0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschichten um Lotta und Co. hier in 🌺 HERLAND weiter - ein Stück weit im Crossover mit den 📜 WiWo News. Wer weiß, vllt. mengt sich irgendwann sogar noch ein wenig P. mit rein 😏 …
Hier in HERLAND bitte keine Kommentare. Wenn, dann lieber per PN … oder auch gerne in den WiWo-News (siehe Signatur) oder auf dem Discord Server. Dort ist alles auch als PDF hinterlegt. Zugang zum Discord Server auf Anfrage per PN.
Lonely Wolf hat sie begleitet. Sie waren die Nacht durchgeritten und sind früh am Morgen in Achaks Pueblo angekommen (na gut, einige folgen im Truck nach). Farsane sieht sich entzückt um, während Achak mit seiner Granny Moema die Pferde versorgt. Lächelnd steht Lonely Wolf neben der jungen orientalischen Frau: „Hat ein bisschen Ähnlichkeit mit manch historischen Bauten von daheim, was?“ Der alte Schamane ist ein recht studierter Mann, was kaum einer weiß. Selbst in seinem heimlichen, von einem alten stillgelegten Holzsägewerk geprägten Rückzugsort steht eine kleine feine Bibliothek – von ihm höchstpersönlich ausgerüstet.
Lächelnd schaut Farsane zum Medizinmann hoch: „Ja, tatsächlich. Es ähnelt erstaunlich früheren einfachen Bauweise in Persien zu den Anfängen der Landwirtschaft vor tausenden vor Jahren. Ich hatte Jack Watanabe bei einigen Grabungen begleitet.“ Sie ist schon ganz aufgeregt, den früheren Bekannten und Achak demnächst zu einer Forschungsreise in den mesoamerikanischen Dschungel zu begleiten. Gerade will sie zu einer Frage ansetzen, als neben ihr Merlins Truck zum Stehen kommt. Das Magier Duo samt Tanuí trudelt nun auch endlich ein.
Merlin ist noch immer ganz begeistert, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu entdecken und freut sich über jede neue kulturelle Offenbarung wie auch die natürliche Landschaftsgestaltung drumherum. Mit leuchtenden Augen betrachtet er schon eine ganze Weile diese rötlichschimmernden und seit Jahrmillionen ausgewaschenen aberwitzigen Felsformationen, in die sich Achaks ‚Hütte‘ hervorragend einschmiegt. „Das Baumaterial stammt wohl aus der Umgebung! Sieht einfach toll aus!“, lobt er mit Kennerblick gleich zur Begrüßung den erdfarbenen Bau.
Tanuí nickt zustimmend. Sein Volk hat sich die ‚Zutaten‘ für die eigene Hütte auch immer aus der unmittelbaren Umgebung zusammengeklaubt: Palmenholz, Bananenblätter, Kokosfaser … In seiner Magengegend macht sich ein sehnsuchtsvolles Ziehen breit, das er sogleich wegzuschieben versucht. Denn gleichzeitig erinnert es ihn auch daran, seine Heimat zerstört, na ja, zumindest an ihrem Untergang mitgewirkt zu haben … So langsam hat er schon begriffen, dass er nicht der Hauptverursacher war und der Leutnant und seine Leute sowieso über seine Insel hergefallen wären. Batuu! Verfluchtes Gestirn! Tanuí nickt nur freundlich in die Runde und versucht, sich seine düsteren Momente nicht anmerken zu lassen. Aber sowohl Lonely Wolf wie Malecantus registrieren diese traurigen Gemütsschwingungen.
Einen Moment ruhen beider Augen auf dem jungen verwirrten Inselgeist, bevor sie einander kurz mit wissenden Blicken mustern. Danach wendet sich auch der erfahrene Magier dem nächsten Domizil ihrer Reise zu. Na, besser als ein Tipi! Gregorius hat etwas für moderne Annehmlichkeiten übrig. Hoffentlich fließendes Wasser!„Na kommt, lasst uns schauen wie es drinnen wirkt!“ Tatsächlich besser als erwartet!
~~~~~~~~~~
Jayyden Lexxo wühlt um einiges weiter westwärts entfernt – wieviel kann man nicht genau sagen in dieser sonderlichen Welt - in seinem alten Trailer einige Sachen durch. Irgendwo hier musste e s doch sein! E s! Das Ding aus einer anderen Welt als Sixam!
S e i n e Leute auf Sixam haben schon seit einiger Zeit das Geheimnis wechselhafter Entfernungen in diesem Kosmos zu ergründen versucht. Bisher ohne jeglichen Erfolg. Auch Don El Artichocke und Bugsy sind diesem letzten ‚unentdecktem Land‘ auf der Spur, ohne es aber genau zu wissen. Sie jagen bereits seit Anbeginn ihres Blattes dem Außergewöhnlichen hinterher, ohne je ans Ziel zu gelangen. Doch nie waren sie weiter von einer Aufklärung entfernt als gerade jetzt, wo sie sich mehr für die Fahndung nach einem Rotschopf mit Wolf interessieren.
Also wirklich, es gibt Wichtigeres in dieser so merkwürdigen Welt! „Verdammt, wo habe ich es nur gelassen?“ Unwirsch dreht Jayyden erneut den einen oder anderen Gegenstand in dem beengten Innenraum herum und alles auf den Kopf. Dass diese Mistdinger von Batuu aber auch so winzig sein müssen …„Oh man, oh man, oh man!“, flucht er laut vor sich hin, um Dampf abzulassen. Wie gut, dass mich wenigsten an diesem geheimen Zufluchtsort niemand hört. Na, so geheim dann doch nicht. Pru hatte mich hier damals gefunden … hochschwanger! (Alles nur Filmkulisse …?)
„Klein, weiß … und mächtig. Dreieckig!“, brabbelt Jayy suchend vor sich hin. „So sah das kleine Scheissding doch aus, oder?“ Grummelnd schiebt der Sixamer weitere umhergestreut liegende Wäsche beiseite. „Ich sollte wirklich mehr Ordnung halten!“
Jaydden stemmt die Hände in die Seiten. „Das wird wohl heute nichts! Mist! Bin zu selten hier!“ Es tut gut, laut wie ein Spatz zu schimpfen … über die eigene Misslichkeit. Irgendwie hat er mit Pru an seiner Seite seine Mission zu sehr vernachlässigt. Sich nicht mehr um das Labor da drüben gekümmert und … den selbsterwählten Auftrag, von dem nicht mal seine oberste Direktive auf Sixam weiß! Den gab Jayyden sich, als er dieses kleine weiße Ding fand - an dieser ohnmächtigen Begleit-Blechbüchse, die TanuÍ und die Magier in der Bretagne auf der anderen Seite des ‚Kanals‘ zurückließen! ( 5.4.1 - Nach Übersee gen Westen … Geständnisse …)
Oh ja, er war nochmal zum Wanderzirkus zurückgekehrt, weil es ihn interessierte, was dieser Tanuí vielleicht doch noch von Batuu preisgeben könnte. War spannend gewesen, dieses leuchtende Laserschwertduell heimlich zu beobachten. Bislang hatte er dem Insulaner gegenüber verschwiegen, was er an sich genommen und hier versteckt hat. Zu wertvoll ist das Kleinod, dass es ihm selbst in seinem heimischen Keller als nicht ausreichend sicher erschien. Was, wenn Pru da doch mal wieder putzen geht und zufällig drauf stößt? Nicht auszudenken!
Eigentlich hatte Jayyden heute vor, nicht nur den versprochenen Ausflug mit Merlin, Achak und Tanuí nach Sixam zu unternehmen, sondern diesem aus Batuu vertriebenen Insulaner auch noch ein wenig verschwiegen zur Seite zu nehmen und endlich ein wenig mehr aus ihm rauszupressen. „Was würde Tanuí wohl für Augen gemacht haben, wenn ich ihm heute dieses kleine ‚Geschenk‘ von Batuu präsentiert hätte?“, sinniert der Sixamer Oberkommandeur laut vor sich hin. Würde er verraten wie es funktioniert? Jayyden ist sich sicher, dass es ein Transmitter ist, mit dem man gaaaaaaanz vorsichtig umgehen muss. Bloß nicht auf irgendwelche Knöpfe drücken. Sonst hört wer mit!
Noch ist sich Jayyden nicht ganz sicher, wie er es am besten anstellen muss. Sollte ich den Kerl lieber noch etwas mehr aushorchen, bevor ich ihm zeige, was ich habe? Vielleicht gar nicht so verkehrt, dass ich das Ding heute nicht finde. Mein Unterbewusstes sagt mir damit wahrscheinlich, dass ich es noch etwas überdenken und damit warten sollte …, ihm zu verraten, was ich an mich genommen habe.
~~~~~~~~~~~
Über sich selbst und seine Gedanken vom Vortag grinsend macht Jayyden sich am nächsten Tag im frühen Morgendunst auf den Weg. Die beste Zeit nach Sixam zu reisen ist Six a.m.!
Merlin, Achak und Tanuí stehen schon bereit als Jayyden eintrifft. Er hatte sich telefonisch am Vortag angekündigt. Der Rest im Haus schläft noch fest. „Na, alles startklar?“, fragt der Oberkommandeur leutselig in die Runde. Sein Blick verharrt etwas länger auf dem jungen Inselmann, der sich unter diesen immer etwas durchdringend und streng wirkenden Augen unwohl rührt, auch wenn die Miene des Sixamers eigentlich lächelt.
Merlin hingegen strahlt wie ein glänzender Penny, kann die Sternenreise kaum abwarten. „Womit … fahren oder … fliegen wir eigentlich?“, fragt er schon ganz aus dem Häuschen, dass es jetzt wirklich losgehen soll. Ja, die Frage interessiert Achak auch brennend, der sich so als nüchterner Forscher fragt, auf was für ein Abenteuer er sich hier gerade einlässt.
Nun, der Traktorstrahl von Jayydens ‚Ufo‘ ist bereits justiert! Was soll er ihnen lang und breit erklären, was gleich passiert. Er versteht einfach nicht, warum die meisten e s so hassen. Pru war doch ganz begeistert, aber Paka’a, die Bürgermeisterin Erdnuss und all die anderen machen darum ein ziemliches Gewese. Keine einzige Schuppe war an Paka’s Fischleib zerkratzt worden, obwohl er sich an der Luke so wehrte. Jayyden hatte sich bei dem eingesetzten Forschungsschiff anschließend erkundigt. ‚Ganz schön glitschig so ein Fischmann!‘, hatte die Besatzung gestöhnt und wirklich nur ein paar wenige DNA-Proben gesammelt … ‚Und dem Forschungsobjekt auch nichts, rein gar nichts eingepflanzt‘, hatten sie zudem noch eilfertig dem Oberkommandeur versichert.
Scheinen alle bereit zu sein. Jayy aktiviert … den Traktorstrahl … „AhhhhhHHHHH …!!!!!“ „HuuuuuUUUUU …!!!!!!“ „IiiiiiiiieeeeehhhHHHH …!!!!!“ „Es geht los, Freunde! Willkommen an Bord des Starlight Express!“
Mehr als das Durcheinander Gequietsche der Mitreisenden brauchte es kaum. In Windeseile switchten sie durch den Sternenraum. „Warp Geschwindigkeit, Merlin? Du schaust eindeutig zu viel alte Filme! Wir biegen nur einmal kurz nach rechts und dann gleich wieder nach links mit dieser ‚Untertasse‘ - wie ihr es nennt – ab durch zwei Wurmlöcher bis Sixam. Liegt quasi um die Ecke. That’s it! Schon da!“, erklärt Jayyden dem Sternenneuling nachsichtig den gerade erlebten Geschwindigkeitsrausch … als alle bereits wieder festen Boden unter den Füßen verspüren.
Äh, ein wenig ist Merlin jetzt doch enttäuscht. Sternen w a n d e r u n g hatte er sich anders vorgestellt. Also so, dass sie an zig Sternen langsam entlangfliegen und alles genüsslich in Augenschein nehmen könnten … Keiner der Erdlinge erinnert sich, überhaupt das Innere eines Ufos wahrgenommen zu haben, so blitzschnell ging alles von statten.
Amüsiert ergänzt der Sixamer Oberkommandeur: „Ach so, ja! Das gibt es auch. Ein Ausflugsschiff! Haben wir erst auf Nachfrage unserer ersten Gäste kreiert! So lange gibt es ja noch keinen Tourismus auf Sixam. Erst seit der Eingemeindung durch die Bürgermeisterin Erdnuss! Sehr nachgefragte Touren und … schon lange im Voraus ausgebucht. Ich guck mal, ob ich Karten für dich krieg, Merlin. Versprochen!“ Na das söhnt den Zauberlehrling wieder etwas aus. Nun schaut er sich beglückt über die Sternenpracht an diesem gänzlich anderen Firmament näher um. Hat ein wenig was … vom Magischen Reich!
„Wir könnten über diesen Planten ein wenig daher w a n d e r n!“, schlägt Achak wissbegierig und einlenkend ein. „Scheint mir doch einiges zu entdecken zu geben!“ Mesoamerikanischen Pyramidenbau entdeckt er zwar nicht, aber seine Neugier ist angesichts dieser leuchtenden Flora und Mineralien geweckt. „Ja, so ist’s gedacht!“, lächelt Jayyden milde. „Schaut euch nur ruhig um!“ Die wirklich wichtigen Anlagen von Sixam gibt es dabei eh nicht zu sehen. Die liegen tief unter der Erde verborgen. Die kennen auch die WiWo-Leute und Bürgermeisterin Erdnuss trotz mehrmaligen Besuchs nicht. Selbst Pru ahnt nichts davon. Und dem Rat der Okkulten um Paka’a wird Jayyden diesen Umstand auch nicht offenbaren. Auf der Oberfläche des Planeten Sixam präsentiert sich nur sichtbar … die Tourismusbranche. (Die Konfrontation)
„Na kommt, ich lade euch erst mal zu einem Umtrunk ein. Danach schauen wir uns die Umgebung näher an!“ Und damit steuert Jayyden auf ein kurios organisch geformtes Gebäude zu, das auf filigranen Beinen zu stehen scheint. Unter seinem ‚Leib‘ ist eine Bar mit Tanzfläche und Musikbegleitung auszumachen. „Verspricht ja sehr unterhaltsam zu werden!“, schmunzelt Achak dazu nur.
Tanuí folgt den anderen Herren stumm, schaut sich vorsichtig nach allen Seiten um. Er kann die faszinierende Aussicht noch nicht so recht genießen. Jeden Augenblick rechnet er damit, dass ein Batuuaner um die Ecke schneit, obwohl es hier wirklich sehr anders als auf Batuu ausschaut. Dann wagt er doch noch zögerlich eine Frage: „Ist hier … ewig Nacht?“ Er sieht keine erhellende Sonne! Aufmerksam dreht sich Jayyden wieder zu ihm um: „Ist das … auf Batuu anders?“
„J-j-jaaaa!“, lässt sich Tanuí stockend auf ein Gespräch über seine traumatisierende Erfahrung ein. „Es gab dort Tag und Nacht! Es hat eine erdähnliche Atmosphäre!“
Ja, das hatten wir aus der Ferne schon unter die Lupe genommen. War anzunehmen, dass es so ist … Jayyden ist gespannt, noch mehr über diesen anderen Planeten zu erfahren. Er will der erste Sixamer sein, der Batuu betritt und er erhofft sich entsprechende Hilfe durch diesen Verbannten!
Die vier Männer nehmen an der Bar Platz und genehmigen sich erstmal einen. „Erzähl doch ein wenig von der … Ersten Ordnung, Tanuí!“, lädt Jayyden höflich zu einem Gläschen griechischer Wein ein, den irgendwelche Sixamer ‚Wirte‘ irgendwie nicht ganz rechtmäßig erstanden hatten. Aber Jayyden will das nicht unnötig kritisch hinterfragen. Tanuí jedoch kriegt vor Schreck über die Frage kaum einen Schluck runter. Erstmal am Wein nippen und ein wenig unauffällig damit ablenken und Zeit gewinnen …
Ahnt Jayyden etwas? So in alle Richtungen hat Tanuí nicht offen gemacht, welcher Gruppierung er sich auf diesem Planeten der Verdammten angeschlossen hatte. Nun wünscht er sich, er hätte doch mal lieber bei den Rebell*innen mitgemacht. ‚Erste Ordnung‘ hört sich so schick an, als würde man dem Chaos trotzen, aber in Wirklichkeit … war es pure Erstarrung in Hierarchie und Ordnungsfanatismus.
Die Magier oder Unterwasserleute können kaum was mit den verschiedenen Einheiten Batuus anfangen, aber dieser Sixamer Alien hier will es scheinbar genauer wissen! Tanuí nimmt schnell noch einen Schluck. Das alkoholische Getränk rieselt besänftigend den Schlund hinunter, hinterlässt einen wärmenden wie selbstberuhigenden Eindruck im Bauch. Lotta könnte sich das nie reinzwitschern!, geht Tanuí noch durch den Kopf und er muss in Erinnerung leicht lächeln. Bei dem Experiment ihres Vaters war er dabei gewesen, als der seiner Tochter vermitteln wollte, dass sie gegen Alkohol selbst in kleinsten Mengen nicht gefeit ist. Ein Schwachpunkt von ihr, wie er damals registrierte, der ihrer sonstigen körperlichen Stärke entgegenstand.
„So erheiternd … die Erste Ordnung?!“, hakt der Sixamer Oberkommandeur mit interessiertem Blick nach und Tanuí verfällt wieder in furchtsame Wachsamkeit! W a s will der genau von mir? Achaks aufmerksamen Augen entgeht dieses leichte Katz- und Maus-Spiel der beiden nicht. Aber er mischt sich nicht weiter ein, beobachtet nur klammheimlich. Vielleicht ist dieses Batuu der Schlüssel zur Frage nach dem mesoamerikanischen Pyramidenbau! Hier finde ich solches Bauwerk auf jeden Fall nicht. Alles mehr … organisch rund würde ich sagen.
Auch Merlin spürt die Anspannung bei Tanuí. Sie sind jetzt schon eine Weile gemeinsam unterwegs und man lernt dabei auch zunehmend Körpersprache und Mimik der Weggefährten zu deuten. Der Zauberlehrling hat aber auch so ein recht einfühlsames Wesen und ist immer geneigt, zu vermitteln und zu beschwichtigen, außer … neulich. Also … bei Malecantus hat er verstanden, muss er zuweilen doch auf den Putz hauen, um nicht immer alles … allein zu putzen. „Ja, Ordnung ist das halbe Leben!“, erhebt Merlin allen zuprostend sein Glas und lenkt damit die Aufmerksamkeit mehr auf sich und … weg von Tanuí, dem er die Bedrängnis ansehen kann. Batuu würde mich auch interessieren, aber erst mal noch besser verstehen, was Tanuí so verschreckt. Dieser Jayy setzt ihm etwas zu sehr zu. Ich frag besser mal später unter vier Augen bei unserem Insulaner nach.
Der Sixamer Oberkommandeur Jayyden Lexxo bemerkt sehr wohl Merlins Intervention. Kurz streifen sich ihre Blicke. Hat der Kleine also einen Beschützer gefunden! Ich werde mich nicht mit einem Magier streiten! Ich knöpfe mir diesen Inseljungen am besten mal allein vor – ohne Publikum!
Und Achak … beobachtet im Stillen nur. Interessant wie sich alle vorsichtig umkreisen. Das Thema Batuu ist wohl für heute gegessen! Jayyden bittet anschließend ins Hotel einen Stock höher zur Registrierung. „Wir müssen uns noch anmelden! Visapflicht!“ „Ja, ja!“, lacht Merlin. „Ordnung muss sein, was Jayy?!“ und schenkt sich noch schnell ein Gläschen ein … so für auf den Weg. „Echt gut der Wein! Woher bezieht ihr den?“ Merlin ist ein Feinschmecker und Weinkenner. Jetzt ist es an Jayy nach etwas Ablenkung zu suchen. „Äh … ich bin nicht … mit der Beschaffungslogistik befasst … Ähm, hier bitte entlang!“, führt er die drei Männer schnell die Stufen hoch. Recht gewitzt, dieser Zauberlehrling! Muss ich mich vorsehen!
Im oberen Geschoss empfängt sie eine wohlmeinende Dame in lokal üblicher Hautfarbe und Jayyden enttarnt sich höflich zur Begrüßung. Die drei anderen Herren halten überrascht die Luft an. *Mmpffffff …*
„Guten Tag, werte Gäste! Es begrüßt Sie Befruchtungstechnikerin Nr. 7. Darf ich Ihnen, während Sie sich bitte hier eintragen, etwas offerieren? Etwas Salat oder … Pilzomeletts vielleicht?“ Erheitert zwinkert sie Jayyden zu, der abwehrend abwinkt, während sie sich setzen: „Hallo … die sind kein Nachschub für Experimente! Wir wollen nur … die Umgebung etwas besichtigen! Das sind … Freunde der Bürgermeisterin Erdnuss!“
Befruchtungstechnikerin Nr. 7 legt leicht lächelnd den Kopf etwas schief: „Na die Bürgermeisterin war doch von unserer Rezeptur … besonders angetan! Hat ihr die Nachwuchsfrage wie auch die ungehinderte Ausführung ihres hochrangigen Amtes enorm erleichtert!“ (WiWo-News Rezeptseite)
Jayy bemerkt augenblicklich seinen Fehler, das falsche Argument ins Feld zu führen. Sofort schwenkt der Sixamer Oberkommandeur auf eine andere Strategie um: „Dies sind freiwillige Gäste … unter … meinem Schutzbefehl! Wir benötigen sie …“, nun nuschelt er etwas in den nicht vorhandenen Bart, „… für andere Zwecke!“ (Befruchtungstechnikerin Nr. 5)
Leicht erstarrt verfolgen die drei irdischen Besucher diese absonderliche Kommunikation.
„Und für welchen Zweck?“, verfolgt die heutige Sixamer Arbeitnehmerin an der Rezeption hartneckisch ihren Auftrag zur Registrierung und grinst. Alles und jede*r dient einem Zweck auf Sixam. Anders kann man sich das hier gar nicht vorstellen. Befruchtungstechnikerin Nr. 7 hat diesen Planeten noch nie verlassen und weiß darum nicht um die taktisch notwendige Diplomatie andernorts, um Sixamer Kompatibilitäts-Interessen nicht sogleich auffliegen zu lassen.
Der Sixamer Oberkommandeur seufzt leicht genervt. Wieso hat man ausgerechnet diese unsensible Landsfrau in der hier noch jungen boomenden Touristikbranche eingesetzt? … … Ahhh, vielleicht ist das das Codewort! Ich bin einfach zu oft … außer Landes! „Zum Zwecke der Tourismusförderung!“, antwortet Jayy nun geflissentlich und hat damit wohl das Zauberwort gefunden, die drei Begleiter vor möglicher Nachkommenschaft zu bewahren. Die wären sehr überrascht gewesen, so mir nichts dir nichts plötzlich und unvorbereitet Vater … oder Mutter zu werden! Wie man‘s nimmt! Auf Sixam ist es egal, welchen Titel man dem ganzen gibt, Hauptsache gesund und … in erfreulichen Umständen!
„Na gut!“, entgegnet die Rezeptionistin etwas enttäuscht, ihrem Hauptberuf heute nicht umfassend gerecht werden zu können. Das hier ist eigentlich nur ein Nebenerwerb für sie. Drei auf einen Streich, boah, das wäre die Erfüllung meiner Karriere gewesen! „Hier bitte unterschreiben! Dann wünsche ich viel Spaß bei der Erkundung unseres Heimat Planeten. Beehren Sie uns bald wieder. Sie sind jederzeit willkommen.“ Das scheint wohl weltweit der geflügelte Willkommensgruß der Tourismusbranche zu sein – von Schweden bis Sixam!
Jayyden ist nicht empathielos. Die Frustration der Landsfrau kann er nachvollziehen. Nur … der Rest des Universums ist noch lange nicht so weit! Zuversichtlich lächelt er ihr zum Abschied zu: „Beim nächsten Mal! Bestimmt! Nur nicht verzagen …“ Stumm folgen ihm seine drei Gäste schnell aus dem Raum. Sie sind sich nicht sicher, ob sie eben alles so richtig mitbekommen haben … Wirkte irgendwie als würden sie halbwegs verschachert … Für … Nachwuchs? Sollten sie bei irgendwelcher Zeugung helfen? Betreten schauen sich die drei Männer an, während sie Jayyden die Stufen des Gebäudes hinunter recht aufgelöst hinterhereilen.
„Ähm, wir benötigen hier … deinen Schutz? Wovor genau, Jayy?“, verlangt es Merlin einige Meter entfern nun doch genauer zu wissen.
„Ich … ich … habe meine Laserschwerter dabei, ja! Komm‘ mir bloß keiner zu nahe!“, stammelt Tanuí aufgebracht und zückt schon seine Waffe. Ahnte ich es doch! Alles eine Falle. Aliens ist einfach nicht über den Weg zu trauen … Wahrscheinlich Verbündete von Batuu! Achak springt erschrocken zur Seite und schreit in heller Aufregung: „Was wird das hier? Jayy?! Tanuí?!“
Um Verzeihung heischend dreht Jayyden sich zu der aufgewühlten Meute um, die da hinter seinem Rücken schier durchzudrehen scheint: „Hei entschuldigt. So sollte das nicht starten. Die war wohl neu an ihrem Arbeitsplatz! Macht euch keine Gedanken!“ Er erntet nur drei konsternierte Blicke. „Ok, was glaubt ihr denn, verstanden zu haben?“ Stille! Einen Moment später wildes durcheinander Gebrabbel. Am Ende muss Jayyden tatsächlich herzhaft lachen. „Nein, hier wird euch nichts geraubt, sondern geschenkt! Das funktioniert hier … anders als auf dem Erdplanet! Männer tragen zumeist den Nachwuchs aus!“ So jetzt ist es raus. Bei der WiWo stört das niemanden mehr. Da ist bekannt, dass Jayy und der Hinterhältige ein paar Monate Tragezeit hinter sich haben. Aber für zwei hier ist das absolutes … Neuland! Tanuí hatte wenigstens schon über drei Ecken von Moema darüber gehört, es sich aber nicht wirklich vorstellen können.
„Interessant, was du da bei dir trägst, Tanuí!“, wendet sich Jayy nun dem Inselmann mit seinem gezücktem Laserschwert in der Hand zu. „Ist keine Kleinigkeit, was du da mit dir führst - und dazu noch unbemerkt an unseren Kontrollen vorbei! Ist das … erste Mal, dass ich so etwas sehe!“ Jayyden will sich tunlichst nicht verplappern, dass es das zweite Mal ist, so etwas zu sehen …
Merlin kennt die Leuchtschwerter auch schon. Das lenkt ihn nicht vom Thema möglicher Vaterschaft ab. Achak hingegen weiß gerade nicht, womit er sich zuerst befassen soll. Verwirrt wandert sein Blick zwischen den anderen umher. Gebärfreudige Männer, Laserschwerter …? Ihm schwirrt der Kopf. Und ich dachte noch, mich hier mit Kinkerlitzchen wie mesoamerikanischen Pyramidenbau befassen zu wollen. So viel Neues ist in den letzten Wochen auf ihn eingestürmt, was seine eher nüchterne Forscherseele kaum wahrhaben will: Prärie- und Flaschengeister, Magier, lauter Außerirdische, die sie unterwandern. Und dann wird auch noch über … Vampire und Werwölfe geraunt. Obwohl, na ein Wolf hockt ja schon unter uns – zuhause bei meiner lieben Moema. Auch diese Geschichten um diesen Rotfuchs Lotta und ihren Wolf … Diese leicht übermenschliche Kraft! Alles so sonderbar und scheinbar gar keine Legenden. Was mag alles an Moemas Erzählungen an nächtlichen Lagerfeuern, die ich immer unter Mythen eingeordnet hatte, tatsächlich Wahres dran sein …? Und jetzt … kriegen auch noch Männer Kinder?
„Also! Wie funktioniert das genau, Jayy?“, hört Achak gerade Merlin neben sich forsch nachhaken. Tanuí steckt erstmal sein Schwert wieder weg. Das will er auch gerne hören. Scheinbar steckt Sixam nicht mit Batuu unter einer Decke … Ups, was für ein Wortspiel! Tanuí kann seit Ankunft auf dem Planeten das erste Mal befreit grinsen. Er wollte in seiner derzeitigen Lage jetzt nicht unbedacht Mutter-Vater werden, aber grundsätzlich war man auf Takatuka seit jeher sehr aufgeschlossen. Alle Neigungen und Orientierungen hatten ihre Berechtigung und durften offen gelebt werden. Verhütung war nicht nur Frauensache … Wie hatte ich also bei dieser freimütigen Gesellschaft … so ein Schuft werden können? Tanuí fragt sich das nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal!
„Schön, wenn ich für Erheiterung sorgen konnte!“, greift Jayyden Tanuís willkommenes Lächeln auf. Endlich macht sich der Kerl mal locker! Diese Schwerter soll er mir später noch mal zeigen, etwas weiter weg von meinen Landsleuten … dort auf der Anhöhe! „Kommt, ich erkläre es euch auf dem Weg nach oben und nun genießt aber endlich mal die Aussicht und Landschaft drumherum, deretwegen ihr doch hier seid!“
Etwas entspannter startet die Runde nun wirklich ihre ‚Sternenwanderung‘ unter der leuchtenden Himmelspracht, beschienen von zwei riesigen Monden. Jayyden erklärt rechts und links am Wegesrand Blümchen und Bienchen, lässt auch ein paar Gesteinsproben als Souvenir ausbuddeln … Merlin zwackt sich hier und dort ein paar Ernteprodukte ab, fragt nach ihrer Verwendung und Zubereitung. So erfahren sie nebenbei auch von der Rezeptur des Sixamer Pilzomeletts, das dem Hinterhältigen Scharlatan den Kleinen bescherte.
„Und die Bürgermeisterin wusste Bescheid, als sie es ihrem Gatten servierte?“ Merlin ist ein wenig neugierig, wie Phillipa Erdnuss gestrickt ist und der Hinterhältige darauf reagierte. Ein ziemlich magisches dynamisches Gespann, die beiden … wie Gregorius und ich auch! Mhmm. Ich bin der Koch von uns beiden! Irgendwie eröffnen sich für Merlin gerade … ganz neue Möglichkeiten. Was Gregorius wohl …
„Aber bei dir war das anders, Jayy?“ Achaks Frage unterbricht Merlins letzten Gedanken. „Ja sicher!“, bestätigt der Sixamer Oberkommandeur. „Ich habe ja als Einheimischer die natürlichen Anlagen dazu.“ Das bestätigt Achaks Überlegung: „Also ohne Genuss von Pilzomeletts geht bei uns nichts! Gut zu wissen!“ Und zu wissen, dass wir nicht ‚infiltriert‘ werden solltenbefriedigt meinen derzeitigen ‚Wissendurst‘ zu dem Thema vollends.
Damit ist das Thema offiziell auch allseits erschöpft und die Herrenrunde widmet sich nun wirklich der Schönheit der Natur und der Herrlichkeit der sie umgebenden Gestirne. Der eine oder andere geht gedanklich noch etwas schwanger mit diesen völlig neuen Reproduktionsoptionen – außer Achak. Der bevorzugt nun wirklich … den ihm bisher bekannten Weg! Irgendwann möchte ich schon ein Kind mit … äh, von Farsane!
„Von hier aus habt ihr einen wundervollen Blick auf die ganze Landschaft! Das ist die höchste Erhebung auf Sixam die man erklimmen kann!“, macht Jayy ganz stolz auf seinen Heimatplaneten die Reisegruppe auf diesen wunderbaren Aussichtspunkt aufmerksam. Allseits hört er gebührende Bewunderung. „Ohhhh!“ „Ahhhh!“ „Bbbeehh!“
„Häh?!“
„Scherz am Rande!“, grient Tanuí, der sich wie Lotta erst spät die Lesefertigkeit angeeignete und nun endlich das ABC beherrscht, den Sixamer Oberkommandeur keck von der Seite an. Für einen Moment kann er seine Sorgen um Lotta, sein Kind und Batuu vergessen bis …
Ja, bis der Oberkommandeur wieder d a m i t anfängt! „Zeig mir doch nochmal dein Schwert, Tanuí!“ Verschwörerisch blinzelt Jayy ihm zu - mittlerweile wieder in Tarnkleidung gewandet. So ist sein Anblick Erdlingen gefälliger … „Hier sind wir völlig ungestört!“
Zögerlich zieht Tanuí das Leuchtschwert wieder unter seinem Hemd hervor. Hat keinen Sinn mehr, es vor diesem Sixamer Oberkommandeur weiter zu verbergen, der nicht gewillt zu sein scheint, seine Landsleute an dieser Information teilhaben zu lassen. Wachsam blickt Tanuí sich um, dann wieder breit grinsend zu Jayy, während er das Schwert aufblitzen lässt: „Herr Oberkommandeur, pflegen wir hier etwa ein Geheimnis vor deinen Vorgesetzten?“
Fast zur gleichen Zeit … an einem anderen Ort … am Vortag … WIWO 149 Klimawandel
Sie sind so nah gerückt! Ich selber hab‘ sogar noch den Funkmasten geliefert! Hoch droben am Berg! War’n vorzeitiges … Weihnachtsgeschenk an diese Region! (5.1.6 - Bis ganz nach oben … Heißes Vergnügen …)
Regungslos blickt Clemens Frost eine Weile in Richtung des neuartigen Wintersportortes. Sein Blick wandert zur Falun roten Hütte dazwischen, die sich wie ein kleines übrig gebliebenes Büllerbü zwischen Skilift und Abfahrtslalom zu behaupten versucht.
Mein ‚Heim‘ werden sie trotzdem nie finden! Es schwebt über den Dingen … Aber meine Kinder, die beiden Nikoläuse, fangen an zu fragen … Shakirah auch! So viel … Druck auf einmal von allen Seiten!
Santa wischt sich seufzend über die leicht verschwitzte Stirn. Unter der wollenen Kappe wird ihm an Tagen wie diesen schnell zu heiß. Der Frühling liegt in der Luft und beginnt … Morgen. Ist noch gar nicht lange her, da hatte Clemens noch Geschenke drüben in der Hütte abgeladen. In Lottas kleinem feinen Knusperhäuschen! (7.1.4 - Alles, nur kein Date … Bräuche und Gewöhnung … (Teil 2))
Er hat die beiden Rotfüchse ein bisschen beobachtet … aus der Ferne. Funken zwischen den beiden waren den letzten Wintertag doch noch übergeschlagen, hatten ein zartes Feuer entfacht. Eine Weile hatte es nicht danach ausgesehen. Da musste wohl erst einmal ein ordentlicher Schneesturm her … Clemens freut sich einerseits, andererseits … Ich kann doch jetzt nicht wegen diesem Inselboy in diese jungen frisch erblühten Bande reingrätschen. Was stellen sich die anderen in der WiWo-Redaktion bloß vor? Sie wissen nicht, was ich weiß … Dass ich s i e und ihren Wolf bereits gefunden habe. Soll ich reden, soll ich schweigen?
Clemens Behausung liegt recht nah zu dem der beiden Rotschöpfe. Ständig würde er es mit ansehen müssen, wenn er Unglück über diesen Norweger brächte. Und genauso oft würde er s i e sehen und sich fragen, was aus dem von Batuu verbannten Insulaner wird. Ständig, ständig würde er erinnert werden, dass es keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle gibt. Einer wird immer leiden und Clemens müsste es nun zeitlebens … miterleben.
Ach, wie hatte ich mich über etwas Abwechslung und Belebung direkt vor der Haustür gefreut in diesen einsamen Weiten. Ruhe finde ich immer noch genug über den Wolken. Aber jedes Mal, wenn ich die Tore öffne … Wer konnte ahnen, dass mir direkt vor der eigenen Hausschwelle solch ein Melodram erwächst?
Sante lässt sich mit Schlitten zum Gästehaus rüber tragen, verharrt neben einem rauchen Schornstein auf dem Dach des Gebäudes. Der Weihnachtsmarkt ist wirklich prachtvoll. Hätte ich nicht besser hinbekommen. Wirkt fast wie eine Nachbildung meiner Behausung nebst Produktionsstätte … Nicht jedem zeigt sich Clemens ganzjährlich identifizierbar in seiner Arbeitskluft. So in unmittelbarer Nähe seiner Heimstätte sind die Hausdächer ein guter Aussichtspunkt auf die Menschen, die da unten wie kleine Ameisen durch die Gegend wuseln. Wenn er sich unter sie mischt, dann … inkognito in Alltagstracht.
Ich bin nicht mit ganz so okkulter Kraft gesegnet wie dieser Rat um Paka’a glaubt. Ich bin schnell und wendig mit meinem Schlitten, passe durch die engsten Schlote zur Weihnachtszeit, komme halt viel rum … Das war’s dann aber auch schon! Ich bin nicht allwissend! Weiß auch gerade nicht, was richtig oder falsch wäre … Clemens schwingt sich auf sein Kufen Gefährt. Ein paar Reklamationen hat er geladen. Geht halt auch mal was beim Weihnachtsmann zu Bruch.
Einmal im Tomte Heim die Pakete ausladen, Badehose angezogen und wieder zurück als Jedermann ab in die Heiße Quelle des Touristikcenters. Das ist selbst für Santa wahrlich entspannend und vielleicht … hilft es ihm … beim Nachdenken.
Sollte ich eine Liste machen? Pro und Contra? Was spricht für den Inselmann, was für den Norweger? Oder soll ich den Zufall entscheiden lassen? Würfeln oder Gänseblümchen zupfen? Oder … könnte ich einfach … s i e fragen? Sie arbeitet hier doch, gleich da im Center! Badet selber oft genug in dieser heißen Quelle …
Oh welch Unbehagen, welche Nöte. Clemens kann sich noch nicht mal für die richtige Methode des Entscheidens … entscheiden! Solche Qual der Wahl ist Neuland für den ansonsten besonnen Zurückhaltenden.
Am besten … weiter nachdenken. Ich hab‘ ja … noch ein bisschen Zeit! Erst mal schauen, was bei dem Norweger und seinem Rotfuchs gerade so läuft … nach d e r stürmischen Nacht …
„Ach wie Herrlich!“, heiter dreht sich Danny mit ausgebreiteten Armen einmal um die eigene Achse und die kleine Kinderschar um sie herum gleich mit. „Es wird Frühling!“ Aufseufzend lässt sie die Arme wieder sinken. „Na, hier oben am Hang merkt man nicht so viel davon, aber unten im Tal werdet ihr die ersten Frühlingsbotinnen schon sehen können. Gut, dass sich der gestrige Schneesturm gelegt hat und die letzte Nacht bereits großflächig geräumt wurde. Wir könnten ja sonst heute gar nicht draußen spielen!“ Strahlend sieht sich die junge Erzieherin in der gleißenden Morgensonne um. Der Schnee glitzert einfach herrlich auf der weiten Ebene. Es war so eine wunderbare Idee von Brett gewesen, hier die Ski-Saison über zu arbeiten.
Dannys Augen suchen die Umgebung nach Lotta und ihrem Kind ab: „Wo bleibt denn nur Takatuka?“Selbst Ansgar ist noch nicht erschienen. Denkt er, heute fällt der Kinderskikurs wegen dem gestrigen Schneegestöber aus?
Janine hebt ihre kleinen Ärmchen Danny entgegen, die sie lächelnd hochnimmt. „Wolf auch nicht da!“, erklärt das kleine Mädchen ernst.
„Decken spielen?“, vermutet Tommy mit leicht undeutlicher Aussprache und Jamal – ganz verständig - steigt gleich aufgeregt drauf ein: „Ja, ja, Taggatugga suchen geh’n!“ Schon steuert er den nächsten Baum an. Dahinter könnte sie doch stecken …
Einen kurzen Moment grübelt die junge Frau nach und hat dann eine grandiose Idee – wie sie findet: „Schauen wir doch nach, ob Lottas Hütte noch eingeschneit ist. Vielleicht können wir ja helfen und Takatuka abholen.“ Begeistertes Händeklatschen der Lütten und sofort streben alle in Richtung von Lottas Knusperhäuschen …
~~~~~~~~~
Verspielt streichen Ansgar Lippen zärtlich über Lottas, als sie sich neben ihm sinnlich rekelnd aus zauberhaften Träumen halbwegs wieder in die Realität emporzuhieven versucht. „Guten Morgen, meine Schöne!“, raunt er ihr mit seiner rauchig samtigen Stimme liebevoll ins Ohr. Überrascht lächelt sie in wonnigen Gefühlen gefangen mit sanftem Augenaufschlag zum Norweger empor. Noch immer vibrieren ihre Sinne nach wie die eines kunstfertig angestimmten Saiteninstruments … Die Nacht war … atemberaubend himmlisch ... Wir haben wohl nur wenige Stunden nach berauschender Leidenschaft geschlafen. Es ist …
Verwirrt runzelt Ansgar die Brauen über den raschen Wandel scheinbarer Erkenntnis in ihrer Mimik: „Bereust du e s etwa?“Oder … m i c h vielleicht?! Lottas Augen werden vor Schreck noch größer: „Nein, nein, oh nein!“Ich hab‘ doch selber … den Anfang gemacht, gestern Abend. Schnell neigt sie den Kopf zu ihm hoch, küsst ihn sacht zur Beschwichtigung: „Ich dachte nur … es ist schon so hell und … Takatuka und der Wolf stürmen vielleicht bald ins Zimmer.“
Nicht ganz von ihrer Erklärung überzeugt forscht Ansgar skeptisch weiter nach: „Und … wäre dir das … unangenehm? Wenn deine Tochter mich hier sieht … bei dir?“ Unsere Beziehung ist … noch immer … recht fragil, stellt er ernüchtert wie enttäuscht fest. Wie war er wohlig aus den Tiefen eines matten Schlafes aufgetaucht und beglückt gewesen, sie noch neben sich liegen zu sehen. Eine ganze Weile hatte er ihre feinen Züge und die vielen winzigen über Nase und Wangen verteilten Sommersprossen studiert, solange sie noch ruhig und fest schlief. Es hatte ihn so sehr erfreut, dass sie von sich aus gestern Nacht die Initiative ergriff und ihm damit zeigte, dass ihr wohl doch mehr an ihm liegt als nur reine kollegiale Freundschaft.
Nun aber überprüfen Ansgars Augen intensiv die möglichen tatsächlichen Aussagen in Lottas wachen schreckgeweiteten ... Sein Mine signalisiert ihr, dass er auf eine erlösende Antwort wartet, ob wirklich alles für sie in Ordnung ist … wie es jetzt ist!
Schüchtert irgendwie gerade … ein! Sein fixierender Blick! Ich hab‘ doch nur … kurz … an mein Kind gedacht, das jeden Moment hier reinplatzen kann!„Ansgar … bitte!“ Flehentlich blinzelt Lotta zum so unvermittelt streng wirkenden Antlitz des Norwegers hoch und fragt sich mittlerweile furchtsam, was sie bloß geritten hat, sich ihm letzte Nacht einfach hinzugeben, sich derart fallen zu lassen. Dabei war sie erst so selig neben ihm erwacht … Aber nun kommt die Besinnung, der Alltag zurück. Was für eine Dummheit. Ich riskiere zu viel. Wir … arbeiten zusammen … Ich kann nicht immer weiterziehen mit Kind, wenn das schief geht!
„Nein, mach das nicht Lotta! Zieh dich nicht wieder vor mir zurück!“ Beschwörend streicht Ansgar ihr über das seidige Haar, vergräbt seine Finger, darin als er den zunehmend zurückhaltenden Ausdruck in ihren großen Augen erkennt. Lotta versucht eilig, ihre Bedenken zurückzudrängen, schmiegt sich wieder etwas Vertrauen fassend eng an seinen warmen Körper, wispert leise … „Entschuldige Ansgar, das will ich doch gar nicht! Aber …“
„Aber was?!“, fragt Ansgar nahezu den Atem vor Anspannung anhaltend, während er die junge Frau fast etwas ruppig um die schmalen Schultern packend mit sich in Sitzposition hochzieht. „Was ist dein Problem, Lotta?“ Sagt sie gleich, es war ein Fehler – gestern Nacht? Bitte nicht!
„Vielleicht … Ich weiß auch nicht … Takatuka wird sich nichts denken … Aber all die anderen … Können wir da … noch ein bisschen … zurückhaltend sein? Wäre das …ok?“, bringt Lotta so fest umfangen scheu stammelnd hervor. „Irgendwie ist das … doch ziemlich blöd. Erst dachten alle, dass ja … und nun denken alle, nee … und jetzt schon wieder … anders! Ist doch ein bisschen peinlich, oder?“ Unsicher schaut sie Ansgar kurz an, während sie etwas auf Abstand zu rücken versucht … Manchmal ist er so … aufbrausend. Hab ich ihn … verärgert, nur weil ich noch ein bisschen … vorsichtig bin?
Doch der Norweger schenkt ihr gerade ein befreites Lächeln, zieht Lotta wieder nah zu sich heran, während er sie zu beruhigen versucht: „Hei, das verstehe ich doch. Wir machen ganz langs…“
Plötzlicher Tumult in der Küche unterbricht Ansgars Rede. Mehrere Personen kreischen durcheinander. Ist Takatuka doch schon wach? Eine weibliche Stimme tritt unter den anderen deutlicher hervor: „Takatuka? Wo ist die Mama? Wie siehst du denn aus?“ Wildes Geplärr folgt: „Decken, decken!“ „Funden!“ „Auch Mampfi ham!“
Lotta und Ansgar zucken wie ertappt zusammen, lauschen stumm und wie eingefroren auf der Bettkante hockend der turbulent fröhlichen Geräuschkulisse im Nebenraum. Tausend Möglichkeiten surren den beiden Rotschöpfen durch den Kopf, wie sie jetzt mit dieser völlig unerwarteten Überraschung umgehen sollten …
Die Tür schwingt auf und Danny mit einer fröhlich verschmierten Takatuka auf dem Arm sowie drei weiteren lärmenden Zwergen nebst Wolf hintendran stehen mitten im Rahmen: „Lotta Liebes, ist dir was pass…, öhm!“
Eilig wirft Ansgar dem Rotschopf neben sich ein Laken über den unbedeckten Leib und macht dann das Nächstliegende: „Moin, moin!“ Immer schön die Gäste begrüßen.
Irgendwie kann der Norweger gerade ein freimütiges Grinsen nicht ganz unterdrücken. So viel zu Lottas Vorsorgeplan. Den kann sie jetzt wohl knicken. Ist Ansgar eigentlich auch lieber so. Er legt wieder einen Arm um Lotta, die noch immer etwas verlegen auf ihre im Schoß verflochtenen Finger niederblickt, aber … auch ein leichtes Schmunzeln um die Mundwinkel verrät. Vielleicht am besten so …, denkt auch sie sich letztendlich Schicksalsergeben und lässt sich willig an Ansgars gerade recht haltgebende Schulter sinken. Dieser dickfällige Typ macht sich wohl aus gar nichts was …
„Tja, ähm …“, startet Danny leicht amüsiert den Rückzug aus pikanter Situation, „… ich wollte nur Bescheid geben, dass draußen bereits der Schnee geräumt ist. Tut euch, äh keinen Zwang an. Ich komme hier schon klar mit Takatuka und deinem Zotteltier!“
Sich auf dem Absatz herumschwingend dirigiert die Erzieherin mit beiden Knien und einer freien Hand die kleine muntere Kinderschar schnell wieder hinaus. „Na, wir waschen dir erstmal im Center die Schnute, Takatuka!“, hören Ansgar und Lotta noch halblaut kurz vor dem Zuklappen der Haustür Dannys melodiöse Stimme.
„Ich vermute … ein kleines Chaos in der Küche …“, wägt Lotta gerade ab und will lieber nicht weiter darüber nachdenken, was jetzt höchstwahrscheinlich in der kleinen Gemeinde an Tratsch die Runde macht. Ansgar beschäftigt das weitaus weniger, sondern eher, was man jetzt Aufregendes mit der gerade geschenkten Zeit anstellen kann. „Sehr rücksichtsvoll von deinem Töchterlein, nicht Lärm zu machen oder zu stören. Sie ist wirklich … sehr selbständig! Aufräumen können wir doch später zusammen … das heißt … ich fang hier schon mal an …!“ Spielerisch zupft er an einem Ende des Lakens, mit dem sie sich kurz zuvor noch umgewickelt hatte.
Wehrbereit greift Lotta kichernd nach einem der Kissen: „Du frecher Kerl … Als erstes müssen die Federn aufgeschüttelt werden!“ Und schon fliegen Ansgar welche um die Ohren. Frau Holle wäre entzückt, denn eine herrliche Kissenschlacht entbrennt. Funken sprühen, Leidenschaft wird aufs Neue entfacht. Frühling liegt in der Luft, erste zarte Triebe stoßen sacht aus der Dunkelheit empor. Wandlung liegt über dem Land und tief verborgen … auch in zwei verletzten Seelen.
Ansgar lässt nach einem turbulenten Scharmützel sein Kissen zuerst sinken, stoppt Lottas nahezu mühelos mit einer Hand mitten im Flug und umschlingt mit der anderen ihre grazile Taille, um ihren biegsamen Leib wieder eng an seinen zu pressen und einfach ihre Nähe zu spüren. Einen Moment schauen sich beide nur stumm in die Augen, versinken leicht im Anblick des anderen, bevor Ansgar seine warmen Lippen auf Lottas senkt. Ein verheißungsvoller fordernder Kuss, der sie innerlich wieder erwärmt und mehr verlangen lässt, während seine Hände fiebrig über ihre wohlgeformten Rundungen wandern und ihre sehnsüchtig seine feste Rückenmuskulatur hinuntergleiten … Kalt ist es nur draußen.
Eine Stunde später sind beide … erneut Schachmatt und nicht mehr von dieser Welt. Und noch eine Stunde später wieder … halbwegs wach und langsam wieder in der Realität zurück. Zufrieden kuschelt Lotta noch einen Augenblick in Ansgars Armen. Will ich gerade wissen, wie es in der Küche aussieht? Wozu überhaupt je wieder aufstehen?
Der Norweger registriert lächeln das leicht grübelnde Stirnrunzelnd an den ihm so zauberhaft erscheinenden Geschöpf an seiner Seite. „Denkst du gerade darüber nach, ob ich nun zum Frühstück bleiben darf oder nicht?“, witzelt Ansgar, während er Lotta sanft an sich drückt und eine Weile ihre Wange zärtlich mit den Lippen liebkost. „Zu spät, es ist bald Mittag, meine Süße!“
Dann jedoch ernster werdend, dreht sich er sich weiter zu der jungen Frau um, beugt sich über sie, um diese großen weiten Spiegel ihrer Seele - klar und blau wie die kalte Nordsee - weiter zu ergründen. „Ich will nicht nur einen One-Night-Stand mit dir!“ Seine fast moosgrünen Augen suchen eindringlich nach Antworten in ihren. „Du bist mir zu wichtig geworden, Lotta! Ich bin deinetwegen zurückgekehrt! Verdammt nochmal!“ Ansgar versucht zwar, seine Ungeduld zu bezwingen, aber … ich will wissen, was das mit uns wird …
Lotta hingegen weiß im ersten Moment nicht recht, was sie sagen soll. Meinetwegen …? Nicht … wegen dem Job? Sanft streicht sie Ansgar eine Strähne aus der Stirn, schaut versonnen lächelnd zu ihm hoch. „Ich möchte auch nicht, dass es endet, aber … ich hatte gestern Abend keinen Plan oder so etwas! Ich hatte … überhaupt keinen mehr für mein Leben, außer … Takatuka und mich nur irgendwie … durchzubringen! Ich weiß nicht …“ Ihre Hand verharrt einen Moment in der Luft und der Norweger ergreift sie, drückt sie an seine breite Brust. Sie kann seinen beschleunigten Herzschlag unter ihren Fingerspitzen spüren. Seine leicht rauen Kuppen gleiten über ihre Schultern, streifen mit den Daumen seitlich den Hals hinauf und durch ihr volles Haar, was ihre Nackenhaut kribbeln lässt, während er sie weiterhin mit seinem nachdenklichen wie auch sehnsuchtsvollen Blicken fesselt. „Ich habe auch noch keine konkreten Visionen, nur Wünsche, Ideen, die ich gerne mit dir teilen möchte. Ich wünsche mir … eine Zukunft mit dir, Lotta.“
Zukunft! Dieses Wort hallt leicht bitter in der jungen Mutter wider und erzeugt neben den kleinen Schauern, die seine streichelnden Hände ihren Hals runterrinnen lassen, auch leichte Gänsehaut am ganzen Körper! Ich kenne nicht mal meine Vergangenheit … mit Takatukas Vater! Darf ich mich überhaupt … wieder binden? „Wir wissen … noch … so wenig voneinander!“, beginnt Lotta zögerlich. „Vielleicht … denkst du anders, wenn …“
Ansgar verschließt ihr mit dem Zeigefinger schnell den Mund: „Schschscht!“ Einen Augenblick schaut er sie nur ruhig an, bis er erklärt, was er meint: „Fang gar nicht erst an, so zu denken, Lotta! Damit habe ich mir auch viel zu lange alles versagt! Wir haben wohl beide einiges … zu beichten, aber … lassen wir uns Zeit, uns noch besser kennenzulernen und fangen nicht gleich mit dem Schwersten an!“ Ja, dazu müsste ich dannauch ordentlich Anlauf nehmen, manches zu erzählen ... Ich war nicht vorbereitet auf deine süße Attacke gestern Nacht – obwohl ich die ganze Zeit insgeheim noch hoffte … Aber irgendwann … muss es sein, wenn es mehr werden soll mit uns beiden. I c h will es versuchen … „Willst du es wagen, Lotta? Mit uns beiden?“, fordert Ansgar den Rotfuchs unter ihm heraus.
Nur einen kurzen Moment verharrt sie … Niemand weiß, was die Zukunft bringt, wenn man kaum die Vergangenheit kennt, aber … auch ich will doch mehr von ihm … als nur eine Nacht! Ach, was mache ich mir vor. Ich bin doch schon längst auf dem Weg, mich zu verlieben … „Ja, das will ich auch. Mehr von dir … erfahren, Ansgar.“ Lotta lässt freudig ihre Hände um seinen Nacken gleiten, versucht, wieder etwas mehr Leichtigkeit herzustellen, bevor sie beide zu sehr in Herzschmerz und Wehmut versinken: „Wie … willst du zum Beispiel … dein Frühstücksei am Mittag?“ Kichernd versetzt sie Ansgar einen flüchtigen Kuss, windet sich flink aus seinen Armen und springt leichtfüßig aus dem Bett in Richtung Küche.
„Oyyyyyy, Takatuka hat ganze Arbeit geleistet!“, hört der Norweger nur noch ihren quietschenden Aufschrei im Nebenraum.
~~~~~~~~~
Zur Aufwärmung der kleinen Trippelfüße geht es nach ausgiebigem Tummeln in tiefen Schneewehen ab ins Touristikcenter. Der Frühling hoch droben in den Bergen ist weiß. Danny teilt gerade eine Runde heißen Kakao für alle Pimpfe aus, als Brett sich hinzugesellt und ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange haucht. Lächelnd reicht die junge Erzieherin auch ihm einen Becher und zwinkert ihrem Freund verschwörerisch zu: „Weißt du schon das Neuste?“ Brett grinst zurück, während er über das dampfende Heißgetränk pustet. „Wohl noch nicht, aber du wirst es mir sicher gleich erzählen, vermute ich.“
Danny lässt ihre Wimpern etwas kokett klimpern und haut dann fröhlich raus: „Wir können wieder Paar-Events mit Lotta und Ansgar planen. Und diesmal … wirklich!“
Oleg biegt gerade in ein Arbeitsgespräch mit Jorunn vertieft um die Ecke, als er gleichermaßen ungeplant Kunde über die neuesten Entwicklungen bei seinen Mitarbeiter*innen erhält: „Na endlich!“, entfährt es Chef wie Angestellter im Chor.
Jorunn fragt gleich interessiert nach: „Hat Lotta es dir erzählt?“, und wundert sich, von ihrem Neffen Ansgar dazu gar nichts gehört zu haben.
Alles lauscht gespannt mit aufgestellten Ohren, doch Danny errötet erst einmal ganz prächtig. Ich Plappermaul, wollte doch nur … Brett einweihen! „Äh, also direkt gesagt … nicht!“ Oh, je, hoffentlich sind die beiden nachher nicht sauer, aber … sind ja alle wohlmeinend hier und irgendwie … haben wir uns doch alle schon gedacht … „Ich, öhm, habe heute Morgen spontan nur mal geschaut, ob … bei Lotta auch schon … der Schnee geräumt ist … und da waren zufällig … beide … im … Haus!“ Muss ich mehr sagen?
„Ahhhh!“, raunt es in der Runde und jede*r hat wohl ein eigenes Bild von ‚in Flagranti‘ erwischt!
„Fein, fein!“, reibt sich Oleg die Hände. Das muss ich nachher brühwarm Adeline erzählen. Ach, Oleg freut sich für die beiden. Noch ein paar zögerliche Runden und er hätte ein Eheanbahnungsinstitut für Ansgar und Lotta auf den Plan gerufen … Vielleicht machen wir eine Doppelhochzeit draus.
Oleg ist gewillt, noch spät den Bund aller Bünde mit Adeline einzugehen. Dass Lotta von manchen zivilisatorischen Gepflogenheiten wie einem Ehegelöbnis keinen blassen Schimmer hat, ist ihm schon früher aufgegangen. Wo ist die junge Frau eigentlich aufgewachsen? Hinter dem Mond?Wird endlich Zeit, dass sie mal jemand bei der Hand nimmt und ihr das Rechte vermittelt. Ansgar ist da ganz bestimmt der Richtige für sie … Wieder reibt sich der ehemalige Konrektor geflissentlich die Hände. Der Norweger weiß halt, wo’s langgeht. Und ist sie nicht gewillt … ich bin immer noch ihr Boss! Manchmal muss man bei Lotta einfach nachhelfen!
Irgendwie hält Oleg sich für den väterlichen Ratgeber der beiden turtelnden verwaisen Rotfüchse … Na, die Haarfarbe stimmt ja schon mal …
Neuerdings darf Lotta wieder als erste die Steilwände erklimmen. Ansgar sichert gerne hinter ihr fachgerecht ab und betrachtet wohlwollend mit Expertenblick ihre außerordentlichen Kletterkünste - die gebührend ungebührlich von der selbsternannten Ein-Mann-Jury selbst bei kühlsten Außentemperaturen abschließend unverfroren wärmstens honoriert werden …
Jaaaa … und an Yoga ist der Norweger jetzt auch wieder ganz interessiert. Man kann schließlich immer noch dazu lernen. Warum sich den Anblick ihrer Gelenkigkeit weiter versagen …?
Umgekehrt ‚betrachtet‘ … Ein wenig mehr Beweglichkeit hat noch keinem Mann geschadet. Hier ist Lotta ganz Fachfrau mit unfehlbarem Urteilsvermögen … „Das ist gaaanz wunderbar … für deinen Rücken, Ansgar!“ *Seufz*
Und die Gemeinschaftsdusche im Center haben die beiden wohl auch allein für sich gepachtet, mhm? Noch immer gibt es kein fließendes Wasser in Lottas Lebkuchenhaus.
Die beiden Rotfüchse haben ausgiebig Zeit für Gemeinsamkeit, denn alles brennt am Ort ganz wild darauf, dem jungen Glück weiter auf die Sprünge zu helfen - nach so einem langen wie endlos erscheinendem Hindernislauf …
Also machen der Norweger und die Schwedin gemeinsam der Gemeinschaftsdusche alle Ehre und entwickeln ausgesprochen grenzüberschreitenden Gemeinsinn. Schließlich wollen wir doch ein Europa ohne Grenzen …
Oleg Proschinsky wähnt sich derweil schon als so etwas wie Takatukas Ersatzgroßvater und übernimmt zusammen mit seiner Verlobten Adeline Fouché immer öfter an Wochenenden die Kleine. Der Wolf ist ihm eh als Begleitung für lange Wanderungen in tiefem Schnee sehr recht. Böser würde auch kaum von Takatukas Seite weichen. Er wirkt wie ein Schutzengel, obwohl alle bemerken, dass dieses Kind über weitaus mehr Kräfte verfügt als gewöhnlich und alles andere als hilflos wirkt. Immer wieder bestaunt Oleg ihren Wagemut. Vor nichts schreckt die Lütte zurück. Jedes Abenteuer ist ihr recht. Und den Berg runter kann’s ihr auch nicht schnell genug gehen … „Juhuuuuu!“
„No ’mal, Oleg, no ‘mal! Un‘ schnella! Viiiiiel schnella!“
Ganz langsam suchen Lotta und Ansgar mehr und mehr das offenere Gespräch, während sie zum Beispiel so wie heute nebeneinander in der kleinen Werkstatt ihres Knusperhäuschens hantieren …
„Du magst Tanzen, Pflanzen, … Stricken, weiß ich schon mal …“ In zusammenfassender Erinnerung an die winterlichen Strick- und Leseabende muss der Norweger innerlich etwas schmunzeln. Zum Glück ist die Zeit des fast ausschließlich abendlich Nadelklappernden Handarbeitens vorbei. Was magst du sonst noch so, Lotta?“ Ansgar wagt sich erst einmal nur mit harmlosen Themen vor. Lieber wüsste er aber natürlich gerne etwas zu … Takatukas Erzeuger. Warum tritt da keiner in Erscheinung … kommt zum Beispiel das Kind besuchen oder so? Lauert da noch was im Hintergrund, was mir querkommen könnte? Ansgars Blick wandert wieder hoch zu diesem tropischen Bild an der Wand.
Lottas Augen ruhen einen Moment unmerklich auf Ansgar. Was ich mag, bist du! Sie räuspert sich kurz verlegen, bevor sie laut etwas anderes sagt, als sie gerade denkt. „Reichst du mir mal das Maßband da hinter dir?“
Sie widmet sich wieder dem Werkstück vor sich, weil sie eine neue Pflanzkiste plant. Irgendwie fehlt ihr der einst große Garten. So wirklich gut lässt sich das Land hier nicht bebauen, trotz diverser Tipps von Ansgar … Lotta lässt sich noch etwas Zeit mit einer Antwort auf seine Frage. Ansgars Blick Richtung Bild ist ihr schon aufgefallen. Aber er hatte ja gesagt, wir fangen mit dem Leichten an. Ich vermag ihm doch auch nichts weiter dazu zu erklären …
„Na ja, wie du liebe ich es auch zu Werken. Aber das war wohl schon klar, wenn ich hier eine kleine Werkstatt unterhalte.“, scherzt sie leichthin und betrachtet das gute Stück vor sich gleichzeitig recht skeptisch, während sie etwas von der Werkbank zurücktritt. „Meinst du, die Kiste ist für diese Gefilde gut genug isoliert, Ansgar?“
Der Norweger nutzt verwegen die Gelegenheit von Lottas Innehalten, packt sie von hinten um die Taille, um sie an sich zu ziehen und ihren betörenden Duft in sich aufzusaugen. Er hält kurz den Atem inne, schnuppert noch einmal an ihr, bevor er bedächtig antwortet: „Es wird hier leider immer zu kalt für viele Pflanzen bleiben! Ganzjährig Schnee …“
Zart knabbert er an ihrem Nacken, macht sich lieber warme Gedanken und sieht sich schon mit Lotta so luftig wie auf dem Bild umhüllt an einem heißen tropischen Sandstrand liegen. Die Füße von kleinen plätschernden Wellen umspült, während er ihr langsam die Knoten dieser hauchdünnen Tücher löst …
„So werde ich nie mit der Pflanzkiste fertig!“, ‚beklagt‘ sich Lotta ziemlich unaufrichtig, schon längst durch seine körperliche Nähe abgelenkt und in seinen irgendwie animalischen Bann gezogen. Manchmal wirkt er wie ein sprungbereites Raubtier …
Während sie sich ihm von seinen Armen umschlungen letztendlich ergeben zuwendet, entgleitet bereits das Maßband ihren bebenden Händen, die sich nun schlangengleich um seinen Nacken winden. Dicht an Ansgars Lippen murmelt sie lächelnd: „So kalt ist mir gar nicht!“ Ach, es ist Frühling! Die Werkbank kann warten …
Entgegen seinen gutgemeinten Vorsätzen erweist sich Ansgar weiterhin als recht ungeduldig in der Themenwahl, als sich beide etwas atemlos wieder voneinander lösen. Mit noch weichen Knien hockt sich der Norweger erst einmal auf einen kleinen Schemel neben dem Werkzeugschrank.
Lotta hingegen, festen Stand suchend, schnappt sich den Hammer, der vehementer als üblich auf den Holzklotz vor ihr niedersaust – vor allem nach Ansgars nächster vorwitziger Wissbegier: „Hast du … diese exotische Wickelkleidung in deiner Truhe aus einem Sommerurlaub mitgebracht? Verreist du gerne?“
Ansgar stemmt sich auf die Truhe hoch für einen besseren Ausblick auf Lottas … Arbeit. Stumm hämmert die junge Frau weiter auf das Werkstück ein. Rechts, links, rechts, links … Ansgar bemerkt, dass er wohl einen ihrer wunden Punkte getroffen hat, die sie nicht gleich anrühren wollten.
Also war das ein sonniger Urlaubsflirt, dem Takatuka entsprang und … der ließ sie mit Kind sitzen? Aber … ich wollte nichts aufwühlen! Beschwichtigend lenkt er ein: „Ich glaub, das wird ganz gut … Die Pflanzkiste!“ Unsere frische Beziehung hoffentlich auch! Wir haben wohl noch einige Klippen und Untiefen vor uns!
Doch auch Lotta tappt unwissentlich in versteckte Gruben … Dankbar, dass Ansgar wohl ihre Anspannung bemerkte und umzulenken versucht, möchte sie ein Kompliment anbringen. „Ich hatte anfangs nicht gedacht, dass du was mit Kindern am Hut hast, ehrlich. Aber du entpupptest dich ja als richtig fürsorglich. Wo hast du das gelernt?“ Sie wendet sich warm lächelnd wieder zu ihm um und … erstarrt. Ansgar ist plötzlich so blass, wirkt … ganz versteinert. Das Eisige ist wieder da! Lotta fröstelts auf einmal sehr.
Der Norweger ringt sich zu einem Lächeln durch, das eher aussieht, als blecke er die Zähne. „Hab‘ früher schon Skikurse für Kinder gegeben!“, knurrt er leicht ungehalten. Eine winzige Sekunde lang glaubt Lotta, einen mondhellen Schimmer in Ansgars Iris wahrzunehmen …
Verwirrt dreht sie Ansgar hastig den Rücken zu, greift erschrocken zum Hammer als nähme sie eine Waffe zu ihrem Schutz in die Hand. War das eben … eine Sinnestäuschung?„Ach … so!“, antwortet sie lahm nach hinten, erinnert sich an eine Nacht … vor ihrer Haustür, als er auch so leuchtende Augen in mondheller Nacht hatte … „A-a-alles … klar!“, murmelt sie stockend (6.1.2 - Wohlan … Auf der Hut ... ).
Ein paar Sekunden braucht Ansgar, um sich wieder zu sammeln. Fasst ins Schwarze getroffen … in der einen Sache. Und die andere …! Es wäre alles … noch zu früh! Ich will sie nicht verschrecken, nicht verlieren … Gefasst spricht er sie sanft aber bestimmend an: „Lotta! … … Lotta, schau mich bitte an!“
Zögerlich richtet sie ihm über die Schulter hinweg wieder ihr Antlitz zu, erforscht seine Mimik, das Moosgrün seiner Iris. Wieder … ‚normal‘, also alles ganz … friedlich … Hab‘ wohl auch an was Blödem gerührt, vielleicht … ein Skiunfall mit Kind oder so ... Wir wollten es langsam angehen lassen, uns besser kennenzulernen.
Versöhnlich geht Lotta auf Ansgars noch unbeantwortete Frage ein. „Verreisen wäre schon cool. Mal wohin fahren, wo es nicht immer nur frostkalt ist und einfach … etwas grüner! Ich hatte mal einen großen Garten, sogar einen Wintergarten, weißt du.“ Lotta versucht bei der Erzählung einfach ausblenden, warum sie jetzt hier ist … immer auf der Flucht vor irgendetwas! Sie versetzt ihrem Pflanztrog mit der Feile den letzten Feinschliff. „Hilfst du mir beim Raustragen?“
Ansgar packt mit an und gemeinsam suchen sie einen möglichen Platz auf Lottas wirklich winzigem Grundstück. Der Norweger ist heilfroh, dass die junge Frau über eine Sekundenlange ‚Anwandlung‘ von ihm schnell hinwegsah. Mein plötzlich verhärteter Gesichtsausdruck, meine Augen hätten sie fast verstört … Muss mich mehr am Riemen reißen!Aber deine Schwerter da in der Truhe, meine Süße, sind auch nicht gerade beruhigend. Und glaube nicht, mein Schatz, dass ich diese Narbe einer verheilten Stichwunde in deiner Nierengegend nicht auch schon längst bemerkt habe, während du neben mir schliefst. Vielleicht … passt du genau deswegen … so gut zu mir! Wir haben beide … äußerliche wie innerliche Wunden! Sind … wehrhaft kampfbereit und … tief getroffen!
„Ich denk, hier steht er gut!“ Ansgar schiebt den Trog noch etwas näher an den hölzernen Gartenzaun heran. „Wo … war das? Ich meine … dein Garten, Lotta. In Südschweden? Da ist es etwas wärmer als hier …“Kein Wunder, hier stecken wir kurz vorm Polarkreis. Nachts blitzen zuweilen wunderbare grüne Lichter über den Himmel. Sonnenstürme, die in der Atmosphäre in ein wahnwitziges Leuchtfeuer verwandelt werden.
Lotta richtet sich vom Umgraben auf, klopft sich etwas Erde von der Hose: „Noch viel, viel weiter südlich. War’ ne größere Stadt. Eigentlich nicht … sehr grün dort, aber … ausreichend Fläche ums Haus. Konnte einiges Anbauen und … wesentlich mehr verkaufen als … hier.“
Ansgar nickt zustimmend. „Ja, mehr Fläche wäre gut. Weißt du, wovon ich träume …?“ Erwartungsvoll schaut er sie an. Lotta hält leicht den Atem an. Will er schon über weitreichende Zukunftspläne reden? Ich kann … nicht so weit denken! Hatte ich je weit gedacht? Im letzten Jahr? Wovon habe ich früher geträumt? Es ist zum Verzweifeln. Ich w e i ß es einfach nicht!Ich will meine Erinnerung zurück, Malecantus!
„Verrätst du es mir, Ansgar?“ Äußerlich verschenkt Lotta ein zuversichtliches Lächeln, verbirgt dahinter aber die innere Verzweiflung über ihre gravierenden Gedächtnislücken. Amnesie sei das, hat ihr Asante mal nach dem Festival damals erzählt. Ein fehlgelaufener Fluch ist es, wie sie von diesem Meistermagier weiß.
„Ich hätte gerne mal einen Hof, so mit Tieren, Weideflächen, Obsthöfen, Gemüsebeeten, frischen Hühnereiern. Also, so mit allem Drum und Dran, was halt dazu gehört! Das wäre doch … auch … für Takatuka schön!“, zählt Ansgar gerade begeistert auf. „Ich … möchte nicht … die ganze Zeit nur von Eis und Schnee umgeben sein. Weißt du, ich war ja sonst … auf Wanderschaft. Bin … rumgekommen … in wärmere und grünere Gegenden …“ Jetzt hält Ansgar die Luft an, beißt sich auf die Lippen. Das war noch ein weiteres Eingeständnis, dass er sich ein gemeinsames Leben mit Lotta wünscht, aber … woanders. In milderen Gefilden …
Schnell redet Ansgar weiter, als wolle er überzeugen und fürchte gleichzeitig ihre Ablehnung: „So zur Skisaison und auf dem Bau macht man gut Geld, das ich auf die Seite lege für meinen … Traum.“ Tatsächlich hatte sich sein Einkommen in den letzten Jahren einfach nur auf seinem Konto angesammelt, weil er nicht alles verbrauchte und genug Kohle mit seiner Arbeit machte. Aber seit Lotta ihm begegnet ist … nimmt dieser Traum wieder mehr Gestalt an: Ein Hof, eine Familie, Zeit für gemeinsame Reisen, Abenteuer und ganz viel … aufregende Tändelei mit dem Rotfuchs.
In Lotta regen sich zwei widerstreitende Gefühle. „Das ist ja … irgendwie … auch mein Wunsch!“, haucht sie ganz angetan, dass er irgendwie ihr Kind erwähnt und sie … damit wohl auch meint. Ja, das wäre es wirklich. Lotta fällt die herrliche Zeit mit Merlin ein, als sie gemeinsam ihren riesigen Garten bewirtschafteten. Der hatte ganz schön umsichtig den Vertrieb meiner Ernteprodukte verhandelt. Aber … bei ihrem fluchtartigen Aufbruch letztes Jahr im Herbst hatte sie ihr Heim weit unter Wert verkauft.
Sacht deutet sie mit einer Hand auf ihre kleine Falun farbige Hütte. „Hab meine letzten Groschen … schon hier reingesteckt!“ Lotta will auf keinen Fall von irgendjemandes Gnaden oder Heim abhängig sein. Sie hatte nach ihrer letzten Flucht mit allem abgeschlossen und sich hier für den Rest des Lebens einrichten wollen - hier in Eis und Frost – allein mit ihrer Tochter.
Sanft umfasst Ansgar Lottas Gesicht, küsst sie liebevoll auf die fein geschwungenen Lippen. „Mir reicht schon, dass du … wenigstens … ähnliche Träume hast. Lass uns damit anfangen! Was wünscht du dir noch?“ Über das Thema Lohn und Gehalt muss ich noch mal ein ernstes Wörtchen mit Oleg reden ... Sie bekommt viel zu wenig für das, was sie leistet.
Gerade ist Lotta noch ein bisschen verschossener in diesen liebenswerten Norweger, kuschelt sich etwas enger in seine wärmende Umarmung, spürt ihr eigenes Herz nahe seinem pochen. Heiß und süß rieselt es ihr den Rücken runter … Was hatte ich vorhin nur für merkwürdige Wahrnehmungen gehabt. Er überrumpelt mich doch gar nicht mit irgendwelchen festen Plänen … Wir können wirklich … ganz langsam machen. „Die Welt bereisen!“, schwärmt Lotta leise, in der Annahme, dass das nur ein Traum bleibt - auch die tropischen Gefilde Takatukas je wieder zu sehen … Wer hat schon so viel Geld?„Vielleicht können wir ja mal wieder ins Kino … für einen Piratenfilm in der Karibik! So ein cineastischer Ausflug wäre ja auch schon mal was …“ Ansgar registriert verwundert Lottas Ausdrucksweise. Bretts und Olegs Unterricht scheint sich ja echt auszuzahlen!
Aber ihn durchfährt auch ein kleiner eifersüchtiger Stich, während er den Rotfuchs in seinen Armen fester an sich drückt. Karibik? Reiseerinnerungen?Ist sie deswegen zuweilen noch so … zurückhaltend? War das doch mehr als nur eine Urlaubsliebelei, mit der sie nicht abgeschlossen hat? Wie lang mag das her sein? Takatuka ist … vielleicht drei? Sanft umfasst Ansgar Lottas Schopf, dirigiert ihn sacht an seine Schulter, streichelt ihr mit beiden Händen wiederkehrend über den Rücken, als wollte er sich selber beruhigen und dunkle Gedanken zurückdrängen … Krieg dich bloß wieder ein und werde nur nicht … wütend. Das war in der Silvesternacht und vor allem unter Alkoholeinfluss selbst am nächsten Morgen noch äußerst heikel gewesen …
„Ich möchte meine Hütte noch etwas ausbauen. Weißt du, was ich überlegt habe, Ansgar!“, hebt Lotta unvermittelt freudig strahlend den Kopf zu ihm empor. „Ich will mir als nächstes kostengünstig einen Wasseranschluss bauen! Ich weiß auch schon, wo ich umsonst das Metall für die Verbindungsstücke und Rohre herbekomme.“ Stolz lächelt sie ihn an. Diesmal muss sie sich keine Eisenbeschläge unredlich aus irgendwelchen unbesetzten Werkstätten zusammenklauben. Nein diesmal wäre alles vöööllig legal.
„Ich könnte sogar mehr Einkommen erwirtschaften und Oleg nähme es mir zu einem guten Preis für das Tourist Center ab.“, fährt Lotta unbekümmert fort. Gerade ist sie in ihrem Element, wenn es ums Bauen und Basteln geht. „Äh, wie?“, hält Ansgar Lotta verdattert auf Armeslänge von sich, knirscht fast mit den Zähnen. Nimmt mich der kleine Kobold mal wieder auf den Arm? Gerade dachte ich, wir reden … von Zukunftsplänen … woanders … im … Grünen und nun … denkt sie nur noch … über i h r Häuschen hier weiter nach?
„Bitte!“, fleht Lotta, die die Verwirrung in Ansgars Mine bemerkt, die sie gar nicht hatte hervorrufen wollen. „Versteh‘ doch! Ich brauche … einen sicheren Hafen für mich und mein Kind. Hier sind Oleg, Adeline … Und Sven und Thorger kämen manchmal vorbei …“ Kurz entfährt Ansgar daraufhin ein barsches Schnaufen als Antwort. „Du meinst, du brauchst was ‚Eigenes‘, wenn es mit uns nichts wird? Planst du etwa schon das Ende, bevor es überhaupt richtig anfängt …?!“
Geschockt über dieses plötzliche Aufbrausen schüttelt Lotta verneinend den Kopf, beugt das Haupt, damit Ansgar nicht die aufkommende Traurigkeit sieht. Das Glitzern in ihren Augen hat er aber dennoch bemerkt.
Was hatten Thorger und Sven ihm einst eingebläut? ‚Das hat vielleicht alles nicht mir dir zu tun, wenn sie so auf Sicherheit bedacht ist.‘ Nee, vielleicht einfach nur mit dem Hirni, der Takatukas Vater ist. Wer weiß, was der angestellt hat.
Doch augenblicklich ernüchtert Ansgars aufkommender Grimm über d e n Anderen wieder. Oh je, wenn sie wüsste, was ich alles … verbrochen hab‘ …
Und weiter versucht der Norweger sein zuweilen aufloderndes Gemüt zu dimmen … Sie tut ganz richtig dran, zuerst für sich und das Kind zu sorgen. Zeig doch endlich wirklich … mehr Geduld, Ansgar du Blödmann! Und bleib vor allem … ruhig! „Natürlich Liebes, das verstehe ich schon! Du hast ja Recht! Also, wie war das mit der Wasserleitung und dem Metall? Wo bekommst du das her?“ Sanft hebt er ihr Kinn, lächelt sie vertrauenserweckend an, fast sie zart bei der Hand.
Dankbar für sein Verständnis wischt sich Lotta schnell über die Augen, lächelt zurück. Er soll bloß nicht denken, ich wäre so schnell den Tränen nah gewesen!
„Eisenerz! Über Tage abbaubar - da drüben in den Wäldern!“ Wieder etwas beseelter deutet Lotta ostwärts, weiter Richtung Polarkreis. „Und hier …“, ihre Finger sacht seinem Griff entziehend umreißt sie mit beiden Händen einen Platz in ihrem Garten, „… kommt der Hochofen hin, in dem ich das Roheisen mittels Hitze und Sauerstoff aus dem Gestein lösen und durch abwechselnde Schichtung mit Kohlenstoff verbinden kann!“
Jetzt gerät Ansgar zur Abwechslung mal in’s Stottern: „W-w-waaaaaas?!“ Lotta hebt sogleich beschwörend die Hände: „Ansgar, ich habe schon früher mit Eisen geschmiedet und Oleg hilft bei den Berechnungen für den Hochofen! Das kommt nachher auch in meinen Prüfungen dran: Eisen-Kohlenstoff-Diagramm! Das Verhältnis und die Temperatur müssen nur stimmen. Stell dir vor, irgendwann mache ich mal einen richtigen Schulabschluss – wie alle anderen Sims auch! Kohle für den Prozess der Entschlackung bekomme ich durch Verfeuerung von Holz hier auch genug zusammen. Oleg denkt, dass praktisches Handeln mit dem Lernen gut einhergeht!“ (Wir vergessen hier jetzt mal ganz Geschwind den Klimawandel ?.)
Vergnügt grinst Lotta den seit langem mal wieder sprachlosen Norweger an: „Mit Holzkohle kann man auch prima malen. Hab ein paar Höhlenmalereien hinten am Fels hinterlassen! Haste neulich beim Klettern gar nicht bemerkt, wa‘?!“
Felsmalerei? Muss meine Augen woanders gehabt haben … Ansgar kann Lotta nur noch anstaunen: „Du bist vielleicht ’ne verrückte Nuss!“ Und die kriegt jetzt nochmal einen richtig dicken Kuss, der nicht nur Ansgars Stimmung wieder auf leichter Flamme hochköchelt, je länger er andauert …
„Lotta, ich helfe dir natürlich bei allem! Du sollst dein eigenes Häuschen haben! Das schließt doch aber nicht aus, dass wir … auch andere ausbauen. Also, warum nicht beide Ideen verbinden? Nur so … ein Gedanke! Und … wir reisen und arbeiten dann eben – je nach Saison. Bitte, lass‘ uns offen sein … für alles!“ Um Einvernehmen heischend streichelt Ansgar ihr sanft die Wange, fühlt den zarten Flaum ihres Haaransatzes entlang der Schläfe … Bitte, vertrau mir doch, mein Schatz!
„Wunderbar, lass uns miteinander drinnen am Feuer aufwärmen … und bei einer Tasse Tee gemütlich … weiterschwätzen!“, bietet Lotta Ansgar mit treuherzigem Augenaufschlag an – etwaige zügellose Hintergedanken geschickt verbergend …
(Ich nehme ja selten Screenshots von der Oberfläche. Dadurch geht aber so mache ‚Information‘ verloren … Zum Beispiel, was Lotta tatsächlich durch den Kopf ging ? …)
Oh ja, drinnen ist’s mollig warm … Ansgar nimmt ihre Einladung freudig erregt sofort an. Die Füße werden auch langsam klamm, wenn sie hier draußen länger rumstehen und Zukunftspläne schmieden. Das geht auf einem flauschigen Fell vor einem heiß lodernden Kamin … viel besser. Kompromisse schließen … natürlich. Eilig zieht er Lotta hinter sich her und die Hausstiegen hoch, seiner Phantasie schon freien Lauf lassend ...
„Hei, noch habe ich kein fließendes Wasser im Haus!“, lacht Lotta keck. „Muss erst draußen noch welches einsammeln für Tee!“
8.1.1 – Frühlingserblühen … Zarte Triebe … (Teil 4) Versüß mir den Kaffee!
Später am Tag sitzen auch Brett, Danny und die ganze Kinderschar mit am Tisch. Lottas Teerunde hat sich neuformiert und findet manchmal auch schon früher am Nachmittag statt. Selbst Oleg, Adeline und Jorunn stoßen zuweilen - so wie heute - für eine Arbeitspause dazu. Lottas kleine Hütte platzt fast aus allen Nähten. Aber der Kuchen aus ihrem kleinen befeuerten Holzkohleofen schmeckt allen einfach zu famos.
Was in der kleinen Kate neben fließend Wasser noch fehlt? Ein plüschiges Fell vor dem Kamin! ‚Mist!‘ Ansgar plant noch so einige kleine Verschönerungen zu beidseitigem Vergnügen - auch mit dieser harten Bank da neben dem Küchentisch. Er will gern mithelfen, Lottas kleines Hexenhaus angenehmer und wohnlicher zu gestalten, bis … ‚Ja, bis … sie sich zu mehr öffnen kann wie ein richtig großes gemeinsames Heim – vielleicht mit … Zuwachs?!‘
„Ist schon ’ne feine kleine Hütte.“, schaut sich der Musiker und Ex-Referendar Brett Jenkins gemütlich im engen Schlauch von Esszimmer um, als er von Lottas neusten Bauplänen hört. „Natürlich nicht zu vergleichen mit deiner alten, Lotta. Hab‘ das Haus nur mal im Vorbeifahren von außen gesehen. Wieviel Stock waren das - zwei oder drei? Da war noch so ein imposantes Türmchen obenauf. Ein recht großzügig gestalteter Bau auf dem Grundstück!“
Ansgar horcht auf … und Brett fährt fort. Gedankenlos wie immer. „Hast du da eigentlich allein gewohnt oder war das ein Mehrfamilienhaus? Da war so ein emsig beschäftigter Typ im Garten gewesen.“
‚Ein … Typ?‘ Nachdenklich stopft Ansgar sich ein Stück Kuchen in den Mund und schweigt … ganz aufmerksam.
„Ach, das war sicher Merlin!“, lacht Lotta vergnügt und langt auch gut zu. ‚Der Kuchen ist mir heute wirklich gelungen.‘ „Ja, er half mir jeden Morgen beim Ernten und Ausliefern! Hab‘ ihn um sein Verhandlungsgeschick und seinen Führerschein beneidet!“
‚J e d e n … M o r g e n!? M e r l i n? Der Name klingt nicht nach tropischer, dunkelhäutiger Folklore. Nicht nach Takatukas Vater! Aber wer …?‘ Ansgar schippt sich mit etwas verkniffenen Lippen einen Löffel Zucker nach dem anderen in den Tee. „Na, du magst es ja heute süß!“, kichert Kindergärtnerin Danny, als sie Ansgars recht abgelenkt wirkendes Hantieren bemerkt.
Seicht lächelt Ansgar in die Runde, nachdem ihn alle ganz amüsiert und neugierig anstarren: „Äh, ja, versüße mir heute … den Tag!“ Sein Augenmerk ist aber immer noch hauptsächlich auf den Rotfuchs ihm gegenüber gerichtet: „Großer Garten? War das d e r, von dem … du mir heute Vormittag erzählt hattest, Lotta?“ So wie Ansgar Adeline verstanden hatte, als er sie mal vor einiger Zeit ein wenig ausquetschte, ist das nur ein paar Monate her, dass sie sich in alle Winde verstreuten hatten, bis sie sich hier wieder trafen. Einen Merlin hatte Adeline … dabei aber nie erwähnt. Und Lotta … auch nicht!
‚War Lotta vor d i e s e m Typ geflohen?‘ „Dein … ehemaliger … Hausnachbar, Lotta?“, bohrt der Norweger weiter. ‚Oder dein Mitbewohner!?‘ Ansgar nimmt einen großen Schluck Tee und … verzieht leicht angewidert das Gesicht. ‚Boahhh wie triefend süß!‘
Jorunn beobachtet Ansgars Minenspiel leicht besorgt heimlich von der Seite. ‚Ich kenne meinen Neffen gut – dachte ich bisher! Doch im Moment … Die Kiefer so fest aufeinandergepresst, als zermalme er etwas oder irgendwen zwischen den Zähnen …‘
Jorunns Erinnerungen nach war Ansgar als Kind und Jugendlicher durchaus sehr lebhaft und vorwitzig, aber auch freundlich in der Regel gewesen. Ihr gehen einige Dinge in letzter Zeit zu dem Sohn ihrer viel zu früh verstorbenen Schwester sehr nach - wie auch in diesem Moment … ‚Vielleicht hat ihn das Leben in den letzten Jahren härter gemacht, nachdem auch ich noch von der Bildfläche verschwand - seine letzte Verwandte. Er hatte schon früh viel erleiden müssen. Beide Eltern in jungen Jahren verloren und dann immer diese körperlich schwere Arbeit auf diversen Baustellen, oder die Fahrten zur See, von denen er mir nur wenig erzählte. Er ist in mancher Hinsicht verschlossener als damals. Unergründlich!‘
Unter Ansgars meist beherrschter wie liebevoller Mine entdeckt Jorunn nun teilweise … verkappte Unbeherrschtheit und Ungeduld, die sie früher nicht so an ihm kannte. ‚Er ist auch insgesamt … kräftiger geworden. Fast furchteinflößend wie er leichtfüßig einen Baumstamm anheben kann ... Arbeit auf dem Bau muss einen wohl wahrlich stählen.‘
„Nein, es war kein Mehrfamilienhaus und Merlin wohnte dort nicht. Nur Takatuka, der Wolf und ich!“, erklärt Lotta gerade arglos in Brett wie Ansgars Richtung. „Merlin und ich waren Geschäftspartner*innen! Hatten einen Obst- und Gemüsehandel zusammen!“
„Oh!“, entfährt es Ansgar trocken. „Was warst du? Eine … Kleinunternehmerin? Und du konntest dir die Miete oder Pacht eines mehrstöckigen Hauses leisten?“ Gerade will er sich noch mal die Tasse Tee an die Lippen führen, erinnert sich aber noch rechtzeitig an sein Zucker Massaker und stellt das verunglückte Gebräu schnell zur Seite.
„Ich habe keine Miete gezahlt. War mein Haus! Hab beim Verkauf aber keinen guten Preis erzielt als ich ging.“ Etwas traurig zuckt Lotta mit beiden Schultern. „Weil ich da allein und wohl zu blöd war für Verhandlungen dieser Art.“
‚Hat der Kerl sie also sitzen lassen!‘ Ansgar weiß gerade nicht, ob ihn das freuen oder verstören sollte, denn Lotta scheint wirklich betrübt zu sein.
„Ach, Lotta, hätte ich das gewusst! Ich hätte dir doch geholfen!“ Oleg ist schwer betroffen, Adeline nickt versichernd: „Mon Dieu, dasse ätten wire abäre bestimmte, ma Petite!“
Lotta ist ganz gerührt. „Ich … wir … waren damals noch nicht so befreundet … Also, so wie jetzt! Ich kam nicht auf die Idee … Danke.“ Brett hebt seine Tasse zuprosten hoch und grinst dabei etwas breit seinen ehemaligen Konrektor an: „Das stimmt Oleg. Früher hast du dich über Lotta nur aufgeregt! Ach, hatte ich manchmal meinen Spaß dabei! Sie konnte schon ein Derwisch sein und dich ordentlich auf die Palme bringen!“
„Pfff, olle Kamellen, Brett. Dich hätte ich in den alten Zeiten manchmal auch nur am liebsten von Hinten gesehen …!“, kontert Oleg gemütlich. Ja, er wird friedlicher mit Adeline an seiner Seite.
Takatuka meldet wieder Beachtung beim Ersatz-Opa an und empfängt ein mildes Strahlen: „Ja, sollen wir eine Runde Flugzeug spielen?“ ‚Die Lütte hat ordentlich sportliches Durchhaltevermögen wie die Mama.‘ Das imponiert Oleg sehr. Schon huschen die beiden nach draußen und Adeline mit dem restlichen Tigerclub hinterher. Sie lässt sich auch kaum Gelegenheit entgehen, mit den Kleinen rumzuturnen. Erzieherin Danny ist eine Pause mal ganz recht. Sie bleibt einfach bei ihrem Schatz Brett sitzen.
„Wie konntest du dir … solch eine Villa leisten, Lotta?“ Ansgar verfolgt manchmal beharrlich seine Themen und Ziele. Am Morgen hatten sie über Zukunft, Häuser und irgendwie … auch über Einkommen und Vermögen gesprochen und alles schien so … unerreichbar für sie … ‚und jetzt … hatte sie schon mal ’ne großzügige Immobilie? Vor nicht allzu langer Zeit?‘ „Bist ’ne reiche Erbin oder was? So jung und schon ‘ne Riesenhütte gehabt?“ Ansgar lässt es wie einen Witz klingen, aber Jorunn bemerkt darin einen lauernden Unterton. ‚Ist er … auf Vermögen aus? Das hat er doch gar nicht nötig! Passt gar nicht zu ihm. Diesen dicken Rover draußen vor der Tür hat er sich doch auch locker leisten können …‘
Puh, was soll Lotta sagen? Na ja, war schon irgendwie eine Erbschaft, diese Tasche Piratengold. „Von meinem seligen Vater, jawoll. Auf einen Schlag bezahlt!“, antwortet sie beherzt. Sie weiß gar nicht, wieviel in dem Goldkoffer damals drin war. Sie konnte bei Ankauf ja noch gar nicht recht zählen. „So hatte ich schon immer meine Häuser erworben, auch als Kind – mit einem Handkoffer voll Dukaten! Nur diese Hütte hier wurde aus dem mickrigen Verlaufserlös des letzten Heimes und meinem Verdienst beim Telefonmast oben auf dem Berg bezahlt.“
Ansgar beugt sich ungläubig vor: „Du hattest als Kind … schon ein eigenes Haus?“
„Jaaa…“, versichert Lotta recht verschmitzt. „Und ein Äffchen und ein Pferd!“ ‚Ha, was sagt er jetzt? Das glaubt er mir wahrscheinlich nie.‘
Und tatsächlich, Ansgar bricht in schallendes Gelächter aus. „Du bist manchmal echt ein vorwitziges Herzchen, meine Liebe!“, wiegt er schmunzelnd mehrfach den Kopf hin und her. Und somit kommt Lotta um weitere Fragen herum, wie sich das genau mit der ‚Erbschaft‘ ihres Vaters verhielt. Ansgar geht im Moment eher davon aus, dass sie einen gewissen Nachlass hatte, der jetzt verbraucht ist. Aber Erbschaftssachen wollte er auch weniger ergründen, sondern, ob irgendein ‚Vorgänger‘ ihr ein Haus einrichtete oder sie darum prellte. Irgendwie hatte er angenommen, dass sie deswegen so auf einem eigenen Heim und eigenständiger Absicherung besteht. ‚Wäre gut zu wissen, gegen welche üblen Erfahrungen von ihr ich hier ankämpfe - für unsere gemeinsame Zukunft.‘
Ansgar lehnt sich um einige Antworten befriedigt wieder entspannter zurück. ‚Wir wollten … langsam machen. Ist alles noch so … frisch. Ich werde nur von Tag zu Tag neugieriger, mit was mein süßes Äffchen hier noch so alles aufwartet. Die erzählt vielleicht einen vom Pferd.‘ Immer noch muss er leicht schmunzeln. ‚Und dieser Merlin ist hoffentlich … Schnee von gestern!‘
„Was ist eigentlich mit d e i n e n Plänen, Ansgar?“, schaltet sich jetzt seine Tante Jorunn ein. „Du hattest mir von diesem grünen Fleckchen, äh, Henford ohne Bagel oder so neulich vorgeschwärmt.“
„Du gehst von hier fort?“, reißt Brett die Augen auf und Danny wirft aufgeschreckt hinterher: „Ihr beide etwa?“ Lotta ruckt auch in die Höhe. ‚Gehen seine Überlegungen doch schon … sooo weit? Henford?‘ Irgendwas klingt da in ihr an …
„Nein, nein, nein! NEIN!“ Abwehrend hebt Ansgar beide Hände. ‚Bloß kein Öl ins Feuer gießen und ihre Unsicherheit anfachen!‘ Etwas vorwurfsvoll blickt er Jorunn an. Obwohl … er weiß ja auch erst seit diesem Morgen wie Lotta in dieser Frage tickt. „Lotta, bitte! Es ist so, wie ich am Vormittag sagte! Es gibt keinen festen Plan!“ Er zieht sie an einer Hand um den Tisch herum zu sich auf den Schoß, drückt den Rotschopf fest an seine Brust. „Ich geh nirgendwo ohne dich hin!“
„Uff!“, fällt Brett erleichtert zurück. „Oleg wäre auch aus allen Wolken gefallen. Der hat dich doch schon fast adoptiert, Ansgar. Euch beide!“ Einen Moment ruht der Blick des Musikers und Ex-Referendars nachdenklich auf dem neu, frisch oder wie auch immer liierten Paar vor ihm. Ganz so ein Tölpel ist er nicht. Dass die beiden es nicht ganz leicht miteinander haben, hat er durchaus schon bemerkt … Für Lotta freut es ihn, dass sie jetzt jemanden zur Seite hat. ‚Sie mag zwar körperlich stark sein, wirkt aber oft auch ein wenig verloren … wie von einem anderen Stern. Beide haben keine Eltern noch Familie mehr … Naja, außer Ansgars Tante Jorunn. Puh, hartes Brot.‘
Soweit ist das Los der beiden in der kleinen Gemeinde schon rundgegangen, aber die genaueren Hintergründe wissen nicht einmal Lotta und Ansgar voneinander. Wie auch, wenn Lotta sich ja auch gar nicht mehr an alles zu erinnern vermag und Ansgar … Angst vor einigen Entdeckungen hat!
„Henford?“, fragt Lotta, noch immer in Ansgars Arme geschmiegt ganz verträumt nach. „Henford-on-Bagley? Da war ich schon mal. Sehr schön dort. Ferien auf dem Lande habe ich da mal mit Takatuka gemacht! Ein … recht verwunschener Ort! Hatte auch Merlin gemeint!“ ‚Tor zur ‚Anderswelt‘ hatte mein ehemaliger Geschäftspartner es genannt und etwas mysteriöse Andeutungen gemacht. Merlin schien irgendwie zu verstehen, was mir da widerfahren war. Diese Verschiebung von Zeit und Raum. Dieser Mann in der glänzenden Rüstung und … Böser Wolf, Mae, Delia!‘ Der Norweger guckt von Lotta unbemerkt ein wenig zerknittert drein. ‚Schon wieder … dieser Merlin! Hängt sie noch an ihm? Kam der nach Takatukas Vater?‘
Lotta rutscht von Ansgars Schoß, beugt sich zum Wolf hinunter, der die ganze Zeit schon still bei Tisch verharrt, als lausche er unbewegt dem ganzen Geplänkel. Sie umfängt ihn mit beiden Armen, kuschelt sich liebevoll an das Tier und säuselt ihm in die aufgerichteten Spitzohren: „Was denkst du, soll ich tun, Böser?“ Alle bei Tisch schauen verwundert zu der jungen Frau und ihrem Wolf hin.
Solch ein Verhalten hatte Ansgar zuvor noch nicht bei den beiden gesehen. Etwas Eigentümliches regt sich in ihm. ‚Kann es sein? Nein! Das würde ich … spüren, oder?‘ Ansgar horcht und fühlt in sich hinein! ‚Nein, nein, nein! Aber dennoch … ungewöhnlich.‘ Ansgar betrachtet das Tier etwas genauer. ‚Manchmal guckt es schon … fast menschlich …! Aber das kann täuschen. Hunde gleichen sich ja oft einfach nur ihren Herrchen und Frauchen … an. Obwohl … Wölfe … doch eigentlich … nicht.‘
Als hätte Lotta ein Zeichen erhalten – ein Kribbeln, dass ihr das Rückgrat hinunterläuft - wendet sie sich Asgar erneut zu, pflanzt sich einfach auf seine Knie, legt ihm beide Arme um den Nacken und erklärt bestimmt. „Ja, ich würde Henford gerne wieder sehen! Der Wolf und Takatuka müssen aber auch mit!“
Zuerst starrt Ansgar dieses wundersame Geschöpf auf seinem Schoß nur wortlos an. Im nächsten Moment presst er diesen geschmeidigen wie nachgiebigen Körper fest an seinen, will Lotta einfach nur nah bei sich spüren, zieht sie an den Zöpfen noch näher zu seinem Gesicht, zu seinen wartenden Lippen und küsst sie ausgiebig und innig! ‚Welch … ein … Zufall! Das war also das Zauberwort: Henford-on Bagley!‘ „Wunderbar! Wann reisen wir …?“, bedrängt er Lotta sogleich. ‚Und wenn wir schon dort sind …, kann ich noch rüber nach Moonwood Mill, … endlich was Dringendes klären. Allerdings … Allein!‘
Lachend befreit sich Lotta wieder aus Ansgars Armen, steht auf und macht klar, dass ihr Projekt Lebkuchenhaus deswegen aber längst nicht auf Eis gelegt ist. „Wie du es sagtest, Ansgar! Offen für alles! Aber nachdem ich nun weiß, dass es sich um Henford handelt, was dein Herz begehrt, dürstet es mich natürlich auch danach, es wiederzusehen!“ ‚… und zu erfahren, ob es noch … weitere mysteriöse Botschaften aus meiner Vergangenheit gibt! Wenn Merlin und Malecantus mir nicht mehr helfen können, diesen Fluch loszuwerden, muss ich da nach weiteren Antworten suchen.‘
Oleg und Adeline mit einer stürmischen Takatuka voran rumpeln wieder in die kleine Hütte. „Monn diö, alle schon abholt …!“, verkündet die Lütte empört, dass ihre kleinen Freunde schon fort sind. Danny schaut auf die Uhr: „Ja, die Kindergartenzeit ist vorbei.“ Nicht nur sie registriert, dass Adelines Muttersprache auf das Kind langsam abfärbt. Insgesamt nimmt Takatukas Sprachfähigkeit zu, seitdem sie einfach mehr auch unter anderen Kindern und Erwachsenen ist.
‚Muss hart sein, allein mit Kind durch die Welt zu ziehen!‘ Erzieherin Danny war schockiert gewesen, als Lotta ihr mal erzählte wie es hier vor Monaten war, bevor der ganze Tourismus aufkam. ‚Auch jetzt lebt sie noch unter sehr einfachen Verhältnissen in der Hütte. Gut das Ansgar jetzt bei ihr ist. Brr, hier nachts allein übernachten? Niemals!‘ Könnte Danny sich nie vorstellen.
„Na, Takatuka? Hast du dich draußen schön ausgetobt?“, hält die Erzieherin dem Kind die Arme auf. „Gehen wir mal deine schmutzigen Fingerchen waschen!“ An den einfachen Wasserkübel im Haus hat Danny sich zumindest schon gewöhnt. Aber Lotta arbeitet ja an ihrer Wasserleitung und dann … läuft es irgendwann sicher auch einfacher mit dem Teewasser ….
Oleg hat beim Reinkommen noch die letzten Wortfetzen am Tisch mitbekommen: „Henford? Plant jemand Urlaub?“, blickt er leutselig in die Runde. „Haben wir uns alle redlich verdient. War ein anspruchsvoller Auftakt die Saison in einem völlig neuen Ressort. Ich denke, das haben wir alle gut gemeistert und jede*r hat einen Beitrag dazu geleistet! Na, was hat die Jugend von heute demnächst vor?“
„Hei, alter Mann!“, witzelt Ansgar zurück. „Auf jeden Fall noch nicht sich auf ein Altenteil zurückzuziehen!“ Als Mittvierziger könnte Oleg zwar der Vater dieses dreisten jungen Mannes sein, für die Rente wäre es aber wohl doch noch etwas zu früh für den ehemaligen Konrektor, der gerade seine zweite Berufskarriere startet.
Feixend quittiert der Ältere die Frechheit des Jüngeren mit einem bedächtigen Kopfnicken, während er gespielt empört eine Faust in die Seite stemmt und seine Chef-Ansage macht: „Dich teile ich morgen zum Latrine putzen ein, junger Mann! Nee, im Ernst. Krieg ich demnächst irgendein Urlaubsgesuch auf den Tisch, Ansgar?“
„Schon möglich!“, grinst der kecke Norweger zurück.
„Ja, genau! Ferien auf dem Lande!“, wirft Lotta schnell ein. „Aber, ich weiß nicht, wie lange wir von hier aus brauchen werden. Ist … gaaanz schön weit weg! Mehrere Wochen Fahrt brauchen wir bestimmt dafür … und viel Proviant unterwegs.“ Verzagt blickt sie Ansgar an. Sie war nach der Fährüberfahrt auf das schwedische Festland nur mit einem kleinen Handkarren den ganzen weiten Weg zu Fuß wochenlang hier rauf gewandert. Sie hatte fast alles zurücklassen müssen bis auf die Schiffstruhe und das Bild ihrer ehemaligen Nachbarin.
Irritiert schaut Ansgar hoch. Für ihn ist die Welt nicht so groß und teuer: „Wir nehmen meinen Wagen zum nächsten Flughafen, Lotta und dann … Direktflug! Leihwagen können wir vor Ort besorgen.“ Ansgar hatte schon viele Auslandeinsätze und Urlaubsreisen fast auf der ganzen Welt.
„Hooooo …!“, atmet Lotta mit großen Augen hörbar aus. Sie ist noch nie geflogen, außer mal als Kind … ganz langsam in einem Heißluftballon mit Tommy und Annika.
„So … sind wir doch alle hergekommen! Wie denn sonst, Lotta?“, hakt Oleg verwundert nach.
Jorunn weiß, wie anstrengend und gefährlich lange Märsche zu Fuß sein können, wenn man kein Geld und keine andere Möglichkeit hat. Sie ahnt, welche Mühsal Lotta mit Kind auf dem Weg hierher auf sich nahm! Schweden ist ein weites und recht unbewohntes Land. Sie musste ja selber so viel Unbill auf sich nehmen für den langen weiten Weg zurück auf der Flucht aus dem Serail …
Leicht bedrückt muss Jorunn an Miyu denken, die sich auch mit kaum etwas in der Hand zusammen mit ihrer Tochter Yuna auf eine sehr weite Wanderung begab. ‚Hoffentlich geht es ihr und all den anderen mit geflüchteten Leidensgenoss*innen gut. Miyu!‘ Sehnsucht an die Geliebte steigt in Jorunn auf, die sie jede Nacht runter zu drängen versucht.
Lotta hingegen schaut sich ehrfürchtig in der kleinen Teerunde um: ‚Es ist ihnen alles so selbstverständlich … Wie soll ich erklären, wie meine Kindheit verlief? Oder dass ich in meiner Jugend so viele Jahre wohl fernab jedweder Zivilisation auf einem Eiland namens Takatuka weilte? Ich verstehe noch immer so wenig von d i e s er Welt. Die meiner Kindheit machte ich mir immer so, wie sie mir gefällt. Doch diese Zeit … ist wohl … längst vorbei!‘ Leicht melancholisch senkt Lotta ihr Haupt …
Die Urlaubsplanung nimmt langsam Gestalt an. Lotta freut sich schon sehr darauf, nachdem sie nunmehr weiß, dass man für die Hin- und Rückreise weder Wochen braucht noch den ganzen Jahresurlaub einsetzen muss. Oleg hatte ihr sogar … u n a u f g e f o r d e r t Gehaltserhöhungen für j e d e n ihrer diversen Jobs angeboten – von sich aus! Sie kam gar nicht mehr aus dem Staunen raus.
„Jetzt kann ich sogar den Flug bezahlen! Ich verdiene wohl bald fast so viel wie du!“, flüstert Lotta Ansgar eines Abends scherzend ins Ohr, während sie sich eng an ihn schmiegt und eine Hand über seinen Brustkorb wandern lässt, der sich mit jedem Atemzug unter ihren zärtlich kreisenden Fingerspitzen ein bisschen schneller als gewöhnlich hebt und senkt. „Weiß gar nicht, wie ich zu der Ehre kam! Einfach plötzlich so aus heiterem Himmel! Oleg findet meine Arbeit wohl … wirklich gut! Hab‘ mich auch immer sehr angestrengt!“ Lotta ist immer noch freudig irritiert. „Das hast du!“, küsst Ansgar sie liebevoll auf die Stirn, die zunehmende Erregung unter ihrer süßen Folter noch etwas im Zaum haltend. „Du hast es dir verdient, Lotta!“
Obwohl Oleg den Rotschopf sehr schätzt, Lotta wirklich hart arbeitet und er das Schicksal der jungen Mutter über den Maßen bedauert, … so musste Ansgar bei dem Haudegen alter Schule doch tatsächlich noch nachhelfen. Und damit die Kasse für das Ressort am Ende auch stimmt, sogar unter eigenem Lohnverzicht. Jetzt sind ihre Gehälter tatsächlich nahezu gleich. Oleg hatte für Ansgar durchaus etwas tiefer als üblich in die Gehaltstasche gegriffen, weil er ihn haben wollte. Doch Lotta … hatte er einfach schon und wusste, dass sie es sich nicht aussuchen konnte – mit Kind im Anhang.
„Wird doch überall so gemacht!“, hatte Oleg sich erst legitimieren wollen. Und irgendwie gibt es die Hauptleitung der Touristik Kette ja auch vor, weil man auf Kosten von Frauen eben gut sparen kann. Sie fordern selten für sich mehr Lohn ein, versuchen dennoch, alles und mehr zu geben – in der trügerischen Hoffnung, ihnen würde irgendwann Anerkennung und Dank ganz von allein zuteil und harte Arbeit sich von selbst auszahlen.
Ansgar konnte zumindest in dieser speziellen Angelegenheit einen kleinen Erfolg verbuchen. Das wird er Lotta jedoch nie verraten. Sie hätte seine Aktion sonst beschämt abgewehrt. Aus seiner Sicht machen sie aber eh schon gemeinsame Kasse, auch wenn Lotta immer noch darauf besteht, für sich selbst oder die Kosten ihrer Hütte eigenständig aufzukommen. Im Prinzip ist Ansgar aber aus dem kleinen Appartement im Tourist Center mehr oder minder schon schleichend bei Lotta eingezogen. Jeden Tag macht sie etwas mehr Platz im Schrank. Da möchte er sich auch gerne an den Unkosten beteiligen.
„Magst du gern schwimmen?“, raunt Ansgar an Lottas Kehle, die er halb über sie geneigt gerade lustvoll mit kleinen federleichten abwärts wandernden Küssen verziert. „Jaaaaaa …!“, haucht sie schon leicht aufgelöst zurück.
„Was heißt das jetzt? Ich mag schwimmen oder … mach weiter so?“, neckt er den Rotschopf neben sich frech und unterschätzt doch glatt … die Kraft an seiner Seite. Mit Schwung gewinnt Lotta die Oberhand, stützt sich mit beiden Händen auf seinem Brustkorb ab und drückt ihn leicht nieder. „Du vorwitziger Kerl! Schwimmen natürlich! Damit ich dich mal kräftig unterduckern kann.“
Lachend ergibt sich Ansgar. „Was hast du heute getrunken? Bad Bull? Verleiht es dir Flügel?“ Aufmerksam blickt er zu ihr hoch. „Neue Halskette? Hab‘ ich noch nie an dir gesehen!“ Sanft streichen seine Finger an dem eigenartig knöchernen glänzenden Gebilde und weiter an der zarten Haut ihres Halses entlang. Ein erneuter wohliger Schauer durchfährt Lotta. Gleichzeitig fühlt sie sich den ganzen Tag schon so belebt, so … kraftvoll.
„Mhm. Das Teil lag schon länger in der Küchenschublade, bei meinem kaputten Handy! Hab es heute Morgen erst wieder entdeckt.“, erklärt Lotta nur salopp. Sie beugt sich langsam wieder zu ihm runter, streift erst sacht seine mit ihren Lippen, reizt … geizt … mit vielversprechenden Genüssen, bis sie endlich … den Kuss mit intensivem Spiel vollendet.
Fiebrig wandern seine Hände ihre geschwungenen Hüften entlang, ziehen sie noch dichter zu sich heran, bis wirklich kein Blatt mehr dazwischen passt. „Wie konnte ich je glauben, du seist … schüchtern!“, lacht er heiser an ihrem Ohr, das Gesicht von einer Flut wirrer Haarsträhnen bedeckt. Leicht hebt sie den Kopf, schaut ihm nun direkt und lächelnd in die Augen: „Verwechsle Vorsicht nie mit Schüchternheit!“ Und schon verhindert sie die Fortführung der Diskussion mit weiteren kunstvollen Lippenbekenntnissen.
Die nächsten Stunden sind beider Seelen völlig verloren … für irgendwelche Kirchgänge mit biblischen Sprüchen. „Ohhhh, meeeein Gott!“, dient hier nur dem Abendgebet für eine himmelhochjauchende Nacht.
~~~~~~~
Erst am nächsten Morgen gibt es wieder konkrete Information beziehungsweise Nachfrage am Frühstückstisch, was es denn nun mit dem Schwimmen auf sich hat. „Baden in Meer! Großer Krake, jaaaaaa!“ Takatuka kapiert sofort und ist schon ganz aus dem Häuschen. „Auch ganz warm? Andern mitkommen!“ Takatuka denkt an die ganze Kinderschar ihrer kleinen Freunde.
„Äh, Takatuka, heute ist kein Kindergarten. Danny arbeitet heute nicht. Nur wir drei fahren los!“, setzt Ansgar zu einer Erklärung an und wendet sich dann an Lotta. „Was meint sie mit ‚warm‘? Es ist nur der See weit unten im Tal, wo man jetzt schon halbwegs baden kann. Ist das vielleicht noch zu kalt für die Kleine?“ Ansgar hat für ihren freien Tag in der Woche einen kleinen Ausflug geplant.
Lotta schüttelt den Kopf: „Eigentlich nicht! Du denkst wohl an warmes Badewasser, meine Süße. Wir werden aber heute eine ganz große Badewanne sehen. Ein riesiger See, Takatuka!“ Lächelnd wischt Lotta ihrer Tochter das kleine verschmierte Mäulchen ab. Sie ist selber schon gespannt auf dieses für sie neue Areal. Ohne Ansgars Wagen wäre so ein Ausflug hier auch kaum möglich. Vieles ist zu Fuß zu weit weg für einen Tag. Auf diesem Hang müssen sie ganzjährig durch Tiefschnee durchwaten …
„Weißt du … ich wollte eigentlich immer schon mal den Führerschein machen!“, überrascht Lotta Ansgar gerade mit einer nächsten neuen Planung. „Meinst du, es gibt hier so eine Fahrschule? Ich meine, mit der Gehaltserhöhung … könnte ich so langsam auch darüber nachdenken! Die Wasserleitung in Eigenleistung kostet ja bisher kaum was.“ Stolz richtet sie ihren Blick aus dem Fenster auf ihr kleines Wunderwerk an Metallurgie. Der kleine Hochofen funktioniert Eins-EA.
Ansgar musste mittlerweile anerkennend feststellen, dass Lotta sich damit nicht ihre kleine Hütte abfackeln wird und das Handwerk tatsächlich beherrscht. Noch ein paar Tage Arbeit und … es gibt endlich fließend Wasser in der Kate. Yippieee.
Und klammheimlich schmiedet sich Lotta nebenbei … auch noch ein paar neue Schwerter, Yeeaaah. Weiß man ja nie, wozu man die mal brachen kann …
„Warmes Meer!“, protestiert Takatuka dazwischen. „Nich‘ Wanne!“ Die See Frage beschäftigt sie noch immer. „Krake nich‘ kaltes Wasser!“
„Mhmmmm?“ Ansgar weiß gerade nicht, worauf er zuerst reagieren soll. „Führerschein, ok! Hab‘ ich gleich ’ne Idee für dich, Lotta. Moment noch. Was meinst du genau, Takatuka? Erinnert sie sich … irgendwie an … einen Urlaub in den Tropen?“ Neugierig blickt Ansgar mehr Lotta als Takatuka bei dieser Nachfrage an, dieses gemalte Bild in der Werkstatt vor Augen. ‚Rückt Lotta irgendwann … ein bisschen mehr damit raus? Ich würde sie zu gerne mal in diesen bunten exotischen Wickeltüchern sehen …‘
Doch Lotta beißt sich etwas verlegen auf die Lippen, schaut Ansgar nicht an, sondern nur ihr Töchterchen. „Takatuka, Kraken leben, glaub ich … überall in Meeren. “ ‚Hat das Kind … doch Erinnerungen an das Eiland Takatuka? Wieso jetzt? Ich könnte ihr nicht mal weiterhelfen, weil meine … fehlen.‘
„Wasser küsst, Krake kommt!“, schlägt die Kleine über sich selbst belustigt beide Händchen vor die lütte Schnute. „Viiiel mehr warm!“ Jetzt kräht sie ganz vergnügt mit hochgeworfenen Ärmchen vor sich hin. „Krake auf Kopf!“, deutet sie mit gekrümmter Handbewegung an.
Lotta errötet leicht. ‚Was für Bilder schwirren Takatuka durch das kleine Hirn. Kommt daher das Kraken Spiel?‘ Unbeabsichtigt wandern Lottas Augen zur Küchenschublade, wo sie die Kette am Morgen wieder neben dem defekten Mobilphone verstaut hatte. Sie weiß, dass auf dem kleinen Handy Fotos von Takatukas Vater zu finden sind …, die sie … sich selber nicht ansehen kann, ohne einen neuronalen Gewittersturm in ihrem Hirn zu entfachen. Aber … ihr Kind könnte vielleicht den Vater darauf erkennen? ‚Wieso … bin ich nicht schon eher darauf gekommen?‘
Es gab keine Bilder von ihm, als sie damals vor fast einem Jahr von dem Eiland geflohen waren, soweit Lotta sich entsinnen kann. Gab es überhaupt Fotografien auf Takatuka? Lotta weiß es einfach nicht mehr …
Anspannung wird im Raum greifbar. Lotta versucht ihre wie festgesaugten Augen krampfhaft wieder von der Schublade zu lösen, blickt betreten zu Boden. Das ist Ansgar Signal genug, Lotta nicht weiter in die Ecke zu treiben. ‚Wir wollten uns nicht mit den schwergängigen Themen gleich zu Anfang bedrängen … Hat wohl wieder mit Takatukas Erzeuger zu tun.‘„Ich fürchte, Kraken gibt es in einem See nicht, Takatuka. Aber viel Badespaß, jo? Hol schon mal Eimerchen und Schaufel.“, lenkt er das Kind schnell ab, das sogleich aufgeregt losflitzt.
Zu Lotta antwortet er nur ruhig auf ihre Frage zum Führerschein hin: „Theorievorbereitung und Prüfung macht man in diesen dünner besiedelten Gegenden Schwedens eher online. Fahrpraxis darf dir jeder vermitteln, der drei Jahre einen Führerschein hat. Somit also … ich! Fangen wir doch nachher gleich mal an. Und vielleicht … wird es Zeit, dir langsam mal ein neues und funktionierendes Handy zu besorgen.“ Nur aus den Augenwinkeln heraus streift sein Blick kurz diese ominöse Küchenschublade.
Lotta ist leicht erschlagen wie verzückt. ‚Er hat genau gemerkt, dass ich gerade … etwas … in alten Geschichten verhakt war.‘ Einen Moment sehen sich beide nur wortlos an, bis Lotta aufsteht, sich zu Ansgar runter beugt und ihn sanft küsst. „Ich freue mich auf den Ausflug heute! Danke, Ansgar, für … so vieles!“ Er umfängt sie mit beiden Armen um die Taille und so stehen sie eine Weile ruhig da, bis Takatuka mit Eimerchen und Schaufel scheppernd das kurze Idyll wieder zerstört.
Ansgars Augen kleben beim Rausgehen erneut kurz an der Küchenschublade. ‚Vielleicht … lässt es sich doch noch … reparieren. Wäre schon … interessant, was das kleine Ding so preisgäbe!‘
~~~~~~~~~~~~
Natürlich muss sich Lotta erstmal erklären lassen, was unter der Haube steckt. Gehört zwar nicht zur Theorieprüfung, aber Lotta denkt ganz pragmatisch an die Kunstfertigkeit, die eigenen Sachen auch reparieren zu können. „Keilriemen, ok, Batterie … vier Zylinder, Hut ab! Mhm, mhm, Öl?“ Lotta muss gleich mal aufschrauben und reinsehen. „Ziemlich … dunkel, Raps oder Soja? Ich nehme am liebsten Yak Butter!“ „Äh, wie?“
„Auf jeden Fall … viel Metall hier in dem Block. Wenn du was davon nicht mehr brauchts, Ansgar, … immer her damit für meinen kleinen Ofen!“ Zufrieden lässt Lotta die Motorhaube fallen. ‚Ein feines kleines Vorratslager ...‘ „Wir sollten losfahren, Takatuka wird schon ungeduldig!“ ‚Ich auch, ran ans Lenkrad.‘
„Okeeeeeey!“ Ansgar stellt fest, dass Lotta eine ganz eigene Art hat, sich die Welt oder neue Begriffe und Lerninhalte zu erschließen. Er ahnt jetzt, was Brett damit meinte, dass Lotta Oleg oft in den Wahnsinn trieb. ‚Er muss schier verzweifelt sein‘, grinst Ansgar amüsiert vor sich hin, als der Rotschopf auch schon ganz lernbegierig auf den Sitz hinterm Lenkrad springt.
Über den drei Pedalen wackelt sie mit ihren nackten Zehen herum, schaut Ansgar dabei erwartungsvoll an. „Auf welches trete ich zuerst? Links, rechts, Mitte?“ Sie zieht eine Schnute auf seine perplexe Frage hin: „Wo sind deine Schuhe geblieben, Lotta? Ist dir nicht kalt an den Füßen?“
„Nope!“, ihre ehrliche knappe Antwort.
Nach kurzer Einweisung ruckelt Lotta begeistert durch die schneeweiße Landschaft und fragt nebenbei ganz naseweis: „Wie ist denn der CO² Ausstoß von dieser Kiste?“
Ansgar klappt den Mund einmal auf und … wieder zu. Konsterniert schaut er starr geradeaus nach vorn. ‚Was zum Geier lehrt Oleg sie eigentlich gerade?‘ Der Norweger war eigentlich nur von Grundkenntnissen in Mathe und Simlisch ausgegangen. ‚Jetzt hat Lotta aber einen Hochofen für Metallurgie im Garten und eignet sich nebenbei auch noch Chemie an?‘„Zu hoch!“ murrt er knurrig auf die Frage nach der Klima Lage. „Aber mit was anderem kommste hier nicht weit! Lotta, achte bitte auf die Straße.“ ‚Wie gut, dass wir noch von fluffigem Schnee umgeben sind …‘
Takatuka und Wolf lachen sich ziemlich arg durgerüttelt eins auf der Rückbank bei Lottas schwunghaften Fahrversuchen.
In belebterer Gegend übernimmt Ansgar lieber wieder das Ruder: „Das war schon mal ganz gut, Lotta, aber hier musst du auch auf Schilder und Verkehrsregeln achten. Heute Abend fangen wir mit der Theorie an! Ich habe dich nebenbei schon mal angemeldet für einen Online-Kurs.“ Er hält ihr sein Handy hin, damit sie selber schauen kann. Lotta scrollt durch das Kursprogramm und bleibt … beim Preis hängen. „Uyyy! Ich fang … vielleicht am bestem erst im Sommer mit dem Führerschein an. Sonst … klappt das nicht mit dem Flug für den Urlaub.“
Ansgar blickt kurz zur Seite: „Der Kurs ist schon gebucht! Geht schon klar!“ Lotta verstummt einen Moment. ‚Einfach so, ohne mich zu fragen? Kann ich nicht selber entscheiden, was ich mit meinem hart verdienten Geld mache?‘ Etwas verunsichert schaut Lotta kurz zu Ansgar hoch und schnell wieder weg. ‚Fang keinen Streit deswegen an.‘ „Dann reisen wir eben später nach Henford!“, erklärt sie leise. Dabei hatte Sie sich schon so sehr darauf gefreut ...
„Die Flüge sind auch schon gebucht! Mach dir deswegen keine Sorgen, Lotta!“, grinst Ansgar sie spitzbübisch an. Den Urlaub demnächst will er sich jetzt auf keinen Fall entgehen lassen, nachdem er nun weiß, dass ihr Henford gar nicht mehr so unvorstellbar ist. ‚Vielleicht gefällt ihr der Grund und Boden, den ich schon erworben hab …‘ Seine Pläne reifen immer mehr. Und nicht weit davon entfernt, hätte er vielleicht auch noch … eine klitzekleine Angelegenheit in eigener Sache zu regeln …
„Wann … und wie … hast du das denn alles erledigt, Ansgar?“, wagt Lotta doch zögerlich die Nachfrage an den ausgefuchsten Norweger. Lächeln nickt der in Richtung seines Mobilphones in ihrer Hand. „Die Flüge? Gestern Mittag! Geht alles mit dem kleinen Gerät da. Frühbuchrabatt!“
Verwundert starrt Lotta auf das kleine Ding in ihrem Schoß. Sie hatte nie in Gänze erfasst, was man damit alles machen kann. Mit dem ersten Dienst für die Baugesellschaft hatten Thorger und Sven ihr geholfen, ein Konto einzurichten. Und irgendwie lief der Geldtransfer über so kleine Papiere. Im Moment zahlt Oleg ihr wie vereinbart ein Teil ihres Gehaltes bar aus. Der andere, den sie nicht direkt benötigt, wandert auf irgendeine Bank, die sie noch nie gesehen hat. Früher hat Merlin ihre Geldgeschäfte gewissermaßen überwacht und vor ihm half Garderobiere Ludmilla weiter …
„Wie geht das denn?!“, wackelt Lotta mit dem Handy von Ansgar in der Luft rum. „Ist … mein Konto jetzt … leergefegt?“ Ein irritierter wie pikierter Gesichtsausdruck trifft sie von dem Norweger. Er wirkt ein bisschen genervt: „Natürlich nicht!“
In einem weiten Bogen fährt er an ein liebliches Seeufer heran, bremst in Strandnähe und greift hinter sich, um Takatuka und Wolf die Tür zu öffnen. „Nicht gleich ins Wasser!“, ruft er noch hinterher, als die beiden quietschvergnügt mit Eimerchen und Schaufel bewaffnet auf die spiegelglatte Fläche zustreben.
„Sag mal Lotta, was denkst du eigentlich von mir?!“, herrscht er den Rotschopf an seiner Seite an, als Takatuka und Böser außer Hörweite sind. „Ich hab‘ doch gar einen Zugriff auf dein Konto! Wo hast du eigentlich die ganze Zeit gelebt? Hinterm Mond?“ Lotta zuckt leicht zusammen und schaut etwas verstört zurück. „Ich … entschuldige! Ja … vielleicht …! Wovon … hast du … dann alles bezahlt?“
„Von meinem Konto! Betrachte es einfach als Geschenk, Lotta!“ Bedauernd blickt er auf ihren gesenkten Kopf. „Ist es so schwierig, etwas von mir anzunehmen? Du willst mir nichts schuldig bleiben, oder?“
„Nicht … soooo viel!“, kommt es gehaucht zurück. Ihre Augen sind immer noch auf ihre ineinander verflochtenen Hände gerichtet. Einen Moment schaut er schweigend auf dieses verzagte Bündel hinunter, macht sich klar, dass sie noch ganz am Anfang ihrer Beziehung stecken und er viel zu ungeduldig voranschreitet. Seine Stimme klingt sehr belegt als er sich räuspert: „Du kannst noch nicht so weit denken, nicht wahr?“ Zaghaft nickt sie mit dem Kopf, ohne ihn anzuschauen. Lotta weiß nicht, wie sie‘s erklären soll ….
Ansgar hat noch nie zuvor erlebt, dass eine Frau an seiner Seite nach so viel Unabhängigkeit strebt. ‚Meist wurde mir ungefragt überlassen, alles zu regeln, Rechnungen zu begleichen und nun … erlebe ich das genaue Gegenteil. Ich habe gar nicht gefragt, ob sie das so will. Ansgar muss ein bisschen über sich selber schnauben. Vielleicht geht es ihr einfach nur darum, selbständig zu bleiben und ich denke gleich wieder …, sie will mich nicht!‘
Sacht beugt er sich zu Lotta rüber, streicht ihr übers Haar: „. Ich bräsiger Holzfäller bin zu schnell und ungestüm für dich, hm? Ich spreche sowas jetzt vorher mit dir durch, ok?! Da ich dich aber jetzt schon damit überfallen habe … Darf ich dir eines davon wenigsten … als Geschenk machen?“ Ein Friedensangebot, dass hoffentlich angenommen wird. Ansgar möchte nicht, dass Lotta jetzt ständig das Gefühl hat, finanziell bei ihm in der Schuld zu stehen. Aber sie hat durch die erst kürzliche Gehaltsanpassung ganz sicher keine solchen Reserven wie er auf der Rückbank.
Lotta ist nicht dumm. Sie weiß auch, dass sie eine ganze Weile an Ansgar zurückzahlen müsste …, wenn sie jetzt nicht auf seine Friedensbemühung einginge. ‚Und er würde sich vielleicht noch mehr zurückgewiesen fühlen.‘ Mit etwas schiefen Lächeln schaut sie wieder hoch. ‚Der Flug macht noch die geringeren Kosten aus‘:„Du kannst mir den Traum vom Ikarus schenken!“ Ansgar hebt eine Braue. ‚Ach, d e n kennt sie! Doch höhere Töchter-Bildung, oder was?‘ Immer wieder versetzt ihn dieser Rotschopf in Erstaunen. ‚Oder Bretts Werk in Simlisch? Die kommen ja gut voran! Was macht sie noch für eine externe Schulprüfung?‘
„Und ich lass dich noch etwas draufzahlen!“ Ihr Blick wird leicht verschmitzt, obwohl etwas Feuchtigkeit in den Wimpern glänzt. Auch Ansgars zweite Braue hebt sich. Er wartet wortlos ab, was weiter passiert, als sie ihm sanft über die Wange streicht. Ein ganz zarter Hauch von Achtsamkeit schwebt über dieser Geste. „Sei ganz lieb zu mir den Rest des Tages! Ich will es auch zu dir sein! Lass uns heute einen schönen Ausflug mit Takatuka haben!“ Leben im hier und jetzt ist gerade Lottas Devise, die sie mit einem süßen Kuss besiegelt. Ansgar zieht sie erleichtert in seine Arme. „Da zahle ich doch gerne doppelt und dreifach drauf! Mit Zins und Zinseszinsen …“ Schon wird jegliches Widerwort von ihr im Keim erstickt. Lotta erhebt aber auch nicht wirklich Einspruch, sondern verbucht unter Zahlungseingang noch weiteres Geschmuse, bis Takatuka an die Wagentür klopft und grient: „Küsst, dann gleich Krake kommt!“ Der Wolf ist nicht so überzeugt, dass sich gleich ein mehrarmiges Weichtier zeigt.
Doch schnell rennt die Kleine zum See zurück, um nachzusehen, ob sich ein paar Fangarme über der sich seicht kräuselnden Wasseroberfläche zeigen. Lotta und Ansgar eilen hinterher, ohne wirklich wahrzunehmen, was das Kind gerade von sich gab. „Warte, ich komme mit!“, versucht Lotta, das Kind zu bremsen, direkt ins kühle Nass zu sprinten und schmeißt im Laufen schon mal die Überbekleidung ab.
Böser ist aber auch in Habachtstellung. An ihm vorbei kommt Takatuka gar nicht erst in tieferes Gewässer. Auch wenn die Kleine schon ganz schön kräftig ist … „Hach!“, seufzt Lotta und krault dem Wolf beherzt das Fell, als sie bei den beiden ankommt! „Auf dich ist immer Verlass!“ Liebevoll blickt sie ihn an. ‚Du hast nie direkt auf Ansgar angeschlagen. Also muss doch alles mit dem Norweger in Ordnung sein, mein kleiner Seismograph!‘
Ansgar hat sich auch schnell entkleidet und wirbelt die kleine Takatuka lachend durch die Luft: „Willst du wieder Großer Krake spielen?“ Lotta freut sich über das kichernde Glucksen ihres Kindes. ‚Es ist so schön, den beiden zuzusehen. Sei nicht immer so … übervorsichtig. Lass dich endlich voll und ganz ein, nimm einfach an, was sich bietet … Es ist doch alles bestens und wunderbar! Nicht wahr?‘
Zu viert tummeln sie sich eine Weile am Strand herum, bis Ansgar eine Angelrute aus dem Kofferraum holt. „Mittagessen fangen!“ lächelt er Lotta entgegen, als er vom Wagen zurückkommt. „Willst du schon mal was für eine kleine Feuerstelle zusammensuchen?“
Lotta klatscht begeistert in die Hände: „Du angelst, Ansgar? Oh, ich auch bitte. Hast du noch eine Rute dabei? Ich hab‘ direkt hinter meinem letzten Haus an den Docks immer gleich angeln können! Barsche, Zander, Dorsch …“, zählt sie an den Fingern auf. „Ich kann mir aber auch einen kleinen Speer aus der Weide da drüben schnitzen und Speerfischen, wenn du einen Moment wartest.“ Ihre Augen leuchten freudig erregt. Gerne denkt sie an einen Angelgenossen vor nicht allzu langer zurück, der sie immer an ihren Kinderfreund Tommy erinnerte.
„Sogar … Speerfischen? Und du hast … ein Schnitzmesser dabei?!“ Ansgar hat augenblicklich Lottas an Silvester gezückten Säbel vor Augen und lässt leicht besorgte Blicke über ihre knappe Badebekleidung schweifen. ‚Am Leib trägt sie keine Waffe! Uff, die Frau ist einfach unglaublich.‘ „Lass mal stecken, dein … Jagdmesser! Ich hole … meine Ersatzrute!“, bietet Ansgar lieber an.
Beim gemeinsamen Angeln freut sich der Norweger unglaublich, dass sie sogar diese Leidenschaft teilen. „Genau, das meinte ich. Einfach herausfinden, was der andere mag, sich … noch näher kennenlernen.“ Glücklich und entspannt lächelt Lotta zurück und lässt dann ihre Augen wieder auf dem Blinker und dem glatten See ruhen: „Ja, das ist schön. Was magst d u denn noch so …“ So wirklich viel hatte Ansgar nun auch noch nicht erzählt.
„Dich!“, lautet seine spontane und direkte Antwort. Lottas Kopf schwenkt wieder rum. Oft sieht er sie so intensiv an und die Luft zwischen ihnen scheint zu brennen. Sie kann dann kaum atmen. Die Angel in ihrer Hand beginnt ein wenig zu zittern … „Oh, ein Fisch!“, ruft sie überrascht und richtet ihre Aufmerksamkeit darauf, die Leine achtsam einzuholen, damit ihnen das Mittagessen nicht freiweg flöten geht. „Ein … Prachtexemplar!“, kommentiert sie mit schelmischem Seitenblick auf Ansgars wohlgestaltete Figur, als sie sich ihren schuppigen Fang in Händen näher betrachtet.
Der Norweger lässt seine Angel augenblicklich zu Boden gleiten, umfasst Lotta mit einem Arm, während die freie Hand den alsbaldigen Bratfisch in einen Eimer befördert. „Darf ich der Gewinnerin des Angelwettbewerbes meine besten Glückwünsche übermitteln?“ Seine rauchig gesenkte Stimme lässt ihre Nerven mal wieder wie eine gut gestimmte Harfensaite vibrieren. ‚Mein Gott, neben ihm werde ich zum nervösen Schulmädel – das ich ja nie war! Merkwürdig … ‘ Lotta kommt kaum zum Luft holen oder Nachdenken. Ansgar beweist ihr erneut, wie ‚lieb‘ er heute zu ihr sein will …
„Ganz viel küsst, aber Krake immer noch nicht kommt!“, beschwert sich Takatuka und zupft an den Beinen der beiden ineinander verschlungenen Angler*innen. Für sie hat die ganze Küsserei nur ein einziges Ziel: ein interessantes mehrarmigen Meerestier endlich hervorzulocken … Mama und Ansgar strengen sich ihrer Meinung nach einfach noch nicht genug an. ‚Nicht so wie mit Papa …‘ damals! Ein genaues Zeitgefühl hat die Kleine noch nicht, wie lange das her ist.
„So verrückt wie die Mutter!“, quittiert Ansgar lachend die Quengelei des Kindes und löst sich bedauernd von Lotta. „Schau, was wir stattdessen fangen konnten, Takatuka.“ Er beugt sich zum Kind hinunter und zeigt ihm den Inhalt des Eimers. „Hunger!“, deutet die Lütte sofort auf ihr weit geöffnetes kleines Mäulchen! ‚Jupp, sie weiß sofort, was mit ’nem Fisch anzustellen ist …,‘ stellt Ansgar schmunzelnd fest. ‚Mama hat wohl wirklich öfter geangelt.‘
Gemeinsam sammeln Lotta und Ansgar schnell noch ein paar Steine und Reisig für eine kleine Feuerstelle zusammen. Wie unabsichtlich streifen dabei ihre Hände immer wieder … am Leib des anderen entlang, hinterlassen dabei ein sanftes Prickeln und Kribbeln unter der Haut. Takatuka buddelt mit ihrem kleinen Schäufelchen schon mal eine Mulde für die Feuerkuhle. ‚Auch das scheint dem Kind nicht unbekannt‘, bemerkt der Norweger nebenbei trotz Ablenkung durch den betörenden Rotfuchs an seiner Seite. ‚Zwei … Naturkinder! Als wären sie … die meiste Zeit … in einem Wald aufgewachsen – Feengleich.‘
Manchmal hat Ansgar so ein Bild vor Augen, als wenn Lotta eine Elfe wäre, die eines nachts urplötzlich wieder in ihre andere unirdische Welt entschwindet. Dann zieht sich ihm der Magen zusammen und er möchte laut schreien, um dieses Gefühl drohenden Verlustes niederzuringen. ‚Ich habe schon einmal so viel verloren … Folge ich hier vielleicht nur einem Irrlicht?‘ Fragt er sich zuweilen etwas grimmig. ‚Blendwerk, Hexenwerk?‘
‚Und was bin ich selbst? Teufelswerk?‘ Mit diesem Gedanken fährt er sich wieder runter: ‚Ich habe es all die letzten Jahre geschafft, kühl und besonnen zu bleiben. Bleib … ruhig. Auch jetzt!‘ Das fällt nur immer schwerer mit diesem süßherben Geschöpf neben sich. ‚Wann passierts, hm, Ansgar, dass du dich nicht mehr ausreichend unter Kontrolle hast?‘
Ganz fachmännisch spießt Ansgar den von Lotta gefangenen Fisch knapp unterhalb der Rückenwirbel auf. Sie hatte tatsächlich nebenbei geschickt einen Ast mit einem Jagdmesser zugespitzt, als er das Kind nachdenklich beim Graben beobachtete. Auch ein paar Kräuter hatte sie gesammelt, mit denen sie den zügig entschuppten Fisch kräftig einrieb. Jeder Handgriff saß bei ihr. ‚Mit dem Schwert warst du auch ganz schön behänd, mein Schatz …‘
Fasziniert beobachtet er ihr konzentriertes Antlitz, während sie das Grätentier im Feuer langsam von allen Seiten knusprig braun brutzelt. „Rote Krebse auch lecker, mhmmmm!“, wartet Takatuka schon heißhungrig auf ihr Stück Fisch. Ansgar registriert bei Lotta einen schnellen überraschten Blick aus den Augenwinkeln zuerst auf ihr Kind und dann zu ihm rüber, ohne dass sie den Kopf dabei groß dreht. Ihre Augen treffen sich einen kurzen Moment. Rasch wendet sie ihre wieder ab und heftet sie ganz angelegentlich auf das Gargut vor sich am Spieß. Dann nochmal ein vorsichtiger Augenaufschlag zu ihm hoch. Sekundenlang starren sie sich wortlos an, bevor Lotta diese enervierende Spannung zwischen ihnen abrupt mit einem nüchternen Satz beendet: „Ich glaub … der Fisch ist fertig!“ Takatuka schleckt sich schon einzeln die Finger danach und auch für den Wolf gibt es ein Festessen. ‚Was ist denn an Krebsen für sie so … unangenehm, dass sie mich derart wachsam … ansieht?‘, fragt sich Ansgar nur.
Nach dem Mittag döst Takatuka gut gesättigt ein wenig an den Wolf gekuschelt am Strand vor sich hin. Lotta und Ansgar finden ein bisschen Zeit, weiter auf den See raus zuschwimmen. In schnellen Zügen krault Lotta voran und Ansgar hinterher. In der Mitte des Gewässers lässt sie sich genüsslich auf dem Rücken treiben: „Es ist wunderschön hier, Ansgar. Das war eine tolle Idee!“ Über ihr leuchtet der Himmel so herrlich blau. Ein paar Schäfchenwolken treiben vorüber. Im Moment wirkt Lotta ganz zufrieden und im Reinen mit sich. Lächelnd schließt sie eine Weile ihre Lider.
‚Als wäre sie in ihrem Element … wie eine Wassernymphe!‘, schießt Ansgar erneut ein recht mystisches Bild durch den Kopf. ‚Haben sie früher eher am Meer gelebt?‘ Bislang hatte er nur von irgendwelchen Docks gehört. „Ich habe, glaube ich, die letzte Rate noch nicht bezahlt!“, kokettiert er, an ihr Gespräch von vorhin anknüpfend.
„Mhmmmm?“ Lotta öffnet blinzelnd ein Auge ….
„‘Sei ganz lieb heute zu mir‘ hattest du mich gebeten und das habe ich auch vor. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch, Takatukas Kraken heraufzubeschwören, Lotta …“ Schon nähert er sich ihr in eindeutiger Absicht.
„Was?! Duuu …“ Lotta schwenkt von der Horizontale in die Vertikale um, lacht leicht empört wie angeregt auf. ‚Jetzt macht er auch noch Witze über diese Kraken Sache …‘ Ihr dämmert langsam, dass Takatuka irgendetwas triggert, das Bilder von maritimen Weich- wie Schalentieren aus ihrem früheren Leben auf dem tropischen Eiland heraufbeschwört … ‚Vielleicht war es schon die ganze Zeit da … nur ich habe es nicht richtig gedeutet oder zugehört. Mir fehlen einfach selber die notwendigen Bilder und Erinnerungen, um es richtig zu verstehen.‘
Trotz aufkommender Sorgen um ihr Kind kann Lotta grad nicht anders als einfach mit zu albern und Ansgar nass zu spitzen. „Du bist so ein frecher Kerl …! Na warte, ich hatte dir ja auch was versprochen! Gestern Abend!“ Schon versucht sie, Ansgar unterzuduckern und sich auf seine Schultern zu stemmen. Aber irgendwie … fehlt die Kraft der gestrigen Nacht und Ansgar packt sie einfach an den Hüften, hievt sie aus dem Wasser wie ’ne Ballerina, die … gar nicht graziös … hintenüber kippt. „Uuuuhhhh!“ Kleine Wellen schlagen über Lottas Haupt zusammen, als sie rücklings wie ein Klappmesser zusammengefaltet untertaucht.
Doch Lotta erweist sich wie ein Aal im Wasser, als Ansgar wieder nach ihr zu greifen versucht. Flink, taucht sie unter seinen suchenden Händen hindurch und überfällt ihn von Hinten. Nützt aber auch nichts. Sie wird geradewegs nach vorn über die Schulter und kopfüber ins Wasser geschleudert.
„Aaaaaahhh!“ Diesmal entkommt sie nicht. Am Fußknöchel hat er sie gepackt und schon wird sie zurück zu ihm an die Wasseroberfläche gezogen.
„Nennst du d a s lieb sein?“, schimpft sie prustend.
„D a s nicht, aber d i e s …!“, lächelt er anzüglich. Eng von ihm umschlungen wird ihre Gegenwehr vollends unterbunden. Sie kann nicht anders, drängt sich näher an ihn heran. Sinnbildlich ist wohl doch noch der Große Krake erschienen ... in Gestalt eines rothaarigen Norwegers!
Nur … Takatuka hat’s verschlafen. Der Wolf hat’s aber gesehen und gelächelt – wie nur ein Böser Wolf das kann!