Forum Discussion
2 years ago
Ort: Haus Lamont, Willow Creek
Charaktere: Tania, Jordyn
Geschichtsstrang: Entscheidung (2)
Am nächsten Morgen erwacht Tania und sieht sich um. Huch Scheinbar hat sie sich in der Nacht bei Jordyn angekuschelt. Das ist ihr etwas peinlich und sie rückt langsam zur Seite, damit er nicht erwacht. Dann schaut sie auf ihr Handy. Marina hat ihr eine Nachricht geschrieben. >Wann kommst du nach Hause, Liebe? Wollte für uns alle kochen. Papa macht auch früher Feierabend.< Unbeeindruckt legt sie das Handy weg. Als ob ihr Vater am Wochenende arbeiten würde. Da hat er ganz andere Dinge zu tun. Direkt verschlechtert sich ihre Laune. Leise steht sie auf und zieht sich um.
Jordyn dreht sich herum. Im Halbschlaf steigt ihm ein angenehmer Duft in die Nase. Er erinnert ihn an ... weiches Haar. Langsam erwacht er und erkennt, dass Tania nicht neben ihm liegt. Er setzt sich auf und lauscht in den Raum hinein. "Tani?"
Überrascht dreht sie sich um. Da er sie nicht sehen kann, ist es ihr nicht unangenehm, dass sie nur in Unterwäsche im Raum steht. Sie muss sich also nicht verstecken. "Ja. Ich bin schon wach. Ich bin gerade an meiner Tasche und ziehe mich um. Hab ich dich geweckt?"
"Nein." Er reibt sich verschlafen die Augen. "Wie geht es dir heute?"
Sie zieht sich zu Ende an und gesellt sich dann wieder zu Jordyn ins Bett. "Naja, es geht so.. Und dir?"
"Ich muss pinkeln,", schmunzelt er, "sonst geht's mir gut."
Die Teenagerin muss grinsen. "Lass Dich nicht aufhalten." Daraufhin holt sie die Schmerztabletten unter ihrem Kopfkissen hervor. "Ich muss mal eben was trinken." Sie beugt sich über ihn, um an die Wasserflasche auf seinem Nachttisch zu kommen.
Jordyn wagt nicht, sich zu bewegen. Er spürt die Wärme ihres Körpers und für eine Sekunde glaubt er, ihren Herzschlag zu hören.
Als sie sich wieder aufrichtet, dreht er sich über die Bettkante und geht ins Badezimmer. Es dauert eine Weile, bis er zurück kommt - frisch geduscht und nur mit einem Bademantel bekleidet.
Tani hat sich währenddessen geschminkt und ein paar Nachrichten via Textmessenger gelesen und verschickt. Als er das Zimmer betritt, sieht sie auf. Duschen müsste ich eigentlich auch. Dann wendet sie sich wieder ihrem Handy zu.
"Möchtest du frühstücken?", fragt Jordyn, während er sich neue Kleidung aus dem Schrank nimmt.
Wirklich Hunger hat sie zwar nicht, aber eine Kleinigkeit sollte sie schon essen. "Einen Kaffee könnte ich gut gebrauchen. Sind deine Eltern schon wach?"
"Wie spät ist es?"
Tani sieht auf die Uhr. "Neun Uhr Siebenundvierzig." Jadyn schläft sicher noch.
"Dann werden sie schon unterwegs sein. Am Wochenende sind sie beim Ehrenamt."
Ehrenamt? Wieder ein Pluspunkt für seine Eltern. Sowas würde ihrem Vater nie einfallen. Nun steht die Teenagerin auf. "Würde es Dir was ausmachen, wenn ich noch eine Nacht bleibe? Oder willst Du lieber allein sein?"
Er dreht sich zu ihr herum. "Du kannst bleiben, solange du willst.", sagt er. "Ich spreche mit meinem Vater darüber."
Ein Lächeln huscht über ihre Lippen. "Ist dein Bruder auch beim Ehrenamt?"
"Nur, wenn er muss.", lacht Jordyn.
Das war ja zu erwarten. Dennoch hofft sie, dass Jadyn noch schläft oder einfach nicht zu Hause ist. "Also ich wäre dann soweit."
"Ich werde mich schnell anziehen." Mit den Worten verschwindet er aus dem Zimmer.
Während sie auf ihn wartet, klingelt ihr Handy. Mam.. Die Nachricht liest sie gar nicht, sondern wischt sie weg.
Wenige Minuten später sind Stimmen vom Flur zu hören.
"... Tani ... geschlafen?"
"Waru-... Freundin..."
"Ja, klar... Bru-... helf-... -giss das nicht."
"Es tut mir ... du das so ... Können wir ni- ... - der sein? Wie früh-...?"
"Kei- ... - ung, Bro... tzt los. Wir red- ... ter."
Da Tania nur Bruchstücke des Gesprächs mitbekommt, stellt sie sich an die Tür, um zu lauschen.
Jemand läuft die Treppe herunter. Sanfte Schritte nähern sich der Tür.
Schnell stellt sie sich ans Fenster, als Jordyn das Zimmer betritt. "Und? Fertig?"
"Ja, gehen wir in die Küche."
Sie nickt und folgt ihm nach unten. "Sind wir alleine?" Am liebsten würde sie wissen, mit wem er gerade gesprochen hat und vor allem worüber. Sie vermutet mit seinem Bruder Jadyn, aber sicher ist sie sich nicht.
"Ja. Jay ist zu einer Freundin. Er wird bestimmt den ganzen Tag weg sein." Während Jordyn die Kaffeemaschine vorbereitet, nutzt er die meiste Zeit Daumen und Zeigefinger, um die Füllmenge von Wasser und Pulver abzuschätzen. Er bewegt sich sicher und routiniert. "Du willst nichts essen?", fragt er noch einmal über die Schulter.
"Eine Kleinigkeit muss ich wohl essen." Bedrückt setzt sie sich an den Tisch. Warum fühlt sie sich gerade so niedergeschlagen? Sie hat ein unwohles Gefühl, als würde etwas Schreckliches passieren. Das war doch schon gestern.. bestimmt die Nachwirkungen der Hormone. Ein lautes Seufzen entfleucht ihr.
Jordyn setzt sich zu ihr. "Was ist los?", fragt er geduldig.
Wenn sie das nur wüsste. "Keine Ahnung. Ich fühl mich einfach schlecht." Was hat sie sonst gemacht, um dieses Gefühl loszuwerden? Alkohol. Kurz schaut sie sich um, doch wenn sie ihn das fragen würde, verliert er noch jegliche Achtung vor ihr. Das kann sie nicht machen.
"Du meinst, seelisch...", fragt er, nur um sicher zu gehen.
"Ja.", sagt sie knapp. Weinen kann sie nicht, auch wenn sie es genau jetzt gerne tun würde, um dieses Gefühl loszuwerden.
"Hm ... Was ... denkst du denn gerade? Oder woran hast du gedacht, als es anfing?"
Als sie erwachte, ging es ihr noch gut. Doch dann.. Die SMS. Daraufhin erzählt sie von der Nachricht ihrer Mutter und der verzwickten Situation, in der sie sich befindet. "Ich kann meiner Mutter nicht sagen, dass er eine Affäre hat. Aber ich kann es auch nicht mehr ertragen, das mit mir rumzuschleppen. Nur deshalb bin ich da, wo ich jetzt bin." Ihr Gesicht vergräbt sie in ihren Händen.
"Tani.", Jordyn steht auf und geht zu ihr herüber. Er legt ihr tröstend die Hand auf den Rücken. "Es tut mir so leid. Dass du so viel Kummer hast. Aber diese Sache solltest du dir nicht aufbürden." Er kniet sich vor seine Freundin, seine Hände suchen die ihren, um sie fest zu halten. "Ich verstehe, dass du darunter leidest. Das spricht für dich. Aber trotzdem ist es nicht deine Aufgabe, deine Eltern zu schützen. So wie ich das sehe, gibt es keinen einfachen Ausweg. Das Leid ist schon da."
Erst die Erleichterung, dann die Verärgerung. Beide Emotionen, die sich wie eine Welle auf sie zubewegen und kurz vor ihr Halt machen, bevor sie zusammen bricht. "Das Schlimme.. mein Vater weiß es und hat mich gebeten, ihr nichts zu sagen mit überzeugenden Argumenten. Leider hat er Recht. Wenn sie es erfährt, wird es sie umbringen. Keine Ahnung, wie sie früher war, aber spätestens mit meinem Vater ist sie so unselbständig geworden." An ihre Geschwister und deren Leid darf sie gar nicht denken. "Sobald ich endlich ausziehen kann, will ich mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben."
Jordyns warmer Ausdruck verschwindet. Seine Augenbrauen ziehen sich tief ins Gesicht. "Er erpresst dich?!"
Erpressung? So würde sie es nicht nennen. "Nein, er hat mich eher überzeugt. Ich könnte es ihr sagen, aber dann wäre ich daran Schuld, dass alles untergeht."
"Nein, Tani. Es ist egal, wie du es nennst. Das ist emotionale Erpressung. Und das erlaube ich nicht."
Jordyn nimmt sie fest in den Arm. "Ich finde einen Weg. Ich lasse das nicht zu."
Wieder einmal ist er für sie da. Er lässt sie nicht allein damit. Sowohl Erleichterung, als auch ein schlechtes Gewissen schleicht sich ein. "Du tust so viel für mich. Wie soll ich Dir das je danken?"
"Deine Freundschaft ist der Dank. Mehr ist nicht nötig." Der Blinde löst die Umarmung. Seine Hände tasten sich zu ihrem Kopf herauf und halten sanft ihr Gesicht. Zart küsst er sie auf die Stirn.
Ein warmes Gefühl breitet sich in ihr aus. "Danke Jordyn." Sie nimmt seine Hand und betrachtet sie. "Wünscht du dir manchmal nicht blind zu sein?"
Er schluckt schwer. Natürlich wünscht er sich das. Die schweren Depressionen hat er erst vor zwei Jahren überstanden. Es ist nicht nur der Verlust des Sehens, der ihn zwischen Wut, Trauer und Angst hin und her trieb. Auch die Veränderungen in der Familie, im Freundeskreis, aber ganz besonders zu Jadyn haben ihm lange schwer zu schaffen gemacht. Es war nicht nur für ihn schwierig. Auch für den Rest der Familie hat sich alles verändert. "Ja, oft.", gesteht er.
Es wäre überraschend gewesen, wenn nicht. Da knurrt auch schon ihr Magen. "Hm, ich glaube ich sollte doch etwas frühstücken. Was habt ihr da?"
Der Teenager schüttelt die düsteren Gedanken ab und steht auf. "Meine Mom backt immer frisches Brot. Das ist super lecker. Wir haben verschiedene Marmeladen, Aufschnitte, ... Am besten schaust du einfach mal in den Kühlschrank. Achte bitte nur darauf, dass du nichts umstellst. Ich bin sonst aufgeschmissen."
Auf seine Worte Rücksicht nehmend, geht sie in die Küche, holt den Aufschnitt aus dem Kühlschrank und bedient sich an dem frischen Brot. Sorgfältig stellt sie alles wieder zurück an seinen Platz. Dann setzt sie sich mit ihrem Frühstück an den Tisch zu Jordyn. Während des Essens fragt sie ihn: "Was hast du heute noch vor?"
"Ich habe nichts geplant." Jordyn nimmt einen Schluck des frisch gebrühten Kaffees. "Wie ist es mit dir?"
"Bisher nichts." Nach dem letzten Bissen wischt sie ihren Mund mit der Serviette ab und trinkt ihren Kaffee aus. "Na gut, dann würde ich sagen, ich geh jetzt duschen und wir treffen uns danach in deinem Zimmer?" Sie steht auf und sammelt ihr Geschirr zusammen. "Wenn du nicht schon duschen gewesen wärst, hätte ich ja vorgeschlagen, du kommst einfach mit, aber so..." Ihr Tonfall ist ernst und sie geht in die Küche.
Jordyn bleibt verwundert am Tisch zurück. Was hat sie gerade gesagt?? Der Teenager schluckt. '... du kommst einfach mit ....' War das ein Witz? Das muss ein Witz gewesen sein. Er würde doch nicht ernsthaft ... Verlegen kratzt er sich am Hinterkopf.
Es fällt Tania unglaublich schwer, sich ihr Lachen zu verkneifen. Sie beherrscht sich und kommt dann wieder zurück zu ihrem Gastgeber. Dann legt sie eine Hand auf seine Schulter. "Das war ein Spaß. Ich weiß, du bist nicht so Einer und das schätze ich sehr an dir." Ihr Grinsen ist in ihrer Stimme erkennbar. "Also dann bis gleich." Vergnügt geht sie nach oben.
Jordyn schnauft, als sie die Treppe herauf geht. Was soll das heißen - nicht so einer? Einer, der prinzipiell kein Interesse an Frauen hat? Oder war das auf das sogenannte schnelle Vergnügen bezogen? Die Unsicherheit klebt ihm im Nacken, als er beschließt, am Klavier auf andere Gedanken zu kommen.
(in Zusammenarbeit mit @Spatz)
(Fotos von Spatz)