0 Neuanfang … …………………………………………………………………………………………………………………………………………….. Danke für die Erfahrungen und Kenntnisse, die ich im RPG sammeln durfte. Nach einer kurzen rauschhaften Zeit gehen die Geschichten um Lotta und Co. hier in 🌺 HERLAND weiter - ein Stück weit im Crossover mit den 📜 WiWo News. Wer weiß, vllt. mengt sich irgendwann sogar noch ein wenig P. mit rein 😏 …
Hier in HERLAND bitte keine Kommentare. Wenn, dann lieber per PN … oder auch gerne in den WiWo-News (siehe Signatur) oder auf dem Discord Server. Dort ist alles auch als PDF hinterlegt. Zugang zum Discord Server auf Anfrage per PN.
7.1.5 – Alles, nur kein Date … Komm, vertrau mir …! (Teil 1)
Lesen, Stricken, Lesen, Stricken … Jeden Abend! Er konnte sie wenigsten überzeugen, dass man auch in der Nachweihnachtszeit noch grün trägt, abends am Kamin … mit Buch in der Hand. Und wenn sie liest kann er sich wenigsten Mal auf die andere Seite der schlichten Couch fläzen - etwas dichter bei ihr … den Duft einsaugen, den sie ausströmt von Zimt, Vanille, fruchtigen Erlebnissen … Irgendwie umwebt sie etwas Exotik – unklar, woher das rührt.
Ansgar lehnt sich gemütlich in Lottas Strickpullover zurück. Das Teil ist potthässlich, aber saubequem und wirklich kuschelig wärmend … Gute Wolle hat sie da ausgesucht. Und sie liest schon recht flüssig.Auch Takatuka scheints zu gefallen, Mamas Stimme zu hören. Hauptsache, ich muss das Nadelklappern heute nicht hören. Sofort nach Weihnachten hat Ansgar wieder eingeführt, dass sie abwechselnd vorlesen.
„Lust auf ’ne Schlittschuhpartie morgen auf dem Weihnachtsmarkt, Lotta?Ist noch die ganze Saison offen.“, unterbricht er zwischendrin. Ansgar braucht ein bisschen mehr Abwechslung als Stricknadelgeklapper und die Ausflüge bereiteten Lotta ja bisher Vergnügen. Erfreut lächelt sie ihn an und nickt: „Sehr gerne, Ansgar!“
Jupp, Lotta hat wohl auch Bock auf mehr als nur Stricken. Dann ist das wohl gebongt! Behaglich ruht Ansgar neben ihr. Ach, mal einen Arm etwas (nach ihr) ausstrecken … Bisschen Dehnung und Bewegung zwischendurch tut gut … Keine Einwände zu verzeichnen …?
Lotta versucht, sich wieder dem Vorlesen zu widmen und nicht weiter ablenken zu lassen …
Der Pullover scheint ihm zu gefallen. Hab‘ die beste Wolle ausgewählt! Recht … hochgeschlossen gestrickt …, stellt sie nebenbei noch mit kurzem verstohlenem Blick aus dem Augenwinkel unwillkürlich bedauernd fest - in Erinnerung an sein etwas legereres Oberteil … mit … Reißverschluss, der … nie ganz … zugezogen die leicht entblößte breite muskulöse Brust noch … unterstreicht … ähm … … … Zurück zum Buch!
Doch wieder schlagen Lottas Gedanken einen eigenwilligen Zickzack Kurs ein … Das nächste Mal stricke ich ihm was mit V-Ausschnitt bis zum Bauchna …
„Öps, in der Zeile verrutscht!“, entschuldigt Lotta sich verlegen, als sie beim Lesen ins Stocken gerät! „Äh, wo war ich gerade? Ah da!“ Hoch konzentriert auf die Lektüre in der Hand liest sie schnell weiter laut vor ...
Klingt sie gerade … ein bisschen … atemlos? Mhmmm … Ansgar drapiert sich noch gekonnter in Szene, soweit das in diesem scheußlichen Wollkittel mit Bergkühen überhaupt möglich ist. Zufällig dabei noch ein kleeeeeines bisschen dichter rücken … Eine Hand gaaaaanz versehentlich … auf die bloße … Haut … am Schultersaum … fallen lassen … Selbstvergessen mit den Fingerspitzen daran entlang streichen. Es kribbelt Ansgar in den Fingern zu mehr Dreistigkeit ...
„Bisschen kratzig heute im Hals!“, krächzt Lotta mit plötzlich trockenem Mund und beschleunigtem Pulsschlag auf, wirft Ansgar das Buch regelrecht in den Schoß. „Liest du weiter?“ Und schon schnappt sie ihr Strickzeug, springt … wie eine … angespannte Sprungfeder aus einer Kasperle Kiste auf und nimmt etwas entfernter Platz.
Ein leicht heiseres selbstgefälliges Lachen kann Ansgar nicht ganz unterdrücken: „Na, sicher doch!“ Ein unsicherer Blick trifft ihn aus ihren großen Augen. Damit sollte ich es für heute aber wohl auch gut sein lassen, schmunzelt der Norweger wohlgefällig in sich hinein … mit dem Gefühl …, auch welche in ihr anzustoßen.
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„Ich bin schon als Kind Schlittschuh gelaufen!“, schwärmt Lotta am nächsten Tag bei einem Salto und dreht eine Pirouette nach der anderen auf dem Eis.
Ansgar hält locker mit, steigt voll in ihre kurvigen Bewegungen ein. Ihre fast kindliche Begeisterungsfähigkeit steckt an und fasziniert den Norweger irgendwie immer wieder aufs Neue. Mal weiß sie so scheinbar gar nichts von der sie umgebenden Welt und mal fördert sie unglaubliche Kenntnisse und Fähigkeiten zutage. Was mag in diesem vorwitzigen Kobold noch so schlummern?
Das sie auch eine etwas verspielt durchtriebene Ader und Neigung zu übermütigem Schabernack hat, ist ihm ebenfalls nicht entgangen. Er ist sich nicht immer so sicher, ob sie manchmal auch nur die gespielte Unschuld gibt - die nur vordergründig Spröde. Auf jeden Fall hat sie ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis … Also bleibt Ansgar achtsam in seinem Handeln, versucht nie zu übertreiben oder das Maß der Dinge zu überschreiten. Er bemüht sich zumindest, … es nicht zu tun!
„Und Lotta? Morgen Lust auf … Theater, Kino oder … Ballett in der großen Stadt?“ Sie bummeln anschließend mit Kind und Wolf noch etwas über den Markt, schauen sich die Auslagen der Stände an. „Ballett? Ist das nicht … Tanz?“Oh, Lotta hat nur bisher davon gehört … „Das würde ich zu gern mal sehen!“, beichtet sie mit strahlenden Augen. Tanzen!
„Na dann …Ballett also! Ich glaube da kämen Brett und Danny gerne mit. Brett hat mir von einer spektakulären Aufführung berichtet.“ Ansgar hatte zuvor nicht vermutet, der Musiker würde sich für klassische Sachen interessieren, wurde aber schnell eines Besseren belehrt. Jenkins ist jeder Musikrichtung gegenüber aufgeschlossen und hat das Zeug sogar studiert. Von dem Ex-Referendar hatte er auch ein bisschen mehr aus Lottas Vergangenheit erfahren - was sie alle vorher schon miteinander verband, … schicksalhaft auseinanderbrachte, und hier auch wieder zusammenführte. Traurige Sache mit dieser Miyu und ihrer Tochter!
Lotta war also schon mal Sportlehrerin gewesen und … Analphabetin! Aber über diese Vorgeschichte zur fehlenden Schulbildung hatte Brett keine weiteren Erkenntnisse und Ansgar will wohlweislich auch nicht zu weit in sie eindringen. Sie redete ja nicht mal mit Thorger oder Sven über ihre Vergangenheit.
Er weiß jetzt schon dank ihrer früheren Kolleg*innen ein bisschen mehr über Lotta, als die beiden älteren Bauarbeiter während ihrer Zeit hier erfahren hatten. Hat jeder so seine Vergangenheit … Ich gehe ja auch nicht mit allem hausieren. Man lasse Geschehenes ruhen …
„Für Takatuka wäre Ballett nichts! Fragen wir doch Adeline und Oleg, ob sie den Abend auf sie aufpassen. Für Oleg wäre Ballett nämlich auch nichts!“, grinst Ansgar Lotta bei seinem Vorschlag an. „Meinst du?“, blickt sie fragend hoch. „Ja, das meine ich! Die Kleine sollte spät abends nicht nur von einem Wolf bewacht werden.“Ouh, das klang jetzt etwas Oberlehrerhaft, wie Ansgar an Lottas schuldbewussten Zusammenzucken bemerkt. Er weiß, dass sie das zuweilen gemacht hat, mangels besserer Möglichkeiten und Takatuka auch damit zurechtkam. Aber, … jetzt muss das nicht mehr sein!Ein schlechtes Gewissen wollte ich ihr aber nicht machen.
„Ich meine, … ich kann ja Oleg fragen, wenn es dir recht ist!“, lenkt er schnell ein. Wieder dieses dankbare Lächeln – mit ein wenig Traurigkeit in den Augen. Das wollte ich nicht!„Ich glaub‘ Adeline freut sich mächtig, Takatuka mal bespaßen zu können und Oleg ist doch ganz selig, wenn er deinen Zotteltiger mal Gassi führen darf!“ Adeline kann keine Kinder bekommen, hatte Ansgar vernommen. Sie ist aber ganz vernarrt in die Kleinen und treibt sich zufällig oft beim Ski-Kindergarten rum …
„Danke! Du … … Danke!“‚Du musst nicht so viel für mich tun‘, wollte sie sagen. Es ist ja richtig, dass Takatuka abends nicht so lange allein sein sollte. Irgendwie … macht er so viele anständige Dinge … für sie. Ok, ein paar unständige sind auch dabei! Lotta weiß einfach noch nicht so recht, was sie von Ansgar halten soll … Die Abende … und Tage … und Ausflüge mit ihm … möchte ich nicht mehr missen … Aber … irgendwas … … hält sie noch ab … mehr Gedanken an den Norweger zuzulassen.
„Danke!“, flüstert sie noch einmal. „Danke für alles!“ Ansgar erwidert daraufhin nichts … Selbstredend! Aber er möchte mehr als nur immer … Dank! „Zuckerwatte?“, wendet er sich Takatuka zu, um den Ausflug weiterhin unverfänglich zu halten. Das Kind spielt gerade Scharade mit dem Wolf. „Bösa muss raten!“ Leichtes Spiel für den Graupelz: Der große Krake!
Ansgar und Lottas kleiner Derwisch spielen noch eine Runde ‚fliegender Krake‘. Die junge Mutter muss herzhaft lachen. Ach, es ist schön, die beiden so entspannt miteinander zu sehen.Wenn ich doch auch wieder so unbeschwert, so unbelastet wie ein Kind sein könnte … Hach, einfach schön, den beiden zuzuschauen … Sie schmilzt bei dem Anblick sanft hin. Sacht dringt immer mehr ein warmes Gefühl in sie ein, … gegen das sie sich jedoch … noch sträubt. Unterbewusst warnt sie etwas, … weiterhin … auf der Hut zu sein.
„Morgen Abend um halb acht dann, Lotta? Ich hole vorher Danny und Brett noch ab.“ Mit Kind auf dem Arm richtet sich Ansgars intensiver Blick wieder auf Lotta. Guck weg, starr sie nicht immer so an! Nicht … in ... ihre … Augen … versenken … … … Sie hat mehr Sommersprossen in ihrem zarten Gesicht als ich … Wir tragen manchmal … die gleiche Mütze! Wir sollten mal … nach Breda fahren - den Tag der Rothaarigen in Holland begehen! Wir haben … viel gemeinsam! Ihre Kraft … Meine! Und beide haben wir sicherlich … nicht ganz leichte Erfahrungen … auf dem Buckel.
„Halb acht … wäre … prima, Ansgar!“ Guck … irgend … woanders … hin. Ich meine, ich … ich sollte nicht wie eine Salzsäule erstarrt … ihn die ganze Zeit … anblinzeln. Kein Wunder, … wenn er … zurück starrt …. Bin … ich das? So … winzig klein …? Grün! Seine Augen … sind … leicht grün, umgeben von einem Teich aus Blaugrau … in dem ich versinke! Ich … spiegele mich … in … Moos, … das frei auf einem See umher treibt!
„Wunderbar, dann Morgen halb acht!“, wendet sich Ansgar abrupt ab, nachdem er Taktuka wieder am Boden absetzte. Wow, welch ‚geschliffene‘, Echo artig sich wiederholenden Dialoge gerade unseren Lippen entspringen.Ich muss jetzt unbedingt heim und kalt duschen!
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Lotta hat eine Weile überlegt, was man denn zu so einer feinen Ballettaufführung anzieht und lange gezögert, dieses Galakleid wieder hervor zu ziehen. Das war der letzte Abend …, Miyu!
Entschlossen hat sie es sich dann zuletzt aber doch übergeworfen. Es ändert auch nichts … Schließ damit ab und … es ist ein feiner Zwirn. Hab‘ doch auch gar keinen anderen für so’n Abend.Die bunten Tücher da in ihrer Truhe …Oh je, die Leute würden sich totlachen hier. Auch viel zu dünn für diese Witterung!
Ab und an kramt Lotta in den wundersam feingewebten farbfrohen Stoffballen, befühlt die seidig zarte Struktur des Materials und versucht, irgendeine Verbindung dazu herzustellen … Auch das Bild in der Werkstatt … Fremdartig! Exotisch! Warum nur weiß ich kaum mehr, was war …? Ach Merlin, ach Malecantus! Ihr habt mich sicherlich schon längst vergessen … und den Fluch!
Im Moment begutachtet Lotta sich erst einmal sorgsam in dem kleinen Spiegel in der Küche von allen Seiten. Ja, das müsste fein genug sein für’s Ballet.
Takatuka und Böser Wolf sind gleich am Nachmittag nach dem Kindergarten von Adeline unter den Arm geklemmt worden. „Jedärrezeite Lotta, kaaanste du bei Olege und mirä anklopfänne!“, hatte ihr die Französin am Morgen versichert, als sie kurz im Wellnessbereich reinschaute.
Ansgar hatte sich also zügig um die Betreuung ihres Kindes gekümmert … Fuhhhh, war ihr gestern Abend auf dem Markt zum Abschied … warm geworden, obwohl es ganz schön … kalt draußen war! Ja, so ein paar Runden auf der Eisbahn … Gutes Aufwärmtraining … Bestimmt! Das war’s!
Ein leichtes Klopfen … An der Tür … oder … ihr Herzschlag? Lotta fühlt nach. Nein, der setzte gerade … kurz aus! Also die Tür! Geschwind eilt sie zum Öffnen … Renn doch nicht immer so …! Aber die Füße folgen eigenen Befehlen … Schwupps reißt sie die Tür auf! Ups, fällt Ansgar fast hintenüber!
Lotta … in so ’nem richtigen … Kleid?! Er hatte sich schon gefragt, was sie anziehen würde und war bereit gewesen, alles in Kauf zu nehmen, sich notfalls sogar ihren selbstgestrickten Pulli überzuwerfen, damit sie nicht allein die komische Figur in der Oper gibt … Irgendwie hatte er mit derben Hosen, Stiefeln, Pullover gerechnet oder bestenfalls noch mit dem ‚Kleinen Grünen‘, wie er es nennt. Das hätte ihm auch sehr zugesagt, selbst wenn es hoch unpassend in dem Theaterhaus wäre. Jetzt kommt sich Ansgar fast underdressed neben Lotta vor. Er bevorzugt auch auf gehobenen Bühnen noch recht saloppes Zeug und Understatement. Hatte bisher einfach kein Bock auf mehr Anzug als den einen, den er hat.
„Du … erstaunst … mich immer wieder, Lotta!“ So, das musste jetzt raus. Ganz Gentlemen bietet Ansgar ihr seinen Arm zum Geleit, damit sie in dem langen Kleid nicht noch über die Stufen stolpert. Am letzten Treppenabsatz stellt sich dann aber doch die Frage: Wie mit dem langen Gewand durch die Schneewehen? Kurzerhand hat Ansgar die Lösung …! Danny und Brett im Wagen staunen nicht schlecht ... Lotta ebenfalls nicht!
Eine Stunde später trockenen Fußes in der Theaterhalle anzukommen hat was für sich, stellt Lotta angetan fest.
Der Abend mit Danny und Brett zusammen ist herrlich, die Aufführung grandios. Lotta kann sich an den Tanzdarbietungen gar nicht satt sehen. Und Brett kann so viel Fachwissen zur Musik, zum Komponisten, zur Epoche des Tanzes beisteuern. Lotta hatte ihn wahrlich unterschätzt. Ansgar beobachtet an diesem Abend bisher nur stillschweigend wie sie in den Klängen, den Bewegungen aufgeht. Sie ist fast am Mittanzen. Ihr biegsamer Körper wiegt sich vor ihm im Takt der Musik, die Hände stehen kaum still … „Tanzt du gerne, Lotta?“
Gerade hat Ansgar sie aus ihrem Traum gerissen … „Wie?“ Lotta wendet sich halb zu dem Norweger um. Dann verarbeitet ihr Gehirn, was beim Ohr ankam: „Tanzen? Oh ja, wahnsinnig gerne. Ich war schon ewig nicht mehr tanzen …“ Diese grazilen entblößten Schultern schwingen immer noch mit, auch während sie redet. Das Kleid lässt tief blicken. Selbst Brett hatte heimlich einen Blick gewagt, war Ansgar aufgefallen. Ihre merkwürdige Mischung aus verschlossen und freizügig irritiert … irgendwie. Aber Ansgar will weiß Gott keine Einwände erheben. Nur ein bisschen … auf sie achtgeben!
„Brett, du bist doch für die Silvestershow verantwortlich. Gibt es Musik, Tanz? Unsere junge Kollegin hier möchte mal wieder schwofen.“, wendet sich der Norweger an seinen Musikbegabten Weizenblonden Kollegen. „Oh ja, Lotta, bitte komm‘ mit. Brett sorgt für beste Unterhaltung. Für jeden was dabei!“, schwärmt die junge Erzieherin Danny ihrer neuen Freundin vor. Wir geben doch eine feine Pärchen Runde ab. Danny geht davon aus, dass Lotta und Ansgar sich schon längst ‚arrangiert‘ hätten. Der hängt ja fast jeden Abend bei ihr, bringt Takatuka immer ‚heim‘ … Sehr fürsorglich. Die beiden passen aber auch gut zusammen …
„Und Lotta? Willst du …?“ Ansgar blickt Lotta unter halb geschlossenen Lidern an - die Stimme leicht rauchig … Silvester … um Mitternacht. Perlender Sekt … Wieder neues Brauchtum für sie. Er ist gerne ‚Lehrer‘! Aber immer hübsch fein nur den einen knutschen. Mich!
„Musik? Tanzen gehen? Natürlich bin ich dabei. Wie wundervoll, Brett! Super!“, springt Lotta auf und fällt dem Weizenblonden um den Hals. „Dann wäre d a s ja geklärt!“, der nüchterne Kommentar des Rothaarigen daneben. Hmmmmmmm!
7.1.5 – Alles, nur kein Date … Komm, vertrau mir …! (Teil 2)
„Was zieht man denn nun zu Silvester an?“ Lotta blickt Ansgar wie auch ihren Kleiderschrank ratlos an. In der Mittagspause hatte sie sich schon den Kopf darüber zerbrochen und der ‚Kollege‘ ihr gaaaanz uneigennützig Beratung angeboten. Daaaa kenne er sich aus. Also zumindest mit dem, was ich mag! He, he … Ansgar ist schon gespannt, was sich in Lottas Kleidertruhe noch so für Schätze finden. Sie vertraut mir so langsam in kleinen Dingen …
Den Nachmittag haben alle frei, damit im Ressort für die Silvestersause weiter aufgebaut werden kann. Für Bretts Band wurde ein regelrechter Partykeller eingerichtet. Oleg hat was springen lassen. Für die Gäste nur das Beste …
Ansgar sieht sich gerade in Lottas Hütte etwas genauer um - so als neu erkorener Stylist. „Was ist denn in der Truhe da?“ Der Norweger hat Lottas Seekiste entdeckt. Interessantes Teil! Wie aus so ’nem alten Piratenfilm. Ho, ho des Toten Mannes Kiste … Ansgar ist selber eine Weile zur See gefahren, wie einst sein norwegischer Vater Einar … Er hatte gedacht, das würde ihm irgendetwas näher bringen … zu einem nie gekannten Sims! Tja, brachte es nicht! Nur ein altes zerknittertes Foto vom Vater vor dessen letzten Fahrt, das ihm seine Mutter Märta gab, trägt er noch in der Brieftasche …
Ansgar zog dann anderweitig weiter durch die Welt … über die Berge … durch die Wälder … und es führte ihn geradewegs … in diese kleine Hütte! Lächelnd schaut er den sommersprossigen Rotschopf an seiner Seite an, wartet auf Antwort …
Oh, wie blöd! Keinesfalls darf er einen Blick in diese Truhe werfen, seinen Inhalt tief am Grund der Kiste nicht ergründen, die Schwerter nicht finden … Fieberhaft wägt Lotta verschiedene Möglichkeiten ab, bis sie an einer hängen bleibt: „Frauensachen! Da sind … Frauensachen drin!“
Jaha! Ein Tipp der großartigen Garderobiere Ludmilla am damaligen Filmset, die ihr so einiges an kostenlosen Outfits wie auch anderweitige Ratschläge fürs Leben vermittelte. „Wenn du nicht willst, dass irgendein Typ in deinen Sachen rumkramt … nenn’s Frauensachen. Bitt‘ nur mal einen Kerl, Frauensachen aus der Drogerie für dich zu holen, schon siehste ‘ne Staubwolke!“, hatte ihr Ludmilla mal lachend erklärt. Irgendwie impliziert dieser Begriff wohl einen Haufen weiblicher Hygieneartikel, den die andere Hälfte der Simheit etwas abschreckend findet.
„Die ganze Kiste voll?“, hakt Ansgar jedoch nur unbeeindruckt nach und hat – Schwupps - schon den Deckel der Truhe gelüftet. „Wooooow!“, kniet er überrascht nieder und vergräbt sofort seine Finger in diese exotische Farbenpracht an Stoffen, die sich darin findet …
Ein Anflug von Panik – ja, anders lässt sich das Nachfolgende nicht beschreiben – verleitet Lotta zu ungeheuerlicher Tat. Behänd ergreifen ihre flinken Finger das zuunterst in der Kiste liegende ‚Besteck‘, ziehen in einem einzigen Schwung die Klinge blank und richtet sie auf Ansgars Brust: „Nimm … deine … Pfoten … weg!“ Ein Akt von zwei, drei Sekunden nur. Ein blitzschnelles antrainiertes Reagieren, das keine lange Überlegung benötigt, ja sogar negiert.
Ansgar Schockstarre währt nur wenige Augenblicke. Fechten? … Das kann er nicht, aber ausweglos erscheinende Situationen musste er schon zu Hauf meistern. Die hier … sieht nach Überreaktion aus. Also nur die Ruhe bewahren. D a s will sie doch nicht. Er muss sie irgendwie erschreckt haben. Stand mir ja auch nicht zu, einfach in ihren Sachen zu wühlen …
Langsam und bedacht erhebt sich der Norweger, Lottas Mine fest im Blick. Die nun auf seinen Bauchnabel gerichtete Schwertspitze ignoriert er einfach. Er tritt einen leichten Schritt vor. Lotta weicht überrascht zurück. Was macht er? Ansgar wagt sich noch einen Schritt weiter vor. Lotta setzt einen zurück. Ich … will ihn … doch nicht verletzten! Das hat sie wohl auch noch nie getan, jemanden verletzt - soweit sie sich – trotz Fluches - zu erinnern vermag. Es hatte immer gereicht, furchterregend und geschickt mit ihrem Besteck herum zu wedeln, die Gegenseite zu entwaffnen und auf Abstand zu halten. Was sie in echter Notwehr tun würde …? Lotta weiß es nicht. Einst rettete eine Vampirin sie aus höchster Gefahr …
Hinter sich spürt Lotta nur noch die Wand. Sie lässt verzagt das Schwert sinken, als Ansgar noch einen weiteren Fußbreit auf sie zu drängt, steht geschlagen mit hängendem Kopf vor ihm. Was habe ich getan? Wie konnte ich nur …? Sanft wird ihren Fingern die Klinge entwunden. „Das lege ich am besten mal wieder weg!“
Völlig selbstverständlich verpackt Ansgar ihre Gerätschaft zurück auf dem Grund der Truhe. „Wohl ein bisschen kühl für diese Gegend - diese Tücher!“, schließt er seelenruhig den Deckel der Kiste zu. Eines Tages würde ich schon mal gern etwas mehr zu dem Inhalt erfahren.Aber nicht heute. Es hat sie mächtig aufgewühlt! Ansgar hat kaum eine Sekunde geglaubt, dass Lotta ihm ernstlich schaden wollte.
D a s hat wohl wirklich nichts mit mir zu tun, wie Sven und Thorger ja schon vermuteten. Ich hatte nur zur falschen Zeit am falschen Ort …Nun ja, planen wir den Silvesterabend. Er will sehr behutsam heute vorgehen.
„Was hast du denn sonst noch so auf Lager, Lotta? … Kleidertechnisch meine ich!“, korrigiert sich Ansgar schnell mit unverbindlichem freundlichem Lächeln. Mit noch etwas hochroten Wangen versucht Lotta auf das Friedensangebot einzugehen. Anders kann sie das gar nicht bezeichnen, was Ansgar dort gerade aufbietet. Sie hatte befürchtet, dass er völlig entsetzt von ihr auf der Stelle gehen würde … Verlegen beißt Lotta sich auf die Lippen, bevor sie einen Ton rausbekommt. „Ich … Es … Wollte nicht … Verzeih …“
„Verzeih, dass ich einfach deine Truhe öffnete!“, schneidet Ansgar Lottas kleinlaute Entschuldigung kurzerhand ab. „Wir haben nur noch ein paar Stunden bis zur Party! Also … noch irgendein Kleid irgendwo versteckt oder müssen wir noch shoppen gehen?“ Der saloppe Ton ringt ihr schon ein erstes Lächeln wieder ab. Schnell wischt sie eine vor Rührung aufkommende Träne fort, möchte auf seine lockere Art eingehen … „Ein Kleid also zu Silvester?“ „Unbedingt!“, die trocken gekonterte Antwort.
Lotta zupft eilfertig an ihrer Garderobe rum, hält sich ein Kleid an den Leib und guckt Ansgar erwartungsvoll an, ob es zusagt. „Wie sieht’s denn angezogen aus?“, rutscht dem vorwitzigen Norweger raus. Blödmann! Ich wollte doch langsam machen … „Äh, dreh dich um!“ „Klar!“ Hatte auch nichts anderes im Sinn ... Es raschelt einen Moment hinter Ansgars Rücken … „Kannst gucken …“ Bedächtig das Ergebnis betrachtend nimmt der Norweger auf Lottas Bett Platz … „Mhmmm, aber ohne die Gummistiefel, oder Lotta?“
Nächste Anprobe … „Ähhh, nicht mit … Hut!“ Ansgar entwickelt sich so langsam zum stilsicheren Modeberater.
„Sonst noch was im Schrank, Lotta?“Das kann sich hier gerne bis zum Abend hinziehen … „Nur noch Röcke … und Blusen …!“ „Fein, fein!“, dirigiert Ansgar Lotta zurück auf den imaginären Laufsteg in der engen Hütte. „Weiter geht’s …“ Zeig mir … meeeehr!
Kind und Kegel sind bei Danny bereits bestens versorgt. Sie bietet auch das Abendprogramm für die Kleinsten im Wechsel mit Adeline an. Oleg hält sogar einen kleinen Lauf Parkour für die Lütten bereit … „Man könne nie früh genug mit sportlicher Ertüchtigung beginnen“, sein Credo. Lotta kann also ungestört ihr weiteres Sortiment vor Ansgar präsentieren …
„Ja, genau d i e Bluse, Lotta!“Oh ja, ja, ja …„Die drückt genau aus: ‚H e u t e ist Silvester‘!“ „Echt?“, Lotta schaut etwas ungläubig auf dieses recht knappe Gebilde für diese Gefilde an sich herunter. „V e r t r a u mir!“ Gerade kommt Ansgar sich wie der große böse Wolf vor, der das ahnungslose Lamm langsam einkreist. Er kann … nichts … gegen diese Eingebung tun. Aber auch gar nichts!
„Keine Shorts heute!“Aber d i e sonst auch jederzeit gerne, an so ‘nem heißen Sommertag …! Mhm, sie trägt also durchaus recht luftig und knapp. Das Zeug in der Truhe … zeugt auch davon! Ist vielleicht Zeuge einer … exotischen Urlaubsliaison, der … Takatuka womöglich entstammt …? Mhm!
Ja, Ansgar machte auch gerne hin und wieder mal Urlaub an tropischen Stränden mit exotischen Schönheiten und Sonnengebräunten Strandnixen … Vielleicht war Takatukas Vater nur eine Eintagsfliege …
„Nein …! Nein …! Nein …!“ Keiner von Lottas Röcken will Ansgar zu diesem bauchfreien Top gefallen. Zu lang! Ihm schwebt da mittlerweile schon was Passenderes vor. „Los, wir gehen shoppen!“
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Keine halbe Stunde später und Ansgar hatte im Laden bereits gefunden, was er suchte. Das Ergebnis lässt sich sehen, findet er, während er jetzt so hinter Lotta auf das Touristikcenter zu spaziert. Genau die richtige … Länge!Mal sehen wie das Gesamtensemble bei anderen wirkt, wenn sie gleich noch die Jacke abstreift … Bei ihm auf jeden Fall schon mal gut.
Aus dem Untergeschoss, wo die Tanzbühne aufgebaut ist, dringt lautstark fröhliche rhythmische Musik hervor. Lotta beginnt schon, auf ihren Absätzen zu wippen. „Lass uns gleich runtergehen!“ Sie kann es kaum abwarten, sich endlich wieder zum Tanz zu drehen. Auch Ansgar ist jetzt sehr gespannt, wie es ist, mit ihr im Gleichklang zu schwingen. Er beherrscht ganz anständig das Tanzparket und ist auch bestens aufgelegt. Schön, sie wieder so völlig gelöst und fröhlich zu sehen. Klippen von vorhin gut umschifft …
Unten herrscht schon außerordentliches Getümmel. Lotta kann in den gedimmten farbigen Lichtkegeln nur Paare, die sich an den Händen halten, auf der Tanzfläche ausmachen. Ohjeh! Das hat Elani nur einmal versucht, mir beizubringen … auf dem Festival!
Lotta fühlt sich an einer Hand von Ansgar ins Gedränge gezogen und im nächsten Moment hat sie auch schon eine andere im Rücken liegen. „Ho!“, hält Lotta erschreckt den Atem an. So dicht! Starr bleibt sie stehen!
„Ich … kann das nicht!“, flüstert sie dicht an Ansgars Ohr, als er sie vor sich herschieben will. „Was kannst du nicht?“, flüstert er ebenso leise zurück und versteht nur Bahnhof, aber nicht, warum sie hier so festgewurzelt auf der Stelle hängen. „So mit … an den Händen halten!“ Lotta weiß nicht genau, wie sie es erklären soll! Ihr ist das ganze hoch peinlich.
„Ach, Paartanz meinst du!“, lacht Ansgar erleichtert auf, dass jetzt nicht schon wieder ein schwerwiegenderes Thema im Raum steht. „Freestyle-Künstlerin sonst, mhm? Also auch keine Tanzschule besucht!“Sie hat’s wirklich nicht mit Schulen, stellt er amüsiert fest. „Gar nicht so schwer, Lotta. Komm! Ein Patschehändchen hierhin und das andere dort! Nicht zu Boden sehen! Schau einfach nur mich an und lass dich leiten.“ Man, Lehrer sein macht ja sowas von Spaß. Ansgar kann Oleg so langsam richtig gut verstehen. Dann gibt er jetzt mal den strengen Pädagogen. „Immer schön folgen, Lotta!“
Sehr ungewohnt, wenn man sonst eher selbstbestimmt tanzen konnte … Die Füße machen schon ganz gut mit, nur der Puls passt nicht ganz zum Takt der Musik. Zu schnell, zu schnell … Und dabei … muss man sich die ganze Zeit … so ansehen? Lotta erlebt gerade leichtes Herzkammerflimmern. Ihre Finger auf seiner warmen Schulter, in seiner warmen Hand beben leicht. Atme, atme normal, du dumme Nuss. Beruhige dich wieder!
Ansgar entgehen die kleinen köstlichen Schauer, die ihren Körper durchlaufen, während er sacht seine Hand über die nackte Haut zwischen Top und Rock in ihrem Kreuz streifen lässt, keineswegs. Sie scheint nicht zu merken, dass es mir nicht wesentlich besser geht.Ich katapultiere mich selber geradeweg in die Hölle! Ewige Verdammnis … Was richte ich hier gerade an? Nein, manchmal ist er auch nicht ganz gescheit! Eher kurzatmig und unbesonnen. Herr, erlöse mich und führe mich nicht in Versuchung! Äußerst, äußerst selten, dass Ansgar Zuflucht im Gebet zum monotheistischen Standardvater sucht - so als alter Heide! Er mag halt lieber Erika als Myrrhe. Wenn, dann hält er es mehr mit Odin, Freya und deren Götterbot*innen …
Pause! Wir brauchen ’ne Pause!„Hast du Hunger? Möchtest du was trinken, Lotta?“ Ansgar geleitet Lotta - sich äußerlich so gelassen wie möglich gebend - an den Rand der Tanzfläche. Etwas wackelig in den Knien lehnt sie sich dankbar an die nächste freie Wandfläche. „Ja, ja, gern was zu trinken!“Gott, ist ihre Kehle trocken … „Bier, Wein, Sekt, Cocktail …?“, fragt Ansgar höflich nach. Große Augen schauen ihn an … „Wasser, bitte nur … ein Wasser!“
Leicht muss Ansgar nun schmunzeln: „Oh, wie … abstinent! Wirklich? Nicht mal Sekt? Es ist Silvester, Lotta!“ Ihre Augen können sich sogar noch mehr weiten. Hätte Ansgar nicht für möglich gehalten. „Nein, nein, bitte nur … Wasser! Ein bisschen … Zitrone vielleicht!“, blickt Lotta Ansgar aus wieder schmaleren Augen an. Auf keinen Fall … auch nur einen Tropfen Alkohol!
„Wie Ihr befehlt, Madame!“, lächelt Ansgar erheitert, verabschiedet sich nach oben. Er braucht ein bisschen mehr als Wasser … Versuchsweise nimmt er doch besser einen weiteren Sekt für Lotta mit runter und gönnt sich selber neben einem frisch Gezapften noch schnell einen Kurzen im Obergeschoss. Muss sie ja nicht sehen, wenn sie möglicherweise so prohibitiv ist. Ansgar schlägt eigentlich … eigentlich … auch nicht über die Stränge … Aber heut … für‘s Gemüt. So innerlich aufgekratzt war er schon sehr lange nicht mehr … Überstürz nichts! Er stürzt noch einen Kleinen runter … Nur für etwas mehr … Gelassenheit!
Der Sekt fällt Ansgar fast aus den Händen, als er die Treppe wieder hinabsteigt. Das Wasser mit dem Spritz Zitrone schaukelt bedenklich. Freestyle vom Feinsten. Donnerwetter! Lotta wollte eh keinen Sekt. Also kippt Ansgar ihn weg! Runter mit dem Zeug … Selbstverordnete Medizin zur Gefühlsregulierung … Wer’s glauben mag …
Lotta kommt erhitzt und außer Atem auf der Tanzfläche zum Stehen, als der letzte Song verklingt. „Ihr Wasser, Madame! Bitte sehr!“ Ansgar gibt den wohlerzogenen Kellner. Lotta nimmt mit einem schelmischen Blick und leicht angedeuteten Knicks das Getränk an. „Es sei gedankt der Herr!“ Sie ist einfach glücklich, wenn sie sich tänzerisch zu wilder Musik austoben kann. D a s beruhigt i h r e Nerven. Dankbar lässt sie das kühle Nass die Kehle runtergleiten. „Ahhh, das war jetzt zur rechten Zeit!“
Das nächste Lied ist wieder etwas zum gemeinsam schwofen. Ansgar nimmt Lotta das leere Glas ab, stellt es zur Seite. „Darf ich bitten!“, hält er ihr eine Hand hin. Sie muss leicht schlucken, legt aber ihre Hand wieder in die seine. Das gehört wohl zur Feier dazu! Alles Neuland für mich! Sie lässt zu, dass er sie leicht an sich zieht, lässt ihren Kopf an seine Schulter sinken, als seine Finger sie dorthin dirigieren. Sie nimmt Alkoholgeruch in seinem Atem war, süß und schwer. Das Herz klopft ihr bis zum Hals, … dunkle Erinnerungen … werden wach ... … … …
Lotta ist heilfroh … als das nächste Lied zu schnellerem Rhythmus zwingt. „Na dann, Samba!“, schwingt Ansgar Lotta herum. Fuhhhh, gut! Er kann auch die schnellen Tänze. Hah, die sind ja lustig zu zweit! Lotta lernt schnell, denn im Prinzip kann sie vieles an südlichen Tänzen schon solo, aber zu zweit steppt der Bär, tobt die Meute noch besser … Huiiii, fliegt Lotta durch die Luft und wird von Ansgar wieder aufgefangen. Hitze und Alkohol steigen ihm langsam zu Kopf.
„Ich muss mich mal einen Moment setzen Lotta!“, fleht er lachend und zieht sie zu einer Sitzgruppe, in der sich auch Brett gerade zu Danny gesellt.
„Meine Jungs müssen mal einen Moment alleine spielen!“, scherzt der Musiker ihnen entgegen. „Oleg ist bei den Kleinen!“, erklärt Danny in Lottas Richtung ihr Hiersein! „Und das ist wunderbar!“, herzt Jenkins seine Freundin ganz verliebt vor Lotta und Ansgar, die beide schnell etwas angelegentlich in der Gegend herumschauen, wer denn noch so da ist …
„Und? Lottas Tanzkünste schon bewundert? Musst mal ihren Feuer- oder Lichttanz sehen, Ansgar!“, preist Brett leutselig Lottas Darbietungsmöglichkeiten an, als er Dannys Lippen wieder freigibt. „Feuer?“, beugt sich die Erzieherin neugierig vor. „Wo lernt man das denn? Warst du beim Varieté?“ Ja, das würde Ansgar jetzt auch interessieren! Eine Braue lupft sich fragend in die Höh‘. Aber Lotta windet sich wieder mal wie ein Aal … „Na, wahrscheinlich nichts für hier drinnen!“, hilft Ansgar nonchalant aus der Klemme eines scheinbar neuerlichen für sie unangenehmen Themas. Tatsächlich unbehaglich war Lotta eigentlich nur die Frage, wo sie das gelernt haben soll. Wenn sie d a s nur selber wüsste … Verdammter Fluch des Vergessens!
„Takatuka und dein Wolf können heute Nacht bei Adeline bleiben, habe ich geklärt. Ihr habt sturmfreie Bude!“, prostet Danny Lotta und Ansgar als nächstes zu, in der Annahme, einem frisch liierten Paar einen wirklich tollen Gefallen erwiesen zu haben. Der Norweger kann im ersten Moment nur halb ein Grienen unterdrücken und setzt ansonsten seine undurchdringliche Mine auf. Lotta hätte beinahe leicht beschämt beide Hände verräterisch vor den Mund, geschlagen. Kann es gerade noch sein lassen … Wieso …? Ich hab‘ doch mit Danny über nichts dergleichen gesprochen …! Denken das hier alle? Ist das peinlich!
Verstohlen blickt Lotta aus dem Augenwinkel zu Ansgar rüber, dann zu Brett … Jenkins denkt sich nie allzu viel … Was Ansgar denkt … wüsste ich zu gerne …Kann ein ganz schönes Pokerface sein! Ich kann das nicht …
Ja, in den Filmpausen damals … hatte sie bei manchen Pokerrunden mitgespielt, keine Ahnung gehabt … und trotzdem zuweilen gewonnen. Sie könne so wundervoll unschuldig wie ein Lamm bluffen, hieß es. Tja, tatsächlich hatte sie zu der Zeit … noch nicht mal die Karten lesen können und daher auch nicht gewusst, was sie überhaupt für ein Blatt auf der Hand hatte. All diese unbewegten Gesichter um sie herum, die nichts verrieten und Lotta hauchte die ganze Zeit immer nur mit großen Augen „Huch!“ und „Ohjeh!“, selbst, wenn die Karten ihr gewogen waren, was sie nicht wusste … Auf jeden Fall schleppte sie nicht weniger Moneten raus als sie reinbrachte – Garderobiere Ludmilla sei Dank, die ihr hervorragend assistierte …
„Nochmal Tanzen, Lotta?“, fordert Ansgar sie nun mit blitzenden Augen heraus. Irgendwie glänzen sie stärker als vorher, fällt ihr auf. Ansgar hat noch ein bisschen mehr dem Sekt wie auch anderem zugesprochen. Lotta blieb bei Wasser, was ihm ein weiteres amüsiertes Stirnrunzeln abrang.
Lotta wägt Ansgars Frage umgehend ab: Schneller Rhythmus? Wunderbar! Danny und Brett schmusen schon wieder? Alles klar!„Bin dabei!“, erhebt sie sich eilig, um dem Schauspiel des tatsächlichen Paares in der Sitzecke zu entkommen und ergreift Ansgars dargebotene Hand. Man klebt ja förmlich auf solchen Feiern an den Fingern zusammen …
Schwungvoll dreht sie mit Ansgar noch einige Runden, bevor der Countdown zur Jahreswende eingeleitet wird und sich alle mit Sektgläsern nach draußen zum Feuerwerk begeben. „Noch immer keinen Sekt, Lotta?“, hält ihr Ansgar in eisiger Nacht ein zweites Glas in seinen Händen hin. Stumm schüttelt sie den Kopf. Aufseufzend kippt Ansgar beide Getränke in sich hinein. Keine gute Ausgangsvoraussetzung für mitternächtliches Brauchtum. Er hatte irgendwie gehofft, sie ein wenig beschwipst und zugänglicher zu machen.
Wortlos verfolgen beide nebeneinander das Feuerwerk am Himmelszelt und … die Liebelei auf Erden. Sie sind umringt von vielen Paaren, die dem Jahreswechsel den vollen Tribut zollen … mit ganz viel Brauchtum! „Auch so eine Sitte!“, kommentiert Ansgar etwas wehmütig, schaut zu Lotta hin, die den Blick fest auf die bunt leuchtenden Explosionen am Firmament heftet und nicht zu Ansgar zurück zu blicken wagt. Andere Erinnerung drohen hochzukommen … an Lichtspiele am Himmel … und Gewitter im Gehirn … Bilder auf einem Handy …
Erst als sich alles zu zerstreuen und Lotta zu frösteln beginnt, wendet sie sich dem Norweger an ihrer Seite wieder zu. „Das war ein sehr schönes Fest. Danke, Ansgar!“ Wie ein artiges Kind, dem man ein Eis gab! Sag Danke, sag Bitte! Ansgar nickt nur, versucht sich seinen Verdruss nicht anmerken zu lassen. Das ist idiotisch, stell dich nicht so miesepetrig an wegen einem verpassten Kuss. Du hast einfach nur zu viel getrunken! Wollte er eigentlich gar nicht.
„Ich bring dich noch nach Haus, Lotta! Keine Widerrede!“, unterbindet er ihren Erklärungsversuch, dass das doch nicht nötig sei. „Hier laufen ein paar mehr Figuren rum als vor dem Bau des Ressorts. Mir wäre wohler damit! Bitte!“ Der Weg ist eigentlich nicht weit … aber Lotta hat irgendwie das Gefühl, enttäuscht zu haben und will nicht noch mehr Dissonanz zwischen ihnen einziehen lassen – nach dem Nachmittag auch noch … „Ja, danke, das ist sehr nett von dir Ansgar!“ Danke, danke, danke … immer nur danke!, hallt es leicht bitter durch seinen zunehmend benommenen Schädel, als er so neben ihr herläuft. Mindestabstand 1,5 Meter!
„D a s ist also auch … an Silvester Brauch, sich zu küssen?“ hakt Lotta dann doch noch vorsichtig nach - ihre Hütte schon im Blick. Offenkundig nur für Paare, wie ihr schien. Und … was galt dann … an Weinachten? „Jupp!“, antwortet Ansgar aber nur einsilbig aufs Lottas Frage, die Hände tief in den Taschen vergraben. Ihm ist schon klar, wo sie drauf hinauswill. Dass er sie reingelegt habe und so …
„Gibt es noch mehr so Sitten und Gebräuche, von denen ich wissen sollte?“, fragt sie zögerlich an der Hausschwelle nach. Darauf hat Ansgar eine klare Antwort: „Die Begleitung wird noch auf einen Kaffee ins Haus eingeladen!“ „Ich hab‘ nur Tee!“ „Der geht auch!“
Wortlos öffnet sie ihm die Tür. Will er … noch ein klärendes Gespräch? Ok! Besser jetzt als später! Bis zur Teekanne kommt Lotta nicht mehr …
Gott, fühlt sie sich gut an! Ansgar holt sich einfach, was er schon den ganzen Abend wollte. So weich, so zart, so … nachgiebig …
Die Knie sacken Lotta weg … Sie schmeckt den Alkohol auf ihren Lippen, ihrer Zunge, … seiner, die immer forscher wird. Nach einem ersten erregenden Moment bemächtigt sich die Droge ihres Körpers, fließt in Sekundenschnelle durch ihre Adern, lähmt sie zunehmend, je mehr sie davon empfängt. Mit letzten Kräften versucht sie hilflos, sich gegen Ansgar zu stemmen …
Irgendwie registriert sein vom Alkohol schon recht benebeltes Hirn, dass etwas nicht stimmt. Lotta sackt immer weiter in Ansgars Armen zusammen, drückt gleichzeitig sacht mit den Händen gegen seine breite Brust. Sie … wehrt … sich!!!! Erschrocken lässt er von ihr ab, muss sie aber gleichzeitig halten, damit sie nicht vollends zu Boden sinkt.
„Lotta, was ist?!“ Ihr Blick verrät Geschwächtheit. Die Augen klappen ihr fast zu. Was bewirkt das bloß? Ansgar ist auf einmal wieder hellwach. „Brauchst du einen Arzt? Red‘ doch, Lotta!“ Er greift unter ihre Knie und Achseln hebt sie leichtfüßig hoch und trägt sie umgehend ins Schlafgemach nebenan, lässt sie sanft auf die Laken niedergleiten und kniet sich zu ihr hinunter.
„Ich … vertrag … keinen Alkohol!“, verkündet ein kleines wimmerndes Stimmchen an seinem Ohr.
„Ach, soooo! Du hast eine Alkoholintoleranz?! Warum sagts du das nicht gleich?“Und ich versuch noch, den ganzen Abend Sekt in dieses arme Wesen zu schütten. Ansgar schlägt sich vor die Stirn, ist aber zugleich auch unendlich erleichtert. Unangenehm, aber sie wird’s überstehen.Blöd nur, dass ich mir auch noch was Stärkeres zwischendrin gegönnt hatte. Wäre ich wenigstens bei Sekt geblieben …
Ansgar hockt noch einen Moment am Boden, schaut auf die bedauernswerte Lotta hinab. D a s ist kein Spaß! Es hätte anders ausgehen können. Hab‘ ich denn nichts gelernt aus …? Er mag nicht so weit zurückdenken, krümmt sich innerlich leicht unter der Last der Erinnerung … So viel wie heute hab‘ ich schon lange nicht mehr getankt! Das hätte nicht sein dürfen!„Ich mach dir einen Tee Lotta. Es … tut mir unendlich leid! Bin gleich zurück.“
Ein bisschen schafft Ansgar noch, das heiße Getränk in den matten Körper einzuflößen. Dann entschlummert Lotta vollends. Er streift ihr die Oberbekleidung bis auf die Unterwäsche ab, deckt sie sorgsam zu, damit sie es angenehmer hat und macht es sich in dem einzigen Sessel in dem kleinen Zimmerchen soweit bequem wie es möglich ist - immer mit einem wachsamen Auge auf Lotta.
Irgendwann muss auch er eingeschlafen sein. Die helle Morgensonne weckt Ansgar. Blinzelnd öffnet er die Augen. Zum Glück haben sie heute frei. Ansgar schaut zu Lotta rüber, die ihn - den Kopf zur Seite gedreht - mit wachen Augen fixiert. „Lotta! Wie geht’s dir?“, kniet er sich gleich fürsorglich zu ihr nieder. Sie sagt … nichts. Der Blick … so neutral.
Hört sie mich überhaupt? Doch! Sie schaut mich direkt an! „Lotta, das gestern Abend! Das ist ein bisschen … ausgeufert! Es …“ „Geh!“ „Was?“ „Geh!“ „Lotta …!“ „Geh endlich …!“ Spröde! Unerbittlich! Unzugänglich!, fährt Ansgar durch den Kopf …
„Ich hatte doch nie eine Chance bei dir! Praktisch, quadratisch gut, aber nur zum Lesen, Stricken, Kind beglücken. Sonst nichts! Sonst nichts!“, bricht aus dem Norweger der Frust der ganzen letzten Wochen hervor. Alle Mühen umsonst! Mein Gott, ich könnte zehn an jeder Straßenecke haben. Was will ich eigentlich noch hier?„Dann werd‘ doch glücklich … allein … mit deinem Gör!“Ouh, das war jetzt fies, das weiß er aber, aber …
Es raucht die Birne, der Nachalkohol wirkt noch katalysierend auf die in ihm aufsteigende Wut. Er sollte tatsächlich einfach gehen, aber er tobt und wütet noch eine Weile gegen Gott, die Welt, gegen Lotta, die einfach nur weiterhin stumm da liegt, ihn erst noch mit diesen riesigen Augen anschaut, als könnten die kein Wässerchen trüben, bis sie einen Arm drüber legt …
(Oh, war gar nicht Silvester? Tja, Brauchtum nicht befolgt ... ? …)
Sein Blick hingegen trübt sich zusehends. Ich werd hier sicherlich nicht gleich … Nein, die Genugtuung geb‘ ich ihr nicht. Ansgar rauscht aus dem Haus, überzeugt, noch heute seine sieben Sachen zu packen und diesem schmachvollen Ort den Rücken zuzukehren.
Keine fünfzig Meter weit kommt er, als er leicht tränenblind in eine Schneewehe stolpert und vornüberfällt. Er bleibt einfach liegen, das Gesicht tief in das weiche Pulver versenkt, bis er den Kopf heben und nach Luft schnappen muss. Ich hab‘ alles versaut! Wieder alles versaut! Scheiss Alkohol!
„Ich will gar nicht weg!“ Diese Erkenntnis dämmert Ansgar langsam, nachdem er bereits über eine Stunde lang bäuchlings in einer Schneewehe liegt, kaum fünfzig Meter von Lottas Hütte entfernt und zu verstehen versucht, was passiert ist.
Es gefällt ihm hier. Er mag Danny, Brett, Adeline und selbst den knorrigen Oleg. Takatuka und den Wolf hier zurückzulassen bräche ihm allein schon das Herz. Er liebt dieses Kind mittlerweile wie … ein eigenes. Es hat seinen ganz eigenen Charme, so … wie seine Mutter.
Ansgar dreht sich auf die Seite, die Augen vor innerlicher Qual verschlossen. Und ich muss begreifen … Nein! Ich habe jetzt endlich begriffen, dass sie nichts anderes … als Freundschaft suchte.
Irgendwas war da drinnen vorhin in ihm zerschellt. Diese Erkenntnis, dass einfach nicht mehr da ist … Sie hat sich immer nur vor meinen nächsten Avancen gefürchtet. Ich hab‘ alles missinterpretiert … Kann ich … damit leben und … bleiben?
Mühsam rappelt Ansgar sich hoch. Irgendwie fühlt er sich gerade fürchterlich alt mit seinen fünfundzwanzig Lenzen. Als wäre sein Leben schon abgeschlossen … Es ist mir nichts vergönnt, hab‘ alles an Glück verwirkt. Ich muss mit weniger zufrieden sein können … … … Wenn sie meine ehrliche Freundschaft will …, will ich sie ihr anbieten! Wenn sie sie annimmt, dann kann ich … bleiben! Schadlos halten als junger Mann muss er sich dann eben weiterhin in der großen Stadt … Wird genug unverbindliche Möglichkeiten geben. Nichtsagende Begegnungen … Zu mehr hätte ich gar nicht mehr den Mut! Ich hatte wirklich geglaubt … … … Ach lass es! Was … macht eigentlich … so eine Mutter mit Kind für …? Schnell verbietet sich Ansgar weitere Überlegungen zur letzten selbst gestellten Frage …
Er stiefelt zur Hütte zurück, tritt leise ein … „Lotta?“ Kein Laut! Er dringt weiter ins Haus vor …
Sie liegt noch fast genauso so da, wie er sie vor einer Stunde verlassen hat. Nur laufen Tränen sacht die Wangen runter, benetzen das schon zunehmend sehr feuchte Kopfkissen unter ihr. Und immer noch füllen sich die Augen neu. Wie kleine glitzernde Perlen hängen winzige Tropfen in ihren Wimpern …
Er zieht ein Tuch hervor, kniet wieder zu ihr nieder, betupft vorsichtig Wimpern, Lider, Wangen. „Es tut mir unendlich leid, was ich dir für Angst und Leid verursacht habe, Lotta! Das wollte ich nie!“ Sacht folgt er einer Tränenspur. „Ich bin gern mit dir zusammen und Takatuka und dem Wolf! Ich würde … euch alle sehr vermissen!“ Sie scheint ihm zuzuhören … der Tränenfluss wird weniger.
„Das … andere … ist nicht … so wichtig! Ich hatte gestern zu viel getrunken. Das ist keine Entschuldigung für … … … Nur … eine Erklärung! Und natürlich hatte ich … mehr erhofft, aber … eure Freundschaft … ist mir mehr wert! Kann ich …“, Ansgar muss tief Luft holen, „… einfach nur … dein Freund sein?“ Sekundenlanges banges Warten … Sagt sie gleich wieder ‚geh‘?
„Danke!“, lächelt Lotta sanft. Und Ansgar … fällt ein Stein vom Herzen. Liebevoll streift er noch ein letztes Mal ihre Wange mit leicht zittrigen Fingern … wischt die letzten Tränen fort, die er ihr bereitet hat.
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Ansgar fühlte sich am nächsten Tag beflissen, auch Brett und Danny näher aufzuklären, dass ihn lediglich Freundschaft zu Lotta verbände, um ihr weitere Peinlichkeiten wie in der Silvesternacht zu ersparen. Lotta war ihm auch dafür überaus dankbar!
So langsam fand Ansgar seinen inneren Frieden wieder und in der Großstadt ausreichend Ablenkung – nach den Strick- und Leseabenden bei Lotta. Danny und Brett befanden, dass man trotzdem noch zu viert einiges unternehmen könne und zu Lottas Erheiterung fand sie sich eines Tages in einem älteren Kinofilm wieder, in dem sie einige ihrer Doubleszenen als Stuntfrau wiederentdeckte. Ihr Gelächter an den wohl falschen Stellen irritierte, aber letztendlich freute sich Ansgar einfach, dass sie wieder zu alter Gelöstheit zurückfand, ja eigentlich … sogar noch lockerer wurde, nachdem sie nicht mehr seinem ständigen Werben ausgesetzt war.
Manches ließ Ansgar besser ruhen so wie die schlafenden Hunde. Auf weitere Darbietungen verzichtete er wohlweislich. Und auch sonst vermied Ansgar jegliche Versuchung. Nie mehr gab er sich als Modeberater aus und bei gemeinsamen Klettertouren erklomm er stets die Wand zuerst – vor ihr. So verging einige Zeit … bis Ansgar einen Anruf bekam, der ihn unvermittelt aus seiner vermeintlich beschaulichen Ruhe riss …
„Jorunn? Tante Jorunn? Wo steckst du? … …. … Nummer? Ja, natürlich habe ich noch die gleiche Nummer. Ein Glücksfall? Warte, jetzt sag mir sofort, wo du bist? Ich bin so schnell wie es geht dort! … … Jorunn. Ich bin so froh … … “
Völlig aus dem Häuschen prescht Ansgar die Treppen zu Lotta runter: „Ich muss sofort los, innerhalb einer Stunde. Kannst du Danny und Oleg Bescheid geben und das mit den Kursen regeln? In zwei Tagen bin ich zurück. Meine Tante … ist wieder aufgetaucht!“
Verwirrt blickt Lotta auf, ihre geölten Handflächen gerade über Kundschaft streichend. „Tante?!“ Er hatte noch nie von einer erzählt. Aufgetaucht? Was für eine Wortwahl!War sie verschwunden? Angesichts der Kundin unter ihren Händen geht Lotta aber nicht weiter darauf ein. „Äh, ja natürlich, klär ich alles ab! Zwei Tage sagts du?“ Ihre Hände verharren einen Moment auf dem Rücken der Frau auf der Liege. Oh, zwei Tage …
Sie hat sich so an ihr tägliches Beisammensein gewöhnt, die Abende, die Unternehmungen, die gemeinsamen Kletter- und Skikurse … immer noch neue Dinge, die sie lernt … Zwei Tage … *seufz* … Mir wird direkt was fehlen … Aber das muss ja sehr dringend sein mit der Tante … so schnell wie er wieder hinaushastete …
Lotta knetet weiter die Rückenpartie unter ihren Händen … in Gedanken ganz woanders … Ich war so geschockt im ersten Moment an dem Morgen … Sie hatte sich so schwach gefühlt, so wehrlos, so … ausgezogen – wie sie an sich irritiert feststellte! Und er lag da, in diesem Sessel. Ihr Hirn hatte noch nicht richtig funktionieren wollen … fragte sich die ganze Zeit, was die Nacht wohl geschehen war, während sie so halb ohnmächtig …
Erneute Panikwellen durchfluteten sie an den Tag, weil sie sich noch immer nicht vom Bett erheben konnte, Schamwellen durchkrochen sie von alten wieder aufglimmenden Erinnerungen, als sie … sich selber eine Zeitlang mit Alkohol allabendlich weggebeamt hatte und … für Takatuka nicht wirklich da war …, nach allem, was das Kind schon durchlebt hatte …
R a b e n m u t t e r! Wie ein Geier stürzte sich dieses Wort immer wieder auf sie hernieder! Auch andere Bilder und Gefühle von Verschleppung stiegen wieder auf, von Wehrlosigkeit, Ohnmacht … Die Bilder, die sie sich bis heute nicht auf dem Handy in der Küchenschublade anschauen könnte, selbst, wenn es funktionierte.
Und dann Ansgars wutentbrannte Tiraden, die auf sie hinabstießen, als sie sich noch immer kaum rühren, nur daliegen konnte und alles über sich ergehen lassen musste … Und die offenbarten, dass er wirklich die ganze Zeit plante, sich immer näher heranzumachen … sie quasi … aufzutauen!
Aber, hatte ich nicht auch … etwas mit dem Feuer gespielt? Signale gesendet oder … einfach … übersehen wollen, weil ich … „Autsch! Vorsicht! Ein bisschen mehr Konzentration bitte, ja?! Was machen Sie denn die ganze Zeit da?“ Oh, meine erste Kundenbeschwerde!!!!„Ich … Entschuldigung die Dame!“ Lotta bemüht sich um schnelle Wiedergutmachung. „Etwas Lavendelduft, Rosenöl? Heute im Preis mit inbegriffen!“ Ja, das nimmt die Kundin doch gerne mit.
Und wieder strömen die Erinnerungen ungehindert auf sie ein … Sie hatte so geweint, als er hinausrannte … und war so selig, als er zurückkehrte, sich entschuldigen konnte und … ihr seine Freundschaft anbot.
So hatte sie es sich doch gewünscht, oder? O d e r?
Unglaublich, was Jorunn ihm da auf der Rückfahrt alles erzählt. Er hätte nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt. In diesem Jahrhundert! Seine Tante muss sich wohl alles gerade mal von der Seele reden … Er ist alt genug, jetzt auch mal für sie da zu sein. Jahrelang hatte sich die wesentlich jüngere Schwester seiner Mutter um ihn gekümmert, als die so früh verstarb … Ich hab‘ Jorunns warmherzige, fürsorgliche Art sehr vermisst, hätte fast noch den letzten Rest an Halt verloren, nachdem …nachdem … Also damals, als sie einfach von der Bildfläche verschwand – von heut auf Morgen … vor gut vielen Jahren.
„Und der hat doch tatsächlich geglaubt, mich ganz allein überwältigen zu können. Ha, vier, vier von seiner Sorte hatte es damals gebraucht, mich niederzuringen, aber einer allein … Hören und Sehen verging dem, als ich ihm rechts und links …“ Die hochgewachsene Jorunn ist einerseits grimmig erheitert wie auch immer noch leicht verstört, als sie an diesen einzelnen Lakaien des Sultans zurückdenkt, der ihr bis in den Kaukasus hoch gefolgt war. Was, wenn es mehrere gewesen wären …?
„Ohne Miyu würde ich heute noch in diesem Stall festhängen … Sie ist … so wunderbar!“ Jorunn verfällt in Schwärmerei in den höchsten Tönen über die Kampf- und Fluchtgefährtin. Ansgar muss leicht schmunzeln und sich aber auch gleichzeitig auf die Fahrbahn vor ihm konzentrieren, um seinen Land Rover sicher um eine tiefe Schneewehe zu lenken. Der Frühling kündigt sich bald an mit gewaltigen Schneestürmen - selbst in den Niederungen. Pulverschneewochen! Durchaus sehr beliebt bei den Touristen, aber auch die Zeit für schweres Schneeräumgerät.
Jorunn hatte schon früher Interesse für andere Weiblichkeit gezeigt, erinnert sich Ansgar. Diese Miyu scheint ja etwas mehr für sie gewesen zu sein als nur eine Fluchthilfe. „Wieso, bist du nicht bei ihr geblieben?“, fragt er gerade mit kurzem Seitenblick, der aber sofort wieder auf die Sicht nach vorne zurück schwenkt. Noch eine tiefe Wehe. Es werden immer mehr!
„Ich musste doch nach dir sehen!“, empört sich Jorunn einen Moment. Hei den ganzen weiten Weg, bis ich endlich irgendwo telefonieren und dich erreichen konnte … Andererseits … „Es freut mich, dich so wohlauf zu sehen. Es … scheint dir … richtig gut zu gehen!“, lächelt sie ihren Neffen warm an. Darauf kommt es doch am meisten an. Er scheint sich wirklich … gefangen und vielleicht … ein neues Glück gefunden zu haben. Sie hätte sich keine solche Sorgen machen müssen. Er steht richtig fest auf eigenen Füßen, muss sie feststellen: „Dein Wagen … oder ’n Firmengerät?“
„Meiner!“, grinst Ansgar kurz zu Jorunn rüber. Ja, beruflich könnte es kaum besser sein. Oleg handelt ihn auch schon wie so einen Nachfolger, wie einen nie gehabten Sohn. Witzig, könnte fast hinkommen!Oleg, Lotta und ich überrepräsentieren doch tatsächlich mal die Rotschöpfe im Ressort. Und neulich schlich auch noch so ein echter kleiner vierbeiniger Rotfuchs um Lottas Hütte …
Die drei Rothaarigen geben ein wunderbar hochsportliches Basketballteam gegen den Rest der Belegschaft ab. Oleg hatte gleich nach Silvester einen Korb aufstellen lassen … Ja, es geht mir gut.Beruflich! Freundschaftlich …!Und sonst!? Nicht wichtig! Nicht wichtig … Nur nicht an den zweibeinigen Rotfuchs denken … Süße kleine Füchsin neulich … Die Vierbeinerin!
„Wirst du sie wiedersehen?“ „Mhm?“ Jorunn war gerade noch gedanklich bei Ansgars fabelhafter Entwicklung gehangen … „Diese Miyu!“ Ansgar interessiert es wirklich, warum seine Tante nicht ihrem Glück gefolgt ist, sondern sein Wohlergehen voranstellte. Verantwortungsbewusstsein! Ja, das wird es sein. Das hatten ihn seine Mutter wie ihre Schwester immer gelehrt. Das hat die beiden ersten Frauen in seinem Leben immer ausgezeichnet. Er hat sich dessen … nicht immer als würdig erwiesen.
Allgemeinhin gilt er aber sonst als vertrauenswürdig unter Kolleg*innen, Freund*innen … „Also?“, hakt er bei Jorunn nochmal nach. „Wirst du?“
„Ich muss bis zum späten Frühjahr warten. Solange werden sie brauchen, bis sie bei dieser Adresse in Japan ankommen. Vorher gibt es keine Verbindungsmöglichkeit. Wir hatten alle keine Handys mehr, weißt du und … sie wollte auch keines. Die beiden …“, verschwörerisch senkt Jorunn ihre Stimme mit Seitenblick zu Ansgar, „… Watanabes waren irgendwie auf der Flucht!“
Beinahe wäre der Wagen in den Graben geschlittert, als Ansgar sich ruckartig zu Jorunn umdreht. Mit schlitternden Reifen bringt er das Gefährt quer auf der Straße zum Stehen, als er das Steuer wieder rumreißt!
„Wer, sagst du Jorunn? Wer?!“ Ansgar brüllt seine Tante fast an, so sehr ist er außer sich. „Mi-yu … … Wa-ta-na-be?!“, bringt Jorunn vorsichtig stockend hervor. Ansgar hat sie gerade so richtig erschreckt. Was ist denn nur los? „Und sie hat … eine Tochter Yuna?“ „Jaaaaaaa …“ Jorunns Augen weiten sich. Was hat das zu bedeuten? Woher …?
„Du bist … die Glücksbotin. Dank den Schicksalsgöttinnen. Es ist … Kismet, dass du … erst hierhergekommen bist.“ Überschwänglich umarmt Ansgar seine Tante, die die Welt gerade nicht mehr versteht. Sofort startet er aufgeregt wieder den Rover, prescht über die vereiste Piste los, kann es gar nicht erwarten, den anderen … die frohe Botschaft und ihre Heilsverkünderin zu überbringen.
Diese Miyu Watanabe mit Tochter, von der ihm Adeline Fouché aus der gemeinsamen Vergangenheit mit Lotta berichtete, lebt also noch?! Wird Lotta sich freuen … Ich freue mich wirklich für sie … so als … guter … Freund! Ob man … als Freunde … einfach mal … zusammen Essen gehen kann? Nur … zu zweit? Also nicht als Date missverstanden …?
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Oh, was ein Knuddeln und Herzen und Ansgar mittendrin. Wieder und wieder regnet es Wangenküsse von Lotta auf ihn herab, dann wieder von Oleg, Brett, Adeline … Danny kannte die ehemalige Rektorin nicht, ist aber auch ganz ergriffen von der ganzen Stimmungslage. Jorunn ist leicht überfordert ... Lauter unbekannte Menschen drücken und herzen sie. Lotta hängt immer wieder an ihrem Hals.
D a s ist also … Lotta! Ein bisschen hatte Miyu erzählt … Die beiden halten sich … besonders intensiv fest …, nimmt Jorunn mit einem Blick wahr, seien aber … kein Paar, wie Ansgar wortreich noch auf den letzten Metern Fahrt erklärte … Sehr wortreich! Mein lieber Schwan …
Oleg hat für die Glücksbotin gleich einen Plan. Ja, der große Stratege. „Natürlich kannst du bleiben, Jorunn, wir suchend laufend Mitarbeiter*innen!“ Die Dame ist wie ihr Neffe scheinbar auch ein Allroundtalent: Abfahrt, Langlauf, Stricken, Kochen, Basteln, oh und … Massagen. Zuwachs in jedem Bereich! Überall einsetzbar!
Proschinsky hätte Jorunn aber auch ohne jegliche Fähigkeiten und Talente freie Kost und Logis den Rest ihres Lebens hier angeboten … einfach nur als Überbringerin erlösender Botschaft. Sie waren keine dicksten Freunde gewesen – Miyu und er. Aber … er hatte sie sehr geschätzt. Das war ihm erst hernach klar geworden und die damaligen Umstände … waren einfach nur schauerlich. Sie und ihre Tochter am Leben zu wissen … macht sie alle unendlich glücklich.
Oleg sieht es auch Adeline und Brett an, dass ihnen diese Nachricht unendlich nahegeht. Sanft küsst er seine Verlobte und Adeline lehnt sich zärtlich haltsuchend bei ihm an.
Ja, Oleg wird auf seine alten Tage noch ein richtiger … Weichkeks. Sein Blick fällt auf Lotta. Wie muss es ihr erst gehen?Sie war … ist … mit Miyu befreundet. Ein mildes nachsichtiges Lächeln streift sein Gesicht. Er mag Lotta irgendwie wirklich gerne, diesen kleinen Derwisch, der ihn so manches Mal auf die Palme brachte und es … hin und wieder auch immer noch schafft. Und Ansgar … Prächtiger Bursche, wird immer mehr zu meiner rechten Hand. Viele gute Ideen! Einige sind auf Lottas Mist gewachsen ist sich Oleg sehr sicher. Ihre Handschrift. Aber sie schickt lieber Ansgar vor, in der Annahme, dass es dann wohl besser bei mir ankommt. Was ist das nur … mit den beiden?
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Die Schneestürme legen die nächsten Tage noch an Fahrt zu. Ein letztes winterliches Aufbegehren, vor einem sich ankündigenden baldigen Frühling. Ansonsten kehrt wieder Alltag ein … Lotta kann gar nicht oft genug Jorunns Erzählung lauschen wie Miyu, Yuna und die anderen sich wagemutig befreiten. „Hah! Das passt zu ihr!“ Lotta ist richtig stolz auf ihre gute Freundin und frühere Mentorin - und auf die neugewonnene auch. Jorunn erinnert sie in ihrer warmherzigen Art an Elani, aber gleichzeitig hat sie auch ein bisschen mehr was von der Durchsetzungskraft einer Miyu, ist wehrhafter, lässt sich weniger bieten. Ach Elani, wenn sie nur wüsste, dass Miyu lebt …
Lotta hat nicht mehr mitbekommen, wohin Familie Ogbanda ging und ihr altes Handy … „Nicht mehr betriebsfähig!“, hatte ihr Ansgar erklärt, nachdem er sich das Teil besah. „Nicht mehr zu gebrauchen!“ Muss wohl auf ihrer fluchtartigen Wanderung gen Norden irgendwie gelitten haben. Es war eh nur eine ‚Leihgabe‘ irgendeines Nachschatten damals an den Docks gewesen, die sie sich nach einem Scharmützel angeeignet hatte. Und sie war auch froh, dass sich so manches Geheimnis auf dem kleinen Gerät … nicht mehr öffnen ließ … wie die Bilder … vom Festival … mit … Takatukas Vater drauf! Was hätte Ansgar davon gehalten? Wie sollte ich erklären, … dass ich … nichts erklären kann!
Lotta hatte dem Norweger bisher auch nie gestanden, wie gefechtsbereit sie in der Nacht drinnen ausharrte, als er vor seiner Abreise mit seinen früheren Kollegen vor ihrem Haus stand. Überhaupt … sie und Ansgar rühren beide an so manchen Dingen nicht ... Ist wohl besser so, oder? O d e r?
Ansgar hilft Lotta jetzt im Garten mit, hat viel Anregungen und Tipps im Gepäck für diese Witterungsverhältnisse. Jetzt klappt es auch besser mit dem Ingwer … Und ihre kleine Werkstatt nutzt er gerne für Reparaturarbeiten und weitere Pflanzgehege mit.
„Bist du das?“ Hatte Ansgar verwundert angesichts des Bildes dort beim ersten Betreten gefragt. Wieder diese leuchtenden Stoffe an ihr … an dem Kind! Wann hatte sie das getragen? In einem Urlaub? Kein Bild … von einem Vater oder so? Sind das die Sachen, die in der Truhe liegen? Lotta hatte nur leicht verlegen genickt und er - nicht weiter gefragt.
Heute Abend ist wieder Stricken und Lesen dran. Draußen tobt der Schneesturm heftiger denn je. Einer der letzten heftigen vor dem gar nicht mehr fernen Frühling. Kaum ein Sim wagt sich vor die Tür. Fahrten in die Stadt sind im Moment recht beschwerlich. Ansgar hatte noch am Nachmittag mit Lotta alle Läden an den Fenstern geprüft, damit sie nicht allzu sehr im Wind klappern. Die Abende bei ihr … werden immer länger.
„Oh, Takatuka ist eingeschlafen!“ Ansgar klappt das Buch gerade zu. Die Kleine will immer wieder den ‚Kleinen Prinzen‘ vorgelesen bekommen. Kinder in dem Alter lieben Wiederholungen. Und seitdem der Fuchs ums Haus streicht, rennt sie dem Vierbeiner immer wieder verspielt hinterher und kreischt: „Bist du hübsch, bist du hübsch!“
Lotta lässt die Nadeln sinken, sieht Ansgar hinterher wie er ihr Töchterchen aufhebt und zu Bett bringt. Das macht er öfter in letzter Zeit. Böser Wolf trottet müde blinzelnd hinterdrein. Sein Nachtlager ist stets vor dem Kinderbett.
Nach einer Weile kehrt Ansgar zurück, nimmt neben Lotta wieder Platz. Irgendwie … drängt es ihn nicht ‚heim‘. Hier fühlt es sich gut an … neben ihr. Die Nadeln klappern wieder … Ich sollte langsam aufstehen und gehen …
„Ganz schöner Sturm draußen!“ „Ja, hoffentlich halten die Läden!“ *Klick, klack, klick, klack …* „Heute ist ein Räumgerät von der Straße abgekommen …“ „Ja, ganz schön heftig draußen …“ *Klick, klack, klick, klack …* Tick, tack, tick tack … „Noch ein … Tee?“ Er hat wieder … dieses nicht sehr hochgeschlossene Teil an … „Gerne!“ Ist warm … hier drin …
Lotta begibt sich an die Teekanne. Das Feuer im Kamin … lodert … Im Raum … entfaltet sich … zunehmende Hitze! Ihre Augen folgenden dem Spiel … hochzüngelnder Flammen … Wirklich sehr … heiß heute … „Autsch!“ Sie verbrennt sich die Finger … an der heißen Kanne …
Ansgar ist sofort zur Stelle, greift nach Lottas Hand! „Oh je, zeig mal!“ Intensiv begutachtet er … den kaum sichtbaren Schaden, streicht sanft mit dem Daumen über die empfindliche Haut. „Es … ist nichts!“, scheut sie leicht zurück und entzieht ihm wieder ihre Finger. „Ich hol‘ trotzdem schnell etwas Schnee zum Abkühlen, Lotta!“ Oh ja, bitte! Abkühlung! So viel Hitze … Ihr ist immer recht … warm, wenn er in ihrer Nähe ist … selbst bei eisigster Kälte draußen.
Sie spielt … mit dem Feuer … im Kamin … als Ansgar zurückkehrt …
„Puh, wir sind … eingeschneit! Kein … Rauskommen möglich! Hier, deine Abkühlung!“ Ansgar hat die Haustür sofort wieder zudrücken müssen, um nicht von einer kleinen Schneelawine überrollt zu werden. „Ich … wir … müssen … die Räumfahrzeuge … morgen früh abwarten!“, erklärt er weiter, unsicher darüber wie sie diese Nachricht auffassen wird!
„Hier, dein Tee! Bleibt uns wohl … nichts anderes übrig!“, antwortet Lotta sachlich, während sie eingießt und ihm eine Tasse anreicht.
Ansgar nimmt das heiße Getränk entgegen und überlegt, wo er sich anstandshalber für die Nacht hin betten könnte. Gut, dass sie es so ruhig aufnimmt. Den Schneesturm hab‘ ich ja schließlich nicht bestellt! Kann mir keiner vorwerfen …
„Kann ich … auf der Couch schlafen?“, zeigt er auf das nicht gerade bequemste Teil der Welt. Irgendwie würde er Lotta gerne mal was anderes unterjubeln. Was Komfortableres, als dieses harte Gehölz mit dünnen durchgesessenen Schaumstoffmatten …
„Da holst du dir doch nur … ein steifes Kreuz!“ Nein, das will sie ihm wirklich nicht zumuten. „Du kannst … bei mir mitschlafen. Ist … breit genug!“ Lotta ist schon vor einiger Zeit auf die größere der beiden für sie möglichen Bettstätten in der Hütte umgesiedelt. Viel angenehmer, mehr … Bewegungsfreiheit … Ansgar ist etwas … sprachlos.
„Ging doch … damals auch! Im Zelt … auf dem Berg!“, wirft Lotta ganz nüchtern nebenbei ein, während sie sich einen nächsten Schluck Tee gönnt. Ach sooo …! Einen Moment hatte er wirklich geglaubt … Nicht wieder missinterpretieren! „Wenn es für dich ok ist …“ „Klar!“, antwortet sie neutral, … dreht ihre Tasse nervös in der Hand. So heiß … der Tee. „Na, dann …“
Es ist langsam wirklich spät … Immer noch stehen sie an Ort und Stelle. Die Anspannung fast zum Zerreißen … Ansgar rafft sich zuerst auf. „Gehen wir … schlafen, Lotta?“ „Mhmmm … sicher“, nickt sie bestätigend, stellt die Tasse zur Seite und verschwindet in der kleinen Miniwaschkaue, damit sich Ansgar ungestört im Schlafraum entblättern kann. Das macht er natürlich tunlichst nicht zur Gänze … Er weiß ja, was sich gehört.
Abwägend begutachtet er das Lager vor sich. Einer muss eh an die Wand kriechen.Am besten ich, damit sie sich nicht eingeschlossen fühlt … Also krabbelt Ansgar schon mal voran unter die Decke mit dem Gesicht sittsam zur Wand gedreht. Fein auf Abstand bedacht nimmt er nicht zu viel Raum ein …
Hinter ihm spürt er nach einer kleinen Weile, wie sich die Matratze leicht senkt. Es schunkelt kurz, bis sie wohl eine bequeme Lage findet. „Gute Nacht, Lotta!“ „Nacht … Ansgar!“
Was gibt es Morgen alles zu tun? Mhm, mal überlegen. Sobald alles draußen geräumt ist … Ansgar lenkt mit geschlossenen Augen seine Gedanken auf einen sehr geschäftigen morgigen Tag ...
Uh, kitzelt das … Wohl irgend ‘ne vorwitzige, dem Federbettzeug entwichene Daune am Rücken … Am liebsten würde er hinter sich langen und zwischen den Schulterblättern kratzen … Aber, bloß nicht rühren und Gerüttel veranstalten …
Ouh, schon wieder …! Wie Schmetterlingsflügel streicht sie langsam … an seinem Rückgrat entlang bis zur Hüfte … hinunter … Die … Daune?!!!
Ein leises Kichern hinter ihm … Ansgar hält den Atem an! Unglaublich!
Zarte Küsse bedecken seine nunmehr wie bei einer Raubkatze angespannte Rückenmuskulatur. Er wagt nicht, sich umzudrehen, aus Angst, der kleine Kobold hinter ihm verflüchtigt sich sonst wie so eine sagenhafte Feengestalt, die zu Goldstaub zerfällt, wenn man sie erblickt. Ihre Lippen folgen ihren suchenden Fingern, streifen wie feine Spinnweben über seine Haut, die nur noch kribbelt vor Verlangen … Ansgar muss ganz schön die Zähne zusammenbeißen, um sich zu beherrschen. Kleine Hexe! Sie hat gewartet, bis sie sich … sicher genug bei mir fühlte!
Ihr Leib an seinen gepresst, spürt er all diese wunderbaren Rundungen im Kreuz. Am Ende ist‘s vorbei mit der Zurückhaltung. Er rollt sich zu ihr herum, um … beglückt über ihre vertrauensvolle Hingabe … Gleiches mit Gleichem zu vergelten …
7.2.1 – Djeannie in a Bottle ... Basar bizarr … (Teil 1)
„N i e wieder, Asante! Hörst du!“ Die Löwin erwacht! Nach den ersten Stunden einer gewissen Schockstarre bis Apathie über ihr Los fasst sich Elani zunehmend. Ihr ‚Junges‘ wurde angegriffen …
„Nie wieder sollte es Schläge in meiner Familie geben … Damit muss ein für alle Mal Schluss sein. Von d i r hätte ich das am wenigsten erwartet, lieber Cousin!“, hält Elani Asante anklagend vor. Keito hockt immer noch abweisend in einer Ecke ihres aktuellen Domizils, stellt aber die Lauscher auf. Endlich sagt Ma mal was dazu …
Gramgebeugt nickt der Ex-Militarist und Ex-Sport-Student ergeben dazu. Gerade fühlt er sich wieder wie der kleine Asante, dem das knapp zehn Jahre ältere Sonnenscheinchen von Cousinchen vorsang oder das ihn auch mal lachend schalt und Füße und Knie abends wieder fein sauber schrubbte, wenn er sich den ganzen lieben langen Tag draußen zum Spiel im Staub gewälzt hatte.
Der Sünder auf der Anklagebank ist reuig. „Du hast völlig recht. Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren war!“ Na ja, irgendwie weiß er halbwegs schon, was in sie alle gefahren ist … Der Heilige Geist war es nicht … Eher so … ein anderer. Genaueres … ist Asante aber auch nicht klar. D a s war wohl nicht der Stein der Weisen gewesen, den ich da … ergriffen hatte! „Es … es … war … auch für mich eine Schrecksekunde …“
„Die stundenlang anhielt?!“, ätzt es aus Keitos Ecke. Der Jungen dreht allen weiterhin den Rücken zu. Ein bisschen plagt auch Keito ein schlechtes Gewissen, Asante hinterher spioniert zu haben, was er sich selber aber nicht eingestehen mag.
Asante erhebt sich nach Elanis Standpauke einsichtig und wandert zu dem Teen rüber: „Du hast auch völlig recht, Keito. Bist zu Recht sauer, dass ich jetzt erst wieder den Mund aufkriege. Es tut mir leid! Ich hätte dich nicht ohrfeigen und dann schweigen dürfen. Das ist unentschuldbar. Ein Fehler, den ich weiß Gott nicht wiederholen möchte … Ich bin … auch nicht fehlerfrei!“ Keito schaut zumindest hoch …, stänkert nicht gleich gegen seinen noch recht jungen Onkel zweiten Grades zurück. Auch die beiden Männer trennen gerade mal nur knappe zehn Jahre.
„Ich möchte nicht, dass unser doch sonst gutes Verhältnis darunter leidet, dass ich Mist gebaut habe …“, tastet sich Asante vorsichtig vor. So erfahren im Umgang mit Pubertät – außer der eigenen – ist er nun auch nicht. Auf jeden Fall ist er der erwachsenere hier und muss mehr vorleisten, sich mehr zusammennehmen. Keitos Verhalten in der Sache steht erst an zweiter Stelle an und ist vielleicht auch … eher Elanis Aufgabe. „Was kann ich tun, damit … wir wieder gut miteinander auskommen? Hei, ich würde echt sonst was vermissen …“ Angespannt wartet Asante ab …
Keito spürt innerlich richtig wie sich ein Knoten in seinem Magen löst. Asantes ‚schlagfertige‘ Reaktion war auch für ihn völlig überraschend gewesen. Das war nicht der Onkel wie sonst gewesen, den er schätzt, der ihm das einzige positive männliche Vorbild war, was sein Pa nie ausfüllte …
Dass es ein Schreckmoment war, als er unerwartet dieses Zimmer stürmte … ist Keito die ganze Zeit klar gewesen. Trotzdem! Es hat ganz schön weh getan. Da wächst kein Gras mehr, wo Asante hinlangt. Es war demütigend … Auf ein Ringen würde sich Keito nicht mit dem älteren und Kampferfahrenen Asante einlassen wollen. Der Teen würde eindeutig den Kürzeren ziehen!
Abschätzend erhebt sich Keito und blickt mit zusammengekniffenen Augen Asante an: „Ein Ferrari wäre ein Anfang …“ Ein freches wie erleichtertes Grinsen kann er dann doch nicht ganz unterdrücken. Keito ist heilfroh, dass sich der Cousin seiner Mutter nicht plötzlich als neuer Familiendespot entpuppt, sondern entschuldigen kann. Hätte aber ruhig ein bisschen früher kommen können …
„Blödmann!“, lacht Asante ebenfalls erleichtert auf und greift den Teen am Genick, um ihn für eine herzliche bärenstarke Umarmung an sich zu ziehen! Beide gemmeln und knuffen sich gegenseitig eine Weile.
Elani schaut dem Treiben nur konsterniert zu. War’s das? Das ist alles? Männer! „Schön, dass ihr alles so … erschöpfend erörtert habt!“ Und bitte sehr, gern geschehen, dass ich den Auftakt machte …
„Maaaaa!“, wendet sich Keito ihr lächelnd zu und nun wird auch Elani noch geknuddelt. Ja, Asante macht doch gleich mit. Hach, ist alles wieder gut … Für Elani noch nicht ganz: „Trotzdem, … wieso warst du zu so später Stunde nicht im Bett und geisterst durchs Haus, Keito? Du übrigens auch, Asante …“
„Maaaa …“Oh man, wann war ich nachts schon mal zuhause im letzten Jahr?Will Ma wirklich jetzt damit anfangen, auf meine nächtlichen Ruhezeiten zu achten? Kommt ein bisschen spät, oder? Schon regt sich wieder Teenagertrotz. Früher wäre Keito jetzt bockig auf sein Moped gesprungen und abgedüst. Langsam sieht er sich in dem ihm umgebenden Raum um. Hier … gibt es … keine Tür! Kann … gar nicht ausweichen!
„Ähm, Elani …?!“ Asante weiß gar nicht, was er sagen soll. Also, das hat mir schon lange keiner mehr vorgehalten, zu später Stunde irgendwo rumzugeistern. Ich bin doch kein Teen wie Keito. Asante bemüht sich tunlichst, wieder erwachsener auf sein älteres Cousinchen zu wirken, setzt sich gerader hin. Vorsicht, dass ich nicht gleich vor ihr salutiere!
Elani hingegen versucht gerade nur, sich an Alltäglichem wie Erziehungsfragen zu orientieren. Sie kann noch immer nicht fassen, was Asante aus ihr machte. Ihr Verstand kann und will nicht recht begreifen, dass sie in diesem Raum gefangen sind. Dagegen begehrt sie noch gar nicht auf, spricht es nicht an … Noch immer kann Elani nicht in erster Linie für sich selbst kämpfen … nur für ihr Kind - die Löwin, das Muttertier …
Keito auf der Suche nach Ausweg im wahrsten Sinne des Wortes – er möchte nicht die ganze Zeit in einem Raum mit allen zusammen eingepfercht sein, auch wenn die Wogen wieder etwas geglättet sind – nimmt etwas mehr des Außenherum der Flasche wahr … Da scheint sich … was zu regen. „Was ist das? Hört ihr das auch …?“
Fremdartige gedämpfte Geräusche, Gerüche dringen bis zu ihnen vor, als sich nun alle darauf konzentrieren … So recht hat keiner der drei eine Vorstellung, in welchem genauen Verhältnis sie sich gerade zur … Außenwelt, also allem außerhalb diesen eines Zimmers bewegen. „Hört sich an, als wenn … irgendwie … das Leben draußen erwacht!“, mutmaßt Asante. Er versucht im Kopf die Zeit zu überschlagen, die sie bisher in diesem gut gepolsterten Gefängnis verbrachten. „Es könnte … früh am Morgen sein.“
Elanis für allerlei Gewürze und Düfte aller Art geschulte Nase schnuppert in die Luft: „Curry, Koriander …, Kardamon, … Zimt! Indisch! Das riecht wie … wie auf einem indischen Gewürzbazar!“ Elani hatte in der internationalen Gastronomieszene mit einigen indischen Köchen zusammengearbeitet und verwendete selber vieles in der eigenen Küche wie in den Lokalen, in denen sie tätig war.
„Indien?! Wenn das stimmt, dann befänden wir uns zwangsläufig auf der Südroute der Seidenstraße.“ Asante geht gerade seine sämtlichen Geographiekenntnisse durch und was er zuletzt noch an Kartenmaterial im Internet und auf dem Globus bei ihrem hinterhältigen Gastgeber gesichtet hatte. „Ich schau mal, ob …“, zückt er sein Handy, das noch etwas Ladung hat. „Mist! Kein Empfang hier drin!“ Verzweifelt sucht Asante die Wände um sich herum ab. Kein Ausgang! Sein Blick fällt unwillkürlich nach oben in einen sich verengenden Schlot. Wie ein … Flaschenhals!Da kamen wir … irgendwie hindurch … Echt Neuland für Asante. In solch einer Situation war er noch nie. Ratlos blickt er wieder aufs tote Display und kratzt sich am Kinn. Was tun?
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Ha, ha, ha! Gierig reibt sich der gewiefte Meisterdieb aus Bagdad die Hände. Ein feines Sümmchen werde ich auf dem Markt erzielen.„Drei zum Preis für zwei!“, bietet er wohlfeil aber nicht zu lautstark an einer verschwiegenen Ecke des Basares preis. Flaschengeister handelt man nicht laut, sondern nur an Interessierte, die nicht damit hausieren gehen.
Das ist auch nicht ganz legal, was er tat, drei unschuldige, nichtsahnende Sims in den Hinterhalt zu locken, den magisch geladenen Stein zu berühren, der ihn zuvor an diese elende kleine Flasche band. Ha, ha!Nur einer musste das Ding anpacken und dann sofort meinem Befehl folgen, um die anderen mitreinzuziehen. Kettenreaktion! Ha, ha! Der dachte wohl, das wäre seine eigene Kraft oder Idee gewesen!
„Oh ja, ja, einer malt sogar. Schauen sie nur dieses hervorragende Gemälde!“, preist der Blauhäutige gerade das Bild auf Keitos Staffelei an. Er hätte keine weitere Verwendung für die Sachen gehabt, die der Junge doch tatsächlich auf einem Kamelrücken durch die Wüste mit sich schleppte. Aber so verkauft der durchtriebene Händler nicht nur ein Bild oder eine Staffelei, nein, auch das Talent wird noch zu geldwertem Vorteil verklärt, den man gleichfalls mit erwerbe. Keito wird geradezu zu einem angeblichen im Ausland weltbekannten Künstler hochstilisiert.
Das Bild wirkt hier in dieser Umgebung so fremdländisch, geradezu exotisch … Zwei ansehnliche Mädels in knapper europäischer Strandbekleidung. Wohlgefällig lüpft der Meisterdieb einen kurzen Moment das über das Gemälde drapierte Tuch. Ganz so öffentlich darf man so etwas Offenherziges auf einem indischen Basar nicht zur Schau stellen. Aber einen kleinen Blick riskieren mögen sie alle … Ha, ha!
7.2.1 – Djeannie in a Bottle ... Basar bizarr … (Teil 2)
https://www.youtube.com/watch?v=tzRFLMn4kpM
„Preity, du bist eine Schande für die ganze Familie! Dein schlechter Einfluss … nicht zuletzt auch auf die Tochter unseres Bruders …! Alles deinetwegen, dass sie fort ist!“ Die gescholtene junge Sportstudentin im Sari rollt mit den Augen. Diese Litanei ihrer älteren Schwester Rani kennt sie zuhauf. ‚Zuhause‘ verkleidet Preity sich zuweilen noch ein bisschen ihr zuliebe mit etwas Traditionellem. Ansonsten mag sie lieber salopp Jeans und T-Shirts.
Der noch wesentlich ältere Bruder Gopal hat mit eisigem Schweigen schon längst den Kontakt abgebrochen. Dort existiert Preity nicht mehr. Dessen Tochter, ihre Nichte, kennt sie kaum, wüsste also gar nicht, welchen bleibenden Eindruck sie hinterlassen haben sollte. Ja, sie haben mal länger geschwätzt auf einer der unsäglichen groß angelegten von unzähligen Verwandten überfüllten Familienfeiern. Irgendeine Hochzeit wohl wieder, gähn! Preity sieht sich gelangweilt auf dem Markt um. Was wollten wir hier?
„Es wird Zeit, dass du heiratest und ehrbar wirst! Du bist doch noch … unversehrt, Preity?“ Echt jetzt, glaubt sie das wirklich? Mit sechsundzwanzig? Seit zwei Jahren in der ‚Fremde‘ studierend? Im bösen, ausschweifenden Ausland? „Aber sicher doch!“, grinst die Studentin die Schwester an. Schein wahren, immer schön den Schein wahren.„Und? Suchen wir mir hier einen Heiratskandidaten? Guck mal da drüben, was hältst du von dem? Bietet Drei zum Preis für Zwei!“ Preity kann sich ein lachendes Glucksen nicht verkneifen. „Oder hier! Vielleicht zwischen den überreifen Tomaten!“, scherzt sie weiter. Prüft gleich einmal eine von den roten Früchten mit leichtem Druck zwischen ihren Fingern. „Bäh, sowas verkaufts du noch. Die sind doch kurz vorm Vergammeln. Letzte Woche schon geerntet oder was? Halber Preis!“, zeigt sie mit der anderen Hand feixend dem Fruchthändler an.
Schmunzelnd ersteht Preity am Ende eine große Tüte bester Tomaten zum Preis von zwei Dritteln. Ja, das kann sie noch, harte Verhandlungen am Markstand. Ansonsten entfernt sie sich doch sehr von traditionellen Gewohnheiten. „Na schau, Schwesterchen!“, schwenkt sie triumphierend die Tüte vor der Nase der anderen Frau herum. „Jetzt habe ich zwar noch keinen Bräutigam, aber schon mal ein paar wunderbare Grundzutaten zum Mittag!“ Die Monatelang unbenutzte Küche ist … leer! Preity frisch aus Britechester angekommen, war noch gar nicht in ihrer kleinen Wohnung gleich gegenüber vom Basar. Und eigentlich holt sie sich eher kleine günstige Imbisse von Märkten, als dass sie sonderlich kocht ... Aber heute, mit der Schwester … Die wird hoffentlich wissen, was man aus Tomaten machen kann …
„Ach du! Jetzt mach‘ nicht noch deine derben Späße darüber.“ Preitys Schwester wirkt ehrlich betrübt. Gerade erst am Flughafen abgeholt und sie macht sich schon wieder lustig … Der Sari ist aber auch die einzige Konzession an altehrwürdiger Kultur… Leicht verzweifeltes Kopfschütteln von Rani lässt Preity etwas einlenken. „Hei, Schwesterchen. Ich weiß, dass sie dir in der Familie alle wegen mir das Leben schwer machen …, aber … ich kann hier nicht mehr leben. Nicht … so! Ich find’s schön, dass wir uns noch treffen …“, was den letzten Rest an Durchsetzungsvermögen von Rani gegenüber ihrem Ehemann erfordert, der nicht gewillt ist, die ‚gefallene‘ Schwester der Gattin zu besuchen, noch dass die ‚sein‘ Haus betreten darf.
„Ich kann verstehen, wenn du mich eines Tages … nicht mehr sehen könntest, Rani!“ Nein, wirklich verstehen kann Preity es schon lange nicht mehr und es täte weh. Ihre ganze ‚Schande‘ besteht doch nur darin, ein selbstbestimmtes Menschenleben zu führen und tradierte Rollen nicht mehr als unumgängliche Festschreibung zu begreifen. Aber sie versteht den massiven Druck, dem ihre Schwester Rani ausgesetzt ist.
Wieder fast weinerliches Kopfschütteln der Schwester. Das Einzige, worin sie sich noch behauptet, ist Preity nicht ganz aufzugeben. Wir waren doch ein Herz und eine Seele in unserer Kindheit. Wie konnten wir uns nur so unterschiedlich entwickeln? Preity war ‚leider‘ schon immer etwas neugieriger auf die Welt gewesen, trieb gerne Sportarten, die nicht gerade als weibliche Disziplin angesehen und nur zähneknirschend toleriert wurden … Preity war einfach nicht aufzuhalten gewesen.
„Kommst du noch mit zu mir auf die Bude zu einem Mittagessen, suchen wir noch ein paar Zutaten, Schwester?“ Und wieder schüttelt der Kopf Ranis nur Verneinung. „Das möchte … er nicht!“ So weit geht ihre Durchsetzungskraft dann doch nicht. ‚Er‘ ist Ranis Gemahl und hat es verboten, Preitys kleines ‚unziemendes‘ Domizil aufzusuchen.
Preity lächelt nachsichtig. Was stellen die sich bloß vor, was da passiert …? Das kleine geerbte Appartement gleich neben dem Bazar verdankt sie einem Großonkel, der auch etwas aus der Art geschlagen war - für hiesige Verhältnisse - und seiner Lieblings-Großnichte mangels männlicher Erben ein Stück Unabhängigkeit vermachen konnte. Es zerriss sich aber alles das Maul, was dort in den vier Wänden wohl geschähe … Eine alleinstehende Frau … in eigener Wohnung … in Basarnähe …? Immer noch völlig unüblich bis undenkbar - selbst im modernen Indien … in der gebildeten aufstrebenden Mittelschicht.
Es war für Preity nicht zum Aushalten gewesen. Heute ist das Appartement nur noch Urlaubsdomizil für ihre Semesterferien. Nicht fein genug zur Ferienvermietung. Strom und Wasser sind abgestellt, solange Preity außer Landes in der Ferne in einem Studentenwohnheim lebt. Für ein paar Wochen im Jahr ist es ganz schön, die Düfte, Gerüche, Farben Indiens in sich aufzusaugen. Aber als alleinstehende Inderin selbstbestimmt in Indien leben?Das ist eher westlichen Reisenden für ein paar orientalische Schwärmereien vorbehalten, die diese Zwänge in ihren Ressorts gar nicht so mitbekommen.
Der Roséfarbene Anstrich von Preitys schlichten Refugium da drüben hat auch schon bessere Tage gesehen, wie ihr gerade auffällt. Fast ein Jahr war sie nicht mehr hier gewesen. Rani oder der Rest meiner Familie wird es wohl nie betreten …
„Ok Schwesterherz. Ist schon gut! Dann gibt’s die für mich … als Frühstückssalat!“, Preity versucht Rani wieder etwas aufzuheitern, als sie ihren Tomatenbeutel erneut in der Luft schwenkt. Bleibt also nur, weiter gemeinsam über den Markt zu schlendern … „Musst du ‚ihm‘ was vorweisen und noch irgendwas kaufen? So als Beweis, wo du warst, Rani?“ Preitys Schwester entfährt ein Seufzen. „Nun sei nicht so ungerecht. Er weiß, dass ich dich treffe. Ich durfte ja sogar den Wagen zum Flughafen nehmen, um dich abzuholen.“ Sie will es nicht, aber trotzdem entfährt der schnellzüngigen Preity daraufhin ein sarkastisches: „Wie gnädig!“ Um gleich schuldbewusst bei Ranis kurzem Zusammenzucken anzuschließen: „Tut mir leid! Ist … wirklich nett … von …ihm!“
Rani hätte es viel schlechter treffen können mit dem Ehegatten, weiß Preity. Selbst ausgesucht hat die Schwester ihren Mann nicht. Dass immer noch Ehen arrangiert werden … Für Preity undenkbar, sich darauf einzulassen. Wahrscheinlich ist meine Nicht vor so etwas abgehauen … Wer weiß, was mein Bruder plante. Preity bedauert nicht, dass ihre Sippe gute fünf Fahrtstunden von hier entfernt lebt, aber ja, sie weiß es zu schätzen, dass Rani den Wagen bekam, um sie vom Flughafen abzuholen.
‚Drei-zum-Preis-für-Zwei‘ – wie Preity diesen Blauhäutigen gerade für sich getauft hat, als sie sich seinem nicht gerade besonders gut bestückten Stand nähern – lupft gerade ein Tuch von einer Staffelei. Die Studentin tritt neugierig näher heran: „Das ist aber nicht von hier, oder?Die Umgebung, die beiden leicht bekleideten Mädchen …“ Der Stoff fällt wieder zurück und der andere Kunde, der mal schauen wollte, entfernt sich eilig. Preity hebt das Tuch einfach wieder an. Ganz gut, aber kein Monet! Das Bild wirkt völlig deplatziert hier und in Händen dieses Windeis, mhmmm …
„Was kostet es?“ Irgendwas berührt Preity an dem Bild. Zu teuer kanns nicht sein. Für meine kleine Wohnung hier doch ganz fein, … ein bisschen westlicher Touch. Vielleicht nehme ich es auch mit nach Britechester ins Studentenwohnheim. Rani blickt etwas beschämt zur Seite. Wie unanständig … Preity hat kein Benehmen!
„Also, das ist nicht allein verkäuflich … es gehört … zu dieser Flasche.“ Etwas verunsichert wägt der Meisterdieb die Geschäftslage ab. Der Gegenstand gehört zum Jungen … Wenn ich das separiere … Was könnte das … für die Bindung zur Flasche bedeuten? Nein, nein, nichts riskieren … „Nur zusammen verkäuflich!“, erklärt er Preity noch einmal strikt.
Etwas grinsend schaut die Studentin die Flasche an. „Da steht nur eine. Du bietest aber die ganze Zeit Drei für den Preis für Zwei an!“Was soll so eine Flasche schon kosten? Nehme ich sie halt zum Bild dazu. Etwas zweifelnd wägt der Meisterdieb ab, ob diese Kundin die Richtige ist, um den Inhalt des Gefäßes zu offenbaren. Scheinbar hat sie noch keine Ahnung …
„Was ist denn nun in der Flasche?“, fordert Preity vergnügt Auskunft. „Dschinns!“, raunt Rani ihr zu. Die Schwester hatte ein paar Wortfetzen vom Gespräch mit einem Kunden mitbekommen. „Komm‘ lass uns gehen!“ Preitys Schwester ist es etwas unbehaglich, aber die Studentin wird jetzt erst richtig interessiert. Sie ist Übersinnlichem nicht … ganz abgeneigt, wenn es nicht mit eingrenzenden Traditionen zu tun hat. Ein paar ‚experimentelle Studien‘ dazu … gab es bereits in Britechester, an die Preity gerne zurückdenkt, *seufz* …
„Drei für Zwei meint jetzt was …? Drei Flaschen oder … drei Geister in einer Flasche. Irgendwie stimmt dein Slogan wohl nicht! Und das Bild … gehört dazu? Wirklich?“Ein Bild, das auf eine Umgebung wie Britechester schließen lässt, aber gewiss nicht Indien? Preity ist sich nicht ganz sicher, aber ein wenig wirkt der Strandabschnitt wie die Gegend um das Festival vor ein paar Monaten … Wo war das gewesen? Die Insel von Windenburg?
Abschätzend blickt Preity den windigen Händler an … Hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.„Was ist dein Preis?“, verlangt sie nun eindringlich Antwort. Am liebsten würde der Blauhäutige diese schamlose Nervensäge verscheuchen, aber vor ihm steht wohl eine recht harte Nuss. Die hat Haare auf den Zähnen! Die könnte am Ende noch … die Ordnungshüter rufen ...
Nach einer Viertelstunde zähem verbalen Gerangel muss sich der Meisterdieb geschlagen geben. Hier erzielt er heute keinen Umsatz. Die ganze Reise … umsonst! Dabei zweifelt sie … sogar am Inhalt. Dran wäre er auf jeden Fall gewesen bei Aufmarsch der Polizei. Weder darf man Flaschengeister handeln, noch unfreiwillig in Flaschen halten, aber auch keine leeren Flaschen mit vorgetäuschtem Inhalt veräußern. Wie man es dreht und wendet. Der Meisterdieb ist und bleibt ein eindeutiger Delinquent! Punkt. Drei Ausrufezeichen!!! Noch Fragen?
„Ha!“, schwenkt Preity die Flasche siegreich in die Höhe wie zuvor die Tomaten. 5000 Rupien, die sie hinblätterte, sind für sie nichts bei Umtausch der Währung und die hätte sie allein für das Bild gezahlt. „30.000 Rupien hatte er gewollt! Und nicht gekriegt …“ Preity amüsiert sich über den runtergehandelten Deal königlich.
Die Staffelei mit Bild wird auch gleich unter den Arm geklemmt … Etwas vollgepackt steht Preity lachend vor ihrer Schwester: „Und? Nehmen wir uns jetzt einen kleinen Imbiss?“ Sie ist ganz gespannt, ob sie nun reine Luft oder was wirklich Magisches erstanden hat. Aber das probiert sie erst später allein in ihrer Wohnung aus …
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Die ersten Tage hatte Nishay ganz gut gepackt, eigentlich besser als erwartet. Von dem Restgeld ihrer kleinen Fluchttruppe hatte sie sich erst einmal mit Lebensmittel auf dem nahestehenden Markt eindecken können. Der Schlüssel lag da, wo ihre eine Tante es mal einer anderen verraten hatte … auf einer der unzähligen Hochzeitsfeiern. Nishay hatte lauschend danebengestanden und es sich gut eingeprägt … Man weiß ja nie!, hatte sie damals noch gedacht.
Nun zahlte sich das Wissen aus, als sie sich nach der Zugreise vom Bahnhof hierher schlich und zu später Stunde im Halbdunklen endlich unbemerkt an das Versteck wagte.
Faszinierend, was diese Tante so alles in kleiner Runde vom Stapel gelassen hatte. Nishay gingen Ohren und Augen bei der Hochzeitsfeier damals über. Es gibt also anderes als vorherbestimmte Heirat, Kinder, Küche … und vielleicht noch ein bisschen arbeiten dürfen, solange der Ehegatte erlaubt.
Trotz guter Bildung ist eine eigenständige Erwerbsarbeit nicht einfach zugänglich für Frauen in Indien. Nishay war sehr gut in der Schule, wollte eigentlich mal studieren … Diese Tante damals auf der Hochzeit erweiterte schon irgendwie meinen Horizont … Aber ins Ausland zum Studieren gehen? Und Ehe mit Kindern hatte ich irgendwie doch schon auch gewollt …
Nishay hätte gerne beides. Hier! In Indien! Mit einem selbstgewählten Partner! Sie liebt Saris, den Tanz, die Musik, aber … nicht die Zwänge, also … nicht ganz so enge. Einige, naja, ok. Kann ja nicht alles auf den Kopf gestellt werden … Also ein bisschen Tradition ist doch gut, oder?
Aber dann kam Nishay unfreiwillig schneller ins ‚Ausland‘ … als ihr lieb war. Ins Serail! Und jetzt … fehlt mir ein Abschluss. Jetzt kann ich mich nicht mehr bei meiner Familie blicken lassen, dabei kann ich doch … nichts … für … für … diesen Schweinhund … Was mache ich jetzt bloß?
Der ehemals forsche Geist der jungen Frau, der sich im letzten Jahr trotz widriger Umstände nicht brechen lassen wollte, schrumpft nun doch in sich zusammen. Warum blieb ich nicht bei den anderen? Wieso nicht einfach … im Serail?Hier kann ich doch auch nichts mehr werden? Ich hab‘ doch keine Zukunft! Oder wenn ich doch mit Yuna und Khulan mitgegangen wäre … Nishay vermisst die beiden anderen Mädchen und hat noch keine Idee, wie sie weiter über die Runden kommen soll … als Minderjährige, als ‚Entehrte‘, ohne Papiere! Ohne Abschluss! Ohne Geld!
Seit zwei Tagen gibt es so gut wie nichts mehr zu essen in der Wohnung. Nur noch Wasser aus dem Hahn. Und sie hat das Gefühl, das Umfeld beobachtet sie. Eine junge Frau … allein … in diesem Land! Nishay versuchte mit durchgedrücktem Kreuz durch dieses Spalier an Nachbarn zu gehen, die merkwürdig guckten. Nur die Hausverwalterin steckte ihr heute Morgen heimlich was zu … Etwas Nan Brot, als ihr Magen plötzlich im Vorbeigehen knurrte. Das Wasser aus der Leitung kann Nishay auch nicht bezahlen. Sie hatte vernommen, dass zum Monatsende die Rechnung käme, weil es wieder angeschlossen worden sei. Irgendwie … hatte Nishay sich das alles leichter vorgestellt. Eine leere Wohnung, eine hilfsbereite Tante … Nishay hat kein Handy und … sie hätte auch keine Telefonnummer gehabt … So gut kennt sie ihre Tante nicht!
Die meiste Zeit liegt Nishay nur noch auf dem Bett, starrt den träge dahinschwingenden Deckenventilator an oder vergräbt schluchzend ihr Gesicht in den Kissen. Gerade heult sie wieder gedämpft in die Federn, hört nicht, wie sich die Haustür öffnet, die Zimmertür …
„Nishay?!!!!!“ Erschrocken fährt der Teen hoch … … … „Preity?!“
Tomaten rollen auf den Boden, Staffelei und Flasche krachen auch auf die Erde … als Preity auf ihre Nichte zustürmt.
„Verdammt!“ „Vorsicht!“ „Ahhhh!“
Mitten im Lauf hält Preity inne, blickt irritiert zu Nishay. Von da … kam dieses Stimmgewirr nicht her! Preitys Mine wird etwas streng. Ist Nishay nicht allein in der Wohnung? „Ist noch jemand hier? Wo … kommst du überhaupt her?“ Vorsichtig sieht sich Preity um, dann wieder auf die verzweifelt wirkende Nishay, die nun flehend die Arme nach ihr ausstreckt. „Tante, Tante, Tante …! Bitte hilf mir!“ Wieder bricht der Teen in Tränen aus. „Schscht, ist ja gut Nishay!“, streicht Preity der jungen Frau beruhigend über das Haar.
„Preeeeeeity!“ Wieder so eine kleine Stimme wie … von weiter weg … „Ist jemand im Nebenraum?“ Forschend schaut die Sportstudentin ihrer Nichte ins verweinte Gesicht. Leicht zitternd schüttelt Nishay den Kopf. Sie hat es auch gehört, aber … „Ich bin die ganze Zeit hier allein. Ganz allein!“, beteuert sie furchtsam, bettelt mit den Augen darum, dass Preity ihr glauben möge. „Preeeeeeeity!“ „Preeeeeettiiiii!“ „Priiiiiiitiiiiie!“ Das ist ja ein ganzer Chor mit …mindestens zwei Dissonanzen. Preity lokalisiert das Geräusch … am Boden! Die Flasche? ‚Drei für Zwei‘?
Die Tante bedeutet ihrer Nichte, ganz ruhig zu sein, hebt vorsichtig die Flasche an … Öffnen? Jetzt? „Hallo!“, versucht sie lieber erst einmal dicht am Flaschenhals. „Hallo! Hallo! Preity? Preity Shanty? Bist du es?“Oh ho! Preity staunt nicht schlecht. Was ist das für Zauberwerk?
„Wer da?“, antwortet sie lieber erstmal mit Gegenfrage. Wer weiß, was es bedeutet, seinen Namen in dieser Sache laut auszusprechen. Hab wohl wirklich ein ‚Schnäppchen‘ gemacht! Es bleibt ruhig in der Flasche. Die Gegenseite erwägt wohl das Gleiche, häh! Klein beigeben muss aber wohl, wer in der Flasche steckt, allen Regeln zufolge, oder? Dummerweise hat Preity aber auch so gar keine Ahnung von Regelwerken über Flaschengeister. Die studentischen Experimente waren doch recht anderer Natur und Kinkerlitzchen gegenüber dieser Angelegenheit.
„Sag mir deinen Namen!“, fordert Preity etwas beherzter heraus. Sie ist ja doch wohl jetzt Herrin dieses kleinen Geistleins, oder?
„Asante! Asante Ogbanda!“, entschließt es sich dann endlich von drinnen zu antworten. Preity fällt aus allen Wolken, aber die Flasche zum Glück nicht wieder aus ihren Händen. „Was für eine Teufelei …?“Erlaubt sich da jemand einen Scherz mit mir? Ist da ein Mikro drin oder so? Verdattert schaut sich Preity im Raum um. Versteckte Kamera oder was? Und mein irgendwie verschwundener Kommilitone biegt plötzlich lachend um die Ecke? Nishay erlebt bang die Verwirrung ihrer Tante mit. Die ganze Situation ist ihr alles andere als behaglich, wirkt einfach nur surreal.
„Preity, Hilfe! Bitte hol mich hier raus!“, drängt es wieder aus der Flasche hervor. Wer erfleht heute eigentlich nicht alles meine Hilfe? So langsam reicht es der Studentin! Mit Schwung reißt sie den Deckel auf, versucht, in die Flasche zu linsen. „Asante Ogbanda, zeig dich sofort, wo immer du auch stecken magst!“
„Dein Wunsch sei mir Befehl!“ Augenblicklicher Dunst steigt Preity ins Auge, Nishay weicht erschrocken zurück. Dichte Nebelschwaden ergießen sich über Preitys Hand. Immer mehr quellen hervor, fließen zu Boden und …. materialisieren sich!
„Asante!“ Mehr bringt Preity nicht mehr hervor, als der Sportstudent leibhaftig und in voller Größe grinsend vor ihr steht. Wie hat er das Kunststück fertiggebracht?
„Preity! Liebes!“ Was haben wir für ein Sauglück! Hatte er die Stimme doch richtig erkannt, aber erstmal abgewartet und nicht gewusst, wann es günstig erscheint … oder wie überhaupt sich bemerkbar machen … Spontan umarmt der Ex-Student die Ex-Kommilitonin und gibt ihr einen herzhaften Kuss. Macht alter Gewohnheit! Oh, wie hab‘ ich das vermisst! Asante genießt es sehr, Preity nach so langer Zeit wieder in den Armen halten zu können.
Es stimmt also! Hier geschehen unglaubliche Dinge in dem Appartement … Nishay, weiß nicht mehr, was sie noch glauben soll. Vishnu, Ganesha, ach alle Heiligen zusammen …
Asante lässt von einer etwas atemlosen Preity ab – Eindeutig! Asante! – als er sich der Gegenwart der anderen jungen Frau bewusst wird.
„Entschuldigung! Asante Ogbanda!“, verbeugt er sich leicht in Nishays Richtung und registriert, dass sie etwa in Keitos Alter sein könnte. Ein Teen! Der gerade keinen Ton mehr rausbringt! Also, ein bisschen Umsicht, ähäm!
„Asante! Erklär‘ mir das bitte! Was … was hat das zu bedeuten?“, fasst sich Preity langsam wieder und stellt sich ihrer leicht paralysiert wirkenden Nichte zur Seite, legt ihr schützend einen Arm um die Taille - auch um sich selbst zu beruhigen. Das ist doch alles recht unheimlich! L-lieber mal ein paar Meter … Abstand nehmen zum m-mysteriösen Geschehen …
„Können wir … erst noch … meinen Neffen und meine Cousine da rausholen?“, weist Asante auf die Flasche am Boden und beugt sich nieder, um auch Keitos umgekippte Staffelei mit Bild wieder aufzurichten. „Yuna!“ Ein Aufschrei entringt sich plötzlich Nishays Kehle. Bleich weicht die junge Frau zurück, kommt wie ein Plumpsack auf dem Bett zum Sitzen, als ihre Kniekehlen an die Bettkante stoßen. „Yuna …“ Diesmal etwas leiser.
Aufmerksam betrachtet Asante die Reaktion des Teens auf das Bild. „Du hast … dieses Mädchen schon mal gesehen? Wo?“, drängt er. Kamen sie hier entlang? Die südliche Seidenroute? Seine Muskeln spannen sich vor Aufregung an wie bei einem sprungbereiten schwarzen Panther, der gleich lossprinten will und nur noch auf das entscheidende Signal wartet … Sind wir vielleicht doch näher als wir dachten? Vielleicht sind sie sofort weitergezogen, als sie merkten, dass Farwanes Adresse überholt ist.„Sprich Mädchen!!!“, herrscht Asante den Teenager ungeduldig an.
„Lasst mich raus! Wo ist Yuna?“, donnert es jammernd aus der Flasche. „Keito ruhig!“ Eine weibliche Stimme versucht zu besänftigen…
„W-w-wie heißen sie? E-e-erst mal eins nach dem anderen! I-i-ich muss sie wohl … rufen. S-s-o als H-h-herrin der Flaschengeister!“ Preity ist sich gerade nicht mehr sicher wie sie ihre neue Rolle finden soll. Vorhin auf dem Bazar war das alles noch ein Heidenspaß gewesen, aber jetzt …
Stunden später bei Tee und nach einer guten Portion lecker gewürztem Tomatensalat mit Nan, dass Preity noch schnell auf dem Markt besorgte, sind immer noch sehr viele Fragen offen: Wo könnten Miyu und Yuna jetzt stecken? Geht es ihnen gut? Welchen Weg würden die beiden wählen? Und überhaupt - wie geht’s weiter …?
Die halbe Nacht wird noch debattiert, während Elani wie Asante leicht besorgt das sich andeutende zunehmende gegenseitige Interesse der beiden Jugendlichen in der Runde wahrnehmen. Klar, sind Teens, aber hoffentlich nur altersgemäßes Interesse … Immer wieder blinzelt Asante rüber. Mach uns bloß keine Schwierigkeiten hier, Keito! Während Elani noch eine weitere Seite im Blick behält. So ein kurzes braunes gelocktes Haar fand ich auch wiederholt auf deiner Wäsche, mein lieber Cousin. Fester und drahtiger als europäisches. Das ist also eine deiner Kommilitoninnen ...
Dass Asante mehreren in seinem Studium zugetan war, konnte Elani kaum entgehen, wenn sie seine Wäsche zum Reinigen einsammelte. Fast alle Haarfarben vertreten. Und auch jetzt hockt das Gespann da vor mir recht dicht beisammen. Das ist Elani vor ihrem Sohn und der anderen jungen Frau gerade nicht ganz recht. Eine leicht vorwurfsvolle Mine trifft Asante, als er zur Cousine rüber schaut.
Er versteht und hält sich etwas bedauernd, aber einsichtig zurück … für den Moment! Und auch Preity - nach ersten Überraschungsanflügen zwischen begeistert, ungläubig, begeistert, ungläubig, immer wieder anfassen … ist er wirklich da? – kann sich wieder etwas fangen.
Asante erfährt von ihr, dass er gar nicht Exmatrikuliert ist … „Ich bin also tatsächlich noch eingeschrieben, Preity? Bombenidee von euch mit dem Urlaubssemester! Und es ehrt mich sehr, dass die Profs da voll mitgehen. Aber ich weiß nicht, ob … Also, wir sind ja weiterhin auf der Suche … nach … Yuna … und ihrer Mutter!“, nickt Asante leicht in Keitos Richtung und fragt sich erneut, was den eigentlich gerade mehr bewegt! Ob Yuna jetzt noch so wichtig für ihn ist? Recht angeregt im Gespräch mit Nishay …
„Wie soll das gehen … studieren so von unterwegs, wenn ich demnächst wieder einsteigen müsste?“, wendet sich Asante erneut Preity zu.
„Und wären wir überhaupt frei … zu gehen?“, wirft Elani plötzlich ein, die sich vorerst recht ruhig in der Unterhaltung zeigte. Bisher ist das, was sie brennend interessiert, noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen. Was … sind wir jetzt? Wie … lebt es sich damit? Warum … sind die Bedürfnisse in der Flasche anders als außerhalb? Wie … wird man das alles wieder los? Elani will ihr altes Dasein zurück. Sie hat durchaus begriffen, dass ihr Cousin fremdgesteuert war, als er ihr diese Verwandlung antat.
Betroffen schaut Preity zwischen Elani und Asante hin und her. Asantes Cousine erschien ihr auf Anhieb als wirklich warmherzige sympathische wie patente Frau. Allein was die aus den wenigen Zutaten zum Abendbrot gezaubert hat. Fantastisch.„Ich … weiß es ehrlich gesagt nicht! War noch nie zuvor … Herrin eines Flaschengeistes.“, bekennt Preity bedauernd. „Aber, ihr seid hier erst einmal gut untergebracht und sicher in meinem Appartement. Bleibt solange ihr wollt!“
„Können wir das denn, wenn du als Besitzerin der Flasche zum Studium nach Britechester zurückkehrst, Preity?“ Elani ist wirklich nicht auf den Kopf gefallen, stellt Asante fest. Ihr scheinen alle Eventualitäten einzufallen, die es geben könnte. Ratlos zwirbelt Preity eine ihrer kurzen Locken um einen Finger. Eine niedliche wie produktive Geste, die Asante früher schon aufgefallen war, wenn sie angestrengt nachdenkt. Meist kommt was dabei rum … Also wartet Asante einfach mal einen Moment ab.
„Also … 1. Onlinestudium!“, weist die Kommilitonin auf ihren Mitstudenten. „Das wäre noch fast die leichteste Aufgabe! Kriegen wir technisch irgendwie hin! Die Truppe daheim hat einige helle Köpfe!“ In Britechester ist Preity heute mehr ‚daheim‘ als in Indien. Das Appartement hier ist … Urlaub! „Wir schicken gleich mal ein paar Nachrichten los. Heute Abend noch. Die Jungs und Mädels sollen sich dransetzen und vor Ort mit den Profs klären …!“ Asante ist begeistert und schon wieder dichter ran gerutscht …. Los, dreh die nächste Locke um deine ranken Finger, süßer Schlaukopf. Preity ist recht gut strukturiert. Mit ihr bereitet sich Asante am liebsten auf die Sportprüfungen vor – auf die praktischen vor allem.
Preity holt tief Luft: „2. Wir brauchen Fachleute für … diese Sache mit der Zauberei! Ich kenne keine. Muss ich erst sondieren!“ Preity recherchiert viel im Internet, aber … ob man da fündig wird?
„Malecantus!!!!“, schlägt Elani spontan vor, sieht ihren Cousin direkt an. Wow, bin ich umgeben von findigen Frauen! So recht warm geworden ist Asante mit diesem Magier nie, aber vielleicht … mit Merlin als Mittelsmann …? Und womöglich … wissen die beiden auch was … von Lotta? Schließlich hat dieser Gregorius ja wohl noch was wieder gut zu machen an dem Rotschopf!
„Da schicken wir dann … auch eine Nachricht hin!“, stimmt der nun immer noch glücklich eingeschriebene Sportstudent Elanis Vorschlag zu. Der letzte Kontakt war auf dem Festival gewesen - zu Merlin … Da müssten wir eine Nummer haben.
„Was?!“, grätscht Preity dazwischen. „Du kommst hier als Flaschengeist an … - übrigens, ihr seht gar nicht aus wie … Geister! Egal! - und dann kennst du auch noch einen echten Magier? Ich meine … ich meine … wieso hast du unserem kleinen ‚Studienzirkel‘ nie davon erzählt?!“
Mild lächelt Asante Preity zu. „Weil ich das a) erst sehr spät erfahren habe, was Malecantus ist und er b) das nicht wünscht, dass über seine Fähigkeit gesprochen wird! Was mich …“, Asante wird jetzt etwas nachdrücklicher und beweist, dass auch er gut aufzählen kann, „… zu c) führt, dich zu bitten, unbedingt Stillschweigen über ihn zu bewahren, Preity. Am besten auch über diese Flaschengeistsache! Das gilt auch für dich, Nishay!“
Das Mädchen schreckt aus einem Gespräch mit Keito vertieft hoch, und nickt gleich eifrig. Wie ein dienstbarer und ehrerbietiger Dschinn gibt sich Asante nicht gerade, bemerkt Preity kurz am Rande, um sich dann mit ihrer Nichte zu befassen.
„Ah, ja 3. Was mache ich mit Nishay?“, führt die wohlstrukturierte Studentin ihre Aufzählung zu ende. Oh je, hoffentlich nichts Doofes!, bangt der Teen ein wenig. Nicht zur Familie zurück …! Sonst werde ich noch mit so einem alten Knacker wie dem Sultan vermählt, weil kein anderer mich Versehrte … noch nimmt. „Auf keinen Fall kannst du zu deinem Vater zurück, Nishay!“, erklärt Preity bestimmt. Das könnte sie ihrer Nichte nie antun. Puh, fällt dem Mädchen sichtbar ein Stein vom Herzen.
Preity weiß wie ihr Bruder Gopal tickt und nunmehr auch über das Vorhaben mit seiner Tochter Bescheid … Vermählung wegen ein ihm wirtschaftlich nützliches Zweckbündnis mit einem recht tyrannischen Sims. Ohne seine unwürdigen Pläne wäre Nishay gar nicht erst weggelaufen und in die Fänge dieser Menschenhändler geraten. Aber das würde mein engstirniger Bruder Gopal nie einsehen …
Keito betrachtet eine Weile Nishay von der Seite. Sie ist sehr hübsch! Sie hat Yuna sicher gefallen! Nur ein bisschen hatte Nishay vom Leben aus dem Serail erzählt. Viel mehr Platz nahm die spektakuläre Flucht in ihren Erzählungen ein. „Yuna war wirklich wunderbar … und ihre Mum! Mut haben die beiden! Ohne sie wären wir nie entkommen …“
Klang fast ein bisschen wie … Schwärmerei? Haben sie sich … geküsst? Lagen Yunas Lippen auf diesen wundervoll geschwungenen?Ein wenig … klang es durch! Bilder entstehen in Keitos Kopf … Sein Blick wandert zu dem Gemälde auf der Staffelei, die im Moment auf der überdachten Terrasse Platz gefunden hat …
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„Strom zu haben ist doch etwas Unglaubliches und nicht überall auf der Erdkugel … so selbstverständlich! Hi Leute!“, lächelt Asante selig seine Kommilitonen auf der anderen Seite des Planten an. Preity braucht bald zehn Stunden für einen Non-Stop-Flug zurück, hatte sie ihm erzählt. Nun grinsen beide das Display von Asantes Handy an. „Alle sind da!“, berichtet Yasemine strahlend, endlich wieder ein Lebenszeichen vom Mitstudenten zu sehen. Erstmal gibt es nur ein Minutenlanges „Hallo!“ und „Froh dich endlich wiederzusehen!“ zwischen allen.
„Ich kann euch gar nicht genug danken, ihr Lieben!“ Asante ist ganz gerührt. Er hatte sich gar nicht mehr um Exmatrikulation bemüht, als sie Hals über Kopf nach Kenia abreisten. Hatte gedacht, das erledige sich von selbst, wenn er sich nicht mehr melde … Und er hatte sich einfach nicht rückgemeldet, auch auf Kontaktversuche hin nicht. Die Umstände sprächen dagegen, war er der Meinung gewesen. Preity hat ihn nun überzeugt, dass das Quatsch ist. Es ist ein Rumwitzeln und Giggeln miteinander, als wäre Asante gar nicht weg gewesen …
Wenn wir Miyu und Yuna gefunden haben, dann … könnte ich mein Studium wieder vollends aufgreifen - vor Ort. Müssen wir eigentlich noch nach den beiden suchen? Sie scheinen ja wohl auf zu sein und vielleicht kann auch Jack sich dann weiter kümmern … Ich meine, hauptsächlich war es ja Keito gewesen, der immer wieder vorwärts gedrängt hatte … Asante will nochmal mit seinem Neffen und seiner Cousine reden … Obwohl ich weiß, dass Elani Miyus Wohl und Wehe auch sehr nahegeht, sieht sie vielleicht ein …
Aber erstmal muss diese Flaschensache geklärt werden … So gerne Asante Preity hat …, ihr dienstbarer abhängiger Dschinn will er nicht bleiben.
„Alles notiert? Fächer gewählt? Dann nichts wie ran, Asante!“, grinst ihm Hiro - ebenfalls ein Sportstudent - gerade entgegen. Fuh, ab jetzt heißt es wieder büffeln. Zumindest den Theorieteil kann Asante online abarbeiten. Und auch praktisch lässt sich einiges umsetzen und zur Prüfung abnehmen. Also jetzt jeden Tag wieder regelmäßig Fitnesstraining, Yeah. Und noch ein bisschen nebenbei … arbeiten.
Preity hat ihnen Jobs in einem der Nobel-Hotel ihres Schwagers hier am Ort vermittelt, damit die Ogbandas etwas Geld zusammenkratzen können - egal, welchen Weg sie demnächst einschlagen werden. Elani wurde mit Kusshänden empfangen. Der Küchenchef wuselte sofort wie ein Wiesel um die ehemalige Fünf-Sterne-Gourmet-Köchin herum. Man hatte vom ‚Elanis‘ – ihrem letzten Engagement in einem hochrangigen Restaurant - in diesem recht westlich ausgerichteten indischen Hotel schon gehört.
Keito überzeugt als versierter Jungkellner mit charmanten Manieren. Und Asante gibt den ‚Personal Trainer‘, um die Pfunde nach den Cremetorten vieler, vieler Hochzeitsfeiern, die hier begangen werden, gleich wieder purzeln zu lassen. Sehr praktisch, Studium und Arbeit verbinden zu können … Gerade geht es ihnen richtig gut! Es fühlt sich mal alles so wirklich safe an. Wenn die leidliche Flaschensache dann auch noch geklärt wäre, … wäre alles wunderbar!
Die gute Preity hat bei ihrem Schwager direkt mal einen kleinen, einen minimalen Ruf fördernden Pluspunkt für diese Personal-Vermittlung gesammelt. Sie scheine ja auch ein paar anständige Leute zu kennen, ließ er durch ihre Schwester Rani bestellen …
Tja, dieses Bild muss Preity irgendwie wieder ein wenig für sich geraderücken … zumindest … in den eigenen vier Wänden …
… und auch noch Nishay vor dem Rest der Familie versteckt halten. D a s gäbe garantiert keine Pluspunkte für Preitys Ruf, wenn die Teenagerin hier entdeckt würde! Zum Glück kennt der bei ihrem Schwager angestellte Hotelmanager ihre Nichte nicht.
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Tage später legt Elani nachdenklich den Hörer auf. Jack war überglücklich gewesen, zu hören, dass Miyu und seine Tochter gesehen wurden und dass es ihnen soweit gut ging. Gleichzeitig war er aber auch entsetzt und in Sorge, was seiner Tochter und ihrer Mutter hätte geschehen können und was noch auf die beiden Frauen zukäme. „Bleibt lieber noch dort an Ort und Stelle!“, war sein Rat an Elani. „Vielleicht folgt Miyu der südlichen Route. Sie hat doch von Nishay die Adresse. Ich meine, wäre das nicht wunderbar, die beiden tauchten dort demnächst auf?“ Er hofft zumindest, dass es so eintreten könnte.
Und erfreuliche Nachricht hatte auch Jack weiterzugeben: „Der WiWo-Coup mit der Polizei war grandios. Ich habe bereits hier in der Botschaft alles unterzeichnet. Die Papiere sind schon auf dem Weg zurück. In einigen Wochen ist alles geklärt. Die Gräber und alles wurden aufgelöst. Miyu und Yuna weilen wieder offiziell unter den Lebenden und es wird auch keine weiteren polizeilichen Nachverfolgungen geben. Ihr … ihr könntet alle zurückkehren … wenn ihr wolltet, außer, nun ja … Keitos Vater … ähm, gehabt ihn wohl …“ Welches Bedauern könnte man schon angesichts dieses unrühmlichen Sims ausdrücken? Da fehlten selbst Jack die rechten Worte.
Keitos Vater! Mein furchtbarer Ex! Elani sucht Ablenkung in der Umtriebigkeit ihrer neuen Wirkungsstätte. Trotzdem muss sie sich mit diesen Gedanken beschäftigen. Wollte ich tatsächlich wieder zurückkehren?Wieder im Elanis arbeiten? Würde Miyu zurückwollen? Und Yuna? Ja, offiziell wäre der Weg wieder frei und Asante mehr als bereit, sein Studium wieder fortzuführen. Er würde sich am wohlsten fühlen, wäre am allerwenigsten mit schweren Erinnerungen belastet. Aber würde Terence Geist nicht über all diesen Orte noch schweben? Zumindest für uns vier? Oder auch für Lotta, die schwere Verletzung durch den Elenden erlitt? Am schlimmsten wäre es sicher für Yuna.Ihr hatte Terence zum Ende am meisten zugesetzt, hauptsächlich um Miyu damit zu treffen,weil die … mir half! Welch ein Kreislauf, der sich grausam schließt.
Elani macht sich weiter an die Arbeit. Versiert hackt sie die Zutaten klein. Die Hände arbeiten automatisch und in Hochgeschwindigkeit bei ihr. Nebenbei verteilt sie noch diverse Aufgaben ans Küchenpersonal. Auch das funktioniert trotz ihrer nicht ganz leichten Abwägungen nach dem Telefonat in der Mittagspause immer noch hervorragend. In der Hinsicht ist Elani hochprofessionell. Sonst hätte sie sich in den ganzen Jahren mit Keitos Vater gar nicht so weit nach oben arbeiten können. Sie ist wieder Küchenleitung in einer Fünf-Sterne-Gastronomie.
Keito arbeitet nur Teilzeit. Elani hat umgehend dafür gesorgt, dass ihr Sohn die internationale Schule am Vormittag besucht. Nishay wurde an den Augen ihrer Familie vorbei ebenfalls in die Schule eingeschleust, damit der Teen noch einen ordentlichen Abschluss hinbekommt. Wie Preity das deichselte, will Elani nicht so genau wissen. Scheinbar geht viel mit genügend Bakschisch, das die Ogbandas von ihren ersten Gehältern sponsern. Irgendwie kauft man auf dem Weg auch Stipendien, die einem dann mordsmäßig viel Schulgeld sparen … Wie gut, dass sie nahezu kostenfrei bei Preity wohnen können.
Um noch mehr zu sparen, kampieren die Ogbandas nachts zuweilen auch in der Flasche, da es die simlischen Grundbedürfnisse auf nahezu null reduziert. Es ist aber auch ordentlich langweilig da drin, wenn man nicht mal schlafen muss. Tja, und meist ist nur … Elani dort. Asante und Keito dagegen … nicht allzu häufig!
Blöd ist auch, dass man jedes Mal von Preity angerufen werden muss und nicht aus freien Stücken kommen und gehen kann. Elani hatte schon mal den Verdacht, dass sie länger in der Flasche warten musste, weil die Studentin gerade sehr … beschäftigt war … mit ihrem Cousin.
Spätestens in zwei Wochen muss Preity zur Uni in Britechester zurückkehren und sie haben noch keine Lösung für das ‚Flaschenproblem‘ - wie es jetzt allseitig genannt wird. Scherzhaft wurden sie auch schon als ‚Flaschenkinder‘ betitelt. Die Ogbandas haben noch nicht mal herausgefunden, was sie überhaupt mit ihrer neuen Daseinsform groß verrichten könnten, außer ‚Komm‘- und ‚Geh‘-Befehlen Folge zu leisten. Wahnsinnig … zauberhaft!
„Flaschengeist?!!! Uh, magische Sonderkategorie!“, hatte Malecantus als erstes am Telefon gestöhnt, als er von ihrem Dilemma erfuhr. „Muss ich recherchieren. Melde mich wieder. Macht keinen Blödsinn, nichts mehr anfassen. Versucht bloß … keine Sprüche! Geht nach hinten los! Oh man, online hab‘ ich auch noch nie in Magie unterwiesen. Reinstes Neuland! Muss mir Merlin assistieren … Bei der Technik!“
Im Telefonat hatte Asante erfahren, dass Merlin jetzt auch Zauberlehrling ist und konsterniert wahrgenommen, dass dieser Tanuí mit den beiden Magiern nun umherzieht. Elanis Cousin wäre fast ausgeflippt: „Dieser … Arsch, … der hatte doch … Lotta … verschleppt! Also, das … das Video habt ihr doch alle gesehen, das ich aufnahm … Damals!“
Asante war schwer zu bremsen gewesen und wäre Tanuí fast noch durch das Handy hindurch angesprungen, wenn er gekonnt hätte, als der ein zaghaftes „Hi!“ auf dem Bildschirm wagte. Das war genau der Kerl, den ich damals gesehen hatte, auf dem Festival …! Der auf den Handybildern!
Elani schwenkt gerade die feingehackten Zutaten in der Pfanne mit dem darin vorgerösteten köstlich duftenden selbst angemischten Curry herum. Indien würzt anders! Elanis Überlegungen drehen gleichfalls im Kreis … Momentan müssen wir warten, bis Malecantus sich wieder meldet. Asante scheint nicht mehr wirklich weiter … oder lieber noch nach Lotta suchen zu wollen.
Bei Keito tut Elani sich gerade sehr schwer, die Lage einzuschätzen … Und sie selber? Ich möchte Miyu beistehen. Für alles, was sie für mich tat! Wäre ihr überhaupt klar, wie wir zueinanderstehen, nachdem Terence nicht mehr ist? Ich trage ihr wie Yuna nichts nach. Es war … ein Unfall. Selbstverschuldet. Niemand zwang ihn, die beiden anzugreifen!
Es zischt laut in der Pfanne, als Elani das würzig geschmorte Gericht mit etwas Mandelmilch ablöscht.
(Vielleicht entdeckt das Spiel auch die wahre Natur der Sims - hinter den Fassaden … … und ick vertell yo blot en groten shiet ? …)
7.2.3 – Djeannie in a Bottle ... Auf nach Katmandu …
„Katmandu! Da könnte die Lösung liegen! Guckt schon mal, wie ihr hinkommt. Nicht allzu weit von euch entfernt! Muss ich aber noch weiter prüfen!“ Malecantus hat sich mit ersten Recherchen wieder zurückgemeldet.
Die Mitteilung wird von den drei Ogbandas geteilt aufgenommen. Asante hat sich gerade recht gemütlich mit Preity eingerichtet. Elani hingegen wird es langsam zu ungemütlich in der Flasche. Immer mehr fragt sie sich, was sie eigentlich vom Leben noch zu erwarten hat, wenn sie ihre beiden recht umtriebigen Männer in der Familie betrachtet. Nach den unsäglichen Erfahrungen mit Terence … wohl nichts mehr …
Außerdem wüsste Elani gerne, was da nachts konkret bei Keito läuft und wie er immer wieder aus der Flasche entwischen kann. Sie kriegt ihn nicht unter Kontrolle, obwohl Preity hoch und heilig versichert, ihn nicht gerufen zu haben. Irgendwann hatte sich Elani ein Herz gefasst und quasi die Herrin der Flasche gebeten, Keito doch nachts zu begrenzen. Aber irgendwie … gelingt das nicht!
Eine Dschinnie, die ihren Wunsch an ihre Herrin heranträgt … Vielleicht klappt es deswegen nicht? Elanis Blick fällt auf Keito. Asante schafft es auch nicht, nach ihm zu sehen. Viel zu beschäftigt! Auf … Wunsch? Alles noch freier Wille? Preity macht Elani eigentlich nicht den Eindruck, die Lage auszunutzen, außer na ja, etwas zu abgelenkt zu sein und nicht immer zeitig daran zu denken, auch Elani aus der Flasche zu erlösen.
Soweit Elani den Magier Malecantus bisher verstanden hat, ist das Ziel, ihre Bindung von der Flasche zu lösen. Sie wären dann immer noch ‚normale‘ Magier*innen´, wie Gregorius es nennt und müssten dann ebenso wie Merlin alles von der Pike auf lernen: Sprüche, Tränke, Duelle … „Online echt ’ne Herausforderung! Neuland sozusagen! Zum Glück kennt sich Merlin mit diesem neumodischen Kram besser aus als ich. Aber das kommt alles erst später. Erst einmal nach Katmandu und Flaschenproblem lösen! Melde mich wieder, wenn ich euch eine konkrete Anlaufstelle nennen kann. Ciao!“
Keito pinselt recht unbeeindruckt an seinem derzeitigen Bild weiter. Er hat sich auch noch als Hochzeitsmaler etabliert. Es wirkt, als habe er Malecantus nur mit halbem Ohr zugehört. Interessiert es ihn nicht? Elani ist zunehmend irritiert. Was will Keito gerade?
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„Die Null wurde in Indien erfunden! Da habt ihr Afrikaner noch mit Hieroglyphen gerechnet!“ scherzt Nishay gerade. Ihr Interesse an Mathematik steht dem von Keito in nichts nach. „Was heißt denn ‚ihr‘?“, lacht er zurück, streicht ihr mit dem Daumen sanft über die Wange. „Ich bin nur halber Kenianer! Beanspruche mindestens zwei Kulturen für mich!“ Nishay beugt sich vor, haucht einen Kuss auf Keitos Lippen und wispert neckisch dich an seinem Mund: „An den Fingern bis zehn zählen kannst du! Mehr auch nicht!“
Diese Lippen haben auf Yunas gelegen, weiß Keito mittlerweile. Nachdem er locker und selbstverständlich seine Kenntnis über Yunas Neigungen offenbarte, war auch Nishay nicht mehr gehemmt, ihm die Tändeleien der Mädchen untereinander zu gestehen. Was Keito Nishay gegenüber bisher nicht offen machte …? Sein ‚Beisammensein‘ mit Yuna.
Diese Hüften haben Yunas berührt! Keito wackelt alle seine zehn Finger vor Nishays Augen hin und her. „So zählt man in Kenia!“ Und schon windet sich Nishay kreischend unter seinen Händen, die die Teenagerin ordentlich an der Taille durchkitzeln, bevor seine frechen Finger auf ihren Hüften zum Ruhen kommen. Noch immer lachend schiebt Nishay Keito sacht zur Seite. Es ist so befreiend für sie, mit einem gleichaltrigen Jungen rumzualbern. Keito ist zwar durchaus vorwitzig, scheint aber ihre Grenzen zu respektieren. Sie findet ihn … ganz schön ansprechend. Vielleicht … wird … mehr daraus?
So ein wenig Herzpochen verspürt Nishay in Keitos Nähe, was sie durchaus als schön empfindet, weil sie befürchtet hatte, vielleicht gar nie die Aufregung erster jugendlicher Verliebtheit je erleben zu können … nach dem Serail. Sie möchte ganz langsam machen … auch wenn sie sicher nicht mehr das unbedarfte Mädchen wie einst ist. Keito ist auch kein … Frischling, stellt sie wiederholt fest.
Aber bei Jungs … ist das ja etwas ganz anderes. So hat sie es zumindest immer gelernt und gehört … Für Mädchen gelten andere Regeln: süß, liebreizend, unschuldig, gefällig … unwissend … unberührt …! Sonst sind sie eine Gefallene! Für jeden zu haben, zum Abschuss freigegeben … Besonders in Indien reines Freiwild! Also immer etwas sittsam auf Abstand halten …
Preity denkt anders. Ganz kann Nishay den Gedankengängen ihrer jungen Tante noch nicht folgen, kann ihre eigenen Erlebnisse nicht mit dem früher Erlernten und neu Erfahrenem in Einklang bringen. Die überreife Sinnlichkeit, die sie noch im Serail zur Schau trug, war reinstes Überlebenstraining gewesen. Jetzt möchte sie sich wieder so alt fühlen dürfen, wie sie eigentlich tatsächlich ist. Es gefällt Nishay richtig gut, auch wieder in eine Schule zu gehen. Da muss sie aber sehr auf die Konventionen achtgeben. Keine neckischen Spiele mit Keito auf dem Pausenhof, nicht in Indien! Nicht in der Öffentlichkeit!
Aber nachts, da gönnt sich Nishay ein wenig die lustvolle Aufregung jugendlicher Umtriebigkeit. Ein wenig schäkern, ein wenig herzen. Ein Küsschen, ein Streicheln … Den forschen Burschen wieder zurückdrängen. „Yuna liebte auch die Mathematik!“, sinniert Keito gerade entspannt zurückgelehnt, während er Nishays Minenspiel beobachtet.
„Ja, wir haben oft auch einfach Rechenspiele gemacht!“, lehnt sich Nishay vertrauensselig an Keito an. „Yuna ist wunderbar, nicht wahr? Khulan konnte da gar nicht so mithalten. Yuna hat mich ermutigt, mir beruflich was aufzubauen! Hat mir Bestätigung gegeben, wie gut ich in Mathe und Physik bin!“ Die junge Inderin schaut einen Moment lächelnd zu Keito hoch. „Und bei euch können Jungen und Mädchen einfach so … befreundet sein und einfach was miteinander unternehmen, ohne dass gleich gelästert und sonst was unterstellt wird? Erstaunlich! Yuna hat einen tollen Freund in dir!“ Nishay wäre schon mit einer guten Freundin sehr zufrieden, der sie alles anvertrauen könnte. Die hätte sie gerne in Yuna gefunden …, hätte die bleiben können.
„Vielleicht kommt sie ja noch hier vorbei!“, hofft der Teen und kuschelt sich bei Keito an. „Glaube nicht!“, ist Keitos nüchterne Antwort. Er zeigt sich betont sachlich, wenn er von Yuna spricht. Ihre möglichen Wege hat er sich die letzten Tage schon mehrfach durchgerechnet. Sie wären schon längst hier vorbeibekommen seiner Einschätzung zufolge. Er ist überzeugt, dass Miyu mit dieser Khulan die nördliche Route nahm, wenn auch Yunas Wille … so gewesen sein mag. Eine leichte Eifersucht durchfährt sein Herz. Er schließt die Augen ... Hat sie … d i e Gefährtin für sich gefunden?
Es fällt Keito immer schwerer, sich selber noch einzureden, nur die reine Freundschaft treibe ihn voran! Auch wenn er es wirklich aus reiner Freundschaft nicht aufgäbe, nach Yuna zu suchen. Wir hängen hier schon viel zu lange fest, während sie … Seine Hand fährt sanft über Nishays bloße Schulter. Die hat Yuna auch berührt … Er lehnt sich über das junge Mädchen an seiner Seite, haucht einen Kuss auf die nackte Haut!
„Huuuuh, Keito!“, kichert Nishay aufgeregt, als sich Keito Lippen ihren Hals aufwärts knabbernd langsam vorwärtsbewegen, am Ohrläppchen sanft entlangfahren, die vollen weichen Lippen suchen, sie sacht in die Kissen zurückdrücken … Hör auf! Warnt ihn eine leise innere Stimme … auf die er nicht hört! Immer forscher lässt er seine Hände an Nishays Leib entlangwandern, vernimmt mit geschlossenen Augen selber erhitzt ihre zunehmende Atemlosigkeit …
„Keito …!“ „Yuna …!“ „Wa-a-a-a-s?!“ *Rumms!!!!* „Ahhhh!“ D i e s e Ohrfeige hab‘ ich … verdient!
Eine aufgebrachte Nishay ist aufgesprungen, droht wütend mit dem Zeigefinger: „Du … du … du! Ich … ich … ich … könnte dich sofort in die Flasche zurückbefördern … und … und … nie mehr rauslassen!“ Nishay hatte herausgefunden, dass die Flasche … wohl gemeinsamer Besitz des Haushaltes ist. Sie kann zumindest genauso ‚Komm‘ und ‚Geh‘ befehligen! Versuch macht klug hatte sie sich gedacht, als sie das ein paar Mal bei Preity gesehen hatte.
Keito schlägt vor Scham erst die Hände vors Gesicht, schaut dann betreten zu Nishay hoch: „Es tut … mir leid! Ich bin … ein Hund! Staub unter deinen Füßen! Ein Taugenichts … Ein …“ *Wuschschschsch* „Aaaauuhhh!“, die hat auch gesessen. War aber weniger doll als vorhin …
„Jetzt krieg dich wieder ein, Keito! Idiot! Glaub ja nicht, dass ich schon so hoch verknallt in dich wäre, dass ich mich vor den nächsten Zug werfe oder so! Aber das war … gemein! Wieso?! Was ist da zwischen dir und Yuna wirklich?“
Ergeben kann Keito nur sacht mit den Schultern zucken, als er traurig zu Nishay hochblickt und sich und ihr endlich eingesteht: „Ich … … … liebe sie!“ Mehr ist dazu nicht zu sagen. Ich bin am Arsch! Sein Kopf sinkt gebeugt nieder. „Und sie … dich auch?“, hakt die junge Inderin forsch nach. Yuna hatte nicht einmal was von einem Keito erzählt, deswegen hatte Nishay gar nichts vermutet, aber … da ist auch dieses Bild, dass er so sorgsam hütet. Ich Blindfisch! Keito zuckt wieder nur die Schultern, ohne hochzublicken. Er weiß es nicht. Vermutlich, liebt sie … mich nicht! Es tut weh, sich diesen Gedanken einzugestehen, obwohl er das schon viele Male versuchte.
„Dann ist das alles Quatsch, was du mir erzählt hast, diese reine Freundschaftsnummer zwischen Jungen und Mädchen?“ Nishays erst kürzlich erworbenes neues Weltbild bricht gerade wieder in sich zusammen, als sie sich noch immer etwas fassungslos erneut neben Keito niedersinken lässt.
„Nein, nein, nein!“, hebt der Junge beschwichtigend die Hände! „Nein so ist es nicht! Yuna ist …, also war auch mein bester Freund … meine … beste Freundin! Wir haben so viel geteilt. Das vermisse ich alles sehr!“ Er will Nishays Glaube an das Gute nicht vollends zerstören, auch wenn er sich gerade als ausgesprochener Mistkerl entpuppt hat.
„Mach so etwas nie wieder mit einem Mädchen!“, hebt Nishay wieder drohend den Zeigefinger! „Das ist nicht anständig von dir!“
Keito muss schwer schlucken, ist aber heilfroh, dass Nishay ihm so resolut den Kopf wäscht. Bewundernswert! Wieder wird ihm klar, dass er kaum Übung im Umgang mit gleichaltrigen Mädchen hat. Sein bisheriges ‚Training‘ ist nächtliche unverbindliche Grenzenlosigkeit … mit wesentlich Älteren, wo niemand ihn je für irgendwas zur Verantwortung zog – ja, gar keine Rücksichtnahme auf irgendwelche Gefühle erwartet … oder gewährt wurde. „Mach ich nicht mehr! Versprochen, Nishay! Du bist … schwer ok!“, stammelt der Junge noch immer recht beschämt.
Nishay grübelt eine Weile vor sich hin, bis sie nüchtern fragt: „Du läufst ihr nach? Die ganze Zeit? Ist das gut? Für dich? Für sie?“
„Für sie, hoffe ich!“ Für sich selber hat Keito wenig Hoffnung. „Ich möchte Yuna sagen, dass ich ihr nichts, aber auch gar nichts vorwerfe, nichts nachtrage!“ So wie er Yuna kennt, wird sie sich trotz aller bisherigen Beteuerungen und völliger Unschuld weiterhin grämen, selber bis in alle Ewigkeit verdammen und versuchen, zu verdrängen - was nicht gelingen wird …, weil es zu ungeheuerlich ist, was passierte. Er will es ihr persönlich und direkt sagen, damit sie wieder an sich glauben kann.
Mit einem Stirnrunzeln hakt Nishay nun doch irritiert nach: „Was sollte Yuna denn getan haben, dass d u ihr was Schwerwiegendes vorwerfen könntest?“ „Gar nichts. Sie glaubt es nur! Das ist ja das Dilemma!“ Wegen meinem Pa, aber davon scheint Yuna Nishay gegenüber nicht gesprochen zu haben. Also schweigt auch Keito jetzt dazu. „Und es lässt dir keine Ruh‘, wenn sie leidet?“ „Nein! Lässt es nicht!“ Keitos Mine ist richtiggehend trübsinnig. „Du bist verloren, du armer Hund!“, Nishays Mitleid regt sich langsam. „Du blöder, blöder Kerl!“, umarmt sie ihn freundschaftlich tröstend.
Wie ihre Tante ist auch Nishay recht pragmatischer Natur. Erstmal muss Keito jetzt aus ihrem Zimmer verschwinden und dann folgt die nächste Frage: „Was ist dein Plan! Wie kann ich helfen? Und glaube ja nicht, dass ich das hauptsächlich für dich mache! Das ist in erster Linie für Yuna. Eine wirklich gute Freundin! Du bestellst ihr meine liebsten Grüße! Und … du gehst achtsam mit ihr um, verstanden?!“
Keito nickt ganz aufregt: „Du bist die Beste, Nishay!“ „Och, alter Charmeur!“, macht Nishay eine wegwerfende Handbewegung und kann schon wieder lächeln. „Das brauchst jetzt auch nicht mehr an mich verschwenden. Also, wie geht’s jetzt weiter?“ Aufmerksam sieht sie Keito an, was er als nächstes vorhat. Yuna muss unbedingt geholfen werden!
„Ich muss nach Katmandu, diese Flasche loswerden und Ma und Asante dazu bringen, endlich weiterzuziehen. Sie wollen irgendwie nicht so recht von der Stelle. Wir sollten aber keine Zeit mehr verlieren!“ Keito ist schon in richtiger Aufbruchstimmung.
„Mhm, und was ist mit der Anweisung dieses Magiers, auf weitere Information zu warten?“, gibt Nishay zu bedenken. „Die kann er doch unterwegs weitergeben! Es sind doch mindestens drei Tagesreisen oder mehr nach Katmandu. Vor Ort kann man sich vielleicht auch durchfragen. So viele Magier wird es da doch nicht in so ‘nem Bergdorf geben.“, erklärt der Junge, ganz bedenkenloser Halbwüchsiger.
Tja, und so schmieden zwei Teenager, die glauben, die Welt aus den Angeln heben zu können, Pläne wider die Erwachsenen. Preity würde dabei auch nicht einfach mitmachen, ist sich Nishay sicher. Also gaaaaanz heimlich und …
… leise zur Tante rüber geschlichen …! „Ma ist schon in der Flasche. Asante muss noch hinterher. Das musst du machen, Nishay!“, ‚befiehlt‘ der jugendliche Flaschengeist seiner … ebenso jugendlichen ‚Herrin‘.
Preity bemerkt tief im Schlaf gar nicht, dass sie nur noch ein Kopfkissen wohlig an sich drückt, als Nishay Asante die Order zur Rückkehr in das gut gepolsterte Verlies erteilt.
Frisch verkorkt nimmt Keito die Flasche schnell an sich, rafft noch eilig einige Sachen, Geld und die Staffelei mit Bild zusammen. „Wir bleiben ständig per Handy in Verbindung. Bist ein wahrer Goldschatz, Nishay!“, drückt er ihr noch liebevoll zum Abschied einen Kuss auf die Wange! Die Jugend hat viel schneller die Möglichkeiten der Technik entdeckt für die Flaschenorder …
„Ach geh schon!“, schickt das junge Mädchen Keito ein bisschen wehmütig zum Tor und in die Nacht hinaus. Yuna ist zu beneiden! Gib ja gut auf meine Freundin acht, … mein … Freund!
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Den zweiten Tag hockt Keito jetzt schon in dieser ‚Holzklasse‘. Billigstes Zugabteil wo gibt. Der Hintern ist bald durchgesessen. Man lebt, schläft, brutzelt an Ort und Stelle. Alles sehr ungewohnt für den Teen. Ständig muss er auch sein Gemälde vor neugierigen Blicken schützen, seitdem das Tuch etwas verrutschte - wobei eher die grünen Haare Aufsehen erregen. Yunas asiatisches Antlitz ist hier nicht ungewöhnlich. Wie es Yuna wohl damit geht, mal nicht ganz so aufzufallen?
Keito selber ist ein Mischling, ein Mix Masala. Äußerlich wie innerlich nicht irgendwo wirklich zu zuordnen. Das war ihm gerade in Kenia aufgefallen. Neben Asante und Ma war er … das Weißbrot. Zu helle Haut, glatte Haare und keine Ahnung … von der Kultur. In Europa dagegen tat man zuweilen, als wenn man gar nichts bemerke … und alles ganz … equal sei. Easy peasy. Dass das in vielen Dingen im Alltag oft nicht stimmt … will keiner wissen … im so offenen und toleranten Westen.
Malecantus hatte getobt, als er sich gestern wieder meldete und nur Keito am Apparat und in einem Zug unterwegs erschien. Der Magier hatte eindeutig ein Toleranz-Problem mit der Jugend und keinen Drang, damit hinterm Berg zu halten! Eher verlangte ihn danach, Keito auf den Mond zu schießen, der den Zauberer dafür … zum Teufel wünschte oder wohin der … Pfeffer wächst. Nun ja, ein Wort gab das andere und Keito … nicht nach!
„Teenager! Aaaahhhhh! Möge Takatuka nie älter werden! Bist du völlig bekloppt?“, zeterte Malecantus auf der anderen Seite der Erdhalbkugel durchs Telefon zwar noch ein bisschen weiter. Letztendlich konnte er aber all seine gegen den Jungen ausgestoßenen Flüche, ihn in eine schrundige Kröte, weiche Karnickelpantoffel oder einen wurmzerfressenen Holzklotz zu verwandeln, über die weite Entfernung hinweg einfach nicht umsetzen und rückte zum Schluss die gewünschte Adresse eines tibetischen Mönches in Katmandu raus, der sich auf die Sache mit der Flasche verstehen würde.
Noch sechs Stunden zu überstehen! Keito seufzt leicht vor sich. Werd‘ ich Stress mit Ma und Asante kriegen, wenn die erstmal die Flasche verlassen haben … Nishay hat Preity gegenüber bisher zum Glück dichtgehalten. Keito telefoniert mit dem Mädchen nachts, wenn die Tante schläft …
Sein Magen meldet sich gerade. Etwas steigt ihm in die Nase … In die Flasche zurück wagt er sich gerade nicht. Dass heißt dann … hungern.
Die freundschaftlichen Herrschaften ihm gleich gegenüber kochen auf dem kleinen Podest vor sich … außerordentlich Köstliches. Irgendwie hatte Keito gedacht, es würde einen Speisewaggon geben, wo man auch einen kleinen Imbiss erstehen könnte. Weit gefehlt. Gestern Abend gab’s den letzten Snack, den er noch von Nishay mit auf den Weg bekommen hatte. Neugierig schielt Keito zum Suppentopf. Oh, schon fertig! Eine Schale, der eine milde Sesamnote entsteigt, wird gefüllt … duftendes Brot gebrochen, mhmmmm …
„Bitte sehr!“ Überrascht blickt Keito den freundlichen Herren an, der ihm gerade die Schale mit dem Stück Brot reicht. „Danke!“ Sein Strahlen scheint seinem Mitfahrer Belohnung genug zu sein. „Junger Herr muss essen. Zu dünn!“, lächelt es ihn verschmitzt an. Die restliche Fahrt gestaltet sich richtig angenehm. Es gibt noch kleine Küchlein, gewürzten Tee und viel Erläuterung zu allem, was draußen Sehenswertes an ihnen vorbeizieht. Bergklöster, Yaks, Bergziegen … Yetis? „Nein keine Yetis hier.“Schade, ist wohl doch nur ein Gerücht!
An der Endhaltestelle verabschiedet sich das Paar mittleren Alters. Bedauernd fällt Keito auf, dass er nie … Großeltern kennenlernte. Lange Zeit hat er nicht, darüber nachdenken, da der Bus schon für die letzten fünfzig Kilometer bereitsteht, die über schmal schlängelnde Hochgebirgsstraßen führen. Er zwängt sich mit seinen sieben Sachen zwischen die vollbesetzen und bepackten Sitze. Selbst auf dem Dach des Busses reist noch einiges Getier mit.
Drei Stunden dauert die Schlingertour, bei der Keito vermeidet, in Schluchten hinunterzusehen, die direkt unter seinem Sitz zu beginnen scheinen. Yuna ist schwindelfreier als ich!Sie saust Berghänge hinunter. Sie wollte mir das zeigen, in dieser Winterhütte in Japan. Ich hatte mal mitkommen sollen in den Winterferien … als wir alle … noch Geld für Flüge und Zeit für Ferien hatten … Seine Augen haften sich blicklos auf die Lehne des Vordersitzes, während er sich mit solchen Gedanken von den bergigen Abgründen abzulenken versucht und gleichzeitig den eigenen und leichter Schwermut verfällt. Ich reise ans Ende der Welt für d i c h, Yuna! Aber was war i c h … je für dich?
Nein, das ist ungerecht!, schüttelt Keito unvermittelt den Kopf. Ich hab‘ dich letztendlich bedrängt. Davor waren wir einfach gute Freunde. Du hattest meine Hilfe erbeten und ich … hab‘ deine Not ausgenutzt, nur daran gedacht, was ich will! Hab‘ dich noch gequält, diesen letzten Abend … mit Erinnerungen an dieses Verließ und an deinen Peiniger - meinen Pa! Nur weil du nicht wolltest wie ich?
Und viele hätten das noch in Ordnung gefunden, weil es oft so gesehen wird …, dass Mädchen und Frauen es verdienten … für überhaupt alles und noch so jede Kleinigkeit gemaßregelt und sanktioniert zu werden, die ewig Schuldigen in jedweder Hinsicht, während Jungen und Männer vieles dürfen, ihnen nahezu jedes Verhalten verziehen wird. Einfach weil Jungen und Männer eben so … seien … wie sie … sind, während Mädchen und Frauen zu sein haben … wie erwünscht. Was für ein gespaltenes Sein, nicht nur … für die eine Hälfte der Menschheit. Yin und Yang?
Keito könnte manchmal heulen. Aber so etwas … tun Jungen ja nicht! Sagte nicht nur allein … sein Pa!
„Aussteigen! Wir sind da!“ Der Busfahrer hat’s eilig, will noch am gleichen Tag die Abfahrt mit bereits wieder voller Fuhre runter schaffen. Keito greift sich schnell sein Gepäck. Nur die Straße da runter und diese vielen Stufen hoch … Weit muss er nicht mehr.
Er hat es gerade nicht mehr so eilig. Keito weiß, was ihm für Ärger blüht, wenn … Ma und Asante … befreit sind … Hier hoch oben in den Bergen ist es bitter kalt … Ob Yuna … auch kalt ist? Auf der nördlichen Route?
7.3.1 - Dschingis Khans Erben ... Doppelt und dreifach …
„Keito!“ Eng schmiegt sich Yuna in der Nacht an Khulan, die kurz erwacht, schmunzelnd blinzelt und die treue Fluchtgefährtin weiterschlafen lässt. Schön, sie hat später auch jemanden! War jetzt schon das zweite Mal, dass der Name des Nachts fiel … soweit Khulan es mitbekam.
Die Mongolin hatte eine paar Gäule ‚organisiert‘. Na ja, sie hatten versuchten, Persien schnell hinter sich zu lassen, waren wie die Teufelinnen geritten … Ein paar Jagdwaffen sind dem versierten Teen auch noch ‚in die Hände gefallen‘. Miyu fragt nicht weiter nach. Yuna nimmts hin, versucht sich auch schon mit Pfeil und Bogen, saugt stolz jedes Lob über ihre Fortschritte von dem geliebten Mädchen auf.
„Uuuuaaaaaaa!“, reckt Yuna sich Stunden später, dehnt sich nochmal ausgiebig. Gar nicht so leicht auf harter Erde zu nächtigen. Khulan schielt sie grinsend von der Seite an: „Na, schön geträumt!“ „Nur von dir!“, lächelt Yuna kokett zurück. Und denkt innerlich etwas verlegen: Kann mich an nichts erinnern. Wie jede Nacht … traumlos. „Na klar!“, grinst Khulan breit und rappelt sich auch langsam hoch, streift sich ihre Klamotten und wieder ein Kopftuch über. Ob sie die Grenze bereits überschritten haben wissen sie nicht genau …
„Müssen wir das hier immer noch tragen!“, mault Yuna etwas rum, während sie nach ihren Sachen greift. Unangenehm diese Tücher, wenn es noch recht warm ist, aber bald wird es wohl eisig kalt, sagt Mum. Etwas unbeholfen bedeckt auch sie wieder ihr Haupt. Lächelnd rückt Khulan den Schleier um Yunas Gesicht zurecht: „So, jetzt sitzt es anständig! Da schaute noch eine Haarsträhne heraus. Ich bin mir nicht ganz sicher, was hier genau gilt. Auf jeden Fall sollten wir vorsichtig sein, wenn wir in die Nähe von Menschen kommen. Uns nicht … so berühren, dass sie denken …“ Yunas Augen weiten sich leicht erschreckt: „Ist … das hier verboten?“ Sie hatte davon gehört, auch dass es drastische Strafen geben könnte. Khulan zuckt nur mit den Schultern. „Weiß nicht so genau!“
Die letzten Sätze hat Miyu noch mitbekommen, die sich auch schon am Herrichten ist. Sorgsam schiebt sie die letzten herausblitzenden Haarspitzen unter ihr Kopftuch. Bloß kleinen Ärger heraufbeschwören. Drei ‚unbegleitete‘ Frauen erregen hier womöglich schon Aufsehend genug. Nicht geziemend gekleidet riefe vielleicht hiesige Sittenpolizeiauf den Plan und dann noch … zwei Mädchen, die sich lieben … keine Jungfräulichkeit mehr vorweisen könnten. Damit könnten wir doppelt und dreifach, ja vollends geliefert sein. Örtliche Regeln und Gepflogenheiten nicht zu kennen oder zu befolgen kann uns sehr gefährlich werden.
„Khulan hat recht, Yuna! Wir dürfen nichts riskieren!“ Umsichtiges Mädchen! Bestätigend lächelt Miyu der jungen Mongolin zu. Zu dieser Region, die sie gerade durchreisen hat Miyu keine spezifischen Informationen – unbekanntes Terrain für sie, reines Neuland. Die Länder auf der südlichen Route hätte Miyu besser einschätzen können. Sie werden noch diverse Grenzen passieren ….
Eilig prüft Yuna nochmal ihre Kopfbedeckung. Ihr wird ganz mulmig zumute. „Was … gilt eigentlich in deinem Land … für zwei Mädchen …, Khulan?“, fragt sie zaghaft an, wägt zum ersten Mal ab, was es bedeuten würde, dort mit der jungen Mongolin zusammenzuleben. Khulan will auf jeden Fall wieder in ihre Heimat zurück. Yuna liebäugelt immer mehr damit, dass Japan vielleicht als Ziel nicht mehr so erstrebenswert ist.
Miyu ist gespannt wie Khulan die Lage in ihrem Land einschätzt. Zumindest gesetzlich verboten ist gleichgeschlechtliche Liebe in der Mongolei nicht, weiß sie, aber wie der Alltag tatsächlich wäre … „Erlaubt, aber … nicht sehr geduldet! Weißt du, eigentlich hatte ich dort nie zuvor sich zwei Mädchen oder zwei Jungen oder so küssen sehen.“ Khulan zuckt gelassen mit den Schultern. Wahrscheinlich gibt’s nur welche in der Hauptstadt. Sie schnappt sich Pfeil und Köcher, schwingt sich auf den Rücken eines der Pferde und fordert die Freundin lachend heraus: „Los geht’s Yuna, wer zuerst was erlegt hat!“
Größtenteils hatten sich Yuna und Miyu in ihrem bisherigen Leben vegetarisch ernährt, aber eben nur überwiegend. Auf Forschungsreisen mit Jack war das selten möglich. Yuna hat ein bisschen Erfahrung, sich aus der Natur zu versorgen, aber mit Khulans Fertigkeiten kann sie natürlich keinesfalls mithalten. Pfeil und Bogen hatte sie höchstens zwei, dreimal im Leben in Händen gehabt, aber … sie ist sportlich und kann den Arm ruhig halten beim Spannen der Sehne.
Yuna hat auch eine gute Auge-Hand-Koordination und den sicheren Blick, etwas anzupeilen wie ihre Mum. Kletterkünste, Skiabfahrten und bei Miyu auch noch ein wenig das Schwertraining machen sich auf dieser recht anstrengenden Wanderung durch viel freie Natur gerade gut bezahlt. Ebenso Jacks Kenntnisse, die er ihnen immer wieder über die Jahre an seinen Forschungsstätten vermittelte. Sorge macht Miyu hauptsächlich der strenge Winter, der in Bälde auf sie zukommen wird und … die jeweiligen Landesgepflogenheiten für Frauen. Hier zumindest sollten sie wohl Städte soweit wie möglich umrunden. Ganz vermeiden lässt es sich wohl nicht, wenn sie etwas brauchen ...
Miyu bereitet schon mal das Lagerfeuer für ein Frühstück vor. Hauptsächlich steht jetzt Fleisch auf dem Speiseplan und Fisch, wenn sie an Flüssen und Seen vorbeikommen. Ein paar Beeren bietet die Landschaft auch und Kräuter für Tee. Ein paar davon hat Miyu schon gestern unterwegs gesammelt. Sie haben die Nacht in der Nähe einer kleinen Quelle kampiert, die ihnen jetzt Trinkwasser liefert. Drei Becher hatte Khukan auch noch für sie ‚mitgehen‘ lassen bzw. ihnen kurzerhand Füße verliehen. Ein Blechnapf ist das Mindestgeschirr aus ihrer Sicht, in das man alles einfüllen und eintunken kann, was man unterwegs so findet.
„Na, erfolgreich?“ Nur eine Stunde später sendet Miyu den beiden Teens einen warmen Blick zur Begrüßung entgegen und reicht schon mal heißen Tee als erstes an. Vergnügt hält Khulan ihre Jagdbeute in die Höhe: „Was gegen Fasan? Wer hat hier noch ein Hühnchen zu rupfen?“ Yuna hält etwas verzagter ihrer Mutter ein Kaninchen entgegen: „Es war … so süß!“ Ihr Blick drückt Betretenheit aus. Ganz so im Einklang ist Yuna gerade nicht mit der Natur. Aber … sie müssen etwas Essen. Miyu versteht. Auf eine Zielscheibe zu zielen ist etwas anderes als auf ein lebendes Wesen, nicht wahr, meine Tochter?
Wortlos übernimmt Miyu es, das kleine Pelztier auszunehmen und zu zerlegen, während Yuna etwas zwiegespalten dabei zusieht. Khulan nimmt sich gelassen des Federtieres an. Die Nahrung reicht für alle drei bis Morgen Mittag. Einen Fisch hätte Yuna durchaus ausgenommen und fragt sich noch, woran das liegt. Schuppen? Fell? Es hatte sich angefühlt wie ein kleines Kaschmir Häschen, als ihre Hand über das Fell kurz nach dem Erlegen strich, während die Augen brachen. So weich, so flauschig … Doch selbst ein Fisch hat Gefühl! Der Hunger treibt es dann aber rein … Bon Appetit!
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Einige hundert Meilen später ahnt Miyu ein wenig, wie der Hase hier läuft … Die Polizei ist absolut kein Schutz für sie … „Keine Papiere … Drei Frauen allein unterwegs? Wo … sind eure Männer?“ Sie waren geradewegs in eine Kontrolle geraten, konnten ihren Pferden nur die Sporen hoch ins Gebirge geben. Ein andermal war sich Miyu ziemlich sicher, beinahe erneut Menschenhandel in die Fänge zu geraten ... Am Rande mancher Ortschaften war unverkennbar einschlägiges Gewerbe in einem Ausmaß zu sehen, das man in einer Region mit recht hohem Sittenkodex erstmal nicht vermutet hätte und das sicher … kaum freiwillig ergriffen wurde.
Miyu versucht ihr Möglichstes, die beiden Mädchen aus allem rauszuhalten. Teilt ihre Beobachtungen nicht im Detail mit, versucht nur zu warnen, worauf sie achten sollten. Eine Gratwanderung, die sie innerlich oft verzagen lässt.
Nach Miyus Weisung hielten sie sich fortan nur noch weit abseits der Straßen, suchten ihren Weg nach Sonnenstand und Gestirnen bis Khulan eines Abends einen Freudenruf ausstößt … „Das erkenne ich wieder. Nur noch einen Tagesritt und wir haben die Grenze zur Mongolei überschritten.“ Der Gebirgszug in der Ferne kann ihnen jetzt zur Orientierung dienen. „Auf die Anhöhe etwa müssen wir zuhalten!“, weist Khulan in etwa die Richtung des nächsten Tages aus. „Danach dann noch über eine weite Hochebene …“
Sie machen an Ort und Stelle in dem unbewohnten Gebiet Rast, schlagen ihr Lager auf, da es Zeit für eine Mahlzeit ist, bald dunkel wird und alle sehr durchfroren sind vom stundenlangen Ritt. Khulan hat ihnen mittlerweile dringend benötigte warme gepolsterte Kleidung von einem einsamen Gehöft ‚borgen‘ können. Wie Diebinnen bewegen sie sich durch das Land. Aber der Winter schlägt hier jetzt unbarmherzig zu. Miyu hofft, dass die ‚beliehene‘ Bauernfamilie genug anderweitige wärmende Kleidung übrighat.
Den letzten Reiseabschnitt hatten sie ums tägliche Überleben kämpfen müssen, kaum Zeit für müßige Erwägungen über die Zukunft gehabt. Abends hatten sie sich nur noch übermüdet in dick gesteppte Schlafsäcke gerollt.
Khulan entpuppte sich als außerordentliches ‚Beschaffungs‘-Genie. Alles dringend Notwendige, was nicht niet- und nagelfest und ausreichend bewacht war, fand neue ‚Besitzerinnen‘! Selbst … ein witterungsbeständiges Militärzelt.
Miyu stochert versonnen im endlich hell auflodernden Feuer ihres Ratsplatzes herum. Yuna war gestern mit auf ‚Beutezug‘ gewesen und hatte glatt in einem anderen abgelegenen Gehöft ein paar Würstchen mitgehen lassen, die unter der Decke zum Räuchern hingen. Mit diebischem Grinsen spießt sie gerade eines auf und hält es in die züngelnden Flammen, bis es fein braun gebrutzelt ist und das triefende Fett sich zischend ins Feuer ergießt. „Köstlich!“ Begierig lässt Yuna es sich munden. Die Geschmacksknospen lechzen jetzt nach Kalorienreicher fettiger Nahrung, weil sie täglich viel verbrennen.
Miyu und Yuna sind drahtiger geworden. Die Knochen treten stärker hervor. „Mum, probier doch mal!“, bekommt Miyu ein aufgespießtes Würstchen gereicht. Khulan vertilgt schon ihr zweites.
„Danke, Liebes!“ Lächelnd nimmt Miyu die Gabe an. Sie ist hungrig, aber innerlich auch sehr aufgekratzt von dem, was sie die letzten Wochen gesehen und erlebt haben. Nirgendwo hatte es auf dieser Reise bisher in den Ortschaften Sicherheit für uns gegeben. Die Regelwerke waren … brachial in ihren Beschränkungen. Vereinzelt hatten wir Strafaktionen aus der Ferne beobachtet, einmal wie eine der Hatz einer ganzen Gruppe ausgesetzt war. Ich hatte die beiden Mädchen immer schnell weitergetrieben, damit sie nicht zu viel davon sahen oder wir selber noch unter Bedrängnis gerieten. Es war hart gewesen, nicht helfen und einschreiten zu können …
„Und wie schmeckt es, Mum?“, Yuna spießt sich mit fettigen Fingern freudig schon ein weiteres Würstchen auf, beglückt von so einfachen Dingen wie … gerade einen vollen Magen zu bekommen.
Unbewegt schaut Miyu einen Moment auf die Wurst in ihrer Hand. Sie hat zwar davon abgebissen, aber schmeckt kaum etwas. So viel hat sie mental zu verdauen ... von dem Erlebtem. „Wunderbar, Liebes!“, lächelt Miyu ihrem Kind warm zu. Ich wünsche dir eine bessere Zukunft, meine Tochter! Vorsichtig beißt Miyu noch ein Stück von ihrer heißen Wurst mit den Zähnen ab, um sich nicht die Lippen am erhitzten Fett zu verbrennen, während die Gedanken weiter fließen ...
Elani drängt sich Miyu in den Sinn: Auch sie war mehr oder minder geflohen beziehungsweise in eine ‚bessere Zukunft‘ geschickt worden und … war in der Fremde … in der Hölle gelandet. Deswegen heißt es wohl … ‚die Fremde‘ …, weil alles fremdartig ist! Neuland! Elani kannte die Gepflogenheiten, die Warnsignale nicht. Und dann hatte ich ihr - weiblich, schwarz - auch noch einen dritten ‚Makel‘ anhaften wollen … mich zu lieben! Sie wäre doppelt und dreifach von Abwertung betroffen gewesen. Was hatte ich mir nur gedacht? Und Jorunn? Hat sie den Weg gen Norden überstanden? Sie fehlen mir beide - wie auch Lotta! Was wohl aus ihr geworden ist?
Miyu ist erleichtert, dass sie unbesehen und ohne weitere Vorkommnisse die Grenze zur Mongolei überschritten haben. Khulan und Yuna palavern vor ihr fröhlich schäkernd miteinander auf dem Rücken ihrer Pferde hin und her. Miyu trabt gemächlich hintendrein.
Yuna will noch ein bisschen mehr zu den Sitten des Landes wissen und ist heilfroh, hier nicht ständig zwangsweise ihre Haare bedecken zu müssen. Die weich gefütterte Mütze dagegen ist angenehm bei der klirrenden Kälte, die die Region gut im Griff hat.
Khulan ist Yuna nie so obersittsam erschienen wie die jungen Frauen in den anderen Ländern, durch die sie bisher gezogen sind. Die junge Mongolin kann reiten, mit dem Bogen schießen und ihre Heimatkluft lässt auch nicht auf überzogenes Reglement schließen, eher praktischen Nutzen. „Jungfräulichkeit? Pah, hier nicht so wichtig!“, hört Miyu Khulan gerade laut lachen. Was haben die gerade für ein Thema? Sie spitzt die Ohren …
„Viele haben schon vor der Heirat Kinder! Ich möchte auch bald welche … Mütter werden hier nämlich sehr verehrt!“ Yuna dreht Khulan etwas irritiert den Kopf zu: „Bald …?“ Was meint … Bald? „Na, wir warten nicht lange in meinem Volk. Je eher, desto besser!“ Für Khulan das Selbstverständlichste der Welt. „Aber … willst du nicht erst eine Ausbildung machen, eine Weile arbeiten?“ Yuna befremdet Khulans Zeitplanung gerade sehr. Woher sollen so schnell Kinder kommen? Und … sie ist doch noch gar nicht … volljährig!
„Ich hab‘ doch meine Arbeit! Das Vieh, Melken, Jagen, Kochen … und … Kinder versorgen! Oder meinst du so’n Job in der Stadt? Da gibt’s doch eh nicht viel. Also … nicht für Frauen. Außerdem ist Mutter werden doch das Wichtigste, oder? Ich meine … Nachkommen zu haben, die die Jurte übernehmen, das Vieh! Was soll denn sonst damit werden?“, fragend blickt Khulan kurz zu Yuna rüber, richtet dann wieder ihren Blick in die Weite der Landschaft. Die Freundin und Nishay hatten sich immer über ganz andere Sachen unterhalten, von denen die Mongolin teilweise nicht die Bohne verstand. Höhere Mathematik oder Programmieren ist nicht ihr Ding.
Yuna dreht sich im Sattel etwas ratlos zu ihrer Mum rum. Ihr Blick drückt gelindes Unverständnis aus. Ja, liebe Tochter … Fremde Länder, fremde Sitten.Solange Khulan damit im Einklang und nicht unter Zwang ist ... Yuna ist zwar viel mit dem Vater rumgereist, aber angesichts eigener Zukunftsplanung wird ihr manches in ihrem Alter jetzt erst klar wie unterschiedlich Vorstellungen und Lebensweisen sein können – und nicht nur interkulturell, mein liebes Kind! Ist ja zumindest beruhigend, dass hier keine Frau wegen Verlust von Jungfräulichkeit gepeinigt wird … Ja, das entlastet Miyu ungemein für Khulan!
„Wird dir … ein Mann ausgesucht!“, hakt Yuna vorsichtig nach, als sie sich wieder dem anderen Teen zuwendet. Oh je! „Wo denkst du hin! Mein Verlobter und ich haben uns ganz allein gefunden und erwählt. Du wirst sehen … Ein Prachtkerl!“, schwärmt Khulan. Abrupt zieht Yuna die Zügel ihres Pferdes an, das augenblicklich mit leichtem Schnauben zum Stehen kommt.
Miyu hat ihr Tier auch umgehend gezügelt, hält die Luft an …, blickt zu ihrer Tochter. Yuna! Da ist sie! Die Bombe, die die ganze Zeit im Untergrund tickte! Jorunns Warnung!
Minutenlang sitzt Miyus Kind stocksteif mit starren Augen im Sattel da, regt sich kein bisschen … Khulan schaut sie besorgt an: „Hab‘ ich was Falsches gesagt, Yuna? Sprich doch!“
„Wann hattest du mir das sagen wollen?“, schreit Miyus Kind fassungslos auf einmal auf, springt aus dem Sattel und versucht, irgendwohin wegzulaufen … in tiefem Schnee. Sinnlos. Sie kommt nur ein paar Meter weit, stürzt, bleibt liegen, heult wie ein Schlosshund. Gestern Nacht haben wir uns doch noch in den Armen gelegen! Und jetzt?
Khulan prescht gleich hinterher. Miyu ist sich gerade nicht sicher, ob sie die beiden das zuerst unter sich ausmachen lassen oder jetzt besser in Yunas Nähe sein sollte … „Aber … aber Yuna! Ich wollte dir doch nicht weh tun! Freundin! Liebste!“ Khulan drängt sich bereits an Yunas Seite. „Ich ... wir haben doch beide jemanden, der auf uns wartet. Ich war dir doch auch nicht bös‘ wegen … wegen … diesem Keito, Liebes!“
„Du hast mir doch auch nicht von ihm erzählt …!“, lächelt Khulan Yuna beschwichtigend an. Genau, habe ich nie! Woher …? Fieberhaft geht Yuna alle möglichen Situationen durch, der Tränenfluss ist gerade … etwas versiegt. Ich versuche die Gedanken an ihn stets wegzudrängen, weil … weil … es so furchtbar ist … „Hab … ich geredet? Im Schlaf?“ Das hat doch gar nichts zu sagen! Oder?
„Oh ja!“, lacht die junge Mongolin, als hätte sie einen erheiternden Scherz entdeckt, der die ganz Situation wohlmeinend auflösen würde. „Während du dich eng an mich kuscheltes! ‚Oh, Keito! Oh Keito …‘!“, imitiert Khulan schmunzelnd ein romantisches Seufzen. Yuna schießt augenblicklich Blut in die Wangen. „Ouuhhhh!“, versenkt sie ihr errötetes Gesicht beschämt in der nächsten Schneewehe!
Das darf doch alles nicht wahr sein! Jetzt ist auch Miyu aus dem Sattel gesprungen. Nähert sich den beiden langsam … Verdammt! Was war das nur für eine Beziehung mit Keito? Ich dachte … sie war … schnell wieder vorbei. Ich hätte wirklich mal mit ihr das Thema Verhütung anschneiden müssen! … … … Verflucht! Würde ich das … auch bei einem Sohn denken …? Ja schon, aber mich wohl weniger … über Schwangerschaften sorgen …
„Hei, Yuna!“ Sanft streichelt Khulan dem verlegenen Teen über den Rücken. „Für mich ist das alles ok. Ich hoffe, für dich auch. Ich möchte dich wirklich nicht als Freundin verlieren!“ Freundin? Freunde? Es ist alles so … verwirrend für Yuna! „Mum?!“ Miyu hört das klägliche Stimmchen ihrer Tochter und weiß, nun ist sie zum Trösten gefragt.
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Ja, Khulans Verlobter ist wirklich ein netter Bursche!, muss sich Yuna eingestehen. Die große Liebe? Mhm! Wer weiß!Aber sie wirken ganz zufrieden zusammen …
Sie selber versucht immer noch zu verwinden, dass es nur eine Liebelei war, wo sie mehr erhofft hatte. Yuna war richtig schwer verliebt in Khulan gewesen. Ist es noch ein bisschen, auch wenn sich das gerade sehr ernüchtert hat … Nicht wirklich wiedergeliebt zu werden … ist hart! Mein erster Liebeskummer? Gedanken an ihren ehemals besten Freund Keito mag sie nach wie vor kaum zulassen … Zu viel Schwere und Last … ist damit verbunden.
Khulan bleibt trotzdem eine super Freundin. Yuna wird nicht einfach plötzlich links liegen gelassen. Die Frauen der Jurte unternehmen viel gemeinsam - traditionell. Ein bisschen beobachten Miyu und Yuna dabei auch, dass kokettes Rumwitzeln miteinander dazu gehört … allein unter den Frauen. Darf man nur nicht falsch verstehen. Und wenn die Männer mit dabei sind, passiert es auch nicht.
Gleichgeschlechtliche Liebe wird besonders auf dem Lande von allen nicht gutgeheißen, hat Khulan auch nochmal verdeutlicht. Gesetzlich verboten ist es nicht. Das ist der härteste Teil für Yuna, neben ihr zu sitzen und plötzlich ist so vieles Tabu! Sie wagt noch nicht mal … an den noch als legitim eingestuften Späßchen der Frauen untereinander teilzuhaben. Auch Miyu hält sich zurück. Zu schnell könnte man … daneben liegen. Alles auch eine Frage von ausreichender Kenntnis hiesiger Sitten und Gepflogenheiten!
Am gelöstesten erscheint Miyu ihre Tochter noch, wenn sie allein mit Khulan zum Jagen oder Viehtreiben auf dem Rücken der Pferde unterwegs ist. Sie werden hier gut versorgt die letzten Tage, legen wieder Fettreserven zu und ihre Knochen treten nicht mehr so hervor. Miyu kümmert sich bereits um die Vorräte für die Weiterreise, denn klar ist …, dass sie nicht ewig bleiben können. Das … ist Yuna nicht mehr denkbar …
Oft sieht Miyu ihr Kind auch still in sich gekehrt vor sich hinstarren, bis Khulan sie mit sich reißt für irgendwelche neue Aktivitäten. Der jungen Mongolin sieht man an, dass sie schmerzt, der Freundin so weh getan zu haben. Vielleicht … versagt auch sie … sich eine Liebe und folgt nur Konventionen? Khulan versucht die Lage mit viel fröhlicher und forscher Ausstrahlung wett zu machen.
„Erzähl mir doch mal … von deinem Keito!“, versucht Khulan Yuna etwas aus der Reserve zu locken als sie wieder einmal allein zusammen ausreiten. Ein paar Ziegen sind entwischt und müssen wieder eingefangen werden. „Du kennst meinen Verlobten nun und … hast zu deinem … noch gar nichts erzählt!“ Ein schiefer Seitenblick trifft sie von der Freundin: „Keito und ich … sind nicht verlobt!“ Yuna hat bisher nichts zu ihren Fluchtgründen erzählt, oder warum sie mit ihrer Mutter auf so verzwickte Weise auf Reisen ist. Was … sollte sie jetzt also zu Keito sagen? Sie begreift es ja selber kaum … „Er war nur ein guter Freund!“, versucht Yuna eine Erklärung.
„Hat er dich nicht geliebt? Oh je, das tut mir leid!“ Khulan ist ganz betroffen. So eine Enttäuschung und ich dann auch noch … „Das … … … kann … man … jetzt nicht so … sagen!“ Klingt selbst in Yunas Ohren irgendwie hohl ... „Verstehe ich nicht!“ Versteht Khulan wirklich nicht! Jungen und Mädchen sind hier nicht einfach nur … ‚befreundet‘. „Iiiiich … … … auch … nicht!“ Nein, Yuna versteht sich selber nicht mehr. Noch immer schießt ihr leichte Röte in die Wangen, wenn sie an Khulans Uraufführung ihrer nächtlichen Seufzer erinnert wird. Klinge ich wirklich so?
„Ich hab‘ immer gedacht … … … ich wüsste …“Ja, was habe ich eigentlich immer gedacht? Resigniert zuckt Yuna die Schultern. Ist jetzt eh alles egal und vorbei. Keito und ich werden uns nie wieder über den Weg laufen! Erstaunt registriert Yuna, dass sich ihr Magen gerade schmerzhaft zusammenzieht, Tränen plötzlich aus ihren Augen hervorquellen, sie ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken kann: „Ich werde ihn nie wiedersehen. Er würde mich … hassen! Er war mal … mein bester Freund!“ Es war doch ein Unfall, nur … ein Unfall!
Sich diesem Gefühl von Verlust gerade zu stellen, was sie die ganze Zeit schon niederringen und zu verdrängen sucht, lässt Yuna fast zusammenklappen und vom Rücken des Pferdes rutschen. Geschwind schwingt Khulan sich hinter sie, hält sie fest in ihrem Armen, versucht zu trösten, auch wenn sie nur die Hälfte von dem begreift, was diese innere Schwere gerade auslöst.
Ganz wird ihr Yuna dies auch nie erklären können. Zu viel haben Keito und sie gemeinsam erlebt, und sie auch zusätzlich mit seinem Pa, was ihr Fassungsvermögen bei weitem übersteigt. Furcht und innere Flucht ließen kaum je wirkliche Gefühlsüberprüfungen zum ehemals Vertrauten zu. Neue Schluchzer lassen Yunas Schultern beben und Khulan … drückt sie noch fester an sich!
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„Wir schreiben uns wenigsten, ja Yuna?!“, Khulans flehentlicher Blick richtet sich abwechseln an die Freundin wie ihre Mutter. „Bitte Mum! Wenigstens Briefe. Die schicken wir Dad doch auch!“, bettelt jetzt auch Miyus Tochter. Der Tag der Abreise ist gekommen. Sie sind bestens ausgestattet worden. Die gesattelten Pferde fänden den Weg allein zurück an der Grenze zu China …, wenn sie sie dort laufen lassen. „Ja!“, lächelt Miyu beiden Mädchen zu. „Briefe sind in Ordnung!“ Khulan darf die Adresse in Japan erhalten.
Noch immer wehrt Miyu die Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln ab, falls irgendwann doch Ungereimtheiten zu ihrer vorgeblichen Bestattung aufgedeckt würden und es zu internationalen Suchbefehlen käme. Briefe in die Mongolei wären jedoch kaum zu entdecken. Auch zu Jack hin sieht Miyu kein Problem darin, außer, dass es immer über Postfach der Hauptstadt des jeweiligen Landes gehen muss, weil seine Forschungsstätte wandert und keine genaue postalische Adresse hat. Nach Miyus Kenntnisstand ist Jack mindestens bis zum Frühjahr noch in Kenia … Gestern haben sie einen Brief auf die Reise geschickt, dass sie wohl auf sind und über China und Südkorea weiterreisen würden. Hoffentlich kommt der Brief noch vor dem Frühjahr bei Jack an …
„Und …“, Khulan zögert etwas - immer noch aus schlechten Gewissen - aber sie hätte Yuna gerne dabei, „… kommst du … zu meiner Hochzeit … nächstes Jahr?“ Es ist Rührung, die Yunas Augen gerade leicht wässert. Sie werden Freudinnen bleiben können. Die Einzige, die sie in ihrem Leben vielleicht noch haben wird. „Ja!“, haucht Yuna. „Nicht wahr, Mum? Hierher geht doch ein Besuch, oder?“ Miyu zerreißt es fast das Herz. „Bestimmt, mein Kind!“ Was hätte Yuna sonst auch noch vom Leben? Die Mongolei werden sie schon packen und hier in diesen einfachen Jurten waren sie so sicher wie die ganze Zeit zuvor nicht mehr.
„Wir schicken euch auch Pferde bis an die Grenze für eure Wiederkehr“, beteuert Khulan vehement und wird vom allgemeinen zustimmenden Nicken ihrer Gemeinschaft noch bestätigt. Yuna und Khulan drücken sich noch einmal ganz fest, bevor Miyu und ihre Tochter aufsitzen.
Die ganze Sippe winkt ihnen freundlich hinterher und Khulan noch … bis Mutter und Tochter winzige Punkte am Horizont sind. Immer wieder hatte sich Yuna nach ihr umgedreht und zurück gewunken. Zuletzt ließ sie ihre Hand traurig sinken wie auch den Kopf. Ein sehr gastfreundliches Völkchen. Auch Miyu bedauert, weiterziehen zu müssen. Aber Yuna hätte nicht die ganze Zeit neben Khulan und ihrem Verlobten aushalten können … Das hatte sie selbst gesagt. Wir müssen uns nun auf den Weg konzentrieren, der noch vor uns liegt …