0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschichten um Lotta und Co. hier in 🌺 HERLAND weiter - ein Stück weit im Crossover mit den 📜 WiWo News. Wer weiß, vllt. mengt sich irgendwann sogar noch ein wenig P. mit rein 😏 …
Hier in HERLAND bitte keine Kommentare. Wenn, dann lieber per PN … oder auch gerne in den WiWo-News (siehe Signatur) oder auf dem Discord Server. Dort ist alles auch als PDF hinterlegt. Zugang zum Discord Server auf Anfrage per PN.
7.3.3 - Dschingis Khans Erben ... Bis das der Tod uns scheidet … (Teil 1)
Einige Stunden reiten Miyu und ihre Tochter schon schweigend nebeneinander her, jede in ihre eigenen Gedanken versunken, als Yuna unvermittelt von der Seite her fragt: „Hast du … Dad geliebt, Mum?“ Huch! Miyu ist einen Moment perplex und antwortet dann einfach mit einem schlichten „Ja!“ „Doll geliebt?“ Doll? Miyu weiß gerade nicht genau, wie sie das interpretieren soll. „Also ja, wir haben uns schon … richtig geliebt. In gewisser Weise tun … wir das auch noch – als gute Freunde! Liebe ist … vielfältig!“
Yuna denkt eine Weile darüber nach. Dann kommt die nächste Herausforderung fürs wohl schon überfällige Mutter-Tochter-Gespräch: „Hattest du … Herzklopfen … als ihr euch … kennengelernt habt, du und Dad?“ Ja, das war etwas, was immer gefehlt hatte … Die Aufregung! „Wir waren zuerst Freunde, dann … ein Paar und … sind jetzt wieder … Freunde!“, versucht Miyu eine Erklärung. „Also … nicht!“, schlussfolgert Yuna eigenständig.
Nein, ich hatte mich nie so belebt gefühlt wie in Gegenwart von Elani oder Jorunn …„Es war trotzdem schön!“ Miyu glaubt zu ahnen, worauf Yuna hinaus will … Ist immer nur in der Theorie so einfach, über alles zu reden! Yuna soll nicht glauben, es sei eine leidliche Sache gewesen, als sie entstand. So war es wirklich nicht. Jack war sehr einfühlsam, zärtlich … Es war gut gewesen!
„Wie … war es denn … mit Keito?“, tastet sich Miyu vor. Offensichtlich will Yuna etwas zur Liebe zwischen Jungen und Mädchen wissen. „Wir … haben nicht … miteinander geschlafen, wenn du das fragst, Mum!“ Yunas Stimme ist recht leise, während sie auf ihre in der Mähne des Pferdes fest Finger verflochten schaut.
Nicht? Oh gut, gut! Irgendwie erleichtert diese Nachricht Miyu gerade ungemein. Habe ich doch noch nicht das Verhütungsgespräch verpasst, puh! So sehr sie Elani mag und auch Keito irgendwie schätzt … Elanis Sohn will Miyu für Yuna einfach nicht ganz in den Kopf gehen. Nicht, weil er ein Junge ist, sondern, … weil es Keito ist …! Nett, charmant, guter Schüler und … stürmisch wie unberechenbar! Elani hatte ganz schön mit ihm zu kämpfen! Und sein Vater … Puh, hartes Erbe!
„Ich hatte … Angst … davor!“ Yunas Stimme ist nur ein Hauch.
Angst?„Man sollte nie Angst haben! Hatte Keito dich bedrängt?“, forscht Miyu nun doch erschrocken nach. Oh je, nach allem, was Yuna eh schon durchgemacht hatte zu der Zeit.
„Ich … hab‘ ihm auch mal große Angst gemacht – auf dem Festival! Keito lief weg … kam aber wieder, um … nach mir zu sehen!“, berichtet Yuna etwas Zusammenhangslos weiter … Miyu lauscht nur noch gebannt, was Yuna gerade so an Erinnerung durchlebt. Muss sie das alles mal loswerden?
„Und das Haus … Er hat sich auch so gefürchtet und kam … dennoch, suchte nach mir!… … … … … Ich dachte …, ich würde … nie wieder … Licht sehen! Es … wäre mein … Ende!“
Miyu kann kaum noch atmen, so erdrückend empfindet sie gerade Yunas Leiden in diesem dunklen Verließ mit. Mit Schaudern erinnert sie sich an die grauenvollen Bilder, die Terence ihr damals per Handy zum Hohn zukommen ließ.
„Danach küsste er mich … bis ich mich … ergab. Es war … anders … als zuvor!“ Wer jetzt? Keito? Terence? Miyu gefriert gerade das Blut in den Adern. „Ich … mochte es! Das war … neu für mich!“ Sie kann unmöglich Keitos Vater Terence meinen!
„Davor … war es ein Spiel, eine Scharade und wir … noch Freunde!“ Okeeeeey, also Keito ist gemeint. Das, was ich also damals vor der Schule erstmalig sah!„War es seine Idee gewesen, die Scharade …?“ Miyu fühlt sich nun doch etwas bemüßigt, genauer nachzuhaken. „Nein! Meine …“ Wieso?, hallt es nur noch in Miyus Kopf. Was war das denn für ein Spiel?
Ein paar Minuten schweigt Miyu etwas irritiert, bis sie dann doch ein zögerliches „Warum?“ wagt. „Ich dachte … ich würde … es dann leichter haben … in der Schule! Ich … konnte außer mit Keito … mit niemandem dort wirklich sprechen. Es gab … keine Mädchen … wie mich.“ Yunas Kopf senkt sich fast bis auf die Brust. „Es gibt ja überhaupt … nicht viele in meinem Alter … Nur im Internet, weit weg …“
Ja, das kann Miyu nachvollziehen. Sie sind wenige, eine Minderheit. Und ein Schild hatte sie sich auch nicht gerade umgehängt … Es war eigentlich ein völlig irrsinniges Wagnis gewesen, mit ihrer Neigung an eine Schule zu gehen ist ihr heute klar. Es machte angreifbar und hatte ihrer Tochter nur das Leben erschwert – doppelt und dreifach. Es ist schon als erwachsene Frau schwer genug. Ein junges Mädchen wie Yuna war noch weniger gefestigt und gefeit. Miyu kann es ihr nicht vorwerfen, sich hinter Keito versteckt haben zu wollen … Sie wirft sich aber als Mutter vor, nicht die Not der Tochter ausreichend gesehen zu haben.
„Es tut mir leid, dass ich dir keine Hilfe war, mein Kind!“ Reuig lenkt Miyu ihr Pferd dichter an Yuna heran, um ihr mitfühlend über den Rücken zu streichen.
„Das war … nicht … der einzige Grund!“ Nur ein Wispern vernimmt Miyu noch an ihrem Ohr. „Was denn noch …?“ Miyu ist gespannt. Wartet … … … … … „Neugier!“ Etwas schräg schaut Yuna zu ihrer Mutter hoch, wie das ankommt.
Oh! Da hat Miyu jetzt gerade ein paar Sekunden dran kauen, bevor sie ein erstes „OK“ zustande bringt. Ja, was … hatte ich da … genau gesehen? Miyu war sich von Anfang an nicht sicher gewesen. „Das ist doch … ok!“, setzt sie dann nach. „Ich meine … du bist … noch jung, Yuna! Darfst dich … erproben. Niemand verlangt, dass du schon genau weißt, was du letztendlich möchtest oder dich überhaupt festlegst.“ Wusste ich ja selber auch erst spät … „Und vielleicht … gibt es auch gar nicht für jede*n einen Punkt im Leben, wo wirklich immer alles so sonnenklar ist ...“
Das scheint Yuna auf eine andere Idee zu bringen … Leicht lächelnd schaut sie zu ihrer Mum hoch: „Kommst du mit Dad vielleicht wieder zusammen?“ Uff! Hartes Brot heute - so ein Mutter-Tochter Gespräch! Okeyyyy …„Nein, ich denke nicht! Aber, dein Dad und ich sind weiterhin gute Freunde und beide deine Eltern, die dich immer lieben werden, Yuna!“
Miyu lenkt ihr Pferd in die Nähe eines windgeschützten Felsüberhanges und lässt sich aus dem Sattel gleiten. „Es ist völlig in Ordnung, neugierig auf alles Mögliche im Leben zu sein! Machen wir Rast?“ Suchend wühlt Miyu in den Satteltaschen nach ein paar essbaren Vorräten und Zunder wie Feuerstein. Es herrscht eisige Kälte. Ein Feuer für die leicht gefrosteten Wangen täte jetzt gut. Yuna sammelt ein paar Randsteine für ein Lagerfeuer zusammen. Sie hat sich in den letzten Wochen an die einfache Lebensweise in frostiger Region recht gut gewöhnt, packt selbstverständlich mit an, weil es einfach Überlebens notwendig ist.
Yuna wärmt ihre Hände an der heimelig wirkenden Glut, als endlich ein Lagerfeuer entfacht ist und Miyu etwas Stockfisch für sie beide in den züngelnden Flammen schmoren lässt. „Es … war mehr als … Neugier!“, greift Yuna zaghaft von sich aus den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf, während sie die Augen auf das Feuer vor sich heftet. Miyu behält die langsame Bräunung des Fisches im Blick, um auch nichts an Nahrungsmitteln verkommen zu lassen. Einfach reden lassen … Schweigend hört sie Yuna weiter zu.
„Es war so aufregend mit Khulan. Aber … mit Keito … auch!“ Irgendwie scheint Yuna von ihrer Mum einen Kommentar oder eine Nachfrage zu erwarten, die weiterhilft. „Und war es … anders?“, bemüht sich Miyu um zaghafte Hilfestellung. Zuerst ein Schulterzucken: „Weiß nicht …, Mum!“ Miyu wartet noch ab. Nicht zu schnell immer gleich antworten oder Rat erteilen … „Die Angst?!“ War das jetzt Frage oder mehr Antwort? „Wovor genau Angst, Yuna?“
Wieder dieses Schulterzucken vom Teen: „Khulan, Nishay … oder die anderen … haben mich nie … derart bedrängt.“ Miyu blinzelt mehrmals, ähhhh … „Welche … anderen? Wen … meinst du, Yuna?“ Kurzer schneller Seitenblick zur Mum und dann wieder Augen aufs Feuer geheftet: „Die anderen Frauen!“ So jetzt ist es raus! Irgendwie hatte Yuna es schon immer mal ihrer Mum sagen wollen, dass sie keine Teenagerinnen in erreichbarer Umgebung fand, die sich mit Mädchen einließen. Khulan und Nishay waren die ersten gewesen …
Frauen?! Miyu ist für einen Moment geplättet. Deswegen sah ich nie ein Mädel in Liebesbeziehung mit ihr. Natürlich brachte sie keine Erwachsene mit heim. Bekam das sonst … irgendwer mit?„Wie alt? Wo? Seit wann?“ Die Fragen überstürzen sich etwas in Miyus Kopf. Sie zieht Yuna an sich, um ihr zu vermitteln, dass sie nicht böse mit ihr ist. Eher ist Miyu etwas entsetzt, dass sich scheinbar keine der Damen einen Kopf drum machte, ein minderjähriges Mädchen vor sich zu haben. Ihr fällt Lottas interessierter Blick bei ihrer ersten Begegnung wieder ein. Der Altersunterschied hatte Miyu gleich auf Abstand gebracht, obwohl Lotta eindeutig volljährig war. Lotta … wäre aber für Yuna vielleicht … ein hilfreiches Beispiel für … offene Orientierungen … Aber erstmal zurück zu den älteren Damen …
Und nun purzelt Yuna mit allem raus … was sie so mit Keito teilte … wie die abendlichen Begegnungen mit älteren Frauen im Narwal Arms … Jede*r für sich natürlich, wobei nur Keito die Nächte auch ‚durchmachte‘. „Ich war ja um Mitternacht immer brav daheim, Mum, wie vereinbart!“ Schnell mal darstellen, dass sie sonst ganz artig war und nicht mit irgendwem nach Hause ging. Miyu schlackern trotzdem die Ohren. Wusste Elani davon? Von Keitos nicht altersgerechten Ausschweifungen? Und Yuna empfing ihren ersten Kuss mit 15 von einer … 28jährigen? Puh! Nicht wirklich … gut! Aber ganz so aktiv wie Keito wurde Yuna nicht, was Miyu nicht viel, aber etwas beruhigt, dass ihre Tochter noch nicht ihre ganze Jugend verworfen hat. Keito hingegen wohl schon, was wieder Miyus Besorgnis auf den Plan ruft, denn so ganz scheint Yuna … mit Keito noch nicht abgeschlossen zu haben!
„Yuna!“, beginnt Miyu sanft. „Es ist schon klar, dass Mädchen vorsichtiger sind bei … Jungs. Im Gegensatz zu uns werden sie nun mal nicht schwanger, denken weniger über Verhütung nach …“ Sind zuweilen ruppiger, forscher … zumindest solche wie Keito.
„Keito hatte immer vorgesorgt … Er wolle sich nichts ‚einfangen‘ meinte er immer!“, beeilt sich Yuna zu versichern. Irgendwie möchte sie den ehemals guten Freund vor ihrer Mum nicht in so schlechtem Licht dastehen lassen, empfindet irgendwie schon eine Loyalität zu ihm - so von Teen zu Teen.
Umpf! So offen waren die beiden miteinander …? Wie … schön! Miyu muss schlucken. Na ja!Da hatte Keito ja ‚bestens vorgesorgt‘ und ich lass die beiden noch zusammen aufs Festival …Aber … Yuna konnte ich … doch … vertrauen. Sie scheint sich ja soweit abgegrenzt zu haben. Dennoch, hier braucht es noch etwas Aufklärung: „Es ist gut, dass Keito … sich auch kümmerte, aber Kondome sind oft nicht ausreichend sicher zur Verhütung, vor allem bei nicht ausreichend sachgemäßer Anwendung, Yuna! Das werden die erwachsen Damen, mit denen er sich traf, … alle gewusst und selber zusätzliche Vorsorge betrieben haben.“ Ja, ich hatte Yuna wirklich aus dem Blick verloren gehabt …
„Hab‘ ich schon mal gehört, Mum! Aber ich hätte dich auch vorher gefragt, was am besten wäre …, wenn ich schon so weit gewesen wäre!“ Yuna kuschelt sich an ihre Mum. „Wir haben gerade so viel Zeit miteinander. Das ist schön. Das … hatten wir davor gar nicht mehr wirklich!“ Miyu ist gerührt. Noch nicht alles verloren …Bin wohl doch nicht die schlechteste Mutter aller Zeiten … „Du bist die beste Mum, die ich mir vorstellen kann!“ Yuna drückt sich noch etwas enger an Miyu, die *schnief* gleich zerfließt …
Eine Weile schweigen sie zufrieden in diesem innigen Moment miteinander … bis Yuna sich wieder etwas zaghaft mit einer Frage meldet … „Tut‘s … sehr weh?“ „Äh, was?“ „Beim … ersten Mal?“ Höm ... bloß nichts Falsches sagen … „Kommt … drauf an!“ Bei so einem Heißsporn wie Keito, der nur erfahrene Frauen kannte und wenig Rücksicht nehmen musste … „Davor … hatte ich Angst!“ Verständlich! „Wollte schon … aber nicht so schnell! Und dann war ich mir auch nicht sicher. Ich meine irgendwie hat Keito alles auf den Kopf gestellt, was ich immer dachte. Ich mag doch auch immer noch Mädchen …, aber … aber … Keito … … … auch.“, stammelt Yuna und verstummt dann.
Miyu nimmt Yunas Gesicht sacht zwischen beide Hände: „Kind, Du bist doch niemanden Rechenschaft schuldig, musst niemanden etwas beweisen noch dir selbst. Hatte Keito ein Problem … mit deinen Neigungen?“
Yuna schüttelt verneinend den Kopf: „Nein, aber … irgendwie … Ich meine, ich kannte doch niemanden in meinem Alter … außer … jetzt … Khulan, die mich, denke ich, schon auch ein bisschen liebte, aber auch … ihren Verlobten. Damals dachte ich … mit mir stimmt was nicht! Ich wüsste nicht mehr, wer oder was ich eigentlich noch bin … Da habe ich Keito … weggeschoben, aber auch weil es mir Angst machte, sein Drängen und er … war … dann recht böse mit mir!“ Und da ist er wieder … der Hitzkopf! Miyu könnte Elanis Knaben eine rechts und links … Wäre vielleicht in anderer Konstellation günstiger gelaufen … Sanft haucht sie ihrer Tochter ins Ohr: „Keito war wohl nicht der Richtige für deine erste Erfahrung mit einem Jungen …“
Oh, oh, Yunas Gesicht zerknautscht gerade wie eine Zitrone. Heftiger Tränenfluss im Anmarsch … „Mein bester Freund …!“ *Schluchz*
Miyu ist bass erstaunt. Da habe ich ja voll ins Fettnäpfchen getreten … „Soooo meinte ich das jetzt nicht …“Schadensbegrenzung … Schadensbegrenzung … „Was … magst du denn an Keito?“ Positiv, immer von der positiven Seite her fragen … Oh, wieder ein Lächeln … „Vieles!“ Ein leichtes Leuchten gleitet über Yunas Gesicht.
Du wankelmütige Jugend! Kürzlich noch wegen Khulan in Tränen zerflossen … Aber vielleicht muss man die Liebe, die man zu versprühen hat und nirgends mehr vergeben kann, auf irgendetwas oder irgendwen auch Unerreichbares lenken dürfen … Miyu versucht, nur innerlich zu seufzen und gedenkt ihrer liebsten Fluchtgefährtin auf der Reise. Wie mag es Jorunn gehen? Wir sehen uns möglicherweise auch nie wieder …
Liebevoll legt Miyu die Arme um ihre Tochter, gefangen in dem Gedanken, der Welt für immer den Rücken zukehren zu müssen. Vielleicht haben wir nur noch uns für den Rest des Lebens … Die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter, die für irgendwen oder -was noch schwärmen und ihr junges Herz noch erwärmen dürfen muss … Bis dass … der Tod uns scheidet, mein Kind. Wir werden uns bei Ankunft in Japan vergraben müssen vor der ganzen Simheit … außer Jack. Und … nun ja, Khulan. Vielleicht … kommt Jorunn tatsächlich nach … wie sie sagte …, wenn sie im Norden fand, was sie suchte.
„Keito und ich waren uns in vielem ähnlich … Wir dachten in vielem gleich, hatten ähnliche Haltungen. Wie Khulan und ich auch, Mum!“, schmiegt sich Miyus Tochter gerade in freundliche Erinnerungen gefangen dichter an und zählt auf, was sie alles unter ‚Vieles‘ versteht: „Er ist freundlich, hilfsbereit, lacht gerne mit anderen zusammen. Man kann viel Spaß mit ihm zusammen haben, auch mal Unfug machen … und viel … teilen. Auch … die schweren Dinge. Er hat immer zu mir gehalten, obwohl er von Anfang an wusste, dass ich Mädchen mag. Keito hat sich nie darüber lustig oder mich dafür runter gemacht, noch je abwertende und ätzende Begriffe oder Witze über Mädchen oder Frauen rausgehauen. Nur ein bisschen … zu forsch war Keito für mich manchmal. Und … am Ende … sehr gekränkt, weil ich einfach noch nicht wusste, was ich wollte. Da hat er mir dann doch sehr zugesetzt …“ Einen Moment hält Yuna in ihren Gedanken inne … als ihr die Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zwischen Khulan und Keito bewusster werden und noch andere Erinnerungen wieder empordrängen …
„Wusstest du, dass es Mädchen gibt, die selber … über Mädchen und Frauen generell schlecht denken und reden?“ Diese Erfahrung irritiert Yuna sehr. Verzagt setzt sie hinterher: „Und über solche wie mich dann noch mal mehr! Manchmal hielt ich es einfach nicht mehr aus.“ Miyu nickt nur kurz. Ja, das kommt ihr leider bekannt vor.
Yuna hingegen ist in Gedanken bereits wieder zu Keito abgewandert. Sprunghafte Jugend. Miyu versucht irgendwie Schritt zu halten und nicht zu sehr in eigenen Überlegungen zu verharren.
„Keito war nicht vorsätzlich fies zu anderen Sims oder glaubte, ein Recht darauf zu haben, andere fertig zu machen, nur weil seine Kindheit nicht so einfach verlief …“, denkt Yuna laut weiter, während sie ins auflodernde Feuer starrt. „Er wollte es anders machen als sein Pa, auch wenn er das nicht immer … ganz schaffte, weil er so aufbrausend sein konnte. Er ließ sich nie in Gemeinheiten anderer mit reinziehen. Da war er immer klar auf Abstand. Das habe ich bewundert. Da ist er mehr wie seine Ma ... Ich mag Elani sehr!“Oh ja, ich auch mein Kind. Miyu kann diesmal ein Aufseufzen nicht ganz unterdrücken.
„Fehlt sie dir?“ Yuna wendet sich leicht zu ihrer Mum um. Miyu lächelt nur knapp als Antwort auf diese Frage. „Na, das klingt doch sehr nach einem guten Freund!“, fasst sie lieber Yunas Rede über Keito wohlmeinend zusammen und lenkt sich selber von Erinnerungen an die ehemalige gute Freundin ab. Miyu ist sich immer noch nicht so recht sicher, wie sie die Verbindung zwischen Yuna und Elanis Jungen begreifen soll … Na ja, meine zu Elani war ja auch ohne Hoffnung gewesen, zumindest über reine Freundschaft hinaus.
„Ja, nicht, wahr, Mum! Wir haben uns viel anvertraut. Aber es gab eben auch diese … andere Seite an Keito! Wenn er sich … geringschätzig behandelt fühlte, dann … konnte auch er mal fies werden wie …. mhm, ja … sein Pa. Manchmal … konnte ich es begrenzen, manchmal … auch … nicht! Aber … er konnte sich … zumindest entschuldigen … und erkennen, wenn es unrecht war.“ Wie in dieser letzten Nacht, als er mich so lange allein in der fensterlosen Umkleidekabine sitzen ließ und wusste, dass ich mich fast zu Tode fürchtete … Angst hatte, dass das Licht ausgehen könnte und … undurchdringliche Dunkelheit mich umfängt …
Yunas Stimme wird fast ein Flüstern. „Aber … ohne dieses … Forsche, zuweilen nicht … zu Bremsende … hätte er wohl … auch nicht immer wieder … so nach mir gesucht. Wäre … seinem Pa nicht so … entgegengetreten! Er hatte mich … befreit … damals, Mum.“ Vorsicht schaut Yuna zu ihrer Mutter hoch. „Manchmal habe ich mir gewünscht, ein wenig mehr … so zu sein! Mutiger!“
Überrascht schaut Miyu ihre Tochter an: „Aber Yuna, das bist du doch - mutig und stark …“ Sanft streicht sie ihrer Tochter über die Wange und entdeckt ein leichtes Glitzern in ihren Augen. „So habe ich mich aber oft nicht gefühlt, Mum. Nur so getan …!“ Ich auch mein, Kind!
Die Abendsonne sinkt schon langsam am Horizont hinter ihnen und Miyu beschließt, dass dies ihr Rastplatz für die Nacht wird. Noch lange grübelt sie über Yunas Worte nach, während die Tochter im Moment scheinbar entspannt eingeschlafen ist, nachdem sie sich einiges von der Seele reden konnte. Beide Teens hatten schon einige Ausnahmezustände in ihrem jungen Leben hinter sich, über die sie nicht mit anderen Jugendlichen sprachen. Das hatte sie irgendwie freundschaftlich zusammengeschweißt und auch eine große Offenheit und Vertrautheit miteinander erzeugt und dann … kamen wohl irgendwann auch noch die Hormone … ins Spiel. Oder … tatsächlich Liebe? Wir werden es nie mehr erfahren … Terence Tod … ließ die beiden endgültig voneinander … scheiden!
7.3.3 - Dschingis Khans Erben ... Bis das der Tod uns scheidet … (Teil 2)
Zwei Tage später ließen Miyu und Yuna wie mit Khulan vereinbart die Pferde an der Grenze zurück und wanderten über die Chinesische Mauer zu Fuß weiter. Manchmal nahm ein Ochsenkarren sie ein Stück des Weges mit, bis sie letztendlich in Richtung eines dichten Bambuswald abbogen, um weiter auf die Küste des Gelben Meeres zuzuhalten.
Miyu hofft auf Mitfahrt in einer der Handels-Dschunken nach Süd-Korea und von dort dann auf eine Fährüberfahrt nach Japan. Vor allem spekuliert sie auf koreanische Handelsreisende, die sowohl zu China wie Japan Warenaustausch unterhalten und Übersetzungshilfen für Miyus Muttersprache gut entlohnen würden. Trotzdem weder Miyu, noch Jack oder Yuna bisher groß auf Traditionen der Ahnen setzten, waren alle drei einem Spracherhalt wie -ausbau recht verbunden. Allein, weil man sich damit besser durch die Welt bewegt. Jack beherrscht deshalb auch hinreichend Suaheli. Yuna nur wenige Brocken, dafür ist ihr Spanisch recht gut von vielen Forschungsreisen ihres Vaters in Mesoamerika her ….
„Oh, schau!“ wispert Yuna plötzlich ganz aufgeregt, während sie noch durch den Bambuswald streifen und deutet zwischen den grasgrünen Stämmen auf etwas weiß Aufblitzendes hin. Beide Frauen ducken sich und verhalten sich ganz still, als sich eine Panda Bärin mit zwei Jungen langsam auf sie zu bewegt. Ohne Scheu betrachtet und schnüffelt sie in Richtung der beiden Sims, die das gar nicht fassen können und wie eingefroren kaum zu atmen wagen.
Sehen die so schlecht?, fragt sich Yuna und wagt sich langsam mit einem Finger vor, als das Muttertier dicht vor ihnen steht. *Schlapp* wird daran herum geleckt. „Ihhh, das kitzelt.“ Yuna kann ein Lachen nicht unterdrücken und Miyu atmet schmunzelnd langsam wieder aus, noch immer schnelle Bewegungen vermeidend. „Scheinbar … sind sie Menschen gewöhnt.“ Yunas Mum versucht auch ihr Glück und ist wundersam verzaubert, wie weich so ein Panda Fell ist, als sie sacht mit einer Hand an der Flanke des Tieres entlangstreicht. Fast wie eine Katze schmiegt sich der lustige schwarzweiße Bär mit dem Clownsgesicht an Miyu ran.
„Huhuthut!“, hören sie auf einmal leise Rufe und die Bärin dreht sofort den Kopf nach hinten. Ein älterer Herr taucht im Dickicht auf, fixiert Miyu und ihre Tochter einen Moment überrascht aus dunklen mandelförmigen Augen über den Rand seiner runden Brillengläser hinweg, um dann in ein feines Lächeln überzugleiten. „Entschuldigung, ich hatte niemanden erwartet! Seid ihr … Touristinnen?“ Für Chinesinnen werden sie offenkundig nicht gehalten. Der Blick des Herren gleitet über ihre mongolisch geprägte Kleidung, die jetzt nicht gerade nach Urlaubsreisen aussieht. Die Bärin schmiegt sich währenddessen vertraut an den älteren Chinesen und auch ihre Jungen lassen sich ohne weiteres von ihm hochnehmen.
„Wir gehen jeden Tag drei, vier Stunden spazieren!“, erklärt der Herr lächelnd, als er Yunas erstaunten Blick auf die kleinen Fellknäule in seinen Händen folgt. „Möchtest du mal?“, hält er ihr eines der Jungtiere entgegen und Yuna nickt hoch erfreut, stahlt wie ein Honigkuchenpferd. Auch Miyu ist ganz beeindruckt. Seit der Mongolei fühlen sie sich insgesamt sicherer als allein reisende Frauen. Niemand tritt ihnen ständig zu nahe oder erwartet ehrerbietigste Unterwerfung. Und dann kreuzen noch diese kleinen niedlichen kuscheligen Bärchen ihren Weg. Ach, bei allen Entbehrungen … Das Leben fühlt sich gerade mal richtig schön an für einen Moment.
„Wir … sind auf der Durchreise!“ Miyu hat nicht das Gefühl, ganz so verhalten sein zu müssen wie auf ihrem Reise-Abschnitt vor der Mongolei. Auch die Mitnahmen auf dem Ochsenkarren waren jetzt völlig unverfänglich verlaufen. Einfache Gastfreundlichkeit für ein paar müde Wanderinnen wurde gewährt ohne Erwartung irgendwelcher Gegenleistung, außer ein wenig Geplauder. Für Einheimische werden sie zwar nicht gehalten, aber doch äußerlich nicht als so exotisch abweichend eingestuft.
Merkwürdig wie es auf die Gemüter Einfluss nimmt … Das vertrauter Wirkende. Es spielt oft doch mehr eine Rolle als man sich selber eingestehen mag. Miyu fragt sich nicht zum ersten Mal wie es um ihre eigene Toleranz bestellt ist, als sie sich dem älteren Herrn schon ein bisschen vertrauensvoller zuwendet. Es ist immer wieder eine Gratwanderung und Selbstüberprüfung … interkulturell … intersektionell … interpersonell. … Und nicht immer ist es leicht zu erkennen oder einzuordnen, was einem begegnet – auch an eigenen blinden Flecken.
„Wir suchen einen netten Rastplatz für unser Picknick.“, klopft Miyu erklärend auf den umgehängten Vorratsbeutel, die tristen Gedankengänge mit einem Lächeln verdrängend. „Wissen Sie eine gute Stelle?“
Der Senior klatscht entzückt in seine Hände: „Oh, es wäre mir eine Ehre, euch in mein Haus einzuladen. Es ist nicht weit von hier. Meine Frau wäre auch ganz begeistert. Wir haben nicht oft Gäste in dieser Gegend und dann noch aus der Ferne … Gerne würden wir euren Worten und Berichten lauschen, was sich draußen in der Welt so alles tut! Und … wir sind hier nicht so … förmlich.“, bietet der Herr schmunzeln an, auch ihn zu duzen. „Hua!“, stellt er sich mit Vornamen vor. „Meine Frau Li bereitet um diese Zeit schon langsam den Tee zu. Kommt, kommt …“, winkt der freundliche Gastgeber sie hinter sich her und Yuna stiefelt leutselig mit einem der Pandajungen auf dem Arm gleich hintendrein. Lachend folgt auch Miyu.
Nach einem halben Kilometer durch tiefen Schnee sehen sie ein ganzes Dorf aus landestypischem rot gezimmertem Gehölz vor sich. Hua steuert auf eines der Häuser zu: „Bitte, bitte, tretet ein!“, und strebt dann weiter ins Innere. „Li, Li setzt mehr Tee auf, wir haben Gäste. Zwei weibliche … Gäste!“ Miyu muss etwas grinsen. Ob die Betonung wichtig ist, dass wir weiblich sind?
Sofort taucht aus einer der offenen Türrahmen ein silbergrauer Schopf auf. Eine ältere Dame schaut sie mit großen Augen an, in denen sich ein warmes Leuchten entzündet. „Oh Gäste! Wie wunderbar! Der Tee ist gleich fertig, nehmt doch bitte Platz.“ Hua hört man im Haus scheinbar eine ganze Familie zusammentrommeln. Kurze Zeit später kommt er eilfertig um die Ecke gelaufen. „Die Teezeremonie ist die wichtigste des Tages. Die Familie sitzt dann beisammen. Hach, ist das ein schöner Tag. Willkommen, willkommen. Setzt euch doch, bitte.“ Li kommt auch schon mit dem Teetablett recht rüstig für ihr Alter um die Ecke gefegt. Sie wirkt ein bisschen aufgeregt.
Gäste müssen ja hier wirklich etwas Seltenes und Besonderes sein!, denkt sich Miyu erheitert. Yuna grüßt die Dame des Hauses sehr höflich, scheint aber ansonsten ihr Herz und ihre Aufmerksamkeit gerade an das kleine Pandajunge verloren zu haben. Ja, irgendetwas muss man seine Liebe schenken dürfen. Hach mein Kind. Wenn der Shiba erstmal wieder bei uns ist. Vielleicht … sollten wir uns auch ein paar weitere Tiere halten … für Yuna. So mangels … anderer möglicher Gesellschaft.
„Mein Ältester Han!“, stellt Hua gerade einen Sohn mittleren Alters vor, der den Raum betritt. Miyu nickt dem Neuankömmling freundlich entgegen. „Liu …“ Noch ein Sohn. Miyu nickt einfach immer höflich weiter bei jeder Person, die sich noch dazugesellt. „Und unser Jüngster Ming!“ Der junge Mann scheint so um die Mitte zwanzig zu sein. Stolz präsentiert Hua wie eine Panflöte strammer Stammhalter seine drei Söhne, die leicht schüchtern zu Miyu und ihrer Tochter rüber blinzeln und sich mehrfach artig verbeugen, bevor sie sich um den Tisch gruppieren.
Höm! Leicht suchend blickt Miyu sich um. Kinder, Frauen? Keine sonst im Haus außer die ältere Li oder müssen sich die anderen Damen im Hintergrund halten? Oder …?„Ach, die Söhne gerade auf Heimatbesuch? Das ist aber schön!“, versucht sich Miyu im Plauderton. Familie wird in manchen Kulturen doch noch sehr in Ehren gehalten … „Oh nein, sie leben alle noch mit uns!“, wird Miyu von der warmherzigen Li aufgeklärt. „Und alle noch unverheiratet!“, ergänzt Hua ohne Scheu ungefragt, was die Söhne alle etwas verlegen auf ihre Teetassen starren lässt. Nur der ältere wagt noch einmal einen heimlichen Blick auf Miyu.
„Was bringt euch in diese Gegend?“ Die liebe Li zeigt sich bereit, erst mal einfach nur Konversation zur allgemeinen Auflockerung zu betreiben. Miyu steigt darauf ein, lobt den wirklich vorzüglichen Tee, berichtet von unverfänglichen Anekdoten am Wegesrand ihrer Reise. Einmal schaut Yuna leicht Brauen runzelnd wie schmunzeln zu ihrer Mutter rüber, weil die sich gerade eine leichte Räuberpistole mit Unterhaltungswert ausdenkt, um nichts von dem eigentlichen fluchtartigen Reisegrund zu offenbaren.
Ansonsten bespaßt Yuna die beiden Panda Bärchen weiter und hält sich in der Kommunikation zurück. Die ihr geltenden Blicke aus den Augenwinkeln des jüngsten Sohnes entgehen ihr dabei glatt. Miyu dagegen nicht.
„Oh, das war aber eine weite Fahrt bis hierher. Ans Gelbe Meer wollt ihr?“, hilfesuchend blickt die ältere Dame ihren Gemahl an. „Das ist noch ein wenig Weg zu Fuß. Die beiden können doch erstmal … hier bei uns noch … eine Weile ausruhen oder was meinst du, Hua?“ Der Kopf des Alten wackelt freudig auf und ab. „Aber natürlich, natürlich! Meine Söhne rücken zusammen und dann habt ihr ein Zimmer ganz für euch allein!“
Das Angebot ist wirklich … sehr verlockend, gerade auch wenn Miyu die Kräfte ihrer Tochter bedenkt. Es wäre schön, nach den letzten Tagen mal wieder in weich gepolsterten Betten zu schlafen und ein wenig zu verweilen … Das Haus ist angenehm, Hua und Li warm- wie großherzige Gastgeber, die … Söhne … nicht … unfreundlich. Doch Miyu entscheidet nach dem offenkundigen ‚Heiratsaufgebot‘ lieber anders …
„Ich denke, wir müssen leider weiter. Der Tee war wirklich … vorzüglich … Wir möchten eure Gastfreundschaft nicht über Gebühr beanspruchen.“, bedankt sich Miyu höflich. „Aber …“, fällt ihr Yuna überrascht ins Wort, sieht den warnenden Blick ihrer Mutter und verstummt, ohne zu verstehen, warum das Signal zur Vorsicht gerade hier ergeht. Enttäuscht schaut sie auf die Panda Bärchen runter, krault ihnen die kleinen Öhrchen.
„Nicht mal ein paar Tage wenigstens Mum?“, maunzt Yuna dann doch ein bisschen rum. Die Füße tun ihr von den langen Märschen zuletzt schon noch ein bisschen weh.
„Ihr bekommt das größte Zimmer mit dem schönsten Ausblick auf die Bambusberge und die Pandas schlafen da auch mit drin!“, springt Ming, der Jüngste, entgegenkommend auf und schnappt sich einfach Miyus und Yunas Gepäck. „Ich bringe eure Sachen schon mal hoch. Soll ich es dir zeigen, Yuna!“, bietet er gleich an. „Oh ja, Mum, bitte!“ Yunas Flehen mit diesem kleinen Plüschball auf dem Arm bringt Miyu wahrlich in eine Zwickmühle. Sie will diese überaus freundlichen Gastgeber auch nicht einfach vor den Kopf stoßen. „Ok, eine Nacht können wir bleiben! Aber Li und Hua, wirklich - wir … müssen morgen weiter.“, gibt Miyu bedauernd zu bedenken. In gewisser Weise ist sie wirklich untröstlich. Hier schwingen nur Hoffnungen im Raum, keine bösen Absichten, will es ihr scheinen.
Vermutlich gibt es … Frauenengpass in der Gegend und die beiden Alten hoffen für ihre Söhne auf jedes weibliche Wesen, das des Weges daherkommt. Miyu hatte davon schon gehört, dass ganze Dörfer in diesem Land eklatant betroffen seien. Indien sei noch stärker belastet ... Selbst in Osteuropa hat es scheinbar schon in einigen Ländern Einzug gehalten, wie einige auffällig verschobene Geburtenraten vermuten lassen: Pränatale Geschlechterselektion zugunsten erwünschter Stammhalter. Die Geburt eines Mädchens wird oft als Belastung angesehen … Und keine*r hat mal nachgerechnet, wohin das führt.
Li und Hua senken etwas betrübt das Haupt. „Natürlich, wenn ihr weiter müsst …“ zwei weitere Köpfe sinken frustriert herunter, nur der mittlere Sohn Liu seufzt erleichtert auf … Miyu empfindet Mitleid, trotzdem das Ungleichgewicht wohl aktiv herbeigeführt wurde … aus falsch verstandener Tradition oder Zwängen des Umfeldes. Yuna hingegen folgt Ming gespannt in den nächsten Stock … Den kleinen Panda schleppt sie gleich mit hoch.
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„Die Aussicht ist ja wundervoll!“ Begeistert dreht sich Yuna zu Ming um. „Danke! Das ist echt nett von euch, für uns zusammenzurücken.“ Der kleine von ihr durchgekraulte Panda möchte nun endlich mal wieder festen Boden unter den Füßen und zappelt etwas rum. Er hat auch ein Spielzeug in der Ecke des Raumes entdeckt, dass er erkunden möchte. Lächelnd lässt Yuna das kleine Fellknäul runter. Irgendwie fühlt sie sich gerade ganz wohl hier.
„Vielleicht, können wir deine Ma ja doch noch etwas zum längeren Bleiben überreden, wenn sie erstmal auch einen Blick aus dem Fenster geworfen hat.“, grinst Ming Yuna verschmitzt an. Er ist weniger scheu als seine älteren Brüder. „Au ja, das versuchen wir!“, steigt Yuna gleich angetan auf den Vorschlag des jungen Mannes ein.
„Ich könnte dir sogar noch kleine rote Pandas zeigen, die im Bambuswald umherstreifen, Yuna. Ich kenne alle ihre Verstecke … Wir müssen ganz vorsichtig sein, um sie nicht zu erschrecken.“ Der junge Mann gefällt Yuna. Prima Kumpel ‚zum Pferde stehlen‘. Sehr nett … Ein bisschen abenteuerlustig wie Khulan …
Miyu tritt in Begleitung Lis ein. Die ältere Dame bemüht sich gerade sehr, ungezwungene Gastfreundschaft zu vermitteln. Zu unangenehm ist ihr nun die zu offenkundige ‚Brautschau‘ ihrer ersten höflichen Geste geworden. „Natürlich Miyu, könnt ihr länger verweilen und bitte mache dir keine Gedanken über irgendwelche … Erwartungen. Deine Tochter wirkt … etwas erschöpft und du auch. Ihr braucht Ruhe.“ Lis Stimme ist nur für Miyus Ohr hörbar gesenkt. Dankbar lächelt Miyu die ältere Dame an. Sie verstehen einander. Mutter und Tochter haben hier nichts zu befürchten.
„Ja, so zwei Tage ist wohl in Ordnung.“, äußert Miyu für alle laut vernehmlich und Yuna fliegt ihrer Mum in die Arme, herzt und küsst sie auf die Wange. „Bist die Beste, Mum. Schau doch nur mal. Ist der Ausblick nicht fantastisch …?“ Li beobachtet wehmütig die Szenerie und trauert um ihre drei nie ausgetragenen Töchter. Hua ist ein lieber Mann, aber Töchter versorgen nun mal nicht die eigenen alten Eltern, nur die des Mannes. Jede*r versucht die Töchter der anderen in das eigene Haus zu bekommen, will sie aber nicht selber aufziehen … Jetzt … gibt es kaum mehr welche in unserer Gegend.
Ming ist auch ganz begeistert. „Sollen wir gleichmal draußen suchen gehen, Yuna … Ist noch die beste Tageszeit für die kleinen roten jetzt.“ Den strengen Blick der Mutter übersieht er angelegentlich ein bisschen. Fröhlich schwätzend eilen die beiden jungen Leute hinaus.
„Du bist gesegnet, Miyu!“ Lis leicht melancholischer Blick folgt Yuna einen Moment. „Muss ich mir Gedanken machen, Li?“ Die ältere dreht sich wieder um. „Nein, nein. Sie sind anständig erzogen. Hua ist ihnen ein vorbildlicher und liebevoller Vater. Wirklich, Miyu!“ Einen Moment blicken beide Frauen schweigend zum Fenster auf die wirklich prachtvolle Landschaft hinaus, die sich da vor ihren Augen ausbreitet.
„Es war … lange … nur ein Kind erlaubt.“, setzt Li an, die glaubt, irgendwie eine Erklärung schuldig zu sein. „Zwei … haben sie uns dann zugestanden, weil hier draußen kaum jemand von der Altersvorsorge leben kann und Söhne die Existenz sichern.“ Eigentlich … hätte eines … ein Mädchen sein müssen. Und eigentlich … ist vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung gar nicht erlaubt. Aber die Realität sieht anders aus.„Heute dürfen alle zwei Kinder haben!“
Miyu legt der Älteren einen Arm um die Schulter, drückt sie ein wenig. Ja, sie versteht schon … Nicht nur Traditionen, sondern auch das ökonomische Interesse an Reproduktion und Fruchtbarkeit rückt bei staatlicher Bevölkerungsplanung Frauen in den Mittelpunkt des Interesses und bestimmt den Diskurs um das Recht am eigenen Körper. Die einen dürfen nicht, die anderen müssen … abbrechen! Wie oft Li das musste, bis es Jungen wurden … möchte sich Miyu gerade nicht ausmalen ...
„Für Ming mussten wir dann wirklich Strafe zahlen!“ Er war nicht geplant, aber ein weiterer Abbruch gesundheitlich für Lis überforderten Körper auch nicht mehr möglich. Hua hatte so gefleht, keinen weiteren Eingriff vorzunehmen - aus Angst, seine Frau zu verlieren.
Der ältere Herr tritt von hinten leise an die beiden Frauen heran, stellt sich auf Lis andere Seite. Miyu zieht ihren Arm zurück bei seinem liebevollen wie demütigen Blick. Sanft greift er nach der Hand seiner Gemahlin: „Ich hätte stärker und mutiger für uns beide sein sollen!“ Zärtlich drückt Li seine Hand, die ihn liebevoll anlächelt. Hua ist ein guter Mann. Die Umstände sind es nicht. Und ich war ihm eine gute Frau, die immer an seiner Seite bleibt - bis dass der Tod uns scheidet. Li hatte nie anderes in Betracht gezogen. Sie hat es nie anders kennengelernt … wie Hua.
Der Blick des älteren Herrn wandert zu Miyu, einen kurzen Moment schauen sie sich freundlich an. Der Ausdruck seiner gütigen Augen versichert ihr, dass sie nichts zu befürchten hat. „Liu kann euch die nächsten Tage mit seinem Laster mitnehmen, Miyu. Er bereist öfter die großen Städte an der Küste.“ Hua weiß schon lange, dass sein mittlerer Sohn sich auf diesen Fahrten nicht … nach Frauen umschaut. Und er begreift, dass er diese nette Frau und ihre Tochter nicht einfach als potenzielle Heiratskandidatinnen für seine ledigen Söhne betrachten kann. Vielleicht findet noch der Jüngste wenigstens eines Tages sein Glück …
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Yuna ist ganz verzückt. „Der rote Panda hat ja zwei, drei, nein … vier Junge. Oh Gott wie süß.“ Ming steht dicht neben ihr, deutet immer wieder in verschiedene Richtungen, wo es etwas zu sehen gibt. „Wieviel möchtest du mal, Yuna!“, hört sie dich an ihrem Ohr. „Wie?“, dreht sie sich irritiert um und schreckt leicht zurück, so nah ist sein Gesicht. Plötzlich ist es Yuna etwas unbehaglich zumute und sie sucht etwas Abstand. Ming zieht sich auch höflich zurück.
„Ich bin … erst sechzehn!“, stellt Yuna nervös schnell mal klar. „Na, nicht doch jetzt schon!“, gibt Ming etwas entschuldigend von sich. Na, niemals!, denkt Yuna … für den Moment. Eben war doch noch alles so locker flockig fröhlich … „Du bist süß, Yuna!“ Nein, ich bin verlegen! „Natürlich jetzt noch zu jung …!“ Dafür ist man nie zu alt, zu jung zu sein … ewiglich. Oh Gott, hör bitte auf zu quatschen. Was hab‘ ich denn bloß falsch gemacht? Yuna fällt wieder der warnende Blick ihrer Mum ein.
„Hab‘ ich … dir … irgendwas … signalisiert? Dann … dann … tut mir das leid, weil …“ Yuna weiß gerade nicht weiter. „Hast du nicht. Nein! Mir sollte es leidtun, Yuna. Ich … hab dich einfach überfallen … damit! Nur, ihr seid … vielleicht nicht mehr so lange hier! Und mir bleibt nicht viel Zeit!“ Ein bisschen blöd kommt sich der wesentlich ältere Ming schon vor. Sie ist wirklich recht jung und eigentlich …
„Zeit wofür?“, entfährt Yuna etwas unwillig. Hat der Not oder was? „Eine Braut zu finden!“ Yuna bleibt der Mund offenstehen. „Ich bin schon Vierundzwanzig!“ Klingt als müsste Yuna jetzt irgendwas begreifen, tut sie aber nicht außer ‚nein, nein, nein. Ich will nicht!‘ „Ich … bin … immer noch … sechzehn!“ Hilfesuchend schaut Yuna sich um. Das Fenster, an dem Mum stehen könnte, ist zu weit entfernt.
Ming senkt den Kopf, packt sich ins Genick, schüttelt leicht den Kopf über sich selbst. Genau! Was mache ich hier gerade! Er hebt wieder leicht das Gesicht. „Entschuldige … es war nicht ok! Du … bist nicht von hier! Keine Sorge! Ich … Vergiss es bitte, ja?!“ Etwas Verzeihung heischend, schaut Ming sie reumütig an. „So … schlimm hier?“, Yuna wundert sich sehr. Ming kommt ihr eigentlich sonst recht freundlich vor, irgendwie bedauert sie ihn fast ein wenig. Müssen ja doofe Zwänge hier sein. Wo gibt es eigentlich mal keine? „Erklär’s mir!“ Wie Yuna halt so ist, wenn sie helfen kann … Aber nicht mit Heirat oder so etwas.
Ming umreißt Yuna kurz das Problem des Frauenmangels während sie weiter durch den Bambuswald schlendern. Sie hat keine Sorge mehr vor ihm, weil der junge Mann keine weiteren Avancen unternimmt und eigentlich so nett wie vorher ist. Nur die Gegebenheiten sind es für Yuna nicht… Viel weniger Mädchen? Dies wird eindeutig nicht mein Land! Ming - wieder ganz Kumpel - macht noch auf weitere rote Pandas aufmerksam und Yuna hatte einen interessanten wie Nachdenkens werten Nachmittag.
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„Es war wirklich eine nette Familie, Mum. Sie tun mir irgendwie leid!“ Ein paar Tage später sitzen Miyu und Yuna auf einer koreanischen Handelsdschunke. Liu entpuppte sich auf der Herfahrt als äußerts geselliger Unterhalter, der seine Späße darüber machte, dass sie alle drei der Hochzeitsfalle entkommen seien. Er hatte schnell gemerkt, dass er vor Miyu und Yuna seine Vorliebe für seine Geschlechtsgenossen nicht verstecken muss.
Miyu dreht sich um, als sie vom Kapitän gerufen wird. Ein weiterer Händler an Board braucht ihren Dolmetscherdienst. Der Schiffsführer zweigt sich was für die Vermittlung ab, aber für Miyu und Yuna bleibt trotzdem noch einiges übrig.
„Sie wollen weiter nach Japan? Ja, können Sie dann noch einen Auftrag annehmen?“ Geschwind setzt der chinesische Händler Miyu nach einer Verhandlung mit einigen japanischen Handelsreisenden noch die anderweitige Aufgabe auseinander, ein Paket zu einem Vertragspartner an der Westküste Koreas zu liefern. „Das müsste doch auf Ihrem Weg liegen. Ich übernehme dann sogar Ihre Busreise!“ Kommt den Händler bei den Spottpreisen günstiger als eine Sonderbeförderung über Paketdienst oder selber zu fahren und spart ihn Zeit. Zeit ist Geld …! Für Yuna muss Miyu natürlich selber zahlen, aber das deckt das Einkommen, was sie gerade erwirtschaftet hat, auch ab und reicht noch für Verpflegung unterwegs.
Miyu erscheint dem Händler recht kompetent und vertrauenswürdig. „Ich werde Sie gerne weiterempfehlen, wenn die Ware gut angekommen ist - ohne Schäden und vollständig.“ Selber nur Zwischenlieferant, weiß Miyus Auftraggeber gar nicht mal, was eigentlich transportiert wird. Solange das Geld stimmt … ihm auch egal. „Kommt aus ‘ner fernen Gegend, Forbidden Hollow oder so!“, erklärt der Händler Miyu gewichtig, damit sie sich der Bedeutung des Auftrages und seiner Gunst, ihr diese zu übertragen, auch ganz bewusst wird.
Irgendwie ist uns das Glück doch gerade hold, je näher wir an Japan heranrücken! Miyu hält es für ein gutes Omen. Sie können sich leichter vorwärtsbewegen, werden nicht ständig bedrängt oder müssen mit viel Kraftaufwand ihre nächste Nahrungsquelle auftun. Und es klappt mit Jobs unterwegs, so wie sie es sich von Anfang an erhofft hatte. Sie haben sich mit Lis und Huas Hilfe unauffälliger für die Umgebung eingekleidet. So hofft Miyu, im Fluss mit den Händler*innen im Hafen ohne Ausweise unbemerkt durch die nächste Passkontrolle in Südkorea zu flutschen.
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Fuhhh, das war eindeutig eine spottbillige Busreise … Miyus und Yunas durchgerüttelte Knochen und Gelenke machen sich schmerzhaft bemerkbar. Von der Ost- zur Westküste waren es nur knapp dreihundert Kilometer, aber die … hatten es in sich. Mutter und Tochter dehnen sich ausgiebig, währen ihr weniges Gepäck entladen wird und schreiten dann auf das recht traditionelle Gebäude zu.
„Nun denn, dann klopfen wir doch mal an!“ Miyu und Yuna warten eine Weile in der schon heraufziehenden Dunkelheit, bis sich ein Geräusch hinter der Tür vernehmen lässt. Sie sollten erst abends ausliefern hieß es, weswegen sie den Vormittag nach der Ausschiffung noch in der östlichen Hafenstadt verbrachten und sich einen ausgedehnten Brunch aus der heimischen Küche leisteten.
„Guten Abend!“ Eine angenehme Stimme begrüßt sie. Ein landestypisch gekleideter Junge mit angenehmen Manieren in Yunas Alter öffnet ihnen. „Tretet ein – auf einen Tee! Hattet ihr … eine angenehme Reise?“ Dankend nimmt Miyu die Einladung zu einer Erfrischung an. Der jugendliche Kunde nimmt sich sofort des Paketes an und bedeutet ihnen freundlich, vor ihm den Gang entlang zu gehen. „Vorne rechts!“ Die Tonlage fast ein Schnurren …
Ein elegant gewandetes Paar ebenfalls in lokaler Tracht, begrüßt sie herzlich. „Oh wie wunderbar, unsere Postbotin mit dem ersehnten Paket. Nehmt doch bitte Platz!“, werden sie gleich eingeladen und sogleich der in diesem Teil der Welt unverzichtbare Tee gereicht. Das Paket wird nicht vor ihren Augen geöffnet, aber eilig in einem kleinen Nebenraum auf seinen Inhalt hin untersucht. Zufrieden kehrt der offenkundige Herr des Hauses zurück. „Wunderbar. Alles unbeschädigt und heil angekommen. Wir danken sehr! Wie war die Reise?“
Miyu ist erfrischt von dem vorzüglichen Tee, aber sie müssen noch eine günstige Pension für die Nacht finden und es ist schon spät … Längerer Smalltalk ist jetzt gerade nicht ihr Ding. „Entschuldigung, wir müssen weiter. Wir suchen noch eine Bleibe …“
„Dann bleibt doch hier!“, lächelt der Gastgeber nonchalant, begleitet von freundlichst zustimmenden Minen seiner Gattin und des Sohnes. „Dies ist ein Handelskontor. Hier übernachten viele Handelsreisende! Für d i e Lieferung ist das gratis mit drin!“
Huy! Miyu jubelt innerlich und ist echt überzeugt, den Jackpot gerade geknackt zu haben. Unsere Reise läuft ja mittlerweile wie am Schnürchen. Genug für die Fährfahrt haben wir Morgen auf jeden Fall beisammen. Japan, wir kommen! Nur noch ein Tag, dann sind wir im Land unserer Ahnen bei der kleinen Winterski-Hütte! Alles wird gut! Und so bleiben sie zum Essen und Rasten …
„Köstlich, vorzüglich!“, lobt Miyu eine Stunde später das hausgemachte Mahl. Weitaus würziger als die Speisen am Vormittag … Auch Yuna hat noch Nachschlag genommen, unterhält sich angeregt mit dem Jungen ihr schräg gegenüber. Es tut Miyu so gut zu sehen, dass Yuna ab und an nochmal am Wegesrand etwas gleichaltrige Geselligkeit erfährt. Wie einsam wird das nur in der Winterhütte für Yuna werden? Ein bisschen traurig macht Miyu der Gedanke an die Zukunft ihrer Tochter, die gar keine richtige mehr ist. Wir werden noch einen Tattoo Meister für den Tiger und den Drachen, die sie sich wünscht, aufsuchen und uns dann aus der Welt zurückziehen. Hauptsächlich Jack wird von Zeit zu Zeit noch nach uns schauen … Bis dass der Tod uns scheidet, meine Tochter.
Dass Yuna auch ihren Lebensabend eines Tages allein durchstehen muss – auch ohne sie, dauert Miyu jetzt schon. Wenn ich könnte, würde ich ewig für dich weiterleben, mein Kind … Plötzlich wird sie gewahr, dass der Herr des Hauses ebenso wie seine Frau und auch der Sohn sie eindringlich mustern … Habe ich gerade ganz in Gedanken eine Frage verpasst?Wird irgendeine Antwort erwartet? Ich hatte nichts gehört …
Ein bisschen merkwürdig ist es, dass Miyu und Yuna vor Augen der Hausbewohner*innen allein speisen. Man habe vorher schon gegessen, hieß es … Man nehme später vielleicht noch … ein kleines Nachtmahl …, wenn die Gäste schon … schlafen!
‚Schlaf, der kleine Bruder des Todes …‘ schleicht sich Miyu unbewusst ein geflügelter Satz in den Sinn …
„Wie soll ich denn Trucks und Mustangs auf mein Schiff verladen? Habt ihr’n Rad ab?“ Die Kapitänin des Mississippi-Raddampfers ist recht fassungslos. „Wir wollen doch nur ein kleines Stück den Fluss runter und dann westlich in die südliche Prärie zurück!“, vermittelt Achak immer wieder beschwichtigend. Ein bisschen könnten sie die Pferde dabei schonen …
„Und wir bieten hervorragende Unterhaltungsshow während der Reise!“, lächelt Malecantus die etwas aufgebrachte Dame mit irisierenden Augen nonchalant an. „Als Bezahlung der Passage!“, schickt Merlin noch schnell hinterher, immer die Einkommensseite ihrer kleinen Unternehmungen im Blick.
Moema beobachtet das Schauspiel belustigt. Seitdem Gregorius nicht mehr ganz so in Panik wegen möglicher okkulter Verfolgungen gerät und Achak sowie schon auf ‚geheimnisvolle Art und Weise‘ – oder eigentlich mehr aus kurzsichtiger Unbedachtheit heraus – Wind von der Sache bekommen hat, dass Melin und Malecantus Magier sind, hat man auch die Seniorin und Farsane irgendwann einfach zum Kreis der Eingeweihten gerechnet.
Der Seniorin war irgendwann aufgefallen, wann der erfahrenere Magier des Duos sein magisches Augenspiel einsetzt. Nun hat er die Kapitänin kurzerhand ‚überzeugt‘, dass sie genau das will – Trucks und Pferde verladen. Merlin und Achak packen auch gleich tatkräftig mit an …
„Also, eine grandiose Show versprecht ihr mir - auf meinem Boot? So etwas gab’s ja noch nie! Und ihr seid schon vor der ehrenwerten Frau Bürgermeisterin Erdnuss aufgetreten …? “ Frau Kapitänin ist ganz beglückt. Welch Renommee für ihren Dampfer.
„Die besten Kabinen für meine Gäste!“, weist sie eilig den nächsten Steward an und schon sind alle Sorgen wegen möglicher Überladung vergessen … Merlin bemüht sich beim Verladen um erste magische ‚Anwender*innen Kenntnisse‘ in Sachen Fliegengewicht. Super Sache eigentlich, wenn wir mal einen … Flieger nehmen sollten!
Insgesamt hat sich Merlin in letzter Zeit schon einiges an Sprüchen draufgeschafft, nicht zuletzt auch den ganz praktischen ‚Blitzblank‘! Aber er fragt sich zuweilen, warum Gregorius ihn so selten nutzt. Würde sich Merlin nicht immer ausreichend kümmern, würden sie schon bald in Staub ersticken. Es geht um gleichberechtigte magische Entladung, warum soll nur ich meine Energie verschwenden? Die brauche ich zum Üben und Lernen. Wird Zeit, dass wir mal was klären … Im Kloster musste jeder Junge mit anpacken. Naja, gab auch keine Mädchen … Nur Nonnen! Die haben uns aber auch nichts erlassen, … rein gar nichts! Hätte ich da schon ‚Blitzblank gekannt … hätte ich mehr Zeit zum Spielen gehabt!
Aber nun ja. So ist Merlin wenigstens auch besten gerüstet, selber einen Haushalt zu führen. Nur Gregorius trotz so langer Lebensspanne noch nicht … Wird langsam mal Zeit - nach 850 Jahren, oder!?
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Gregorius sonnt sich nach so langer Zeit mal im Bad der Menge, anstatt sich am liebsten schnell nach einer Show zu verziehen. Schon fast bedenkenlos nutzt er nun vermehrt echte Magie, ohne sie aber für das nicht okkulte Publikum erkennen zu lassen. So weit geht er dann doch nicht. Aber die Aussichten, seitdem er sich vom Hinterhältigen Scharlatan alles nochmal genaustens schildern ließ, beglücken ihn unendlich. Wiedersehen mit dem Magischen Reich ohne Angst und Paranoia vor Verfolgung oder Verbannung.
Überschwänglich verbeugt und bedankt sich Malecantus beim Publikum für den tosenden Beifall, den die überaus begeisterte Kapitänin noch anheizt. Ha ha, das hebt die Spiellaune auch an den Spieltischen. „Applaus! Applaus!“, schreit sie am lautesten und winkt eilfertig die Kellner*innen herbei.
Die Passagier*innen zeigen gesteigerten Durst nach so viel ‚Ahhhh‘ und ‚Ohhhh‘ und kreischendem Gelächter bei den ganzen Feuerspielen oder wenn die illusorischen Raubkätzchen einen anzuspringen drohen und dann doch vorher abbiegen oder zu rosa Häschen werden ...
(eine äußerst wagemutige Truppe. Alles griff zum Löschgerät ?? …)
Wo die Unterhaltungskünstler allerdings diese Raubtiere auf ihrem Boot versteckt halten, ist der Kapitänin noch schleierhaft. Rätselhafter Weise drängt sie nichts dazu, weiter nachzufragen, was so auf ihrem Raddampfer passiert.
Auch Merlin bemerkt frohgemut wie die ständigen Sorgen vor Entdeckung mehr und mehr von seinem Geliebten abzufallen scheinen. Die Reise nach Amerika ist ja die reinste Wunderkur für Gregorius. Gut, dass wir Bürgermeisterin Erdnuss und ihren Scharlatan kennenlernten … Na, so ewig auf Flucht hatte er wohl auch nie groß Zeit, zu putzen oder Ordnung zu schaffen … Wird sich alles ändern … Merlin ist ganz zuversichtlich! Noch!
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„Können wir eigentlich … mal zuschauen … also … so hinter den Kulissen?“, wagt sich Moema gewitzt im Flüsterton zu Malecantus vorbeugend nach Ende der Show an ein heikles Thema heran. Da spitzt Tanuí aber die Ohren. Werden die beiden mich jemals in ihre magischen Fähigkeiten einweihen?
Sie sitzen alle zu einem späten Nachtmahl in einem Separee beisammen. Farsane versucht noch immer, ihre letzten Erfahrungen mit dem Präriegeist und diesen beiden Magier in Einklang mit ihren orientalischem Flaschengeisterwissen zu bringen. Moema rätselt, ob der große Geist Manitous hinter allem stecken möge oder die weise Spinnenfrau Kokyang Wuuti. Achak fragt sich …, ob die beiden Magier überhaupt solch einen Einblick zulassen. Scheinbar hat nicht mal Tanuí Zugang zu ihren Lehrstunden und der Typ begleitet Merlin und Malecantus ja die ganze Zeit.
Und scheinbar kann Gregorius auch Gedankenlesen oder er hat Achaks Mine einfach nur gerade gut studiert, denn er antwortet tatsächlich auf Achaks Gedankengänge. „Würdest du denn deine Forschungserkenntnisse und Entdeckungen einfach jedem so publik machen, Achak?“ Etwas verdutzt blickt der junge Anthropologe auf. „Ja, also, ich publiziere schon. Davon finanziert man sich ja letztendlich auch. Aber klar, man bewahrt auch seine Entdeckungen und Erkenntnisse vor anderen, wägt sorgsam ab …“
„Na seht ihr!“, grinst Malecantus daraufhin in die Runde. „So mache ich es doch aus. Ich publiziere … mittels Show – zur Deckung der Alltagskosten! Der Rest bleibt mein Geheimnis hinter verschlossenen Türen.“ Und damit, findet er, ist alles erklärt.
Tanuí wie Moema sacken etwas enttäuscht wieder auf ihren Stühlen zusammen. Achak kann seine Haltung schon verstehen.
Farsane hingegen schaut Gregorius und Merlin mit großen Augen fragend an: „Seid ihr eigentlich … sowas wie … Dschinns?“ Das entlockt Malecantus ein wieherndes Lachen: „Also, i c h hänge an keiner Flasche!“ Bei der Wortspielerei fällt ihm Lotta wieder ein, die mal an einer für einige Zeit hing … und eine nach ihm warf, nachdem sie … die Sache mit dem Fluch erfuhr. Sie traf ihn sogar. Hatte sie mich mit der Roten erwischt … oder war es die Grüne? Mhmmm. Ein Blick zu Merlins etwas ernster gewordenen Miene zeigt dem Magier, dass dem Partner selbiges durch den Kopf ging.
„Nun ja … bin nur ein einfacher Magier!“, verbeugt sich Gregorius leicht in Farsanes Richtung. „Du bist also aus Persien? Schon mal leibhaftig einem Flaschengeist begegnet?“ Nun bin ich seit 850 Jahren auf der Welt und habe trotzdem noch längst nicht alles gesehen. „Ich war nur kurz mal im Orient zum Studium des Laufs der Gestirne bei einem der großen Weisen gewesen, bin aber keinem begegnet.“ War wohl so um 1480 und das Morgenland wissenschaftlich viel weiter in Astronomie und Astrologie vorangeschritten als das Abendland und … weitaus aufgeschlossener zu jener Zeit als die Christenheit. Wie sich die Welt umkehren kann …
Hach ja, schön wars damals! Noch mit keinem überworfen und von keinem verfolgt. Malecantus Blütezeit. Seit dem Barock … gings dann steil bergab … Hätte ich mich nur nie … mit Vampiren eingelassen … Hinterhältiges Volk!
„Nein gesehen … habe ich noch keinen Dschinn!“, gesteht Farsane kleinlaut. „Aber, es wurde immer viel gemunkelt!“
Mhmmm, Halbwissen! Nur Hören-Sagen. Kann Gregorius jetzt nicht so viel mit anfangen! Ansonsten wäre er jetzt interessierter gewesen. Jede Form von Magie und Zauberkunst weckt seine Neugier. Man lernt schließlich nie aus! Auch nach fast einem Jahrtausend nicht. Und es gibt immer wieder Neues wie diese Online-Zauberei. Muss mir bei Gelegenheit mal den Umgang mit Internet und Mobilphonen vertiefter von Merlin erklären lassen …
Da wäre da ja auch noch der Anruf von Elani und Asante … Waren alle erleichtert nach dem Anruf aus Indien, dass Asante und Elani wieder aufgetaucht waren. Nur … als Flaschengeister? Damit konnte ja nun wirklich niemand rechnen. Das Spionelfchen war leicht … zerknirscht gewesen, dass der blauhäutige Gastgeber sich als verruchter Flaschengeistfänger entpuppt hatte!
Malecantus wird sich ernsthaft was für Elani und ihre Familie einfallen lassen müssen … Absolutes Neuland für ihn! Sowohl der Online-Unterricht wie auch diese … diese … Flaschenhaftung!
„So, Zeit für etwas praktischen Unterricht!“, hebt Malecantus gewissermaßen die Tafel mit leicht neckischem Blick zu Merlin auf. Achak fasst das seinerseits als Startsignal für etwas Rückzug mit Farsane auf. Moema und Tanuí schauen sich etwas übriggelassen an. „Pokern wir noch ’ne Runde, junger Mann?“ Das entlockt dem Angesprochenen ein Schmunzeln. „Diesmal zieh‘ ich dich aber über den Tisch, Moema!“, Tanuí mag die agile Seniorin. Sie erinnert ihn in ihrer gewitzt burschikosen Art ein wenig … an seinen Vater, den er sehr vermisst. Und an dem er … sich sehr schuldig fühlt.
Moema scheint etwas zu spüren von dieser Last und Schuld, die Tanuí umwebt. Sie nimmt sich seiner auf der gemeinsamen Reise vermehrt an. Ihr Enkel Achak ist jetzt eh etwas anderweitiger beschäftigt in letzter Zeit, was auch gut ist …
Ein wenig interessiert die rüstige Dame auch des Inseljungen Herkunft. Sind nicht seine Landsleute … unsere Vorfahren? Waren sie nicht über das große Meer segelnd an unseren Gestaden gelandet und hatten ganz Amerika von den Westküsten her besiedelt? Und da will er jetzt wieder hin zurück. In den weiten Pazifik hinaus? Soweit hatte Moema schon die Geschichte der drei Herren erfasst. „Du kannst in den Sternen lesen?“, hatte die Seniorin Tanuí vor kurzem gefragt. „Dann wird dir das weite Himmelszeit der Prärie über den wogenden Gräsern gefallen.“ Und Tanuí hatte vom Meer geträumt … und früheren Zeiten, als alles noch so leicht und fröhlich erschien.
Über die verschiedenen Besiedlungstheorien dieses großen Kontinents hörte Tanuí von Achak zum ersten Mal und war fast ein wenig stolz darauf, dass möglicherweise sein Volk mit einfachsten Mitteln solches vor Jahrzehntausenden vermochte … Auch sie selbst waren ja einst von weiter westlich gekommen und hatten die Inselwelt bevölkert. Tanuí erinnerte sich an die alten Legenden über die Ankunft der ersten Siedler*innen und die Sagen von denen, die weiterzogen. Eine Sehnsucht zog sein Herz schmerzlich zusammen. Vielleicht lag darin ja sein ganzes Vergehen begründet - dem Wunsch, über den Horizont hinauszublicken, weiterzuwandern … zu sehen, wo Lotta hergekommen war und all … die anderen, die immer wieder mal am Strand auftauchten.
Na, aber erst einmal … eine Runde mit Moema pokern. Wer wird wen über den Tisch ziehen … oder unter durch?
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„Siehst du den sternenklaren Himmel über uns, Merlin?“, sinnend hebt Malecantus sein Antlitz gen Firmament. „Wunderschön!“ Merlin tritt heran, legt seinem Geliebten von hinten beide Arme um die Mitte und drückt ihn fest an sich. „Es ist nichts! Nichts im Vergleich zum überirdischen Licht des Magischen Reiches!“, wispert Gregorius und kann doch den Blick nicht abwenden. „Wie die Inseln Elysions … der Welt entrückt …“, schwärmt er weiter und schmiegt sich dabei enger an seinen Partner. „Ich kann dieses Licht nicht beschreiben. Man muss es gesehen haben und wird ewiglich verzaubert sein.“
„Wann?“, verlangt Merlin zu wissen. „Wann werden wir dorthin reisen?“ Er fiebert diesem Moment sehnlichst entgegen. Niemals war er laut den Aufzeichnungen in dem im Kloster gut verwahrten Buch in einer seiner früheren kurzen Leben im Magischen Reich gewesen. Soll es mir diesmal gelingen. Wird diesmal … alles anders sein und … ich länger leben als je zuvor? Vielleicht hatte er es aber auch nur nicht aufgeschrieben … so wie auch jeglicher Hinweis auf mögliche frühere Begleiter*innen fehlt oder was seine früheren Leben … so zeitig beendete.
„Bald! Erst noch ein bisschen üben und lernen, lieber Merlin. Ich will doch einen halbwegs ausgebildeten Eleven vorstellen und keinen unzureichend versierten Zauberlehrling, so wie in diesem … diesem Zeichentrickfilm. Obwohl … du schwingst den Besen recht gut, mein Lieber!“, dreht Malecantus sich nun lachend um und versetzt Merlin einen herzhaften Kuss.
Leicht empört kontert Merlin sogleich: „Über das Besenschwingen und Staubwischen reden wir nochmal. Ich bin nicht … deine Hausfrau! Du verhältst dich manchmal wie ein Pascha. Ich koche, putze, wasche die Wäsche …“
„Ja, weil du das alles viel besser kannst als ich, mein Schatz!“ Merlin erhält noch einen zarten Kuss, der zwar einen Moment ablenkt, aber … nicht lang genug. „Papperlappap, plappere nicht so blödes Zeug, Gregorius. Mit so einem Mist fängst du mich nicht.“
„Nicht?! Oh wie enttäuschend!“, gibt Malecantus sich tiefbetrübt. „Aber, dafür kann ich stricken! Das ist doch auch etwas!“ Und schon ist der Blick wieder leicht schelmisch. Merlin bleibt hingegen ernst, verschränkt die Arme: „Ist ja schön, wenn ich jetzt mit ‚Blitzblank‘ weniger direkt Hand anlegen muss‘, aber es kostet dafür jetzt andere Energie. Meine magische Energie! Und wenn die nicht mehr reicht, muss ich wieder ganz praktisch und altbacken zum Staubwedel greifen.“
Puh, 850 Jahre und noch nie hat mich jemand derart … gefordert. Auch Neuland für Malecantus. „Ja, also, nun ja, wenn dich das soooo stört … kann ich natürlich auch mal … ab und wann …“
„Räum wenigstens mal hinter dir auf und lass nicht alles an Ort und Stelle fallen, Gregorius!“, zetert Merlin auf einmal ungehalten los. Oh man, jetzt komme ich mir wirklich vor wie … Aber es nervt einfach, wenn Gregorius sich auch noch darüber lustig macht.
„Soll ich dir … ein Paar Socken stricken?“ Die erstbeste Entschuldigung, die Gregorius gerade einfällt. Wieso ist er denn auf einmal so angepisst …? Wegen ein paar Staub Mäusen? Er hat noch keine Ahnung wie wichtig Spinnennetze sind! Nichts ist schädlicher als sterile Sauberkeit … Diese moderne Zeit und ihr Reinlichkeitsfimmel. Pah! Hatte uns das im Mittelalter gescherrt? Häh? Nö!
… … … Ach na ja, so riechen wie in der Zeit zuweilen will ich aber auch nicht mehr … Duftbadeöle und Bodylotion hat schon was für sich. Gregoris blickt auf seine fein manikürten Hände. Spülwasser wäre auch nicht gut … Macht die Haut so … spröde!
„Du hast mir noch nie was gestrickt! Ich hätte gern … einen Pullover. Ist ganz schön kalt zurzeit!“, wägt Merlin wieder etwas entspannter ab und begibt sich zum weiteren Zauber Training an den Kessel. Es musste zumindest mal raus! „Und mit der Hausarbeit wechseln wir uns trotzdem mehr ab, lieber Gregorius!“ Nach dieser Ansage auch kann Merlin direkt schon wieder schmunzeln.
Zu entscheidender Zeit zu schweigen und nur ein bisschen unbestimmt zu Nicken deucht Malecantus gerade am besten. Unrecht hat er ja nicht. *Knurr*
„Nun denn, weiter im Unterricht, Merlin. Heutige Lehreinheit: Magisches Duell!“ Dieses Thema hat Malecantus gerade eben erst ausgewählt ... zum Dampf ablassen!
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Farsane hatte ein paar Tage später beim Frühstück unbewusst dann doch noch einen entscheidenden Hinweis in der Flaschengeistersache geliefert. Katmandu …! Tja, so als Orientalin hat sie schon einiges an Mythen in der Region gehört. Zumindest ein Anhaltspunkt, den Merlin dann noch online weiter erforschen wollte … Auf jeden Fall wurden die Ogbandas schon über erste Anhaltspunkte informiert und ihnen empfohlen, sich alsbald reisefertig zu halten.
War ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, was ein Halbwüchsiger wie Keito dann daraus machte …
Zwei, drei Tage Abwesenheit hatte sich Malecantus von den anderen erbeten, nachdem sie den Raddampfer verlassen hatten und Merlin sodann gleich ‚mitgenommen‘!
„W-w-wie sind wir h-h-hierhergekommen?“ Erschrocken blickt sich der Zauberlehrling nach einem kurzen Lichtblitz um sich. Eben noch waren sie nur mal kurz hinter der Ecke eines hölzernen Schuppens am Dock aus der Sichtweite der anderen verschwunden und plötzlich … umgibt ihn … eine wunderschöne sternenklare Nacht. Staunend lässt Merlin seine Augen über diese leuchtende Pracht gleiten.
„Zuviel versprochen?“, raunt Malecantus seinem Schatz sanft ins Ohr. „Unbeschreiblich!“ Merlin ist einfach nur verzückt von diesem Ort. „Ist dies … das Magische Reich? Und … wir konnten … einfach so herkommen? Wie … machst du das, Gregorius!“ Verwundert betrachtet er den Freund und den Lehrmeister, versenkt sich in dieser funkelnden Iris. Strahlen seine Augen hier nicht sogar noch heller? Vielleicht auch … gepaart mit innerer Freude über die Wiederkehr? Noch immer ist Merlin nicht ganz offenbar, was Gregorius alles an Zauberkunststücken vermag.
„Das wirst du auch noch alles lernen, mein süßer wunderbarer Wanderfalke!“ Malecantus hofft inständig, dass ihnen die Zeit dazu bleibt. Bitte, lass ihn nicht vorzeitig gehen wie die letzten Male seiner kurzen Lebensspannen. Sanft senkt der erfahrene Magier seine Lippen auf die des jungen Geliebten, schlingt einen Arm um Merlins Hals. Ich möchte alle Zeitalter der Welt mir dir durchwandern …
(Ich stecke im Liebeswahn-Tag fest. Man beachte den Hintergrund im Magischen Reich ??)
Eine neue Angst kriecht in Gregorius hoch. Lass mich ihn nicht so frühzeitig verlieren. Vier Jahre sind viel zu kurz. Nie hatte Malecantus jemanden so geliebt wie gerade dieses Wesen in seinen Armen. Als hätte er es am ersten Tag ihrer Begegnung bereits gespürt, damals am Parkbrunnen. Es war wie eine magische Anziehungskraft gewesen, als sie sich da verspielt gegenseitig nass spritzten und Merlin sich recht schnell auf alle möglichen Abenteuer mit ihm einließ.
Jahrhunderte lang hatte Gregorius sich nur noch höchst unverbindlich gezeigt nach den schmählichen Erfahrungen mit einem jungen Vampir und der daraus erwachsenen Verbannung aus der eigenen Zunft wie auch nach diversen okkulten Verfolgungen. Nur mal rechts und links ein Blümlein hatte er noch bestäubt, selbst wenn es riskant war. Das hatte er sich dann doch nie nehmen lassen …
Und nun … hat Malecantus wohl alle und alles überlebt. Ein neuer Anfang, den er gerne mit seinem Partner begehen möchte. Langsam und behutsam wuchs über die Monate zwischen ihnen Freundschaft, Zuneigung … „Ich liebe dich, Merlin! … Mehr als mein Leben!“, entschlüpft es seinen bebenden Lippen. Malecantus würde sein eigenes ewiges hergeben, nur damit der Geliebte länger auf dieser Erde verweilen kann, als das Schicksal es möglicherweise gut mit ihm meint.
Sacht streicht Merlin eine Strähne aus Gregorius Stirn und besiegelt seine Erwiderung mit einem leidenschaftlichen Kuss, der dem Meistermagier Antwort genug ist.
Ein paar pikierte Passant*innen lässt beide lachend wie atemlos innehalten. „Wir liefern wohl überall eine gute Show ab, was Gregorius?“ Merlin ist sichtlich erheitert, was dem hoch romantischen Anflug von eben aber keinerlei Abbruch tut. „Na, dann stellen wir uns mal geziemend und hochanständig da drinnen vor!“, erwidert Malecantus schmunzelnd und zieht den Freund mit sich auf das große ehrwürdige Gebäude zu. Merlin lässt noch einmal die himmlische Facettenreiche Farbenpracht auf sich wirken, bevor sich eine weite Halle vor ihnen öffnet, in deren Mittelpunk sich eine ebensolch leuchtende übergroße Bodenzeichnung wiederholt wie die am Portal.
„Was bedeuten die … Zeichen?“ Merlin wagt nur im Flüsterton zu fragen, so erschlagend erhaben wirkt gerade alles auf ihn. „Das sind die Symbole für die drei Häuser: funktionale, schelmische und ungezähmte Magie!“, wird der Zauberlehrling von der Seite her belehrt. Ein grauhaariger Sim nähert sich Ihnen. „Neu hier? Zum ersten Mal im Magischen Reich?“
Bevor Merlin etwas erwidern kann, schaltet sich Malecantus bereits fein lächelnd ein: „Oh ja, und wir sind wirklich sehr überrascht und begeistert von allem um uns herum. Gregorius Malecantus und mein guter Freund Merlin!“ Eine kurze galante Verbeugung zur Vorstellung … Noch will Malecantus nicht offenbaren, dass er hier früher schon Jahrhunderte lang umherwanderte.
Merlin stutzt nur kurz über seinen Partner und … spielt mit. Wer weiß, welche Bewandtnis Greogorius Handeln hat. Ist es … doch nicht so sicher, hier zu sein? Leutselig lächelt er den Grauhaarigen an: „Magst du uns etwas herumführen und alles zeigen?“
Mit leicht gerunzelten Brauen erwidert der ältere Sim: „Sehr gerne! Simeon Silversweater ist mein Name …“ Der Satz bleibt irgendwie in der Luft hängen, während der Weise des Hauses insbesondere Malecantus mustert.
Leicht nervös wägt Gregorius ab, dass dies kein ganz unerfahrener Magier ist, der möglicherweise doch etwas vernahm oder irgendetwas … Sonderbares spürt. „Hast du … von mir gehört?“Besser direkt drauf zu, nützt ja alles nicht, sich hier ständig verstecken zu wollen … „Neeeeeinnn!“, erwidert Simeon gedehnt, scheinbar vorsichtig ergründend, was ihm da gerade begegnet. Zögerlich tastet sich der Weise weiter vor. „Aber … du hast eine ausgesprochen starke magische Aura, lieber Malecantus, wie sie mir noch nie begegnete.“ Dann scheint ihm eine Idee zu kommen. „Wie alt … bist du?“
Minuten lang starrt Gregorius Simeon nur an. Merlin ist ganz unbehaglich, weil er nicht versteht, was hier gerade abläuft, bis Malecantus sich endlich entscheidet, alle gewissermaßen zu erlösen: „850 Jahre durchstreife ich schon diese Welt! Im zwölften Jahrhundert Anno Domini wurde ich geboren!“ Die Luft ist fast zum Zerreißen angespannt …
„W-w-wie Wunderbar!“, kommentiert Simeon fast aus dem Häuschen Gregorius Einlassung in ein wenig … Wahrheit. „Kommt! Ich muss euch unbedingt den anderen Weisen vorstellen! Wir können glatt noch von euch was lernen. Du bist aber nicht so alt oder, Merlin?“ Zaubermeister und Lehrling atmen erleichtert aus. Puh, Malecantus hatte dann doch fast schon die Schweißperlen auf der Stirn gestanden. Also keine alten Geschichten mehr, die hier noch kursieren …
„Bist du der von dem Turm?“, fragt Simeon dann doch noch neugierig nach und schon … ist Malecantus wieder auf der Hut. „Also weißt du doch etwas von mir?“ Erneut beäugt er Silversweater misstrauisch. „Nur dass, was die Legenden sagen, dass eines Tages der Besitzer, der ewig währt, zurückkehren wird. Hast du … ihn gefunden? Den Trank, der die Alterung stoppt?“ Simeons Mine wirkt so freundlich interessiert und offen, dass Malecantus glatt seine Paranoia wieder beiseitezuschieben vermag und nun seinerseits wissen will, was denn da für eine Mär über ihn kursiert ...
„Eine Legende?“, hakt er amüsiert nach. „Und kein Name wurde dabei erwähnt?“ Simeon zuckt nur kurz die Schulter: „Wie es mit mündlich Überlieferungen hinter vorgehaltener Hand so ist. Es wurde nichts niedergeschrieben. Einiges gerät in Vergessenheit und anderes wird hinzugedichtet.“
„Da bin ich aber mal gespannt!“, grinst Merlin Malecantus an. „Na und ich erstmal!“, scherzt der Lehrmeister zurück! „Du erzählst uns aber doch bestimmt, wie es wirklich war, oder Gregorius?“, bittet Simeon freundlich um Aufklärung. „Aber sicher …“, nicht! Nur Merlin nimmt Malecantus leicht angedeutetes verneinendes Kopfschütteln hinter des Weisen Rücken wahr. Das wird wieder eine Menge gedichtetes Küchenlatein geben, ist sich Merlin sicher.
„Sag‘ mal, habt ihr vielleicht noch einen der Glimmersteine für meinen Freund hier übrig? Er steht noch am Anfang seiner Ausbildung. Ich hatte … keinen zusätzlichen zur Hand.“, lenkt Gregorius vorerst noch etwas von ‚seiner‘ Geschichte ab. An der Legendenbildung muss er erst noch etwas feilen. Möglichst etwas, was leicht erklärt ist und im Gedächtnis haftet.
Sie werden noch zwei weiteren Weisen vorgestellt …
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„Recht angenehm, die drei weisen Magier*innen! Viel gab die Legende über mich ja nicht her. Zum Glück war nichts über Vampire … und geraubten magischen Wesen enthalten. Nur der seit einigen Jahrhunderten nicht mehr von mir bewohnte Turm scheint im Gedächtnis geblieben zu sein. Na ja, weil er wohl noch immer da steht …“ Malecantus ist recht zufrieden über den Verlauf im Magischen Reich. Und dass keiner seinen alten Turm abgerissen oder besetzt hat … ist einfach phänomenal. Hach, ist das Leben nicht schön? Das Gemäuer ist zwar nicht so imposant wie Merlins ausgedehnte Klosteranlage, aber immerhin ... Nun hat Gregorius auch Grund und Boden vorzuweisen und nicht nur ein schlackerndes Zirkuszelt mit rollenden Wohnwagen.
Gemütlich angelt er gerade mit Merlin in den magischen Gärten – etwas abseits vom magischen Trubel, an den Malecantus sich erst wieder gewöhnen muss. So viele Magier um einen herum … Es war schon eine gute Aufwärmübung, Bürgermeisterin Erdnuss und ihrem Scharlatan vorher begegnet zu sein …
Nachdem nun klar ist, dass er sich im Magischen Reich auskennt, übernimmt Gregorius selbst die Führung für seinen Zauberlehrling. „Hier wuchsen einst mehr der magischen Pflanzen, die wir für unsere Tränke brauchen. Heute ist es ein kläglicher Rest. Auch andere Wesen sind verschwunden … im Laufe der Zeit ...“, woran ich nicht ganz unbeteiligt war. Aber … es war ja nur eins … und ich … ein Narr, der an Freundschaft glaubte! Vampire! Unehrliche Brut!
„Eines der vorgeblichen Fabelwesen, nach denen du deiner eigenen Legendenbildung nun Jahrhunderte lang nachjagtest, ohne es je zu finden?“, schäkert Merlin fragend zum Geliebten rüber, während er seine Angel nochmal neu auswirft. „Tja, das von mir vorhin entworfene gab es tatsächlich … nie!“, kichert Malecantus ungeniert zurück. „Ein furchterregendes Schweinchen mit Flügeln, Einhorn und windgepeitschter meterlanger Mähne, die wie kettender Seetang um einen herumwirbelt, wenn man sich nähert und tief in die See hinabzieht. Danach wird wohl kein anderer suchen wollen! Ich sehe es leibhaftig vor mir, wie ich vorgeblich damit zu ringen versuche …“ Merlin bricht in schallendes Gelächter aus. Auch seine Geschichte der ewigen Wiedergeburt nach kurzen Lebensspannen hat er hier im Magischen Reich nicht zum Besten gegeben. Noch wissen sie zu wenig über die anderen Okkulten und die drei Weisen …
„Wir sollten uns einen Garten zulegen, Merlin, zumindest eine mitwandernde Kräuterschnecke. Du kennst dich doch aus! Hast doch im Kloster und bei Lotta ganz gut beim Ernten mitgewirbelt. Das würde deinen Unterricht in Tränke Kunde während unserer Weiterreise wesentlich beschleunigen. Für die ‚drei Flaschengeister‘ muss ich mir was anderes einfallen lassen. Praktische Anwendung wird da etwas schwer auf die Entfernung hin.“ Der Zauberlehrling horcht auf. Die Arbeit mit Grünzeug und die Zeit bei Lotta im Garten fehlt ihm sehr, allein schon für schmackhaftere Alltagsspeisen. Aber die Aussicht, das Ganze noch zu Tränken zu verkochen gefällt noch mehr.
„Gartenarbeit ist was für’s Gemüt Gregorius, wie Angeln. Solltest du auch mal versuchen, mein Lieber. Ach, und Elani kennt sich mit Kräutern aus. Vielleicht können wir ihr was schicken …“ Merlin erinnert sich gerne an die zauberhafte warmherzige Gourmetköchin, von der er sich noch einiges an Rezepten auf einem Festival abschauen konnte. Sie hatte ganz schön Schwung beim Tanzen wie Lotta und Asante auch …„Wir waren lange nicht mehr aus …“ Sehnsüchtig schaut er zum Geliebten rüber. „Wir könnten mal wieder tanzen gehen. Ist lange her …“
„Wie auch, wir waren ständig unterwegs … Und du hattest doch deinen Spaß zuletzt beim Festival …“, wendet Gregorius halbherzig ein, merkt aber auch gleich, dass ihm selber was fehlt.
„Vor Moooonaaaaten!“, seufzt Merlin. „Und wir beide?! Das ist noch viiiiiieeeel länger her!“ Nun nickt Malecantus zustimmend mit dem Kopf „Du hast recht, Merlin Irgendeine Party oder zumindest ein Nachtclub planen wir demnächst ein. Aber zuerst …“, vielsagend hebt der Magier Meister eine Braue, „… kümmern wir uns um deine weitere Lehrzeit. Wir sind hier noch nicht durch mit dem Rundgang. Pack schon mal dein Angelzeug weg. Zuerst gibt es ein ‚Tänzchen‘ auf dem Duellplatz und anschließend gehen wir … shoppen!“ Nun grinst Gregorius breit, als er Merlins fragenden Blick sieht.
Flugs werden erst noch ein paar besondere Samen eingepackt und anschließend …
… Merlin auf dem öffentlichen Duellplatz des Magischen Reiches herausgefordert. So schnell konnte der Lehrling gar nicht gucken. Gregorius mag seinen Gefährten zuweilen etwas Hoch nehmen, wohlwissend, dass er nicht übertreiben darf. Merlin würde ihn sonst schon noch zurechtstutzen. Da ist Malecantus sich sicher.
Aber erst einmal 1:0 für Meistermagier Malecantus … mit ein bisschen Wiedergutmachung …
Auch die Shoppingmeile des Magischen Reiches sorgt bei Merlin für einige Überraschungen wie auch Empörung. „Besen? Du …du schenkst mir einen Besen?! Wink mit dem Zaunpfahl oder was? Ach, ‘nen Schrubber gibt’s noch hintendrein? Und das, was ist das? Ein Staubsauger! So, so, den behältst du selber, was?! Mein lieber Gregorius, ist dein Turm soooo verschmutzt, dass deine Magie nicht mehr ausreicht? Und ausgerechnet du kriegst die Hightech-Maschine und ich … nur was für manuelle Handarbeit? Ich verstehe doch viel mehr von moderner Technik als du!“
„Quatschkopf, das ist doch für was anderes!“, lacht Gregorius erheitert, schwingt sich auf seinen ‚Staubsauger‘ und ruft aus ziemlich schnell gewonnener Höhe Merlin verschmitzt zu: „Na los, schwing deinen Hintern hinterher – auf Besen oder Schrubber! Mir egal! Versuch mal, mich einzuholen!“
Ausgelassen schnappt sich Merlin den ihm stabiler wirkenden Besen. Der Schrubber wandert in die linke Hosentasche. Mysteriös, was da alles reinpasst. Ein paar große ominöse Kugeln haben auf der rechten Seite Platz gefunden, ohne den Stoff an den Hüften auch nur ansatzweise auszubeulen. That’s magical!
Am Haupttor angekommen ist Gregorius schon wieder Sieger …, der den Bruchpiloten erst einmal erneut fürsorglich tröstet: „Tja, da braucht es noch mehr Flugmeilen zur Übung …“
Dann erklärt der Lehrherr seinem Schüler, wohin dieser Durchgang am Hauptportal nun führt. „Hast du je von Glimmerbrook gehört? Dem Reich … neben diesem? Der einzige Ort auf der Erdscheibe mit Direktportal zwischen den beiden Welten?“ Merlin schüttelt verneinend den Kopf. Nichts davon stand in seinen Aufzeichnungen in der Klosterbibliothek. Malecantus fasst seinen Gefährten bei der Hand, zieht ihn durch das schillernde Licht des Tores und schlagartig verändert sich die Welt um sie herum erneut.
„Wow!“, entfährt es Merlin „Auch sehr imposant! Wahnsinns Wasserfall! Und … so … winterlich verfroren!“ Der ehemalige Klosterschüler beugt sich weit über den Rand des Abhangs hinaus, um einen wagemutigen Blick hinunter zu nehmen. „Wenn ich falle … fängt mich der Besen in der Hosentasche wieder auf, oder?“
„Richtig!“, schmunzelt Gregorius. Merlin kapiert schnell. „Komm! Gehen wir zum Turm! Zu Fuß! Ich mag diesen Weg und hier versuchen wir, nicht mehr so viel Aufsehen zu erregen. In Glimmerbrook laufen nicht nur Magier*innen herum!“
Neugierig schaut sich Merlin in der tief verschneiten Umgebung um. „Wunderbar. Der Fluss ist nicht ganz eingefroren und … sind das … essbare Pilze?“ Er deutet auf einige recht ausgewachsene Exemplare hin. „Die leider nicht, aber wart‘s nur ab …“, schmunzelt Malecantus. Er ist sehr gespannt, was Merlin von seinem Turm halten wird …
„Tadaaaa! Hier ist er!“, präsentiert Malecantus ein bisschen stolz wie auch Ehrfurcht empfindend, dass der 800jährige Turm tatsächlich unversehrt wie eh und je an Ort und Stelle aufrecht steht. Fast zwei Jahrhunderte oder auch ein paar mehr war er nicht mehr hier gewesen. Sorgsam studiert der Magier die Mimik des geliebten Gefährten. Was Merlin wohl davon hält?
Schmunzelnd schwenkt Merlins Blick an der schlanken Silhouette des Gebäudes aufwärts. „Imposant. Muss ich schon sagen. Und du … hast ganz allein dort gehaust? Oder … wohnt Rapunzel noch immer da … oben? Rapunzel … Rapunzel, lass dein … Autsch, aua …!“, protestiert der Lehrling lautstark nach einem ordentlichen Knuff in die Rippen des Lehrherrn!
„Du Schelm fängst dir noch ein paar, wenn du Späße auf meine Kosten machst. Das dort ist die Standardvariante eines Zauberturm Ende des 13. Jahrhunderts. Rapunzels Mume war übrigens auch eine Magierin, deswegen … Guck nicht so bass erstaunt. Diese Märchen tragen alle einen kleinen Funken Kern an Wahrheit in sich und Rapunzel war wirklich eine Süße …“, schwärmt Gregorius in Andenken an die Liebliche vor uralten Zeiten. „Ihr Haar war übrigens gar nicht so lang! Wir brauchten schon noch zusätzlich eine Strickleiter!“
Verdutzt blickt Merlin den ewig Lebenden an. „Du nimmst mich auf den Arm oder, Gregorius? Am Ende hattest du noch was mit Rotkäppchen, Dornröschen, Schneewittchen und … dem Froschkönig!“ Malecantus grinst dazu nur keck: „Du wirst es nie wirklich wissen, mein Lieber! Ich frage doch auch nicht weiter, wen du wie vor mir genossen hast … in deinen früheren Leben! Belassen wir es dabei. Wir sind jetzt hier … nur wir beide!“
Ein wenig spürt Merlin im tiefsten Inneren nach. Regt sich da eine kleine Welle von Eifersucht? Manchmal ist Gregorius schon etwas … leichtlebig! Wurde mir … auch früher so etwas … zum Verhängnis? Sind wir uns schon einmal … begegnet? Warum existiert über so etwas keinerlei Niederschrift in meinem Buch? Wurde es … immer hernach … rausgerissen? Ach, ich fang noch an zu spinnen. Da fehlten … doch keine Seiten …Oder?
„Schau, Merlin. Da sind wirklich essbare Pilze rund um meinen Turm!“, weist Gregorius auf den Boden und nimmt den Gefährten sanft bei der Hand in Richtung Eingangstor. „Fliegenpilze, Gregorius? Das wird ja … ein besonderer Genuss, mein Schatz! Experimentierst du etwa mit Drogen?“ Malecantus grinst daraufhin nur ein bisschen schelmisch …
Plötzlich bleibt Gregorius jedoch abrupt vor einer merkwürdig aussehenden Ranke stehen. Feine Härchen richten sich in seinem Nacken auf. „Was … zum Teufel! Spürst du es auch?“, keucht der Magier erschrocken auf. Malecantus wachsamer Blick wandert langsam die Fenster seines Turmes hoch. Nichts rührt sich hinter den Scheiben. Aber das kann täuschen …
„Irgendwie ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend? Meinst du das?“, wispert Merlin leise und spürt wie kalte Furcht in ihm hochkriecht. „Was ist das?“
Ein erregtes Schnaufen entringt sich Malecantus geblähten Nüstern. „Wohl das Einzige, was trotz magischem Schlüssel noch eindringen kann. Das Tor, spüre ich, ist noch immer verschlossen und trotzdem … ist e s drinnen. Willkommen in … meinem Spuk Turm! Nun gut … Sesam öffne dich!“, schließt Gregorius seine Erklärung sarkastisch ab und beginnt mit der Öffnungsprozedur. Merlin weicht leicht entsetzt zur Seite.
Irritiert beobachtet der Zauberlehrling wie die Tür sich öffnet und der Likoy Kater auf dem obersten Treppenabsatz erscheint. Hier geht es wohl wirklich nicht mit rechten Dingen zu … Das erste, was Merlin gewahr wird, ist ein dunkler Holzkohleherd und … Spinnweben! Wie gut, dass wir Besen und Schrubber dabeihaben. Er fühlt in seinen Hosentaschen nach. Ja, beides noch da!
Der Kater stellt sich beim Kreis auf, den Malecantus im Schnee gezogen hat, verzerrt plötzlich seine Ohren ganz merkwürdig und streckt die kleine rosa Zunge raus, als würde er am Ritual mitwirken. Merlin bekommt eine Gänsehaut.
Erschrocken fährt Merlin zusammen, als giftig grünliche Flammen aus dem Kreis empor springen, obwohl er Ähnliches schon bei den Bühnenshows sah, nur … dass dieses NICHT der Unterhaltung dient und auch der Kater verhält sich anders als sonst … Faucht, maunzt ganz wild, fährt die Krallen aus … Ganz Lykoi-Kater. Merlin fragt sich … was wohl bei Vollmond mit dem Tier passiert.
Und wie war das mit Malecantus Interesse an Lottas Wolf …? Merlin spürt vor allem ein Flattern in der Herzgegend. Sein Puls rast …
Dann auf einmal der finale Schlag! Ein Flammenball wird gen Tür geschleudert … „Ich hoffe, ich habe damit auch ein wenig … die ‚Turmbesetzer‘ in die Schranken gewiesen!“, vermittelt Gregorius nebenbei nur kurz.
„Noch einmal herzlich willkommen. Das Tor ist nun dauerhaft offen! Es wird dich nicht einsperren!“, schwenkt Malecantus einladend die Arme die Treppe aufwärts. Merlin ist sich nicht sicher, ob ihn diese Versicherung von Gregorius besonders beruhigt. Trotzdem versucht er, sich den Anstrich von Wagemut zu verleihen und schreitet dem Gefährten in dieses spinnen verwebte Gemäuer voran. Oh Schauer! Noch mehr … ‚Seidenfäden‘!
„Nun schau doch nicht so verdrießlich, Merlin! Spinnen sind sehr nützliche Tiere. Nimm Platz. Hier unten ist die Küche. Hi Amalia, altes Haus!“, bietet Gregorius an, in dem einfach eingerichteten Raum auf einem der schlichten Holzstühle Platz zu nehmen, während er gleichzeitig eine wohl von alters her geduldete Mitbewohnerin aufs Herzlichste begrüßt. „Mein Heim sei dein Heim!“, entbietet er Merlin überflüssigerweise noch zusätzlich zum Willkommensgruß.
„Isst s i e mit? Ich meine … an der Frühstückstafel?“ Bei Merlin will sich noch nicht ganz Wohlbehagen einstellen. Diese violetten Augen über ihm … Sehen die von Gregorius nicht auch zuweilen so aus? Das … gleiche irisierende Leuchten … Gerade wird es dem Zauberlehrling ganz unheimlich!
Nun, an Amalia muss er sich wohl noch gewöhnen. Schauen wir mal, was er vom Rest hält. „Weiter geht’s! Führung in den ersten Stock!“, verkündet Malecantus heiter. „Dies ist … der „Stricksalon!“ Merlin schaut sich vorsichtig um und fährt erschrocken zusammen. Gregorius daraufhin gleichermaßen. „Verdammt … was schreit du so, Merlin?!“
Doch beiden ist es jetzt nicht mehr geheuer. Auch der Meistermagier spürt reichlich Fremdes in seinem Turm, ohne es genau lokalisieren zu können. Vorsichtig schauen sich beide um. Selbst der Strickkorb wirkt schon bedrohlich. „Huch!“ „Hach!“, fahren beide erneut zusammen. Doch Malecantus faucht noch nach: „Jetzt reiß dich mal zusammen!“
„Wie denn?“, jammert Merlin. „Das schaffst du ja selber kaum! Und dann noch überall dieser Staub und die ganzen … Spinnweben!“ Das ringt Gregorius nur ein leicht verstimmtes Schnaufen ab: „Das ist noch unser geringstes Problem! Komm setzen wir uns erstmal und zeigen es diesen Gespinsten, dass sie uns nicht das Fürchten lehren.“ Doch Merlin wittert weitere Gefahr von oben …
… und Gregorius wirft einen wachsamen Blick auf jedes einzelne Wollknäul. Hat sich der Strickhase bewegt? Lacht der mich aus. Wie finster die Mimik. Das war doch wohl nicht … mein Werk vor mehr als dreihundert Jahren … Oder?
„Ach komm, wir lassen uns nicht einschüchtern. Im nächsten Stock wartet eine wunderbare Klauenfüßige Badewanne auf dich. Etwas Entspannung kann nicht schaden. Und hier sind ja noch gut erhaltene duftende Rosenblätter. Ja, an manchen nagt kaum der Zeiten Zahn!“ Etwas achtsam schnuffelt Merlin an dem Zeug, aber tatsächlich – noch immer frischer Blütenduft. Vielleicht hat Gregorius aber auch ein wenig nachgeholfen …
Leider ist die Wanne etwas beengt wie überhaupt … der ganze Raum. So bleibt nur getrenntes Badevergnügen. Seufzend legt sich Merlin zwei Gurkenscheiben auf, damit er auch hier nicht die allgegenwärtige Haustierhaltung näher in Augenschein nehmen muss und sich mal wenigstens für einen kurzen Moment ganz der Entspannung in diesem spooky Turm hingeben kann.
Allerdings stellt sich die Frage, wie in einem lang leerstehenden Turm aus dem Mittelalter so fein fließend Wasser hervorsprießen kann und genau da hakt Merlin mal nach. „Wir sind nicht allein!“, raunt es nur von Malecantus unter der Dusche hervor. „Die Rosenblätter waren wirklich frisch! Die hat irgendwer da erst kürzlich hingestellt! Und irgendwas hält hier die Leitungen intakt!“
Und schon … hat Merlin wieder eine Gänsehaut - trotz heißem Badewasser. Aber wenigstens eine … erfrischte! Und das Rosenzeugs duftet wirklich so gut, dass Malecantus noch ein wenig an seinem Lehrling nach dem Bad schnuppert.
Weiter geht’s in die oberste Etage, in der sich die Enge ein wenig … weitet und der Raum einen fantastischen Ausblick über die umliegende Landschaft bietet. Malecantus fühlt sich recht geschmeichelt, als er Merlins anerkennenden Blick über die vielzähligen magischen Utensilien auffängt. „Da hast du ja einiges Zusammengetragen, mein lieber Gregorius. Du scheinst ja … alles Mögliche im Bereich Magie studiert zu haben im Laufe deines langen Lebens.“
Lächelnd bestätigt Malecantus Merlins Vermutung und zieht ihn auf die Bank in der Fensternische näher zu sich heran: „Und immer noch gibt es so viel Neues zu erforschen. Das Lernen hat nie ein Ende. Mit dem Spuk hier werden wir auch noch fertig. Du kannst darauf bauen, dass ich gut auf dich aufpassen werde. Vertraust du mir, Merlin?“
Gerne würde Merlin zu hundert Prozent fühlen, was er jetzt sagt: „Blindlings, Gregorius!“ Wie kann er erklären, dass da ein kleiner Funke Restunsicherheit bleibt? Zweifellos liebt er Gregorius über allen Maßen, aber er ist sich nicht sicher, ob nicht genau dieser Geliebte sein Verderben sein wird. Malecantus hat auch eine wilde und zügellose Seite und noch viele weitere unbekannte … Und doch, irgendwie schien es auch in den Sternen geschrieben zu stehen, dass wir uns fanden! Vielleicht muss es ja auch so sein, dass ich immer wieder neugeboren werde …
„Na komm! Probieren wir gleich mal den Kessel aus!“, flüstert Malecantus seinem Lehrling verspielt ins Ohr. Trotz Spukelementen – wäre ja nicht so, dass ihm nicht früher schon welche begegnet wären – ist er gerade fast tiefentspannt, so in Merlins Nähe. Irgendwie zaubert der seine besten und gutherzigsten Seiten zutage. Wenn das nicht Magie ist!
Dem Lehrherrn ist es gerade auch gar nicht sehr ernst zumute … Mehr steht ihm der Sinn nach Rumschmusen und Rumalbern … „Meinetwegen kannst du auch Käsemakkaroni oder Kesselfleisch brauen … oder in Eselsmilch darin baden … Einmal habe ich sogar einen hochprozentigen Rumtopf darin angesetzt … War das ’ne wilde Party!“
Galant fischt Malecantus irgendwie einen Zauberstab aus der Luft und fängt schon mal kichernd an zu brauen: „Rumtata …!“ Es zischt bereits im Kessel und ein riesiger Holzlöffel schwingt eigenständig im Topf herum. „Uy, so ein magisches Stäbchen wäre prima! Krieg ich auch eins?“, staunt Merlin Bauklötze und bettelt gleich mal wie um eine Kugel Eis … Bislang hatte Gregorius vor seinen Augen und dem Publikum alles aus seinen Fingerspitzen statt einem Zauberstab geschüttelt.
„Aber sicher doch!“, schmunzelt Malecantus liebevoll Merlin an. „Genau dafür sind wir ja hier. Deswegen waren wir shoppen! Du brauchst auch noch einen magischen Begleiter! ‘Nen Schrubber hast du ja schon!“ Dabei grinst Gregorius etwas frech seinen Liebsten an. Der würde ihm im Gegenzug dafür gerne den übergroßen Holzlöffel überziehen …, wenn er ihn zum Greifen bekäme! Aber das Ding schwingt eigenmächtig im Topf herum …
Gregorius plappert bereits übermütig weiter …, wendet sich schon wieder vom Kessel ab und anderen Dingen zu. „Der Lykoi Kater ist einer meiner magischen Begleiter*innen. Na komm‘ mal her du Schnurzel Burzel …“, schnurrt Malecantus und schon wird das Tier beschmust. Gregorius kann Katzen kaum widerstehen. Schnurrt selber wie eine … Merlin beäugt derweil skeptisch die weiteren unzähligen Spinnennetze im Raum. Fast jedes beherbergt eine eifrig webende Bewohnerin, danach trachtend, ihr Heim stetig zu verschönern und … mit Vorräten zu füllen. Brrrr … Hoffentlich soll nicht so eine klebrige riesige Spinne wie unten in der Küche meine magische Begleitung werden.
„Kümmern wir uns aber zuerst mal um den Spuk hier drin, damit wir heute Nacht halbwegs ruhig schlafen können!“ Malecantius setzt den Kater wieder ab und bittet Merlin an einem kleinen runden Tisch mit Glaskugel in der Mitte Platz zu nehmen. Aus einem Augenwinkel verfolgt der Zauberlehrling allerdings noch eine makabre Verwandlung eines Gemäldes mit und sieht, wie sich auch Gregorius Augen angesichts dessen entsetzt weiten.
„Mal ehrlich, mein Lieber! Ist das Zufall, dass der Spuk gerade hier in deinem Turm rumgeistert? Das, was ich da vor der Tür sah, machte auch nicht den Eindruck ganz lichter Magie. Hast du dich … etwa auch an dunkler versucht?“, fordert Merlin den Lehrherren heraus, hier kein Versteckspiel mit ihm zu betreiben.
„Hell? Dunkel? Was soll denn diese Unterscheidung, mein lieber Merlin.“, fasst sich Malecantus halbwegs wieder nach der urplötzlichen Angstattacke – die ihm … ja auch nicht neu ist. Irgendwie ist es sogar … ein bisschen seine Gewohnheit, ab und zu einen Schreianfall zu bekommen. Im Prinzip … steigt Malecantus Grundsubstanz an Ängstlichkeit weiter an, je mehr er in seinem langen Leben schon schreckliche Dinge gesehen und erlebt hat, die sich wie tiefe Furchen in seiner Seele eingraben – eingebrannt für die Ewigkeit. Es gehört zu ihm, ist ein Teil seines Selbst. Und so gibt er Merlin seine ureigensten Gedanken dazu zum Besten. „Alles hat zwei Seiten, eine lichte voller Freude und ebenso die dunkle Schattenseite voller Schrecken. So wie Geburt und Tod einen Zyklus bilden. Selbst die uralten ersten weiblichen Gottheiten hatten beides in sich vereint, waren kein Widerspruch in sich, sondern ein und dasselbe. Hör mit bloß auf, alles in Gut und Böse aufteilen zu wollen! Das ist so ein merkwürdiger Kram der Christenzeit von Himmel, Hölle und ewiger Verdammnis!“, beruhigt sich Gregorius selber weiter und überzeugt damit Merlin … nicht sonderlich!
Der sieht manches anders: „Nein, ganz so will ich das nicht sehen, Gregorius! Und nicht allein deswegen, weil ich in einem Kloster aufwuchs! Natürlich hat vieles eine Kehrseite, je nach Seite der Betrachtung und jedes sollte einen Platz finden können! Aber andererseits … will ich auch nicht alles grenzenlos akzeptieren! Ich will nicht zu irgendeines Menschen Verderben beitragen, noch irgendwem willentlich schaden oder solches gutheißen! Anderen Schrecken verbreiten oder stetig welche empfangen kann doch kein Lebenselixier sein.“ Malecantus setzt sich leicht perplex wieder hin. Merlin mag sein Schüler sein, aber da spricht auch etwas Uraltes aus ihm und eine völlige Klarheit wie er die Welt sieht und wo er seine Grenzen setzt. „Ich kann von dir wohl auch noch etwas lernen, lieber Merlin!“
Einen Moment sinnt Malecantus vor sich hin, lässt Merlins Haltung noch in sich nachwirken. Er hatte über die Jahrhunderte hinweg nicht unbedingt immer darüber nachgedacht, was sein Handeln für andere bewirkte. Als direkt bösartig würde er sich nicht beschreiben, aber zuweilen war es ihm egal gewesen, wie es anderen mit seinen Taten erging. Und eines hatte er auch gelernt: Als Schaf unter Wölfen kann man … gerissen werden … Also muss man lernen, zuzubeißen. Und so kommt der ältere der beiden Magier zu der innerlichen Frage: Müsste Merlin sich nicht vielleicht doch ein wenig mehr Fell zulegen? Vielleicht kam er deswegen immer zu früh ums Leben …
Der 850jährige Magier ist nicht allwissend. Er weiß nicht, was richtiger wäre. Er weiß nur, auf diesen jungen Mann will er achten wie auf seinen Augapfel. Und hab ich mir nicht auch ordentlich Sorgen um Lotta und ihr Kind gemacht? Der Kleinen Socken gestrickt? Warum trainieren wir denn so viel an Magie? Ja nicht nur allein Merlins wegen, sondern auch wegen diesem unsäglichen Vergessens-Fluch, der ja … eigentlich … auch eine Hilfe sein sollte …, die … etwas fehl schlug. Und jetzt muss ich bald auch noch Online-Unterricht für solche dummen Flaschenkinder geben. Bin doch gar nicht so ein übler Gesell … zuweilen!
„Wir haben gar keine andere Wahl, als uns auch mit der Nacht zu befassen, Merlin. Sie überrollt uns allemal!“, versucht Gregorius letztendlich einen Brückenschlag zwischen dunkel und hell. „Ich weiß!“, erwidert Merlin nur nüchtern und ist bereit, … sich auf alles einzulassen, denn Nacht und ihre Schatten wird es immer geben. „Und wie … funktioniert das jetzt hier?“ Er weist auf die Glaskugel vor sich.
Gregorius will gerade zu einer Erklärung ansetzen. „Wir müssen die Geister anrufen und fragen, wer sich hier eingenistet … Oh, nein! Es fängt schon wieder an!“, springt er entsetzt auf. Auch der Kater nimmt argwöhnisch das am Fußboden aufleuchtende Ornament wahr.
Merlin weiß erst gar nicht wie ihm geschieht. Schockartige Wellen von Panik überfluten ihn eine ganze Weile, während er sich vom merkwürdigen magischen Zeichen, das immer neuerliche pulsierende Lichtsignale aussendet, zwanghaft angezogen fühlt. Sein Gehirn gaukelt ihm grauenvolle Bilder vor, bis es zu zerspringen droht. Merlin krümmt und windet sich vor Pein …
Hilflos und kreidebleich muss Malecantus zusehen, bis Merlin sich endlich schweratmend lösen kann. „Das wird noch öfter vorkommen, fürchte ich. Ich sehe, ich muss dich zuerst ausstatten, damit du das überstehen kannst. Merlin!“ Draußen wittert ein Wildtier das dräuende Unheil des Turmes und verzieht sich schnell. Die Sonne sinkt langsam am Horizont.
D a s ist also Malecantus Refugium. Über die Jahrhunderte hinweg nicht wirklich leerstehend …
Trotz mental recht angespannter Lage im Turm fühlt Merlin sich gerade, als wäre es Weihnachten. Ist das nicht auch bald? Oder war das schon? Egal! Das Zeitgefühl geht im Magischen Reich wie auch in diesem Turm irgendwie … verloren
Im Kamin knistert bläuliches Licht und Merlin schaut gebannt auf die kleine Vitrine vor sich: „Der … ist für mich? Wie wunderschön! Und so … natürlich gewachsen!“ Begehrlich greifen Merlins Hände nach dem Kleinod.
„Feinstes Akazienholz aus dem fernen Osten. Mitgebracht von meinen astrologischen Studien im Morgenland. Verwahre ihn gut, den magischen Stab. Er währt schon sechshundert Jahre auf Erden und scheint … nur auf dich gewartet zu haben, my lovely Darlin‘.“, erklärt Malecantus - innerlich vergnüglich in alten Zeiten badend.
Merlin ist so entzückt über solch kostbares und weitgereistes Präsent! Er weiß gar nichts zu antworten. Was soll man auch sagen zu solch Herrlichkeit?
„Na los! ‚Pack das nächste aus‘! Oder beschwöre ihn herauf … deinen Begleiter!“ Malecantus ist gerade so richtig in Geber*innenlaune und ganz angetan von Merlins Begeisterung. Für meinen Schatz, meinem Odem nur das Allerbeste!
Merlin begibt sich in Position wie Malecantus es ihm viele Male bereits zeigte, wenn es soweit wäre. Nun endlich ist der Tag gekommen. Ich bin einer magischen Begleitung würdig. Was wird es werden? Eine Fee, ein Elf, ein Rabe oder gar eine Eule? Merlin ist ganz aufgeregt und legt sich wirklich ins Zeug, wohlwollend vom Geliebten und Meister begutachtet.
Plimmm * „Äh, ein Totenkopf, Gregorius?!“ Nun muss sich Merlin doch ein wenig am Kopf kratzen. Passt aber zur unheimlichen Atmosphäre im Turm. Was es damit wohl auf sich hat? „Nur ruhig Blut!“, beschwichtig Malecantus den Gefährten auch gleich umsichtig. „Das wird nicht deine einzige und letzte Begleiterscheinung sein, aber im Moment … macht dieser Schädel am meisten Sinn!“
Und sogleich begibt sich der ältere der beiden Magier wieder an diesen kuriosen Tisch mit Glaskugel: „Jetzt müsste es klappen, ohne dass du schwerwiegenden Schaden erleidest, Merlin!“ Malecantus versenkt sich augenblicklich in Trance, als auch Merlin sich endlich neben ihm niederlässt. Nicht lang und des Lehrlings Geist ist gleichermaßen in eine andere Welt eingetaucht. Wieder züngeln Flammen in bläulichem Schein hoch und auch der Lykoi Kater scheint erneut mit von der Partie zu sein.
Einmal muss Merlin aber doch zwischendrin blinzeln, was Malecantus so treibt. Der schwebt auf seinem Stuhl und gestikuliert ganz wild, redet wirr, scheint gar nicht mehr … er selbst zu sein. Fremde Zungen scheinen sich seiner bemächtig zu haben. Etwas bang wird Merlin um den Geliebten, aber gleichzeitig fühlt er sich durch seinen knochigen Begleiter geschützter als je zuvor. Malecantus weiß hoffentlich, was er tut …
Schemenhafte Gesichter formen sich im beschlagen wirkenden Glas. Ist es eine Frau, ein Mann oder … divers? Merlin kann nichts Genaues ausmachen, schließt wieder die Augen, hört den Kater nur leicht fauchen … Tut sich schon was?
Kicherndes Geschnatter entringt sich nur noch Malecantus Kehle. Merlin will das gar nicht sehen, presst die Lider weiter fest aufeinander … Ich muss einfach vertrauen! Blindlings!
Und nach einem kurzen leuchtenden Knall sind sie einfach da! Zwei Gespinste! „Äh! Ähm!“, stottert Merlin erleichtert wie verdattert, als er die Augen öffnet. Und davor hatten wir die ganze Zeit Angst? Vor zwei grünen … Schlüpfen? Passt ja zu dem floralen Wildwuchs innen wie außen am Turm. „Sehen doch harmlos aus, Gregorius!“ „Wart’s ab!“, entgegnet Malecantus nur zurückhaltend mit recht neutralem Gesichtsausdruck.
Na, Merlin wagt mal eine erste Annäherung und versucht ein wahrlich ernsthaftes Gespräch mit diesen Grünzwergen: „Hi, Green Peace ✌???? Oder grünt es so grün, wenn Spaniens Blüten blühen ????“ Malecantus rümpft leicht die Nase: „Bring uns bloß nicht in Schwierigkeiten mit so einem Blödsinn, Merlin. Die können auch ganz anders!“ Aber … zum Glück scheint dieses eine Geistlein gerade gut aufgelegt und lässt nur zart wie ein Lufthauch ein leises Giggeln vernehmen. Merlin umspielt hernach eine blasse violett farbige Aura, mit der er recht selbstzufrieden wirkt.
Nun versucht sich auch Malecantus mit dem zweiten grünen Kobold in Konversation. „Wer … bewohnt nun meinen Turm?“ Er will nicht direkt fragen ‚Wer bist du‘! Das ist recht unhöflich unter manchen Geistern. „Viele!“, lautet die … vielsagende Antwort! „Äh, geht’s … etwas genauer?“Das fängt ja gut an! Aber Malecantus merkt auch gleich, dass er da eine ganz vorwitzige Seele vor sich hat, die sich einen Spaß aus Rätseln macht, denn er erntet auf seine recht vage Frage nur ein Kichern. Okeeeeey …
„Wem gehört die Hand hinter mir auf dem Kaminsims? Ich stellte sie dort nicht ab!“Na hoffentlich ist das konkret genug!
„Fidibus Sanktis Guidry amoramus!“ Malecantus stutzt für einen Moment. Kopiert ihn das kecke Geistlein etwa mit etwas Küchenlatein? „Ja, ja, ich hab dich auch lieb! Alle haben sich ganz doll lieb – glaub ich!“ Nun gut … Auch ihn überzieht mittlerweile so etwas wie ein violetter Film. Fühlt sich ganz angenehm an auf der Haut …
Bevor sich Malecantus aber an weitere Fragen und weniger hilfreiche Antworten heranpirschen kann, wirft jetzt die Licht Gestalt ein Thema auf: „Du kennts die Mondphasen genau, nicht wahr Magier Malecantus? Du weißt, was sie bedeuten!“ Oh ja, dass weiß Gregorius zur Genüge. Und scheinbar kennt dieses Geistlein ihn auch noch gut. Das war mehr Feststellung als Frage gewesen! Stecken da vielleicht einige seiner alten Lehrmeister*innen hinter oder …drin - in diesen beiden Grünalgen Gestalten? Irgendwelche alten Weggefährt*innen? Hoffentlich keine, die ich mal verprellte ... Gut, dass ich meinen kleinen Dämon zu meinem Schutz heraufbeschwor - genau den richtigen für diese Mission.
„Neumond ist es, denke ich! Also hier noch keine wehrwölfigen Gestalten draußen zu finden! Oder, was soll diese Verbindung von Geistern und Mond sonst bedeuten?“, Malecantus weist in Richtung dieses ‚wandelbaren‘ Gemäldes, dass gerade wieder seine wahre Gestalt offenbart. War eigentlich mal einer seiner alten Lehrmeister, der aber nicht wie er selbst die Zeiten überdauerte. Machen die Gespinste und Geister früherer Magier jetzt etwa gemeine Sache mit … Wehrwölfen?
Sehr, sehr lange war Malecantus auch … d o r t nicht mehr gewesen. Ein ebenso finsterer Ort wie dieses vergessene Loch von Forgotten Hollow. Na ja, Glimmerbrook ist auch nicht gerade sehr hell, muss er gerechterweise einräumen. Moonwood Mill ist weder Himmel noch Hölle. Nur eben eine weitere lichtlose Düsternis, die ihn … aber auch irgendwie … magisch anzieht. Tja, wenn man die ewige Dunkelheit des Magischen Reiches liebt, ist man empfänglich für die Schatten der Nacht!
„Find es heraus – die Verbindung! Das ist … deine Aufgabe, Malecantus!“ Der Geist beliebt, weiterhin nur in Rätseln zu sprechen. Gregorius knurrt leicht verhalten.
„Müssen wir uns … nach Moonwood Mill … begeben?“ „Eines Tages!“, lautet die vage Antwort. Mehr will dieser Geist im Moment nicht preisgeben. „Soll ich dir … meine Seele verpfänden für eine halbwegs vernünftige Antwort?“ Diese unwirsch hingeworfene Frage des Magiers wird direkt als Angebot gewertet! Man sollte nicht immer gleich an die Decke gehen und … umsichtiger mit seinen Äußerungen sein …
Merlins wie Malecantus ganze Aufmerksamkeit wird wieder auf den Kater gelenkt, der fauchend und mit gesträubtem Fell vom Tisch herab das erneut pulsierende Bodenleuchten in Schach zu halten trachtet. Die beiden flugfähigen Grünlinge haben sich bereits verzogen.
Diesmal vom Totenschädel als magischer Begleiter geschützt greift Merlin zu einer äußerst tückischen List. Das leuchtende Ornament am Boden hatte ihm vorhin einen gehörigen Schrecken eingejagt. Nicht noch einmal will er sich von diesen grausigen Trugbildern quälen und peinigen lassen. „Na warte!“ Beherzt greift er nach dem Schrubber in seiner rechten Hosentasche.
„Wusste ich’s doch. Du kannst das viiiiiel besser als ich, Merlin! Schrubber und Besen wie auch Staubwedel liegen dir einfach!“, lobt Gregorius leutselig das schnelle Einschreiten seines heiß begehrten Goldschatzes. Wundert sich irgendjemand, dass Malecantus anschließend eins von seinem Spatzi mit dem Schrubber übergebraten kriegte?
„Also wirklich! Hatte ich d a s verdient?“, beklagt sich Gregorius nach dieser Art der Maßregelung ein wenig beim Kater. Der Mäusefänger findet schon, denn er war leicht amüsiert darüber, wie Merlin Malecantus einer Beute gleich durch die Gegend jagte und ihm immer wieder *dotz*, eins auf die Rübe gab. Genau so macht es der Lykoi Kater auch. Ganz nach Katzenart halt.
„Tuuuuut mir leid, Merlin! Ich mach‘ auch nieee wieder so blöde Bemerkungen!“, wendet sich der ‚Prügelknabe‘ besänftigend dem Liebsten zu.
„Wer’s glaubt wird selig, Gregorius!“
„Doch, doch und ich greif auch mal nach dem Staubwedel! Heute Nacht fiele mir schon ein Verwendungszweck ein. Du bist doch recht kitzlig, mein Süßer …“
„Sag‘ ich doch, du machst es schoooon wieder!“ Diesmal wird Malecantus mit dem Staubwedel auch nicht gerade gebauchpinselt.
„Besser, ich fang schon mal mit deinem Pullover an!“, quietscht Malecantus erneut wie eine Maus und rennt die Treppe runter. Merlin heftet sich ihm lachend auf die Fersen. Ach, was für eine Hatz. Miau!
„Schau! Jetzt strick ich auch wirklich für dich!“, wirft Malecantus sich schnell auf den Schaukelstuhl und greift auch sogleich nach dem Wollkorb. Der Kater beobachtet des Magiers Handspiel genau. Faden auf und ab … Welch aufregender Anblick!
„Na gut, beim Stricken zuzusehen ist jetzt nicht so spannend. Mache ich uns doch eine Kleinigkeit in der Küche. Vielleicht hilft mir ja Amalia dabei …!“, schäkert Merlin dazu nur. So langsam verliert auch das Spinnentier seinen Schrecken, nachdem Merlin in der gleichen violetten Farbe wie ihre Facettenaugen glänzt. Irgendwann gewöhnt man sich wohl … an nahezu alles. Die Weberin im Erdgeschoss wird vielleicht noch sein Lieblingshaustier.
Derweil wendet sich des Katers Blick anderem zu. Was interessiert mich mehr? Das Häschen oder die Spinne?
Amalia indes entpuppt sich nicht gerade als hilfsbereit in Küchendingen. Sie rührt sich schlichtweg nicht vom Fleck. Na gut. Kocht Merlin eben allein. Nur der Totenschädel sieht zu. Buh!
Der Likoy Kater kann währenddessen bei Malecantus schon ein wenig ‚abstauben‘. So eine kleine Knuddel Einheit zum Beispiel, bevor es ans Essenfassen geht.
„Du übertriffst dich mal wieder selbst, Merlin!“, lobt Gregorius dann unten bei Tisch. Oh wie das duftet! Wo zaubert der eigentlich die Zutaten her? Mhmmmm … Das bleibt jetzt mal Merlins Geheimnis! Gerne verrät er aber ungefragt vorrätige Grundzutaten: „Spinnenbein in Aspik und Kröteneier gut sautiert! Schmeckt’s dir Gregorius? Guten Appetit!“
Einen kurzen Moment runzelt Malecantus die Augenbrauen: „Du nimmst mich auf den Arm, oder?“ „Aber natürlich, mein Herz! Und ich trage dich sogar noch auf meinen starken Armen über die Schwelle bis hoch ins Schlafgemach!“ Merlin versagt sich jedwedes Grinsen und langt mit ernstem Blick ordentlich zu. Gregorius hält Buster-Keaton mäßig mit. Egal, was es ist. Es schmeckt fantastisch!
Nach dem Abendmahl wird es wirklich endlich Zeit, die wohlverdiente Nachtruhe einzuläuten und zuvor noch die Federn gut aufzuschütteln. „Uff, Gregorius! Wo staubt es eigentlich mal nicht in deinem Turm?“ Es fliegen die Daunen. Aber nicht die handgeknüpften Pfauenfedern vom Staubwedel.
Gregorius kann noch nicht schlafen, obwohl der Tag recht lang war. Zu vieles geht ihm durch den Kopf. Er schaut nach draußen in die Mondlose Nacht. Welches Unheil zieht da wieder herauf? Was sollte des Geistes rätselhafte Art ihm sagen? Wie passen er und Merlin in das Geschehen? Ja, Wölfe sind eine sehr eigene Spezies in vielerlei Hinsicht. Das Geheimnis um Lottas und ihren Graupelz ist auch noch nicht gelöst. Gibt es … Verbindungen? Verfluchter Fluch, den ich unwillentlich lostrat. Also … zumindest in die falsche Richtung. Jetzt kann sie mir nichts Näheres erzählen, bevor ich sie nicht wieder erlöst habe …
Malecantus forscht in seinem breiten Wissensspektrum nach. Wölfe spielten von Alters her bedeutende Rollen in Mythen und Sagen der Menschheit. Das erste domestizierte Haustier ging aus ihnen hervor, mit denen sich der Magier nie recht anfreunden konnte. Hunde sind eine merkwürdig entwickelte Art. Sie sind gar nicht mehr zu Rudelbildung in der Lage … oder zum Teilen. Und manche … kriegen ganz komische knautschige Ohren und Nasen! Nein, nein Malecantus hält es lieber mit Freiheitsliebenden Katzen oder eben … wild lebenden Wölfen. Wobei Wehrwölfe … nochmal eine andere Liga sind. Eine andere Spezies okkulter Wesen und nicht so natürlich wie das … wirkliche Tier. Übernatürlich eben …
Auch da hatte er manches verbockt … hatte einer Wehrwölfin mal etwas länger das Fell gekrault und sich dann … wegen diesem niedlichen Vampir … aus dem Staub gemacht. Nein, Monogamie hatte er wahrlich nie angestrebt. Doch jetzt! Jetzt ist alles anders … Sinnend blickt Malecantus zur Bettstatt zurück und stellt fest, dass der Geliebte auch nicht schläft, sondern sich schon längst heimlich von der Seite heranpirscht und sanft überrascht…
„Auch noch nicht müde oder zu viel Gedankenkreisen, Merlin?“ „Beides! Es gibt einfach so viel Neues zu sehen und zu erleben. Ich will … nichts verpassen. Wir sind ja erstmal nur zwei Tage hier!“
„Oh, so wissenshungrig!“ Irgendwie macht Malecantus das sehr stolz, einen so eifrigen und neugierigen Schüler wie Gefährten zu haben. Vielleicht hat das in allen anderen Beziehungen zuvor gefehlt und nur jeweils zur Liaison gereicht. Es wird diesmal anders sein. Bestimmt! Gregorius will es so sehen.
„Dann lass uns keine Zeit verlieren, Merlin. Machen wir die Nacht zum Tag! Was ist eigentlich aus deinen Studienplanungen geworden? So wie es aussieht, sind wir nicht mehr ständig auf der Flucht, haben jetzt zwei feste Heimstätten und … eine flexible dazu.“ Erwartungsvoll betrachtet Gregorius die geliebten Gesichtszüge seines Lehrlings.
„Ja, Gregorius, als sich abzeichnete, dass wir nicht mehr auf Wanderschaft sein müssen, ging mir das auch schon durch den Kopf. Ich möchte immer noch Raketentechnik und Astronomie studieren. Ich möchte nach Sixam und … vielleicht sogar nach Batuu reisen. Ich will den Sternenhimmel aus jeder Richtung neu erkunden, nachdem wir … Lotta von ihrem Fluch befreit haben! Wenn sie es so will!“
Einen Moment sind beide Magier an ihren kleinen ‚Familienzuwachs‘ – ihren Wanderarbeiter erinnert. „Hoffen wir für Tarek, äh Tanuí, dass es ihr Wunsch sein möge. Ich glaube, er sehnt ein Treffen mit Lotta sehr herbei … und eine erneute Verbindung. Takatuka ist … letztendlich sein Kind! Ich will ihm beistehen, sofern es in meiner Macht steht, Merlin!“ Gerade möchte Malecantus wohl jeden so glücklich sehen wie sich selbst …
„Also hopp, hopp! Üben, üben, üben, mein süßer Zauberlehrling!“, scheucht Gregorius Merlin auf. „Umso schneller können wir Lotta wie Tanuí helfen!“ Schnell streift sich Merlin noch ein Sweatshirt in der kalten Nachtluft über. Malecantus hingegen friert selten. Mehr Sorge hat er um seine zehn zarten Gliedmaßen, die er sorgsam betrachtet: Abwasch? Spülwasser? Niemals!
„Bravo, bravo!“, klatscht er dann in die fein manikürten Hände. „Du machst wahrlich Fortschritte und schneller als ich für möglich gehalten hätte!“ Liebevoll wird der Lehrling umarmt und gewärmt. „Komm, lass uns draußen noch ein bisschen die Ruhe genießen! Es ist sternenklare Nacht, Merlin, und kaum jemand unterwegs … Da haben wir noch mehr Platz für’s Training!“
Merlin ist beglückt, seinen Lehrherren so von seinen Fähigkeiten überzeugen zu können und lernt nun noch bereitwilliger, als er es eh schon tut. Dieser Lehrling ist recht zielstrebig!
„Erklär mir mehr über die Sterne, Gregorius …!“ Der Meistermagier teilt doch gerne sein Astronomisches Wissen und bettet sich gleich neben den wissbegierigen Gefährten in den zentimeterhohen Schnee. „Welche Konstellation darf ich dir denn etwas näherbringen? Welche ist dir noch unbekannt, mein Lieber?“
„Ja, also … was für ein Sternenbild ist das dort oben, Gregorius? Das giftig gelbgrüne da neben dem roten?“ Merlin versucht ganz ernst drein zu blicken. Malecantus auch: „Blödmann!“
Zur Belohnung für solch Gelehrsamkeit macht sich Gregorius jetzt doch mal die Hände nass. Ach, man kann doch auch nicht immer nur lernen, lernen, lernen … Ein bisschen Spaß muss sein ??. Ein bisschen Spaß bei keinem bisschen Sonnenschein ???? … Und der Schädel schaut einfach zu … verzieht keine Miene!
„Du hinterhältiger Bösewicht!“, beschwert sich Merlin mit frostiger Nase. „Na warte! Ich bastle mir ’nen netteren Partner. So einen richtig gutaussehenden Schneemann mit viel mehr Klasse und Manieren!“
Und schon lässt er Taten folgen … Malecantus weiß nicht, was er sagen soll und guckt etwas pikiert - wähnte er sich doch einzigartig in Merlins Gedanken. Einfach von so einer Schneewehe ersetzt zu werden … tut weh. Wehe das wird so ein Schönling, den der Zauberlehrling zum Leben erweckt wie … wie … diesen Besen in diesem lustigen Zeichentrickfilm! Oder Meister Geppetto seinen Pinocchio ... Hab‘ ich Merlin den Spruch dazu überhaupt schon beigebracht? Nee, oder?
Am Ende ist Gregorius aber doch sehr erleichtert. „Nun, wenn dir diese Figur mehr zusagt als ich! Wohlan, trag sie, ihn, es gerne über die Türschwelle zu einem netten Plätzchen am lodernden Kamin für eure zartschmelzende Liebe.“ Gregorius kann ein fettes Grinsen nicht ganz unterdrücken.
Zu guter Letzt fanden sie die Nacht dann doch noch eine Mütze voll Schlaf. Aber nicht in der Mütze vom Schneedivers.
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Gegen Mittag des nächsten Tages hat Merlin sich durch einige Online-Recherchen gekämpft und tatsächlich … Ganz verborgen fand sich eine kleine feine Seite eines nepalesischen Mönches: << Zu tief in die Flasche geschaut und Bodenhaftung verloren?>>
Zuerst glaubte Merlin, auf ein ernsthaftes Alkoholproblem im Himalaya gestoßen zu sein. Doch nach weiterer Durchsicht zeigte sich eine verschleierte Ansprache an eine spezielle Zielgruppe: Zwangsweise in spezielle Behälter gesperrte … Flaschengeister. Scheint ja wohl ein größeres Problem dort zu sein …
„Schau mal Gregorius! Ist das nicht genau das, wonach du gesucht hast? Das passt doch zu Farsanes Hinweis. Und tatsächlich liegt es in … Katmandu!“ Interessiert beugt sich Malecantus über das Display. „Wundervoll! Ja, ja, selbst die verklausulierte Schreibweise. Man kann eben nie vorsichtig genug sein vor den üblichen Sterblichen, dem Militär, irgendwelchen ungläubigen Wissenschaftlern … Sie würden uns untersuchen, sezieren, wie seltene Schmetterlinge aufspießen. Wobei, dieser Mönch selber scheint kein Magier zu sein, aber zumindest ein wohlwollender Heiliger, der Erlösung verspricht. Gut, gut. Genau, das brauchen wir oder vielmehr … unsere Flaschengeister - diese Familie Ogbanda.“
Malecantus studiert ein wenig die Seiten weiter und ist erstaunt. Selbst hier spielen die Mondphasen eine Rolle. Demnach müssten die Ogbandas … Gregorius rechnet kurz nach … Oh je, sie müssten zur rechten Zeit beim tibetischen Koster sein, um sich wieder lösen zu können. Sie hätten schon längst auf dem Weg sein sollen … Fieberhaft kontaktiert der Magier den angeblichen Mönch, der sich … als betagte Nonne entpuppt, aber sehr versiert erscheint. Ja, ja, es werde knapp. Diese Familie solle sofort aufbrechen und Tag und Nacht durchreisen ohne Pause, um es noch zu schaffen … Sonst dauere es einen ganzen weiteren Mond lang.
Merlin palavert gerade eine Runde mit dem Kater, als Gregorius neben ihm auf dem Sofa versucht, Familie Ogbanda zu erreichen. Der Zauberlehrling hört den Geliebten nur noch ein Wutentbranntes „Wo bist du? Allein?!“ sowie unzählige Verwandlungsflüche ausstoßen. Am Ende legt Malecantus erregt auf: „Boahhh, Kinder! Ich hoffe, du willst keine haben!“
„Hab‘ doch schon eins!“, kontert Merlin trocken. „Hähhhh!?“ Malecantus gehen geradewegs die Augen über. „Manchmal führst du dich nämlich auf wie ein großes Baby, Gregorius! Wer war denn dran? Keito?“ Wer sonst könnte den großen weisen Magier so in Rage bringen wie ein rotzfrecher Teen? Keito scheint Merlin genau der Richtige dafür zu sein, demnach, was er bislang von diesem umtriebigen Halbwüchsigen mitbekam. „Was hat er denn angestellt, dass du so außer Fassung gerätst?“ Merlin wartet lächelnd eine Antwort des aufgebrachten Freundes ab.
Malecantus schnappt immer noch wie ein Fisch empört nach Luft: „Er … er hat die beiden anderen in der Flasche gesperrt und ist allein unterwegs! Ich komme nicht zu Elani oder Asante durch.“ „Unterwegs wohin?“, fragt Merlin mit gehobenen Brauen. „Er sitzt im Zug nach Katmandu!“, ereifert sich Malecantus erbost. „Na, das ist doch prima! Zeit gespart. Der Junge hat wahrscheinlich telepathische Kräfte … Oder, irgendwas treibt ihn besonders an. Ist schon … seltsam!“ Merlin grübelt einen Moment lang nach und kann sich dann eigentlich nur … diese kleine Freundin von ihm vorstellen, mit der Keito auf dem Festival zusammenhing. Die muss ihm ja wirklich was bedeuten!
„Ja, ok. Hast wohl recht, Merlin! Gab’s da nicht dieses Mädchen? Yuna hieß die Kleine, glaub ich! Ganz schön melodramatische Story für zwei Teens, muss ich sagen. Ich hätte ihn wohl nicht so anblaffen sollen. Na gut, warten wir ab, bis er angekommen ist. Zäh ist der schon, kann ich dir sagen. Wie der mit mir verhandelt hat!“ Malecantus hat noch nie einen Halbwüchsigen die Magie gelehrt. Das wird noch eine heikle Sache mit diesem Keito. Nicht ganz das richtige Werkzeug in so jugendlichen Händen. Nicht … bei der Genese dieses Jungen!
7.5.1 - Unterm Himmelszelt … Klangschalen mit Mondphasen …
Nachts hörten sie Wölfe wie Coyoten in der Prärie heulen. Eng kuschelt sich Farsane im Halbschlaf in der Morgendämmerung beim schon halbwegs erwachten Achak an. So ein Tipi ist schon ganz gemütlich, wenn es mit genügend Fell ausgelegt wurde.
Vor ein paar Tagen waren auch Merlin und Malecantus – von wo auch immer her – zurückgekehrt und Merlin … hatte einen neuen Pullover an und sich über hiesige Mondphase gewundert – als kämen sie von weiters her! Sie hatten wohl nur shoppen wollen … sinniert Achak noch leicht müde, Farsane fest umschlungen im Arm haltend.
„Schläfscht du auch nisch scho rischdig?“, nuschelt es träge aus einem dichten Gewirr ihrer verwuschelt seidigen Haarpracht. Farsane streckt sich lang rekelnd an seiner Seite aus. Ein sanftes Verlangen entfacht sich in Achak, aber er hatte ihr versichert, sie nicht zu bedrängen. So lässt er nur zart seine Lippen ihren Hals aufwärts wandern und die ihren suchen. „Guten Morgen, Schöne der Nacht!“, summt er lächelnd dicht an ihrem Mundwinkel. „Wir haben noch ein paar Stunden, bis sich hier alles erhebt.“ Sacht streichen ihre Hände zur Erwiderung über seine unbehaarte Brust hoch und über Schultern und Arme wieder runter. Sie werden einander immer vertrauter … Farsane … immer bereiter … Aber nicht heut! Ist doch ein bisschen zu kalt … in so einem Zelt … für eine Orientalin!
Es ist recht frisch draußen, auch wenn sie jetzt weiter südwärts gezogen sind und die Tage schon milder als im höheren Norden werden. Die Liebenden rücken enger unter ihrem Bärenfell zusammen. Irgendwie hat das Tipi-Dorf draußen geglaubt, sie seien bereits formell vereint vorm großen Geist und eines armen Tieres gut gegerbte Ganzkörperbehaarung mutierte umgehend zum nachträglichen ‚Hochzeitsgeschenk‘.
Zuerst war die tierliebe Farsane furchtbar entsetzt. Jetzt gerade in diesem Moment ist sie jedoch dem dahingeschiedenen Vierbeiner dankbar, denn seine Haut schützt sie zusätzlich vor nächtlicher Kälte … neben der glutvollen Körperwärme Achaks, der sich gerade wieder ihren sanft geschwungenen Lippen widmen will als … Doch Farsane Handy brummt!
„Oh, Hallo Jack! Wieviel Uhr ist es gerade bei dir?“ Farsane setzt sich abrupt auf und nimmt den eingehenden Anruf lächelnd an, während Achak sich aufseufzend zurückfallen lässt. Er hat nichts gegen Jack Watanabe. Ganz netter Kerl.Aber manchmal ruft der zu den ungelegensten Zeiten an … Andererseits … pflegen die beiden Forscher gemeinsame Interessen, haben sie nach diversen Telefonwechseln festgestellt.
„Wo ist er gerade?“, hakt Achak nun doch etwas neugierig nach und stützt sich auf einen seiner Ellenbogen auf. Farsane stellt den Lautsprecher an, aber nur soweit, dass nicht alle Umliegenden in ihren Tipis wach werden. Die Köpfe dicht beisammen lauschen sie Jacks aufgeregter Stimme: „Ein Brief, ein Brief ist angekommen! Mongolei, sie waren in der Mongolei, als sie ihn abschickten und sie sind wohlauf!“ Man spürt förmlich Jacks Erleichterung, dass seine Exfrau und die gemeinsame Tochter Yuna bereits soweit auf ihrer Wanderung ins Land ihrer Ahnen vorangekommen sind.
Von irgendwelchen Blessuren oder Problemen auf der Reise hat Miyu nichts verlauten lassen, aber Jack weiß, dass sie das nur unterlässt, um ihn nicht zu beunruhigen. Später, wenn er nachkommen kann, wird er sicher Näheres erfahren. Ganz so einfach wird es nicht gewesen sein. Vor allem, wenn sie im Winter die nördliche Route wählten, wird das schon einen besonderen Grund gehabt haben. Aber der Brief hatte zumindest Zuversicht ausgestrahlt, dass sie es schaffen werden, ihr Ziel zu erreichen … Jack ist so selig und Farsane wie Achak drücken ihm und seiner Familie weiterhin fest beide Daumen. „Nach allem, was ich bisher hörte, können die beiden einiges meistern und wegstecken, Jack. Sie kommen sicher heil in eurer abgelegenen Skihütte Japan an! Bestimmt!“ Achak würde Jack wirklich gerne alle Sorgen nehmen können … Unglaublich, welches Leid seiner Familie widerfuhr.
Zwischenzeitlich hatten die ‚Buschtrommeln‘ weltweit funktioniert. Alle sind auch im Bilde darüber, was Keito angestellt hatte. Jack hat ihn von Kenia aus per Videochat gescholten, dass er Asante und Elani in die Flasche verbannte und allein loszog. Selbst Farsane hatte dem Jungen – obwohl sie ihn zuvor nicht persönlich kannte – telefonisch die Ohren langgezogen.
Hah! Das war Malecantus klug eingefädelte späte Rache an dem dreisten Burschen, der ihn so per Handy veräppelt hatte. Selbst Don El Artichocke hat dem Halbwüchsigen über die Entfernung hinweg zugesetzt. Ach, was ist so ein Mobilphon doch für eine feine Erfindung! Das hat selbst der nicht Technik affine Gregorius erkannt. Ha ha!
Mittlerweile wurde auch entdeckt, wer Keitos Mittelsmann ist. Sie entpuppte sich als Mittelsfrau … die kleine Nishay. Oh, da gab’s auch noch eine Abreibung von Tante Preity. Die schimpfte und schrie am lautesten, hatte man ihr doch glatt den Liebhaber direkt aus der nächtlichen Umarmung weggezaubert! Unverschämtheit! Nishay bekam Hausarrest! Keito konnte man schlecht welche erteilen, zumal es zeitlich dummerweise gut … reinspielte, dass er bereits gen Katmandu losgezogen war. Aber das … ließ keiner der Großwüchsigen diesen beiden halben Portionen von Teens gegenüber raus. Erwachsene können sich ohne weitere Absprache manchmal so einig sein!
„Das war doch eine sehr gute Nachricht am frühen Morgen. Ich habe vielleicht auch noch eine Überraschung für Jack!“, flüstert Achak Farsane ins Ohr, nachdem sie aufgelegt hat. „Aber es wäre etwas verfrüht gewesen, jetzt schon damit rauszurücken …“ Und damit hat der listige Fuchs wieder alle Aufmerksamkeit der grade noch nachgrübelnden Farsane auf sich gelenkt. „Wie? Was denn? Sag, schon Achak!“ Ihre glänzenden Haselnussbraunen Augen schimmern leicht im Halbdunkel des Zeltes durch das letzte hereinfallende Licht des untergehenden Mondes. Die nächste Nacht wird er voll sein. Draußen ertönt wieder ein Wolfsheulen.
„Wenn ich konkrete Antworten habe …“, lächelt Achak verschmitzt, “… sag ich’s dir auch als Erstes!“ Farsanes Protest über diese Fopperei wird kurzerhand mit einem leidenschaftlichen Kuss erstickt. „Mmmpppffffffff … … … Mhmmmmmmm!“
So langsam regt sich draußen doch die Dorfgemeinschaft … Na gut. Die Überfallene wird wieder frei gegeben. Ihren schnelleren Atem noch etwas regulierend streicht sie süß lächelnd ihre Finger spielerisch abwärts über Achaks bloße Brust Richtung Nabel und ein kleines Stück weiter. Überrascht hält Achak die Luft an und … flucht als Farsane keck grinsend wegspringt und ihn zwinkernd anzwitschert: „Wer zuerst am Badeteich ist …!“ Und schon hört er nur noch ein perlendes Lachen, dass sich schnell wie eine Gazelle aus dem Zelt und seiner Reichweite entfernt. „Verdammtes Wei…!“ Draußen am Fluss, wo auch die anderen baden und Wäsche waschen, wird er nichts anstellen können. Das hatte sie schnell gescheckt.
„Ok, Rache ist süß!“, schwört Achak lachend, obwohl er ja selber eben gerade für seinen Spaß mit ihr solche verdient hatte. Egal! Wird ein endloses ‚Geben und Nehmen‘! Achak freut sich schon auf weiteren Schlagabtausch. Farsane wird jeden Tag kesser. Ohhh jaaa! Halbwegs gefasst und nur das Bärenfell übergeworfen stiefelt er ihr gemächlich hinterher …
~~~~~~~~~~
Es sitzt schon alles zum Frühstück ums Lagerfeuer zusammen als Achak und Farsane eine Stunde später mit leicht geröteten Gesichtern hinzustoßen und alles wissend grinst.
Gar nichts wisst ihr. Haben nur geknutscht … Ich biete doch keine öffentliche Vorführung am Badesee. Für Unterhaltung sind Merlin und Gregorius da! Ein bisschen streng guckt Achak seine Landsleute an und alles wendet sich wieder den vorhergehenden Gesprächen zu, die kurzzeitig verstummt waren.
Ziemliches Stammesgemisch, was da zusammengekommen war, um sich die Show zweier Zauberer aus dem fernen Europa anzusehen. Die Berichte aus dem Casino der Bürgermeisterin Erdnuss und ihres Scharlatans hatten die Runde bis weit in die Prärie gemacht.
„Wo sind denn nun eure großen Raubkatzen, von denen ich hörte!“, wendet sich der Medizinmann rechts von Malecantus mit hochgezogenen Augenbrauen an den Magier. Moema hilft schnell aus, nachdem sie nunmehr erfasst hat, dass das Ganze eine magische Illusion und nur der Lykoi Kater als verwandelbares Exemplar zur Hand ist. Dummerweise ist hier kein ausreichender Rückzug für ein paar illusorische ‚Vorbereitungen‘ möglich. „Mussten leider zurückgelassen werden. Die Kapitänin des Raddampfers wollte einfach keine Gefahr eingehen. Falls die Tiere an Bord entwichen wären, hätten wir ja bei der Kälte alle über die Reling springen müssen …“
Amüsiert stellt Malecantus fest, wie gewitzt die alte Dame Geschichten mal so eben aus der hohlen Hand zu ‚zaubern‘ vermag. Er würde sie glatt zum Storytelling für die Rahmenhandlung seiner Zirkusnummern einstellen oder gar mit eigenem Show Act akrobatisch hoch zu Ross, während sie den Zuschauer*innen das Blaue vom Himmelszelt herunter erzählt.
Gregorius hat feststellen können, dass Moema eine hervorragende Reiterin ist, die selbst im vorangeschrittenen Alter noch im vollen Galopp rasant auf- und abzusitzen vermag. Puhhh, ihm war fast der Atem gestockt, als eines der mitgeführten Pferde wegen einem Coyoten wild scheute und sie es gemeinsam mit Enkel Achak wieder einfing.
In Fall des Schamanen in ihrer Mitte nützen Moemas Fantastereien aber gerade gar nicht. Denn d a s scheint sie nicht zu wissen …, wenn es überhaupt kaum jemand in der Runde ahnt. Der Medizinmann wie auch Malecantus jedoch spüren gegenseitig genau, was sie hinter ihren Fassaden tatsächlich sind. Immer wieder lässt er der alte Ureinwohner seinen Blick über die beiden Magier schweifen. Auch Merlin ruckelte schon unruhig bei dem ersten Zusammentreffen herum. Der Schamane war heute Morgen als Letzter aus einer weiter nördlich von hier gelegener Region eingetroffen.
Malecantus mustert gleichermaßen fast unmerklich seinen Sitznachbarn. Fehlt nur noch, dass er gleich die Zähne bleckt. Will er mich vor allen aus der Reserve locken oder nur deutlich machen, dass er Bescheid weiß? Diese Nacht ist wundersamerweise bereits Vollmond … Die erste Begegnung ließ ja nicht lange auf sich warten. War das Vorhersehung von dem Geist aus meinem Turm? Dass die Zeit aber auch zwischen dort wie hier so unterschiedlich ticken muss. Abwägend schaut Malecantus den als ‚Lonely Wolf‘ vorgestellten Medizinmann an. Gut gewählter Name und recht unauffällig hier! Ihm gegenüber sitzt nämlich Crazy Horse!
Ein Schmunzeln gleitet abschließend übers Gesicht von Lonely Wolf, begleitet von einem wohlwollenden Kopfnicken. Mit Moema als schwindelndem Begleitschutz werden die Magier von ihm akzeptiert. Es hat alles für ihn seine Ordnung und auch Bürgermeisterin Erdnuss ist ja eine Fürsprecherin der beiden und von gleicher magischer Art.
Tanuís Blick wandert zwischen allen hin und her. Wie die sich beäugen! Hier läuft doch wieder was und nur ich bin nicht eingeweiht. Fragend schaut er Moema an seiner Seite an, die sich seiner auf der gemeinsamen Reise etwas mehr angenommen hat.
Doch die wollte nur helfen einen Magier zu tarnen, weil sie verstanden hat, dass Gregorius damit nicht hausieren geht. Tja, Okkulte … können sich aber kaum voreinander verstecken, wenn sie sich direkt gegenüberstehen oder … -sitzen.
Malecantus versucht noch abzuwägen, ob seine Landsleute über ihn Bescheid wissen. Ein leichtes Zwinkern, das ihm da vom Medizinmann entgegengebracht wird, scheint eher das Gegenteil zu bestätigen. Lonely Wolf hatte also nur erproben wollen, wie offen ich mit meinen Fähigkeiten umgehe. Die vorgeblichen Raubkatzen interessierten ihn gar nicht.
Der erfahrene Magier und der alte Werwolf grinsen sich gegenseitig wissend an. Sie verstehen nun einander ohne große Worte. Merlin bleibt noch auf der Hut. Und Achak … beobachtet still. Mittlerweile hat er begriffen, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt … als man heutzutage gemeinhin weiß. Es ist wohl einiges an Wissen verschüttet und ins Reich der Legenden abgedriftet. Achak fängt an, die alten Geschichten, die er von Moema an nächtlichen Lagerfeuern von Kindesbeinen an hörte, neu zu interpretieren. Und was Farsane so aus ihrer Heimat berichtet … diese Flaschengeistersache. Noch einmal sieht sich Achak Loney Wolf genauer an und die Blicke, die der mit Malecantus teilt. Die beiden haben doch etwas gemeinsam, etwas … Verborgenes!
Von Jack hatte Achak vor ein paar Tagen über Phone zudem noch erfahren, dass es Blutsaugende Wesen gibt, von denen der Kollege aber persönlich nur sich vegan ernährende kannte. Er und seine Exfrau Miyu hatten in einem ökologisch orientierten Gemeindezentrum Bekanntschaft damit gemacht. Es gibt noch so viel auf der Welt zu lernen. Wahnsinnig viel Neuland in kurzer Zeit … Achak ist gespannt darauf, Jack persönlich zu begegnen. Denn genau darum geht es bei seiner Überraschung, die er für Farsane und ihren alten Bekannten noch parat hat. Liebevoll lächelt er die junge Frau an, die sich sehr interessiert an seiner Forschungsarbeit zeigt.
„Weißt du …“, hatte sie ihm neulich erklärt, „…ich hatte deswegen so viel Freude an der Arbeit mit älteren Menschen, weil mich ihr Lebenserfahrungen und alte Geschichten sehr interessierten - das, was sie von Generation zu Generation weitertragen. Ich konnte Moema stundenlang zuhören und auch den anderen. Und jetzt erfahre ich mit deinem Beruf noch viel mehr … Das ist alles so spannend! Das ist wie mit den großen Weisen aus meiner früheren Heimat, den wirklich altehrwürdigen und nicht im Geist erstarrten. Solchen, die Malecantus einst besuchte, um die Sterne besser zu deuten …“
Achak war so gerührt und noch mehr an ihrem guten alten Freund Jack interessiert gewesen, weil er nun verstand, welche fachlichen Interessen die beiden einst verband. Farsane hatte in Persien bei Grabungen und Forschungen mitgewirkt, aber nie Gelegenheit für ein Studium gehabt. Sie hat … Vorkenntnisse. Wie wunderbar für Achak, dass er genau diese Frau getroffen hat. Welch wundersame Wege führte sie zusammen.
Manitu ist groß und mächtig. Achak glaubt’s zum ersten Mal wirklich.
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Es gab nach der Zaubershow am Nachmittag unter freiem Himmelszelt noch nachgehend ein vertrauliches Gespräch zwischen Lonely Wolf und der Reisetruppe um die beiden Magier. Nun sind alle auch über den Medizinmann im Bilde und Achak wie auch die anderen Nicht-Okkulten ihrer Gruppe recht fasziniert, was es nicht alles noch so unter der Sonne auf Erden gibt. Tanuí wagt sich nun auch, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, seine unterseeischen Erlebnisse mit Meereswesen einer größeren Runde zu offenbaren. Verboten hatten sie es ihm ja, die Atlantiden. Aber in dieser verschworenen Gemeinschaft … müsste es doch ok sein, oder?
„Ein Unterleib wie ein Fisch?“, hakt Lonely Wolf nochmal neugierig nach und leckt sich leicht über die Lippen … „Du Unhold!“, lacht Moema schelmisch und klopft ihm leicht auf den Arm. „Worüber denkst du denn gerade nach?“ Der bereits ergraute Schamane kontert keck: „Über den von dir wunderbar gegrillten Fisch heute Mittag, meine liebe Moema!“ Die betagte Seniorin schmunzelt dazu nur kurz. Lonely Wolf verfügt über einen verschmitzten Humor, altes Wissen um Kultur und Naturschätze wie zum Beispiel das Peyote-Ritual. Moema ist sich sicher, dass sie sich hervorragend ergänzen, um den nicht mehr vorhandenen Büffelherden nachzujagen. Farsane ist entzückt, wie die beiden grauen ‚Wölfe‘ sich gegenseitig ermuntern, bloß die Erde und Füße nicht stillstehen zu lassen wegen so etwas Nebensächlichem wie dem Altern.
Es gibt kein Altenteil in der Prärie, auf das man sich zurückzieht. Lonely Wolf zieht nach wie vor über die weite Ebene, um jedem Tipi seine Hilfe anzubieten. Gerne legt er auch in Achaks Pueblo einen Zwischenstopp ein, wenn die reizende Moema mit von der Partie ist …
„Es ist bald soweit!“, lenkt Malecantus die Aufmerksamkeit nun wieder auf die eigentliche Aufgabe dieses Zusammentreffens. Merlin hat mit Achaks Hilfe alles für eine Online Übertragung der bevorstehenden Zeremonie in Katmandu zusammengestellt. Sie haben sich in eines der Tippis zurückgezogen.
Auf dem Bildschirm erscheint eine ganz in Safran gefärbtem Gewand gekleidete tibetische Nonne, mit der nun letzte Vorbereitungen zu treffen sind. „In knapp einer Stunde wird hier der Vollmond aufgegangen sein. Dieser junge Mann an meiner Seite hat alles technisch wunderbar eingerichtet!“, weist sie auf den halbwüchsigen Keito neben sich. Der blickt etwas kleinmütig drein, nach so viel Erwachsenen Schelte im Vorfeld und …, weil er nicht weiß, was ihn gleich erwartet.
Farsanes Augenmerk richtet sich besonders auf die Flasche neben dem Jungen. Sie ist ganz gespannt wie so eine Loslösung von dem Gefäß für die Dschinns funktionieren wird. Selbst Jack ist aus Kenia zugeschaltet. Das Wohl der Ogbandas liegt ihm sehr am Herzen. Farsane winkt kurz via Bildschirm rüber: „Hi, Jack!“
Aus einer anderen Ecke grüßt eine etwas schuldbewusst dreinblickende Nishay mit streng die Brauen runzelnde Tante Preity an der Seite. Zaghaft hebt sie ihre Hand, um Keito kurz zuzuwinken. „Dass mir Asante ja unversehrt bleibt!“, mahnt Preity in Richtung Keitos wie auch der Nonne. Sie will ihren Liebhaber heil und unversehrt im ganzen Stück wiedersehen. Ansonsten grüßt sie nur mit dem Kopf nickend kurz wortlos in die Runde, bass erstaunt, wer sich noch so alles um die Familie Ogbandas sorgt.
Unten rechts auf dem Bildschirm steckt eine ganz bunte Bande die Köpfe zusammen. „Der Empfang ist etwas schlecht!“, stöhnt Don El Artichocke aus der WiWo-Redaktion. „Hi Jack, altes Haus!“, schiebt er noch lächelnd nach. Einige andere Figuren kannte er bislang nur vom Hörensagen und schaut sich neugierig um.
Malecantus hingegen konzentriert sich auf das Hauptbild auf dem Monitor, lauscht den Hinweisen aus tibetischen Gebetsrollen, die nun vor ihnen aufgedröselt werden. „Also …“, und damit blickt die Nonne im Safrangelben Gewandt abwechselnd über ihren Brillenrand hinweg in Keitos wie auch Gregorius Richtung, „… trefft eure Wahl wie die Flaschengeister ‚erlöst‘ werden sollen:
· Komplettlösung von der Flasche unter Verlust aller magischer Fähigkeiten – rote Klangschale – 70.000 Rupien
· Dschinn und Dschinnie mit allen magischen Vorteilen bleiben, aber eigene*r Herr*in sein – goldene Klangschale – 50.000 Rupien · Eigenständiges Kommen und Gehen ohne Ruf, aber dienstbarer Geist seines/r Flaschenmeister*in bleiben – grüne Klangschale – 30.000 Rupien
Vorkasse wird erbeten!“
Minutenlanges Schweigen hier wie auch in allen anderen zugeschalteten Erdteilen. Dann brabbelt plötzlich alles wild durcheinander:
„Äh, nochmal, was gab‘s, ähm, bei grün?“ „Bekommen wir das noch schriftlich?“ „Also, ich glaub, rot klang doch ganz gut …“ „Nein, nein auf jeden Fall Gold!“ „Was gab’s nochmal bei Gold?“ „Hat der Junge überhaupt genug Rupien dabei?“
Skeptischer Blick der Nonne zu dem jungen Mann neben ihr, während sie die Klangschalen in Position bringt. „Ich will ja nicht drängeln, aber in knapp zwanzig Minuten ist es soweit … Der Vollmond zieht hier bald herauf.“
Wieder beginn eifriges Gewisper. Malecantus versucht zu ergründen, was Keito an Barschaft bei sich trägt, ohne der handelstüchtigen Nonne gleich auf die Nase zu binden, dass der Junge vielleicht nicht flüssig genug ist. „Und woher wissen wir, dass einfach nur mithilfe dieser Klangschalen das Ganze unter Vollmond so funktioniert wie angepriesen?“, verlangt der Magier Auskunft.
„Habt doch ein wenig Vertrauen …! Seit tausenden von Jahren schon finden diese göttlichen Schalen Anwendung und haben noch nie ihren Dienst versagt!“ Nun beugen sich alle in der Metallurgie Wissenskundigen am Bildschirm doch etwas ungläubig vor, um diese Wunderdinger von Klangschalen näher in Augenschein zu nehmen. „Mhm, schon in der Bronzezeit gegossen oder was meinst du, Achak?!“, frotzelt Jack ein wenig sarkastisch. „Na klaro!“, zwinkert Achak dem Fachkollegen unten links im Bildschirm grinsend zu.
„Haben wir denn … eine Wahl?!“, wirft Moema ein und Farsane unterstützt sie tatkräftig mit gebetsartig gefalteten Händen und dem Hinweis, dass die Zeit verrinnt: “Nur noch zehn Minuten! Bitte verstimmt doch nicht diese weise Frau mit euren Zweifeln. Es gibt mehr zwischen Sonne und Erde als wir zu glauben wagen …“ Lonely Wolf stimmt ihr bedächtig den Kopf hin und her wiegend zu: „Es hängt mehr vom Mondstand ab, haltet euch nicht zu sehr mit dem Alter der Klangschalen auf. Ich denke, die Gute meinte eher, dass diese Art von Schalen schon so lange im Einsatz sind und ihre Herstellung immer ausgereifter wurde mit der Zeit. Es sind die Töne der Schalen, deren Schwingungen in Gleichklang mit den Wellen der richtigen Mondphase zu bringen sind. Nicht wahr?“ Das Wölfische und Mondgebundene im alten Schamanen lässt ihn das Zeremoniell erahnen.
Freundlich nickt die Nonne zu den Worten von Lonely Wolf. Zweifler wie Malecantus sind ihr nicht neu. Sie ringen ihr nur ein nachsichtiges Lächeln ab. „Ja!“, bestätigt sie mild. „Es geht um die Resonanzen, die Weite der Schwingungen. Wenn die Auslenkungen der jeweiligen Amplituden das höchste Maß erreichen, wird etwas Unumkehrbares mit der Flasche und den an sie gebundenen Wesen geschehen … Und das sehr unterschiedlich nach Klangweiten! Bittet mich jetzt nicht um weitere Erklärung, denn die Zeit drängt. Es sind nur noch drei Minuten … Oder wir versuchen es erst wieder … zum nächsten vollen Mond!“
Die Nonne schaut sich in der Runde um: „Wer trifft denn nun bei euch die Entscheidung? Rot, Gold, Grün? Eine Minute noch!“ Sie hebt den Klöppel über die drei vor ihren stehenden Schalen …
Alles starrt gebannt auf Keito, der fieberhaft den Inhalt seiner Briefbörse fleddert und zu ergründen versucht, wo der Haken bei Gold sein könnte …
„10, 9, 8, 7 …“, zählt die liebenswerte tibetische Flaschenbeschwörerin vergnügt den Countdown runter …
„Gold! Für 50.000 Rupien!“, knallt Keito den Zaster noch rechtzeitig auf den Tisch und der Klöppel in der Hand der tibetischen Nonne senkt sich in die mittlere Klangschale. Sie beginnt, durch kreisende Drehungen an der metallenen Innenwand ein anfängliches leises Sirren mit letztendlich zunehmendem Resonanzton zu erzeugen, der in einem brachialem Crescendo endet, als der Vollmond über Katmandu am höchsten steht.
Alles schaut sich gegenseitig in der plötzlich einsetzenden Stille irritiert an – auf dieser wie der anderen Erdhalbkugel und … den Erdteilen dazwischen auch. „D a s … war’s?“, wagt Keito zweifelnd die fein lächelnde Nonne zu fragen.
„Schau nach oben!“, weist diese den Jungen nur an. Leicht perplex erspäht Keito über sich in dem plötzlich offenen Dach einen Furchteinflößenden Blutmond, umgeben von eigenartig gleißenden Lichtern, die im nächsten Moment wie blinkende Sternentaler auf sie hinabrieseln. Die Flasche neben ihm beginnt zu klappern … eigenartig zu pulsieren. Nebelartige Schwaden entströmen dem Gefäß, hüllen Keito vollkommen ein, bis er sich darin nahezu auflöst, nicht mehr materiell oder von dieser Welt ist.
Leicht panische Gedanken machen sich bei der Runde auf amerikanischer Seite breit. „Was wird das, Gregorius? Ist das alles noch koscher?“ Merlin drängt sich haltsuchend an den Geliebten, Achak umfasst erschrocken Farsane, als befürchte er fast, die geisterhaften Schwaden könnten durch den Bildschirm auf sie übergreifen. Moema und Lonely Wolf stecken die Köpfe zusammen, um zu beraten, ob alles noch seinen richtigen Gang gehe.
„Ich denke … schon!“ lautet Malecantus leicht gepresste Antwort auf Merlins Frage. Er visiert nur die Gesichtsausdrücke der Nonne an, um zu ergründen, ob sie ein sauberes Spiel treibt. Ihr keckes Augenzwinkern gilt allein ihm, dem erfahrenen Magier, der sich in seine orientalische Studienzeit vor über 600 Jahrhunderten zurückversetzt fühlt. Ja, ich hatte einige dieser geheimnisvollen Rituale zur Geisterbeschwörung erlebt. Manche setze ich auch heute noch selber ein. Dieser ganze Kristallkugelbudenzauber ist morgenländischer Abstammung. Dieses Zeremoniell jedoch … ist Neuland für mich!
Die Dunstwolken ziehen sich allmählich zurück und alle drei Ogbandas nehmen feste humanoide Gestalt an. Sie sehen … eigentlich aus wie vorher - stecken nur nicht mehr in der Flasche. Asante und Elani mustern sich erst gegenseitig, dann die eigenen Finger, Hände, Leiber auf Vollständigkeit hin und danach verwundert all die anderen Sims am Bildschirm.
Wieder herrscht einige Sekunden Stille und dann folgt erneutes Durcheinander an Palaver …
„Merkt ihr schon was?“ Jack lächelt erlöst ... von Kenia aus. „Irgendein Unterschied?“, ergänzt Achak den Kollegen - ganz vergleichender Forscher – auf amerikanischer Seite. „Noch alles heil?“ Das stammt von Preity aus Indien - immer noch ganz besorgt, ob alles im Ganzen an Asante drangeblieben ist. „Probiert doch mal was aus …!“, schlägt Don vor, der so richtig Anteil an Familie Watanabe und Ogbanda nimmt. „Äh, was denn genau? Was sollen die jetzt können?“ Merlin wills genau wissen. War die Kohle gut eingesetzt? Die richtige Schale gewählt?
„Ruuuuuhe verdammt nochmal!“, donnert Asante los. „Wer hat jetzt hier wirklich was zu sagen und klärt uns auf? Und wehe, Keito, du hast uns in noch Schlimmeres reingeritten!“ Keito zieht vorsichtig den Kopf ein. Wenn Asante mal sauer wird, ist nicht mit ihm zu spaßen, hat der Teen schon leidvoll festgestellt. Zum Glück kommt das nur sehr selten vor … häufte sich aber letzthin … ein wenig, woran Keito nicht ganz unschuldig war.
Malecantus beschwichtigt jetzt tatsächlich mal den leicht erzürnten Oheim - sehr zum Erstaunen des Jungen. Schließlich hatte der Magier den Teen vor ein paar Tagen noch zum Teufel gewünscht. „Gemach, gemach, Asante. Es war zwar purer jugendlicher Leichtsinn der beiden …“, deutet der Magier auf die zwei Halbwüchsigen am Monitor hin. „Aber letztendlich … wart ihr damit zur rechten Zeit bei Vollmond in Katmandu. Lasst uns jetzt lieber schauen, was Keitos Wahl bedeutet!“
„Oh ja!“, pflichtet Preity bei – auch wenn sie bedauert, dass sie wohl jetzt nicht mehr Herrin eines liebenswerten Flaschengeistes ist. Aber Asante ist ihr ja auch so zugetan und kehrt hoffentlich bald an den gemeinsamen Studienort zurück, wenn seine Mission erfüllt ist. Und tatsächlich finden seine Augen gerade die ihren und senden einen liebevollen Blick mit leicht zum Luftkuss geschürzten Lippen. Beglückt küsst und lächelt sie zurück.
„Also, eure spezielle magische Fähigkeit, die ihr nun besitzt …“, hebt die tibetische Nonne erklärend an, „… ist das eigenständige Aufsuchen und Verlassen der Flasche! Ihr seid aber … an niemanden mehr gebunden!“
Tja, selbst der Teen Nishay schaut jetzt etwas bedauern. War nicht das Schlechteste, Keito nach Belieben befreien oder einsperren zu können …
„Und der Haken an der Sache?“, Malecantus ist wachsam, fixiert die Nonne mit seinen irisierenden Augen.
„Nun!“, feixt die feine alte Dame unbeeindruckt zurück, denn über die Entfernung kann Malecantus nicht viel verrichten. „Es sollte immer eine*r der drei draußen Wache schieben und nicht alle zusammen ungeschützt in der Flasche nächtigen.“ Elani schaut die Nonne mit großen Augen an. „Wieso, was passiert dann?“
Beschwichtigend hebt die Tibeterin beide Hände: „Keine Bange! Nichts automatisch, wenn die Flasche an einem sicheren Ort steht. Aber … solltet ihr mal auf die Idee kommen, alle drei so … zum Beispiel … an einem Strand in der Flasche zu weilen, weil es halt günstig ist und ihr Kohle und Energie damit spart … und jemand käme zufällig vorbei … Äh, kennt ihr vielleicht diese verstaubte Fernsehserie …?“
Asante schnauft etwas ungeduldig: „Ja, was? Nun mach’s nicht so spannend …“
*Krschschschschsch …*
„Oh die Verbindung nach Katmandu ist zusammengebrochen!“
„Mist, genau jetzt!“
„Asante, mein Schatz … Neeeeeiiiiiin!“
Allgemeines Fluchen. Merlin versucht eiligst, den Kontakt wieder aufzubauen … Ohne Erfolg!
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Farsane, Achak und Jack nutzen noch eine Weile den Video Chat gemeinsam weiter, als die anderen sich zurückziehen. Die Verbindung zu den Ogbandas konnte nicht wieder hergestellt werden. Sie müssen warten … bis sie sich wieder melden können.
„Wie geht’s dir, Jack?“, erkundigt sich die ehemalige Pflegekraft fürsorglich bei ihrem früheren Retter und gutem Freund. „Froh wie besorgt zugleich, Farsane. Was soll ich sagen?!“ Jacks Mine spiegelt seine leicht bedrückte Stimmung wider. „Es ist so schade, dass wir Miyu und meine Tochter nicht erreichen können, bevor sie nicht den ganzen Weg zurückgelegt haben. Dabei … wäre er doch gar nicht mehr nötig. Andererseits wird Yuna wohl immer leiden, befürchte ich. Das Tattoo unserer Ahnen, das sie sich wünscht, kann vielleicht ein wenig ihr geschundenes Gemüt heilen.“
Achak empfindet unendliches Mitleid mit dem Kollegen und seiner Familie. So ein junges Ding und schon so erdrückende Erfahrungen in jungen Jahren, diese Yuna. Vielleicht ist es eine Erlösung zu erfahren, dass der Sohn dieses Unholds … ihr nichts nachträgt, sie sucht ... Achak drückt Keito und den beiden anderen Ogbandas alle Daumen, dass sie Miyu und ihre Tochter finden. Nachdenklich zieht er Farsane neben sich enger zu sich heran auf seinen Schoß. Und ich bin Jack so dankbar für Farsanes Erlösung von ihrem Ungemach. Liebevoll küsst er spontan die Wange der jungen Orientalin: „Ich bin so froh, dass es dich gibt, Liebste!“
Kurz schaut Farsane irritiert wie beglückt lächelnd auf. Was geht ihm gerade durch den Kopf? Im Moment so besonders schmusig? Jack sitzt doch vor dem Bildschirm! Die Perserin ist immer noch etwas zurückhaltend in der Öffentlichkeit … Andererseits … es ist nur Jack! Beherzt, haucht Farsane Achak nun ein Kussmäulchen zu. Jack auf der anderen Seite des Monitors lächelt nachsichtig. Er freut sich aufrichtig für Farsane. Und sogar noch ein Kollege … Sehr schön. Haben wir gleich Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff!
Sich selbst von der Tändelei auf dem Bildschirm vor ihm ablenkend fragt Jack einfach mal Achaks aktuelle Forschungstätigkeit nach. Er war selber lange Zeit in Lateinamerika unterwegs gewesen, im Norden des Doppelkontinents dagegen kaum: „Mein Forschungsauftrag hier in Kenia ist bald abgeschlossen. Was macht die nordamerikanische Anthropologie gerade, lieber Kollege?“ Nun ist es an Achak, geheimnisvoll zu lächeln, als hätte er eine Überraschung aufzubieten. Er ist gespannt auf die Augen, die beide hoffentlich gleich machen werden: „Nun … die ruht gerade ein wenig. Ist nicht mein einziges Steckenpferd. Ich erwartete noch ein paar … Auftragsbestätigungen für mein nächstes Projekt. Und die kamen … heute im Laufe des Tages …“ Achak lässt feixend einige Zeit verstreichen …
„Also ehrlich! Jetzt spann uns nicht auf die Folter!“, knufft Farsane ihn keck in die Seite. „Muss ja was Besonderes sein!“, mutmaßt Jack nicht minder neugierig.
„Was sagt ihr zu mesoamerikanischer Pyramiden- und Legendenforschung? Angeblich soll tief im Dschungel einer der letzten unentdeckten Tempel stehen und seine Geheimnisse noch nicht preisgegeben haben. Er sei übersät von nicht entschlüsselten Hieroglyphen und nach uralter Art durch Flüche, Giftpfeile und Sonstiges geschützt!“ Wie Achak annahm, beginnen Jacks Augen zu leuchten. Auch Farsanes haselnussbraune strahlen vor Aufregung. Hoffentlich nehmen die beiden mich mit auf die Reise ...
„Du Glücklicher!“, seufzt Jack ein bisschen neidisch. „Abenteuer, Aufregung und den Tod vor Augen fast gewiss! Was gibt es Erbaulicheres für Forscher*innen?“ Noch einmal schnauft Jack tief durch. „Ich muss mich erst noch um einen nächsten Auftrag kümmern, aber irgendwie muss ich ja auch noch nach Japan im späten Frühjahr!“ Der mit Miyu vereinbarte Flug Trip von Kenia aus wird nicht ganz billig. Jack muss eisern sparen.
„Und das habe ich schon getan, Jack! Mich um deinen nächsten Job gekümmert …“ Achaks Grinsen vertieft sich. Farsane wird ganz hibbelig und Jack guckt recht fragend.
„Du bist eingeladen … im Auftrag von National GeoSimlandtics mit in dem alten Mayatempel zu forschen. Flug, Anreisekosten und Herberge – na, du kennst das ja, die Art von lokal angepasster Unterbringung – werden übernommen. Ich hab‘ dich ... nämlich vorgeschlagen. Wird mir eine Ehre sein, Jack! Und du kommst natürlich auch mit, Liebste!“ Jack und Farsane sind einen Moment sprachlos, sitzen mit offenem Mund und staunenden Augen da.
Dann plötzlich der Überfall. Achak wird voll abgeknutscht. Farsane lässt Küsse auf sein Haupt regnen. „Du … bist … so … wundervoll!“, bringt sie atemlos lachend zwischen einigen dieser Liebesergüsse gerade noch so raus.
Jack hätte Achak dafür auch fast abgeknutscht, wenn das durch den Monitor möglich wäre. So entbietet er ein High Five, dass Achak irgendwie mit einer freien Hand gerade noch am Bildschirm hinkriegt, bevor er und die stürmische Farsane hintenüberfallen. „Du Glückspilz!“, lacht Jack laut und setzt gleich hinterher: „Ach, ich Glückspilz. Ich freue mich auf den Auftrag und darauf, euch live zu sehen und … es ist sogar noch dichter an Japan dran! Das Leben ist doch schön …“ Als wäre gerade ein Sterntalersegen auf ihn herabgeregnet.
Tanuí, Lonely Wolf und Moema hatten sich ein wenig in die Stille der Prärie zurückgezogen, während Malecantus und Merlin anderswo grübeln wie man die Ogbandas unterstützen kann. Und irgendwie wollten sie noch in einem riesigen Kessel ein Nachtmahl für sich kochen oder so ähnlich ...
„Du warst also auf einem der Sterne da oben? Beeindruckend!“ Lonely Wolf hat Interesse an dieser kleinen sonderbaren Truppe gefunden und auch an der reizenden Moema neben ihm. Zu Dritt liegen die beiden Angehörigen der First Nation und der Inselmann aus pazifischen Gefilden im südlichen Grasland auf dicht gewebten Decken nebeneinander und starren entspannt in die blinkenden Lichter einer recht klaren Nacht hoch, die nur zeitweilig von ein paar Wolkenfetzen durchzogen ist.
„Neeein! Nicht auf einem Stern! Aber irgendeinem Planeten daneben. Die Sterne sind Sonnen, soweit ich jetzt weiß.“ Tanuí fühlt sich sehr wohl neben den beiden Senioren. Als hätte er so etwas wie … Eltern wiedergefunden – obwohl sein Vater viel jünger war wie auch seine Mutter. Irgendwie nehmen die beiden ihn ein wenig in ihre Mitte und Fürsorge auf. Merlin und Malecantus sind zwar sehr hilfsbereit, aber oft auch mit ihrem magischen Kram beschäftigt, von dem er ausgeschlossen ist.
Moema spürt die traurige Einsamkeit des jungen Mannes schon, seit sie sich im Casino begegnet sind. Es muss erdrückend sein, so schwere Schuld zu tragen, aber er zeigt so viel Reue und Liebenswürdigkeit. Wie hatte es nur soweit kommen können, dass er sein Volk, seine Familie verriet?
Ein bisschen hatte die agile Seniorin schon mit Lonely Wolf allein über den Inseljungen gesprochen. Der Schamane ist ein alter entfernter Bekannter aus früheren Tagen … Man hatte sich in den letzten Jahren fast aus den Augen verloren … Erst recht, als Enkel Achak Moema in dieses Pflegeheim steckte, aus dem sie mit Hilfe von Farsane wieder entflohen war …
Einst war Lonely Wolf selber als Jüngling von seinem Stamm ausgestoßen worden, nachdem man seine Wandlung entdeckte. Der Wolf als Totemtier ok, aber selber einer werden …? Das ging dem Dorf zu weit! Heute ist Lonely Wolf ein Einsiedler, ein Wesen zwischen den Welten und wandernder Medizinmann, dessen Heilkunst allseits geschätzt ist. Er ist einer der Letzten seines damals schon recht dezimierten Stammes … und weiß, wie es sich anfühlt, als junger Mann kein Volk mehr hinter sich zu haben, keine Familie mehr an der Seite …
Viele Geschichten rankten sich um Lonely Wolf, so dass man ihn nie zu nah an sich heranließ. Auch als frühe Witwe allein mit einer Tochter – Achaks Mutter - hielt Moema einen gewissen Abstand vor Getuschel. Heute … mit ihrem jetzigen Wissen … ist ihr das schnurzegal. Und nach ein paar Schlucken ihres Peyote-Spezialtees allemal.
„Lonely Wolf kennt sich mit den Sternenbildern unter freiem Himmelszelt aus und … der endlosen einsamen Weite!“, ermuntert Moema den jungen Mann in ihrer Mitte sich auszusprechen, sich ruhig mal die ganze Last von der jungen Seele zu reden, bevor sie noch schwereren Schaden nimmt.
„Über dem offenen Ozean dienten sie uns als Wegweiser!“, flüstert Tanuí leise in die Nacht. „Und wir mussten auch früh die Veränderung der Sternenbilder verstehen lernen … über die Weite der Strecken hinweg, die wir manchmal auf unseren Kanus zurücklegten … zu anderen Inseln. Takatuka war nicht mein Geburtsland.“ Der junge Mann stockt einen Moment. Lonely Wolf und Moema lauschen einfach nur, unterbrechen nicht, drängen nicht …
„Oft lagen wir auch so da … sahen in die Sterne hoch, Lotta, Mae und ich!“ Zögernd wagt sich Tanuí weiter vor. Er hatte es jetzt schon ein wenig den Magiern erzählt, den Pazifiden und weiß, dass eigentlich alle schon wissen, was er getan hat … Und dennoch durchlebt er immer wieder diesen tragischen Moment, fragt sich zum hundertsten Male wie er an diesen Leutnant von Batuu geriet und … an ihm hängen blieb. So wie jetzt … hatte er es noch keinem erzählt ... „Er käme von diesem Stern, sagte er!“ Tanuí deutet etwas unbestimmt ans Firmament. „Ich wollte ihm erst nicht glauben! Hielt es für einen Scherz, aber … es gab kein Boot, kein Schiff, mit dem er gekommen sein konnte! Ich hatte mich überall am Strand umgesehen!“
Tanuí schweigt einen Moment, lässt die Bilder ihrer ersten Begegnung wieder vor seinem inneren Auge entlangwandern: „‚Rede mit niemandem. Ich werde dir noch mehr zeigen, das weit über deinen Verstand hinaus geht. Ich werde dich befreien, denn dies … ist kein Paradies! Es ist … ein Gefängnis! Dein Untergang!‘ So sprach er mit mir und … nach und nach glaubte ich ihm!“ Einen Moment muss sich der junge Inselmann vor sich selber und der Erinnerung an den eloquenten Leutnant schütteln.
Irritiert horchen Moema wie Lonely Wolf auf. „Was hat er dir denn vermittelt, dieser merkwürdige Leutnant, was … so anders oder besser außerhalb deiner Insel sei?“ Der Medizinmann fasst sich als erstes ein Herz, mal nachzuhaken, welchem Irrglauben Tanuí denn aufsaß. „Na ja, es klang so … allgemeingültig, dass eigentlich überall sonst die Männer auf der Welt herrschen … Im ganzen Universum. Bei allen Tieren! Und dass es ein natürliches … Recht sei von … Anbeginn!“ Tanuís Stimme wird leiser … „Und da fing ich an zu glauben, dass nicht Lotta … oder meine Tochter … Häuptlinge werden sollten! Die Erklärung kam mir recht … damals! I c h wollte meinem Vater nachfolgen. Dabei hatte so etwas nie zuvor … eine Rolle auf unserer Insel gespielt. “
Moema kann bei allem Verständnis für einen verirrten jungen Geist aber gerade doch kein gereizt empörtes Aufstöhnen zurückhalten: „Überall? Ja?!“ Lonely Wolf muss breit grinsen: „Mitnichten! Einige unserer Stämme haben sich das weibliche Erbrecht von Alters her auch noch nach den Ursupator*innen dieses Kontinents halbwegs erhalten können!“ Nun muss auch Moema gnickern: „Bei den Bisons führt eine Leitkuh durch die Prärie!“ Schallend lachend ergänzt der Schamane: „Bei den Elefant*innen durch die afrikanische Savanne auch!“
Immer noch kichernd stützt sich Moema seitlich auf: „Und jetzt noch das Beste obendrauf! Wisst ihr, wer bei den Sixamer*innen den Nachwuchs meist auf die Welt bringt – fast wie bei Seepferdchen? Frau Bürgermeisterin Erdnuss hat es mir erzählt! Ihr Hinterhältiger Scharlatan hat den Kleinen ausgetragen – dank der Erfindung eines Pilzomeletts von dem Planeten.“
Auch Tanuí kann etwas dazu beisteuern, wirkt leicht angesteckt von der aufgeheiterten Stimmung. Er hatte sich genau die Richtigen zum Erzählen ausgesucht: „Jayyden Lexxo – also ein tatsächlicher Sixamer, sogar ein Oberkommandeur - hat auch seine Tochter selber geboren und keine*r denkt sich dort was dabei! Ich glaub, … deswegen kann dieser Leutnant von Batuu die Sixamer wohl nicht ausstehen! Das verstand ich anfangs nicht, warum er immer so bräsig auf die wurde. Das war wohl alles gegen sein engherziges Weltbild gerichtet.“ Tanuís Blick wandert wieder nachdenklich zu den Sternen hoch … Bald wird er mit Jayyden, Merlin und Achak dort oben sein …
Und in nicht mehr allzu weiter Ferne werden die Sterne meiner Orientierung über den weiten Pazifik dienen.„Ich würde mein letztes Hemd hergeben …, wenn ich bei meinem Volk alles wieder rückgängig machen könnte – diesen übermächtigen Überfall von Batuu.“ Tanuí sucht den Sternenhimmel nach vertrauten Mustern ab.
„Dein letztes Hemd? Kennst du das Märchen von den Sternentalern …?“, fragt Moema sanft in die dunkle Nacht hinein. Sie wünscht dem jungen Mann alles Glück, dass er braucht … auf seiner Busse Überfahrt nach Takatuka.