0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschichten um Lotta und Co. hier in 🌺 HERLAND weiter - ein Stück weit im Crossover mit den 📜 WiWo News. Wer weiß, vllt. mengt sich irgendwann sogar noch ein wenig P. mit rein 😏 …
Hier in HERLAND bitte keine Kommentare. Wenn, dann lieber per PN … oder auch gerne in den WiWo-News (siehe Signatur) oder auf dem Discord Server. Dort ist alles auch als PDF hinterlegt. Zugang zum Discord Server auf Anfrage per PN.
Mit van Houten war man sich schnell Handelseinig geworden. „Es wird mir eine Ehre sein, euch ein weiteres Mal zu befördern. Durch den Pazifik ist ja direkt ein Heimspiel für mich. Natürlich könnt ihr einen Teil eurer Sachen unter Deck lassen.“
So, so der Pirat hat also seine Heimstadt auf einer südpazifischen Insel. Sei gut mit einigen Insulanern dort befreundet. Tanuí ist sich noch nicht so recht sicher, was er diesem van Houten glauben soll. Aber er glaubt zumindest, dass Malecantus es schon irgendwie seinem ehemaligen Volk erklären kann, wenn der Piratenschooner da vor ihrem Eiland aufkreuzt. Irgendwie traut Tanuí dem Magier mittlerweile allerhand zu und Merlin wirkt geradezu vertrauenserweckend …
Van Houten erklärt seinen Gästen gerade noch, wo sie sich auf der anderen Seite des Kontinents wiedertreffen werden. Neben den Auftritten im Casino steht ja auch noch die Einladung Moemas für die Aufführungen unter freiem Himmelszelt in den Weiten der Prärie aus. Sie würden nur einen gewissen Grundstock an erforderlichen Dingen mit sich nehmen und das Land bis zur Westküste ansonsten allein mit einem der beiden Trucks durchreisen. Van Houten nimmt derweil mit seinem Schooner den Seeweg durch den Panama-Kanal.
„Nun denn!“, flötet Merlin aufmunternd Malecantus und Tanuí zu. „Endlich wieder festes Land unter den Füssen ist doch nach der ganzen Schaukelei ein guter Schritt in unsere nächstliegende Zukunft oder? Ich bin schon ganz gespannt auf dieses Amerika.“ Gregorius grinst sich dazu nur eins. Scharlatan, Scharlatane, Scharlatane … Wunderkuren-Magier und wer weiß was.
Ihr Weg führt sie ein paar hundert Meilen Landeinwärts zum Casino der Bürgermeisterin Erdnuss in den mittleren Westen – der noch recht östlich liegt, aber in früheren Zeiten allen schon recht weit weit, weit westlich erschien. Erst danach folgt die Prärie … Auf die freut sich Merlin besonders. Mit glitzernden Casinostädten hat er viel weniger am Hut als die Elster Malecantus.
Tarek schaut dem ganzen eher abwägend entgegen. Viel ist er in seinem jungen Leben eigentlich nicht rumgekommen: Von meiner einfachen Insel direkt hoch hochkatapultiert nach Batuu, zwei, drei Ausflüge zu Lottas vorheriger Heimstadt und dann … der Absturz in der Bretagne vor das Zelt der Wandermagier. Ach ja, jetzt einmal über den Atlantik mit Abstecher zu einer Bastion des Meeresvolkes.
Na, eigentlich … bin ich doch ein bisschen rumgekommen – im letzten Jahr. Eifrig widmet sich Tanuí auf der hinteren Ladefläche des Trucks wieder seiner Lektüre. Bei den Magiern hat er auch noch einiges an Lesematerial entdeckt. Ein bisschen fühlt er sich zwar wie ein Verräter dabei, denn das Lesen lernte er erst durch diesen hintertriebenen Leutnant Agnon …, aber andererseits hatte er als Tarek durch seine Observierungen mitbekommen, dass auch Lotta sich ja mittlerweile in dieser Kunst versuchte.
Im Grunde schon ein Versäumnis, es nicht früher gelernt zu haben. Warum nur war es niemandem auf der Insel wichtig gewesen?Und Lotta hatte als Kind lange Zeit sogar keinerlei Führung durch einen Erwachsenen erfahren. Erschien sie mir deshalb manchmal so unvermittelt und so naiv wie auch kindlich - ohne jede Arg selbst für Takatuker Verhältnisse? Mae war anders gewesen!
Nachdenklich klappt Tarek seine Lektüre einen Moment zu, während sie so über die Landstraßen rumpeln. Später, nachdem sie von der Insel nach San Myshuno geflohen war erlebte er Lotta bei seinen Observierungen im Auftrage Batuus eher vorsichtig. Wachsam, sehr auf der Hut! Als bewege sie sich auf sehr dünnem Eis … War das auch mein Verdienst gewesen? Bedauernd schlägt Tarek sein Buch wieder auf. Es nützt nichts, sich den Kopf zu zerbrechen, was war. Ich muss sehen, was kommt … und zu allem bereit sein!
Im Führerhaus des Trucks machen die beiden Magier sich so ihre eigenen Gedanken über ihren Wanderarbeiter. „Er verschlingt alles an Lesematerial, was ihm in die Hände kommt. Ich hoffe, du hast keine Zauberbücher eingepackt, Merlin!“, äußert Malecantus etwas besorgt. „Natürlich nicht! Wofür hältst du mich, Gregorius. Alles, was ich brauche, ist das eine Buch in meiner Klosterbibliothek, das ich dort nie entferne und dein ganzes Wissen. Das hast du ja wohl hoffentlich alles in deinem feinen hübschen Köpfen oder?“, schäkert Merlin galant, um den Geliebten zu beruhigen.
„Ja, ja, natürlich!“, wendet Malecantus sich mit etwas abgelenktem Blick auf die rückwärtige Ladefläche zu ihrem Wanderarbeiter um. „Wie kann man es nur so lange ohne Bücher, ohne Lesen, die Kunst der Mathematik und andere Wissenschaften aushalten?“ Er wundert sich immer wieder. „Du hast Lotta doch auch ein bisschen weitergeholfen bei Vertragssachen, Merlin … Ich denke mal, diesem Exemplar da hinten trichtern wir auch noch ein bisschen mehr Bildung ein. Vielleicht ist man ihm dann auf seiner Insel … wohlgesonnener und braucht jemand, der ein bisschen mehr Grips hat und mehr kennt als nur die nächsten Horizontmarken am Meer.“
Leicht lächelnd weist Merlin den Freund etwas zurecht: „Unterschätze nicht das Wissen und die Fertigkeit solcher Insulaner über die sie umgebende Natur, die Wind- und Wetterverhältnisse oder ihre nautischen Fähigkeiten, mit einfachsten Mitteln weite Strecken zu überwinden. Ich habe darüber einiges gelesen. Ich weiß nicht, ob sie ihn für unsere kulturellen Errungenschaften loben werden, wenn die dort wenig benötigt werden.“
„Mhm …“, wendet Malecantus nachdenklich ein, „… und warum entpuppten sich Lotta wie Tanuí dann als solch wissbegierige Leseratten?“ Merlin schüttelt leicht verdutzt den Kopf: „Und ich dachte, du wärst der Weisere von uns beiden. Denk doch nach! Sie mussten sich plötzlich in ganz anderer Umgebung behaupten … mussten sich anpassen!“ Gregorius wiegt den Kopf leicht hin und her und wirft einen Blick in den Rückspiegel: „Nein, nein, mein Lieber, das erklärt nicht alles! Schau doch nur! Sieht das nach reinem Überlebenstraining aus? Sie hätten eine Wahl haben sollen … Das eine Wissen schließt doch das andere nicht aus.“
„Ok, ok!“, wirft Merlin beschwichtigend ein, lacht dabei erheitert. „Wir haben irgendwie beide recht, oder …? Du machst dir heute vielleicht Gedanken. Noch ein Seelchen, das wir retten wollen? Möchtest du die beiden unbedingt wieder vereint sehen? Überlass doch bitte Lotta die Entscheidung.“
„Ja!“, seufzt Malecantus leicht. „Konzentrieren wir uns auf das Bevorstehende und deine Lehrstunden. Aber dem Kerl da draußen suchen wir bald eine Bücherei. Sonst zerfleddert der uns noch all die gut erhaltenen Bände aus deiner Bibliothek.“ Verschmitzt entgegnet Merlin daraufhin nur: „Dann mach dich schon mal auf die Suche. Wir sind schon da!“, und weist auf ein hell erleuchtetes zweigeschossiges Gebäude am Straßenrand.
„Nicht ganz so nobel wie erwartet … aber ganz nett!“, kommentiert Gregorius den Bau lakonisch, parkt gekonnt ein, steigt schon mal aus und schaut sich interessiert in der Umgebung um. „Na ja, halbwegs zivilisiert!“ Für Merlin hingegen ist das alles neu und irgendwie … exotisch: „Hei cool, ich bin im Wilden Westen!“ Malecantus lächelt etwas nachsichtig über die helle Freude seines jungen Gefährten.
„Und, wie gefällt es dir so?“, will der Magier jetzt auch von Tanuí wissen. „Also …“ Tanuís Augen wandern über die Landschaft, über die für ihn fremden Gebäude. „Also schon sehr anders. Viel … Holz!“ „Hah!“, lacht Malecantus amüsiert auf. „Der Kerl trifft den Nagel auf den Kopf! Das ist auch das hauptsächliche Baumaterial hier! Am besten noch aus ungehobelten Baumstämmen nach Blockhüttenart!“ Malecantus liebt es eher in Stein gehauen und gemeißelt. Merlins Kloster, ja, das ist so recht nach seinem Geschmack. Je älter und erhabener das Gemäuer, desto besser.
„Aber grauer Beton … ih bäh … ist noch elender!“, spukt Gregorius etwas abfällig seine Meinung über moderne Bauweise aus. Auch das ständige Leben in hölzernen Waggons ist nicht ganz nach seinem Geschmack. Aber hatte er eine Wahl die letzten Jahrhunderte? Malecantus liebt alte stilvolle Prachtfassaden romanischer wie gotischer Bauweisen. Das erinnert ihn an seine ‚echte‘ Jugendzeit – vor dem Trank, der ihm ewiges Leben in Jugendgestalt gewährte. „Ich mag Holz!“, wirft Merlin dem vor ihm liegenden Bau gegenüber gnädig gestimmt beherzt in die Runde. „Ja, Holz ist völlig in Ordnung!“, bestätigt auch Tanuí. Was wird sich Malecantus dann wohl erst über Takatuka mokieren? Aber wenn er unbedingt mit dahin will …
„Nun denn, schauen wir uns drinnen um. Unsere Gastgeber sind schon da!“, schreitet Malecantus gefasst den beiden anderen voran auf die Eingangstür zu. Er spürt noch eine weitere Art von Präsenz. Hoffentlich so gutmütig wie dieser ‚zauberhafte‘ Stadtrat und seine magische Erdnuss …
„Woher weiß er das denn schon wieder? Kann er durch Wände sehen?“, raunt Tanuí Merlin leise zu. Der zuckt aber nur leicht die Schultern. Gregorius Paranoia vor Okkulten treibt ihn nicht so um, aber er spürt’s ebenfalls. „Ich merke auch was. Ist wie … leicht elektrisiert sein, aber ich kann’s noch nicht so genau einordnen wie er.“, erklärt Merlin mit Hinweis auf den erfahreneren Magier vor ihm.
„Drei, es sind drei! Zwei Magier und … ein Geist!“, bescheidet Gregorius seinen ‚Hintermännern‘- Merlin stellen sich jetzt doch etwas die Nackenhaare auf: „Und … können wir den sehen?“
„Kommt drauf an!“, vermerkt Malecantus nur kurz angebunden, bevor er die Türen weit aufsperrt und einen ersten Blick nach drinnen erhascht. Zwei Augenpaare blicken ihn hoch irritiert an, ein drittes schmunzelnd: „Ach, hatte ich vergessen zu erwähnen, dass sie waschecht sind! Eure Showmagier?“, wispert das Spionelfchen, hocherfreut den Hinterhältigen mal sprachlos zu erleben, dem 1. Windenburger Stadtrat nebst Gemahlin in die zauberhaften Öhrchen.
Bürgermeisterin Erdnuss fasst sich als erstes und Bürgermeisterin Schnurrhaar als zweites angesichts des lieblichen Lykoi-Katers in Begleitung der drei Herren. „Schnurr!“
„Willkommen, willkommen!“, grüßt Phillipa herzlich und etwas leiser: „Das ist aber eine gelungene Überraschung! Wir hatten … nicht real existierende Magier erwartet. Tragen Sie ihre Kunst … etwa ganz offen vor?“
Oh, diese Bürgermeisterin versteht gleich ganz recht. Malecantus ist ganz entzückt. „Mitnichten, meine Liebe!“ Und wieder einmal verzaubert er mit einem formvollendeten Handkuss, den der Hinterhältige leicht misstrauisch beäugt. Das hat doch das Spionelfchen wieder eingefädelt!
Hinterhältiger Scharlatan hat nichts gegen andere Magier einzuwenden, solange die sich nicht an seiner Göttergattin zu schaffen machen. Merlin schmunzelt nur. Malecantus muss fast alles bezirzen, was da kreucht und fleucht … und sich die Finger zuweilen versengen. Das war ihm von Anfang an klar. Gregorius bleibt eben ein wandelnder Widerspruch. Einerseits paranoid und in ewiger Furcht vor okkulten Verfolgern, anderseits … am Wegesrand nichts abgepflückt stehen lassen.
Als Malecantus sich ebenso erfreut dem 1. Stadtrat zuwendet, wird dieser zumindest doch wieder etwas befriedet. Der Wandermagier weiß sehr wohl einzuschätzen, dass er ihre Einkommensquelle die nächsten Tage nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. „Hinterhältiger Scharlatan!“, stellt sich der Bürgermeisterin rechte Hand wohlgestimmt vor, was Malecantus ein amüsiertes Heben der Brauen mit heimlichem Zwinkern in Merlins Richtung entlockt. Hatte ich es nicht gesagt? Scharlatane im Wilden Westen, soweit das Auge blickt.
Bürgermeisterin Erdnuss lädt an die Bar zu einem Drink ein und Bürgermeisterin Schnurrhaar zu einem Schälchen Milch. Hach, sind alle vollauf zufrieden, wie es sich fügt. Malecantus dringt nun wissbegierig etwas weiter vor, nachdem er vernommen hat, dass auch die Bürgermeisterin und ihr Gespons und ebenso das Spionelfchen nicht gar so offen ihre übernatürlichen Existenzen vor sich hertragen. Der umliegende Lärm verschluckt wohlmeinend ihre nur gehaucht gesprochenen Worte. Einzig Tarek steht etwas verdrossen am Rande der Runde und bekommt kaum etwas vom Inhalt mit.
Ok, ich bin gerade der Außenseiter hier! Vor Stunden war ich noch interessant wegen meiner Begegnung mit einem Meermann. Nun haben Malecantus und Merlin nur noch Augen und Ohren für die beiden anderen Magier und über welchen Geist die beiden zuvor gesprochen haben ist mir überhaupt nicht klar. Sollen sie doch! War ja klar, dass das eine Geheimniskrämerei bleibt. Nur ich muss immer offen wie ein Buch sein!
Malecantus hingegen vernimmt aufregende Neuigkeit. „Du hast … nie zuvor von mir gehört … im Magischen Reich, Hinterhältiger? Keiner der derzeitigen Weisen sprach je von mir?“D a s sind gute Nachrichten. Sollte es tatsächlich sein, dass ich alle überdauert habe, die ich einst vor den Kopf stieß? Meine Tat in Vergessenheit geriet …? Nur wenige Magier wählten oder erlernten wohl den Trank ewiger Jugend und alterslosen Daseins während ihrer Wirkungszeit.
„Denk dir nur, das Magische Reich, Merlin!“, wispert Gregorius wie verzaubert seinem Gefährten ins irdische Ohr. „Ich könnte es dir tatsächlich zeigen. Seine Schönheit, seine Lichter am ewig dunklen Sternenhimmel … Scheinbar lebt niemand mehr, der mich einst kannte … Wir sprechen später weiter … Oben!“ Die Gastgeber hatten freie Kost und Logis wie auch weiche Daunenbetten versprochen ...
Das Magische Reich!„Siehst du wie gut die Entscheidung war, Amerika zu besuchen, Gregorius. Nie mehr verstecken …“ Merlin ist ganz aufgeregt. Was alles für neue Möglichkeiten … „Gemach, gemach!“, weist hingegen Malecantus den übermütigen jungen Lehrling schnell zurecht. „Das heißt noch lange nicht, dass k e i n er mehr von damals irgendwo noch auf der Welt existiert und dann wären da … auch noch … die Vampire. Die leben auch länger bis … nun sozusagen ewiglich.“ Und als wäre das noch nicht genug, setzt Malecantus noch nach: „Und vergiss auch nicht … die Verfolger unseres jungen Freundes, die wir nun ebenso an den Hacken haben …“ Mit einem leichten Kopfnicken deutet er in Tareks Richtung.
„Mhm, ja!“, wendet Merlin ein. „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir von denen weiterverfolgt wurden. Du hast diese Blechbüchse doch unschädlich gemacht, Gregorius.“
Wieder wiegelt Malecantus Merlins ungedämpften Enthusiasmus ab: „Ich habe keine ausreichenden Kenntnisse über ihre Technologien und was sie vermögen. Ich denke, hier sind wir auch auf unseren Wanderburschen angewiesen. Darüber weiß er nun wirklich mehr …“ Gerade erst geht dem erfahrenen Magier auf, dass dieser scheinbar ungebildete Inseljunge tatsächlich einiges im letzten Jahr auf einem fernen Planeten erlernt hat, was wiederum über des Magiers Fassungsvermögen gehen mag.
Etwas selbstvergessen kratzt sich Malecantus das Kinn, während er zu Tanuí / Tarek rüber starrt. „Ich glaube, dieser Jayyden Lexxo von diesem WiWo-Blatt könnte uns hier noch behilflich sein. Schließlich ist der doch … extraterrestrischer Kommandeur auf diesem … diesem Sixam-Planeten …“ Malecantus Fachgebiet ist das wahrlich nicht.
Merlins Gesicht hellt sich noch weiter auf. Gregorius Einwände haben ihm nicht im Mindesten die Laune verhagelt. Magisches Reich, Sternenfahrt zu anderen Welten! Er hält es für seine Bestimmung, dass sich beides für ihn vereint.
„Der Kontakt zu Familie Ogbanda ist abgebrochen …!“, vermeldet das Spionelfchen aufgeschreckt. Gerade kam Besorgniserregende Mitteilung von Don. War die Herberge in Bagdad vielleicht doch nicht so günstig gewählt? Ups!
Der Redaktionsgeist hatte eigentlich gerade nach der Stellvertreterwahl gehofft, dass der umtriebige Flaschengeist … seine Gäste nicht in Versuchung führt. Wer weiß! Öhöm!„Ich denke, ich sollte mich mal auf den Rückweg in die Redaktion machen … Ihr folgt bald?“, wendet sie sich an die amtierende Regierung.
„Oh ja!“, versichert Phillipa Erdnuss, Bürgermeisterin von SimCity mit allen zugehörigen Stadtteilen. „Wir haben Kleiner Scharlatan jetzt etwas lang genug von der Schule befreit und müssen auch so langsam mal in unsere Heimat zurückkehren. Aber …“, nun lächelt die Bürgermeisterin ihre beiden magischen Showgrößen freundlich an, „… einmal wenigstens muss ich mir eure Show ansehen! Moemas und Farsanes Ankunft will ich auch noch abwarten …“
Alle prosten sich zum Abend noch einmal weinselig zu und Tanuí fragt sich nicht zum ersten Mal, warum alle zeitweilig … mit einem luftleeren Raum anzustoßen scheinen. Mhmmpfff. Soll’n sie doch!
Noch lange wird diese Nacht über die Ereignisse rund um Lotta, Elani, Miyu und Co. getuschelt. Auch Tanuí darf nun wieder mehr am Gespräch teilnehmen … und erfahren, dass tatsächlich ein Geist in der Runde weilt, den er … aber leider nichts sehen kann. Nur die vier Okkulten im Raum!
Die Namen von Lottas alten Weggefährten sagen Tanuí nur bedingt etwas. Klar hatte er sie mit ihren Freunden zuhause und auch auf dem Festival aus heimlichen Winkeln beobachtet, aber … er war nie persönlich mit denen weiter bekannt geworden … bis auf … nun ja, die zwei Wandermagiern hier an seiner Seite. Die betrübte Stimmung über den Verbleib von ehemaligen Freunden nimmt ihn gleichfalls mit. Einfach schon um ihretwillen … Wie gern … sähe er sie wieder … und sein Kind.
Es wird spät, aber in den frühen Morgenstunden hinter verschlossenen Türen und Vorhängen nimmt Malecantus Merlin trotzdem noch mal so richtig zur Brust … „Üben, üben, üben. Du hast noch viel zu lernen, mein Freund!“ Sie hatten noch einigen magischen Kram vom Truck auf der oberen Veranda diskret hinter Vorhängen abgeschirmt wie auch in das gemütliche Schlafgemach abgeladen.
Tarek ist leicht genervt, seine Schlafkombüse direkt nebenan zu haben … Vielleicht … ist er auch einfach nur … ein wenig neidisch. Mpffffff ….
Viel geschlafen hatte Achak die Nacht am Lagerfeuer nicht. Noch immer grübelt er in den frühen Morgenstunden darüber nach, wer ‚Schäck‘ ist. Lustlos stochert er in der noch leicht glimmenden Glut herum, um die Flammen wieder so auflodern zu lassen … wie gerade die inneren in ihm hochzündeln. Grrrrrrr. Was hatte ich mir eingebildet?
„Achak?“ Verschlafen rappelt sich Farsane auf, recht überrascht, Moemas Enkel neben sich sitzen zu sehen. So dicht auf den Fersen hatte sie ihn nicht erwartet. Die agile Seniorin schläft noch tief und fest. War spät geworden … mit dem Geist.
Zaghaft umklammert die ehemalige Pflegerin ihre Knie. Ihr wäre jetzt lieber gewesen, Moema wäre schon auf und bereit, das Wortgefecht mit ihrem Enkel zu führen. Farsane fühlt sich dem weniger gewachsen, zumal … Achak auch so grimmig drein blickt und das Feuer so derb mit einem langen Ast bearbeitet, dass Funken seitwärts daraus hervorstieben. „Ich … wir … Sie wollte doch nur noch einmal … in die Prärie …“, versucht Farsane zögerlich eine Entschuldigung für ihr diesmaliges Abenteuer. Warum ist er nur so sauer? Sie hatte gedacht, er würde es auch für einen Spaß halten. Das hatte ihr Moema zumindest so versichert. „Sie ist … wirklich noch … gut beisammen … für ihr Alter.“ stammelt Farsane verlegen, um dann wieder zu verstummen.
Noch immer lässt Achak kein Wort raus, starrt nur ins Feuer. Wieso sie ist ihm so wichtig geworden die letzten Wochen? Ständig hatte sie sich von seiner Moema zu irgendwelchem Unfug verleiten lassen - die einerseits tatkräftige aber auch immer etwas tollpatschige und recht zurückhaltende Farsane. Deswegen gingen diese Aktionen der zwei Frauen letztendlich auch immer etwas schief. Er hatte so manches Mal Blut und Wasser um die beiden geschwitzt. Ja, aber gleichzeitig hatte er auch mehr und mehr bewundert, wie dieses scheue Reh immer wagemutiger wurde … und so unverbrüchlich zu seiner geliebten Moema hielt. Keine Frage, sie sorgt gut für die rüstige alte Dame. Aber verdammt …
„Wolltest du nicht noch jemanden anrufen!“, rumpelt Achak letztendlich die schon völlig eingeschüchterte Farsane an und ist gleichzeitig über sein eifersüchtiges Gehabe genervt. „Anrufen?“ Farsane ist völlig verwirrt, blickt hilfesuchend zu Moema, die immer noch friedlich vor sich hin schnorchelt … allem Anschein nach. Die Seniorin hat ihnen den Rücken zugekehrt …
„Na, deinen Schäck!“, ätzt Achak die junge Frau neben sich weiter an und fühlt sich immer blöder, weil er es nicht sein lassen kann, so ungerecht sarkastisch zu werden.
„Mein was …?“ Fieberhaft gräbt Farsane in ihrem Hirn, was das alles bedeuten soll, bis ihr so langsam der Name ihres ehemaligen Bekannten dämmert. „Meinst du … Jack?“, wagt sie sich langsam vor.
Moema grinst unter ein paar gespielten Grunz Lauten friedlich vor sich hin. Das entwickelt sich ja wunschgemäß! Einen gewissen Eigennutz aus einem Arrangement der beiden ‚Turteltauben‘ da hinter ihr vermag die rüstige Alte nicht ganz in Abrede zu stellen. Der liebe Enkel scheint angebissen zu haben, zappelt wie ein Fisch an der Angel. Wurde aber auch Zeit! Moema will noch ihre Urenkel kennenlernen, so zumindest ihr Fernziel … Ja, sie hat noch welche.
Was hat Achak denn bloß gestern Nacht gehört? Und wieso …? Farsane weiß gerade nicht weiter. Hat wieder das Gefühl, sich verteidigen zu müssen … wie damals … in Persien. Als hätte sie wieder etwas Verbotenes getan … Zumindest in den Augen anderer. Ist … Achak … auch so? Wie meine Familie? Sie hat keinen Kontakt mehr. Wird nie wieder in ihr Heimatland zurückkehren können, denn dort … ist sie eine Gefallene! Die Pflegestelle im Ausland war ihre Rettung. Jack hatte ihr geholfen. Faisal war geflohen …
So langsam regt sich Unwillen in Farsane. Was fällt Achak ein? Nie wieder wollte sie sich irgendwelchen Diktaten beugen. Farsane wäre aber nicht Farsane, müsste sie jetzt nicht all ihren Mut zusammenkratzen, um den hingeworfenen Fehdehandschuh aufzugreifen: „Jack ist ein hochanständiger Mann. Ich sollte ihn wirklich mal wieder anrufen … nach so vielen Jahren!“ Ok, das Stimmchen klang noch etwas dünner als geplant, aber Farsane versucht wenigsten, hoch erhobenen Hauptes Achak entgegen zu blicken. Ja, gib’s ihm Farsane! Moema freut sich diebisch auf ihrem Schlaflauschposten …
Achak horcht auf, erwidert amüsiert diesen samtbraunen Blick. Farsane kann nicht wirklich böse gucken!„Nach … so vielen Jahren?“Also nichts in der letzten Zeit!Das Kätzchen versucht nur gerade, … Krallen zu zeigen. „Ja, ruf ihn an! Warum nicht gleich sofort?“, fordert er nun seinerseits neckisch das Mäuschen, das zu Brüllen versucht, neben sich heraus.
„Aber, aber, … da ist es jetzt vielleicht … mitten in der Nacht!“, begehrt Farsane erschrocken auf. Was soll plötzlich dieser Sinneswandel?„Och, so weit weg … lebt dein Jack?“ Ja, dieses Spiel von Katz und Maus fängt Achak langsam an zu gefallen. Lässig lehnt er sich auf einem Ellenbogen zurück, beobachtet Farsane genau, was die wohl jetzt als nächstes versucht. Er ist sich mittlerweile sicher, dass er sich zu Unrecht aufregte. Es macht ihm aber auch klar, dass er sich schon weitaus mehr für die junge Frau interessiert, als ihm bislang selber klar war.
„Später! Ich ruf später an!“, entgegnet Farsane leicht trotzig mit dem mulmigen Gefühl im Magen, dieses Spiel nicht ganz gewinnen zu können. Das liegt ihr einfach nicht, sich zu behaupten. „Nun gut, dann kommen wir endlich zu dem Preis für diese Schnitzeljagd … quer durch die Prärie! Ich … habe euch gefunden!“ Achak fühlt sich so etwas von siegesgewiss …
… und Farsane wie ein Kitz in den Fängen einer Anakonda, als sie unversehens in den Würgegriff dieser falschen Schlange von Moemas Enkel gerät und ihr der letzte Atem in einem langen nicht enden wollenden Kuss geraubt wird.
6.5.2 - ... der nicht gewinnt ... Der Rubel rollt …
https://www.youtube.com/watch?v=oV6ZH_G4bdo
„Wirst du wohl … aufhören, so über Farsane herzufallen!“, entsetzt war Moema aufgesprungen. Das hatte sie jetzt nicht von ihrem Enkel erwartet. „Sie ist doch aus einer ganz anderen Kultur! Du erschrickst sie ja!“ Achak fiel aus allen Wolken. War seine Grandma also die ganze Zeit wach gewesen? Sofort ließ er Farsane los, die sich verlegen unter ihm wegrollte.
Danach hing der Haussegen unter freiem Himmelszelt etwas schief … und Achak wusste erst gar nicht, was er falsch gemacht haben sollte. Hatte er etwas fehl eingeschätzt? Bei einem vorherigen Zusammentreffen, als er sie das erste Mal auf ihrer wilden Flucht durch Prärie erwischte, hatte er eigentlich den Eindruck gewonnen, dass Farsane auch etwas interessiert zu ihm rüber linste …
Nun, Moema nahm ihn etwas beiseite, während die junge Perserin versuchte, ihr erhitztes und errötetes Gesicht wieder etwas abzukühlen. „Bei ‚unseren‘ Mädels ist das v i e l l e i c h t … etwas freizügiger, aber Farsane … ist doch aus Persien.“, bläute Moema ihrem Enkel ein. „Da tragen die Frauen Schleier und so‘n Zeug, … werden weggeschlossen!“
Irritiert schaute Achak zu der unverschleierten Farsane rüber. „Sie trägt aber … recht heiße Shorts, oder? Und die Bluse …“
„Ja, ja, ja!“, lenkte Moema ein. „Etwas kulturelle Anpassung! Das heißt aber noch lange nicht, dass sie gewohnt wäre, gleich offenherzig … ins Gefecht zu gehen, wenn du verstehst, was ich meine.“ „Oh!“ Mehr fiel Achak dazu erstmal nicht ein. Das hatte er nicht bedacht. Für ihn war es ein schäkerndes Spiel gewesen, aus dem ruhig mehr werden durfte. Farsanes zurückhaltende Art war also wirklich keine zur Schau gestellte Scheu.
Etwas gefasster ging Achak sich dann bei Farsane entschuldigen, was diese nur noch verlegener machte. Zum einen, weil sie gar nichts gegen den Kuss oder Achak hatte und zum anderen, weil sie doch eh schon ‚beschädigte‘ Ware war und nun alle hier glaubten, sie sei so ein Unschuldslamm. Eigentlich wünschte sich Farsane nichts sehnlicher, als einfach auch etwas beherzter sein zu können und ihren vorgeblichen ‚Fehltritt‘ mit Faisal nicht mehr als solchen zu begreifen.
Noch einmal fasste Farsane all ihren Mut an diesem Tag zusammen, stellte sich auf die Zehenspitzen und bot Achak ihre Lippen erneut zum Kuss dar. „Ich reit‘ schon mal voraus!“, kommentierte Moema das ganze nüchtern und hochzufrieden mit dem Ausgang dieses Morgens.
Das ‚Voraus‘ erwies sich alsbald als falsche Richtung, nachdem Moema die Botschaft der Bürgermeisterin Erdnuss empfing, das Magierduo würde sehnlichst und in Bälde im Casino erwartet und Moema und Farsane seien auch auf das Herzlichste eingeladen.
Also machte die rüstige Alte auf ihrem Mustang wieder kehrt, trabte an den beiden Liebenden vorbei, die sich abwechselnd noch immer innig in die Augen starrten oder herzten und erklärte stoisch mit Fingerzeig in die nun entgegengesetzte Richtung: “Da geht’s lang!“
Tja, es ging nicht schnell voran. Zuweilen musste eines der Pferde zwei Gestalten tragen und Moema hielt sich insgesamt eher immer etwas weiter voraus. Sie merkte aber auch, dass Achak es nun etwas langsamer und umsichtiger angehen ließ. Nach und nach hatte Farsane ihre demütigende Erfahrung als Entehrte und Ausgestoßene ihrer Familie offenbart und welch hilfsbereite Rolle dieser Jack dort eingenommen hatte, ihr eine Passage außer Landes und diesen Job als Pflegekraft zu ermöglichen.
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„Das tut mir so leid mit seiner Familie!“ Eng schmiegt sich Farsane eine knappe Woche später auf dem rotbraunen Mustang an Achak an. Moema reitet schweigend neben den beiden jungen Leuten her. Der Winter bricht langsam an und es ist nicht mehr weit bis zum Casino der Bürgermeisterin. Farsane hatte endlich ihren alten Bekannten Jack angerufen und sich unendlich gefreut, nach so langer Zeit wieder von ihm zu hören. Weniger schön war, vom Schicksal seiner Familie zu erfahren …
„Schrecklich, was seinem Kind und ihrer Mutter alles passiert ist. Ich würde Jack und seiner Familie jetzt auch so gerne helfen können. Wie furchtbar, dass ich nicht zur Stelle war, als er Miyu und seine Tochter an meine alte Adresse wies, aber … auch meine Familie ist damals weggezogen, weil ich sie entehrt haben soll.“ Bekümmert seufzt die junge Frau auf, weil sie nichts verrichten konnte. Achak bleibt nur, seine Arme tröstend um Farsane zu legen und sie zärtlich an sich zu drücken.
„Nie wieder sollten Menschen so leiden, nur weil sie sich gernhaben!“, trumpft Farsane unvermittelt auf, um sich wieder aus diesem Loch von Traurigkeiten zu hieven. „Recht so!“, freut sich Moema über den zunehmenden Mumm der jungen Frau. „Ich finde, wir haben uns etwas Frohsinn und Unterhaltung verdient. Lasst uns heute Abend eine magische Show erleben! Da ist es wohl schon!“ Gerade biegen sie um die nächste Straßenecke und halten auf ein in dieser Gegend recht auffallend bunt beleuchtetes Gebäude zu.
Heu und Stallungen waren direkt neben dem Casino versprochen. Also sind erst einmal die Pferde zu striegeln, schniegeln und mit Futter zu versorgen. „Das ist nichts mehr für mein armes Kreuz! Ich geh schon mal rein!“ Moema macht sich auf den Weg ins Innere des Hauses und wirft wohlweißlich keinen Blick zurück …
„Ich bin aber noch nicht … soooo weit!“, hört sie noch ein leises Wispern von Farsane hinter sich. „Ich weiß!“, bestätigt Moemas Enkel sanft lächelnd. Er möchte nur noch ein wenig im Heu rumschmusen … bis zum festlichen Abendprogramm!
„Hallo, werte Frau Bürgermeisterin Erdnuss!“, begrüßt die Seniorin scherzhaft Phillipa und ihren Hinterhältigen, die sie an der Bar bei einem leckeren Gläschen Wein sichtet. „Das ist ja eine Wiedersehensfreude! Hier ist ja ordentlich Betrieb!“ Moema staunt nicht schlecht über die besetzten Spieltische. Fast kribbelt es ihr in den Fingern, auch ein wenig mit zu zocken. Aber nur ein wenig, denn … sie hat viel zu wenig in der Börse.
„Liebste Moema, diese Magier, die du da aufgetan hast … eine wahre Goldgrube. Seitdem rollt hier der Rubel!“ Phillipa ist noch immer recht entzückt von ihren zwei Showmagiern. Einige Auftritte und schon füllen sich die Kassen … Bedauerlich, dass sie die Burschen nicht zum dauerhaften Bleiben bewegen kann. Nun ja, die drei reisenden Herren haben eine Mission. Phillipa hat sehr wohl schon alles Wissenswerte aus der WiWo-Redaktion dazu vernommen. Seufz! Aber sie kämen gerne immer mal wieder für ein, zwei Monate für Gastauftritte vorbei, hatten die beiden Magier versprochen. Na wenigstens etwas, dass Phillipa Merlin und Malecantus abringen konnte.
„Du wirst begeistert sein!“, schwärmt Phillipa sehr zum Leidwesen ihres Göttergattens Moema vor, der diesen Fan Blick langsam leid ist. Er kann die beiden eigentlich durchaus gut leiden, aber … Knirsch, sie fängt schon wieder an …„Ich bin immer so hin und weg, wenn ich Malecantus in seinem Element auf der Bühne erlebe, liebe Moema!“ Wieder dieser verträumte Blick! Grmmmpffff.
Verschmitzt zwinkert Phillipa der Seniorin heimlich zu. Die Bürgermeisterin und Gregorius machen sich nämlich einen Spaß daraus, den Hinterhältigen auf die Palme zu bringen. „Das braucht der ab und zu.“, hatte Phillipa Malecantus bald nach dessen Ankunft verschwörerisch zugeflüstert und genau geahnt, dass sie in dem Magier den richtigen Mitspieler für diese kleine Scharade findet. „Ja, das bringt Würze in den Alltag, meine Liebe!“, hatte Gregorius über diesen Schabernack nur gelacht.
Merlin nimmt’s gelassen, weil er den Schabernack ahnt. Nachts schläft Gregorius auf jeden Fall nach diversen Lehreinheiten bei ihm. Tarek kann ein Lied davon singen … Mpffffff.
„Komm, bis zur Vorstellung haben wir noch eine Stunde Zeit. Da drüben sitzen Merlin und Gregorius. Gesellen wir uns zu ihnen. Hier, die Chips gehen aufs Haus. Für diesen Wahnsinns geldwerten Tipp, Moema!“ Erfreut nimmt die Seniorin eine Rolle dieser lustigen kleinen Plaketten entgegen: „Oh ja, lasst die Rubel rollen!“ Gern lässt sie sich von Phillipa mit an einen der Spieltische ziehen.
„Wo steckt eigentlich Farsane?“, hält die Bürgermeisterin noch einmal auf dem Weg zu den Magiern kurz inne, sieht sich suchend nach der jungen Frau um. „Oh, die kommen noch nach! Versorgen noch die Tiere!“, erklärt Moema unbekümmert. „Die?“, blickt Phillipa Moema fragend an.
„Ach, mein Enkel ist mit von der Partie!“ Nun ist es an der alten Dame zu zwinkern. Verstehend lächelt Phillipa und setzt den Weg mit ihr fort, nicht ohne im Kopf neue Berechnungen anzustellen. Wird ja das reinste Liebesnest hier! Vielleicht richten wir noch eine Honey-Moon-Suite ein! Ach, wie süß ist noch die Erinnerung an die Hochzeitreise mit dem Hinterhältigen ... Phillipa denkt gerne daran zurück. Sie weiß sehr wohl, was sie an ihrem 1. windigen Windenburger Stadtrat hat.
Nach weiteren Begrüßungen – denn nun treffen die agile Seniorin und die beiden Magier das erste Mal aufeinander – rollt jetzt tatsächlich das Roulette, der Rubel, der Zaster recht schnell in die Taschen … der beiden Zauberkünstler wie auch der Bürgermeisterin. Nur Moema wird verschont. Sie hält zumindest ihren Anteil.
Die Seniorin weiß nicht, dass sie von echten Magiern umgeben ist. Ha, ha, die reinsten Taschenspieler, lacht sie innerlich, bis Malecantus sich majestätisch erhebt: „Die Show beginnt!“ Gregorius lässt es sich nicht nehmen, die leibreizende alte Dame höchstpersönlich zu einem Sitzplatz in den vorderen Reihen zu geleiten. Auch Farsane und Achak, die mittlerweile nachgefolgt sind, werden hinzu gewunken. „Genießt den Abend!“
„Fasssssziniiiierend!“ Tarek klingt fast so wie Mister Spock. Oberkommandeur Jayyden Lexxo ist amüsiert, dass man diesen ‚Kurzzeit-Batuuaner‘ – wie er ihn für sich selber nennt – mit so einer alten Kamelle von Film beeindrucken kann. Sein indianischer Kumpel wirkt eher skeptisch. Merlin hingegen ist eh von Raumfahrt begeistert.
Bürgermeisterin Erdnuss hat von den grandiosen Showeinnahmen des Magierduos Merlin und Malecantus mittlerweile noch einen feinen Kinosaal unterhalb des Casinos für erhoffte Mehreinnahmen einrichten lassen, denn der Wanderzirkus wird sich irgendwann wieder auf den Weg machen und weiterziehen. Achak Watola und seine Granny wie auch Farsane werden sie ein Stück in Richtung auf die Westküste zu begleiten.
Malecantus hatte ihm das Magische Reich versprochen. Und Jayyden Lexxo … verspricht gerade das Weltall – oder zumindest … Sixam! Merlin weiß gar nicht so recht, wo er zuerst hin will ??? …
Achak bleibt eher auf dem Boden. Als Forscher alter indianischer Kulturen gräbt er darin sogar. Es gibt einige mysteriöse Geschichten … vor allem in Lateinamerika … über riesige Bodenzeichnungen, die man sogar vom All aus sehen könne und die … Außerirdische herbeirufen sollen.
Abwägend blickt Achak zur Seite zu Jayyden rüber. Dass er mal leibhaftig einem Alien begegnet …, damit hatte er nicht gerechnet!
Und diese Ufologen in der Wüste von Arizona. Achak hatte sie immer für Spinner gehalten! Insgesamt muss der Forscher feststellen, dass er sich hier in illuster Gesellschaft befindet. Es war wohl nicht vorgesehen …, aber jeder hatte vom anderen angenommen, Achak gehöre zur Runde dazu und wisse … bescheid. Tja, nun weiß er es wirklich … von allen! Merlin und Malecantus sind also echte Magier und dieser Jayyden Lexxo ist ein Alien und Tarek … oder Tanuí … hauste eine Weile auf einem ziemlich weit entfernten … Stern. Ja! Äh! Achak kommt sich gerade ganz klein und nichtig vor! Besser, er verhält sich gaaaanz ruhig. Es erwarten sowieso alle ganz selbstverständlich, dass nichts außerhalb dieser (Lein)wände auspalavert wird. Ja, ja, ich kann schweigen – wie ein Indianer!
„Können wir denn auch mal nach Batuu fliegen!“, fragt Merlin jetzt ganz aufgeregt nach. Ach, so ein Sternenhopping wäre ganz nach seinem Geschmack. „Da rat ich aber so etwas von ab!“, wirft Tanuí vehement ein! „Schon vergessen? V e r f o l g e r! Mit der Ersten Ordnung ist nicht zu spaßen!“ Das kann Jayyden bestätigen. „Mit denen legen selbst wir Sixamer uns nicht ohne weiteres an! Das sind die einzigen im Universum, die kein Weihnachtsgeschenk von Santa bekommen! Jedes Jahr hängt er ihnen nur eine Rute hin!“ Damit ist für Jayy alles über die Erste Ordnung gesagt. Wirklich, wirklich üble Burschen und Mädel aus seiner Sicht!
Von Tanuí ist der Sixamer Oberkommandeur Lexxo mittlerweile überzeugt, dass die da einen naiven unwissenden jungen Mann über den Tisch gezogen haben. Aber … der könnte unbewusst einiges an Insiderwissen erlangt haben, was ihnen auf Sixam von Nutzen sein könnte … Ein bisschen wird er diesen Inselmann daher mal bei Gelegenheit … anzapfen!
Eigentlich schade, dass die ihn auf Batuu haben fallen lassen. So als Doppelagent … wäre er Sixam sicher von Nutzen gewesen … Vielleicht … … wird des Oberkommandeurs Gedanken gerade in diesem Moment durch eine Sorge genau dieses Gefallenen ‚Engels‘ unterbrochen!
„Und bei einer Reise nach Sixam … wäre ich … sicher vor …! Ich meine, da kreuzt nicht plötzlich ein Raumschiff von Batuu unseren Weg?“ Tanuí will es lieber genau wissen. Einerseits fürchtet er eine Wiederbegegnung mit dem Batuuaner Leutnant, andererseits ist er immer noch fasziniert von den Weiten des Weltalls und würde eine solche Fahrt zu Jayys Planeten gerne wagen. Diese Neugierde hatte ihn ja einst angetrieben, als dieser eloquente Sim von einem fremden Stern auf seiner Insel landete …
Da hat Tanuí durchaus etwas mit Merlin an Wissbegier gemeinsam. Wie oft hatte der junge Inselmann mit Lotta am Strand im warmen weichen Sand gelegen und des nachts mit ihr zu den Sternen aufgeblickt …
Die am Firmament wandernden Lichtpunkte sind auch die nächtlichen nautischen Orientierungspunkte für Überfahrten zwischen weit entfernt liegenden Inseln im Pazifik. Tanuí kennt den Sternenhimmel über sich seit Kindheitstagen - auch wenn er jetzt einige neue Namen für manche Himmelsmarken gelernt hat.
Die Sterne werden ihm auch helfen, den Weg nach Takatuka zu finden. Tanuí ist kein anderes Hilfsmittel als dies und ein Ausleger Kanu erlaubt …
Jayyden Lexxo könnte ihn rüber fliegen, Merlin und Malecantus könnten ihn auf dem Piratenschooner mitnehmen, aber nein. Das hat Tanuí alles abgelehnt und gewusst, dass Paka’a und das Meeresvolk es auch genauso bestätigen würden. Um bei Käpt’n Efraim und seinem ehemaligen Inselvolk nochmal vorzusprechen zu dürfen, muss er sich als einer von ihnen erweisen, sich allein auf seine früheren Fertigkeiten verlassen und besinnen ...
Jayyden kann Tanuí hinsichtlich einem Kurztrip nach Sixam beruhigen: „Batuuaner lassen sich nicht in der Nähe von Sixam blicken.“ Jayydens Landleute sind denen zu intelligent. „Also ist es abgemacht!“, freut sich der Oberkommandeur aufrichtig, denn Sixam hat sich – neben seinen weniger bekannten ‚Aktivitäten‘ - seit der Eingemeindung durch die Bürgermeisterin Erdnuss dem Weltraumtourismus verschrieben. „Dann nehme ich euch demnächst mit zu meinem Heimatplaneten, Merlin, Tanuí! Wie sieht es mir dir aus, Achak?“
„Mhm …“, wägt der Ureinwohner Amerikas noch unsicher ab. „Muss ich noch überlegen! Aber … ich hab‘ da mal eine andere Frage, Jayy! Weißt du was über … seltsame extraterrestrisch anmutende Pflanzen … in der Wüste Arizonas nahe einem kleinen Ort namens Strange …“
„Schschschscht!“, fährt ihm der Alien unvermittelt ins Wort. „Äh, ich meine …“ Ja, was meint Jayyden Lexxo bloß? Öhm, was sollte er offiziell meinen? Sein Trailer steht da noch zu Observationszwecken … „Mit Pflanzen, wollte ich sagen, kenne ich mich gaaaaar nicht aus!“ Achak lupft ungläubig eine Braue: „So, so!“ Jayyden merkt schon - er sollte Achak beizeiten nochmal unter vier Augen sprechen, bevor der seine Nase in irgendwas rein steckt …
„Meine Hütte steht in dem Ort … und das Labor vor Ort hat mich kürzlich als Forscher angefragt …“, tastet sich Achak bei dem Alien neben ihm trotzdem weiter vor. Bestimmt weiß der mehr …
Nun ist es an Jayy, eine Braue zu heben: „Aha!“Der steckt also schon … mittendrin!„Geht’s … um ‘ne alte Inkapflanze oder was?“, hakt der Sixamer Oberkommandeur etwas misstrauisch nach. Diese Volliditioten vom Militär. Was haben die mit der Mutterpflanze vor? Was wollen die von einem Fossilien Gräber oder was Achak auch immer ist?
„Weiß nicht genau, warum die mich angefragt haben … Geben sich ja immer sehr geheimnisvoll! Irgendwie … mischt auch das Militär mit … Haben sich kurz nach der Veröffentlichung meines letzten Papers gemeldet.“ Achak lässt Jayy absichtlich etwas zappeln …
„Und … worüüüüber hast du geschrieben?“ Der sonst so coole Oberkommandeur merkt, dass er wie ein Fisch an der Angel hängt. Natürlich will er jetzt wissen, warum dieser Forscher einheimischer Kulturen für das Geheimlabor in Strange Ville interessant erscheint und fragt mal ganz leutselig nach …
„Mesoamerikanische Pyramiden und der Glaube an extraterrestrische Einflüsse!“ Achak muss jetzt leicht grinsen als sich Jayydens Augen nun bei dem Thema seiner Abhandlung erstaunt weiten. „Echt? Die stammen von Alien ab?“, mischt sich Merlin jetzt spontan ins Gespräch ein und auch Tanuí guckt Achak mit interessierten Augen an.
„Ich habe darüber geschrieben, dass einige das immer wieder behaupten! Mehr nicht! Ich hielt das für Humbug … Bis Jetzt!“ Achaks Grinsen vertieft sich. Er behält Jayy genau im Blick: „Gerade habe ich entschieden … euch nach Sixam zu begleiten! So’n Wochenende kann ich da schon einrichten!“ Vielleicht … gibt es dort ja so ähnliche Bauten wie bei den Maya … Könnte seeeehr interessant werden.
Frau Bürgermeisterin Erdnuss mit den besonders guten Beziehungen zum toskanischen Polizeiinspektor, der kaum bis drei zählen kann, weilt noch in Amerika. Nun, eine ehemalige Oberrichterin tut es vielleicht auch … Nachbarin Erín hat sich natürlich sofort bereit erklärt, Don zu begleiten.
„Ja, ja, den kenne ich noch …!“, beteuert Erín dem Verleger gerade nochmal. Auf jeden Fall ist der Inspektor übergeordnete Dienststelle zu dieser überaus dummerhaftigen Brindletoner Polizei. „Was willst du in Brindleton, wenn die dort nicht mal eins und eins zusammenzählen können?“ Hatte die ehemalige Oberrichterin zuvor gefragt. „Besser jemand, der nicht bis drei, aber vielleicht halbwegs noch bis zwei rechnen kann.“, ihr Abschlussplädoyer in dieser Sache. Also machen sich Don und Erín auf den Weg, heute einen besonders ‚Hochbegabten‘ aufzusuchen.
„Bugsy hatte er den Fuchs ja auch als Puggle abgekauft! Also dürften auch wir leichtes Spiel haben … “, mutmaßt Don an der Pforte des inspektorlichen mediterranen Anwesens. „… und absolute Diskretion erwarten dürfen!“, ergänzt die EX-Oberrichterin frohgemut, mal wieder ihres nicht mehr vorhandenen Amtes walten zu können. Soll der Inspektor nur was sagen …Dann werde ich mal nachhaken, wie er sich dieses Gemäuer bei seinem Gehalt eigentlich leisten kann … In Verdacht steht ja seine bessere Hälfte, … für die ausreichenden Penunsen zu sorgen.
Beherzt drückt Don die Klingel. Es dauert einige Momente, bis ein Gesicht etwas konsterniert hinter der Hecke hervorlugt. „Oh, Frau Oberrichterin! Sie hatte ich ja heute nicht erwartet.“
Oh man, nicht mal mitbekommen, dass ich vor über einem Jahr schon den Dienst quittiert habe … Egal! „Nun, Herr Inspektor, dringliche und hoch vertrauliche Angelegenheiten führen uns in ihr Privat … Domizil!“ Erín lässt beredt die Augen über das Anwesen gleiten und recht verlegen schießt dem Inspektor das Blut in die schmalen Wangen. Seine bessere Hälfte hat … Ansprüche!
„Vertraulich natürlich, selbstverständlich! Gewiss!“, bittet der Inspektor mit ausladend einladenden Gesten die Gäste ins Haus. Don und Erín grinsen sich hinter seinem Rücken kurz zu, als sie ihm erleichtert folgen. Das scheint ja wie geschmiert zu laufen! Ganz so sicher war sich Erín zuvor nicht gewesen ...
„Tee, Kaffee?“, bietet der Inspektor einschmeichelnd an. Er versucht sich wirklich von seiner besten Seite zu zeigen. Also, wenn man von der Oberrichterin höchstpersönlich besucht wird, das … das ist ja wie kurz vor … Bürgermeisterin. Das Polizeioberhaupt erinnert sich noch gut an die gelenkige Frau Erdnuss. Bugsy war auch nicht schlecht gewesen, aber Frau Bürgermeisterin … oha! „Machen sie auch Yoga!“, fragt der Inspektor leutselig, während er die ‚Bestellungen‘ aufnimmt. Seine bessere Hälfte ist heute nicht da, um ihm unter die Arme zu greifen.
„Yoga? Sicher!“, bestätigt Erín freundlich und schickt gleich ihren Getränkewunsch hintendrein. „Latte Macchiato mit extra heiß aufgeschäumter Milch und einem Hauch von entöltem hochprozentigem Kakaopuder obendrauf!“ Ja, da macht doch Don El Artichocke gleich mit: „Und ich hätte gerne einen Earl Grey mit einer Note ätherischem Bergamottenöl - nur zart mit kalt geschleudertem Akazienhonig versüßt.“ Zwei wohlgefällige Blicke versichern dem leicht verzweifelt wirkenden Inspektor ihr vollstes Vertrauen in seine barristischen Fähigkeiten. Nun denn, er versucht sein bestes …
Erín sieht noch, wie sich der Inspektor mit einer Hand die schweißgebadete Stirn im Hinausgehen abstreift. „Den hätten wir wohl im Sack!“, frohlockt Don. Erín ist eine wunderbare Co-Partnerin in dieser Angelegenheit, findet der Verleger. Ihr Anliegen für heute? Miyu Watanabe und Tochter wieder offiziell zum Leben zu erwecken unter Ausklammerung jeglichen Bezuges zu diesem – Terence. Die beiden Frauen sollen sich nicht ihr Leben lang verstecken müssen!
Mit leicht zittrigen Händen schleppt der Inspektor tatsächlich zwei Becher herbei mit … was auch immer darin. Huldvoll nimmt die‚wiedergekürte ‚Oberrichterin‘ ihre Tasse entgegen. Wusste ich es doch. B i s zwei kann er zählen! Ein dritter Becher für sich selbst fehlt! „Mhm …“, lässt Erín ihre Nase über das dampfende Aroma streichen. Der Kaffee ist gut, gehobene Preisklasse, aber sicher nicht das, was sie ‚bestellte‘. Aber sie wollte ihn ja auch nur etwas ins Schwitzen bringen …
„Einer Ihrer Dienststellen ist da ein schwerwiegender Irrtum unterlaufen …!“, setzt sie dann auch gleich als nächstes an, um keine Entspannung zu gönnen. „Ich schätze, Sie möchten das nicht an die große Glocke gehängt sehen …“ kurze rhetorische Pause, in der Erín an ihrem dampfenden Kaffeebecher nippt. Der Inspektor soll gar nicht die Muße finden und auf die Idee kommen, vertieft nachzufragen … Don bewundert dieses Richterinnenspiel immer mehr …
„Das könnte den Staat … teuer zu stehen kommen!“, nochmal nippen. „Die Bürgermeisterin wäre wahrlich nicht amüsiert! Ansehen und Reputation wären dahin, Köpfe müssten rollen …“ Es rollen des Inspektor Augen vor Unbehagen. Er greift sich mit einem leicht würgenden Laut an die Kehle. „Was kann ich, muss ich … tun?“, krächzt der von Erín gebeutelte und durch den Wolf gedrehte Polizeibeamte.
„Nun, da wären ein paar Unterlagen zu korrigieren …“ Behutsam setzen Don und Erín dem Inspektor diesen dummen, dummen Fehler der Brindletoner Polizei auseinander und hoffen inständig, dass das bloß nicht auf den so tatkräftigen, tatkräftigen Inspektor zurückfallen möge ... Am besten, man trenne diese Vorgänge ganz voneinander, also … der Name Watanabe gehöre einfach nicht in Verbindung mit diesem Terence Trent Telker in einem Dokument genannt.
Keinesfalls will der Inspektor den eigenen Hals dafür hinhalten und riskieren. Nun, dann muss er selber Hand anlegen …
Binnen einer Stunde hat er sich die Unterlagen aus Brindleton bringen lassen und macht sich an die ‚Überarbeitung‘ … während Frau ‚Oberscharfrichterin‘ Erín und Verleger Don es sich bei einer Tasse Tee und Kaffee vor dem Fernseher gemütlich machen und eine Runde Titel Thesen Temperamente gucken. „Interessant, was die Kunstszene wieder Neues hervorbringt, nicht wahr mein lieber Don!“, lächelt die heutige freischaffende Künstlerin Erín über den Rand ihrer Tasse hinweg den Verleger an.
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Ein paar Tage später macht sich auch Shakirah Bashirah an ihre Aufgabe … ‚Nachts im Museum‘ im Kino wäre ihr lieber gewesen als nachts im Nebel auf dem Friedhof …
Langsam schreitet sie die Reihen der Gräber ab. Hier müsste es bald kommen …
Es kommt aber … nichts! Dort hätten zwei Grabstellen sein sollen, aber … zu sehen ist nur frisch umgegrabenes Erdreich, auf das man eiligst ein paar Grassoden verstreut auslegte.
Shakirahs Blick schwenkt zur Stele der anonymen Grabstätten rüber. Da hatte es der Inspektor wohl sehr eilig! Die irrtümlich für die Watanabes Bestatteten liegen wohl jetzt dort …
Anonym hatte auch dieser Terence seine letzte Ruhestätte gefunden, soweit sie weiß. Shakirah schaudert es leicht. Irgendwie wird es ihr langsam zu unheimlich hier zwischen den immer dichter wabernden Nebelschwaden … Nicht allein die winterliche Kälte lässt ihr mehrere Schauer den Rücken runterrieseln. Fröstelnd legt sie beide Arme um sich, als es hinter ihr im Gebüsch auch noch knackt.
Erschrocken fährt Shakirah rum, lacht dann leise über sich. Nichts zu sehen. Sei keine alberne Trine. Irgendein Kaninchen … Etwas verzagt fasst sie sich aber doch an den Hals. Oder treiben sich hier vielleicht nachtsfinstere Gestalten herum ?? …? Gulp!
Eilig macht sich Shakirah auf den Heimweg. Dumme Idee, hier nachts diskret ermitteln zu wollen. Auf diesem Friedhof ist sicher nichts mehr weiter zu erfahren …
Irgendwie … wird sie das unangenehme und nicht ganz greifbare Gefühl einfach nicht mehr los, beobachtet zu werden …
?????????????????????????????????????????????????????????????????????????? 7 NEULAND ?????????????????????????????????????????????????????????????????????????? 7.1.1 – Alles, nur kein Date … Keine Zeit, keine Zeit …
„Schnell, schnell, schnell!“ Die junge Mutter ist leicht in Stress. „Ganz schnell noch ein Bad, mein kleiner Dreckspatz! Mami muss bald arbeiten!“ Lotta nutzt die Gunst der unbelebten Stunden früh am Morgen, wenn noch keine Kundschaft im Touristikcenter ist … Sie muss sich aber ziemlich eilen. Hätte ich vielleicht den Betreiber vorher fragen sollen, ob wir hier alle baden dürfen …?
Kein fließendes Wasser zu haben nervt langsam in der eigenen kleinen Wohnhütte. Die Feriengäste, die hier täglich in dieser Wellnessoase ein und aus gehen, duften immer so blütenfrisch und Lottas Chef hat all seinen Mitarbeiter*innen eingebläut, ja immer fein wie aus dem Ei gepellt zu erscheinen.
„So, Patschehändchen und Füßchen her, heute wird alles hübsch sauber geschrubbt. Heute müssen wir besonders gut aussehen.“ Irgendwie hat das Kind anderes im Sinn als nur mal schnell durchs Bad zu huschen.
Wie sich bald nach Arbeitsantritt herausgestellte, ist Lottas Boss Inhaber einer Kette - verteilt im ganzen Land und daher ständig auf Reisen. Heute soll im Laufe des Vormittags der eigentliche Manager dieses Ressorts eintrudeln. „Ein ehrenwerter und überaus korrekter Herr!“, hatte der Betreiber vor ein paar Tagen verkündet. Ein bisschen bang ist Lotta schon vor der Begegnung, obwohl ihr der Oberboss trotz fehlender fachlicher Kenntnis recht wohlgesonnen war: „Das machst du schon mit deiner natürlichen Begabung Wett, Lotta. Talente erkenne ich sofort. Wo hast du nur diese kräftigen und doch so zarten Händchen her …?“ Etwas verlegen hatte ihm Lotta die Selbigen entzogen …, froh, dass seine Frau Gemahlin gerade um die Ecke bog und den Chef vom weiteren Betätscheln ihres ‚Handwerkszeugs‘ abhielt. Hoffentlich ist der neue Manager wirklich so ehrenwert!
„Ja, du hast da ein feines Entchen gefunden, Takatuka! Nun gib aber endlich die kleinen Schmutzhändchen her!“Wo gräbt das Kind nur schon am frühen Morgen damit herum?
Zuweilen vermisst Lotta die beschauliche Ruhe vor dem ganzen Ansturm der Zivilisation des neu erbauten Wintersportortes. Da hatte es niemanden gescherrt wie sie draußen rumliefen, weil … niemand da war!
„Quietsch, Quak, Quak …“ Takatuka ist bestens gelaunt. So ein schönes Bad mit viel Schaum gab es schon lange nicht mehr! „Riecht lecker, Mama! Mhmmmm …“Hoffentlich schlürft das Kind nicht gleich das Badewasser, denkt Lotta noch besorgt. Vielleicht hätte ich nicht die Tube ‚Erdbeerblubberspaß‘ wählen sollen.
„Mama auch baden!“ kichert die Kleine vergnügt und schon klatscht sie mit den flachen Händchen in die Schaumberge, dass das Wasser darunter nur so hoch spritzt.
„Ihhh, neeeeinnn! Takatuka, verdammt, dass muss ich alles nachher doch wieder aufwischen. Hör auf!“ Och Mensch! Normalerweise würde ich das Kind doch nicht so anranzen, sondern mitlachen … Lotta kriegt mal wieder ein schlechtes Gewissen. Ich hab‘ nur noch so wenig Zeit für Takatuka …
Erneut hat der Rotschopf wieder diverse Fulltimejobs: pflanzen, ernten, an die Gastronomie ausliefern wie ehedem an ihrer letzten Wirkungsstätte. Danach gibt sie noch abwechselnd Entspannungsmassagen oder Abfahrt- und Kletterkurse. Die junge Mutter ist voll eingespannt in den Ski Zirkus hier vor Ort. Aber trotzdem muss sie Monate dafür schuften, um sich wenigsten eine einfache Stromleitung zu ihrem Lebkuchenhaus legen zu lassen - ganz zu schweigen von einem Anschluss für fließend Leitungswasser … Es herrscht nicht ganzjährig vollständiger Saisonbetrieb. Lotta muss das Meiste an Einkommen in den Wintermonaten zusammenscheffeln.
„So, Haare auch schön waschen, damit sie wieder glänzen und … Ohren nicht vergessen!“ Takatuka windet sich fröhlich wie ein kleiner glitschiger Aal unter den Händen ihrer Mutter.
„Spielen!“, fordert die Lütte erneut und schon muss das Quietscheentchen neue Abenteuer mit dem kleinen rothaarigen Seeungeheuer bestehen. „Zum Fressen gern!“ Ja, so ein Seeteufel verschlingt kleine Entchen mit einem einzigen Happs! „Hamm!“, schnappt das kleine Mäulchen wiederholt zu.
„Och, Takatuka! Die gehört uns doch nicht! Schlag doch nicht noch deine kleine Hasenzähnchen in das arme Vögelchen. Leg die Ente bitte wieder auf den Wannenrand zurück!“, drängt Lotta ihr Kind. Wie soll man sonst den Gästen so ein angenagtes Teil erklären?
Das kleine gelbe Gummitier schlägt verzweifelt um sich, denn der lütte Derwisch hält es fest in seinen Klauen … „Roooaaaarrrr!“ Flügel wie Pranken lassen die Wogen nur so schäumen … Die Gischt spritzt weit und hoch … Jetzt kommt noch der große Krake … „Wahhhhhhhhh …“ ???. Takatuka ist recht Fantasiebegabt ….
„Aaahhhhhh …! Aufhören, Takatuka!“ Herjeh, jetzt muss Lotta auch noch ihre Arbeitskleidung irgendwie getrocknet kriegen. Wie sehe ich nur aus? „Na los, du kleine Rabaukin! Raus mit dir aus der Wanne!“
„Wo ist eigentlich Böser Wolf? Das pelzige Stinktier kommt auch noch dran!“Böser findet doch immer wieder etwas, wo er sich drin wälzen kann.
„Groooooße Krakenarme!“ Takatuka ist noch immer in ihrem Element und Mama wird noch einmal fest umschlungen von schön nassen, glitschigen Tentakeln … Uff, ich will doch heute einen guten Eindruck beim neuen Manager machen. Lotta könnte schier verzweifeln. Hurtig macht sie sich auf die Suche nach dem vierbeinigen Zottelpelz …, nachdem sie dem widerstrebenden mehrarmigen Krakenkind endlich ein paar saubere Kleider überstreifen konnte.
Immer der Nase nach und schon hat Lotta den miefenden Pelzträger aufgespürt. „Böser, du hast nichts, aber auch gar nichts in der Sauna verloren! Komm sooooooofort da raus!“, fährt sie den Vierbeiner aufgebracht an. Lotta sieht schon förmlich die Kundenbeschwerden über unhygienische Verhältnisse auf sich herabregnen.
‚Was bist du heute schlecht drauf. Warum so nervös? Hei, immer gechillt!‘ Das würde Böser Lotta sagen, wenn er könnte! Kann aber nicht! Also dann einfach nur aus dem Wasser gehüpft, einmal ordentlich geschüttelt - nicht gerührt – und den Boden fein nass geplitscht!
(D e r Alpha … wild ?? In hierarchy of captivity? Prefer freedom in nature ???, AhuuuUUUU!) https://www.youtube.com/watch?v=jdsqht1m1rE
„Ja, guck jetzt nur nicht so unschuldig! Ach, was erzähl‘ ich denn da. Du kannst ja gar nicht unschuldig gucken, Böser Wolf! Dein Pech! Los hoch in die Wanne, während ich hier auch noch schnell aufwische!“ Lotta gibt sich heute sehr bestimmend. Das ist echt Neuland für den Wolf.
Na gut, tue ich ihr den Gefallen! Aber es ist und bleibt ein Gefallen! Bin schließlich ein Wolf und kein Hund! Böser sprintet schon mal voran …
Ach, das tut aber gut! Ja, ja, schubbere da … rechts, jaaa … genau da! Deswegen sind da unten wohl immer so viele Sims auf ihrer Liege! Die schubbert sie auch immer … die Felllosen … Kann Lotta das guuuuut! Der Wolf denkt sich so seinen Teil … während er von Lotta in der Wanne ordentlich durchgewalkt wird.
„Bösa badet! Auch baden!“, begehrt Takatua einen neuerlichen Wellenspaß. „Du hast schon, Kleine! Erst nächste Woche wieder!“, bescheidet ihr hingegen die junge Mutter unter steigendem Zeitdruck. Allzu oft wird Lotta das ‚Angebot‘ hier im Wellnesstempel wohl nicht nutzen können! Mal sehen wie der neue Manager überhaupt drauf ist. Ob ich vielleicht doch mal fragen sollte, ob es ok wäre …?
„So, Böser, du jetzt auch raus aus der Wanne und dann ab nach draußen mit euch beiden!“ Irgendwie muss Lotta jetzt noch ihre etwas klammen Klamotten trocknen …
Hoffnungslos! „Aaaaaahhhhh … Du böser, böser Wolf! D r a u ß e n hab‘ ich gesagt! Jetzt muss ich hier auch nochmal aufwischen!“Die machen mich heute fertig! Lotta könnte bald heulen … Wie eine Salatschleuder nämlich vermag sich der Graupelz binnen Sekunden ruckartig … zu ‚entwässern‘. Ganz im Gegensatz zu Lotta, die jetzt erst … so richtig klitschnass ist.
Morgenstund hat Gold im Mund? Lotta glaubt das an diesem Morgen nicht! Kind und Tier auf Knien baden und die Böden auch schon mehrfach schrubben schießt ihr heute gut ins Kreuz. Man kann sich nicht mal ausgiebig dehnen, wenn alles an einem … klebt.
„So, jetzt ist Mutti dran!“ Eilig wird die Arbeitskleidung über die Heizung gehängt – auch ein Luxus, den Lottas Hütte wohl nie erleben wird. Es gibt nur den Kamin und Herdfeuer. Wohlig lässt sich die Morgengeplagte in das heiße Wasser sinken. Ein wenig von der Tinktur ins Gesicht, ein paar Gurkenscheiben obendrauf, bisschen Lavendel ins Badewasser …
Steht hier alles für die Gäste nachher bereit. Aber so zwei Scheibchen werden doch wohl nicht auffallen …Soll belebend sein und d a s brauch ich gerade ganz dringend! Diese Art der Körperpflege hat Lotta erst hier kennengelernt. Dumm nur, dass man nichts mehr sehen kann …
Takatuka wundert sich. Hat Mama Hunger? „Sieht Mama komisch aus! Musst du in Mund stecken!“, rät sie Lotta kichernd ganz naseweis.
„Schatz, ich habe eine ganz wichtige Aufgabe für dich und Böser! Ihr müsst draußen vor der Tür Wache schieben und Mami sofort Bescheid sagen, wenn Gäste oder … ach, wenn überhaupt irgendwer kommt!“ Nicht auszudenken, sie würde hier erwischt werden … Lotta möchte ihren Job nicht verlieren, aber … das tut sooooo guuuuuuut!
Und ein paar Minuten Erholung von den beiden heutigen Plagegeistern könnte der Rotfuchs auch gerade ganz gut verknusern. Aufseufzend lässt Lotta sich tiefer ins duftende Badewasser sinken.
Kind und Wolf traben endlich aus dem Raum „Schön aufpassen, Bösa!“ Takatuka ist ganz beseelt von dieser wichtigen, wichtigen Aufgabe, die Mama ihr gegeben hat. Sie ist ganz zuversichtlich, dieser Anforderung des aufmerksam Wache Schiebens vollauf gerecht zu werden und Böser hört ja auch immer aufs Wort! Nicht wahr?
Ganze drei Minuten hält das Chaos-Duo den eigenen Erwartungen stand, dann rufen bereits wieder neue Abenteuer und Ungeheuer, die bezwungen werden wollen …
Es ist … verdächtig still!
Ruckartig schreckt Lotta aus einem Sekundenschlaf hoch, oder … Wie lange war ich in dieser dampfenden Wärme weggedrömelt? Da rührt sich gar nichts vor der Tür … Eilig springt Lotta aus der Wanne!
Oh Gott, sowas Blödes sollte ich nicht nochmal machen! Aber wie soll man denn sonst hier so obergeschniegelt und gestriegelt wie erwünscht durch den Tag kommen? Hastig befühlt Lotta ihre feucht über den Heizkörper gehängte Wäsche. Halbwegs trocken. Muss reichen!
Noch immer mit den klammen Klamotten in der Hand, die sie nicht wirklich anziehen mag, wandern erneut ihre etwas furchtsamen Überlegungen zu der bevorstehenden Begegnung an diesem Morgen: Wie wohl der neue Manager sein wird? Hoffentlich ein bisschen gnädig mit mir! Lotta hofft inständig auf gutes Einvernehmen. Wieder einmal wird ihr bewusst wie wenig Bildung und zertifizierte Qualifikationen sie hat und sich immer nur alles autodidaktisch aneignet.
Was habe ich vorzuweisen? Was kann ich meinem Kind schon weitergeben? Bin ich eine Rabenmutter? Gibt es eigentlich auch … Rabenväter? Aufgeschnappt hatte Lotta diesen Begriff in den Filmstudios, wo sie mal eine Zeitlang als Stuntfrau für Fechtszenen doubelte. Über mache Aktricen wurde immer etwas abfällig hergezogen, wenn sie mehr Zeit beim Film als bei ihrer Familie und den Kindern verbrachten … von wegen Vernachlässigung. Über die Herren und Väter in der Branche wurde solches nie hinter vorgehaltener Hand geflüstert.
Widerwillig streift sich Lotta ihre Arbeitskleidung immer noch unangenehm mit Restfeuchte durchzogen über und begibt sich auf die Suche nach ihrem ‚Dream-Team‘ von einem Wolf mit Kind.
Weiterhin gelinde in verzagten Gedanken gefangen findet Lotta die zwei Umtriebigen, die es sich allem Anschein nach auf jeden Fall recht gut gehen lassen, in der wohnlichen Leseecke des Centers wieder. „Na gut, seid aber still, macht nichts kaputt, wenn ihr hier im Haus bleibt.“ Der Manager hat hoffentlich nichts gegen Kinder … oder … Wölfe am Arbeitsplatz! Dem Inhaber der Wellnesskette hatte sie gar nicht gesagt, dass sie noch Kind und Kegel im Anhang hat. Ob das ’ne wichtige Mitteilung wäre? Vielleicht sollte ich erst einmal mit dieser Information anfangen, bevor ich … über Badmitbenutzung debattiere!
Flugs eilt Lotta in ihr neues kleines Reich von Duftölen und Liegematten. Selbst an Yoga versucht sie sich in letzter Zeit. Ein paar Minuten bleiben noch für Lernlektüre vor dem ersten Kundenansturm. Der Inhaber hatte es sich nicht nehmen lassen, ein wenig Lehrmaterial für Lotta bereit zu stellen. „Natürlich reicht Naturtalent allein nicht auf Dauer aus!“, so sein Credo. Also studiert Lotta nebenbei nun in der wenigen Wartezeit recht anschauliche Hochglanz Bildbroschüren. Viel Muße dafür bleibt ihr nicht. Ihr Terminkalender ist gut gefüllt …
„Geschmeidige Hände sind unerlässlich und das A und O einer jeden Ganzkörper Massage …“, liest Lotta sich selber laut … und etwas langsam … aus Kapitel IV in Band I vor. Wie gut, dass es mehr Bilder als Text gibt. „Aaaahhhhh!“ Immer schön die Hände ölen …
„Ohhhhhh, ist das … glitschig!“ Gut in den Handflächen verreiben … und dabei zarte Duftnoten in den immer frisch belüfteten Raum entweichen lassen, um das Wohlbefinden der Erholungssuchenden zu steigern … laut Kapitel V, Band I.
Der erste Kunde nimmt auf der Liege schon mal Bauchlage ein. „Ja, ja, natürlich habe ich warme Hände! Und fein gesalbt … für den gesalbten Leib! Sehr wohl der Herr. Wie sie wünschen …“Immer ausgesucht höflich zu Kunde König … Die Gäste sollen sich vollauf entspannen können … Kapitel VI, Band I.
Ja, ja! Lotta ist immer noch bei Bad I von X! Sie hat eben nicht viel Zeit. Verdammt! Noch so viel Neues zu lernen. Da bleibt einfach kein Raum außer für Kinder, Küche, Kirche und Arbeit! Ok, das mit der Kirche war etwas hochgestapelt … Deswegen hat Lotta nebenbei ein bisschen Zeit, eigene Gedanken während der Arbeit fließen zu lassen, anstatt über irgendein ‚Wort zum Sonntag‘ nachzugrübeln …
Erst einmal ein bisschen kräftiger zupacken, Seitenstränge der Oberkörpermuskulatur dehnen … Ob ich irgendwann auch die hoch alpine Tour anbieten könnte …?Brächte ganz schön was an Kohle rein … Könnten sich nur vermögende Gäste leisten … die Tour. Allein hat sich Lotta bisher nicht wieder an diesen recht anfordernden Anstieg gewagt …, den sie mit Ansgar für den Sendemast gemeinsam beging.
Nun etwas sanfter mit den Fingerkuppen die verhärteten Faszien kneten … Immer noch keine Idee, wie ich Ingwer Wurz am besten im Garten ziehe. Wäre auch ein hervorragender Tee zum Nachmittag … Hätte ich doch bloß vor Abreise noch … diesen … Norweger gefragt. Ingwer ist in der umliegenden Gastronomie auch sehr gefragt - als vielseitiges Gewürz und Heilmittel, hat Lotta gehört!
Wo sie jetzt wohl gerade sind …? Also, … Thorger und Sven natürlich … Das ‚Hackbrett‘ zum Schluss … Immer noch Kapitel 6, Band I.
„Oh, vollauf zufrieden, der Herr? Herzlichen Dank für das Lob! Du är alltid välkommen!“Zusätzliches Trinkgeld ist immer willkommen!„Sie kommen gerne wieder? Das freut mich“, erwidert Lotta höflich das Lächeln des Gastes.
„Auf einen … Tee … oder … Kaffee?!“*Räusper*„Äääh da, die nächste Kundin wartet ja schon! Ja, ja, immer so wenig Zeit!“ Never time for any dates! Viel beschäftigte Frau! Arrivederci, au revoir und hasta luego, bis irgendwann mal … Oh, je, gerade hatte sie noch gesagt, er sei j e d e r z e i t willkommen! Als zahlender Kunde aber nur! Das war doch nur eine schwedische Floskel aus der Tourismusbranche. Das sagt hier j e d e * r!
„Ja natürlich. Sie können sofort drankommen, werte Dame. Freimachen, hinlegen und schooooon geht’s los. Bye, bye der Herr!“ Lotta ist ja soooo zuvorkommend. Heute gibt sie sich auch besonders viel Mühe. Sollen bloß keine Klagen beim neuen Manager nachher aufkommen …
Und ölen … ölen … ölen …, nicht nölen … nölen … nölen …
Irgendwann habe ich so butterweiche Finger … Könnte mir ein Frühstückstoast damit bestreichen …
Und wieder zerfließen die Gedanken wie Öl in einer sich langsam erhitzenden Pfanne … Schade, dass a l l e weg sind …, seufz! Ich meine … Sven … und Thorger … und Reuben …, Himani …, Björg … … … … … … … Na egal, hab‘ eh keine Zeit … … … … … neben Arbeit … … … … Kind … … … … Garten … … … … … … … Und überhaupt … … … …
Huch! Manche behalten wohl überall Hut auf …! Also keine Kopf- oder Hirnlappenmassage heute!
Puh, letzter Gast … Für heute Vormittag zumindest! Kann nicht mehr auf den platten Füßen stehen … Ein Viertelstündchen hat Lotta noch, bevor … es zum neuen Manager geht.
Hoffentlich nicht noch so ein Charmebolzen wie der Inhaber. So etwas kann ich gerade gar nicht brauchen … So was Liebes, Umgängliches wie Sven oder Thorger wäre fein …
Mit leicht beklemmtem Gefühl macht sich Lotta auf die Socken. Ein Kollege hat ihr gerade bedeutet, dass sie jetzt dran ist, ihre ‚Aufwartung‘ zu machen … Hab‘ ich auch wirklich alles heute hinter mir wieder fein aufgewischt? Ist die Arbeitskleidung noch adrett und sauber? Wo toben die beiden Rabauk*innen gerade rum?
Oben zum Glück gerade nicht. Kind und Wolf scheinen wieder draußen rum zu stromern …
„Äh, ja hallo! Da wäre ich … Herr … Manager!“Ach herrjeh, wie heißt der überhaupt? Warum frage ich so etwas nicht vorher nach?
Etwas schüchtern macht Lotta den ‚ehrenwerten Herrn‘ auf sich aufmerksam, der ihr da in einem tiefen Chefsessel in Unterlagen versunken den Rücken zukehrt.
7.1.2 – Alles, nur kein Date … Huchili, alte Bekannte …
„Lotta? Lotta Långstrump?!!!!!!“, fährt Oleg Proschinsky augenblicklich herum und glaubt, seinen Augen und Ohren nicht recht trauen zu können. Gerade war er die Listen der Mitarbeiter*innen durchgegangen und steckte noch bei … K.
„Oleg?!“ Lotta weiß im ersten Moment nicht, ob sie sich freuen oder hoch entsetzt sein soll, ein alt bekanntes Gesicht anzutreffen … Zu viel schießt auf einmal in der einen einzigen winzigen Sekunde der Erkenntnis, wer da vor ihr sitzt, durch ihr gerade leicht überfordertes Hirn.
Oleg Proschinsky kommt aus dem Staunen nicht wieder heraus: „Wie … kommst du denn hierher, Lotta? Ja, das ist wirklich eine Überraschung!“ Mhm, dasselbe könnte ich auch sagen und fragen … Lotta versucht sich wieder zu fassen. Er ist jetzt … mein Boss! Sei nett. Mach bloß keine blöden Scherze. Keine Miyu hier …, die … die …mich rettet … Schlagartig setzt Traurigkeit ein. Keine Miyu … mehr!
Die plötzlich sehr wehmütige Mine entgeht Oleg nicht. Er ist nicht ganz so ein herzloser Klotz wie alle meinen: „Alles ok, Lotta! Wir … waren auch sehr traurig. Sind mehr oder minder geflüchtet …“
Olegs Stimme kann ja richtig sanftmütig sein, registriert Lotta wie durch Watte gedämpft an ihrem Gegenüber. Es hatte ihn also auch mitgenommen ...? „Du bist … nicht mehr an der Schule, Oleg …?“ Ziemlich blöde Frage, offenkundig nicht. Er ist ja hier? Aber was meint er mit … w i r?
„Ach Lotta! Ich freue mich einfach, dich wohlauf zu sehen. Wir hatten alle gekündigt, nachdem …“ Unvermittelt springt Oleg auf und drückt Lotta ganz bewegt einen Moment fest an sich. Umpfff. Oh, so von Chef zu Angestellter … Besser mal zurückdrücken. Ach, eigentlich besser als erwartet … die erste Begegnung mit dem neuen Manager, oder? Oder?
Und irgendwie ist Lotta auch ein Stück erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu treffen. Proschinsky wird sie schon irgendwie zu nehmen wissen. Sie kennt ja seine Marotten ein bisschen.
Die traurige Erinnerung verdrängend - denn Lotta will im Hier und Jetzt leben, allein schon ihrem Kind zuliebe – wird der Rotschopf auch bereits wieder ein wenig keck: „Na, nun sag schon, Oleg …“, he he, ich duze den neuen Chef, alter Schwede,„… wer ist w i r? Sind … noch andere von früher hier?“
Auch Oleg kann sich gut darauf einlassen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, als er merkt wie Lotta umzuschwenken versucht und sich nicht von trübsinnigen Gefühlen leiten lassen möchte: „Oh, das hast du ja gar nicht mehr mitbekommen, Lotta! Adeline und ich sind … verlobt! Und dann hatten wird diesen sehr ansprechenden Werbeprospekt mit der internationale Stellenausschreibung für ein neu aufzubauendes Ressort gesehen und uns entschieden, ins Ausland zu gehen. Hier kann ich mich mal wieder richtig sportlich verausgaben. Und Adeline hilft mir bei der Buchhaltung, gibt Kunst- und Französischkurse für ein paar betuchte Feriengäste - oder deren Kids und Teens, damit die lieben Eltern mal etwas Ruhe im Urlaub haben.“ Proschinsky ist regelrecht in Plauderlaune … Schon fast ein Vortrag für seine Verhältnisse.
„Na, da gratuliere ich euch beiden natürlich! Schön, dass Adeline auch hier ist!“Manno, da hat er es ja endlich geschafft, Madame Fouché von sich einzunehmen, altes Haus! Lotta ist richtiggehend erheitert. Aber ob die verhuschte Adeline immer zu lachen hat neben dem sehr bestimmenden Oleg …? Verlobung heißt wohl … festgebunden? So ganz hatten sich Lotta manche Gebräuche an ihrer letzten Heimstätte noch nicht erschlossen. Irgendwie muss sie wohl wirklich viele Jahre fernab dieser ganzen Zivilisationen gelebt haben ...
Kam nach Verlobung nicht … Heiraten oder so? Eine Party mit Kuchen …?, grübelt Lotta gerade noch und will nachhaken, ob eine ausgelassene Feier in Aussicht steht, als ihr von hinten eine andere bekannte Stimme ins Ohr raunt: „Hallo Lotta!“
Oy, Brett Jenkins, der sie da gerade so von der Seite anflötet. Lotta erinnert sich noch gut an ihre erste Schulstunde bei ihm, als sie gleich mal klarstellen musste, dass sie wirklich nur wegen Simlischkunde da ist. „Hi, Brett!“, antwortet Lotta etwas vorsichtig, als sie sich zu ihm umdreht. Das wird ja ein regelrechtes ‚Klassentreffen‘!
„Wow, Lotta, du hier?“ Brett wirkt recht enthusiastisch. „Was … hast du denn da an? Arbeitest du etwa hier … unten im, äh … Massagesalon? Noch Platz im Terminkalender?“ Tja, der junge Ex-Referendar steuert immer gern zielgerichtet drauf zu … „Öhm, nein, alles schon voll … auf Wochen!“ Ob das stimmt? Lotta führt den Terminkalender nicht selber …
„Ich gebe auch Ski-, Snowboard und Kletterkurse!“, belehrt sie den Ex- und wohl wieder Neu-Kollegen, um gleich mal klarzustellen, dass sie nicht nur fürs körperliche Wohlbefinden Sorge trägt, sondern noch soooooo viiiiiel anderes macht und kaum Zeit hat. „Und w a s machst du so, Brett?“ Da ist Lotta jetzt mal gespannt, was Jenkins mit seinem Fächerkanon, denn hier anbieten könnte …
„Na, in erster Linie widme ich mich heutzutage hauptsächlich der Musik, toure durch die Gegend mit meinen Jungs und habe in diesem Ressort auch einige Gigs, sogar solo. Aber das ist ja prima, was d u alles so machst, Lotta. Hei Oleg, sie ‚lehrt‘ wieder Sport!“, grinst Brett Proschinsky frech an. Jenkins hat es letztendlich nicht so viel ausgemacht, den Schuldienst endgültig an den Nagel zu hängen wie dem ehemaligen Konrektor, aber … gerade hat er eine Idee: „NaProschinsky, nehmen wir doch den Unterricht für Lotta wieder auf! Du Mathe und ich Simlisch – wie früher!“
Yeaaahhh, freut Lotta sich: „Wa-a-a …!“Wo soll ich denn d i e Zeit noch hernehmen?
Oh ja, Oleg ist vollauf dabei und macht sogleich Pläne! „Brett, du hast ja mal wirklich grandiose Ideen! Das machen wir. Morgen geht’s gleich los, Lotta!“ Vergeben und vergessen, welch Ungemach ihm Lotta seinerzeit mit ihrem Mangel an Schulwissen und ihrer Unverblümtheit bereitete. Oleg hat wieder eine Schülerin, hah!
„Öh, Oleg, und … meine Arbeit?“Ich muss ja noch ein bisschen … Geld verdienen! „Ach Lotta, gleich n a c h der Arbeit natürlich! Abendschule! Montags bis freitags!“Nochmal Yeahhh. Da spricht jetzt wohl eindeutig der neue Chef aus Oleg.
„Öhm …“, wagt Lotta noch einen rettenden Versuch – abends ist sie auch schlichtweg platt. Und wann kümmere ich mich noch um Takatuka? „Ich lerne schon ganz viel … aus den Büchern da hinten, tagtäglich!“ Zaghaft weist Lotta auf das bisher einzige Lesematerial im Regal in der Ecke des Raumes hin: Kapitel I bis X Wellnessfreuden …
„Diese Bildbände? Comic-Zeichnungen!“, wischt der ehemalige Konrektor Lottas Einwände einfach vom Tisch. „Ist ja wunderbar als Anschauungsmaterial für Yoga, Wellness, Origami und was weiß ich für asiatischen Kram …“Oh, so viel hält Oleg also von meiner neuen Arbeit im Untergeschoss … Und er ist Ressort-Manager vom Ganzen?
„Setz dich Lotta, ich rede von echter B i l d u n g, verstehst du?! Bei Gelegenheit müssen wir da mal die Lektüre aufforsten …“, herrscht Oleg die unfreiwillige Schülerin mit Blick auf das recht luftig bestückte Buchregal an. Lotta sitzt augenblicklich brav auf ihrem Podex … Puhhh, wieder ganz herrischer Oberlehrer und ich das einzige Lehr-Opfer weit und breit, dass nicht entfliehen kann … so als Angestellte. Und Brett und Oleg sind mal einer Meinung? Schulpflicht für Erwachsene? Bäh!
„Wir können sonst auch noch ein paar Ski- und Kletter-Kurse von dir verteilen.“, schlägt Proschinsky etwas versöhnlicher angesichts Lottas etwas angestrengter Mine vor. „Morgen kommt noch ein neuer und sportlich sehr versierter Kursleiter an!“
D a s beruhigt den Rotfuchs un-ge-mein!!!! „Aber, Oleg … Ich brauch‘ die Kurse, … das Geld! Ich kann mir nicht leisten … Ich wollte auch noch gerne …“ Och je, Lotta kann gar nicht weiterreden. Versiert?! Natürlich hat der Neue Zertifikate, Qualifikationen, wedelt mit seinen Papieren nur so rum und kriegt jeden Job! Lotta wagt gar nicht mehr nachzufragen … N i e würde man mir die lukrative hochalpine Bergtour übertragen. Überhaupt … mit Kind! Wer passte darauf auf, wenn ich tagelang weg wäre? Kein Thorger und kein Sven mehr da! So viele Hindernisse …
Niedergeschlagen gibt Lotta ihre Gegenwehr auf, willigt zwangsweise ein. Ja, Bildung ist ja nicht verkehrt. Dann bekomme ich eines Tages mal die besser bezahlten Jobs, kann‘s mir aussuchen und Takatuka … Takatuka! „Ich hab‘ doch noch das Kind, Oleg! Ich hab‘ nicht ständig Zeit zum Lernen. Einen Abend oder zwei in der Woche, ok? Und bitte, nimm‘ mir nicht meine anderen Verdienstmöglichkeiten, Oleg. Bitte! Ich bitte dich!“, fleht Lotta händeringend den alten Haudegen von Lehrer und nun direkten Vorgesetzten an.
„Lotta! Ich bin doch kein Unmensch!“ Oleg wirkt ehrlich betroffen. Sie muss mich nicht anbetteln.„Machen wir einen Tag Unterricht in der Woche fest und beim zweiten schauen wir mal, ok? Und du behältst natürlich alle deine bisherigen Jobs hier. Ist doch klar! Wo ist die Kleine eigentlich gerade? Im Kindergarten?“ Der Gedanke an das Kind kommt Proschinsky jetzt erst und dann hatte sie da doch auch noch …: „Ist dein Hund auch hier?“ Oleg hat ein Faible für die Vierbeiner, vor allem die großen. Er würde sich glatt zum Gassigehen anbieten!
„Wolf! Es ist ein Wolf!“, korrigiert Lotta etwas aufatmend, dass Oleg mit sich reden lässt. „Kindergarten? In welchem Kindergarten sollte mein Kind sein?“Hier? Lotta lauscht ganz erstaunt Olegs Erklärung, dass seit heute auch ein Kindergarten im Wintersport-Ressort eröffnet hat. Saisonale Ferienbetreuung für die Kleinen der Urlaubsgäste. Aber Angestellte könnten auch ihre Kinder unterbringen. Kostenlos! Hat Oleg gerade entschieden! Gibt hoffentlich nur das eine Kleinkind unter den Mitarbeiter*innen … Ich bin ja für die Einnahmen verantwortlich - als Ressortleiter.
„Ich … wie … wunderbar! Wo … wo ist der denn … der Kindergarten?“, stottert Lotta fast etwas verdattert über diese vielen neuen Möglichkeiten … Krieg ich vor lauter Arbeit kaum mehr was mit? Und was hatte Brett vorhin gesagt? Musik? Er macht hier auch … Musik? Wie lange habe ich keine mehr gehört, nicht mehr getanzt … Sehnsucht nach Unterhaltung, Rhythmus erfüllt Lotta.
„Der Kindergarten ist praktisch hier drinnen wie auch draußen vor der Tür! Gleich an deinem Arbeitsplatz, Lotta. Voll praktisch, oder?“, freut sich Brett, dem Rotschopf eine gute Botschaft verkünden zu können. „Momentan bauen sie draußen gerade Schneemänner und -frauen, sah ich beim Reinkommen! Hier drinnen warten dann heißer Kakao und eine Spielecke zum Aufwärmen auf die kleinen Zwerg*innen. Macht richtig Spaß, denen beim Toben zuzusehen …“
Häh? Brett hat was mit Kindern am Hut? Hätte Lotta ihm gar nicht zugetraut. Aber so viel hatten sie auch nie miteinander zu tun gehabt … also privat, außerhalb der Schule.
„Meine Freundin hat wirklich ein Händchen für die Kleinen. Schön, dass sie mitgekommen ist … Hab‘ sie gleich gefragt, als Oleg mit der Idee rumkam, in die Touristikbranche einzusteigen …“ Jenkins wirkt ganz begeistert.
Ooooh, Brett hat nun eine Freundin? Wie schön für mich … Dann hat sich das ja wirklich ein für alle Mal erledigt. Noch eine gute Nachricht für Lotta heute. War vorhin wohl wirklich nur eine reine Angebotsnachfrage … Ich sollte nicht immer so misstrauisch und übervorsichtig sein!
„Ach äh, ich guck nochmal wegen den Terminen für Entspannungsmassagen, Brett. Hättet ihr gerne einen Termin zu zweit? Dann frag ich nochmal bei den Kolleg*innen nach …“, bietet Lotta nun von sich aus wieder etwas entkrampfter an. „Super! Vielen Dank, Lotta!“, freut sich Brett. „Und frag‘ Danny einfach, ob deine Kleine Morgen schon in den Kindergarten kann. Schau gleich mal bei ihr draußen vorbei. Kannst sie gar nicht verfehlen.“
„Danny?“ Irgendwas klingelt bei Lotta an. Sie kommt nur gerade nicht drauf, was es ist.
Draußen vor der Tür schaut Lotta sich suchend um und sieht, dass Takatuka und Böser schon längst die neue Spielwiese für sich entdeckt haben … Wieder mal mitten im Getümmel die zwei! Na klar!
„Takatuka! Wolf!“, ruft sie die beiden an, dass sie sich ja benehmen sollen und wird gleich selber begrüßt mit: „Hallo Lotta! Wie geht’s, wie steht‘s? Ich freue mich ja so, dass dein Töchterchen wieder bei uns ist. Sie wurde schon sehr vermisst!“
Perplex bleibt Lotta mitten im Gehen stehen: „Danny? Duuuuuu? Du bist … die Freundin von … Brett? Du bist hier und …“, jetzt erst sieht sich Lotta die anderen Kinder genauer an, „… Tommy, Jamal und … Janine?“
„Hach, du solltest dein Gesicht sehen!“, lacht Danny gutherzig und geht erst einmal auf die junge Mutter für eine herzliche Umarmung zu. „Genauso habe ich einige Minuten vorher geguckt, als Takatuka und ihr Wolf um die Ecke bogen. War das ein Gejubel unter den Kindern!“
Immer noch recht verdutzt wie beseelt hakt Lotta aber doch noch genauer nach: „Also, dass du … Aber die Kleinen auch …?“ Verschmitzt gibt die Erzieherin daraufhin preis: “Bonus, meine Liebe, Bonus! Als ich kundtat, meine Stelle zeitweilig auflösen zu wollen, um Brett zu begleiten, gab es erst einmal helle Aufregung im Kindergarten! Fachkräftemangel! Als dann klar war, wohin ich gehe, war das Interesse an diesem neuen Urlaubsort bei einigen Eltern gleich recht groß. Den wohlhabenderen natürlich … Für jeden geworbenen zahlenden Gast bekam ich dann gleich auch noch Aufschlag hier. Besser geht’s wohl nicht!“
Nee, besser geht’s einfach nicht. Wie schaffen das andere bloß immer, so gute Konditionen auszuhandeln? Oh ja, Lotta wird brav ihrem Unterricht folgen. Alles bestimmt eine Frage von … Bildung!
Takatuka ist so glücklich mit den anderen Kindern gerade zugange. Mama ist regelrecht abgeschrieben im Moment. Lotta guckt dem Treiben eine Weile zu, bis sie sich wieder an Danny wendet: „Brett sagte, ihr seid viel draußen? Dann schaue ich, dass Takatuka ordentliche Schneekleidung Morgen anhat!“ Lotta selber fröstelt‘s gerade. Sie hätte sich noch was überziehen sollen, bevor sie nach draußen ging.
„Schau mal lieber, dass du schnell wieder reingehst, Lotta, und dir nicht noch was einfängst! Sind wir eigentlich jetzt Kolleginnen … deiner Kleidung nach? Arbeitest du da drinnen?“ Neugierig lässt Danny nochmal ihre Augen über Lottas Aufzug wandern. Der Rotschopf nickt bejahend und verzückt die Erzieherin auch gleich mit der Aussicht auf Paarentspannung.
„Übrigens, die Kinderskis werden gestellt. Die musst du nicht besorgen. Bin auf den neuen Skilehrer morgen gespannt. Ich soll auch mitfahren … Uh, mein erstes Mal auf solchen Brettern!“, wirft Danny Lotta noch hinterher, als die sich wieder auf den Weg ins Innere macht.
„Kinderski?“, dreht sich Lotta nochmal mit großen Augen fragend nach der Erzieherin um. „Ja!“, bestätigt Danny gutgelaunt. „Dies ist ein Skikindergarten! Der neue Kursleiter, der Morgen kommt, soll Erfahrung mit der Unterweisung so kleiner Knöpfe haben … Mach dir also keine Sorgen um Takatuka!“
Nein, um Takatuka macht sich Lotta keine Sorgen. Nur, dass sie scheinbar immer die Letzte ist, die auf so erbauliche Geschäftsideen kommt … Skikindergarten …! D a s wäre ein toller Job gewesen! Ich hätte so viel mehr Zeit mit Takatuka verbracht und … noch nebenbei gut verdient. Och man!
Leicht konsterniert, dass immer alle anderen so viel schlauer zu sein scheinen, betritt Lotta die Wellness- wie Touristikmehrzweckoase und macht sich wieder an ihr heutiges Nachmittagsgeschäft: ölen … ölen … ölen …
7.1.3 – Alles, nur kein Date … Unverschämtheit mit Tee …
Wie wunderbar sich doch alles entwickelt … Entspannt hängt Lotta in der Mittagspause des nächsten Tages in der heißen Quelle des Touristikcenters ab, in dem sie angestellt ist. Takatuka und Wolf sind bestens bei Danny und den anderen Kiddies versorgt. Und Oleg hat es gutgeheißen, dass die Kleinfamilie ohne eigenen Strom- und Wasseranschluss das Gästebad einmal die Woche nutzt … und sogar die Waschmaschinen des Ressorts, nachdem er hörte, dass Lotta zuhause alles in Handwäsche verrichtet. Sie hatte doch noch gewagt, zu fragen.
Proschinsky ist einerseits ein strenger Chef wie ehemals als Konrektor, aber manchmal lässt er auch Wohlwollen durchblitzen … Wohldosiert.
Hach, die anderen Tage kann ich die neue Gemeinschaftsdusche der Mitarbeiter*innen nutzen, um immer adrett durchs Berufsleben zu kommen. Daheim ein Eisloch in dem entfernt gelegenen Teich schlagen oder den Schnee vor der Tür im Winter einsammeln und mit Holz auf dem Ofen erhitzen muss Lotta fast nur noch für Tee, Kochen, Backen und kleine Wäsche.
Trotzdem … so eine eigene Wasserleitung wäre schon schön …
*Platsch*
„Hei!“Wer spritz denn da so rum? Irgendwas plumpst gerade von oben direkt neben Lotta ins Wasser und verursacht hohe Spritzer im Becken. Etwas zu spät schlägt Lotta schützend die Hände vors Gesicht … Bäh, Wasser im Auge!
„Auch Hei!“, ertönt eine vergnügte Antwort neben ihr, als Lotta sich noch blinzelnd die Augen reibt.
Die Stimme …?
… plappert einfach fröhlich weiter …
„Wirklich angenehm das Wasser! Nichts geht über natürliche heiße Quellen, nicht wahr? Gut für die verspannte Muskulatur. Und das Ganze noch bei Sonnenschein im frisch gefallenen Schnee! Was will man mehr?“ Verschmitzt grinst Ansgar Lotta neben sich an, die nun die Augen endlich wieder öffnen kann.
„Umpff!“ Völlig perplex schlägt sie sich eine Hand vor den Mund. Lotta ist sowas von überrumpelt. Was … macht d e r denn hier? Urlaub? Hat … der Sabbelwasser getrunken … oder was? Ihr fällt gerade einfach nichts ein, was sie antworten kann.
Tja, offenkundig wusste sie wohl nichts von meiner Ankunft. Hat ihr ja voll die Sprache verschlagen …, schmunzelt der Norweger erfreut.
„Und wie lebt es sich so in dem Ressort, das wir aufgebaut haben!“ Ansgar ist zu Smalltalk aufgelegt und gleichzeitig auch tatsächlich etwas gespannt, wie der neue Ort so ankommt, den man kraft der eigenen Hände und – na gut – dank einiger Baumaschinen nach und nach errichtet hat.
„Höm!“ Mehr kriegt Lotta noch immer nicht über die Lippen, kann gar nicht rüber sehen, wendet sich von schrägen Erinnerungen überflutet verlegen ab … Das letzte Mal … stand der nachts draußen vor meinem Fenster … und ich drinnen … mit ’nem … Schwert! Und … auf dem Berg …im Zelt … Das war auch … Puhhh …
„Was? So erbaulich? Das freut mich!“, grinst Asgar amüsiert den anderen Rotschopf an. Der kleine Kobold mal mundtot, ha. Was ein Erlebnis! Ganz anders als auf dem Berg …
Es hatte noch lange Gespräche mit Sven und Thorger gegeben. „Nicht mal angeklopft den letzten Abend vor unserer Abreise? Blödmann!“ Ja, noch so einige andere Feinheiten hatten sie ihm an den Kopf geworfen … Und alle machten deutlich: er war wirklich ein Blödmann! Der aber zumindest nach weiteren eindringlichen Tipps – „Du musst ihr Vertrauen gewinnen!“ – und Überprüfung des eigenen Wollens nun weiß, was er will!
Ansgar will nicht mehr umherwandern und vor eigenen schwerwiegenden Erinnerungen weglaufen, die er … jetzt auch nicht gerade mit den beiden älteren Kollegen teilte. Doch von einer früheren Last möchte er sich nicht mehr die eigene Zukunft verbauen lassen, möchte sich sein kleines Stück Glück im Leben nicht mehr versagen ... Er ist wieder bereit, Verantwortung für mehr zu übernehmen … Ich hab‘ genug gelitten und wer weiß, was auch Lotta auf dem Buckel hatte … Haben wir beide eben unser Päckchen zu tragen.
Sein gesteigertes Interesse an dem Rotschopf neben ihm kann Ansgar einfach nicht mehr leugnen und auch ihr kleines rothaariges ungestümes Mädel hat sein Herz berührt. Wär‘ der Teint nicht so dunkel … könnte das Kind glatt von mir sein. Entspannt lehnt Ansgar sich gegen die Felssteine der heißen Quelle zurück von Zuversicht für eine bessere Zukunft beseelt. Lotta hingegen … ist immer noch recht stumm und irritiert.
Der Norweger lässt seine Gedanken zurück an die letzte gemeinsame Arbeitsstelle mit Thorger und Sven in Finnland schweifen …
Die beiden älteren und lebenserfahreneren Kollegen hatten Ansgar überzeugen können, dass Lottas generelle Abwehrhaltung gar nicht ihm speziell gelte … „Sie hat sich sogar recht lobend über deine Bergsteigerkünste gleich nach eurem Abstieg geäußert. Du hast sie da wohl schon etwas beeindruckt!“, hatte Sven noch betont.
Ja, nun bin ich hier! Vertrauensbildende Maßnahmen … Alles schön und gut, schmunzelt Ansgar im Moment wohlig in sich hinein. Aber ein bisschen auf den Arm nehmen … so wie Lotta mich auf dem Berg … Jooo, da hat Ansgar auch genug trockenen Humor für.
Erster Überraschungscoup zumindest gelungen. Versetz sie in Erstaunen!
„Und? Wie lange hast du so Mittagspause?“, will Ansgar lächelnd als nächstes von Lotta wissen. „Hä?“ Zurückhaltend schaut Lotta nur kurz zum Norweger rüber. Sie weiß noch immer nicht so recht, wie sie auf dessen Anwesenheit reagieren soll.
„Na, ich hab‘ auf jeden Fall gleich einen Termin!“ Wieder so ein breites Grinsen von dem Norweger. Hätte nicht gedacht, dass ich sie an die Wand reden kann. Macht direkt Spaß, das mal umzudrehen.
Lotta versucht kläglich, ein aufgebrachtes Schnaufen zu unterdrücken … Vergeblich!
Intuitiv folgt Ansgar weiter seinem Pfad der Eingebung. „Na, bis später, Lotta!“, grüßt er leutselig, während er aus der Quelle steigt. Lotta kann nur - leicht aus dem Häuschen - hinterher gucken.
V e r f l u c h t! Ich bin … verflucht! Ja, das ist sie wirklich. Verfluchter Malecantus! … … … Verfluchter Ansgar! Was soll das? Und ich … krieg nicht einmal den Mund auf! Lotta ärgert sich maßlos über sich selbst. Wie auf dem Berg damals lodert leichter Grimm auf. Es wird Lotta direkt zu hitzig in der heißen Quelle.
„Ja, ich hab‘ auch viel zu tun!“, nuschelt sie ärgerlich dem Norweger hinterher, der schon fast fort ist, nur … um endlich auch was gesagt zu haben.
Schnell steigt auch Lotta jetzt aus dem Wasser, nachdem Ansgar aus dem Blickfeld verschwunden ist. Sie gönnt sich noch die dringend notwendige Abkühlung nach dem heißen Bad in der unberührten Schneelandschaft direkt neben der Quelle, bevor es an ihren nächsten Termin geht. Dabei kann sie kaum unterlassen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Norweger hier wohl zu schaffen hat und für wie lange. Reparaturarbeiten an irgendeinem der Bauten? Was nicht in Ordnung im Ressort? Verflucht! Am Ende stellt der Kerl noch meine ganze Welt auf den Kopf!
Zügig schlüpft Lotta schließlich in ihre Arbeitskleidung und macht sich in ihr kleines Wellnessreich auf. Sie mag diese Arbeit … genauso wie das Klettern oder Ski laufen. Und die Kundschaft honoriert das. Sie bekommt ganz anständiges Trinkgeld und gibt sich daher umso mehr Mühe.
Halbwegs wieder mit abgekühltem Gemüt und gut gelaunt betritt Lotta den Raum, um als nächstes … Atemstillstand … zu erleben … und dann … hörbar … nach Luft … zu schnappen!
„Pünktlich auf die Sekunde! Das lob‘ ich mir!“ Wieder so ein unverschämtes Grinsen! Wie er da auf der Liege schon selbstgefällig auf sie wartet …
Lotta bemüht sich außerordentlich um professionelle Haltung, allein ihre aufs Äußerste gespannten Nerven brennen leicht mit ihr durch … Na warte! Kunde König! Das wird die beste Behandlung aller Zeiten … Unvergesslich! For ever … and ever … Garantierte Sonderbehandlung vom Feinsten, Herr Baumeister! Mit leicht gefrorenem aber dienstbarem Lächeln – Lotta weiß doch, was sich gehört – beginnt sie mit dem Einölen ihrer Handflächen …
Ansgar lässt sich in froher Erwartung auf köstliche Entspannung der Muskulatur langsam auf den Bauch gleiten. „Na, dann zeig mir mal deine Künste!“ Das ‚Handwerkszeug‘ wird angesetzt und packt … voll zu. Kneifender Griff in die Seitenrippen, krebsartiges Zwirbeln der Rückenhaut mit spitzen Fingern, als wanderten tausende dieser Schalentiere mit ihren Zangen über seine Wirbelsäule. Ansgar durchlebt alles andere als wonnige Schauer. Fast wäre er wie von der Tarantel gestochen von der Liege aufgesprungen, kann gerade noch einen Aufschrei unterdrücken, ein dumpfes ‚Umpf‘ aber nicht mehr verbergen.
Als der Zerberus über ihm einen Moment von seiner derben Traktur ablässt, versucht Ansgar, sich fluchtartig zu erheben, wird aber sanft wie nachdrücklich wieder auf die Liege zurückgepresst, denn auch der Rotfuchs über ihm verfügt noch immer über einiges mehr als üblich an Kraft.
„Wir sind noch nicht fertig. Jetzt kommt das Beste!“ Nun ist es Lotta, die schelmisch in sich hineingrinst. Scheiss aufs Trinkgeld heute! Die Wärmesteine der ‚Sonderbehandlung‘ sind bereits erhitzt! „Geht‘s so?“, fragt sie vorgebeugt samtig an Ansgars Ohr, während sie die etwas zu heiß gewordenen Steinchen einem nach dem anderen vorsichtig abwärts entlang seines Rückgrats auf die danebenliegenden Muskelpartien ablegt. „Wie? Ich verstehe nicht?“ Kann sie auch nicht, weil der Norweger sich mit verbissenem Gesicht und unterdrückten Lauten gerade mit der Frage quält, ob er einfach mannhaft durchhalten oder ihr gleich mal die Leviten lesen sollte …
„Alles in Ordnung hier?!“, tönt es streng von der Tür her, als Lotta gerade noch erwägt, einen weiteren heißen Stein in Ansgars Kreuzgegend zu platzieren. „Oh, Oleg!“, fährt sie augenblicklich schuldbewusst zusammen, zupft in Windeseile mit beiden Händen alle Steine wieder von Ansgars Rücken und lässt sie schnell in der Schale mit bereitgestelltem kaltem Wasser verschwinden. Beweismittelvernichtung! Fuhhhhh! Kann der Norweger wieder aufatmen. D a s war Rettung in letzter Sekunde!
Oleg hatte gerade in der Sauna nebenan ein paar Reparaturen vorgenommen, als er mehrwürdige Geräusche aus dem Nebenraum vernahm und mal nach dem Rechten schauen wollte … Umgehend setzt Lotta ihr lieblichstes Lächeln auf und lässt mit zartestem Kreisen ihrer Hände jetzt wirkliche Wohltat am Norweger wirken. „Alles gut!“, verkündet Ansgar hochzufrieden mit der glimpflichen Entwicklung, nun doch in den Genuss ihrer beredten Fingerfertigkeit zu kommen. Es macht schon die Runde unter den Gästen im Wintersportort hatte er bei Ankunft festgestellt.
Dankbar, dass der Norweger sie nach ihrer Schandtat nicht gleich an ihren Boss verrät, bemüht Lotta sich nun sehr um Zufriedenheit dieses Kunden. Und sie erwartet sicherlich auch kein Trinkgeld mehr. Nein, nein! Sanft streicht sie über die fest ausgeprägte Muskulatur unter ihren Händen, nimmt zum ersten Mal die Statur dieses Mannes tatsächlich wahr. Nicht unansehnlich! Ihre Finger gleiten kribbelnd seine Seiten entlang wieder aufwärts … Oleg tritt näher heran. Ansgar hätte jedoch nichts dagegen, wenn Proschinsky just in diesem Moment wieder hinwegtreten würde. Gerade wird‘s so richtig entspannend … wie … auch anregend.
„Das tut gut nach einigen Runden Ski, hm, Herr Kollege? Guter Einstand. Gute Kundenbewertung gleich am ersten Tag. Das gefällt mir! Die Kinder freuen sich auch schon auf ihren ersten Kurs nachher!“ Oleg war recht überwältigt, dass sich so ein erfahrener Bergsteiger und Skiabfahrtsläufer mit besten Papieren auf die erst kürzlich ausgeschriebene Stelle bewarb. Kostet ihn zwar auch ein bisschen Holz. Aber der Kerl ist wohl jeden Taler wert. So ein Allroundtalent.Neben individuellen Kursen, Gruppenangeboten auch noch die Kleinsten anleiten. Donnerwetter allerhand und dass in diesem jungen Alter!
Proschinsky sieht sich schon mit Ansgar als neuem Sportsbro einen der Gipfel erklimmen und gemeinsam auf Skibrettern in die Schluchten abwärts stürzen. Jenkins wäre völlig ungeeignet. Der versteht nur Bühnenbretter, aber nicht die sportlichen unter den Füßen!
Zum zweiten Mal verstummt Lotta an diesem Tag. Ansgar ist … d e r … neue … Skilehrer …? Irgendwie verharren ihre Hände gerade wie in der Luft gefroren. Dann lässt sie sie innerlich erschlagen niedersinken. E r macht also die alpine Tour! Und … und ... Lotta schaut völlig entgeistert auf Ansgar nieder, der sich zur Erwiderung einer Antwort an Oleg sacht aufstützt. Und e r verbringt jetzt tagsüber mehr Zeit mit meiner Tochter als ich?! Wie …? Woher …? Wer … sagt denn, dass der mit Kindern umgehen kann?Das Zertifikat möchte ich aber mal sehen. Der kann doch nicht für alles eines haben!
Und dann dämmert Lotta … noch etwas! Wir sind jetzt … Kolleg*innen? Längerfristig? Ziemlich erstarrt blickt sie Oleg an. Seine Lippen haben sich gerade bewegt. Eine Hand fuchtelt vor ihrem Gesicht herum … „Ob ich zuhöre? Nächster Kurs? Oh ja, ja natürlich …“, meldet sie dann, immer noch nicht wieder ganz bei sich angekommen, tonlos an Oleg zurück.
Ja, sie muss sich bald auf den Weg machen. Noch eine Stunde Kletterkurs für Einsteiger, dann wäre sie für heute fertig. „Ich gehe dann mal …“, wendet sie sich etwas kleinmütig der Rückseite des schon wieder davoneilenden Bosses wie auch Ansgar auf der Liege zu. „Äh ja, und ich bleibe noch einen … Moment!“ Ansgar deucht es gerade nicht ratsam, sich schon zu erheben. Sie versteht ihre Kunst wirklich gut. Etwas zu gut. Sie sollte vorsichtiger sein! Bei allen anderen natürlich, … nicht bei mir! Sein Einzelkurs kann mal einen Moment warten. Ansgar weiß, dass er sein Geld wert ist!
~~~~~~~~~
Eine gute Stunde später fühlt sich Lotta nach der Kletterpartie ausgebrannter als sie eigentlich sein müsste. Schnell noch eine Dusche …Ich war so unkonzentriert!, kritisiert sie sich selber im Nachgang. Wäre vor meinen Schülern fast den Felsen runtergestürzt. Nur ein kleiner Fehltritt. Sie hätte sich von der Höhe her nichts gebrochen, aber … diese Blamage! Ouh! Und es ärgert sie, was beziehungsweise wer ihre Aufmerksamkeit ablenkte. Nur zwanzig Meter weiter kreuzte e r mit seinem Einzelschüler auf, musste ausgerechnet dort seine Trockenübungen abhalten … Es dampft nicht nur die Dusche, sondern auch Lotta innerlich.
‚Entspann dich, spül allen Ärger von dir ab!‘, befiehlt sie sich und es funktioniert sogar ein wenig, als das warme Wasser angenehm über Gesicht und Rücken rieselt. Behaglich schließt sie die Augen …
„??? …“, hört Lotta neben sich plötzlich ein paar Flötentöne. Eine Kollegin reingekommen?
Langsam hebt sie wieder die Lider … Zapperlot! Hat der … kein Benimm? Lotta ist schockiert. Das ist eine Gemeinschaftsdusche der Mitarbeiter*innen … aber … doch nicht … für alle … gleichzeitig.Wie … wie … gemein! Wie … hinterhältig! Will er mich absichtlich verlegen machen? Oder ist er einfach … ein Vollidiot?
Ansgar zeigt nicht im Geringsten irgendein Schamgefühl! Tut geradezu so als sei es das normalste der Welt, hier mal eben so reinzuplatzen und mit zu duschen – unter Kolleg*innen! „??? …“
Doch der Norweger weiß schon, was er hier anstellt und dass es nicht gerade zu den Vertrauensbildenden Maßnahmen zählt, die Thorger und Sven ihm eingebläut haben. Aber mein Gott, die Gelegenheit war günstig … und draußen stand ‚Gemeinschaftsdusche‘.
Manchmal stellt er sich gerne dumm an … für einen kurzen fantastischen Blick auf diese wohlgerundete Kehrseite. Aber natürlich weiß Ansgar auch, was sich sonst gehört und setzt deswegen in diesem Moment seine recht neutrale bis eisige Mine auf, die er gut beherrscht … und starrt Lotta jetzt nicht weiter an. Allein schon, damit er nicht an Ort und Stelle selber allzu viel Fantasie hochkommen lässt …
Ich geb‘ ihm sicher nicht die Genugtuung, hier pikiert schreiend raus zu rennen!, wägt Lotta in einem vorsichtigen Seitenblick ihren Kontrahenten und … dessen Wohlgestalt ab. Nicht … hingucken! Vöööölllig uninteressant. Blöde Tattoos. Wo hat er die eigentlich her? Auch noch Seefahrer gewesen oder was, Mister ‚Ich-Kann-Alles‘?! Ganz wohl ist der jungen Frau trotz der allgemeinen skandinavischen Freizügigkeit in ihrer Haut gerade nicht, wie sie halbwegs doch noch versucht, ein wenig ihre Blöße zu bedecken …
„Und? Noch’n Kurs heute oder schon fertig, Lotta? Ich hab‘ gleich noch den Kinderskikurs …“
Jetzt beginnt der Kerl auch noch Konversation unter der Dusche! Unverschämtheit! Es reicht!„Fertig für heute!“, haspelt sie nur kleinlaut und stürzt nun doch verräterisch errötend aus dem Raum. Sie ist ja sowas von fertig mit diesem Tag heute! Ouh!
Wie der Wind eilt Lotta nach Hause, um dem Norweger für heute nicht noch einmal über den Weg laufen zu müssen. In knapp zwei Stunden kommt Takatuka nach Hause. Daran sollte ich nur noch denken.
~~~~~~~~
Daheim im Knusperhäuschen macht Lotta sich sogleich an ihr Tagesbackwerk, verdrängt alle unangenehmen Bilder, was auch beim Verrühren der diversen Zutaten gut gelingt. Eine schön säuerlich fruchtige Preiselbeer-Baiser-Torte soll es heute werden. Lotta denkt sich gern immer wieder neue Rezepte aus. Je fruchtiger und rahmiger, desto besser.
Sie und Takatuka haben es sich nach Abzug der ‚Teegesellschaft‘ zur Gewohnheit gemacht, weiterhin zum späten Nachmittag oder frühen Abend – wie man es auch sehen will – eher ein bisschen Süßes mit Tee statt üblichem Abendbrot zu genießen. Dafür gibt es jetzt mehr Herzhaftes über Tag, sogar aus Lottas Garten. Schon ein wenig merkwürdig, die eigenen Ernteprodukte von anderen verkocht zu verspeisen … Aber Lotta und Takatuka nehmen ihre Mittagsmahlzeiten nun meist im Touristikcenter ein. Es lohnt nicht, zwischendurch zum Kochen nach Hause zu gehen.
„Dumm di dumm ?? …“, so langsam kann Lotta die Anspannung des Tages von sich abfließen lassen, hat sogar ein fröhliches Lied auf den Lippen. „Didel dum di dumm ?? …“ Takatuka müsste gleich da sein.
Geschwind setzt Lotta Teewasser aus vorgeschmolzenem Schnee auf. „La la li, tirili ?? … Oh!“ Draußen ist schon Kinderlachen zu hören, der Wolf schlägt an. Die beiden habe ja heute beste Laune!, freut sich Lotta, eilt an die Tür und reißt sie mit einem Schwung auf … „Ta… eiiii!“ Mehr als diesen kurzen verschreckten Quietschlaut bringt die junge Mutter nicht mehr hervor.
„Ansga, Mama Kuchen gebackt! Ganz lecker! Komm!“, dirigiert Takatuka auf dem Arm des Norwegers wie selbstverständlich alle ins Haus. Der Wolf streicht Ansgar um die Beine und drängt ihn ebenfalls vorwärts. Ach, hatten sie alle ihren Spaß heute zusammen. Kind und Wolf scheinen ganz aufgedreht.
„Ich … bring dir … deine Tochter heim, Lotta!“ Kurzer fragender Blick des Norwegers auf der Schwelle des Hauses, ob es genehm ist … einzutreten.
Wie sollte Lotta da noch ‚Nein‘ sagen …? Wie sollte sie vor dem Kind jetzt ein Aufsehen machen …? Wortlos tritt sie zur Seite, lässt alle rein. Wir sind jetzt Kolleg*innen! Ich werd‘ mich irgendwie arrangieren müssen … Lotta weiß nur noch nicht genau wie …
Stumm bedeutet Lotta Ansgar mit einer Hand, schon mal Platz zu nehmen. Der wunderbar noch warm duftende Kuchen steht schon auf dem Tisch bereit. Lotta holt ein weiteres Gedeck, während der Norweger Takatuka umsichtig durch spielerische Ablenkung daran hindert, ihre kleinen Finger schon im Gebäck zu versenken - was nicht von der jungen Mutter unbemerkt bleibt. Er kann wohl tatsächlich mit Kindern …
Hoch achtsam und äußerlich Ruhe bewahrend gießt Lotta Tee für alle ein, damit ihr nur nichts daneben tropft. Innerlich ist sie jedoch - wie soll man sagen … ziemlich angespannt … und … Ansgars Kuchenstück platscht leider auf die Seite. „Oh, wie ungeschickt …!“, will Lotta sich entschuldigen, wird von ihrem Gast aber gleich beruhigt. „Passiert mir auch öfter!“
Stimmt zwar nicht, aber der Norweger freut sich gerade ein Loch in den Bauch. I c h habe es auf Lottas Teerunde geschafft! Ein … Meilenstein! Und gleich am ersten Tag! Ok, unter Einsatz ein paar perfider Maßnahmen, aber … jetzt will Ansgar wirklich mit den Vertrauensbildenden beginnen … Bring sie nicht weiter in Verlegenheit! Und das … tut er auch tatsächlich den restlichen Abend nicht weiter.
„Weiterlesen!“, begehrt Takatuka beim Norweger auf, als sie ihr Kuchenstück als erste vertilgt hat. Der kleine Krake hat wieder zugeschlagen. Zumindest lässt der Teller der Kleinen so etwas vermuten. „Gerne! Wenn ich aufgegessen habe und du deine kleinen verschmierten Händchen gewaschen hast!“, bekommt das Kind fröhlich aber bestimmt eine Ansage. Sehr zu Lottas Erstaunen beeilt sich Takatuka sofort, Folge zu leisten und begibt sich selbständig an den vorbereiteten Wassertrog, der ihnen zur Abendwäsche dient. Er hat … meinem Kind … etwas vorgelesen … heute Nachmittag?
„Noch kein fließendes Wasser?“, hakt Ansgar bei Lotta interessiert nach, während sein Blick dem Kind folgt. Die junge Mutter schüttelt nur wortkarg den Kopf. Vor Ansgar ist ihr die einfache Hütte plötzlich peinlich. Irgendwie will ihr kein freimütiges Geplauder bei ihm gelingen. Lotta begnügte sich in dieser Teerunde bisher damit, dem Geplänkel zwischen ihrem Kind und diesem wie ausgewechselt wirkenden Norweger zu lauschen. Erst gibt er den Eisigen, dann den Unverschämten und jetzt …? Was soll das werden?
Takatuka kommt strahlend zurückgehüpft, wedelt mit den nun sauberen Händchen vor Ansgar rum: “Fertig!“ Der Norweger lacht gutmütig zu Lotta hin: „Das hält Danny im Kindergarten auch so. Man müsse immer wohlwollend strikt bleiben, meint sie! Klappt hervorragend, finde ich!“ Das ringt Lotta jetzt tatsächlich mal ein erleichtertes Lächeln ab. Ok, ist nicht alles auf seinem Mist gewachsen! Sie kam sich langsam schon so … unzulänglich neben ihm vor.
Sie ist wunderschön, wenn sie lächelt ... Einen Moment betrachtet der Norweger seine Gastgeberin etwas verzaubert. Laut spricht er aber etwas anderes aus: „Du bist eine zauberhafte Backmeisterin, Lotta. Wo hast du nur das Rezept her? So fluffig und fruchtig. So … exotisch. Zergeht auf der Zunge. Sowas hab‘ ich noch nie zuvor … geschmeckt!“ Ansgar fällt gerade kein passenderer Begriff ein, aber es kitzelt den Gaumen vorzüglich - diese neuartigen Aromen. Wie macht sie das?„Es hatte sogar … angenehme leichte Schärfe in der Fruchtmischung.“
Lottas Gesichtszüge werden gelöster … „Oh, das mochten Sven, Thorger und die anderen auch … Ein wenig … Chili oder Ingwer an die Fruchtmasse …“ Endlich ein unverfängliches Thema, bei dem sie lockerer mitreden kann.
„Le-sen!“, skandiert Takatuka jedoch dazwischen. Schließlich sind aus ihrer Sicht die beiden Grundbedingungen erfüllt - Hände sauber und Ansgar hat fertig gegessen. Hilfsbereit räumt die Kleine einfach schon mal seinen Teller beiseite. Nicht, dass er noch ein zweites Stück nimmt. Ergeben lächelnd holt Ansgar nun ein Buch aus seiner Jackentasche hervor …
Ein Kinderbuch alt und abgegriffen wie Lotta auf den ersten Blick verwundert feststellt. Aus dem Touristikcenter ist das nicht, wie sie sehr wohl weiß. Seins? Aus Kindertagen? Aber wieso … trüge er so etwas mit sich … herum? … … Ach, bestimmt von Danny! Lotta schüttelt innerlich über sich selber den Kopf. Mach dir bloß nicht zu viele Gedanken …
Lieber beschäftig sie ihre Hände angelegentlich mit dem Abräumen des Tisches, während sie mit einem Ohr Ansgars wohltönender wie dunkel rauchiger Stimme lauscht. Auch Takatuka und selbst der Wolf scheinen ganz versunken in die kindgerecht aufbereitete nordische Mär von Wölfen, Riesen und uralten Gottheiten … Er liest also auch noch … recht gut! Lotta spült weiter Geschirr ab. Oh Gott, wenn er hört, dass ich … Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen bekomme … lacht er sich kaputt! Oleg und Brett sollen ja die Klappe darüber halten …
„So, genug für heute!“, klappt Ansgar das Buch nach einer Weile zusammen. „Wann geht’s denn ins Bettchen, Takatuka?“ Draußen ist‘s schon recht dunkel geworden. Am liebsten würde Ansgar noch den ganzen Abend hier allein mit Lotta zusammenhocken. So vor dem Kamin ... auf ’nem Fell, aber …, zügelt er seine zügellose Fantasie wieder, …wir müssen beide früh raus. Lotta wahrscheinlich noch früher mit Kind als ich …
„Such‘ ihr Vertrauen!“, hatten Sven und Thorger ihn gemahnt. Ja, das will er wirklich versuchen, also keine schäbigen Späße mehr … für heute.Na, ein bisschen necken noch … Aber Morgen erst wieder!
Lotta hat noch gar nichts zur Nachtruhe gesagt, knetet momentan nur unschlüssig ein Geschirrtuch in den Händen, aber Ansgar erhebt sich freiwillig. Sie muss mich nicht rausnötigen, beschließt er gerade, streift sich seine Winterkluft wieder über und begibt sich zur Haustür. Gastfreundlich begleitet Lotta ihn bis dorthin.
„Gute Nacht!“, wünscht Ansgar ihr höflich auf der Schwelle, dankt für Kuchen und Tee, während er sich noch einen Moment von ihren großen zuweilen staunend in die Welt dreinblickenden Augen fesseln lässt. „Bis Morgen, Lotta!“
„Bis Morgen, … … Ansgar!“ Ihre Stimme ist nur noch ein samtener Hauch, als er sich langsam abwendet und sie die Tür sacht und sehr nachdenklich hinter ihm schließt.
7.1.4 – Alles, nur kein Date … Bräuche und Gewöhnung … (Teil 1)
So langsam geht es auf Weihnachten zu und es spielt sich ein, dass Ansgar jeden späten Nachmittag zum Tee immer mit einem Buch in der Tasche bei Lotta erscheint – außer den einen Abend pro Woche, den sie, ähäm, länger im Touristikcenter weilt …
Ein wenig neugierig ist Ansgar doch, was Oleg, Brett und Lotta da abends noch zu schaffen haben, wenn sie mit einer Kladde unterm Arm in die Teeküche huscht. Er hat schon bemerkt, dass der Rotschopf sehr gerne den Geschichten lauscht, die er vorträgt, aber zuweilen beim Papierkram etwas unbeholfen ist. Wie sich nämlich herausstellte haben Lotta und Ansgar einige Ski- und Kletterkurse gemeinsam und Abrechnungen gehören nun mal zum Berufsalltag. Auch Takatuka ist in sprachlicher Kulturtechnik nicht so weit wie es andere Kinder in ihrem Alter wären, ist Ansgar aufgefallen …
Der Norweger hat schon auf charmante Art und Weise die gutmütige Adeline ein wenig ausgehorcht und erfahren, dass sich Oleg, Brett, Adeline und Lotta ehemals aus einem Schulbetrieb kennen. War Lotta da Schülerin? Sie wirkt schon noch recht jung … Kriegt sie … noch Unterricht? Da hatte Adeline dann rumgedruckst und nichts mehr weiter dazu gesagt.
Oleg und Brett wechseln sich heute mit dem Lehrstoff ab, während Takatuka und Böser Wolf noch in der Spielecke des Centers rumkruscheln.
„Hi, noch Tee in der Kanne?“, stolpert Ansgar wie zufällig in die kleine Versammlung rein. Um diese Zeit ist selten noch etwas Heißes in der tagsüber für den Skikindergarten, Tourist*innen oder Mitarbeiter*innen offenstehenden Teeküche vorhanden. Aber egal. Einfach mal … reinschneien.
Nur Lotta wirkt durch Ansgars Reinplatzen aufgeschreckt, senkt ihre Augen etwas verstört auf das Schulheft vor sich und mag erst nicht hochsehen. Oleg, ganz Lehrer alter Schule, erklärt nüchtern: „Nicht den Unterricht stören, junger Mann.“ Und schiebt noch grinsend hinterher: „Sonst lass ich dich nachsitzen oder die Tafel wischen …“ Alter Pädagogenwitz, über den keiner lachen kann. Ansgar nimmts trotzdem heiter: „Wenn du mir die Tafel zeigts, gerne. Ich seh‘ nur keine!“ Breites Grinsen zurück. Ja, ja der junge Kollege lässt sich nicht so einfach was von seinem alten Chef sagen, hat Proschinsky schon gutmütig bemerkt. Aber er lässt es arbeitsmäßig an nichts mangeln.Also … alles ok!
„Und? Welches Fach ist gerade dran?“, bohrt Ansgar mit Blick auf die sich windende Lotta ungeniert aber freundlich weiter. Nein, das soll keine neue Verlegenheitsübung werden. Er möchte nur nicht die ganze Zeit um irgendein mögliches Fettnäpfchen bei ihr herumeiern. Dann lieber frisch auf den Tisch … und die Sache aus der Welt geschafft. Schließlich haben sie noch einige Kurs-Abrechnungen vor sich.
Brett Jenkins ist nicht gerade gesegnet mit Einfühlungsvermögen und gibt freimütig an Lottas Stelle preis: „Die Grundfächer … Rechnen, Schreiben, Lesen …! Aber sie lernt wahnsinnig schnell. Ein halbes Jahr noch und sie hat alles voll drauf!“ Lotta glaubt, im Boden versinken müssen, während Takatuka den neuen ‚Spielkamerad entdeckt hat und von hinten auf Ansgar zustürmt: „Krake! Uahhhhhh!“ Am liebsten hat sie die Seemonster …
Lotta hat das Gefühl, sich irgendwie rechtfertigen zu müssen: „Ich hatte … Ich konnte … eben keine Schule als Kind besuchen …!“Hätte ich schon gekonnt. Die Prusseliese hatte dafür ja sorgen wollen … Beschämt senkt Lotta das Haupt. Ich war doch noch ein dummes Kind … und allein!
„Das ist doch schön, Lotta, wenn sich so nette Leute finden, die dir jetzt weiterhelfen …“, erwidert Ansgar nur aufmunternd lächelnd, während er die kleine - oder wie gewünscht ‚große‘ – ‚Krake‘ in die Höhe hievt. Oleg und Brett fühlen sich geschmeichelt. Lotta blickt zaghaft wieder hoch. Er meint das ernst? Lacht mich nicht aus?
„Hat eben nicht jeder immer die gleichen Möglichkeiten …“, beschwichtigt Ansgar Lottas Lage weiter und fragt sich aber doch gleichzeitig, wie das bei dem gut ausgebauten Schulwesen in Schweden passieren konnte.
„Wir wechseln uns abends beim Vorlesen jetzt einfach ab, ok. Das hilft dir auch weiter, Lotta!“, schlägt der Norweger vor und nicht nur Takatuka klatscht begeistert in die Hände! Nein auch der ehemalige Konrektor hält sein neues Allroundtalent Ansgar für einen Pfundskerl. Der Knabe hat sogar Abitur! Irgendwann leitet der noch selber so ein Ressort … „Genial, Herr Kollege, genial! Jede Möglichkeit, die sich bietet gleich nutzen!“
Jupp, genau d a s mache ich gerade, Boss! Jedwede Gelegenheit zum Vertrauensaufbau gleich beim ‚Rotschopf packen‘ …, schmunzelt Ansgar innerlich. Des Norwegers Plan scheint aufzugehen, denn Lotta … lächelt erleichtert zu ihm hoch. Das war ja … jetzt gar nicht so schlimm! Dann muss ich vor Ansgar auch nicht mehr so blöde Ablenkungsmanöver machen wie mit dem Stift rumfuchteln, als wäre er nicht angespitzt oder so …
„Sag mal Oleg, noch keine Zeit gefunden, das Teil da endlich mal ordentlich zu bestücken?“, deutet Ansgar in Richtung des immer noch recht leeren Buchregals in der vorgeblichen Leseecke, die bislang keiner sonst nutzt. „Was dagegen, wenn Lotta und ich uns dem annehmen? Dann kann sie auch was passendes für sich raussuchen!“, nickt er mit dem Kopf zur jungen Frau hin. „Was lässt denn für’n Etat springen?“
Ja, Ansgar entdeckt schnell die Schwachpunkte des Ressorts. Sie sind immer noch im Aufbau und Oleg … das erste Mal in solcher Stellung. Auch für ihn noch Neuland. Proschinsky wägt kurz ab, überschlägt im Kopf. Chef und Angestellter werden sich schnell einig - zu Ansgars Gunsten. Harter Hund bei Verhandlungen, der Kerl! Aber Oleg mag dieses Schlitzohr irgendwie. Ganz nach seinem Geschmack!
„Also abgemacht Lotta?! Morgen gucken wir uns erst noch in einer Bibliothek um und danach geht’s in eine Buchhandlung!“ Ansgar hat seinen Land Rover auf dem Firmengelände stehen. Er verdient genug, um sich so ein Wind- und Wettertaugliches Gefährt für diese Gefilde zu leisten.
Das Ansinnen wird mit einem Leuchten in Lottas Augen belohnt, wie Ansgar zufrieden feststellt. „Ja, ja, sehr gerne!“, bestätigt sie ganz hibbelig Ansgars Frage, die eigentlich schon gar keine mehr war …, was sie aber in dem Moment vor lauter Aufregung gar nicht bemerkt.
Ein Arbeitsauftrag! Das ist ein Arbeitsauftrag! Kein Date oder so. Lotta ist sehr erleichtert und überaus begeistert von der morgigen Unternehmung. Überhaupt hatte Ansgar sie seit der ersten Teerunde nicht mehr in so doppelbödige Situationen gebracht wie in der Gemeinschaftsdusche. Vielleicht nur Unkenntnis über örtliche Sitten am ersten Tag …?
„Weiter im Unterricht, junge Dame!“ Oleg lässt sich doch nicht allzu lange vom Lehren abhalten.
~~~~~~~~~
Noch ganz aufgekratzt von den ganzen neuen Eindrücken räumt Lotta mit Ansgar am nächsten Tag kurz vor Mittag gerade das letzte der neu erworbenen Bücher in der Leseecke ein, die den Namen im Gäste- und Kurhaus jetzt auch tatsächlich mal verdient. Lotta hat sogar einen Büchereiausweis abgestaubt! Noch mehr Lektüre und nahezu kostenlos! „Danke, Ansgar! Das hat so viel Spaß gemacht!“, umarmt sie überschwänglich und spontan den Norweger, der das überrascht gerne annimmt. Nicht zu sehr und zu lange drücken, ruft er sich selber zur Raison! Nicht … überbewerten! Sie ist manchmal … einfach nur … unbedarft spontan!
Für den Nachmittag hat Lotta noch einige Termine im Wellnesssalon und sie beschließt, dort einen kleinen Mittags-Imbiss auf den bequemen Polstern zu sich zu nehmen. Ansgar schließt sich an, hat er doch das feine Interior dort schon längt als angenehme Liegewiese nach anstrengenden Kurseinheiten für sich entdeckt. Er strunzt immer mal wieder zwischendurch bei Lotta rein, wenn sie Pause hat und auch Takatuka und der Wolf sind oft mit von der Party. Manchmal sogar auch noch Danny und Brett. Alles also ganz harmlos … Heute sind die anderen allerding … unterwegs …
„Was meinst du?“, wirft Lotta gerade in den Raum, während sie in den Resten ihres Salates rumstochert. „Gibt es in der Stadt vielleicht … auch ein Wollgeschäft?“ Mhmmm, sie fragt nicht ganz ohne Hintergedanken. So eine Fahrt in Ansgars Karre geht viel schneller … Zu Fuß wäre sie durch den hohen Schnee in der höheren Lage fast einen ganzen Tag allein nur für die einfache Strecke schon unterwegs.
Zu dumm, dass ich keinen Führerschein habe. Wieso bin ich nicht gleich heute Morgen auf die Idee gekommen, nach Wolle zu schauen? Lotta erwägt, für die anstehende Weihnachtsfeier allen ihren jetzt neuen oder wohl eher alten Bekannten etwas zu stricken und sich auch in dieser Fertigkeit noch weiter zu entwickeln. Oleg hat zum Festtag im kleinen Kreis eingeladen und Lotta bringt einen ihrer leckeren Kuchen mit.
Wunderbar! Noch mehr Gelegenheiten … sich ein bisschen unentbehrlich zu machen … Natürlich nutzt Ansgar die Gunst der Stunde … „Bestimmt Lotta! Machen wir doch demnächst ‘ne Tour und schauen uns den Ort etwas genauer an!“, schlägt Ansgar sofort vor.
„Ich, also, ich kann gerne das Spritgeld übernehmen!“, erwidert Lotta leicht erschrocken, dass ihr Anliegen wohl so offenkundig war. Sie möchte nichts ausnutzen … „Da nicht für!“, wiegelt Ansgar sogleich ab. „Bekommt mir auch gut, mehr rauszukommen! Wir können nicht immer nur hier am Fleck hängen. Gibt mehr als nur Arbeit! Vielleicht kommt ja noch jemand mit. Die haben auch Kinos, Restaurants, Theater in der Stadt …“
So viel Neuland! Lotta war noch nie in einem Theater oder einem Kino, obwohl sie einst für Filmdrehs arbeitete! Und dass Ansgar gleich mehrere gedanklich einbezieht … ist auch gut … für Lotta! Puh!Ich möchte wirklich nicht …
Ansgar macht es sich bequemer und lehnt seinen sportlich durchtrainierten leicht entblößten Oberkörper gerade entspannt zurück! Gebannt folgen Lottas Augen der Bewegung des frei gelegten Muskelspiels … Rein … professionell … so als staatlich … nicht geprüfte Masseurin … Ich möchte wirklich, wirklich nicht … Nicht …? Nein …?
Schnell wendet sie … den Blick wieder ab. „Ähm, ja, das wäre toll, wenn Danny und Brett auch mitkämen. Ich kann aber trotzdem was zu den Benzinkosten beitragen! Also, wenn wir öfter mal … alle zusammen …!“ Lotta ist absolut nicht der Typ, der andere ausnimmt.
Darum macht Ansgar sich auch keine Sorgen. Eher ist sie zu arglos seinem Eindruck nach auch bei den eigenen Gehaltsverhandlungen. Ich werd‘ mal bei Gelegenheit Adeline in der Buchhaltung ein bisschen freundlich über die Schulter schauen … „Sehen wir dann …“, lässt Ansgar das Angebot Lottas einfach etwas in der Luft schweben und seinen schweifenden Blick neugierig an einer Bodenmatte im Raum hängen. „Kannst du das eigentlich? Yoga? Hab‘ ich noch nie gemacht. Ist das gut?“
Oh, jetzt kann ich mal was zeigen, was Ansgar noch gar nicht kennt! Bereitwillig springt Lotta sofort auf, räumt ihre beiden Imbissboxen schnell weg und hüpft auf die Matte. „Ich hab‘ mir einiges aus den Büchern abgeschaut. Das ist wirklich prima zur Dehnung vor und nach dem Klettern oder dem Skilaufen. Merkwürdige Namen, aber … egal.“ Und schon wird vorgeturnt …
„Das heißt … schlafende Hunde oder so!“ Oh, ja! Ansgar richtet sich aus seiner zurückgelehnten Haltung wieder etwas auf, um diese sportliche Leistung etwas näher zu begutachten. Seeehr biegsam die Kleine …
„Und nun … aufgeschreckte Katze oder so ähnlich!“ Lotta ist ja wirklich sehr gelenkig. Amüsiert beobachtet Ansgar des Rotschopfs Bemühungen, ihm auch mal was Neues zu zeigen … Mehr davon!
„Ich weiß nicht mehr genau … Hinkender Kranich?“ Lotta versucht auf einem Bein mit über dem Kopf gestreckten Armen das Gleichgewicht zu halten.
Ja, wir werden die abendlichen Leseübungen auf jeden Fall weiter vertiefen müssen … Heißt wahrscheinlich anders. Ansgar will doch gerne auch noch etwas mehr zu Lottas Bildung beitragen …
„Ähm, könntest du mir nochmal das … mit den Hunden zeigen, Lotta? Ja, äh, das scheint mir gut … für den Rücken … zu sein!“ Gefällig wiederholt der arglose Rotschopf die erste Übung noch einmal … Mhm ja, das weckt schlafende Hunde … Ansgar hat sich auf den Bauch gerollt, um alles besser aus der Nähe würdigen wie bewundern zu können …
„Bin ich schon dran?“ Mist, die Mittagspause ist zu Ende! Kundschaft kann ja so nervig sein … Nun gut, Ansgar hat auch den nächsten Kurs im Kalender stehen. „Ähm, bis später Lotta. Das musst du mir mal in Ruhe … genauer zeigen! Die Übung … für den Rücken!“, verabschiedet er sich schnell.
Hach ja! Lotta freut’s, wenn sie auch anderen Mal was beibringen kann. „Na, dann sogleich auf die Liege, gute Dame!“, startet sie frohgemut ihr Werk. Ist das ein schöner Tag!
7.1.4 – Alles, nur kein Date … Bräuche und Gewöhnung … (Teil 2)
Stolz wie Bolle kehrt Lotta mit Ansgar zwei Tage später recht bepackt aus dem Wollladen heim - pünktlich zu Tee und Kuchen. Sie hat diesmal vorgebacken. „Nur noch wenig Zeit bis Weihnachten. Ich muss mich ranhalten!“, verkündet sie dem freundlichen Fahrer ihres Ausflugs zuversichtlich, das alles noch zu schaffen, was sie sich vorgenommen hat. Und wenn ich die Nächte durchstricken muss.
Takatuka trabt auch schon mit dem Wolf heran: „Kuchen, Hunger! Hamm!“ Der Krake gewinnt immer wieder die Oberhand als sie hochgenommen werden will. Takatuka ist eindeutig nicht für’s Spiel mit Kochtöpfchen und Prinzesschen gemacht. Das Kind muss eher held*innenhafte Abenteuer bestehen. Toben macht ihr am meisten Spaß.
Lotta kann von Glück sagen, wenn ihr Töchterchen nicht mal wieder den Puppen in der Spielecke des Ressorts die Köpfchen abnagt oder sie gegen eines der unzähligen Seemonster kämpfen lässt – wobei der Wolf oft eine*n der Kompars*innen geben muss … und schon das nächste Köpfchen rollt.
Die Leute glauben hernach noch, die beiden bekämen bei mir nicht genug zu Essen. Ach!, erheitert schüttelt Lotta den Kopf. ‚Die Leute‘ wechseln zum Glück oft - saisonales Personal wie Feriengäste. Der feste Mitarbeiter*innenstamm lässt sich an zwei Händen abzählen, was … zehn ergibt, soweit Lotta rechnen kann. Spaß beiseite, sie kann schon ganz schön ordentlich multiplikatizieren. Mindestens im Zahlenraum bis … bis … bis … Wie viele Nullen hat eine Bazillion?
Die Wolle landet drinnen sogleich im Korb neben dem schon angefangenen Strickzeug. „Die nächsten Tage musst du vorlesen, sonst schaffe ich das nicht!“, lächelt Lotta Ansgar bittend an. Tut er doch gerne … wie so manch anderes auch, aber … dazu kommen sie kaum. Ich beweise ganz schön … Geduld!, findet Ansgar. Viiiieeeel … Geduld! Die Hunde … schlafen immer noch!
Es gibt kaum Zeit außer Kinder, Küche, konzentrierte Arbeit und nun auch noch … stricken. Ansgar könnte geradewegs missmutig gegen den Korb voll bunter Wollknäule kicken … Nun gut, mal sehen wie die Lektüre heute Abend gefällt.
Lotta tischt auf, es wird gemampft, das Kind bespaßt, anschließend liest Ansgar in der Küche vor und Lotta … strickt. Wie fast jeden Abend in letzter Zeit … Gähn! Leutselig lächelt Lotta den Norweger an, während die Nadeln fröhlich zu klappern beginnen: „Der kleine Prinz? Klingt interessant!“
Ansgar beginnt vorzulesen und Kind, Wolf wie auch Lotta lauschen - begleitet von einem schnellen halblauten Klick, Klack, Klick, Klack der Stricknadeln – ganz gespannt, wohin es den kleinen Mann verschlägt, wen er alles trifft ... Takatukas immer schwerer werdenden Lider blinzeln irgendwann nach einer Weile schon ein wenig. Lotta denkt noch über die merkwürdige Rose nach, konzentriert sich dann aber wieder auf Ansgars dunkle wohltönende Stimme …
„In diesem Augenblick erschien der Fuchs: … … Du bist sehr hübsch!“ Unwillkürlich suchen Ansgars Augen die Lottas, als er diese Stelle vorträgt. Das Klackern setzt aus.
„‘Ich kann nicht mit dir spielen‘ sagte der Fuchs. ‚Ich bin noch nicht gezähmt!‘“ Ansgar beugt sich wieder über das Buch. Die Nadeln ruhen. Weiter liest der Norweger die Allegorie zwischen Fuchs und Prinzen vor und ihre Sicht der Dinge ... „‘Man kennt nur die Dinge, die man zähmt‘, sagte der Fuchs. … … ‚Was muss ich da tun?‘ sagte der kleine Prinz. ‚Du musst sehr geduldig sein‘, antwortete der Fuchs. ‚Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können … „
Hektisches Klappern der Nadeln setzt wieder ein. Ansgar blickt verwundert hoch …
Lotta ist … aufgebracht? Die Kleine ist schon längst auf dem Sofa eingeschlafen. Auch der Wolf döst bereits. Die Lektüre heute war wohl einfach zu lang …
„Soll ich das sein? Der Fuchs?!“ Verstohlen schaut Lotta den Norweger aus dem Augenwinkel an, richtet dann ihren Blick aber sogleich wieder auf ihre Stricknadeln: „Ich bitte bestimmt nicht darum, gezähmt zu werden!“ Ungeheuerlich, was für eine blöde Geschichte! Plant er das alles … von langer Hand? So nach und nach … sich anzupirschen? Oder … was sollte der Blick und die Betonung in meine Richtung eben?
„Ich … nein! Niemand soll … Also ‚zähmen‘ ist hier nicht gut aus dem Französischen übersetzt. Es meint … ‚vertraut werden‘. Das wäre die korrekte Übersetzung!“Herrjeh, entgegen der gerade vorgetragenen Lektüre … war ich wohl doch zu ungeduldig! Ansgar ist leicht zerknirscht. Sie ist in mancher Hinsicht wirklich sehr übervorsichtig. Warum nur?
„Du kannst … Französisch?“Oh man, ist der oberschlau! Kann er ja mit Adeline locker in ihrer Heimatsprache panieren oder wie das heißt. Lotta wirft leicht erregt ihr Strickzeug beiseite und schnappt sich das Buch. Am besten mal selber nachlesen. Nachher steht da so lauter fremdsprachiges Zeug und gar nichts davon, was er hier gerade vorgesponnen hat ...
„‘Bitte zähme mich!‘ sagte er.‘“, liest Lotta langsam eine Zeile laut vor, die ihr als erstes im aufgeklappten Buch ins Auge sticht. „Wer sagt das? Der Fuchs?“, wendet sie sich Ansgar immer noch leicht verstimmt zu. Na sowas, das steht da wirklich so!
„Lotta, bitte. Ist doch nur … ein Buch! Ungut übersetzt, aber ein sehr bekanntes und … vielgelesenes und … vielgelobtes!“, versucht Ansgar Schadensbegrenzung. „Ja, es geht um Vertrauen darin. Schlimm? Ich will dir doch nichts Böses ...“ Sacht nimmt er ihr das Buch wieder aus den Händen.
Und ich will doch nichts Böses unterstellen. Oh, mein Gott. Was ist nur mit mir? Kurz schlägt Lotta fassungslos die Hände vors Gesicht. Sammelt sich aber gleich wieder. Dieser Ausbruch war unnötig! „Tut mir leid! War ein langer Tag. Ist vielleicht schon ein bisschen spät!“, entschuldigt sie sich eilig.
„Ich bring Morgen ein anderes Buch mit, ja?“, schlägt Ansgar vorsichtig vor und erhebt sich bereits, bleibt jedoch kurz nochmal stehen … weil ihr Blick so um Verzeihung wirbt.
„Nein, nein, schon … ok! Wie du ja sagtest … Ist ja nur ein Buch. Ähm, lass es … ruhig hier. Takatuka wird sicher morgen den Rest hören wollen. Mhm ja, wollen wir doch morgen Abend … alle, nicht wahr?“, bemüht sich Lotta mit einem versöhnlichen Lächeln die umgekippte Stimmung wieder gerade zu biegen. Es war doch … ein schöner Tag. Mach’s dir nicht selber kaputt.
„Okeeee, wenn du es so … möchtest …“, versichert sich Ansgar lieber nochmal fragenden Blickes bei Lotta rück. „Ja! Ja, ich möchte es …“ Lotta versucht sich an einer entspannt wirkenden Mine. „Alles ok! Bis … Morgen dann?“ Die Mimik kauft Ansgar ihr nicht ganz ab, spielt aber mit. „Schön, dann … bis Morgen.“ Er findet den Weg heute Abend allein hinaus.
Juchheißa, Weihnachtstag mit Julklapp! Lotta ist schon ganz aufgeregt. Das ist … ihr erstes Weihnachtsfest, soweit sie sich … erinnern kann. Wieso eigentlich? Nicht nachdenken! Nachdenken ist nicht gut! Nie gut!
Zum Glück hatte sich mit Ansgar wieder die vorherige abendliche Leichtigkeit eingerenkt: Er liest, sie strickt. Der kleine Prinz ging ja auch irgendwie gut aus. Harmlos. Und Lotta hat alles fertiggestrickt, was sie sich vorgenommen hatte. Am Werk für Ansgar hat sie aber immer nur nachts oder frühmorgens geschafft. Soll ja eine Überraschung werden …
Für das Fest hat Lotta sich und Takatuka sogar richtig festlich gewandet. Der Wolf musste auch für etwas weihnachtliche Staffage herhalten. Ansgar wird gleich alle abholen und beim Tragen von Torte und Päckchen helfen. Er ist sehr hilfsbereit … Wirklich! Oh, da naht er schon. Lotta eilt zur Begrüßung freudig nach draußen. Takatuka und Wolf, die im Garten bereits rumgemmelten, trotten auch herbei.
Niemand bemerkt den weißbärtigen Mann, der sich gerade durch den Kamin zwängt … *Hust, Keuch …*Der Kamin gehört aber auch mal besser gereinigt.
Santa wirft einen Blick nach draußen … Sind das nicht die zwei … Kerle … oben vom Berg vor einigen Wochen …? Dieses Haus war die letzten Weihnachtsjahre nicht bewohnt, aber jetzt raucht der Schornstein wieder. Santa reibt die vereiste Scheibe etwas frei, um besser hinauslinsen zu können. Eindeutig kein Kerl … das eine. Oh, … sie dreht sich um … zum Kind und … einem Wolf … … …?
Yippie. Ich hab … s i e gefunden. Eindeutig! Don El Artichocke wird beglückt sein und dieser junge naive Inseltyp erstmal … Aber, wer …? Was … macht dieser große Kerl da bei ihr?
Etwas angespannt lächelnd erwartet Ansgar Lotta draußen schon. Irgendwie möchte er sich zur Feier des Tages einen kleinen Wunsch erfüllen. Hei, ist doch Weihnachten heute, oder? Er will gar kein anderes Geschenk. Es war wirklich wunderbar friedlich wieder die letzten Tage mit Lotta … Aber nur Friede, Freude, Eierkuchen ist nicht das, was Ansgar allein sucht. Oh, da kommt sie schon an…ge…lau…fen … … …!
Wie kann sie bloß glauben, dass man mit dem Outfit für friedvolle entspannte Feiertage sorgen kann? Dem Norweger bleibt leicht die Spucke weg. Also dann … kann mein Vorhaben ja auch nicht so frevelhaft sein!„Frohe Weihnachten, Lotta!“ Noch ein Hüpfer und schon steht sie selig lächelnd vor ihm in diesem … diesem … diesem …
„Frohe Weihnachten, Ansgar. Was hast du denn da in der Hand? Oh, ist das ein niedlich geschmückter Zweig! Zeig mal!“ Heute guckt zur Abwechslung der Norweger mal entgeistert. Aber nur kurz. „Ach weißt du, dass ist hier so ein Brauch. Kennst du den nicht …?“ Und schon hebt Ansgar den Mistelzweig über beide Köpfe als Lotta noch nichtsahnend den ihren schüttelt: „Ein Brauch zu Weihnachten? Wie schööööö …“
Santa hat genug gesehen! Armer Inseljunge. Das war’s dann wohl an Hoffnung! Was Santa nun machen soll? Das, was Clemens Frost immer macht. Hat er auch bei Jayyden und Prudence so gehalten. Nie einmischen! Nichts sagen! Er wird auch hier schweigen. Armer Inseljunge …
Aber diesen Jungen da draußen hat er nun auch erkannt. Der hat auch ein wenig Glück im Leben verdient! Schnell Pakete ablegen und zum Kamin wieder raus! Warten ja noch andere den ganzen Tag …
„Oh, d a s … macht man … jedes Jahr zu Weihnachten?“, fragt Lotta etwas atemlos nach dem kleinen Überfall Ansgars. Hu, das war … ganz schön … prickelnd. Ich dachte, das kommt erst zu Silvester … mit dem Sekt … sagen zumindest alle. Lotta hat auch noch nie einen Jahreswechsel gefeiert, was ja auch demnächst ansteht.
Wow, so weiche Lippen. Ansgar musste sich ganz schön zusammenreißen, das eben gerade wirklich nur nach einem sittsamen Brauchtum aussehen zu lassen und Lotta nicht gleich an sich zu reißen, um sich Hals über Kopf gleich an Ort und Stelle mit ihr in die nächste Schneewehe zu werfen. Er versucht auch, seine Augen nicht begehrlich über dieses grün, weiße Etwas wandern zu lassen. „Ja, ja, jedes Jahr! Immer … zur gleichen Zeit … unter … so einem Mistelzweig!“, räuspert er sich leicht.
„Darf ich den haben?“, zeigt Lotta auf das Grünzeug in Ansgars Hand. Erst blickt der Norweger Lotta etwas verständnislos an, dann recht erfreut. Oh, will sie … auch mal ...? „Ich hab leider keinen solchen Zweig und wenn wir Oleg, Danny und die anderen gleich treffen …“, fährt Lotta fort.
„Wie?!“, unterbricht Ansgar verdattert ihre Erklärung. „Nein, nein, daaa brauchst du keinen … Zweig!“ Verdammt, was hat sie vor? Jetzt alle einmal durchknutschen?
„Küsst man nicht alle unter so einem Zweig, mit denen man feiert?“ Lotta fragt ganz ernsthaft nach. Wo hat diese Frau bloß die meiste Zeit ihres Lebens verbracht?Oh je, wie erkläre ich das bloß? Ansgar kommt langsam ins Schleudern. „Nun Lotta … Nein! Jedes Jahr immer nur … einen. Immer nur … einen pro Jahr küssen, ok?“ Ob die Erklärung hilft?
„Ahhh, wären auch viele bei einer großen Party!“, nickt sie verstehend. Ja, das leuchtet ein. „Also, eine Person, ein Kuss pro Weihnacht unter einem Zweig! Alles klar! Werd‘ ich mir merken!“Stellvertretend für all die anderen lieben Menschen also … Hat sie wieder was Neues gelernt! Nettes Brauchtum ...
Ahhhhhh, Mist! Nochmal ansetzen! Ansgar könnte ausflippen. So ein Eigentor!„Äh, also die eine Person darf man … dann auch … öfter küssen … unter dem Zweig … an Weihnachten … natürlich!“ Ob sie’s schluckt? Böser Wolf ist skeptisch …
„Mhmm, ah ja!“, lächelt Lotta süß. „Machen wir uns auf den Weg … Trägst du die Torte, Ansgar?“ Trägt er … ohne weitere Worte …
Verdient hat er sich dann tatsächlich noch einen weiteren Kuss von Lotta - brav auf die Wange für das mannhafte Ertragen beziehungsweise Tragen ihres schmucken Stück Strickwerks. „Alles Gute zu Weihnachten, Ansgar!“ D e n Pulli muss ich jetzt wohl jeden Abend als Beweis für meine unendliche Freude über das Teil tragen … Yeahhh! Vertrauensaufbau ist ein hartes Stück Arbeit, Thorger und Sven. Das will ich euch mal sagen!