaß gemacht. Sie haben sooo viele Tickets sammeln müssen, da sie dieses coole, ferngesteuerte Auto im Auge hatten. Das hat gedauert und danach mussten sie es ausprobieren. Jetzt, glücklich, mit dem Auto unter dem Arm kommt er an der Küche vorbei und bleibt stehen als er seine Eltern dort sitzen sieht.
Ruckartig wendet Anastasia den Kopf und mustert kühl ihren Sohn. "Hattest du einen schönen Nachmittag?" fragt sie tonlos, ohne das mit Gesten zu unterstreichen. Iwan ist durchaus in der Lage kurze Sätze von den Lippen zu lesen und ihr fehlt gerade die Geduld für alles.
Artjoms Haltung wird zu der eines Schuldigen, der aber nicht genau weiss warum. Er drückt das Auto fester unter seinem Arm in die Seite und nickt verlegen. Er sieht den Kuchen und die Kerzen. Er hat ihr heute morgen mit einer Umarmung gratuliert. Vergessen konnte er ihren Geburtstag gar nicht, weil sie ihn die letzten Tage ständig erwähnt hat. Was hat er also falsch gemacht?
"Wohl schöner, als die Geburtstagsfeier mit deiner Mutter, scheint mir. Vergessen, dass wir gesagt hatten um drei hier im Kreis der Familie?" Diesmal gestikuliert sie heftig und erhebt sich dabei unwirsch. Damit ist ihr Stellenwert in Artjoms Welt wohl klar definiert. Sie wirft Iwan noch einen beredten Blick zu, eilt vom Tisch und stoppt noch kurz bei ihrem Sohn. "Dass dir dieser Tag so egal ist, tut mir sehr, sehr weh. Das werde ich nicht vergessen." sagt sie mit todtrauriger Miene. Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, rauscht sie an Artjom vorbei ins Schlafzimmer, schließt demonstrativ leise die Türe und dreht um so geräuschvoller den Schlüssel im Schloss herum.
-------------------
Iwan gestikuliert Artjom was er am besten sagen könnte aber dieser sieht ihm nicht zu, unterbricht ihn in seiner Nachdenklichkeit, in dem er aufsteht und die Türklinke mit der Hand umschließt. Wenn er daran denkt, wie es war als sie sich drei volle Tage eingeschlossen hatte... und an die Angst, als Iwan die Tür eingetreten hatte und an den Schrecken als seine Mom so unfassbar krank ausgesehen hat weil sie weder gegessen noch genug getrunken hatte... Dicht an der Tür, die Stirn an der Täfelung sagt er, "Mom es tut mir Leid. Ich weiss du willst nur das Beste für mich. Bitte komm raus. Ich werd da arbeiten im Sommer, ok?" die Worte schmecken wie widergekäute Galle, aber Artjom gibt sich Mühe aufrichtig zu klingen.
Obwohl sie die Worte vernimmt, verharrt Anastasia zunächst regungslos. So einfach wird sie es ihm nicht machen.Warum enttäuscht er sie immer wieder so? Es hatte sie mit Freude und Stolz erfüllt, als sie die Zusage für das Praktikum für ihn erhalten hatte. Sein Einlenken jetzt hat einen schalen Beigeschmack. Die Decke zum Kinn ziehend sagt sie gerade so laut, dass er es draußen hören kann. “Du kannst schon gehen, ich komm später raus um mit Iwan Abend zu essen.“
Autsch. Artjom richtet sich auf und sieht seinen Vater im Augenwinkel fragen was sie gesagt hat. Er weiss nicht ob er ihr das glauben kann. Außerdem macht es ihn schon wieder wütend, wie sie ihn aussen vor lässt. Er spürt Iwans Hand auf der Schulter der bemerkt wie sein Sohn schneller zu Atmen beginnt. "Was meint sie?" fragt er erneut. Artjom wendet sich ihm zu, er gestikuliert und sagt dazu laut und provokant, damit seine Mutter es hören kann, "Sie sagt, das sie nie wieder hier raus kommen wird und du nochmal die Tür eintreten musst, wenn wir wollen dass das endet. Und dass es ihr egal ist was die Reparatur diesmal kostet."
Es dauert nur ein paar Sekunden, bis die Tür aufgerissen wird und Anastasia ihrem Sohn eine schallende Ohrfeige gibt. "Du wagst es!? Du nutzt die Behinderung deines Vaters für deine schmutzigen Spielchen!?" schreit sie ihn an, dabei wild in Gebärdensprache gestikulierend.
Ihre Augen funkeln und die Mimik wirkt bedrohlich. "Was für ein abscheulicher Lügner und Egoist du bist! Du wirst dich sofort dafür entschuldigen! SOFORT!" Es juckt sie in der Hand auch diesen Satz noch tätlich zu unterstreichen, aber sie beherrscht sich, klappt nur die Handfläche auf und zu und presst die Kiefer zusammen.
Das kam so unerwartet wie schmerzhaft. Verdammt schmerzhaft. "Fuck!" ruft Artjom, hält sich mit einer Hand die Wange und mit der anderen am Geländer fest, zu dem er zurück getorkelt ist. Das brennt wie die Hölle!
Wie ein geschlagener Hund sieht er zu seinen Eltern und ihm steigen ungewollt Tränen in die Augen. Einerseits aus Schmerz und weil... sie hat ihn grade zum allerersten Mal in seinem Leben geschlagen und der Schock darüber ist unbeschreiblich. Hilfesuchend sieht er zu seinem Vater. Er wollte doch nur, dass sie raus kommt. Das helle fitzende Geräusch hallt in seinen Ohren nach, während er sich langsam aufrichtet. Die Wange ist knallrot und dann fällt der erste Tropfen aus den überlaufenden Augen, dicht gefolgt vom Zweiten. Diese Grenze hat sie noch nie überschritten und die Erkenntnis darüber vernichtet jedes Wort in Artjoms Kopf. Er kann sie nur entsetzt anstarren.
Unberührt mustert seine Mutter ihn. "Und jetzt das Selbstmitleid? Ja, das war zu erwarten." Sie schnaubt verächtlich. "Bitte deinen Vater um Verzeihung, das ist das Mindeste." Sie verschränkt die Arme und hebt streng die Brauen. "Und erwarte nicht, dass ich nach dieser kindischen Aktion noch IRGENDetwas von dir als 'erwachsen' ernst nehme. Das hast du grade verspielt."
Artjom versteht die Welt nicht mehr. Das Herz schlägt hart und laut gegen seine Brust und er schluckt sichtbar. Sein Gesicht brennt und es ist ihm nicht möglich zu sprechen ohne dass seine Stimme versagt. Ihr ernster Blick durchbohrt ihn. Das ist nicht fair. Grob wischt er sich über das Gesicht und gestikuliert mit knappen Bewegungen ein, "Tut mir Leid."
Mit einer Mischung aus Enttäuschung, Wut und einer Spur Verachtung, blickt Anastasia ihn an. Dann wird ihr Gesicht ausdrucklos, als sie sich Iwan zuwendet. "Sag deinem Sohn, er soll in sein Zimmer gehen." bedeutet sie ihm mit Fingerbewegungen. Sie dreht sich auf dem Absatz um und klappert die Treppe nach unten. Kurz darauf kann man eine gurrende Kommunikation zwischen ihr und Cookie hören. "Ja, du bist eine treue Seele meine Süße..mmh." Es folgt ein schmatzendes Geräusch und leises Kichern. " Mmh, wenn ich dich nicht hätte. Jetzt komm, wir gehen Sofa kuscheln. Dino auch."
Iwan hebt die Hände um etwas zu gestikulieren aber Artjom hat schon verstanden. „Lass.“ sagt er und geht in sein Zimmer. Iwan sieht ihm ratlos nach.
(in Zusammenarbeit mit @Ripzha)
Charaktere: Artjom / Anastasia
Geschichtsstrang: Es gibt nur eine richtige Meinung II
*Triggerwarnung*
Spoiler
Häusliche Gewalt
Ein paar Stunden später...
Nach einem Spaziergang im Park, er mag die frische, kühle Winterluft am liebsten, kehrt Iwan zurück nach Hause. Manchmal braucht er diese kleinen Ausflüge ins Freie, einfach um wieder klar zu denken. Eine kleine Auszeit vom Lesen vor dem Computer und vom Schreiben.
Als er in den offenen Flur tritt, beobachten ihn die Hunde aufmerksam. Er wirft einen Blick ins Wohnzimmer, registriert,dass die Badezimmertür einen Spalt offen steht und niemand drin ist und auch in seinem Arbeitszimmer ist niemand. Wo sind alle? Hat er wieder Termine vergessen die seine Familie grade wahrnimmt? Iwan steigt die Treppe hinauf und ihm bietet sich ein Bild, was er so noch nicht gesehen hat. Sein Sohn sitzt vor der geschlossenen Tür des Elternschlafzimmers. Mit dem Rücken dagegen gelehnt und seine Lippen bewegen sich als würde er Selbstgespräche führen. Er kann von ihnen grade noch ein "...komm schon..." ablesen. Artjoms Haltung und der Blick sind nahe der Resignation. Der an die Tür gelehnte Kopf hebt sich als er Iwan herkommen sieht
Mit besorgter Miene gebärdet er seinem Sohn: "Was ist los?"
Artjom seufzt mit einer Mischung aus Genervtheit und Ratlosigkeit bevor er die Hände bewegt und stumm antwortet: "Sie hat sich eingeschlossen."
"Warum?"
Artjom schweigt.
Für Iwan ist eine der schwierigsten Situationen und leider ist sie ihm bereits bekannt. Doch die Tür die Anastasia von ihm trennt, schneidet auch jegliche Kommunikation mit ihr ab.
Das Herz tut ihr weh in der Brust. Anastasia liegt auf dem Rücken auf dem Bett und starrt an die Decke, die Arme vor der Brust über Kreuz, die lauten Worte und das Klopfen vor der Türe ignorierend. Ihr einziger Sohn begegnet ihren Bemühungen mit Widerwillen, Verachtung und Ignoranz. Nicht zu fassen. Ihre Gedanken schweifen in ihre eigene Kindheit und Jugend zurück. Sie musste zusammen mit ihren zwei Brüdern zuhause viel arbeiten. Die Eltern hatten einen landwirtschaftlichen Betrieb und es gab immer genug zu tun. Sie war sich für keine Arbeit zu schade und tat was von ihr erwartet wurde. Im Gegenzug sparten die Eltern nach Kräften und ermöglichten ihren Kindern eine gute, solide Ausbildung. Sie sieht ihren Vater vor sich, streng aber ein Mann mit Herz, was man von ihrer Mutter nicht behaupten konnte. Anastasia war die jüngste und Papas Augenstern, das war wohl zu viel für ihre Mutter.
Das Bild eines Polstersessels mit hohen Lehnen und 'Ohren' steigt hinter ihren geschlossenen Augen auf. Kopfteil und Sitzfläche sind mit einem schönen Tuch abgedeckt, damit sich die Polster nicht abnutzen.
„Setz dich doch, Nelly.“ Ihre Mutter zeigt einladend auf das geheiligte Möbelstück, eine Tasse Kakao in der Hand haltend und lächelt ihre Freundin an.
Anastasias Gesicht ist versteinert und in ihrer Brust klopft das Herz schmerzerfüllt. Sie selbst durfte noch nie darin sitzen..NIE. Der Sessel ist Gästen vorbehalten..die mehr wert sind, als die eigene Tochter. Das ist jedenfalls das Gefühl was in ihrer Brust tobt, während sie beobachtet wie Nelly zurücklächelnd den Kakao entgegen nimmt.
Bequem angelehnt schlürft sie davon und fragt Anastasia:“Wollen wir danach raus gehen zum spielen?“ - Nein, weil ich dich hasse, und den beschissenen Sessel auch und meine Mutter..und DIE GANZE WELT!! „Klar.“ Sie ringt sich ein Lächeln ab und trinkt ebenfalls einen Schluck Kakao. Ihre Füße wickeln sich um die Beine des Holzstuhls auf dem sie sitzt.
„Natürlich geht ihr draußen spielen, die Sonne scheint.“
Sie schielt zu ihrer Mutter.Ihr Lieblingssatz, wenn sie Anastasia raus schickt, obwohl sie gerade mit irgend etwas Spannendem beschäftigt ist. Puzzel zum Beispiel, oder Bücher.
Seufzend öffnet sie die Lider.
NIEMALS wäre ihr in den Sinn gekommen, sich gegen die Pläne ihres Vaters aufzulehnen. Schließlich war es sein verdientes Geld, was ihr eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten ermöglichte. Studieren wollte sie danach, aber dann kam Iwan und ...die Schwangerschaft. Sie regt sich kurz, wickelt ihre Füße enger in die Decke, bleibt aber in der gleichen Stellung liegen.
Und Artjom? Ihm hat es nie an irgendetwas gemangelt. Sie hat ihn verwöhnt, ihm manchen Wunsch von den Augen abgelesen und immer gewusst, dass aus ihrem Sohn einmal etwas Besonderes werden wird. Er lernt genauso leicht wie sie selbst, ist intelligent und hat brillante Ideen, wie sie in diversen Gesprächen schon feststellen konnte. Trotz seiner Eskapaden hat sie ihm diese Chance aufgetan und er tritt sie mit Füßen und damit auch ihre Mutterliebe und sein Elternhaus. Ist ja nicht so, dass Iwan nicht seinen Beitrag dafür leistet, dass genug Geld für Artjoms Zukunft vorhanden ist. Sie selbst hat vor ein paar Jahren eine ansehnliche Summe von einer Tante geerbt, das aber für sich behalten und gewinnbringend angelegt. Zukunftsgeld für Artjom und die gehobenen Schulen, die er bisher besucht hat. Sie wird den Teufel tun und seinen pubertären Launen nachgeben. Wenn sie auch nicht verhindern kann, dass er mit irgendwelchen Mädchen schläft, seine Zukunft zu ruinieren, DAS wird sie zu verhindern wissen. Sie unterdrückt die aufkommenden Tränen, presst die Lippen aufeinander und rollt sich, die Decke über die Ohren ziehend, in Embryonalstellung auf die linke Seite.
Statt seinem Vater zu antworten, klopft Artjom wieder hinter sich an die Tür. Es ist mehr eine nebensächliche Geste, "Dad ist da. Mach die Tür auf.." sagt er lustlos. Iwan kommt näher. Er bewegt die Hände stumm; "Was ist passiert?" Artjom schaut ihn an, dann kocht er wieder, hektisch antwortet er. "Ich will kein verdammtes Jurastudium machen und jetzt ist sie sauer." Iwans Lippen werden bedauernd schmaler als er seinem Sohn weiter zusieht wie er gestikuliert; "Ich will selbst entscheiden was ich später mache. Ist das so unvorstellbar!?"
"Sie möchte dass du dein Potential nutzt." entgegnet Iwan. Artjom starrt ihn an, dann rollt er mit den Augen und sieht weg. Er weiss, das weg sehen unhöflich ist. Es ist als würde man einen Sprechenden ignorieren und Iwan kann nicht auf sich Aufmerksam machen außer wieder in das Blickfeld zu treten oder sein Gegenüber zu berühren. Aber Artjom hat keine Lust auf Anastasia 2.0, sein Vater muss ihm nicht nochmal alles vorkauen. Er weiss was seine Mutter will und warum, aber fair ist es trotzdem nicht.
Als Iwan sich vor ihm hinhockt und Artjoms Bein antippt, wendet er ihm wieder den Blick zu.
"Wie lange glaubst du bleibt sie da drin?" fragt der Vater und Artjom hebt die Schultern. Die Frage will nicht mit einer Zeitangabe beantwortet werden, sondern ihn daran erinnern was beim letzten Mal passiert ist.
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"Sag ihr, dass alles gut ist und wir darüber reden können." gestikuliert Iwan zu seinem acht jährigen Sohn, weil er anders nicht zu seiner Frau sprechen kann. Die Tür ist verriegelt und er sieht wie das Kind die Lippen bewegt und dann das Ohr an die Tür hält. Iwan wartet, bis Artjom die Schultern hebt. Artjom ist traurig, er hat seine Mutter jetzt schon drei Tage nicht gesehen weil sie nicht aus dem Zimmer kommt. Sein Vater schläft auf der Couch und er muss für ihn sein Sprachrohr sein. Er musste ihr schon sagen, dass sein Vater sie liebt und alles gut wird. Das es für alles eine Lösung gibt. Dinge die Artjom sonst von seinen Eltern zu hören kriegt und nicht umgekehrt. Er musste ihr von Iwan ausrichten, dass sie etwas essen muss und vor allem trinken und das es schwierig ist mit ihr zu reden. Artjom hat nur ansatzweise verstanden, dass seine Mutter es darauf anlegt zu verdursten. Aber die Angst war da. Er konnte sie nicht erklären mit 8, aber sie war da und er sah sie in Iwans besorgtem Gesicht. Und das alles nur weil...
Mit unbeweglicher Miene sitzt Anastasia mit ihrem Mann am festlich gedeckten Kaffeetisch. Beide haben sich schick gemacht, das gute Familienporzellan glänzt neben einer prächtig verzierten Torte, die von einer 30 aus Marzipan gekrönt wird. Zwei kleine, liebevoll verpackte Geschenke zieren die Tafel, überragt von einem großen Strauß roter Rosen und flankiert von, mittlerweile schon ein gutes Stück heruntergebrannten, Kerzen. Es ist auf Grund von Iwans Gehörlosigkeit normal, dass Stille herrscht wenn sie allein sind, aber jetzt liegt eine Spannung in der Luft, die minütlich intensiver und auch körperlich spürbar wird. Iwan dreht nervös die Kuchengabel neben seinem Teller hin und her, während er Anastasia einen Blick zu wirft. Dann legt er sie mit einem Seufzen ab. "Er wird jeden Augenblick da sein." gestikuliert er und will nach der Hand seiner Frau greifen, die ihm sofort entzogen wird. Resigniert senkt er den Blick und fragt sich, wo Artjom nur bleibt.
"Tschüss!" winkt Artjom seinem gleichaltrigen Freund vor seinem Haus zu und betritt es. Der Ausflug in die Spielhalle hat Spaß gemacht. Sie haben sooo viele Tickets sammeln müssen, da sie dieses coole, ferngesteuerte Auto im Auge hatten. Das hat gedauert und danach mussten sie es ausprobieren. Jetzt, glücklich, mit dem Auto unter dem Arm kommt er an der Küche vorbei und bleibt stehen als er seine Eltern dort sitzen sieht.
Ruckartig wendet Anastasia den Kopf und mustert kühl ihren Sohn. "Hattest du einen schönen Nachmittag?" fragt sie tonlos, ohne das mit Gesten zu unterstreichen. Iwan ist durchaus in der Lage kurze Sätze von den Lippen zu lesen und ihr fehlt gerade die Geduld für alles.
Artjoms Haltung wird zu der eines Schuldigen, der aber nicht genau weiss warum. Er drückt das Auto fester unter seinem Arm in die Seite und nickt verlegen. Er sieht den Kuchen und die Kerzen. Er hat ihr heute morgen mit einer Umarmung gratuliert. Vergessen konnte er ihren Geburtstag gar nicht, weil sie ihn die letzten Tage ständig erwähnt hat. Was hat er also falsch gemacht?
"Wohl schöner, als die Geburtstagsfeier mit deiner Mutter, scheint mir. Vergessen, dass wir gesagt hatten um drei hier im Kreis der Familie?" Diesmal gestikuliert sie heftig und erhebt sich dabei unwirsch. Damit ist ihr Stellenwert in Artjoms Welt wohl klar definiert. Sie wirft Iwan noch einen beredten Blick zu, eilt vom Tisch und stoppt noch kurz bei ihrem Sohn. "Dass dir dieser Tag so egal ist, tut mir sehr, sehr weh. Das werde ich nicht vergessen." sagt sie mit todtrauriger Miene. Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, rauscht sie an Artjom vorbei ins Schlafzimmer, schließt demonstrativ leise die Türe und dreht um so geräuschvoller den Schlüssel im Schloss herum.
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Iwan gestikuliert Artjom was er am besten sagen könnte aber dieser sieht ihm nicht zu, unterbricht ihn in seiner Nachdenklichkeit, in dem er aufsteht und die Türklinke mit der Hand umschließt. Wenn er daran denkt, wie es war als sie sich drei volle Tage eingeschlossen hatte... und an die Angst, als Iwan die Tür eingetreten hatte und an den Schrecken als seine Mom so unfassbar krank ausgesehen hat weil sie weder gegessen noch genug getrunken hatte... Dicht an der Tür, die Stirn an der Täfelung sagt er, "Mom es tut mir Leid. Ich weiss du willst nur das Beste für mich. Bitte komm raus. Ich werd da arbeiten im Sommer, ok?" die Worte schmecken wie widergekäute Galle, aber Artjom gibt sich Mühe aufrichtig zu klingen.
Obwohl sie die Worte vernimmt, verharrt Anastasia zunächst regungslos. So einfach wird sie es ihm nicht machen.Warum enttäuscht er sie immer wieder so? Es hatte sie mit Freude und Stolz erfüllt, als sie die Zusage für das Praktikum für ihn erhalten hatte. Sein Einlenken jetzt hat einen schalen Beigeschmack. Die Decke zum Kinn ziehend sagt sie gerade so laut, dass er es draußen hören kann. “Du kannst schon gehen, ich komm später raus um mit Iwan Abend zu essen.“
Autsch. Artjom richtet sich auf und sieht seinen Vater im Augenwinkel fragen was sie gesagt hat. Er weiss nicht ob er ihr das glauben kann. Außerdem macht es ihn schon wieder wütend, wie sie ihn aussen vor lässt. Er spürt Iwans Hand auf der Schulter der bemerkt wie sein Sohn schneller zu Atmen beginnt. "Was meint sie?" fragt er erneut. Artjom wendet sich ihm zu, er gestikuliert und sagt dazu laut und provokant, damit seine Mutter es hören kann, "Sie sagt, das sie nie wieder hier raus kommen wird und du nochmal die Tür eintreten musst, wenn wir wollen dass das endet. Und dass es ihr egal ist was die Reparatur diesmal kostet."
Es dauert nur ein paar Sekunden, bis die Tür aufgerissen wird und Anastasia ihrem Sohn eine schallende Ohrfeige gibt. "Du wagst es!? Du nutzt die Behinderung deines Vaters für deine schmutzigen Spielchen!?" schreit sie ihn an, dabei wild in Gebärdensprache gestikulierend.
Ihre Augen funkeln und die Mimik wirkt bedrohlich. "Was für ein abscheulicher Lügner und Egoist du bist! Du wirst dich sofort dafür entschuldigen! SOFORT!" Es juckt sie in der Hand auch diesen Satz noch tätlich zu unterstreichen, aber sie beherrscht sich, klappt nur die Handfläche auf und zu und presst die Kiefer zusammen.
Das kam so unerwartet wie schmerzhaft. Verdammt schmerzhaft. "Fuck!" ruft Artjom, hält sich mit einer Hand die Wange und mit der anderen am Geländer fest, zu dem er zurück getorkelt ist. Das brennt wie die Hölle!
Wie ein geschlagener Hund sieht er zu seinen Eltern und ihm steigen ungewollt Tränen in die Augen. Einerseits aus Schmerz und weil... sie hat ihn grade zum allerersten Mal in seinem Leben geschlagen und der Schock darüber ist unbeschreiblich. Hilfesuchend sieht er zu seinem Vater. Er wollte doch nur, dass sie raus kommt. Das helle fitzende Geräusch hallt in seinen Ohren nach, während er sich langsam aufrichtet. Die Wange ist knallrot und dann fällt der erste Tropfen aus den überlaufenden Augen, dicht gefolgt vom Zweiten. Diese Grenze hat sie noch nie überschritten und die Erkenntnis darüber vernichtet jedes Wort in Artjoms Kopf. Er kann sie nur entsetzt anstarren.
Unberührt mustert seine Mutter ihn. "Und jetzt das Selbstmitleid? Ja, das war zu erwarten." Sie schnaubt verächtlich. "Bitte deinen Vater um Verzeihung, das ist das Mindeste." Sie verschränkt die Arme und hebt streng die Brauen. "Und erwarte nicht, dass ich nach dieser kindischen Aktion noch IRGENDetwas von dir als 'erwachsen' ernst nehme. Das hast du grade verspielt."
Artjom versteht die Welt nicht mehr. Das Herz schlägt hart und laut gegen seine Brust und er schluckt sichtbar. Sein Gesicht brennt und es ist ihm nicht möglich zu sprechen ohne dass seine Stimme versagt. Ihr ernster Blick durchbohrt ihn. Das ist nicht fair. Grob wischt er sich über das Gesicht und gestikuliert mit knappen Bewegungen ein, "Tut mir Leid."
Mit einer Mischung aus Enttäuschung, Wut und einer Spur Verachtung, blickt Anastasia ihn an. Dann wird ihr Gesicht ausdrucklos, als sie sich Iwan zuwendet. "Sag deinem Sohn, er soll in sein Zimmer gehen." bedeutet sie ihm mit Fingerbewegungen. Sie dreht sich auf dem Absatz um und klappert die Treppe nach unten. Kurz darauf kann man eine gurrende Kommunikation zwischen ihr und Cookie hören. "Ja, du bist eine treue Seele meine Süße..mmh." Es folgt ein schmatzendes Geräusch und leises Kichern. " Mmh, wenn ich dich nicht hätte. Jetzt komm, wir gehen Sofa kuscheln. Dino auch."
Iwan hebt die Hände um etwas zu gestikulieren aber Artjom hat schon verstanden. „Lass.“ sagt er und geht in sein Zimmer. Iwan sieht ihm ratlos nach.
(in Zusammenarbeit mit @Ripzha)