0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschichten um Lotta und Co. hier in 🌺 HERLAND weiter - ein Stück weit im Crossover mit den 📜 WiWo News. Wer weiß, vllt. mengt sich irgendwann sogar noch ein wenig P. mit rein 😏 …
Hier in HERLAND bitte keine Kommentare. Wenn, dann lieber per PN … oder auch gerne in den WiWo-News (siehe Signatur) oder auf dem Discord Server. Dort ist alles auch als PDF hinterlegt. Zugang zum Discord Server auf Anfrage per PN.
Der Urlaub für Henford ist gebucht. Bald soll es losgehen. Seitdem geklärt ist, dass Takatuka und der Wolf doch bei Oleg und Adeline zurückbleiben, verspürt Lotta eine zunehmende Unruhe. Sie war nie so lange und so weit von ihrem Kind entfernt gewesen.
„Das ist für ein Kind sehr anstrengend und einen Wolf im Flugzeug mitzunehmen oder ins Ausland zu transportieren … Weißt du, die Einreisebestimmungen sind nicht ganz so leicht …“, hatte Ansgar mehr oder minder Lotta zu überzeugen versucht. „Und es tut uns sicher auch mal gut …, nur Zeit für uns zu haben!“
Von allen Seiten hatte es zu dieser Idee Zustimmung gegeben. „Na, dann weiß ich auch, dass ihr bestimmt zurückkommt und euch nicht gleich ins Grüne absetzt!“, hatte Oleg beim gemeinsamen Basketballspiel gescherzt und gleichzeitig war ein ernster Unterton herauszuhören gewesen. So ein bisschen sickerte in ihrer kleinen verschneiten Gemeinschaft durch, dass dies Ansgars Wunsch wäre, nach Henford überzusiedeln, in den er Lotta und ihre Kleinfamilie mit einbezieht.
Danny und Brett sahen es lockerer, da sie selber nur saisonal in Schweden beschäftigt sein werden. „Stell dir vor, wir würden dann alle wieder recht zentral und auch gar nicht so weit auseinander wohnen. Takatuka bekäme sicher wieder einen Platz im Kindergarten. Wir sind mit dem Trägerverein allerdings nach Copperdale umgesiedelt.“, schwärmte die junge Erzieherin.
Lotta gehen diese Überlegungen schon viel zu weit. ‚Wie oft soll ich noch umziehen und immer wieder neu anfangen? Und es wäre … alles wieder dichter dran an …‘
„Schatz, konzentrier dich doch bitte ein bisschen. Wo bist du denn heute mit deinen Gedanken?“, unterbricht Ansgar ihr mentales Kreiseln über die bevorstehende Reise. Lotta ist eigentlich gerade mit Theoriefragen für den Führerschein befasst. Sie verdreht leicht die Augen, starrt dann wieder auf den Bildschirm vor sich und nuschelt etwas grummelig: „Du bist ja ein schlimmerer Antreiber als Oleg!“ Ansgar hat Lotta in den letzten Tagen an seinem Laptop in das World Wide Web eingewiesen.
„Was?!“, hakt der Norweger mit gerunzelter Stirn nach. „Ich versuche nur, dich auf deine baldige Prüfung vorzubereiten!“ ‚Oh ja, Prüfungen. Supi. Ich, die nie eine Schule besuchte, kann mich demnächst vor diversen Tests nicht retten … Online-Führerschein, Vorbereitung auf einen Schulabschluss.‘ Lotta hat keine Prüfungsangst in dem Sinne, aber … neben Kind und den vielen Jobs … Und jetzt auch noch die Sorge, wohin es sie in der nächsten Zukunft tatsächlich verschlagen wird … „Mir schwirrt irgendwie der Kopf heute, Ansgar! Tut mir leid!“, klagt sie zögerlich.
Der strenge Fahrlehrer, zu dem Ansgar sich erkoren hat, lenkt ein. „Ok, machen wir eine Pause. Komm‘, ein bisschen Entspannungsmassage wird dir guttun!“ Liebevoll zieht er die junge Frau zu sich hoch, versetzt ihr einen leichten Kuss und beginnt sanft mit den Fingerspitzen ihren Nacken zu kneten. „Hab‘ ich ein bisschen besser drauf!“, seufzt Lotta grinsend. „Tut aber trotzdem gut! Oh ja, genau da … ein bisschen mehr nach rechts.“ Statt an die gewünschte Stelle streichen die vorwitzigen Hände aber ihre Flanken runter zu den Hüften und weiter, beginnen mit gespreizten Fingern eine langsam kreisende Bauchmassage. Eine pulsierende Wärme steigt in Lottas Leibesmitte hoch, zieht sich durch den ganzen Körper bis in die Fußspitzen. „Ich hoffe, d a s verhilft dir zur Tiefenentspannung!“, raunt ein heiseres Lachen an ihrem Ohr.
E r s t m a l nicht! Später vielleicht … Lotta sacken leicht die Knie weg, als sie mit dem Rücken an Ansgar gelehnt aufstöhnend noch halbwegs Halt sucht.
Eine lärmende Kinderschar draußen vor der Haustür unterbricht das beginnende Liebesspiel. Mit leicht erhitzen und geröteten Wangen versucht Lotta sich eilig wieder etwas herzurichten. „Ach herrjeh, Kindergarten schon zu Ende und Takatukas kleine Freund*innen kommen heute ja mit heim zum Übernachten!“ Etwas unwillig gibt Ansgar Lotta wieder frei. So gern er die Lütten mag, aber … auf diesen Urlaub zu zweit ist er schon ganz heiß. ‚Einfach mal morgens oder sonst nicht immer überrascht werden … sich nicht ständig im wonnigsten Gefecht unterbrechen müssen …‘ Heute Nacht jedoch wird eher … Eiszeit herrschen!
Ansgar begibt sich als erstes nach draußen, sieht die lütte verschmitzte Takatuka und sofort ist der kleine Groll wegen etwas getrübter Liebesfreuden auch schon versickert. Das Kind ist einfach goldig. Ansgar beugt sich runter, um sie fest an sich zu drücken und auch das kleine Mädchen lässt sich vertrauensvoll auf die Umarmung ein. „Na, Spätzchen hast du heut‘ deine kleine Truppe mal wieder durcheinandergewirbelt?“ Takatuka lacht nur glucksend. Sowas macht sie doch mit links … täglich. Und jeden Tag mehr zeigt sich, wie ihre Kraft stärker wächst, als die der anderen Kinder.
„Wie immer!“ winkt Erzieherin Danny schmunzelnd von weitem noch zurück, schon auf dem Heimweg. „Jamal und Janine werden später gebracht!“ Und schon ist die junge Frau weg. Ansgar wirbelt das lachende Kind wie zur Bestärkung seiner Worte einmal durch die Luft. „Juchhe, no ma, Ansga, no ma!“, juchzt die Lütte nur. Sie kann nie genug von Toben und Spielen kriegen.
Wie die Mama lernt das Kind schnell, schneller als gewöhnlich. Motorisch ist sie den anderen voraus und den Gang zum Töpfchen muss ihr schon lange niemand zeigen. Auch verfügt Takatuka über eine ausgesprochen hohe Selbständigkeit und läuft recht angstfrei vor allem in Begleitung des Wolfes durch die Welt. Das war Ansgar damals als erstes aufgefallen, als ihm das Kind allein im kleinen Wäldchen nebenbei begegnete. Ihr Verhalten am See letztens oder auch überhaupt ihr Bezug zu Wasser dagegen ist … ambivalent. Einerseits scheint sie dieses Element zu lieben und andererseits … einen gebührenden Respekt davor zu empfinden.
„Sie hat das Köpfchen nicht gerne unter Wasser!“, hatte Lotta ihm beschieden und sacht eingelenkt als sie neulich an der Badewanne mit Takatuka herumtollten und das Kind plötzlich etwas größere Augen bekam, als es leicht Wasser schluckte. „Ist sie schon mal etwas zu sehr untergetaucht? Das können die Kleinsten doch eigentlich …“, hatte Ansgar etwas irritiert nachgehakt, Lotta aber nur vage geäußert: „Ja, ja, so ähnlich!“ ‚Wieder etwas aus der Vergangenheit, das nicht weiter erwähnt werden soll?‘, hatte sich der Norweger stillschweigend gefragt.
Takatuka macht sich gerade von Ansgar los und stürmt zu Tommy rüber, der gleich mitgekommen ist. Sprachlich merkt man dem Mädchen noch an, dass sie in der Vergangenheit bei ihrer früher recht ungeschulten Mutter nicht immer ganz die Förderung erhalten hatte, die sie gebraucht hätte. Das hindert Takatuka aber nicht, ihre recht eigenen Ansagen zu machen: „Tommy auch Luft wiebeln. Ich stark.“ Und schon packt sie den kleinen Freund, der manchmal nicht weiß wie ihm bei dem kleinen Mädchen geschieht und versucht, ihn hochzustemmen.
Lotta kommt jetzt auch zur Begrüßung raus. Ihr Herz zieht sich etwas zusammen. ‚Zwei Wochen Urlaub ohne dich, mein Kind. Du hältst es, glaube ich besser aus als ich.‘ Selbst der Wolf ist diesmal nicht ihr Begleiter. Die junge Frau kann gar nicht genau erklären, warum es ihr etwas mulmig zumute wird, so lange Zeit nur mit Ansgar allein zu sein. Irgendwie haben sie immer viel um die Ohren und die wenige Zeit mal allein miteinander ist recht knapp wie kostbar. ‚Wie das wohl sein wird, wenn wir die ganze Zeit ohne Arbeit aufeinander hocken?‘ Was Lotta auch gar nicht kennt, soweit sie sich mit Malecantus Fluch im Genick an ihr Erwachsenenleben zurückerinnern kann … What the hell is … U r l a u b? Blätter einer uralten Baumart?
Lotta hatte seit ihrer Flucht vom Eiland, das in ihrer Erinnerung fast ausgelöscht ist, immer nur schauen müssen, wie sie mit Kind den nächsten Tag übersteht und sich durch diverse Jobs für ausreichend Einkommen gehangelt. Später hatte es auch mal für ein paar Tagesausflüge oder einen Wochenendtrip gereicht … Der Rotfuchs versinkt die letzten Tage immer wieder ins Grübeln über das was war und was sein wird.
Die Sonne senkt sich noch immer früh am Horizont im Frühjahr dieser kalten Breitengrade. „Komm, bauen wir einen Schneemann, Spätzchen!“, lädt sie Takatuka zur eigenen Erbauung ein. ‚Bewegung schafft doch mehr einen freien Kopf als irgendwo zu sitzen und Geistesaufgaben zu leisten!‘ Lotta könnte sich nie einen Bürojob als Einkommensquelle vorstellen. ‚Brrr, das wäre ja wie ewige Schule mit Multiplikation!‘ Ha, den Begriff bekommt sie endlich ohne Stolpern raus. Und dass sie keine Ameisen im Kopf hat, sondern so etwas wie eine Amnesie, ist ihr mittlerweile auch geläufiger. Nur … geht ihr das Wort nicht über die Lippen in niemandens Gegenwart, noch hat sie hier in Schweden jemals erklärt, was mit ihr eigentlich los ist.
Lotta tritt mit den Stiefeln die vereiste Schneedecke ein, um wieder etwas Baumaterial für Schneekugeln zu schaffen.
„Na so etwas, das ist ja eine Schneefrau geworden!“, lächelt sie ihrem Töchterchen am Ende ihres gemeinsamen Werkes zu. „Das Mama ist!“, grinst die Kleine. „Ja, wie aus dem Gesicht geschnitten!“, ergänzt Ansgar frech. Und Lotta kontert noch frecher: „Na, dann weißt du ja, wer dich heute Nacht wärmt! Viel Spaß ihr zwei.“
Ach ja, das sind die Momente, in denen sich Lotta total wohl und eins mit Ansgar fühlt. Sie haben eine ähnliche Ader von Humor und kleine Schlagabtäusche bereichern ihren Alltag. Selbst viele Vorlieben teilen sie wie pflanzen, werken, alle möglichen sportlichen Aktivitäten. Ansgar ist hilfsbereit, im Grunde freundlich – vor allem zu Kindern. Das schätzt sie ungemein an ihm. Klar muss er sich auch durchsetzen können. Und ja, manchmal muss sie ganz schön gegenhalten, aber im Großen und Ganzen … ‚Ist dieser liebevolle Kerl doch völlig in Ordnung. Was …?! Was … lässt mich immer noch innehalten? Lässt immer wieder Besorgnis aufkeimen? Liegt es wirklich nur … an mir? Vielleicht sollte ich mal mit seiner Tante Jorunn sprechen … bevor wir abreisen.‘
Jorunn! Einen Moment springen Lottas Gedanken wie wild durcheinander. ‚Seine einzige … Verwandtschaft, die er noch hat. Ich hab‘ … nur noch mein Kind! Papa, bist du jetzt bei Mama? Und … wie sie seit meiner Geburt bei den Engeln? So viele schon so früh gestorben …‘ Lottas Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. ‚Aber Miyu lebt noch! Jorunn hat Miyu kennengelernt! Ist das alles ein Zufall? Auch mein Zusammentreffen mit Ansgar, der stark wie ich ist? Ja sogar etwas mehr als mir lieb ist! Seine Kraft scheint nicht zu schwinden … Er hat aber auch kein eigenes Kind!‘
Auch dieser Umstand ist für Lotta noch immer gewöhnungsbedürftig und ein Teil ihrer Achtsamkeit dem Norweger gegenüber. Brett, Oleg oder auch andere deren Geschlechts kann sie noch immer leicht aus dem Gleichgewicht bringen und es mit einem Ringkampf aufnehmen. Bei Ansgar funktioniert es dagegen nicht so ganz.
Ihre erste Flucht mit dreizehn von Schweden nach Takatuka zu ihrem Vater war schon in dem langsamen Schwinden der Kindheitskräfte begründet gewesen. ‚Meine Tochter kann also nicht der alleinige Grund sein. Hatte mein Vater je über den Verlust seiner Kräfte geklagt?‘ Sie weiß es letztendlich nicht. Es gibt zwei Bilder im Kopf, die sie noch von ihm hat, die die große schwarze Lücke dazwischen umschließen …: ihre Ankunft auf dem tropischen Eiland mit einem Schiff und die Flucht von der Insel mit ihrem Kind - mit einem ähnlichen Boot, von dessen Reling sie ihren Vater verwundet in die Fluten des Meeres hinabstürzen sah. Er war nicht wieder aufgetaucht. Sie hält ihn für tot. ‚Dazu noch … vereinzelte spätere Erinnerungslücken nach der Flucht vom Eiland …, die Takatukas Vater ausgelöst haben muss. Ich bin ihm also … wiederbegegnet!‘
Lottas leicht in sich gekehrter Blick wandert zu Böser Wolf. Gerade in Henford hatten sich bei ihrem Wochenendtrip mit Kind Bruchstücke ihrer Erinnerung gezeigt: Mae! ‚Ich liebte einst auch eine Frau! Zur gleichen Zeit scheinbar wie Takatukas Vater!‘ Das sind aber nur widergespiegelte Äußerungen, die sie vor ihrem Gedächtnisschwund einigen Sims an ihrer letzten Heimstatt wohl erzählt hatte. ‚Jorunn liebt Miyu, wie sie offen bekannte und es scheint Ansgar nichts auszumachen. Aber, was würde er … von mir denken?‘ So freimütig wie sich die Welt um sie herum immer geben will, ist sie oft doch nicht, hat Lotta immer wieder festgestellt. Und die fehlende Erinnerung macht es ihr nicht leichter, einige Dinge richtig einzuordnen.
Asante, Elanis Cousin hatte ihr mal erklärt, dass Traumatisierungen Amnesien auslösen können und von Zeit zu Zeit einzelne Bilder wieder auftauchen mögen, die manchmal auch erschreckend sind oder Trugschlüsse ziehen lassen. Er war nicht allein von Malecantus Fluch überzeugt, nachdem immer offenbarer wurde, dass sie eine dramatische Fluchtgeschichte hinter sich hatte und augenscheinlich auch noch verfolgt wurde. Elanis Cousin hatte als Soldat im Krieg auch dessen mentale Folgen kennengelernt und irgendwas war mit Lottas Insel damals geschehen. ‚Ein Überfall …‘
Wie immer! Lotta kommt selten dazu, Gedankengänge mal zu Ende zu fassen … Die Kinderschar vergrößert sich. Die nächsten kleinen Übernachtungsgäste trudeln ein und haben … natürlich Hunger. Lotta hat einen wunderbaren Blaubeerkuchen gebacken und Janine darf sogar auf Takatukas Hochstühlchen Platz nehmen. Die Kleine ist wie die Mama recht großzügig und verteilt gerne, was sie hat.
Janine verdrückt sogar ein zweites Stück auf dem Sofa und Lotta erwägt, noch schnell einen weiteren Kuchen zu backen. ‚Die fressen einem ja die Haare vom Kopf, fast mehr wie die großen!‘ Lotta bewundert und respektiert Dannys täglichen Job gerade umso mehr, derart viele kleine Rangen den ganzen Tag zu bändigen.
„Bla bla bla …!“, versucht sich Jamal am Wort Blaubeerkuchen bei ihr noch, um das Kuchenbegehren noch deutlicher zu machen. Auch inspiziert er neugierig die nächsten Schlafmöglichkeiten. „Nein, kleiner Kumpel! Du schläfst drüben bei Takatuka. Hier ist nur Zugang für Mamis und Papis!“, erklärt Ansgar freundlich, aber bestimmt, als der Kleine sich in Lottas Schlafgemach breit machen will. Selbst Takatuka schläft zum Glück von Ansgar im eigenen Bettchen.
Sorgsam durchsucht er auch noch Jamals kleines Rucksäckchen. Da verschwinden schon beim Kinderskikurs die merkwürdigsten Sachen. Das kennt Ansgar schon. Sein Kinderskikurs läuft aber geordneter ab, als hier die kleine Privatparty der Kurzen, die das ganze Haus auf den Kopf stellen wollen. Lotta begrenzt die Kinder meistens weniger als der norwegische Kinderskikurslehrer.
Nebenbei ist noch Wäsche zu waschen. Ansgar bemüht sich redlich, seinen Anteil an Hausarbeit zu leisten, schließlich schafft Lotta in der Erwerbsarbeit nicht weniger als er, aber puh. Handwäsche … war er in seinem ganzen Leben nicht gewöhnt. Dabei ödet es mehr an, als dass es ihn anstrengt. ‚Wann ist endlich Lottas Wasserleitung fertig?‘ Ansgar hat sich auch immer schon mal nach einer gemütlicheren Couch und einem kleinen Kaminfell umgeschaut, um Lottas Behausung etwas behaglicher zu gestalten. ‚Darf nichts Weltbewegendes sein, sonst nimmt sie es wieder nicht an!‘
Drinnen werden jetzt auch fein brav Hauspuschen getragen, um nicht alles zweimal putzen zu müssen. Manchmal vergisst Ansgar das. Da ist Lotta strenger. Schnell hat er sich in der kleinen Waschkaue noch diese eintönigen Treter bei Lottas kritischem Blick übergestreift … Aber ansonsten ist sie ganz gechillt.
Manchmal weiß Ansgar nicht, was weniger kompliziert wäre: Wenn er wie früher einfach nur Zahlemann und Söhne und alleiniger ‚Ernährer‘ wäre oder das ständige darauf achten müssen, dass Lotta sich nicht bezahlt oder zu finanziell abhängig fühlt. ‚Hat alles seine zwei Seiten.‘ Manchmal hätte er gerne, sie würde ihn mehr ‚brauchen‘, ihn mehr ‚nötig haben‘. Doch sie käme auch wunderbar alleine klar, ist wehrhaft. ‚Sie schmilzt sogar Eisen für weitere Schwerter! Ich hab’s gesehen, auch wenn sie es vor mir geheim halten wollte.‘ Der kleine Hochofen im Garten macht Ansgar in Hinblick auf Brandgefahr keine Sorge mehr. Eher, was Lotta daraus fabriziert.
‚Sie schmiedet selber Wasserleitungen …, hämmert, sägt, feilt, geht jagen …klettert, fährt Ski wie keine andere …‘ Ansgar schrubbt auf Knien heftig die Wäsche. ‚Sie backt die leckersten Kuchen, die ich je aß, pflanzt Kräuter und Gemüse. Ihre Massagen, mhmhmm, sind göttlich. Ihr Tanz … wild bis lasziv.‘
Ansgar wird etwas warm und das nicht vom ‚Wäsche auf Waschbrett‘ Rubbeln. ‚Sie kann so keck und ebenso liebevoll sein. Sie ist keinem … arg zugetan. Ist manchmal … etwas weltfremd und naiv und dann wieder klar und klug. Was … kann so ein argloses wie kraftvolles Geschöpf zugleich … eigentlich stetig zu verbergen haben?‘
Das Lotta was hinterm Berg hält ist Ansgar schon lange klar. Und dass jede*r auch Recht auf letzte Geheimnisse hat … ‚Ja, ja, ja, alles selbstverständlich und ich bin ja auch kein unbescholtenes Blatt, aber trotzdem, trotzdem, trotzdem …‘ Ansgar hat sich mittlerweile ‚stinkenden Wolf‘ geschnappt, der auch ein Bad benötigt. Lotta hängt derweil die ausgewrungene Wäsche auf die Leine. Tatsächlich trocknet die selbst bei Eiseskälte draußen.
Hundemüde begibt sich Ansgar heute als Erster zu Ruh. ‚Puh, drei kleine Racker … auf einmal im Haus! Anstrengend neben Hausarbeit. Anfordernder als ein Kinderskikurs.‘ Er schließt die Augen und schläft sofort ein.
Takatuka lässt der Fantasie auf ihrem Bettchen noch etwas freien Lauf, bevor es ans Schlafen geht. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet Piratenkatze auf einer Fregatte ihre Heldin ist …?
Lotta räumt überall noch auf, bevor die kleine Kinderschar es auf ihre Art und Weise tut. Tommy hatte bereits ihre kleine Handarbeitskiste entdeckt und die ausgedehnten Spielmöglichkeiten mit vielen losen Fäden. Schnell bringt sie die Lütten zu Bett. Danny wird die Schar gleich morgen früh zum Kindergarten abholen.
Am nächsten Morgen ist Lotta als erste auf und die kleinen Übernachtungsgäste schon auf dem Weg mit ihrer Erzieherin. Dem lieben Ansgar hat einer der Knirpse noch ein kleines Andenken auf dem Fußboden vor dem Bett zurückgelassen. Sicherlich Jamal. Eine Duftnote, die nicht Frühstückskaffee heißt, steigt dem Norweger in die Nase.
(Er konnte nicht aus dem Bett, weil die da lag. Riesenhindernis ? ...)
Das restliche Wochenende, das auch im Frühjahr noch immer wenig Wärme in diesen Höhenlagen erreicht, verbringt die Kleinfamilie hauptsächlich mit Lehrmaterial vorm Kamin … Takatuka entwickelt eine eigene ‚Lesetechnik‘. Verwundert nimmt Ansgar kurze Zeit später ein paar herbe Kratzer an seiner Lieblingslektüre wahr: „Lotta, Schätzchen, was ist denn hier passiert?“
„Äh, keine Ahnung, war ganz in mein Buch vertieft!“ Seitdem Lotta lesen und schreiben kann, versinkt sie völlig in den bedruckten Seiten und bemerkt rechts und links … dann gar nichts mehr!
Takatuka ist währenddessen ganz in ihre Klötzchen vertieft und kriegt auch nicht mit, was Ansgar pressiert. Vielleicht auch doch, aber die rote Krabbe auf dem Würfel ist gerade viiiiel mehr interessant. Passt auf den Stapel drauf, hält, wackelt nicht und der Turm fällt auch nicht um.
Ansgar bemüht sich neuerdings, von Lotta das Stricken zu lernen … ‚Ich strick mir auf jeden Fall ein schöneres Teil als du mir diesen Kuhpullover zu Weihnachten …, wenn ich nur endlich mal diese blöden Maschen auf der Nadel behalten würde …‘ Zu Lotta gewandt bekräftigt er an diesem frischen Morgen gerade auf Nachfrage smart lächelnd, wie wunderbar ihr Weihnachtsgeschenk war: „Der schönste Pulli meines Lebens, Schatz!“ ‚Na warte, ich schenk dir eines Tages so ’n Teil mit Hühnerfüßen drauf und wehe, du trägst es mir zuliebe nicht!‘
Lotta lächelt ganz verzückt bei diesem ihr aufrichtig erscheinenden Lob. ‚Wenn es dir sooo sehr gefallen hat und du ja scheinbar Bauernhöfe magst … Hach, mein nächstes Motiv für dich könnten Teichenten werden, Liebster!‘ Sie verrät es noch nicht. Soll wieder eine Überraschung werden! Was fehlende Kommunikation nicht alles anrichten kann …
Die Sonne, die am nächsten Tag hervorkriecht, wärmt zwar nicht den Boden, aber doch zumindest das Gemüt. Lotta schult ihre astronomischen Fähigkeiten an einem Fernrohr, das Oleg ihr in ihrem Garten bereitgestellt hat, seitdem ihm klar wurde, dass Lotta praktische Grundsätze von Physik und Chemie beherrscht, ohne diese Fächer je in einer Schule gelernt zu haben. Das schulische Niveau wurde daraufhin angehoben und Lotta muss noch mehr pauken. Mit Böser Wolf zusammen geht’s noch besser. ‚Gelehriges Tier … Weiß, wann mal Pause sein muss!‘
Ansgar nutzt diese Zeit, um einige Abfahrttechniken zu perfektionieren und Videos davon aufzunehmen, die er gut zusätzlich als Lehrstoff vermarkten kann. Davon hätten sie dann auch in Henford noch Einkünfte … in Form von Tantiemen
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Je näher die Urlaubsreise nach Henford heranrückt, desto mehr sucht Lotta das Vergnügen im Schnee, als wolle sie alles noch einmal auskosten, bevor es losgeht. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass es mehr wird, als eben nur ein Urlaub. Dass eine große Veränderung ansteht, auch wenn Ansgar nicht mehr konkret von seinen Hausbauwünschen sprach.
Im Gegenteil … Endlich hat er ein passendes und erschwingliches Sofa und Fell für die kleine Hütte gefunden und Lotta tatkräftig bei den letzten Schraubverbindungen der Wasserleitungen unterstützt. Nebenbei hatte sie sogar einen kleinen Teppich zum Sofa gestrickt. Ansgars Strickversuche reichen derzeit nicht mal für einen Kinderschal … Macht aber nichts. Dafür hat er die angenehmste Lesestimme, die Takatuka ganz verzückt zuhören lässt. Lotta lauscht auch oft gerne dem Klang seines dunklen Timbres … Böser Wolf scheinbar genauso.
„Heute Abend wird es fließen!“, jubiliert Lotta an diesem späten Nachmittag gerade und öffnet das Zulaufventil für ihr Lebkuchenhaus. Dieses kleine mechanische Kunstwerk wird sogar als praktischer Prüfungsteil für die Schulfremdenprüfung zugelassen. Die kommt aber erst nach dem Urlaub dran. Endlich nicht mehr Schnee für Teewasser einsammeln. Lotta hat sogar einen kleinen Durchlauferhitzer eingebaut. Kein umständliches Wasser aufsetzen zum Wäsche waschen mehr … Ansgar ist sehr erleichtert, auch wenn es … noch lange … keiner Waschmaschine gleichkommt.
Mit Bravour hat Lotta am Vortag bereits die theoretische Fahrprüfung online abgelegt und an diesem Morgen die Fahrpraktische mit Ansgars Hilfe. Der eingeflogene Prüfer hatte sich zwar etwas skeptisch über Lottas unkonventionellen Fahrstil geäußert. Die ein oder andere Schneewehe war Gefahr gelaufen, mal eben so mitgenommen zu werden. Letztendlich wurde ihr aber attestiert, selbst das Sicherheitstraining und den Schleudertest hervorragend bewältigt zu haben – die eigentlich gar nicht an der Stelle vorgesehen waren. Nun ja, Hauptsache, Lotta ist jetzt stolze Führerscheinbesitzerin und …. Tataaaaa.
Ansgar hat ihr sogar den Zweitschlüssel seines Wagens anvertraut. Wenn das nicht Liebe ist …
Tatsächlich beruhigt ihn dabei ungemein, … dass es so viele weich abfedernde Schneewehen in der Gegend gibt. ‚Wehe sie fährt nicht da rein, sondern gegen einen Tannenbaum!‘ Ganz egal ist Ansgar sein schicker teurer Rover natürlich nicht. Auch hat er ihr eingebläut, ja nichts aus dem Motorblock für ihre kleine Metallwerkstatt zu entwenden. Als hätte Lotta sich jeeeeee ungefragt und unerlaubt … irgendwo … Metallbeschläge … besorgt. Nooooin, nieeeemaaaaals. Großes Ehrenwort.
Zur Feier des Tages erfolgt nach Eröffnung des Wasserzuflusses – und vor Ende des Kindergartens - die gegenseitige Belohnung für so viel Lerneifer und Lehrbereitschaft in einem denkwürdigen Erinnerungsstück. „Weißt du noch? Unsere erste gemeinsame Nacht, oben auf dem Berg?“
Leichte Erregung wächst in Lotta heran und nicht deshalb, weil sie gerade das passende Motiv hinter sich an der Wand für Ansgars nächsten Strickpulli entdeckt hat.
Schnell folgt sie ihm nach draußen, als er sie mit koketten Blicken und lockenden Fingern hinter sich herwinkt. „Huhhh!“, Lotta schaut sich vorsichtig um. Es ist noch recht hell am Tag. ‚Du meinst, als ich dich noch gar nicht ausstehen konnte und für einen völligen Eisklotz hielt?‘, kichert sie und folgt Ansgar in das kleine Bergsteigerzelt, das ihnen bei ihrem Auftrag für den Telefonmasten als gemeinsame und recht beengte Schlafkoje diente und nun im Garten steht.
„Dir war aber ganz schön warm neben mir geworden, oder?“, schmiegt er sich neckisch forschend an sie, fährt mit den Fingerspitzen leicht unter das Bündchen ihres flauschigen Pullis, lässt die Haut darunter angenehm kribbeln. „Ich habe vor Wut gekocht!“, haut sie ihm spielerisch auf die freche Hand. „Na klar!“, lacht er zurück und versiegelt ihr die erwartungsvoll geöffneten Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss.
Das Ende vom Lied … Vor Abreise muss die nächsten Tage noch einmal d e r Berg bezwungen werden, der irgendwie auch ein wenig ihr Leben veränderte. Der Ausblick ist so wunderschön wie damals … Diese endlose Weite oberhalb der Baumgrenze.
Damals … Na ja, vor ein paar Monaten ... So lange ist es eigentlich auch noch nicht her, dass sie sich das erste Mal begegneten. Keine*r von ihnen möchte diesen Zufall missen, der sie zusammenführte. Diese Fügung des unvorhersehbaren Schicksals, diese willkürliche Laune der Natur … Wenn es denn so war …
Wie Takatuka es plötzlich schaffte, im weihnachtlichen Koboldkostüm auf der schon fast im Himmel liegenden Anhöhe zu erscheinen … Ein ewiges Rätsel wird das bleiben. Von den EinsA-Ungereimtheiten, denen ein WiWo-Magazin immer wieder auf der Spur ist, wissen die beiden Skandinavier*innen nichts. Schnell machen sie sich mit dem kleinen Koboldkind auf den Rückweg.
Ansgar behält einen Gedanken für sich, der ihm immer wieder durch den Kopf schwirrt. Diese Feengleiche Analogie fällt ihm nicht zum ersten Mal auf. ‚Lotta, ihr Kind, auch der Wolf … sind vielleicht … nicht ganz von dieser Welt? Ihnen haftet etwas Besonderes an ...‘
Andererseits hat Ansgar an Lotta nie etwas Okkultes in dem Sinne wahrgenommen, keine … Präsenz von irgendetwas an ihr gespürt, noch dass sie sich überhaupt mit übersinnlichen Themen beschäftigen würde. ‚Eigentlich wirkt sie wie eine junge Frau, die sich einfach nur mit ganz irdischen Problemen rumschlägt und doch …, als wäre darunter etwas verborgen … was ihr selbst nicht ganz klar ist. Würde … sie mich für verrückt halten, wenn ich … sie fragte, ob sie … an … übernatürliche Wesen … glauben kann?‘ Ansgar stellt diese Überlegung lieber zurück: ‚Sie hat nie … den Anschein gemacht, etwas fragen zu wollen, nichts aus meiner Vergangenheit. Als lebe sie nur im hier und jetzt. Rühr‘ besser nicht dran.‘
Für s e i n e Vergangenheit mag der Norweger das so stehen lassen. Wobei ihn schon manchmal eine scheinbar fehlende Neugier ihrerseits irritiert. Sich ein wenig mehr in ihre vorzuwagen ist ihm hingegen ein elementares Bedürfnis. Es macht ihn regelrecht etwas närrisch, dass sie noch immer sehr zurückhaltend in dieser Hinsicht bleibt. Seine Ungeduld bezwingt nur … die Angst vor eigener Enthüllung. Sonst wäre er … wahrscheinlich schon forscher bei Lotta vorgegangen.
Ansgar ist überzeugt, dass ihn mehr als nur Leidenschaft zu Lotta hinzieht. ‚Irgendetwas ist da, das uns verbindet.‘ Der Vorstellung von Übersinnlichem ist er nicht abgeneigt. Wie könnte er auch …?
In der folgenden Nacht nach ihrer Rückkehr bemerkt er plötzlich eine Leere neben sich und ein heimliches Hinaushuschen. Der Morgen ist nicht mehr allzu weit entfernt. ‚Was hat das zu bedeuten?‘ Sofort ist Ansgar in Alarmbereitschaft. Genau kann er auch nicht sagen, warum.
Plötzlich bewegt sich was hinter dem Vorhang im Garten. Ansgar späht vorsichtig hinaus … und beobachtet eine Weile Lottas ‚ungehöriges‘ Treiben, bis die Sonne sich im Osten langsam erhebt, Lotta wohl gerade ins Haus zurückkehren will und …
… auf der festgefrorenen Schneedecke ausrutscht.
‚Autsch, mein Schatz, dein Lerneifer ist ja bezaubernd. Aber dein nächtliches Rausschleichen rächt sich auch gleich. Erschreck mich nie wieder so …‘ Zufrieden grinsend lässt Ansgar sich in die Kissen zurücksinken. Er hatte schon anderes befürchtet. Manchmal beäugt er auch Brett schief. ‚Da schien auch mal ein Interesse in der Vergangenheit gewesen zu sein. Zumindest von seiner Seite und Lotta ist manchmal einfach zu naiv! Selbst … bei mir!‘
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Nur einen Abend später streicht Ansgar versonnen mit der Fingerspitze über eine alte Narbe seitlich an ihrer Taille und betastet sie etwas eindringlicher. „Fühlt sich wie eine Schnittwunde aus!“, haucht er ihr ins Ohr. Lotta zuckt leicht zusammen, schließt die Augen. Weniger aus Schmerz als den damit verbundenen beklemmenden Empfindungen und bösen Erinnerungen. Der Norweger hatte diese verheilte Verletzung schon länger bemerkt, sich aber mit Nachfragen zurückgehalten und letztendlich weiß er ja, dass sie fechten kann. Aber immer ein bisschen mehr … dringt er vor - in ihre Vergangenheit!
„Sportverletzung?“ Der Finger verharrt genau auf der ehemaligen Schnittfläche. Sekundenschnell rasseln Lotta mehrere Antwortmöglichkeiten durch den Kopf, bevor sie sich für die ihr am harmlosesten erscheinende entscheidet. „Ja, genau. Beim Training für eine Schwertszene!“‚Ich kann ihm ja unmöglich von diesem gefährlichen Überfall und … meiner vampirischen Retterin erzählen. Nachher hält er mich für … verrückt. Ob Ansgar überhaupt weiß, dass es übernatürliche Wesen wie Vampir*innen und Magier*innen gibt? Vielleicht hätte ich ihm … das mit meiner Amnesie, diesem Fluch von Malecantus dann sogar erklären können …‘ Der Magier hatte Lotta jedoch zusätzlich noch einen Maulkorb erteilt, über ihn jemals Informationen preiszugeben, was es dem Rotschopf auch nicht leichter macht, sich irgendwo auszusprechen – außer ihn ihrem engsten Kreis damals.
Ansgar wirkt etwas nachdenklich. ‚Was hatte sie gerade gesagt?‘„Schwertszene? Jetzt erzähl mir noch, du warst am Theater!“ Er lacht dabei zwar ganz locker, knabbert weiter an ihrem Ohr, aber Ansgar hört auch gerade sehr aufmerksam zu - wie immer, wenn was aus ihrem früheren Leben auftaucht und er mehr über sie erfahren kann. ‚Was hat sie denn noch alles gemacht? Eigene Villa mit Erntehandel, an der Schule Sport gelehrt, Adeline zufolge …‘
„Stuntfrau beim Film!“, erklärt Lotta lapidar, ohne sich dabei viel zu denken und dreht sich auf Ansgars Schoß weiter zu ihm hin, um vom Thema Schnittverletzung abzulenken. ‚Ist auf jeden Fall harmloser, als über Vampirfrau und Verbrecher übelster Sorte zu faseln …
Aber Ansgar klappt der Mund einmal auf und wieder zu. „Wow, wie? Los erzähl mehr!“ Jetzt will er doch mehr hören als rumschmusen. Lotta setzt sich grinsend neben ihn und zieht schon ein wenig vom Leder: „Piratenfilme, Bumm Bäng, Rechts link, en Gardé …“ ‚Scheint ihn ja zu beeindrucken. Ja, das war schon spannend gewesen … Und … lukrativ!‘ Lottas Hauptgrund damals für jede Geschäftsidee ...
Ansgar lacht schallend, kitzelt Lotta spaßeshalber durch als Erwiderung: „Ach deswegen hattest du dich im Kino so amüsiert. Waren da etwa Stuntszenen von dir dabei? Bin ich jetzt auch noch mit einer kleinen Berühmtheit liiert? Komikerin könntest du auch werden …“ ‚Hatte ich mir doch immer schon gedacht, dass sie zumindest eine Art Koboldin ist!‘ Der Norweger ist immer wieder recht erheitert von diesem Rotfuchs in seinen Armen.
Lotta macht tatsächlich im Nachgang auf einzelne Szenen aufmerksam, in denen sie von hinten mit Perücke sogar schon mal einen männlichen Schauspieler doubelte. Zärtlich und selbstvergessen streicht sie dabei mit den Lippen über die Narben, die Ansgars Gesicht zieren, während sie eine anregende Anekdote nach der nächsten in seine Ohrmuschel haucht. Lotta ist immer noch mehr zu Zärtlichkeiten aufgelegt und weniger zum Plaudern. ‚Nicht an alten Wunden rühren. Das bringt nichts. Du hast ja selbst welche, mein Lieber … Schöner ist es doch, wenn wir heiter durchs Leben wandeln!‘
„Woher stammen denn deine Narben? Holzfällerglück!“, rutscht ihr gleichzeitig unbedacht raus. Manchmal spricht sie unversehens aus, worüber sie gerade nachdenkt. Ansgars Lippen lächeln noch, aber irgendwie … die Augen eine Nuance weniger.
Diese Augen, die zuweilen … ein Leuchten hervorbringen. ‚Manchmal glänzen und glitzern sie auch‘, erinnert sich Lotta an die Silvesternacht, ‚als er nicht ganz wenig … Alkohol zu sich nahm! Mich hätte die Menge schon umgebracht.‘ Alkohol … ist ihr Kryptonit.
Diese Unverträglichkeit schwächt sie dermaßen … Sie hat Ansgar aber seitdem nie wieder was trinken sehen. ‚Was, wenn er Bier zum Abendbrot tränke wie viele seiner Geschlechtsgenossen und dann … zu mir … ins Bett kröche, mich … liebkoste …?‘ Eine Weile starren sie sich jetzt schon stumm in die Augen, versinken im Blick des anderen - jede*r im eigenen Kopfkino versunken.
Diesmal ringt Ansgar um die bisher noch ausgebliebene Antwort. ‚Ja, in gewisser Weise haben meine Narben mit dem Baumfällen zu tun, der Holzverarbeitung …‘„Arbeit an der Kreissäge! Nicht mehr … von Bedeutung!“ Erschrocken zieht sich Lotta im ersten Moment wie körperlich getroffen zurück: „Du meine Güte, das klingt aber lebensgefährlich! Tut’s … noch weh?“ Sacht nähert sie sich wieder seinem Gesicht. Blickt ihn fragend an, ob es genehm wäre …
„Nicht mehr oder weniger als deine Stichverletzung, Lotta. Du kannst ruhig … drüber streichen!“ Irgendwie will er es sogar, dass sie seine Narben berührt. Sanft küsst sie seine Wunden. Etwas Tröstliches liegt darin, etwas … Heilendes, auch wenn er nicht darüber spricht. Seine Hand sucht seinerseits wieder ihre Narbe an der Taille, umkreist sie vorsichtig. ‚Vielleicht eines Tages … können wir offen reden … Aber Stück für Stück … erfahren wir immer ein bisschen mehr übereinander … Hoffentlich … hält unsere Beziehung das aus. Unsere Liebe! Meine auf jeden Fall! Liebst du … mich eigentlich auch, Lotta?‘
Direkt ausgesprochen hatten sie es nie, aber es fühlt sich für Ansgar durchaus so an, auch wenn Lotta immer wieder zögerlich erscheint und sie noch … zig Baustellen und Fallgruben vor sich haben.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Ich bin gespannt, wann sie sich ihre Geheimnisse anvertrauen. Ansgar hat ja wohl auch einiges auf dem Kerbholz, aber böse Jungs reizen uns Mädel ja immer.
Saunatreffen im Touristikcenter nach getaner Arbeit und anschließend noch Mädels Abend …! Juhuu! Jorunn hatte letzteres nur Lotta vorgeschlagen, der das ganz recht schien. Oleg hat gerade nochmal ordentlich aufgegossen, so dass es schön dampft. Für Publikum ist der Bereich jetzt schon geschlossen.
Ansgars Tante möchte vor der Urlaubsreise nach Henford die junge Frau noch etwas näher kennenlernen und vielleicht auch von ihr mehr über Miyus früheres Leben erfahren … Irgendwann will auch sie sich auf den Weg nach Japan machen … Konkret hat sie darüber weder mit ihrem Neffen noch mit Chef Oleg gesprochen. Aber seitdem Jorunn klar ist, dass Ansgar plant, mit Lotta nach Henford überzusiedeln, macht sie sich auch über eigene Zukunftswünsche Gedanken.
‚Ansgar … braucht mich nun nicht mehr.‘ Seinetwegen hatte Jorunn überhaupt diesen langen Marsch zurück nach Schweden auf sich genommen - für den Schwestersohn. Doch Ansgar hat ihrem Eindruck nach seinem Leben wieder Sinn gegeben und sein Glück gefunden. Jorunn kennt nicht die genauen Umstände eines Unfalls, von dem er nur ihr kürzlich verhalten auf Nachfrage berichtete. Aber sie hatte immer befürchtet, dass ihn insbesondere auch noch ihr Verschwinden nach dem frühen Tod seiner Mutter zu sehr aus der Bahn geworfen haben könnte. ‚Jedoch wirkt er heute recht souverän und … zuversichtlich! Das einige Ereignisse ihn natürlich auch gezeichnet haben und nicht spurlos an ihm vorübergingen … Verständlich! Diese Narben im Gesicht hatte er damals noch nicht, bevor ich verschwand! Natürlich fragte ich nach …‘
Ein paar Facetten an ihrem Neffen waren Jorunn neu gewesen, nachdem sie sich nach vier Jahren wiedertrafen. ‚Er ist natürlich weiter gereift, ist ernster geworden, manchmal etwas sehr bestimmend und beobachtend, … auch … kontrollierend! Ich hoffe, das wird trotzdem eine glückliche Verbindung mit Lotta.‘
Die junge Frau erscheint ihr eine sehr gute Partie für den Neffen zu sein. ‚Freundlich, entgegenkommend. Kein Hasenfuß. Die kann Ansgar auch mal kontern.‘ Jorunn schätzt keine Frauen als Mäuschen. An Miyu hatte sie auch deren Durchsetzungswillen und Forschheit bewundert …neben den lieblichen Kurven und vollen Lippen. Jorunn seufzt einmal tief durch. Die Luft ist wirklich recht dick in der Sauna, nachdem Oleg nochmal Wasser nachgeschüttet hat. Wie gerne hätte Jorunn jetzt die süße Miyu neben sich mit ihrem locker gewellten dunklen kurzen Haar, durch das sie gerne ihre Finger fahren ließ, die sanfte Linie des Halses entlang hinunter zu den satten …
„Kannst du Montag meinen Kletterkurs übernehmen, Jorunn? Ich will noch ein paar Sachen unten in der Stadt vor unserer Reise nach Henford besorgen.“ Ansgar lehnt sich entspannt in der Sauna zurück.
In der dichten Nebelsuppe ist kaum die Mimik der anderen zu erkennen. Welch ein Glück für Jorunn, die gerade etwas aus sinnlichen Tagträumen hochschreckte … „Ähm, äh, ja natürlich, gerne, Ansgar! Wann geht’s denn bei euch los?“
Lotta antwortet an seiner statt: „Übermorgen ganz früh! … … Ich vermisse Takatuka jetzt schon!“ Wehmütig blickt sie zu Ansgar rüber. ‚Warum hatte er nochmal so drauf bestanden ...? Ach ja, mehr Raum … zu zweit und zu anstrengend für Kind … und Einfuhrbestimmungen … für Wölfe. Er hat … bestimmt recht damit!‘
Beruhigend wirft Oleg ein, dass Lotta sich keine Sorgen machen muss: „Hier ist sie bei Danny unter Kindern und Adeline und ich freuen uns riesig, sie mal ein bisschen mehr für uns zu haben. Hei, gönn‘ mir und Adeline doch auch mal mehr Zeit mir ihr. Ohne den Wolf würde der Kleinen was fehlen und wie gesagt … Ich habe einen Trumpf in der Hand, ja sogar zwei, dass ihr auch schön brav zurückkommt!“ Lotta muss ein bisschen schief bei Olegs Aufmunterungsversuchen grinsen. Denn gleichzeitig spürt sie auch sein Bedauern, sollten sie tatsächlich nach Henford übersiedeln. ‚Noch … ist nichts festgemacht. Nur ein Urlaub!‘ Wiederholt Lotta innerlich für sich diese beschwörende Litanei, dass noch nichts in trockenen Tüchern sei.
„Könnte hier sehr einsam werden, wenn alle gehen!“, wirft Oleg etwas untröstlich wirkend nun doch in die Runde. Er hatte ja nie damit gerechnet, hier alte Bekanntschaften zu treffen wie auch ihm sehr wertvolle neue zu schließen. Ansgar und dessen Tante Jorunn schätzt er ausgesprochen, Lotta und Kind sind ihm mittlerweile sehr ans Herz gewachsen. Dass Ex-Schulkollege Brett nur für die Saison mit Freundin hier sein würde, war ihm von Anfang an bekannt
Über Jorunn von Miyu zu erfahren hatte Oleg zudem eine immense Last von den Schultern genommen. Irgendwie hatte er sich immer schuldig an ihrem scheinbaren Tod gefühlt. Weil er ungeahnt vollgedröhnt war in der Nacht, weil er ihre Bemühungen nicht wirklich wertgeschätzt hatte, weil er ihr zuweilen in den Rücken gefallen war … für das eigene Fortkommen.
Manchmal hatte er sich eingebildet, dass es seine Aufgabe gewesen wäre, sie heil nach Hause zu begleiten in der desaströsen Nacht. Natürlich hatte Adeline Recht, als sie ihm immer wieder versicherte, dass Miyu solch ein Angebot wohl lachend abgelehnt hätte und er sich unnötig selbst belaste, ja geradezu irrational denke. Das Schuldgefühl resultierte letztendlich aus einem empfundenen Konkurrenzverhalten, das ihn damals als Konrektor mit der Schulrektorin und ihren so anders gearteten Ideen auf unglückliche Art und Weise verband.
„Hast du schon … Pläne, Jorunn? Wegen … Japan?“ Vorsichtig tastet sich Oleg an das Thema heran. Er würde Jorunn gerne hierbehalten, aber es stand auch von Anfang an im Raum, dass sie irgendwann im Frühjahr nach Miyu suchen wollte. Sie hatte nur nie wieder darüber gesprochen. Gerne würde ihr Oleg ein paar Zeilen, ein paar Grüße für Miyu mit auf den Weg geben, ein Zeichen für Anerkennung und Entschuldigung zugleich.
Alle Augen sind auf einmal auf Jorunn gerichtet. „Ich … also … so ganz genau … Ich bin auf jeden Fall nach eurem Urlaub noch hier!“, richtet sich ihr Blick vor allem auf Lotta und Ansgar. Sie muss ja auch noch ein paar Kröten zusammenkratzen, um sich überhaupt ein Flugticket nach Japan leisten zu können. Garantiert macht sie sich nicht wieder auf einen langen Fußmarsch.
„Das will ich doch hoffen!“, entfährt Lotta ein kleiner erstickter Aufschrei und Ansgar nickt sehr ernst dazu. „Hau uns ja nicht einfach so ab, Jorunn. Das verkrafte ich nicht nochmal.“ Lottas Kopf wippt bejahend auf und ab: „Ich-ich … muss … Du … Also, ich muss dir auf jeden Fall einen Brief für Miyu mitgeben. Ich will sie auch wiedersehen. Am liebsten … würd‘ ich mit dir gehen! Du-du musst anrufen, sobald du sie angetroffen hast. Oh bitte, lass sie mit ihrer Tochter die Hütte erreicht haben. Das würde ich nicht verwinden können, wenn die beiden es nicht geschafft hätten.“
Fast allen Saunenden treten gleichzeitig die Tränen in die Augen, als Lotta die schlimmsten Befürchtungen in den Nebel verhüllten Raum stellt. So manchen ist der Dunst jetzt gerade sehr recht. Ansgar ist noch am wenigsten betroffen, da er Miyu nicht persönlich kennt.
Jorunn hingegen trifft es gerade mitten in die Magengrube. Diese Option hatte sie immer weit von sich schieben wollen, auch wenn ihr damals bewusst war, als sie Miyu verließ und nach ihrem Neffen suchte, dass sie die Geliebte vielleicht zum letzten Mal lebend sah. Sie hatte dem Wohlergehen des Sohnes ihrer zu früh verstorbenen Schwester Priorität eingeräumt und Miyu hatte das als Mutter verstanden.
Jetzt aber rückt für Jorunn die Geliebte an erste Stelle, denn dem Neffen … geht es … hinreichend gut. Und der hebt dankenswerter Weise wieder das Prinzip Hoffnung hervor. „Wenn diese Miyu auch nur eine halbwegs so starke Frau ist wie du, Jorunn oder auch meine liebe Lotta hier, dann ist sie schon längst auf den letzten Meilen zu ihrer japanischen Skihütte unterwegs. Warum sollte sie nicht schaffen, was ihr beiden zähen Gestalten bereits hinter euch gebracht habt? Und wie ich euch kenne … kennt ihr nur ganz ordentlich taffe Mädels!“ Gerade hat sich Lotta in diesen wortgewandten Schurken regelrecht neu verliebt. Ansgar lässt sich gerne für seine eloquente Mut Mach Arie von ihr herzen und knuddeln. ‚Er hält mich für taff und stark – trotz meiner mangelnden Schulbildung und oftmals dummen Fragen!‘ Weitere Küsse regnen auf ihn herab.
Auch Oleg atmet wieder etwas leichter durch. „Ich würde dir auch gerne was für Miyu mit auf den Weg geben, Jorunn. Das wäre mir sehr wichtig. Und ich kann Ansgar nur bestätigen. Miyu hat schon, bevor ich sie kannte, Unglaubliches geschultert. Sie schafft es! Garantiert!“ Heute kann Oleg nur noch über seine kleinkarierte Verblendung schmunzeln, als er glaubte, Miyu mit ihrer sozialpolitischen Vorgeschichte und unorthodoxen Ausrichtung sei ein unmoralisches Angebot an den Schuldienst gewesen.
„Sie ist übrigens auch eine hervorragende Skiläuferin und sportlich, was Klettertouren angeht. Auf ihre Kochkünste würde ich hingegen verzichten und Kaffee kochen war schon gar nicht ihre Stärke!“‚Nein das hatte Adeline besser drauf gehabt …‘ Manchmal fällt Oleg noch immer in seinen Chauvinismus zurück. Wer außer Adeline könnte es an seiner Seite aushalten? Die französische Kunstpädagogin pflegt selbst noch überkommene Vorstellungen von der Aufteilung der Geschlechterrollen. „Denkt mal über ein Jobangebot hier nach!“, fordert Oleg ganz herzig Jorunn auf, seine ehemalige Chefin Miyu für seinen Betrieb anzuwerben.
‚Dann wäre ich tatsächlich am Ende doch noch i h r Boss, he he!‘ Oleg kann’s nicht ganz lassen …
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Später sind Jorunn und Lotta nur noch unter sich im Salon. Lotta ölt sich gerade die Hände ein, Jorunn macht es sich auf der Liege bequem. „Deine Massagen sind so wunderbar belebend, Lotta! Was ist eigentlich dein Geheimnis?“ Die Kundschaft steht bei ihr Schlange und Lotta bekommt das meiste Trinkgeld. „Kräftige Hände!“, grinst Lotta nur und legt schon los. Oh ja, die Griffe gehen in Mark und Bein, wie Krebse zwirbeln sie Hautschichten, durchbluten die Muskulatur und dann wieder diese entgegengesetzten Schmetterlingsflügelgleichen perlenden wie prickelnden Streicheleinheiten ... Jorunn kann sich gut vorstellen, wie Ansgar unter ihren Berührungen und Zärtlichkeiten zerfloss - wobei hier keinerlei Anzüglichkeiten mit Lottas Handgriffen verbunden sind. Es ist … eine abwechselnd erfrischend zupackende wie liebevoll sanftmütige Art, die sie einfach allgemein angedeihen lässt.
Ein bisschen fragt Jorunn Lotta nebenbei nach ihrem früheren Leben aus, nicht zuletzt auch, um ein bisschen mehr über Miyu zu erfahren. Sie war schockiert gewesen, als sie nach ihrer Ankunft hier erfuhr, wovor Miyu und Yuna flohen und dass sie für tot galten. Nichts davon hatten Mutter und Tochter damals ihrer kleinen Fluchtgemeinschaft aus dem Serail offenbart. Miyu hatte das alles für sich allein getragen. ‚Wäre ich auch gegangen, wenn ich das damals gewusst hätte?‘ Jorunn kann es heute nicht mehr mit Gewissheit sagen. ‚Hätte, hätte, Fahrradkette …‘
Noch erstaunter ist sie, als sie erfährt, dass Miyu ein Samurai Schwert zu führen weiß. „Ja, wir hatten mal ein bisschen miteinander trainiert, Miyu, ich und noch zwei andere Frauen. Elani hatte sie sehr gemocht, aber …“ Augenblicklich stockt Lotta. Ihre Hände verharren in der Luft. ‚Was erzähle ich denn Jorunn hier gerade, in wen Miyu mal verknallt war …? Bin ich blöd?‘ „Ähm, also ich meine, Elani war auch eine unserer lieben gemeinsamen Freundinnen, die sich leider nach den ganzen schrecklichen Ereignissen mit ihrer Familie nach Kenia zurückzog.“
Lotta setzt wieder ihre kunstvolle Massage an Jorunns Rücken fort. Die ältere Frau hat schon verstanden, was der Rotschopf gerade andeutete. Aber sie schweigt dazu. Natürlich hat jede von ihnen auch ihre Vergangenheit und Elani schien ja auch nur eine unerfüllte Sehnsucht von Miyu gewesen zu sein. Es ist nicht leicht … Gleichgesinnte zu finden, weiß auch Jorunn. ‚Dennoch scheint die drei Frauen eine gute Freundschaft verbunden zu haben.‘
Jorunn lässt sich das Gehörte noch ein wenig durch den Kopf gehen: „Du sagtest … ‚Familie‘? Hatte diese Elani auch Kinder … und … Mann?“ Lottas Hände kreisen gedankenverloren auf der Stelle. ‚Wie soll man das erklären? Den Unhold der Unholde! Der, dem ich die Stichwunde verdanke, der Yuna entführte und Elani wie Keito das Leben zur Hölle machte. Der, der Miyu nach dem Leben trachtete …‘
Eine Weile ist es still im Raum und Jorunn wartet einfach nur ab. Lottas Gedanken wandern durch Zeit und Raum … Plötzlich muss sie kurz kichern: „Miyu hatte mich auch nicht ganz kalt gelassen. Ich verstehe dich schon, Jorunn. Aber sie hat mir schnell klar gemacht, dass ich ihr viel zu jung bin.“ Wirbelndes Stakkato auf Jorunns Rücken …
„Ayyy!“, schreit die Durchgehackte kurz auf, aber mehr aus einem Erstaunen heraus, denn aufgrund eines Schmerzes. „Oh, entschuldige, Jorunn!“ Wehklagen kennt Lotta bei der Arbeit im Salon sonst eigentlich nicht, außer das eine Mal, als sie den frechen Ansgar etwas durchtrieben ‚verarztete‘. „Alles, … alles gut!“, winkt Jorunn schnell ab und denkt gleichzeitig: ‚Oder auch nicht! Lotta steht also … auch auf Frauen! Oh, Ansgar. Die Konkurrenz, die du fürchtest, könnte also weitaus größer sein als von dir geahnt. Allein die Erwähnung des Namens Merlin hatte dich ja neulich schon ein bisschen aus dem Häuschen gebracht.‘
Das war Jorunn erst später nach der Teerunde aufgegangen, dass es Ansgar bei seinem Katz-und- Maus-Fragespiel gar nicht um die Immobilie ging, sondern einen möglichen Bewohner darin. Nach einer Bewohnerin … hatte er nicht gefragt. ‚Ansgar muss sehr viel an Lotta liegen. Ich kenne meinen Neffen eigentlich nicht eifersüchtig … Oder haben ihn die Lebensereignisse auch hierin noch nachgeprägt? Verrenn‘ dich bloß nicht … Lotta scheint umgekehrt keine Eifersucht zu kennen oder es ergab sich umgekehrt noch keine Gelegenheit dazu.‘ Bislang hatte Jorunn an Lotta nicht beobachten können, dass diese etwas über mögliche Vorgängerinnen bei Ansgar wissen will. ‚Auch jetzt macht sie keinerlei Anstalten ... Sie könnte mich ja auch ausquetschen …‘
„Wie es wohl Elani geht? Sie hatte übrigens einen Sohn in Yunas Alter. Ich hatte ja deine Frage noch gar nicht beantwortet, Jorunn.“, knüpft Lotta an Jorunns Erkundigung an. „Ihr ‚Mann‘?“ Dieses Wort spukt Lotta schon fast verächtlich aus. „Er war der Unheils Bringer über alles!“ Jorunns Rücken überzieht eine Gänsehaut. Nie zuvor hatte Lottas Stimme in solcher Weise geklungen. Jorunn spürt direkt am Leib, wie sich Lottas Hände verkrampfen …
Die ältere Frau setzt sich schnell auf, als sich Lotta mit schmerzverzerrtem Gesicht plötzlich abwendet. Jorunn eilt um den Massagetisch herum und nimmt die Jüngere einfach in die Arme. Eine Weile halten sich beide still fest. Jorunn ist an diesen alten feisten Sack von Sultan im Serail erinnert. ‚Ja, uns beide verbindet wohl mehr gemeinsame Lebenserfahrung als gedacht … ‚
Die beiden Frauen lassen sich zusammen auf der Polsterecke im Raum nieder. Lotta schnieft noch einmal ordentlich durch, wischt wütend eine Träne weg. „Elani war das genaue Gegenteil von Terence und sie hatte ihn zuletzt auch rausgeworfen. Sie war viel zu gutmütig … Hat viel zu lange ausgehalten. Hätte mich jemand so behandelt, dem hätte ich aber rechts und links mit meinen Rapieren Breitseite gegeben. Kiel geholt hätte ich den. Lotta schlägt sich mit der Faust in die offene Handfläche. Wir haben sie nicht für ihr zu langes Ausharren bei ihm verurteilt. Aber ich glaube, sie selbst sich oft genug. Auch wegen ihrem Sohn …“
Besänftigend streicht Jorunn Lotta über den Rücken. „Hast du noch Kontakt zu ihr?“ Betrübt schüttelt Lotta verneinend den Kopf. Damals - das heißt, eigentlich nur vor Monaten - war sie Hals über Kopf aufgebrochen. Ihr war alles zu viel gewesen. Sie hatte nur das kaputte Handy eingesteckt, an dessen Daten man nicht mehr rankommt, und noch ein paar Sachen und war dann losgezogen - nach Schweden. Sie hatte sich kaum richtig verabschiedet noch irgendwelche weiteren Kontaktdaten erfragt. Sie weiß nicht genau, wo in Kenia die Familie Ogbanda unterkam. Sie weiß nur, dass dies der Name von Elanis Herkunftsland war. „Ihr Cousin Asante hatte sie in ihr Heimatland begleitet. Eigentlich hatte er in Britechester studieren wollen. Alle Zukunftspläne zerstört!“
„Studieren?“ Jorunn kalkuliert kurz durch. Elani müsste älter sein bei einem Sohn in Yunas Alter und der Student mehr in Lottas …, außer er wäre ein Spätberufener gewesen. „Oh ja, er hatte ein Stipendium für den Sportbereich. Wir spielten öfter mal auf dem Platz vor meinem Haus Basketball mit Merlin zusammen.“ Arglos wie Lotta daher plappert … ‚Noch mehr Namen! Dreh bitte nicht durch, lieber Neffe und sieh nicht in allem Konkurrenten!‘, fleht Jorunn innerlich. „Da bin ich auch Miyu das erste Mal begegnet …!“ ‚Uff, Lotta!‘ Jorunn windet sich innerlich. Muss ja ein belebter Platz vor ihrem Haus damals gewesen sein.
„Was denkst du … wie Ansgar das fände, wenn er wüsste …?“, fragend blickt Lotta Jorunn nun direkt an. „Ich meine … bei dir … stört es ihn doch nicht, dass du Frauen magst, oder?“ Jetzt beißt sich der Rotfuchs doch etwas verzagt auf die Lippen.
‚Tja, bei mir stört ihn das nicht, bei dir … weiß ich es nicht!‘ Etwas hilflos zuckt Jorunn mit den Schultern und weiß nicht, was sie am besten antworten soll. ‚Das wird ja doch noch ordentlich kompliziert werden …‘ „Ich … Weißt du, ich war vier Jahre fort. Da verändert sich … ein Mensch auch manchmal.“ Einen kurzen Moment schaut Jorunn die jüngere Frau nur schweigend an, bevor sie sich konkreter vorwagt: „Hast du irgendwie … eine Priorität, ob Mann oder Frau, Lotta?“ Der Blick, den Jorunn erntet, ist reinstes Erstaunen und die Antwort ein klares: „Nein!“ Als wäre das eine völlig überflüssige Frage. Lotta liebt einfach … Menschen.
‚Nun, lieber Neffen, das heißt fifty-fifty sind deine Chancen, wem sie sich vor oder nach dir zuwendet.‘ Sei am besten froh, dass jetzt gerade deine Zeit ist.‘ Ein wenig ist Jorunn amüsiert. Ein anderer Umstand war Jorunn nämlich auch noch an Lotta aufgefallen. Sie scheint so gar kein Interesse an dem vorgeblich wichtigsten Tag im Leben einer Frau zu haben. Nun gut, dass trifft auf Jorunn selber gleichermaßen zu, die die Ehe sowieso nur für ein kapitalistisch-ökonomisches Zweckbündnis hält. Doch Lotta scheint weder dieser staatlich geförderten Institution zugetan noch ihr abgeneigt zu sein. Vielmehr scheint sie kaum etwas über diese Art zeremoniellen Gelöbnis mit anschließendem steuererleichterndem Trauschein zu wissen.
Olegs und Adelines Hochzeitsvorbereitungen für den Sommer quittierte sie mit artigen Höflichkeiten, als gehe es um die nächste Geburtstagsfeier oder ‘ne einfache Gartenparty. ‚Hei, Hauptsache Spaß!‘ „Gibt’s Kuchen?“, war noch ihre wichtigste Frage. „Soll ich einen backen?“ Auch Adeline hatte wohl erfasst, dass Lotta glatt eine ihrer Torten vom Teenachmittag servieren würde und hatte schnell abgewunken, so lecker sie auch sein mögen. Aber der Französin hatte doch so eine echte mehrstöckige Hochzeitstorte vorgeschwebt.
‚Wie Lotta wohl reagiert, sollte Ansgar je auf die Idee kommen, ihr mal einen Heiratsantrag zu machen?‘ Jorunn hat jetzt direkt etwas Mitleid mit ihrem Neffen. ‚Oh je, er vertieft sich da schon ziemlich mit Haus, Hof und so weiter. Vielleicht ja deswegen manchmal so dieses Nachhaken von wegen Vorgänger …, wobei er bisher nicht auf die Idee kam… auch nach Vorgängerinnen zu forschen.‘
Lotta brennt jetzt wohl noch etwas auf der Seele, was sie mal loswerden muss. Jorunn macht sich bereit für die nächste Offenbarung … „Tja also, weißt du … ich hatte wohl nicht nur eine offene Neigung bezüglich … des Geschlechts!“‚Nein, Lotta, was denn noch?‘ Jorunn ist ja offen, sich alles anzuhören und alles hinzunehmen. Wie Ansgar das hält? Nun das ist eine andere Frage …
„Die Zeit … wann, wer, wie, wo … war wohl auch nicht so eindimensional!“ ‚Komische Formulierung, als sei sie sich nicht sicher, mit wem sie wann, wie, wo … Aber das liegt wohl an der etwas schambehafteten Beichte, gleich mehrere Eisen im Feuer gehabt zu haben. Wieviel waren das auf dem Basketballfeld: Merlin, Asante, Miyu …? Besser, Ansgar hört keine weiteren Namen …‘. „Ich weiß, das macht man hier so nicht …“‚Mhm, was meint Lotta mit ‚hier‘? Ist das anderswo … anders?‘ Jorunn schlägt sich dann aber fast vor den Kopf. ‚Woraus bin ich denn geflohen … und sahen wir es nachher nicht alle etwas lockerer - nach den Erfahrungen …?‘
Die ältere Schwedin reißt sich jetzt mal etwas zusammen und versucht ein bisschen Schützenhilfe für die junge Frau zu geben. Scheinbar sucht sie einen Rat oder versucht sich selber zu verstehen: „Lotta, was vorher war oder später mal sein wird … Wir alle können doch nicht in die Zukunft sehen und die Vergangenheit darf auch ruhig mal etwas ruhen. Wie denkst du denn jetzt im Augenblick oder für eine näher überschaubare Zeit? Liegt dir was an meinem Neffen?“ ‚Oh, was für ein verliebter Augenaufschlag!‘ Ja, d a s hatte Jorunn sehen wollen. „Und schlägt dein Herz für noch jemand anderen? Kannst du dich nicht entscheiden?“, hakt die Ältere freundlich nach. Heftiges verneinendes Kopfschütteln. ‚Na, umso besser!‘
„Lotta, das kann passieren, das man jemanden liebt und sich wieder verliert und in jemand anderes verguckt, während die alte Beziehung noch nicht ganz abgeschlossen ist. Aber mach‘ dir das nicht ewig zum Vorwurf und lass dich deswegen nicht von einer neuen Beziehung abhalten.“‚Ja, so muss es gewesen sein, eine Übergangssituation …‘
Lotta ist zwar jetzt nicht ganz so überzeugt von dieser Variante wie Jorunn, aber andererseits … ‚Weiß ich das Gegenteil? Ich kann mich ja gar nicht mehr selber richtig erinnern, kenne es nur aus zweiter Hand, nur als Wiedergabe meiner früheren Worte wie es sich mit Takatukas Vater lebte – und Mae. Ach was soll’s …Jorunn hat recht!‘ Beglückt lächelnd zuckt Lotta beide Schultern: „Du hast das so schön erklärt, Jorunn … Ich bin froh, mit dir gesprochen zu haben!“
Jorunn ist gerührt: „Habe ich dir damit ein wenig die Hemmung nehmen können, Lotta, dich ganz und gar auf Ansgar einlassen zu können?“ ‚Na, da habe ich einem jungen Glück wohl gerade etwas auf die Sprünge geholfen …‘
„Schon, aber …“‚Mhmmmm?!‘ Jorunns Blick wird jetzt doch ein wenig streng, fast wie bei Ansgar, wenn er etwas ungehalten wird. ‚Was brauch‘ die junge Dame denn noch alles als Gewährleistung? Das mit dem Haus, Einkommen, Haushalt und Kind macht er doch schon alles mit …!‘
Lotta erkennt die etwas veränderte Mine an Jorunn und deutet falsch: „Nichts wegen irgendwelchen anderen … Nein, nein. Nur … Also, hatte Ansgar dieses … besondere Leuchten schon immer in den Augen?“ Diese Frage musste jetzt noch raus. Sie hat sich so viel bei Jorunn jetzt getraut. Ein bisschen wie bei Elani damals. Irritiert schaut Jorunn an die Decke und grübelt: „Leuchten?“ ‚Was meint sie damit?‘
„Na ja so … leuchten halt. Sehr … intensiv!“, druckst Lotta herum, die diese sekundenschnellen Momentaufnahmen bei Ansgar nicht ganz konkret im Gedächtnis abrufen kann. Da war diese eine mondhelle Nacht vor meinem Fenster … und … neulich in der Werkstatt …
Jorunn lächelt auf einmal wieder, scheinbar verstehend. ‚Ja, Ansgar ist schon sehr angetan von der jungen Frau hier. Das fällt doch allen auf …‘: „Seine Augen leuchten jedes Mal, wenn er dich nur ansieht, Lotta, Schatz!“
„Ahhh!“, macht Lotta große Augen. ‚S o hatte ich das noch gar nicht gesehen!‘
Die ältere Schwedin wird auf einmal sehr ernst. „Schwöre mir, dass du gut auf meinen Neffen achtgibst, Lotta und … tue ihm nicht weh. Er hat wie du schon sehr viel erlitten!“ Bestürzt wendet sich der Rotschopf zu Jorunn um. „Das habe ich doch nicht vor!“ ‚Es wäre nie meine Absicht …‘ Lotta wird immer klarer, dass nicht nur sie Schutzmauern und Vorsichtsmaßnahmen um sich errichtete … und nicht nur sie verletzt werden kann.
„Bei meinem Leben!“, versichert sie nachdrücklich mit Fingerschwur und hofft, dieses Versprechen auch halten zu können.
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Ansgar hatte ihr die Abreise, die sie mit Anspannung erwartet, am Vorabend noch schmackhafter gemacht, indem er Lotta Ideen an die Hand für ein kleines Gewächshaus gab, das sie nach ihrer Rückkehr zusammen in ihrer kleinen Kate errichten würden: „Und die notwendigen Setzlinge bekommen wir auf jeden Fall in Henford wie auch das ein oder andere Zubehör für die Hängevorrichtungen …“
Das vermittelt Lotta ein Gefühl von Gewissheit, dass ihre kleine Hütte, ihre kleine Fluchtburg, nicht in Vergessenheit geraten und auch weiterhin gehegt und gepflegt werden würde. Der Abschied von Takatuka für die Urlaubswochen fällt trotzdem schwer, wenn auch tägliche Videotelefonie oder zumindest das Schicken von Fotos vereinbart sind. Das Kind ist mit dem Wolf schon den gestrigen Abend bei Oleg und Adeline geblieben. Die Verabschiedung war hart für Lotta gewesen, aber sie vergoss keine Träne vor ihrem Kind. Nur später … in der Nacht.
Alles ist gepackt. Ansgar trägt den letzten Koffer in seinen Rover. Bis zum nächsten Flughafen brauchen sie eine Stunde. Lotta wirft einen letzten Blick in den Spiegel.
Sie hatte noch schnell ihre glänzend knöcherne Kette mit eingepackt, die sie bei ihrer Ankunft in Nordschweden in dieser kleinen Höhle fand und die ihr irgendwie … ein kraftvolleres Gefühl vermittelt. ‚Schwerter kann ich ja schlecht einpacken. Ansgar meinte, alle spitzen Gegenstände wären beim Fliegen verboten. Ins Handgepäck dürfe nicht mal eine Nagelfeile. Was hätten die wohl zu meinen Rapieren gesagt?‘
„Setz dich schon mal in den Wagen!“, fordert Ansgar sie auf, als er in die schmale Küche zurückkehrt. „Hab‘ noch ’ne Kleinigkeit vergessen. Komme gleich nach!“ Er wartet tatsächlich, bis sie den Raum verlässt, bevor er sich auf die Suche nach der vorgeblichen Kleinigkeit macht. Seine Hand stockt vor der Schublade, aus der sie am Morgen noch die Kette fischte. Jetzt liegt nur noch das kaputte Handy darin. ‚Mist, dass es ausgerechnet dieser Idiot sein muss, der sich darauf versteht …!‘ Ein übler Grund mehr, Moonwood Mill nebenbei aufzusuchen, was Ansgar sehr aufstößt! Und dennoch …
Mit einem Ruck öffnet der Norweger entschlossen die Lade, greift nach dem Handy und schiebt das Schubfach mit Schwung wieder zu. Er tritt einen Schritt zurück, nun doch wieder mit zweifelndem Blick auf das kleine flache Gerät in seiner Hand. ‚Das ist Mist, was du hier tust. Das kann alles Vertrauen, das du so mühsam zu ihr aufzubauen versuchst, mit einem Schlag wieder kaputt machen. Tu das nicht!‘ Minutenlang steht er wie erstarrt da, wägt im innerlichen Kampf das Für und Wider ab …
Ein Geräusch an der Küchentür lässt ihn rumfahren. Das Handy verschwindet augenblicklich in seiner Jackentasche. „Gefunden oder kann ich suchen helfen?“ Lotta wurden im Wagen die Füße etwas klamm.
„Nee, alles klar, fahren wir!“, schiebt Ansgar sie nach draußen – mit schweißnassen Händen.
Man hatte sie nach der surrealen Zeremonie mittels tibetischer Klangschalen unter Mondenschein für die nächste Nacht in einem nah gelegenen Kloster untergebracht. Versonnen starren die drei Ogbandas am Morgen eine Weile auf die Flamingo farbene Flasche vor ihnen, deren Herr*innen und Meister*innen sie nun selber sind – mit … einigen Einschränkungen!
„Asante, lies bitte nochmal nach, was wir jetzt beachten müssen. Irgendwie versteh ich das noch nicht richtig. Sind wir jetzt frei oder nicht?“, drängt Elani ihren Cousin zweiten Grades dann doch nach einer Weile, die mitgegebene Lektüre ein weiteres Mal zu studieren. Keito runzelt leicht genervt die Stirn: „Ma, kapier es doch endlich, wir sind weiterhin Magier*innen. Aber wir haben es jetzt selber in der Hand, ob wir die Flasche aufsuchen oder nicht. Ich für meinen Teil wüsste allerdings nicht, was ich in dem Ding noch verloren hätte. Schmeißen wir die Buddel doch einfach weg!“
Schweigend studiert sein Oheim Seite für Seite eines schmalen Buchbandes, ganz vertieft in dessen kryptische Ausführungen. Elanis Blick schweift derweil über die nahen Frühlingsboten draußen vor dem Fenstergitter. Reihen von noch nicht erblühtem Jasmin und einzelne Oleanderbüsche ziehen sich die gewundene Straße entlang. ‚Im Sommer muss es die reine Farbenpracht sein!‘, schmeichelt sich ein farbenfrohes Bild in Elanis schwermütige Gedanken, während sie sich zur Geduld ermahnt. ‚Asante erschließt sich neue Sachverhalte schnell. Aber das hier ist wohl kompliziertere Materie. Lass ihn also in Ruhe zu Ende lesen.‘ Ihre nervös im Schoß ineinander verkrampften Finger strafen ihre ansonsten entspannt aufrecht wirkende Statur Lügen.
„Sollen wir uns nicht endlich mal an diesem Mega-Kessel versuchen, den sie uns extra hergeschafft haben!“, poltert Keito hitzig in Elanis Überlegungen, die kurz erschrocken zusammenzuckt. Der Teen will endlich seine magischen Fähigkeiten erproben. Wozu hat er sich denn sonst ungefragt dazwischen geschmissen, um auch was von dieser, was auch immer Strahlung abzubekommen, die Asante eigentlich nur seiner Mutter zu erdacht hatte?
‚Ma wollte es doch gar nicht!‘ Keito richtet sein Augenmerk nur kurz auf Elani. ‚Sie ist immer noch unglücklich über die Wandlung!‘ Doch im nächsten Moment schon ist er wieder von diesem riesigen, riesigen Metall-Kessel abgelenkt, den er durch die offene Tür erspäht hat. „Da lässt sich doch bestimmt eine Riesenportion Käse Makkaroni drin brauen!“, versucht er seine Mutter etwas aufzuheitern. Sie tut ihm schon etwas leid. ‚Asante hatte Ma gar keine Wahl gelassen, während mein Onkel diesen Weg für sich selber entschied - wie ich auch.‘
Elani zeigt ein leichtes Schmunzeln über Keitos Schabernack. ‚Hauptsache, er ist mit der Situation im Reinen … Dann will ich auch lernen, irgendwie damit fertig zu werden! Vielleicht … kann ich ja meinen Kochkünsten noch was Magisches einverleiben, was Unvergessliches! ‚Hier bitte, probieren Sie, mein Herr, werte Dame! Ganz köstlich diese Suppe. Einfach F a n t a s t i s c h. Garantiert erwächst Ihnen heute daraus eine lange Nase oder ein Paar Eselsohren … Die Fünf-Sterne-Köchin kann nicht wirklich über solche Aussichten lachen. Wobei … Mhm. So Manche*r … hätte es vielleicht verdient!‘
Der nach wie vor immatrikulierte Sportstudent wie auch fahnenflüchtige kenianische Soldat lässt sich von seiner Umgebung nicht weiter stören. Unbeirrt geht Asante eine verschnörkelte Passage nach der anderen in dem vor ihm auf dem Tisch liegenden Buch durch, ohne den Kopf auch nur einmal anzuheben. Elani beneidet ihren Cousin in diesem Moment um die Fähigkeit, sich so vollständig in eine Lektüre zu versenken und durch nichts ablenken zu lassen.
Keito wägt kurz ab, ob er schon rüber laufen und diese Riesenklangschale einfach mal austesten soll, entscheidet sich dann aber doch seufzend, auf seinem Platz zu bleiben und Asantes Erkenntnisse zu ihrem jetzigen Dasein abzuwarten. *Seufz*„Und? Schon was Neues rausgefunden?“ *Seufz, Stöhn*
Asante zeigt noch immer keine Regung. Außer einem leisen Papierrascheln ist von ihm nichts zu vernehmen, bis … er das Buch unvermittelt mit einem Schwung zuklappt und mit sehr ernster Miene verkündet: „Wir dürfen die Flasche keine Sekunde aus den Augen lassen! Wir dürfen n i e m a l s alle zur gleichen Zeit dort drinnen weilen! Eine*r muss immer Wache halten!“ Eindringlich fixieren seine leicht zusammengekniffenen Augen die beiden magischen Neulinge vor ihm. Was die beiden nicht wissen …: Asante hatte Vorkenntnisse, die ihm gewissermaßen einen Vorsprung gewähren! ‚Dieser studentische Zauberorden macht sich jetzt direkt für mich bezahlt! Nicht mal Preity oder Yasemine ahnten das Potenzial dahinter …‘
Der kenianische Sportstudent ist nicht unzufrieden mit der Entwicklung und grämt sich ganz sicher nicht so wie Cousinchen Elani, die nun mit weit geöffneten bangen Augen entsetzt nachhakt: „Wieso, was, weshalb, warum? Was passiert denn dann …, wenn … nicht?“ Selbst Keito schenkt Asante jetzt seine ganze Aufmerksamkeit: „Mist, ich dachte, die Flasche wären wir los! Hab‘ doch den höchsten Einsatz entboten für die Goldversion an Flaschenlösung!“ ‚Hat mich diese tibetische Nonne etwa reingelegt?‘
„Ja ha!“, lacht Asante nun leicht spöttisch. „Wir Flaschengeister*innen haben nun keine Flaschenmeister*innen mehr, können unsere noch ausbaufähige Magie ohne ein ‚Wünsch dir was‘ irgendwelcher Herr*innen ausleben, müssen nicht mehr fremden Befehlen gehorchen, a b e r …!“ Einen Moment hält Elanis Cousin bedeutsam inne, damit sie nun ganz achtsam seinen nächsten Worten lauschen. „Schnappt sich irgendeine andere Person außer uns Dreien die Flasche – vor allem während eine*r von uns darinnen ist …“ Wieder lässt Asante den angefangenen Satz mitten in der Luft hängen, während er Elanis und Keitos Reaktionen genau beobachtet.
Der Teen schlägt etwas unbeherrscht mit der flachen Hand auf den Tisch und blafft seinen Onkel gereizt an: „Nun mach’s nicht so spannend. Raus damit! Was, was, was ist dann, hä?!“ Seine Ma schaut dagegen erstarrt wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange - kurz vor irgendwelchen katastrophalen Offenbarungen biblischen Ausmaßes.
Breit Grinsend lehnt sich Asante zurück, denn simultan entwirft der Ex-Soldat im Kopf bereits einen Schlachtplan wechselnder Wachsamkeit, während er die weiteren Aussichten ihrer künftigen Existenz präsentiert: „Na, der oder die in der Flasche oder auch wir alle drei werden wieder untertänigste Flaschengeistlein anderer Sim*innen! Wenn wir nicht gut aufpassen …“ Für Asante liegen die Vorteile klar auf der Hand. Sie sind freie Magier*innen, wie von ihm erwünscht. ‚Läuft doch eigentlich ganz gut für mich …, wenn wir achtsam genug sind.‘
Keitos entgeisterter Blick spricht Bände: „Seid ihr beiden eigentlich blöd? Denkt ihr ernsthaft daran, wieder in diese Flasche zu kriechen? Wozu??? Ich passe nicht auf euch auf!“ Ein wenig verächtlich lachend tippt er sich an die Stirn. ‚Erwachsene! Wo denken die eigentlich hin?‘
Asantes Grinsen vertieft sich noch: „Nein, musst du auch nicht, Keito! Das übernehmen schon deine Ma und ich!“ Ganz bestimmt lässt er diesen freigeistigen unreifen Jungspund nicht allein und unbeaufsichtigt Wache schieben und irgendwelche ungeübten magischen Experimente versuchen. Das wäre ja, als würde man den Bock zum Gärtner machen.
Beschwichtigend ergänzt Elani: „Keito, wir müssen hier vom Dach der Welt noch bis nach Japan gelangen und … wir haben nicht genug Geld. Die Flasche spart uns Übernachtungskosten, Verpflegung. Wohl sogar Reisekosten, wenn wir es geschickt genug anstellen. Hab‘ ich recht, Asante?“ Hilfesuchend blickt sie ihren Cousin an, der das Gesagte bestätigt: „Genau, wir werden unterwegs nicht ohne Weiteres etwas erwirtschaften können. Und wir kommen zügiger voran, wenn wir nicht überall Halt machen müssen, um ständig Arbeit nachfragen. Das müsste doch in deinem Interesse liegen, Keito. Oder ist es dir nicht mehr wichtig, so schnell wie möglich Yuna zu finden?“
‚Mist! Damit hat er mich!‘ Schmollend blickt Keito auf: „Ok, ok!“ ‚Scheiß Buddel, kotz, würg.‘ Unvermittelt tritt Keito nach dem Tischbein. Irgendwas muss jetzt büßen. ‚Jede Nacht in die Flasche! Ä t z e n d! Ich geb‘ mir gleich die Flasche!‘
„Und außerdem …“, fährt Asante nun doch wieder ernsthafter fort, „… sind wir eben nicht vollständig losgelöst von diesem Ding!“ Und damit schnippt er einmal kurz mit dem Zeigefinger gegen die Flasche vor ihnen auf dem Tisch, die ein leises Klirren von sich gibt. „Wir werden sie nie aus der Hand geben können und sollten sie ganz sicher nicht irgendwo unachtsam zurücklassen.“ ‚Außer, wir lösten uns ganz vom Magier*innen Dasein!‘ Und d a s liegt nicht in Asantes Interesse. D a s verschweigt er daher an dieser Stelle. Seine dunkel funkelnden Augen wandern über die Landschaft draußen vor dem Fenster: ‚Oleander, Jasmin … Yasemine!‘
Yasemine, seine Mitstudentin, war in der Provence bei ihrem Stiefvater aufgewachsen, kam aber ursprünglich mit ihrer Mutter aus Algerien. Nach Sommerreisen zu ihrer südfranzösischen Familie haftete ihr immer ein zarter Lavendelduft an, den Asante gerne an ihr roch. Mit Preity zusammen – der indischen Rose - bildeten sie ein zauberhaft aufregendes Trio Infernale.
Gemeinsam waren die drei in die Riten des studentischen Zauberordens eingeweiht worden. Für die beiden Frauen blieb es eher ein lustiger Zeitvertreib, aber Asante hatte höhere Ziele angestrebt, tiefer in die Materie einzudringen. Das hatte schon seinen Anfang in Kenia genommen - die Suche nach dem Übermächtigen, dem Unerklärbaren zwischen Erde und Himmel … oder auch einer Hölle, sofern es sie geben mag.
Elani dagegen war uralten Stammesriten schon längst entwachsen, hatte Asante gleich bei Ankunft in Brindleton gespürt. Sie war so … europäisiert worden, so Vernunft geprägt. Dem Sinnlichen wie dem Übersinnlichen mittlerweile verschlossen – was nicht zuletzt wohl auch Keitos niederträchtigem Vater zu verdanken war. ‚So etwas … entmystifiziert und … ernüchtert wohl in j e d e r Hinsicht.‘
„Ich kann aber mit dir oder Ma doch auch gemeinsam Wache schieben, oder? Ich muss doch nicht jede Nacht da drin abhängen!“, weist Keito für sich nach Auswegen suchend auf das verhasste Ding vor ihm. ‚Lieber mit Asante! Der lässt mehr durchgehen!‘
Elani ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, Keito und Asante über sich wachen zu lassen, während sie allein in der Flasche weilt. Dennoch lenkt sie versöhnlich ein: „Aber sicher, Keito, nur nicht jede Nacht, ok?! Du brauchst doch auch etwas Ruhe!“ ‚Ich kann ihn nicht mehr vor allem beschützen, vermochte ich eigentlich schon lange nicht mehr … Hoffentlich achtet Asante gut auf ihn und … auf mich!‘ Elani ist sich darüber im Klaren, dass die beiden gewissen Vergnügungen nachgehen und eine Blume nach der anderen am Wegesrand erspähen werden. Sie muss darauf vertrauen, dass Asante dabei nicht sein Cousinchen und ihrer aller Schicksal – die Flasche – aus den Augen verliert.
Leicht schüttelt Elani sich bei dem Gedanken, irgendwelchen fremden Personen ausgeliefert zu sein. Nie mehr wollte sie sich so ohnmächtig fühlen wie bei … Keitos Vater Terence Sie sackt etwas trübsinnig in sich zusammen. ‚Ich werde nie mehr etwas empfinden können, nie mehr den Rausch, die Leidenschaft … Wie unbekümmert Asante und Keito sein können …‘
Asante spürt den Kummer seines Cousinchens, kann aber deren Herkunft gerade nicht genau erahnen. Er würde Elani wieder gerne so lachen sehen, wie er sie in seiner Kindheit in Erinnerung hatte. Manchmal war ihm das auch gelungen, seit er vor Monaten auf der Basis eines Auslandstipendiums in ihr Haus gekommen war. Aber mit seinem Akt der Verwandlung hatte sich wieder mehr Vorsicht bei ihr eingeschlichen – selbst vor ihm …
Das bedauert der Sportstudent, möchte aber dennoch keine Rückverwandlung in Kauf nehmen. Lieber lenkt er von diesem unangenehmen Gefühl, das ihm sachte Schuldgefühle vermittelt, schnell ab: „Na los, Keito, Elani. Dann probieren wir dieses Monster von Kessel endlich aus!“ Mit einem Schwung erhebt er sich abrupt vom Stuhl und schreitet den beiden eilig voraus: „Was waren Malecantus erste Anweisungen? Rühren, rühren, rühren? Das müsste dir doch liegen, Elani!“ Keito sprintet aufgeregt hinterher. Elani rollt mit den Augen und folgt langsamer hintendrein …
Der Teen beginnt als erster, den Riesenkochlöffel zu schwingen: „Rechts- oder linksherum?“ Elani blickt skeptisch in die brodelnde Brühe: „‘Egal‘ hatte der Meistermagier gemeint. Hauptsache kräftig rühren!“ Malecantus erwies sich nicht unbedingt als geduldiger und einfühlsamer Lehrmeister.
‚Merlin hat es sicher auch nicht immer einfach bei ihm in der Lehre!‘ Elani denkt gerne an den jungen Mann an Malecantus Seite zurück, mit dem sie auf einem Festival so herrlich Kochkenntnisse austauschen konnte. Er war richtig versiert mit tollen Tipps und auch ein guter Tänzer. Hach, Elani hatte sich mal wieder so richtig lebendig gefühlt. Und auch mit Lotta! Was hatten sie rumgealbert. ‚Was sie wohl macht? Wie es ihr wohl geht?Und Miyu? Hoffentlich geht es ihr und Yuna gut. Hoffentlich finden wir die beiden in Japan! Und Lotta irgendwann auch …‘
Schmerzliche Erinnerungen an die noch gar nicht so lang zurückliegenden persönlichen Verluste steigen in Elani empor, Sorge um deren Wohlergehen … Sie nutzt, was sie sonst immer in solchen Fällen macht … Fokussierung auf den Topf vor ihr, als wäre sie noch Küchenchefin in gehobener Gastronomie, die Anweisungen erteilt: „Langsamer rühren Keito! Kräftig, aber nicht zu heftig. Und nichts überschwappen lassen!“
Mit der Zeit werden dem Jungen die Arme lahm und Asante übernimmt. Zu Keitos Erstaunen, ohne den Löffel auch nur einmal zu berühren. Allein Asantes in eleganten Bewegungen durch die Luft fächelnden Hände versetzen das Kochwerkzeug bereits in Schwingungen. „Kann ich das auch lernen?!“, fragt Keito aufrichtig bewundern nach.
„Bist noch zu jung!“, lautet die knappe Antwort des Oheims.
„Und Ma?!“, will Keito wissen. „Kann die das auch gleich?“ Asante bleibt eine Antwort schuldig. Nur kurz schielt er zu Elani rüber, ob die sich auch Gedanken darüber macht, woher diese vorangeschrittene Fertigkeit stammt. Doch Elani lässt keine Irritation im Mienenspiel erkennen. Also belässt Asante es bei einem schulterzuckenden Schweigen. Was er nicht wirklich vom Cousinchen weiß … Elani hat schmerzlich lernen müssen, ihre Regungen oft hinter einer stoischen Maske zu verbergen. Sie hat sehr wohl die kunstvolle Magie begriffen, die in Asantes Gesten stecken. ‚Was hast du mir noch alles verborgen neben deinen Frauengeschichten, lieber Cousin?‘
N i c h t s lässt Elani sich äußerlich von ihrer zunehmenden Achtsamkeit Asante gegenüber anmerken! ‚Vielleicht … kann ich Malecantus mal heimlich fragen, woher solch magischer Vorteil bei meinem Cousin stammt? Oder … lieber Merlin!‘ Gregorius Malecantus ist Elani doch ein wenig … zu düster und unheimlich! Zu aufbrausend! Teen Keito eckt regelmäßig in den magischen Online-Lehrstunden bei dem Meistermagier an.
„Hi, meine Süßen!“, säuselt Asante seichter Koketterie zugeneigt den Kommilitoninnen Yasemine und Preity zur Begrüßung auf dem Display seines Handys entgegen.
Die beiden an geflirteten Frauen lächeln von zwei verschiedenen Enden der Welt zugeschaltet äußerst beglückt zurück. Familie Ogbandas befindet sich bereits wieder auf der Weitereise im Bus von Katmandu den Berg hinab zur fünfzig Kilometer entfernten Bahnstation. Elani rastet in der Flasche, Keito linst Asante neugierig über die Schulter: „Ist Nishay auch da?“ Er hat vor, so wenig wie möglich sein Dasein in dieser elenden Djeannie Buddel zu fristen.
Nishay winkt auf dem kleinen Bildschirm zaghaft aus dem Hintergrund ihrer Tante Preity. Sie hat noch immer Hausarrest und Handyverbot wegen der Beihilfe zu Keitos Aktion, sich ungefragt und ohne erwachsene Aufsicht nach Katmandu wegzustehlen.
„Asante, mein Lieber!“, droht Yasemine gerade spielerisch mit dem Zeigefinger. „Zuerst wird gelernt! Du hast einiges nachzuholen bis zu den Semesterprüfungen!“ Schelmisch bekräftigt Preity: „Wir werden dir da nichts durchgehen lassen, Honey!“
„Uhhh, zwei strenge Lehrerinnen!“, grinst der Sportstudent gleich anzüglich. So geht es eine Weile hin und her, bis dann doch noch eine gute Stunde aufrichtig am Lehrplan gearbeitet wird.
Keito beobachtet schweigend und lernt … ‚Mhm, mein Onkel hält sich auch mehrere Eisen im Feuer warm …‘ Ein wenig lässt er mit Blicken seinen Charme in Richtung Nishay spielen, die fast nur allein mit den Augen bedeutet, dass das g a n z ungehörig und doch … irgendwie auch aufregend ist.
‚Vielleicht, mhm …‘ Keito glaubt, sich von Yuna nie mehr als freundschaftliche Verbundenheit erwarten zu dürfen und doch … Irgendein kleiner verschütteter Teil in ihm hofft immer noch … auf ein bisschen mehr. Gleichzeitig erinnert er sich aber auch, dass selbst Yuna sich ja – so wie Asante jetzt auch – recht aufgeschlossen mehreren Gespielinnen gegenüber gezeigt haben muss und … Nishay war mit von dieser Partie gewesen … ‚Warum also, soll ich mir nicht auch … ein wenig … Vielfalt gönnen!‘
Entgegen ihren Beteuerungen vor seiner Abreise, dass er sich doch ausschließlich auf Yuna konzentrieren solle, lässt Nishay mit einem liebreizenden Augenaufschlag gerade nicht erkennen, dass sie Keitos sinnlich anmutender Aufmerksamkeit abgeneigt sei. Immer wieder senden sich die beiden Teens unbemerkt von den nun sehr konzentriert studierenden Erwachsenen zaghafte nonverbale amouröse Botschaften zu.
„Zwischenprüfung bestanden!“, leitet Yasemine das Ende der heutigen Lehreinheit ein: ‚Konzentrationsübungen des Hatha-Yoga und die mentale wie physische Wirkung auf Körper und Geist‘. Keito und Nishay stellen augenblicklich ihre Flirtbemühungen ein. ‚Zu blöd, dass Nishay kein eigenes Mobilphon zur Hand hat.‘ Die junge Inderin – hunderte von Kilometern von Keito entfernt - wirkt ebenso enttäuscht und zuckt bedauernd mit den Schultern, bevor sie wieder beflissen den Blick auf ihr Schulheft senkt. Tante Preity hat ihr eingebläut wie wichtig ein Schulabschluss gerade auch für junge indische Frauen ist. ‚Hat sie ja recht mit!‘ *Seufz*
Keito widmet sich jetzt auch dem Lehrmaterial, das Nishay ihm online zukommen lassen darf. Schließlich will er trotz der ganzen Fluchten um den halben Globus mal einen guten Start ins Leben haben. Das war ihm immer schon wichtig. Und im Gegensatz zu seinem Pa will er auch etwas draus machen.
‚Mein Pa!‘ Manchmal versetzt es Keito einen Stich im Leib, dass sein Vater nicht mehr lebt. Dass er nie mehr etwas mit ihm klären kann … Und gleichzeitig weiß Keito, dass Terence ihnen allen das Leben weiter zur Hölle gemacht hätte und …, dass es nicht Yunas schuld ist. ‚Das muss sie erfahren! Von mir! Ob sie auch weiter für die Schule lernt? Bestimmt wird ihre Mum sie weiter unterrichten, als ehemalige Rektorin. Geht’s Yuna gut? Lebt sie überhaupt noch oder jagen wir … einem Phantom hinterher?‘ Traurig hebt Keito seinen Blick vom Heft auf seinem Schoß in Richtung Nishay. Als hätte sie etwas gespürt, hebt auch sie leicht ihr Haupt, sieht seine glänzenden Augen, versteht seinen Schmerz um Yuna, den sie mit ihm teilt. Mit ihren lichtbraunen Augen nickt sie ihm sanft zu. ‚Ganz anders als Yunas nahezu schwarze Iris …‘, fällt Keito auf.
Asante und die beiden Kommilitoninnen hingegen werfen sich einige schäkernde Anspielungen zu, die sicher mehr außer Rand und Band geraten wären, säßen nicht zwei Teens noch jeweils in der Nähe. Wobei sich Asante über Keitos etwas altersunangemessenen erweiterten Erfahrungshorizont keine falschen Illusionen hingibt wie dessen Mutter Elani. Er wünscht dem Jungen einen liebevolleren und respektvolleren Umgang mit dem weiblichen Geschlecht als dessen Vater ihn lehrte. Asantes Zuwendungen sind durchaus auf gegenseitige Zuneigung, Offenheit und Einvernehmlichkeit begründet und keinem wahllosen, despotischen Umherschwirren, obschon … er sich auch recht schnell verguckt und vergnügt. Na ja, eigentlich … Keito doch nicht so unähnlich - aber niemals … mit solcher Dominanz und Grenzüberschreitung wie dessen Erzeuger.
Einen Moment wendet sich Asante kurz von solch aufkeimender Besorgnis über den Teen abgelenkt Keito zu: „Geht’s dir gut?“ Auch Yasemine und Preity richten ihr Augenmerk auf den Jungen an Asantes Seite und nehmen wahr, dass die beiden Männer gerade etwas tiefer Gehendes bewegt. „Vielleicht machen wir für heute Schluss!“, schlägt Preity vor. „Hast dich wacker geschlagen, Asante. Bis demnächst, Darling!“ Zwei zart um den Globus gehauchte Küsse gen Asante beenden den Videochat.
„Sie sind sehr nett! Du magst beide wirklich, oder? Und … es macht ihnen nichts aus?“, fragt Keito mit belegter Stimme nach. Wie anders sah das bei seinem Pa aus, der seine Ma unzählige Male hinterging und immer nur auf seinen Vorteil bedacht war. Wortlos nimmt Asante den Jungen in den Arm und drückt ihn fest an sich. Und Keito … lehnt sich wehmütig an seinen Oheim. ‚D a s hat Pa nie getan! Er war nie … liebevoll! Nie aufrichtig …‘
„Ich mag Nishay!“, lässt Keito, noch immer an Asante gelehnt leise verlauten. „Habe ich bemerkt!“, erwidert der Ältere leicht schmunzelnd. Sie lassen sich in einer Sitzreihe nieder. „Yuna mag ich auch!“, kommt es etwas zaghaft vom Teen hinterher. „Hm, hm!“, bestätigt Asante nur. „Ist ok, solange es für die beiden Mädchen ok ist!“ Einen Moment lässt Keito sich das Gesagte schweigend durch den Kopf gehen.
„Ich weiß ja nicht mal …, ob sie mich so mag … wie … ich sie. Ich meine … Yuna!“ Keito setzt sich etwas aufrechter hin und blickt seinen Onkel nun direkter an, als ob der mehr wüsste. „Ich weiß! Das sagtest du schon mal, dass du dir nicht sicher bist, in welcher Weise Yuna zu dir steht bzw. besser gesagt, … auf dich steht! Hast du sie je danach gefragt?“ Asantes eine Braue hebt sich leicht. „Nicht so … wirklich … glaube ich!“, kommt die wage Antwort des Halbwüchsigen. „Hat sie dir konkret gesagt, wie sie für dich empfindet?“, hakt Asante weiter nach und die zweite Braue hebt sich ebenfalls. „Nicht so … richtig … denke ich!“ Keito muss jetzt ernsthaft darüber nachgrübeln, was Yuna ihm eigentlich alles so mitteilte oder signalisierte. „Mhm!“, kommentiert Asante abschließend nur leicht amüsiert. „Ja, mhm!“, lächelt Keito leicht zurück. ‚Dann ist wohl nicht alles ganz hoffnungslos … Zeit sich auf die Weiterreise zu begeben …‘
‚Echt Holzklasse!‘ Elani fragt sich gerade, warum sie ausgerechnet in dieser Nacht die Wacht über die Flasche übernommen hat, während der hart rumpelnde Zug sie immer weiter weg von Katmandu Richtung Grenze nach Myanmar und Siam trägt. Asante und Keito machen es sich gerade auf den gemütlichen Polstern innerhalb der Karaffe bequem, die Elani auf dem kleinen hölzernen Podest neben ihren Knien abgestellt hat.
Das Mobilphon schreckt Elani aus etwas trübsinnigen Gedanken hoch. ‚Zu so später Nacht? Wer …? Malecantus?‘„Hallo Gregorius!“, meldet sich Elani nicht sehr begeistert, allein die Ehre mit dem Meister-Magier zu haben. Auf Merlins Intervention hin meldet der sich sonst immer nur aus Übersee, wenn auf ihrer Erdhalbkugel Tag ist, damit sie ausreichend wach und aufnahmefähig für den zauberhaften Lehrplan sind, den Malecantus ihnen zusammengestellt hat.
„Die anderen beiden ruhen!“, erklärt Elani gerade abwehrend, in der Hoffnung, Gregorius würde sich dann umgehend verabschieden, aber der unterbricht sie nur kurzerhand: „Fein, fein! Genau darauf habe ich gesetzt!“ Der Lehrmeister hatte sich sehr wohl eingeprägt, wann wer Flaschenwache schieben sollte … Elani schwant nichts Gutes. Sie will hier nicht allein für irgendwas verantwortlich sein. Nicht bei Magiekram und so ’nem Zeug.
Malecantus weiß sehr wohl, wann es angezeigt ist, sein subtiles Charisma wirken zu lassen, welches er ohnehin besitzt und zu nutzen weiß. Ihm schwebt dabei nicht vor, Elani irgendwie über den Tisch zu ziehen. Er schätzt ihre zurückhaltende Wohlbesonnenheit, die sie an den Tag legt und spürt, dass sie schon lange nicht mehr irgendwelchen unaufrichtigen Charmeoffensiven vertraut. Genau deswegen möchte er sie als die erfolgversprechendere Vertraute der drei Neumagier*innen gewinnen, die etwas mehr eingeweiht werden darf. Der Meistermagier hat durchaus bemerkt, dass Asante ‚Vorkenntnisse‘ mitbrachte … ‚Aber, der ist unbedachter und Elani nun Mal umsichtiger.‘
Und Gregorius ist auch sehr auf Elanis Kochkünste gespannt, von denen Merlin in den höchsten Tönen schwärmte. Malecantus weiß, dass sein Geliebter sich sehr darüber freuen würde, die Meisterköchin wieder zu treffen. ‚Elani ist auch wirkliche eine angenehme und aparte Simin … Eine zarte Blume …‘ Er betrachtet sie etwas genauer … „Hör zu Elani!“, beginnt der Lehrmeister schmeicheln. „Ich weiß, dass es nicht dein freiwilliger Wunsch war, Magierin zu werden. Aber, ich glaube, in dir steckt wirklich das Zeug, etwas Gutes daraus zu entwickeln. Du handelst nicht leichtfertig, meinst es immer nur gut mit deinen Mitmenschen … Du würdest nie in schlechter Weise die Macht der Magie gegen andere verwenden, eigentlich nur, um ihnen zu helfen … Da hege ich völliges Vertrauen in dich!“
Wumms! Das hat gesessen! Elani ist sprachlos. Das hatte sie nicht aus dem Munde Malecantus erwartet und … irgendwie … fühlt sie sich auch ein bisschen geehrt. So hatte sie es noch nie betrachtet … Gregorius Worte entfalten die gewünschte Wirkung. Elani ist ganz Ohr. Doch noch warnt ein Stimmchen im Hintergrund. „Und das kannst du mir nur sagen …, wenn die anderen beiden nicht … zugegen sind?!“, hakt sie noch etwas misstrauisch nach.
Malecantus lächelt aufrichtig über ihre Wachsamkeit: „Genau d a s gefällt mir an dir, Elani! Trotz Schmeichelei bleibst du achtsam und auf der Hut. Das ist gut, genau richtig für eine angehende Magierin der hellen Seite. Überprüfe ruhig, was man dir um den nicht vorhandenen Bart schmieren möchte. Sei auch durchaus mir gegenüber vorsichtig, denn ich bin kein solch lichter Charakter wie du. Dazu stehe ich auch. Warum ich dich allein sprechen möchte?“ Der Hexenmeister macht eine beredte Pause.
„Nun, ich möchte nicht alle Kenntnisse und Möglichkeiten, die euch nun zur Verfügung stehen, allen zugleich offenbaren, denn ich befürchte, nicht alle vermögen so verantwortungsvoll damit umzugehen, wie ich es von dir erwarte, verstehst du, Elani?! Es geht darum, euch vor zu viel Macht auf einmal zu schützen. Daher musst du ein Geheimnis vor den anderen beiden bewahren können. Für eine Weile zumindest, bis sie auch so weit sind! Kannst du das, Elani?“ Abwartend blickt Gregorius seine Schülerin an, die sich gebührend Zeit für eine Antwort lässt. ‚Sie muss sich wahrhaftig dafür entscheiden, sonst geht es nicht, ist der Magier überzeugt und drängt in diesem Moment nicht.‘
Abschätzend nimmt Elani Malecantus ins Visier, als hätte sie jetzt ihrerseits einen Auszubildenden in einer ihrer gastronomischen Wirkungsstätten vor sich sitzen, der ihr Rede und Antwort zu stehen hat. Dem Lehrmeister gefällt durchaus auch diese selbstsichere Seite ihres Auftretens. ‚Wenn sie vertrautes Terrain unter den Füßen spürt, kann sie wirklich über sich herauswachsen. Oder wenn sie andere zu beschützen sucht … Ja, sie ist die Richtige!‘
„Und ich muss dem Deal zustimmen, bevor du mir verrätst, um was es geht?!“, ahnt Elani und blickt dem Magier fest in die Augen. ‚Wer will hier was von wem? Ihm wäre der Handel wichtiger als mir. Ich könnte auch leichtherzig ausschlagen, gleichwohl mich nun auch etwas Neugier treibt! Sein Lob scheint mir ehrlich und aufrichtig zu sein und … schmeichelhaft, das will ich zugeben. Merlin würde nicht zulassen, dass er liederliches Spiel mit mir triebe …‘
Spricht man vom Teufel oder denkt an ihn … Wobei Merlin wahrlich kein Teufel, sondern eher der Engel des Magier Duos ist … „Was ist, stimmt sie zu?“, flüstert es aus dem Hintergrund. Merlin kauert sich auf den Boden neben Gregorius: „Hi, Elani! Bitte, sag ja. Es soll zu deinem Schaden nicht sein!“ Er lächelt ihr so vertrauensselig entgegen, dass Elanis letzte Zurückhaltung dahin schmilzt: „Na gut. Ich willige ein! Jetzt bin ich aber gespannt …“
„Erst noch den heiligen Schwur!“ „Den w a s?!“ Malecantus räuspert sich etwas verlegen und wiederholt: „Der heilige Schwur! Zuerst der heilige Schwur!“
„‘Na gut. Ich willige ein‘…“, schnaubt die Meisterköchin verhalten zurück, „…reicht dir nicht zur Vertragsbesiegelung bei dem ganzen Vertrauen, das du mir als ködernde Vorschusslorbeeren gewährtest?“ Leicht amüsiert verliert Elani nun langsam immer mehr die Scheu vor Meistermagier Malecantus.
„Siehst du, sie kann richtig witzig werden, Gregorius. Hab‘ ich dir doch gesagt.“, erklärt Merlin dem Partner verschmitzt, der noch nicht das Vergnügen hatte, Elani mit all ihren auch verschütteten Facetten kennenzulernen. Interessiert nimmt Malecantus diese entzückende Dame noch etwas genauer unter die Lupe als vorher und Elani fühlt sich beachtet wie schon lange nicht mehr, ja sogar recht gelöst, mit diesen beiden Herren hier solch heiteren Schlagabtausch zu feiern. ‚Irgendwie … anregend, während dieser langweiligen unbequemen ruckeligen Tour auf Holzbänken.‘ Die Meisterköchin sieht der noch unbekannten Offerte des Meistermagiers jetzt schon etwas gefasster, aber auch wissbegieriger entgegen.
‚Wird ja eine zauberhafte, eine magische Menage á Trois.‘ Gregorius freut sich jetzt schon auf intensivere Begegnungen mit der entzückenden Elani. Merlin sowieso, der schon ahnt, was nun kommen wird: ‚Der heilige Schwur ist mal wieder Gregorius bestes Küchenlatein, nur Tamtam, um nochmal die Ernsthaftigkeit der Verschwiegenheit des Unterfangens zu unterstreichen.‘
„Omnibus Fidibus Magicus Malecantae Nostradamae et omnipotentus Plagiatus. Lupus et Agnus!“, murmelt Malecantus Ehrfurcht gebietend das Display an.
Redlich bemüht sich Elani, dieses unverständliche Kauderwelsch zu wiederholen und bricht zwischendurch bei einigen Begriffen in befreiendes Gelächter aus: „Omnibus? Ehrlich?“
Merlin kann ein Grienen kaum unterdrücken und Gregorius den Schalk nicht ganz in seinen irisierenden Augen verhehlen. „So werte Dame! Nun ist es getan!“, schließt er das vermeintliche heilige Gelöbnis ab. Er ist sich trotz der lockeren Verspieltheit in der Runde sicher, dass Elani die Notwendigkeit zur Verschwiegenheit verstanden hat. „Lass uns jetzt eine Poststation auf eurem Weg ausmachen, liebe Elani, bei der ihr solange verweilt, bis du ein gewisses Päckchen erhalten hast, von dem du nichts, aber auch rein gar nichts Keito und Asante wissen lässt. Und du wirst es erst öffnen, wenn wir wieder allein und ungestört kommunizieren können und ich dir weitere Anweisungen geben werde. Mehr sei vorerst nicht weiter verraten …“, erteilt Gregorius recht bestimmend die nächsten Anweisungen ohne jetzt tatsächlich schon Gehaltvolleres zu offenbaren.
„Ohhhhhh!“ Jetzt ist Elani aber doch enttäuscht. „Du lässt mich jetzt die ganze Zeit im eigenen Saft schmoren? Duuuu … Biest!“ Leichte Lachfältchen in ihren Augenwinkeln verraten Malecantus jedoch, dass sie nun trotzdem auch aufgeregt der Enthüllung entgegenfiebert und ihm nicht allzu gram ist. Ja, er hat sie am Haken! Sie hat angebissen!
8.2.3 - Blumen am Wegesrand … Rosenduft liegt in der Luft …
Diese Wache hat sich Asante allein mit Preity ausgebeten und Keito zu seiner Mutter in die Flasche geschickt. „‘Nicht jede Nacht‘ hattest du deiner Mutter versprochen, Keito und sorry, ich brauche auch mal Zeit für mich!“
Letzteres verstand Keito besser als ersteres: „Na klar!“, hatte der Teen nur gefeixt. „Dann spielen wir eben mal ’ne Runde Scrabble in der Bottle und ihr spielt ’ne Runde Flaschendrehen.“, und sich dann endlich zu seiner Ma verzogen. Asante hatte daraufhin nur mit den Augen gerollt und sich vorgestellt, zur Strafe für diesen frechen Satz genau diese Flaschengeist Buddel kreisen zu lassen, bis Keito darin schlecht wird. Aber … das Cousinchen will er nicht quälen.
Sie sind mittlerweile in Siam gelandet und Elani hatte auf eine längere Pause am derzeitigen Ort bestanden. „Ich brauche mal eine Ruhepause und wir müssen etwas Geld verdienen!“, hatte sie zur Begründung angeführt und offengelassen, wie lange sie Station machen sollten. Sie fanden eine recht komfortable Bleibe, quasi ein Ferienappartement eines Spa Hotels, in dem Asante als Gastdozent von Yoga bis Meditation lukrative Wellnesskurse für reiche Reisende aus westlichen Ländern anbieten kann und Elani in der Küche die Gaumen der Gäste beglückt. Keito widmet sich neben seinen schulischen und magischen Pflichtfächern erneut gewinnbringen der Malerei. Ein wenig mentale Ausgeglichenheit finden der Teen und seine Ma auch unter Asantes meditativen Yoga Anleitungen. Keito kann sich schon fast wie eine Brezel verbiegen und Elani fühlt sich irgendwie … geschmeidiger. Glückshormone wie bei einem Tanz setzen diese achtsam ausgeführten Dehnungen in Körper und Geist bei ihr frei …
An diesem Abend jedoch blicken Asante und Preity - sich endlich selbst überlassen - nur stumm und zärtlich eine ganze Weile einander an. Sanft streicht der Student eine Locke aus ihrer Stirn. Preity hat nie Eifersucht verspürt wegen Yasemine oder anderen Liebschaften Asantes. Sie selber hielt sich auch nie zurück, strebte nie nach einsamer Zweisamkeit. ‚Und doch … ist es schön, ihn auch einfach mal für mich allein zu haben.‘
Die Sportstudentin hat einen Kurzstreckenflug von Indien nach Siam genutzt, um Asante einfach mal wieder physisch näher zu sein, bevor sie tausende Flugmeilen entfernt nach Britechester an ihren früheren gemeinsamen Studienort zurückkehrt. „Schön, dass du extra hergekommen bist, Preity! Hab‘ deine Nähe richtig vermisst!“ Ein intensiver Kuss unterstreicht die Bedeutung seiner Worte. Ja, ihm würde echt was fehlen, wenn es sie gar nicht mehr gäbe … „Und es ist in Ordnung, dass Nishay jetzt allein in deinem Haus zurückbleibt?“
Preitys Nichte ist Asante auch ein wenig ans Herz gewachsen und er hatte Keitos Enttäuschung registriert, dass Nishay nicht im Schlepptau mit ihrer Tante mitgekommen war.
„Sie ist nicht allein, hatte ich dir doch versichert!“, erläutert Preity wohlig an ihn gelehnt. „Nishay war unglaublich happy, als dieser Faisal mit seiner Romana auftauchte. Ich glaube, das ist eine gute Lösung. Ich hatte wirklich bis dahin keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Und ich bin auch sehr erleichtert, nicht mehr eure Flaschenherrin zu sein. Das wäre mir alles zu viel der Verantwortung geworden.“
Aufseufzend lässt Preity wieder ihre samtigen Lippen über Asantes gleiten. „Glaub mir, ich habe dich sehr gerne in meiner Nähe und es war auch einen Moment ganz erregend, dir mal ein paar … Befehle erteilen zu können. Aber auf Dauer … lieben wir doch beide unsere Unabhängigkeit!“
‚Wirklich?!‘ Manchmal ist sich Preity nicht sicher, was sie tatsächlich vom Leben erwartet. Auf jeden Fall keine indische Hochzeit oder untertänigste Partnerschaft wie ihre geliebte Schwester Rani sie vollzog oder wie ihre Nichte Nishay noch vor Augen hat. Da ist sich die Sportstudentin auf jeden Fall klar drüber. Sie wird kein Heimchen am Herd. Preity verfällt einen kurzen Moment ins Grübeln. „Weißt du, Nishay ist noch nicht so weit, Indien zu verlassen, obwohl sie es dort nicht einfach haben wird, so als ‚gefallenes‘ Mädchen – wie man in meinem Land leider meint. Es wäre ein ernsthaftes Problem für mich geworden, wenn diese beiden Fluchtgefährt*innen von ihr nicht aufgetaucht wären. Ich glaube es hilft ihr ungemein, die gemeinsame Erfahrung zu verarbeiten, die die Drei miteinander verbindet …“
Asante hört aufmerksam zu. Preity scheint momentan doch mehr sein Ohr zu suchen als seine Zärtlichkeiten. Ihre Nichte ist ihr in den letzten Wochen sehr wichtig geworden und sie fühlt Verantwortung für Nishay, wie auch Asante sie für Keito und Elani verspürt. Sie beide sind nicht mehr nur einfach ungebundene junge Simse rein auf der Suche nach Spaß und Vergnügungen neben einem fordernden Studium. Das lässt die beiden Sportstudent*innen einander gerade etwas näher fühlen. „Ich bedaure, dass du bald wieder abreisen muss und dann so fern bist, Preity.“, flüstert er in ihr Haar, während sie sich entspannt an ihn schmiegt. ‚Es ist irgendwie schön, auch gemeinsame oder ähnliche Sorgen zu teilen!‘
„Und dieser Faisal ist … anständig?“, hakt Asante nochmal nach. „Oh ja!“, versichert Preity nachdrücklich. „Auf jeden Fall! Romanas Wiederbefreiung muss spektakulär gewesen sein und er war der entscheidende Fluchthelfer für all die Frauen und Mädchen aus dem Serail. Miyu, Yuna, Nishay und all die anderem haben ihm vertraut. Er hat auch nicht aufgegeben, bis er Romana erneut aus den Fängen ihrer Häscher befreien konnte. Diese Miyu scheint nicht blindlings auf jedermann oder -frau zu setzen, wenn ich euren Berichten über sie zufolge richtig liege und sie setzte auf ihn. Ich sehe also keinen Grund zu irgendwelchem Misstrauen.“
Asante überlegt eine Weile, bevor er nachdenklich einwirft: „Und er war ein früherer Geliebter von Jack Watanabes persischen Bekannten Farsane, die jetzt in Amerika weilt? Die Welt ist doch … kurios und klein!“
Preity lächelt zu ihm hoch: „Rührend, wie du dich selbst um Nishay wie deiner Familie sorgst, Asante! Gefällt mir … irgendwie!“ Sie lehnt ihren Kopf wieder an seine breite Schulter und lässt ihn einen Moment dort ruhen: „Deswegen hatte Faisal immer sehr starke Schuldgefühle. Weil er nicht helfen konnte, als Farsane von der eigenen Familie und Nachbarschaft wegen ihrer gemeinsamen Liebesnacht geächtet wurde. Ich glaube, dass er aufgrund dessen doppelt so sehr auf Nishay achten wird, damit ihr nicht ein gleiches Schicksal widerfährt und Romana erweist sich als richtig mütterliche Glucke, obwohl sie auch nicht viel älter ist, als ich es bin. Liegt ihr wohl mehr im Blut als mir.“
Versonnen schweigt Preity minutenlang in sich gekehrt, den Blick in die Ferne gerichtet, ohne wirklich etwas zu sehen. Asante atmet langsam durch die Nüstern ihren betörenden blumigen Duft ein. ‚Wird das hier irgendwann mehr? Es fühlt sich fast so an, meine indische Rose …‘
„Er war so erleichtert, zu hören, dass es Farsane heute gut geht und ließ sich natürlich gleich ihre Nummer geben …“, lässt Preity ihren Gedanken weiter freien Lauf. „Und dass Nishay und ich weitere entlastende Nachrichten auch über Miyu, Khulan und Yuna aus der Mongolei verkünden konnten, versetzte Romana wie Faisal in richtige Glücksmomente nach allem, was sie selber durchgestanden hatten. Ich glaube, es wird ihnen in meinem indischen Urlaubsdomizil richtig gut ergehen und ich weiß Nishay in guten Händen, meinst du nicht auch, Asante? Ich danke meinem Onkel wirklich für die Erbschaft dieses Hauses!“
Bestätigung suchend richtet Preity ihre Augen wieder voll und ganz auf Asante, versenkt sich in diesen unter leicht gesenkten Lidern dunkel und unergründlich hervor glitzernden tiefen Seen seiner Iris. ‚Irgendetwas ist … anders als früher!‘ Preity kann nur noch nicht ganz greifen, was es ist, als Asantes Haupt sich ihr zuneigt und sie alles andere um sich herum vergessen lässt. ‚Was ist es nur?‘
Unruhig flackern Miyus Lider auf dem ihr zugewiesenen Nachtlager. Es verstört sie, dass Yuna so weit entfernt auf der anderen Seite des Flures untergebracht wurde. ‚Warum habe ich dem zugestimmt?‘ Irgendwas kommt ihr doch recht seltsam an ihren koreanischen Gastgeber*innen vor, obwohl die nur sehr ausgesucht höflich und zuvorkommend auftreten.
‚Aber hatte ich wirklich mein Ok gegeben?‘ Miyu kann sich nicht mal an diesen Akt richtig erinnern oder dass sie überhaupt gefragt war, als Yuna von ihr weggeführt wurde. Wie in lähmenden Nebel war Miyus Denken und Fühlen eingehüllt gewesen nach dem späten Nachtmahl.
Ihr Geist nimmt zwar zunehmend mehr, jedoch nur schattenhaft ihre Umgebung wieder wahr. ‚Wie spät ist es?‘ Ihre Glieder wiegen bleischwer. Sie kann sich kaum bewegen, geschweige denn erheben oder die Augen richtig öffnen. Schwarze Panikwellen erfassen Miyu. ‚Was geschieht mit uns? Was … ist mit Yuna?‘ Tränen rollen Miyu die Wangen quer runter. Sie vermag nicht mal die Hand zu heben, um sie wegzuwischen. Ohnmächtig muss sie ihre völlige Hilflosigkeit ertragen, ihrer Tochter in diesem Moment nicht zur Seite stehen zu können …
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Träge hebt Yuna ihre Lider, als sie etwas oder irgendjemand nach sich tasten spürt. Irgendein dunkler Schatten nähert sich ihr bedächtig. Sie kann keine genauen Umrisse ausmachen, noch abwehrend reagieren. Sie versucht einen Laut rauszubringen, ein ‚Nein‘, was auch immer es in dieser Lage bedeuten mag. Aber nur ein heiseres Krächzen entringt sich ihrer Kehle.
„Schschscht, hab‘ keine Angst! Ich tue dir nichts!“ Diese sanft dahinschwebenden Worte beruhigen Yuna keineswegs. Zarte Berührungen am Hals verursachen ihr kalte Schauer. „Du bist so lieblich! Ich wünsche mir schon lange eine Gefährtin …“ Ein Lufthauch wie ein Flügelschlag weht leicht über Yunas Antlitz. ‚Oder war es einer dieser weitgeschnittenen langen Ärmel Ihrer Kleidung, die sie tragen?‘ Yuna versucht, diese Stimme zu identifizieren und besonnen trotz aufsteigender Sorge zu reagieren. ‚Das ist dieser Junge, oder? In meinem Alter. Muss man sich als Mädchen hier eigentlich ständig seiner Haut erwehren?‘ Eigentlich hatte Yuna geglaubt, im Ostasiatischen Raum weniger Übergriffen ausgesetzt zu sein als im Vorderen wie mittleren Orient.
So langsam findet sie doch ihre Stimme wieder. „Verzieh dich, oder du lernst mich kennen!“, droht sie knurrend – allerdings gerade nicht sehr von ihrer derzeitigen Wehrhaftigkeit überzeugt. Irgendwie fühlt sie sich wie festgenagelt auf dieser Lagerstatt. Ein leichtes Lachen antwortet ihr aus der Dunkelheit: „Gerne möchte ich dich näher kennenlernen, Yuna. Deswegen bin ich hier!“
Gut, er lässt sich von etwas Geschwätz noch hinhalten, fährt es Yuna durch das immer aufnahmefähiger werdende Hirn: „Dann fang du doch mal an, von dir zu erzählen. Weiß ja auch nicht, was dich so ausmacht.“
Ein leises Kichern leitet den nächsten folgenschweren Satz ein: „Wirklich? Du hast noch nicht erfasst, w a s ich bin!“ Schlanke Finger ranken sich um eines ihrer noch erschlafften Handgelenke, führen es scheinbar an Lippen, die genüsslich daran zu knabbern beginnen, als sei es eine kleine Köstlichkeit. Etwas Spitzes bohrt sich leicht neben ihre Schlagader in die Haut und Yuna erstarrt, denn nun begreift sie. Ein „Nein!“, entringt sich stöhnend ihrer Kehle. Ein „Doch!“, lautet die endgültige und ihr Schicksal besiegelnde Antwort, als ihr Körper emporgeschleudert wird und sich zwei Reißzähne in ihren aufbäumenden Leib schlagen …
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„Was hast du getan?“ Miyu hört eine aufgeregt kreischende Frauenstimme am anderen Ende des Flures, dann hastige Schritte und erneutes diesmal dunkler und kehligeres Aufschreien. „Verdammt! Verflucht seist du, Sohn! Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Ein heftiger Tumult folgt. Ein Kampf scheint zu entbrennen, der die Wände erschüttert. Immer wieder die Schreie einer Frau, die nun ihrerseits in das Gefecht einzugreifen scheint. „Hört auf!“ Es ist nicht Yunas Stimme. Böse Vorahnungen überwältigen Miyus Verstand. Mit einem inbrünstigen und markterschütternden Schrei sackt sie ohnmächtig in sich zusammen. Dunkle Stille umhüllt die letzten Reste ihres Bewusstseins.
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„Sie hatten doch darum gebeten …“, verteidigt sich der Sohn. „Unsinn!“, bellt der Vater zurück. „Sie wollte nur ewig über ihre Tochter wachen!“, wirft die Mutter ein. „Ewig, ja! Das können wir ihnen doch bieten!“, meldet sich aufmüpfig der Sohn wieder zu Wort. Yuna liegt wie leblos zwischen ihnen.
„Ein paar Tage wird es ihr schlecht gehen, aber danach … werden wir immerwährenden Spaß miteinander haben. Mir ist elend langweilig. Ich habe keine Freunde oder Freundinnen, denn niemand ist hier wie wir! Du bist es doch schuld!“, deutet der Sohn anklagend auf den Vater. „Du, mit deinen elenden Geschäftsreisen um die halbe Welt. Du hast uns doch diesen Virus eingeschleppt - wie die schwarze Pest!“ Ein neuerlicher Kampf entbrennt …
Wütend blickt am Ende der Vater auf den Sohn nieder, der vor ihm geschlagen auf dem Boden hockt. „Das gab dir noch lange nicht das Recht …“
„Nicht das Recht …!?“, brüllt der Sohn erhitzt zurück. „Hast du es mit uns anders gemacht? Hast du?!“
Verbissen schweigt der Vater. Kinder schulden ihren Eltern blinden Gehorsam – seiner überholten Ansicht nach. Die Mutter senkt nur ergeben ihr Haupt. Der Sohn hat nicht unrecht, aber auch sie … schuldet weibliche Gehorsamkeit ihrer Erziehung nach. ‚Miyu und Yuna scheinen anders zu sein! Moderner! Moderater!‘
Die Mutter in ihr fühlt mit der anderen Frau, die gerade ihre Tochter … an die Unsterblichkeit verlor. ‚Das ist vielleicht das Einzige, was ich ihr als Wiedergutmachung entbieten kann: Ewiges Leben, um an der Seite ihrer Tochter weiter zu existieren. Vielleicht hat der Sohn recht. Vielleicht hatte sie genau darum gebeten.‘
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Auf leisen Sohlen huscht die Mutter in Miyus Gemach. ‚Wir hatten uns nur bei zwei Durchreisenden heimlich etwas laben wollen. Diese Früchte, die sie uns mitbrachten, reichen nicht lang, stillen nicht diesen unersättlichen Durst.‘ Bedauernd betrachtet die Mutter das in der Dunkelheit vor ihr ruhende Schmerzverzerrte Gesicht. ‚Sie hat es mitbekommen! Die Mimik ist im Schock der Erkenntnis erstarrt, bevor sie in sich zusammenfiel!‘
„Weib, was tust du da? Tritt sofort zurück!“ Licht fällt aus dem Flur durch die geöffnete Tür hinein. Der Vater will weitere Kollateralschäden vermeiden. Sie wissen nicht genug darüber, was es bedeutet, noch mehr von solchen ihrer Art zu erschaffen. Er hatte sich nie dieses Leben für seine Familie erwünscht. Nach ihnen sollte es keine weiteren geben ... Sie kennen keine anderen!
„Das können wir ihr nicht antun – einer Mutter! Auch nicht dem Mädchen! Lass es mich vollenden!“ Ganz ruhig spricht die Mutter nun. Nie zuvor hatte sie Widerworte gegen ihn gewagt. Nie hatte sie sich beklagt, was er aus ihr und ihrem Sohn machte. Betreten schließt der Vater wieder die Tür und überlässt der Mutter den nächsten Akt.
‚Sie muss wach sein. Bei Verstand sein!‘ Stunde um Stunde wartet die eine Mutter auf das Erwachen der anderen. Es wird bald zu hell für mich. Sanft rüttelt sie an Miyus Schulter, die langsam die Lider aufschlägt und über sich … die wahre Natur ihres Gegenübers erblickt. Miyus Augen weiten sich vor Schreck. ‚Es ist also wahr!‘ Ihr erster Aufschrei wird erstickt. Wohl der Nachbarschaft wegen ...
„Yuna?!“, blickt sie traurig fragend in dieses grausige Antlitz empor, das sich keine Mühe mehr macht, sich noch weiter vor ihr zu verbergen. Ein leicht bejahendes Nicken treibt Miyu erneut die Tränen in die Augen. „Bitte!“, fleht sie sie nur. „Bitte!“, und die andere Mutter versteht, beugt sich über die Schicksalsergebene, um ihr den gleichen Weg wie der Tochter zu bereiten. Nie würde diese Mutter ihr Kind allein seinem Schicksal entgegenschreiten lassen … bis dass der Tod sie scheidet - der endgültige!